Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmund Edel >

Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/edel/skandal/skandal.xml
typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120102
projectid82d88831
Schließen

Navigation:

10. Kapitel.

Das Heim des Viktoria-Klubs lag in einer der vornehmsten Straßen des Tiergartens. Die exklusiveste Gesellschaft verkehrte dort und es gehörte zum guten Ton, Mitglied dieses Klubs zu sein.

Der Generalkonsul Kunzmann selbst war vor mehreren Jahrzehnten unter den Gründern gewesen. Auch jetzt noch, trotzdem er es nicht liebte, seine Villa im Grunewald zu verlassen, erschien er von Zeit zu Zeit in den behaglichen Räumen, um ein paar Stunden beim Poker oder Skat mit alten Freunden zu verbringen.

Der ganze Komfort verwöhnter Luxusmenschen beherrschte das Klubhaus. In dem großen Speisesaal hatte man die Annehmlichkeiten einer erstklassigen Hotelverpflegung, in dem Bibliothekzimmer konnte man sich zur Lektüre oder zur Korrespondenz zurückziehen. Fremdenzimmer, Baderäume, Frisierkabinetts waren vorhanden, so daß man seinen Lebensbedarf dort vollständig befriedigen konnte. Eine Sehenswürdigkeit aber waren die Spielsäle mit den großen grünen Tischen. Das Raffinement englischer Klubkultur verband sich mit der Praxis französisch-montecarlinischer Spieltechnik. Aber auch stille Winkel mit weichen molligen Sitzgelegenheiten gab es, in denen man mit guten Bekannten plauderte, oder man zog sich in das Billardzimmer zurück, um dort in Hemdsärmeln eine Art Leibesübung zu verrichten, die diesen Geschäfts- und Verstandesmenschen eine vorzügliche Auslösung bedeutete.

Werner, der Neffe des Generalkonsuls, war ein gern gesehenes Mitglied des Klubs. Im Gegensatz zu seinem Onkel verkehrte er dort regelmäßig, tagtäglich. Der Klub war seine zweite Heimat geworden. Nach dem Zerwürfnis mit dem Onkel noch mehr wie früher. Der Generalkonsul hatte den Klub seither vermieden. Er wollte nicht mit dem Neffen zusammenstoßen. Keiner Einladung folgte er mehr und auch seine ältesten Freunde waren nicht imstande, ihn wieder in die weiße Villa zu locken.

Als der alte Sandhofer, noch den Schrecken in den Gliedern, Werner vor der Weinstube verlassen hatte, um in das Bankgebäude zurückzukehren, stand dieser ratlos mitten im Gewühl der südlichen Friedrichstraße. Auch er hatte noch nicht den seltsamen Vorfall überwunden. Ein Schauer durchfuhr ihn immer wieder, wenn er daran dachte, wie nahe er dem Abgrund des Verbrechens gewesen war. Aber was sollte er jetzt anfangen? Seine Lage war eine verzwickte. Keine Aussicht auf irgendeine Möglichkeit, aus dem Morast herauszukommen.

Er schlenderte mit unsicheren Schritten die Straße hinunter, bog in die Leipziger Straße hinein, ging wie ein Nachtwandler durch das Getümmel der Menschen, überquerte den Potsdamer Platz, wandelte unter dem Laubdach der alten Bäume durch die Bellevuestraße in den Tiergarten. Als er sich vor dem Klubhaus befand, hatte er unbewußt den Weg dahin eingeschlagen, als ob er sich an einen Ort retten wollte, von dem ihm das Heil kommen könnte.

Nun mußte ihm das Spiel die einzige Rettung bringen. Aber ohne Kapital war das ein schwieriges Unterfangen. Und seinen Kredit hatte er erschöpft ...

Während er die breite Freitreppe zu den oberen Räumen hinaufschritt, dachte er daran, daß Mia ihm eine Fessel geworden wäre.

Diese Weiber ...?

Er liebte das Mädel wohl. Liebe ohne Betriebsstoff ist eine langweilige Angelegenheit. Wo kein Geld ist, fliegt sie zum Fenster hinaus.

Solange er sich nicht mit den Frauen eingelassen, das heißt ihnen nicht einen Teil seines Selbst geopfert, war er glücklicher, freier. Jetzt hatte er auch diese Freiheit verloren und nun wollten sie ihn auch noch ganz einspannen in das Joch.

Sie würden ihm in der Pestalozzistraße wieder mit dem gräßlichen Heiratsprojekte kommen. Und er wußte, daß er dem nicht entrinnen konnte. Das war die Folge der Dummheit, die er damals gemacht, als er sich zu der kleinen Enteignung hatte verleiten lassen. Der Fluch der bösen Tat ...

Er fühlte, daß er auf einer schiefen Ebene angelangt war. Er war sich seiner nicht mehr ganz sicher. Wenn er nur den Onkel einmal zu fassen bekäme, sich mit ihm aussprechen könnte!

Er, Werner Kunzmann, Assessor und einstmals der Erbe des großen Kunzmannschen Vermögens (wenigstens hielt man ihn noch dafür, trotzdem der Familienzwist öffentlich bekannt war), Mitglied des vornehmsten Klubs der Stadt, Anwärter auf eine große Karriere, würde der Gatte einer kleinen Tänzerin und Filmdiva werden? Und mußte die Zukunft seines Lebens der Gunst der Karten in die Hand geben?

»Zum Teufel noch einmal!« brummte er vor sich hin.

»Verehrtester, Sie scheinen in gar nicht guter Laune zu sein? ... Geschmissen?« fragte ihn Baron Ralsky, der hinter ihm die Treppe hinaufstieg, »Sie werden noch mehr Pech haben, wenn Sie sich mit so einem bösen Gesicht an den Tisch setzen – –«

Werner lächelte gezwungen.

»Sie sind in der Pechsträhne, mein Lieber,« sagte der Baron, »ich habe Sie die letzten Wochen beobachtet. Sie müssen sich einen Dreh geben, dann schlägt die Geschichte wieder um.«

Die beiden Herren setzten sich in eine Ecke und tranken den vom Diener servierten Kaffee.

»Wissen Sie,« unterbrach der Baron plötzlich das Gespräch, das allerhand gleichgültige Dinge streifte, »wenn Sie wollten, könnten wir gleich heute eine Menge Geld machen – Halbpart natürlich!«

Der Baron Ralsky hatte bei den letzten Worten seiner Stimme einen Flüsterton gegeben.

Werner schaute ihn an. Er begriff sofort. Der Baron saß vor ihm mit seinem hart geschnittenen Teufelsschädel, auf dessen glatter Billardkugel die Kerzen der elektrischen Girandole ein starkes Glanzlicht warfen. Ein kleiner schwarzer Schnurrbartansatz unter der gebogenen Nase gab dem Gesicht etwas Abenteuerliches.

Unter dem Einglas zwinkerte der Baron, so daß man über den Ausdruck seiner grauen Augen im Ungewissen bleiben mußte. Er hatte sich sehr in der Gewalt und seine vollendeten Umgangsformen und die Sicherheit seines Auftretens veranlaßten die Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, ihn für einen über allen Zweifeln erhabenen Ehrenmann zu halten. Er ließ nicht leicht jemand in die Untiefen seiner Seele schauen. Er gehörte einer guten Familie an, irgendeiner Familie Transleithaniens, aber man kümmerte sich nicht um seinen Ursprung und begnügte sich mit seiner dekorativen Erscheinung, die überall ausgezeichnet in den Rahmen paßte.

Kleine unlautere Gerüchte über ihn tauchten wohl manchmal auf. Kleine Blasen im Wasserglas des gesellschaftlichen Lebens. Man ging darüber hinweg. Man hätte zuviel zu tun, um alles zu kontrollieren, was die lieben Mitmenschen einander sich angenehmes und unangenehmes in die Schuhe schieben.

An alle diese Dinge dachte Werner, als der Baron im Flüsterton ihm mit dem Anerbieten kam, mit ihm halbpart zu machen.

»Wollen wir eine Partie Billard spielen?« fragte der Baron, jetzt wieder laut sprechend.

Ohne Werners Antwort abzuwarten, stand er auf, so daß Werner gezwungen war, ihm zu folgen.

Als sie die ersten Bälle gemacht, ging der Baron zur Tür des Billardzimmers und machte sie zu.

Dann erklärte er seinen Plan. Klipp und klar mit dürren einfachen Worten. Fügte nur hinzu, daß, wenn man am Ende sei, man suchen müßte, wieder den Anfang zu finden.

»Corriger la fortune ...?«

Er lachte bitter auf.

»Die Menschen setzen das unter Strafgesetzparagraphen ...«

Er zuckte mit den Schultern.

»Es ist übrigens eine der gefahrlosesten Angelegenheiten und von allen Betrügereien die fairste – wenn Sie so wollen!«

Eine große Dosis Selbstironie schüttete er über sich aus.

Werner hörte sprachlos zu. Er begriff den ganzen Umfang des Unternehmens. Sah das Unanständige, das Gemeine.

Was blieb ihm übrig?

Wenn er die Tasche des alten Sandhofer entwendet oder ihr wieder ein paar Banknoten entnommen hätte, wäre das vielleicht noch verbrecherischer gewesen.

Jetzt handelte er sich um eine einfache fast kavaliermäßige Schiebung, bei der sogar die Gefahr der Entdeckung äußerst gering war.

Stillschweigend nickte er.

Der Baron stellte das Queue in die Ecke und zündete eine Zigarette an.

» Bon, mon cher, nachher übernehme ich die Ecarté chouette und Sie wissen, was Sie zu tun haben ... Abrechnen werden wir bei mir zu Hause.«

Spitzbübisch lächelnd fuhr er fort:

»Man muß jedes Aufsehen vermeiden. Hier ist meine Karte: Meineckestraße 187. Wenn ich den Klub verlassen habe, folgen Sie mir im Auto ... Also nun los, wir wollen ein bißchen – – wie sagt man? – – corriger la fortune ...«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.