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Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 12
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typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
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11. Kapitel.

Der alte Sandhofer saß zu Hause und grübelte über sein Mißgeschick. Er machte sich Selbstvorwürfe, daß er so leichtsinnig mit fremdem Gut umgegangen. Alle Trostworte seiner Frau und alles Gute, was sein Mariechen anschleppte, konnten ihn nicht wieder ins Geleis bringen. Nicht einmal das Aufgebot zwischen Mia und Werner entlockte ihm ein Lächeln. Düster saß er in dem gelben Strohsessel am Fenster und starrte auf die Straße, wenn er nicht in der Zeitung las. Man hatte den Fall des Kassenboten Sandhofer in den Blättern breitgetreten, ihn mit allen Einzelheiten geschildert, brachte alle Augenblicke Andeutungen von Spuren, die entdeckt sein sollten. Bei jeder Nachricht, die er las, durchzuckte es den Alten. So weit war es also mit ihm gekommen, daß sein ehrlicher Name durch der Leute Mund gezogen wurde.

Diese Zeitungsschreiber! Einige von diesen gebügelten Herrchen waren sogar in seiner Wohnung gewesen und hatten ihn ausfragen wollen. Aber er wies sie ab. Dafür konnte er denn am Abend die genaue Beschreibung seiner Wohnung lesen und er selbst war geschildert, als wenn sie von ihm ein Konterfei genommen hätten.

Es war zu dumm bei alledem, daß er sich nun hier in der Bude einschloß. Das dachte er, da er auf die Straße schaute, über die die Herbstsonne ihr blankschimmerndes Licht gegossen. Er wollte sehen, irgendwo wieder unterzukommen. Aus den Anzeigen der Morgenpost hatte er sich einige Stellen ausgeschnitten. Wenn er erst wieder Arbeit hätte, vergäße er das Geschehene.

Mia trat gerade in das Zimmer, als er sich zu dem Entschluß aufgeschwungen, auszugehen. Auch sie war im Begriff, Einkäufe zu machen.

»Das ist recht, Vater ... nun zerstreue Dich auch mal ein Bißchen!«

Sie entnahm der goldenen Tasche, die sie am Arm trug, eine Banknote und reichte sie dem Vater hin.

»Hier – – amüsiere Dich damit, trinke ein Glas Wein irgendwo, dann kommst Du auf andere Gedanken!«

Als der Alte das Geld nicht nehmen wollte, sagte sie lachend:

»Ach was, das gibt Dir Werner, der hat's jetzt wieder – –weißt Du, altes Väterchen, wir liegen jetzt wieder gut! Werner verdient viel Geld – –«

Voller Freude zeigte sie ihm die goldene Handtasche.

»Die hat er mir gestern mitgebracht – – er ist ja 'n bißchen leichtsinnig mit seinen Geschenken. Na, wenn wir erst verheiratet sind, übernehme ich die Kasse!«

Sie lachte im Uebermut ihrer jungen Jahre.

»Laß den Kopf nicht hängen, altes Väterchen, wir werden für Dich sorgen, Du brauchst überhaupt nicht mehr zu arbeiten –«

Sie flog wie ein lustiger Schmetterling aus dem Zimmer und der Alte horchte noch, gebannt von dem fröhlichen Lachen der Tochter, auf das Geräusch der sprunghaften Schritte, mit denen sie die Treppen hinuntertänzelte.

Dann machte auch er sich zurecht und ging aus ...

In der kleinen Wirtschaft an der Ecke saß er nun vor einer Flasche dunkelgelbflüssigen Rheinweines.

Ja, das war noch ein Tröster im Unglück, dieser gute Tropfen!

Er hatte an dem großen runden Tisch Platz genommen, an dem er manchmal mit Freunden des Abends einen Schluck nahm und auf dem der große Aschenbecher stand mit einer Zinkgußsiegessäule, die innen hohl war. Da steckten alle, die am Tisch saßen, Geldstücke hinein, oben in den Schlitz, den die Viktoria im Kopf hatte, und das gesammelte Geld wurde dann an den Invalidendank zu einem guten Zweck abgeführt.

Der Tisch hatte etwas gemütliches. Das große Schild, das ein Herold, der auch aus Zinkguß war, als Banner trug und das in großen Buchstaben das Wort: »Stammtisch« zeigte, trug zu dieser Gemütlichkeit bei. Hier in dieser dunklen Ecke, die eine Hängelampe erleuchtete, so daß nur die Tischplatte im Lichtkreis lag, fühlte man sich wohl. Selten wagte es ein Fremder, sich dort niederzulassen, so daß man eigentlich wie zu Hause war.

Die Flasche war fast leer. Der alle Sandhofer dachte, daß es für heute genug wäre. Er hatte die ganze Zeit allein gesessen. Jetzt kamen allmählich die Freunde aus der Nachbarschaft, die nach Geschäftsschluß und nachdem sie zu Hause das Abendbrot gegessen, noch einen Schoppen genehmigen wollten.

Sandhofer bestellte etwas zu Essen und blieb.

Der Wirt trat mit einem Herrn an den Tisch, den er vorstellte.

»Herr Doktor Winninger bittet um die Ehre, in der Runde Platz nehmen zu dürfen –«

Der Herr Doktor hätte die Absicht, sich in der Gegend niederzulassen und möchte gern Fühlung mit den maßgebenden Persönlichkeiten nehmen.

Natürlich war man gern bereit und die Herren rückten zusammen, um dem neuen Ankömmling Platz zu machen.

Bald war die Unterhaltung im besten Gang. Politik und Tagesereignisse bildeten die Stoffe. Vor allem sprach man von einem sensationellen Kriminalfall, der alle Gemüter beschäftigte.

Der Doktor behandelte das Thema vom medizinischen Standpunkte aus. Er setzte die Worte wohlgeordnet und man folgte ihm mit Interesse. Er hielt einen Vortrag über den Leichtsinn, der die Wurzel alles Uebels sei. Er kam zur Schlußfolgerung, daß ein großer Teil der Verbrechen auf dem Leichtsinn, der Unachtsamkeit derjenigen sich aufbaute, an denen das Verbrechen vorgenommen würde.

Erst in jüngster Zeit wäre der Fall des Kassenboten bemerkenswert gewesen, dem in einer Weinstube 350 000 Mark gestohlen wurden ...

Alle blickten zu Sandhofer hinüber.

Natürlich basierte die Berechnung des Verbrechers auf dem Leichtsinn des zu Bestehlenden. Wie konnte er auch ein ihm anvertrautes Gut so unachtsam neben sich legen.

Einer aus der Runde zeigte auf den alten Sandhofer.

»Da sitzt ja der Sandhofer – – siehst Du« wandte er sich an ihn, »ich habe es gleich gesagt, wie kann man so 'ne Tasche nur 'n Augenblick aus der Hand lassen – – Das hast Du nun davon, armer Kerl!«

Der Doktor entschuldigte sich. Er hätte vorhin den Namen überhört. Er bitte um Verzeihung wegen seiner Taktlosigkeit.

Aber Sandhofer war nicht böse. Das, was er soeben gehört, gab ihm sein moralisches Gleichgewicht wieder. Er dankte im Stillen dem Doktor für die Auslegung des Vorfalles. Daß die Welt also nicht schlecht von ihm denke, daß man keinen Verdacht auf ihn habe ...

Jeden Abend ging er nun in die Wirtschaft an der Ecke. Einige Male traf er wieder mit dem Doktor Winninger zusammen. Die beiden hatten fast Freundschaft miteinander geschlossen und der Alte klagte ihm alle die Dinge, die ihm die Not des Tages bedeuteten. Oft sprachen sie von dem Taschenraub, aber man kam niemals zu einem positiven Resultat. Den Doktor schien der Fall zu interessieren, er fragte alle Einzelheiten, gab dem Alten Ratschläge, wollte ihn auf eine Spur führen.

Trotzdem Mia für den Haushalt und das Taschengeld des Alten in reichlichem Maße sorgte, dachte dieser immer an die Möglichkeit, einen Posten, der seiner würdig, zu erhalten. Aber es wurde ihm schwer, unterzukommen. In den großen Betrieben war man mißtrauisch, wenn er seinen Namen nannte und sein Zeugnis von der Bank las. Sein »Fall« war noch in frischer Erinnerung.

Er hatte in dem Büro eines großen Industriewerkes vorgesprochen, das eine für ihn sehr passende Stellung ausgeschrieben hatte. Auch dort speiste man ihn mit höflichen Phrasen ab und der Prokurist erlaubte sich sogar Bemerkungen über die dumme Taschengeschichte. Aergerlich und zugleich zerrüttet im Innern über sein Mißgeschick, wanderte Sandhofer den Weg nach Haus. Als er an die Ecke seiner Straße angekommen, trat er in die Wirtschaft ein.

Nur vergessen an das Leid wollte er. Sich betäuben.

Er trank mit schnellen Zügen. Er bestellte eine neue Flasche, leerte auch diese und er fühlte, daß sich ein Dunstschleier um seine Seele legte, durch den er die Wirklichkeit in rosenfarbenen Punkten schaute, die wie kleine lustige, bunte Steine in der Luft um ihn herumschwirrten.

Doktor Winninger hatte sich an den Tisch gesetzt. Es war ganz leer im Lokal und der Kellner saß schläfrig hinten am Büffett und gähnte.

Nachdem er dem Doktor das Mittagessen serviert, verschwand er in die Küche hinein.

Der Doktor und der alte Sandhofer waren ganz allein. Dem Alten lag heute die Zunge auf dem Herzen. Er mußte jemandem sich offenbaren. Der Doktor war sein Freund, das stand nun fest, er wollte keinen anderen als ihm sich anvertrauen.

Er trank in einem fort, als wenn er sich Mut schaffen wollte.

Der Doktor blickte ihn von der Seite an und redete ihm freundlich zu.

»Lassen Sie nur, Herr Sandhofer, das geht alles vorüber, in einem Jahr denkt kein Mensch mehr an die Geschichte. Und dann bekommen Sie wieder eine Stellung!«

Nein, nein – – er wäre Zeit seines Lebens ein ehrlicher Mann gewesen, antwortete der Alte. Er gluckste, vom vielen Weingenuß in der Sprache gestört, und die Worte kamen lallend aus dem Mund.

Er wäre kein Trunkenbold – aber das Elend müßte man ersaufen, sonst fräße es einen auf ...

Wenn er bloß das Schreckliche los werden könnte, was ihn die ganze Zeit quäle –!

»Ihre Kinder sorgen doch für Sie, Herr Sandhofer, der Herr Kunzmann ist ein vermögender Mann – und jetzt, wo er ihre Tochter geheiratet, brauchen Sie sich doch nicht mehr zu genieren, von ihm eine Unterstützung anzunehmen,« sagte der Doktor.

Mia und Werner waren inzwischen in aller Stille standesamtlich getraut worden.

Der Alte schlug mit der Hand auf den Tisch.

»Das ist es ja!« schrie er, »ich will von dem Sündengeld nicht leben – habe mein Lebtag von meiner Hände Arbeit mich ernährt –!«

Der Doktor horchte auf. Aber er schwieg.

Der Alte sprach jetzt in einem fort, als wenn endlich bei ihm der Damm durchbrochen wäre, der ihn gehindert hatte, die Flut seiner Gedanken zu Tage zu fördern. Von dem Glück, das er mit seiner Tochter erlebt, erzählte er. Wie sein Mariechen vorwärts gekommen wäre, bis sie eines schönen Tages den Bräutigam ins Haus gebracht, diesen Leichtfuß, den Werner. Wie alles auf den Kopf gestellt wurde, daheim sowohl wie draußen. Ein Spieler wäre der Herr Werner, nichts weiter. Von seinem Onkel, dem Generalkonsul, herausgeworfen und enterbt. Wegen seines Mariechens!

Er lallte und überschlug die Stimme, denn ihm kamen Tränen in die alten Augen.

Das würde keine anständige Ehe geben – mit einem Nichtstuer und Spieler endige es nicht gut.

Und dann erzählte er von den beiden Tausendmarknoten, die Werner ihm damals aus der Tasche genommen. Wer so etwas einmal getan, dem traue man auch noch anderes zu. Und wenn er nicht jetzt der Mann seiner Tochter wäre, würde er dem Staatsanwalt schon einen Wink gegeben haben – – –

Er fiel trunken und zugleich betäubt von seelischer Aufregung mit dem Kopf auf den Tisch und schluchzte.

»Mein armes Mariechen!« stöhnte er.

Der Doktor hob ihn sanft in die Höhe und sagte:

»Das sind ja Hirngespinste, lieber Herr Sandhofer, Herr Kunzmann ist eines solchen Verbrechens nicht fähig.«

Der Alte schaute ihn mit dem Blick eines geschlagenen Hundes an. Er klammerte sich an den Doktor und wimmerte:

»Nein, ich will es ja auch nicht glauben – und es ist ja eine Gemeinheit, wenn ich nun mein eigen Fleisch und Blut in die Schande bringe – – – aber wo hat der Werner jetzt immer das viele Geld her?«

Doktor Winninger klopfte an das Glas, so daß der Kellner, der hinten am Büffett eingeschlafen war, aufsprang und zum Tisch eilte.

Nachdem die Beiden gezahlt hatten, führte der Doktor den alten Sandhofer langsam aus dem Lokal und brachte ihn bis zu seiner Haustür. Die frische Luft hatte ihn wieder nüchtern gemacht.

Als der Doktor Abschied nahm, sagte der Alte:

»Nichts für Ungut, Herr Doktor, und was ich gesagt, bleibt unter uns – nicht wahr?«

Der Alte trat in das Haus.

Der Doktor rief ein vorüberfahrendes Auto an:

»Chauffeur, zum Polizeipräsidium!«

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