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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 9
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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8. Kapitel

Worin berichtet wird, was Don Quijote begegnete, da er hinzog, seine Herrin Dulcinea von Toboso zu erschauen

»Gepriesen sei Allah der Allmächtige!« – so spricht Hamét Benengelí zu Beginn dieses achten Kapitels –, »gepriesen sei Allah!« wiederholt er dreimal und bemerkt, er erhebe darum diese Lobpreisungen, weil er denn endlich Don Quijote und Sancho draußen im Freien habe und weil die Leser seiner ergötzlichen Geschichte sich darauf gefaßt machen können, daß von nun an die Heldentaten Don Quijotes und die lustigen Einfalle seines Schildknappen wieder beginnen; er ermahnt sie, die früheren Rittertaten des sinnreichen Junkers zu vergessen und die Blicke auf diejenigen zu richten, die da kommen sollen und gleich jetzt auf dem Wege nach Toboso ihren Anfang nehmen, wie die früheren im Gefilde von Montíel begonnen haben. Und was er verlangt, ist nicht viel im Verhältnis zu dem vielen, was er verspricht. Folgendermaßen aber fährt er fort:

Don Quijote und Sancho blieben allein zurück auf der Landstraße; und kaum hatte sich Sansón entfernt, so begann Rosinante zu wiehern und der Graue seine Seufzer auszustoßen, was von beiden, dem Ritter und dem Schildknappen, für ein gutes Zeichen und eine höchst glückliche Vorbedeutung gehalten wurde. Jedoch, die Wahrheit zu sagen, war das Aufseufzen und Iahen des Grauen viel anhaltender als das Wiehern des Gauls, woraus Sancho schloß, sein Glück werde das seines Herrn überragen und weit höher steigen. Ich weiß nicht, ob ihn hierüber die bei den Gerichten geltende Astrologie belehrte, auf die er sich etwa verstanden hätte, obschon die Geschichte nichts davon berichtet; nur hat man ihn sagen hören, wenn er stolperte oder hinfiel, es wäre ihm lieber, er wäre zu Hause geblieben; denn beim Stolpern und Fallen komme nichts heraus als zerrissene Schuhe oder gebrochene Rippen. Und hierin, so einfältig er war, hatte er nicht so unrecht.

Don Quijote sprach zu ihm: »Freund Sancho, die Nacht kommt rasch über uns, mit tieferer Finsternis, als wir sie gerade nötig hätten, um schon mit dem anbrechenden Tag Toboso zu erblicken, wohin ich zu ziehen beschlossen habe, bevor ich mich an ein neues Abenteuer wage; dort will ich den Segen und Urlaub der unvergleichlichen Dulcinea erlangen, und mit sotanem Urlaub gekräftigt, glaub ich und erachte ich für gewiß, jedwedes fährliche Abenteuer bewältigen und glückhaft zu Ende führen zu können; denn nichts in diesem Leben macht die fahrenden Ritter tapferer, als wenn sie sich der Huld ihrer Damen erfreuen.«

»Das will ich wohl glauben«, entgegnete Sancho, »aber es wird für Euer Gnaden wohl schwierig sein, sie zu sprechen oder ihr einen Besuch zu machen, wenigstens an einem Orte, wo Ihr ihren Segen empfangen könntet, wenn sie ihn Euch nicht etwa über die Hofmauer herüber erteilt, wo ich sie das erstemal gefunden habe, als ich ihr den Brief über die Torheiten und Verrücktheiten brachte, in deren Verrichtung Euer Gnaden dort im Innersten der Sierra Morena begriffen war.«

»Wie eine Hofmauer kam dir der Ort vor, Sancho«, sprach Don Quijote, »wo du jene nie genug gepriesene Lieblichkeit und Schönheit gesehen hast? Nein, nichts anderes konnten es sein als Galerien oder Vorhallen oder Säulengänge, oder wie man es sonst nennt, eines reichen königlichen Schlosses.«

»Das ist alles möglich«, entgegnete Sancho, »aber mir schien's eine Hofmauer, oder ich muß schwach im Gedächtnis sein.«

»Dessenungeachtet wollen wir hin«, versetzte Don Quijote; »so ich sie nur erblicken mag, ist mir es ganz dasselbe, ob über eine Hofmauer hinweg oder ob am Fenster oder ob zwischen den Ritzen oder dem Zaun eines Parkes hindurch. Jeglicher Strahl, der von der Sonne ihrer Schönheit in meine Augen dringt, wird meinen Geist erleuchten und mein Herz so kräftigen, daß ich einzig und ohnegleichen dastehen werde an Geistesschärfe und Heldengröße.«

»Nun wahrlich, Señor«, entgegnete Sancho, »als ich selbige Sonne des Fräuleins Dulcinea von Toboso erblickte, da schien sie nicht so hell, daß sie Strahlen von sich werfen konnte; und das mußte wohl daran liegen, daß Ihre Gnaden, wie ich Euch erzählt habe, gerade den Weizen siebte, wovon ich gesagt, und der viele Staub, den sie herausschüttelte, sich ihr wie eine Wolke vors Gesicht legte und es verdunkelte.«

»Wie? Immer wieder, Sancho, verfällst du darauf«, entgegnete Don Quijote, »zu sagen, zu denken, zu glauben und darauf zu bestehen, daß meine Gebieterin Dulcinea Weizen siebte, da doch dies ein Dienst ist, der allem ferneliegt, was fürnehme Personen zu tun pflegen, als welche bestimmt und vorbehalten sind für ganz andre Beschäftigungen, die auf Büchsenschußweite deren Fürnehmheit erkennen lassen? Schlecht haften in deinem Gedächtnis, o Sancho, jene Verse unsers Dichters, worin er uns die Arbeiten schildert, so dort in ihren kristallenen Heimstätten jene vier Nymphen verrichteten, die aus dem geliebten Tajo hervor ihre Häupter erhoben und sich auf dem grünen Rain niederließen, um jene reichen Gewandstoffe zu fertigen, die der sinnreiche Dichter uns dort beschreibt und die samt und sonders aus Gold, Seide und Perlen gewirkt und gewoben waren. Und gerade dieser Art mußte die Beschäftigung meiner Gebieterin sein, als du sie erblicktest, falls nicht der Neid, den irgendein böser Zauberer sicherlich gegen alles hegt, was mich betrifft, mir ein jegliches, was mir Freude schaffen mag, in ganz andre Gestaltungen als die wirklichen umkehrt und umwandelt. Daher fürchte ich auch, in jener Geschichte, die von meinen Taten gedruckt im Umlauf sein soll, wenn vielleicht ihr Verfasser ein mir feindlich gesinnter Zauberer war, wird er zum öftern eine Tatsache für eine andre hingesetzt haben, wird unter eine Wahrheit tausend Lügen gemengt und ein Vergnügen darin gefunden haben, ganz andre Begebnisse zu berichten, die fernab von dem liegen, was der Verfolg einer wahren Geschichte erheischt. O Neid, du Wurzel unzähligen Übels, du Krebsschaden der Tugend! Alle Laster, Sancho, führen ich weiß nicht was für einen Genuß mit sich; aber das Laster des Neides führt nichts mit sich als Widerwärtigkeit, Groll und Wut.«

»Ja, das sag ich auch«, versetzte Sancho; »auch ich denke, in dem Lesestück oder Geschichtsbuch, das der Baccalaur Carrasco über uns zwei, wie er sagt, zu Gesicht bekommen hat, wird mein guter Name hinstolpern wie eine Schweineherde hinter dem Treiber, der immer ausrufen muß: Hierher des Weges, du gescheckte Sau! Oder es geht damit wie im Sprichwort: Hier wackelt er nach rechts und links, und dort kehrt sein Rock die Gassen. Und doch, so wahr ich ein braver Kerl bin, hab ich keinem Zauberer was Böses nachgesagt und hab auch nicht so viel Glücksgüter, daß ich beneidet werden könnte. Allerdings ist's wahr, ich bin hie und da ein bißchen boshaft und hab auch so was von Verschmitztheit an mir, aber alles das bedeckt und verhüllt der weite Mantel meiner Herzenseinfalt, die immer natürlich und nie erkünstelt ist. Und hätt ich auch nichts andres, als daß ich fest und aufrichtig an Gott glaube, wie ich stets getan, und an alles, woran die heilige römisch-katholische Kirche festhält und glaubt, und daß ich ein Todfeind der Juden bin, wie ich es wirklich bin, so sollten die Geschichtsschreiber Erbarmen mit mir haben und mich in ihren Schriften freundlich behandeln. Aber mögen sie sagen, was sie wollen, nackt bin ich zur Welt gekommen, nackt bin ich noch heute, hab nichts verloren und nichts gewonnen; und steh ich auch in den Büchern und geh in der Welt von Hand zu Hand, mir liegt nicht eine Bohne dran, wenn sie von mir sagen, was immer sie wollen.«

»Das sieht mir nach jener Geschichte aus, Sancho«, sprach Don Quijote, »die sich mit einem berühmten Dichter unserer Zeit zugetragen, der eine boshafte Satire gegen alle Damen vom Hofe verfaßt und darin eine von ihnen nicht mit aufgeführt noch genannt hatte, so daß man zweifeln konnte, ob sie zu ihnen gehörte oder ob nicht; und da sie sah, daß sie nicht auf der Liste der übrigen stand, beschwerte sie sich bei dem Dichter und fragte ihn, was er denn an ihr bemerkt habe, um sie nicht in die Zahl der andern einzureihen; er möchte doch sein Spottgedicht verlängern und sie in den neuen Zusatz aufnehmen; wo nicht, solle er wohl bedenken, daß alle Menschen sterblich seien. Der Dichter erfüllte ihren Wunsch und schilderte sie mit Bezeichnungen, die selbst eine alte Kammerzofe nicht in den Mund hätte nehmen mögen, und nun war sie zufrieden, daß sie in Ruf, wenn auch in Verruf gekommen war. Hierher gehört auch, was man von jenem Hirten erzählt, der den berühmten Tempel der Diana, welcher als eines der Sieben Weltwunder galt, in Flammen setzte und verbrannte, bloß damit sein Name in den kommenden Jahrhunderten fortlebe; und obschon das Verbot erging, ihn je zu nennen und seines Namens mündlich oder schriftlich Erwähnung zu tun, damit er das Ziel seines Wunsches nicht erreiche, so erfuhr man dennoch, daß er Herostratus hieß.

Hierher gehört auch, was dem großen Kaiser Karl dem Fünften mit einem Edelmann in Rom begegnete. Der Kaiser wollte den berühmten Rundbau in Augenschein nehmen, der im Altertum der Tempel aller Götter hieß und jetzt mit besserem Namen die Kirche aller Heiligen heißt; es ist dies das Gebäude, das von allen, die das Heidentum in Rom aufgerichtet hat, am vollständigsten erhalten geblieben ist und das von der Großartigkeit und Prachtliebe seiner Erbauer am besten Zeugnis ablegt. Es hat die Gestalt einer durchgeschnittenen Pomeranze, ist ungeheuer groß und sehr hell, während doch das Licht nur durch ein einziges Fenster hereinfällt oder, richtiger gesagt, durch eine runde Öffnung in der Kuppel oben. Als der Kaiser von hier aus das Gebäude betrachtete, befand sich ein römischer Ritter ihm zur Seite, der ihm die Schönheiten dieses Riesenwerks und die Kunstmittel bei dieser merkwürdigen Bauart erklärte. Nachdem sie dann die Stelle verlassen hatten, sagte er zum Kaiser: ›Tausendmal, geheiligte Majestät, kam mich die Lust an, Eure Majestät mit den Armen zu umfassen und mich aus dieser Kuppelöffnung hinunterzustürzen, um der Welt einen unvergänglichen Namen zu hinterlassen.‹

›Ich danke Euch‹, antwortete der Kaiser, ›daß Ihr einen so schlimmen Gedanken nicht zur Ausführung gebracht habt, und hinfüro will ich Euch keine Gelegenheit mehr bieten, mir nochmals einen Beweis Eures Pflichtgefühls zu geben; und daher verbiete ich Euch, jemals wieder ein Wort an mich zu richten oder zu weilen, wo ich verweilen mag.‹

Aber nach diesen Worten verlieh er ihm eine große Gnade.

Hiermit will ich sagen, Sancho, daß die Begierde, Ruhm zu gewinnen, gewaltig wirksam in den Menschen ist. Was, meinst du, warf den Horatius Codes in voller Rüstung von der Brücke hinab in den Tiber? Was hat dem Mucius Scavola Arm und Hand ins Feuer gehalten? Was trieb den Curtius, sich in den tiefen glühenden Schlund zu stürzen, der inmitten der Stadt Rom zum Vorschein gekommen? Was bewog den Julius Cäsar, entgegen allen bösen Vorzeichen über den Rubikon zu gehen? Und aus neueren Beispielen: Wer hat die Schiffe angebohrt und die tapferen Spanier, die der ritterlichste aller Ritter, Cortéz, in der neuen Welt anführte, auf dem Trocknen und abgeschnitten von aller Welt gelassen? Alle diese Großtaten und viele andre noch von mancher Art waren und werden sein Werke des Ruhms, den die Sterblichen als Lohn ersehnen und als Anteil an der Unsterblichkeit, die ihre rühmlichen Handlungen verdienen. Jedoch wir katholischen Christen und fahrenden Ritter sollen mehr nach der Glorie der künftigen Jahrhunderte trachten, die da unvergänglich ist in den ätherischen Gefilden des Himmels, als nach der Eitelkeit des Ruhmes, den man in dieser irdischen und vergänglichen Zeitlichkeit erwirbt; denn dieser Ruhm, so lang er auch dauern möge, muß zuletzt doch mit der Welt vergehen, die ihr vorbestimmtes Ende hat. Sonach, o Sancho, sollen unsre Taten niemals die Grenzen überschreiten, die uns die christliche Religion, zu der wir uns bekennen, gesetzt hat. Wir sollen in den Riesen den Hochmut ertöten, den Neid durch unsre Großmut und unsern Edelsinn, den Zorn durch unsere gelassene Haltung und Seelenruhe; wir essen ein kärgliches Essen und wachen ein häufiges Wachen und ertöten dadurch die Schlemmerei und den Schlaf; das schmähliche Gelüste und die Unzüchtigkeit durch die redliche Treue, die wir den Frauen bewahren, welche wir zu Herrinnen unserer Gedanken eingesetzt haben; die Trägheit dadurch, daß wir in allen Teilen der Welt umherziehen und Gefahren aufsuchen, die uns zunächst zu guten Christen, dann zu ruhmvollen Rittern machen können und wirklich machen.«

»Alles, was Euer Gnaden mir bis hierher gesagt hat«, sprach Sancho, »hab ich ganz gut verstanden. Aber bei alledem wünschte ich doch, Ihr möchtet mich über einen Zweifel abklären, der mir eben zu Kopf gestiegen ist.«

»Aufklären willst du sagen, Sancho«, fiel Don Quijote ein. »In Gottes Namen red heraus, ich will dir antworten, so gut ich kann.«

»Sagt mir, Señor«, fuhr Sancho fort, »jener Juli und August und all jene heldenhaften Ritter, die Ihr aufgezählt habt, die jetzt schon tot sind, wo sind sie denn jetzt?«

»Die Heiden unter ihnen«, antwortete Don Quijote, »sind ohne Zweifel in der Hölle; die Christen, wenn sie gute Christen waren, sind im Fegfeuer oder im Himmel.«

»Ganz recht«, entgegnete Sancho; »aber jetzt wollen wir mal hören: Haben die Grabstätten, wo die Leiber jener vornehmen Herrschaften liegen, silberne Ampeln vor ihnen hängen, oder sind die Wände ihrer Kapellen geschmückt mit Krücken, Bahrtüchern, abgeschnittenem Haupthaar, wächsernen Beinen oder Augen? Und wenn nicht damit, mit was sind sie geschmückt?«

Darauf antwortete Don Quijote: »Die Grabstätten waren bei den Heiden meistenteils prachtvolle Tempel; Julius Cäsars Asche wurde in einer Urne oben auf einem steinernen Obelisk von ungeheurer Größe beigesetzt, den man heutzutage in Rom die Nadel des heiligen Petrus nennt. Dem Kaiser Hadrian diente zur Grabstätte eine Burg, so groß wie ein ansehnliches Dorf, die man die Moles Hadriani nannte und die jetzt in Rom die Engelsburg heißt. Die Königin Artemisia bestattete ihren Gatten Mausolus in einem Grabmal, das man für eines der Sieben Weltwunder hielt. Aber keine dieser Grabstätten, ebensowenig als die vielen andern, die den Heiden gehörten, wurde je mit Bahrtüchern oder andern Opfergaben und Denkzeichen geschmückt, welche angezeigt hätten, daß die dort Begrabenen Heilige seien.«

»Darauf eben wollte ich hinaus«, versetzte Sancho. »Nun sagt mir jetzt: was ist mehr, einen Toten auferwecken oder einen Riesen erschlagen?«

»Die Antwort liegt auf der Hand«, antwortete Don Quijote; »einen Toten zu erwecken ist weit mehr.«

»Jetzt hab ich Euch erwischt«, sprach Sancho. »Also ist der Ruhm derer, die Tote auferwecken, den Blinden das Gesicht wiedergeben, die Lahmen und Krummen gerademachen und den Kranken Genesung verleihen; und es brennen Ampeln vor ihren Grabstätten, und es sind ihre Kapellen voll andächtiger Leute, die ihre heiligen Überreste auf den Knien verehren – also ist solch ein Ruhm besser für dies Leben und für das andere als der Ruhm, den alle heidnischen Kaiser und alle fahrenden Ritter, die es gegeben, jemals in der Welt zurückgelassen haben und zurücklassen werden.«

»Auch dies muß ich als wahr zugestehen«, antwortete Don Quijote.

»Also dieser Ruhm, diese Gnaden, diese Vorzüge vor allen, wie man es eben nennt«, entgegnete Sancho, »wohnen den Leibern und Überresten der Heiligen bei, welche mit Gutheißung und Erlaubnis unserer heiligen Mutter Kirche Ampeln, Kerzen, Bahrtücher, Krücken, Bilder, Haarlocken, Augen, Beine haben, mit denen sie die Frömmigkeit vermehren und ihren christlichen Ruhm erhöhen. Die Körper der Heiligen oder ihre Überreste – die Könige tragen sie auf den Schultern, küssen die Bruchstücke ihrer Knochen, schmücken und bereichern mit ihnen ihre Hauskapellen und ihre liebsten und am höchsten geschätzten Altäre.«

»Was soll ich nach deiner Meinung, Sancho, aus dem, was du alles gesagt, für Folgerungen ziehen?« fragte Don Quijote.

»Ich will damit sagen«, antwortete Sancho, »daß wir darauf ausgehen sollen, Heilige zu werden, und da werden wir in viel kürzerer Zeit den Ruhm erlangen, nach dem wir trachten. Und bedenkt, Señor, daß gestern oder vorgestern – denn so kann man immerhin sagen, da es so kurze Zeit her ist – zwei geringe Barfüßermönche heilig- oder doch seliggesprochen wurden; die hatten eiserne Ketten, mit denen sie ihren Leib gürteten und marterten, und es gilt jetzo für ein besonderes Glück, wenn man die Ketten berühren und küssen darf, und sie genießen größere Verehrung als das Schwert Roldáns in der Rüstkammer des Königs unseres Herrn, den Gott erhalte. Demnach, Herre mein, hat es höhern Wert, ein demütig Klosterbrüderlein zu sein, in welchem Orden es auch sein mag, als ein heldenhafter fahrender Ritter; zwei Dutzend Geißelhiebe auf den eignen Rücken richten bei Gott mehr aus als zweitausend Speeresstöße, mag man nun damit Riesen treffen oder Ungeheuer oder Drachen.«

»Das ist schon alles richtig«, entgegnete Don Quijote; »aber wir können nicht alle ins Kloster gehen, und es gibt der Wege viele, auf denen Gott die Seinen gen Himmel führt; auch das Rittertum ist ein frommer Orden; es gibt heilige Ritter in den himmlischen Glorien.«

»Gewiß«, versetzte Sancho; »aber ich habe sagen hören, es gibt mehr Mönche im Himmel als fahrende Ritter.«

»Das kommt daher«, gab Don Quijote zur Antwort, »daß die Anzahl der Mönche größer ist als die der Ritter.«

»Aber fahrende gibt's doch viele«, meinte Sancho.

»Viele«, entgegnete Don Quijote, »jedoch wenige von ihnen verdienen den Ritternamen.«

Unter diesen und anderen dergleichen Gesprächen verging ihnen die Nacht und der folgende Tag, ohne daß ihnen etwas begegnete, was des Erzählens wert wäre, worüber Don Quijote nicht wenig verdrießlich war. Endlich am nächsten Tag gewahrten sie beim Abendgrauen die große Stadt Toboso, und bei diesem Anblick wurde Don Quijotes Herz fröhlich und Sanchos Seele betrübt; denn der Schildknappe kannte Dulcineas Haus nicht und hatte sie in seinem Leben nicht zu Gesicht bekommen, ebensowenig wie sein Herr. So waren denn beide in großer Aufregung, der eine, weil er sie zu sehen begehrte, der andere, weil er sie nie gesehen hatte; und Sancho besann sich vergeblich, was er tun sollte, wenn sein Herr ihn nach Toboso hineinsenden würde. Endlich beschloß Don Quijote, beim Eintritt der Nacht in die Stadt einzuziehen. Bis die Stunde herannahte, hielten sie im Schatten eines Eichenwäldchens, das sich nahe bei Toboso befand, und als der bestimmte Augenblick kam, ritten sie in die Stadt ein, wo ihnen Begebnisse widerfuhren, die beinahe nach Begebnissen aussehen.

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