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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 8
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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7. Kapitel

Von der Zwiesprach zwischen Don Quijote und seinem Schildknappen, nebst andern hochwichtigen Begebenheiten

Kaum bemerkte die Haushälterin, daß Sancho Pansa sich mit ihrem Herrn einschloß, so wurde es ihr auch klar, was sie miteinander zu verhandeln hatten; sie ahnte, es werde aus dieser Beratung der Entschluß zu einer dritten Ausfahrt hervorgehen, nahm bekümmert und verdrossen ihren Schleier und suchte den Baccalaureus Sansón Carrasco auf, da es sie bedünkte, weil er ein gutes Mundwerk hatte und ein nagelneuer Freund ihres Herrn war, so würde er ihn bereden können, von einem so törichten Vorhaben abzulassen. Sie traf ihn an, wie er eben im Innenhof seines Hauses umherspazierte, und sobald sie ihn erblickte, fiel sie ihm zu Füßen, in Angstschweiß und Bekümmernis. Als Carrasco sie mit solchen Zeichen des Schmerzes, ja des Entsetzens kommen sah, fragte er: »Was soll das heißen, Jungfer Haushälterin? Was ist Euch zugestoßen, daß Ihr ausseht, als wollte sich Euch das Herz aus dem Leibe losreißen?«

»Es ist nichts, mein lieber Herr Sansón, als daß mein Herr abfahren will, ja gewiß, er will abfahren.«

»Und wo will er abfahren, Jungfer?« fragte Sansón dagegen, »und warum soll er abfahren? Hat er sich vielleicht was am Leibe gebrochen?«

»Er fährt ja nicht so ab, wie Ihr's meint«, antwortete sie, »nur zur Pforte seiner Verrücktheit fährt er hinaus; ich meine, herzlieber Herr Baccalaureus, er will noch einmal ab- und ausfahren, das wird alsdann das drittemal sein, und er will was suchen gehen, was er teuer heißt, und ich weiß nicht, wie es ihm so teuer sein kann. Das erstemal, wo er uns zurückgebracht wurde, da lag er quer über einem Esel und war halbtot geprügelt; das zweitemal fuhr er auf einem Ochsenkarren daher, eingesperrt in einen Käfig, in den er sich für hineingezaubert hielt, und da kam der Arme in solchem Zustand heim, daß ihn die leibliche Mutter nicht erkannt hätte, abgemagert, blaßgelb, die Augen waren bis in die hintersten Kämmerchen seines Hirnkastens eingesunken; und um ihn wieder ein klein wenig zu sich zu bringen, hab ich über sechshundert Eier verbraucht, das wissen Gott und die ganze Welt und meine Hennen, die werden mich nicht Lügen strafen.«

»Das will ich schon glauben«, versetzte der Baccalaureus, »daß sie so redlich, so fett und so gut gezogen sind, daß sie sicher nie falsch Zeugnis ablegen würden, und wenn sie darüber bersten sollten. Aber wirklich, Jungfer Haushälterin, geht nichts weiter vor? Und ist sonst keine Verkehrtheit geschehen als diejenige, die, wie Ihr fürchtet, unser Señor Don Quijote begehen will?«

»Nein, Señor«, antwortete sie.

»Dann seid nur ohne Sorgen«, entgegnete der Baccalaureus, »und geht in Gottes Namen nach Hause, und haltet mir etwas Warmes zum Frühstück bereit, und unterwegs betet mir das Gebet der heiligen Apollonia, wenn Ihr es auswendig wißt; ich komme gleich hin, und da werdet Ihr Wunder sehen.«

»Daß Gott erbarm!« erwiderte die Haushälterin; »das Gebet der heiligen Apollonia heißt Ihr mich beten? Solche Gebete wären ganz gut, wenn mein Herr es in den Zähnen hätte; er hat es aber im Oberstübchen.«

»Ich weiß, was ich sage, Jungfer Haushälterin; geht nur und fangt mit mir keinen Disput an; denn Ihr wißt, in Salamanca bin ich Doktor worden, und höher hinaus doktert sich's nicht.«

So sprach Carrasco, und damit ging die Haushälterin von dannen, und der Baccalaureus suchte alsbald den Pfarrer auf, um mit ihm etwas zu besprechen. Was, wird seiner Zeit berichtet werden.

Während der Zeit aber, wo Don Quijote und Sancho Pansa miteinander eingeschlossen waren, fand folgende Zwiesprache statt, welche die Geschichte mit großer Genauigkeit und getreuem Berichte wiedergibt. Es sprach nämlich Sancho zu seinem Herrn: »Señor, ich habe bereits meine Frau dazu verwattiert, daß sie mich mit Euer Gnaden hinziehen läßt, wohin es Euch beliebt.«

»›Persuadiert‹ mußt du sagen, Sancho, nicht verwattiert«, bemerkte Don Quijote.

»Schon ein- oder zweimal«, entgegnete Sancho, »wenn ich mich recht entsinne, hab ich Euer Gnaden gebeten, Ihr möchtet mir meine Ausdrücke nicht verbessern, sobald Ihr nur versteht, was ich damit sagen will; und wenn Ihr sie nicht versteht, so sagt lieber: Sancho oder du Teufelsbraten, ich versteh dich nicht; und wenn ich mich alsdann nicht deutlich mache, nachher könnt Ihr mich verbessern, denn ich lasse mich immer gern verkehren.«

»Ich verstehe dich nicht, Sancho«, fiel Don Quijote rasch ein; »denn ich weiß nicht, was das heißt: ich lasse mich gern verkehren.«

»Das heißt«, erwiderte Sancho, »ich lasse mich einmal so gehen.«

»Jetzt verstehe ich dich noch weniger«, versetzte Don Quijote.

»Nun, wenn Ihr mich nicht verstehn könnt«, sprach Sancho dagegen, »dann weiß ich nicht, wie ich es sagen soll; ich weiß nichts weiter, Gott helfe mir. Amen.«

»Jetzt, jetzt komme ich darauf«, entgegnete Don Quijote; »du willst sagen, du läßt dich gern bekehren, bist so fügsam und manierlich, daß du gern annimmst, was ich dir sage, und alles gelten lassest, was ich dich lehre.«

»Ich will wetten«, sagte Sancho, »Ihr habt mich gleich von Hause aus durchschaut und verstanden, habt mir aber erst den Kopf durcheinanderbringen wollen, damit Ihr noch ein paar hundert Dummheiten von mir hört.«

»Kann wohl sein«, entgegnete Don Quijote; »aber im Ernst, was sagt Teresa?«

»Teresa sagt«, antwortete Sancho, »bei Euer Gnaden soll ich den Daumen fest einsetzen und die Augen hübsch offenhalten, und schwarz und weiß sollen den Vortritt haben, und Maulspitzen sollen daheim bleiben; wer die Karten abhebt, der hat sie nicht zu mischen; denn ein Hab ich ist besser als zwei Hätt ich; und ich sage: Weiber Rat ist wenig wert, und ein Narr, wer sich nicht dran kehrt.«

»Das sag ich auch«, entgegnete Don Quijote. »Spreche Er nur zu, lieber Sancho, geh Er weiter; Er redet heute ganz herrlich.«

»Die Sache ist nun die«, versetzte Sancho, »daß wir, wie Euer Gnaden am besten weiß, alle sterblich sind; heute rot, morgen tot; und läuft der Hammel, so schnell er kann, 's Lamm kommt doch zugleich mit ihm an; und hoffe keiner mehr Stunden zu leben, als ihm Gott im Himmel will geben. Denn: Der Tod hat taube Ohren; pocht er an unsres Lebens Toren, hat er's eilig, jedes Wort ist verloren; und da hält kein Bitten auf und keine Gewalt und kein Zepter und kein Krummstab; so heißt es allüberall unter dem Volk, und so predigt man uns von der Kanzel.«

»Alles das ist wahr«, sprach Don Quijote; »aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«

»Ich will darauf hinaus«, antwortete Sancho, »daß Euer Gnaden mir einen festen Dienstlohn bestimmen sollen, nämlich was Ihr mir jeden Monat zu geben habt, solang ich Euch diene, und daß besagter Lohn mir aus Eurem Vermögen ausgezahlt werden soll; denn ich mag nicht auf Gnadengeschenke hin dienen, die da spät oder nicht zur rechten Zeit oder niemals kommen. Was mein ist, das gesegne mir Gott. Kurz, ich will wissen, wieviel ich verdiene, mag es wenig oder viel sein. Denn: Hat die Henn im Nest ein Ei, legt sie bald noch mehr dabei; viele Körnchen geben einen Haufen, und solang etwas zunimmt, nimmt es nicht ab. Freilich, wenn es geschähe – woran ich nicht glaube und was ich nicht hoffe –, daß Euer Gnaden mir die Insul gäbe, die Ihr mir versprochen habt, so bin ich nicht so undankbar und nehm es auch nicht so genau, daß ich nicht ganz bereitwillig abschätzen ließe, wie hoch sich das jährliche Einkommen dieser Insul beläuft, und mir es von meinem Lohn nach Verhältnis in Ratten abziehen ließe.«

»Mein guter Sancho«, bemerkte hier Don Quijote, »zuweilen kommt es wohl vor, daß die Raten von Ratten aufgezehrt werden.«

»Ich versteh schon«, entgegnete Sancho, »ich wette, ich hätte Raten sagen sollen und nicht Ratten; aber es tut nichts, denn Euer Gnaden hat mich ja verstanden,«

»Und so gut verstanden«, versetzte Don Quijote, »daß ich bis zum äußersten Ende deiner Gedanken durchgedrungen bin und das Ziel kenne, nach welchem du mit den unzähligen Pfeilen deiner Sprichwörter schießest. Sieh, Sancho, gewiß würde ich dir einen Lohn bestimmt haben, hätte ich in irgendeiner von den Geschichten der fahrenden Ritter ein Beispiel gefunden, das mich durch ein kleinstes Ritzchen nur hätte sehen lassen und belehrt hätte, wieviel die Knappen denn eigentlich auf jeglichen Mond oder jegliches Jahr zu verdienen pflegten. Aber ich habe ihre Geschichten sämtlich oder doch die meisten gelesen und erinnere mich nicht, gelesen zu haben, daß jemals ein fahrender Ritter seinem Schildknappen einen bestimmten Lohn ausgesetzt hätte; ich weiß nur, daß sie alle auf ihres Herrn Belieben und Gnade dienten; und nachher, wann sie am wenigsten dran dachten, sobald ihrem Herrn ein glückliches Los geworden, sahen sie sich unvermutet mit einer Insul belohnt oder mit etwas andrem von gleichem Werte, und mindestenfalls trugen sie einen Adelstitel mit herrschaftlicher Besitzung davon. Wenn es mit solchen Hoffnungen, und was dazukommen mag, dir genehm ist, Sancho, aufs neue in meinen Dienst zu treten, so möge es in Gottes Namen geschehen. Wenn du aber glaubst, daß ich den alten Brauch der fahrenden Ritter aus seinen festen Regeln und aus den Angeln reißen werde, so bist du völlig verblendet. Demnach, mein guter Sancho, geh wieder heim und tu deinem Weibe meine Absichten kund; und wenn es ihr und dir genehm ist, auf mein Belieben und meine Gnade hin mir zu folgen, bene quidem, und wo nicht, bleiben wir gut Freund wie zuvor; denn wenn es im Taubenschlag nicht an Futter fehlt, wird's auch nicht an Tauben fehlen. Dazu merke Er sich, mein Sohn: eine gute Anwartschaft ist besser denn ein verderblicher Besitz und eine gute Forderung besser denn eine schlechte Zahlung. Ich rede auf solche Art, Sancho, um Ihm zu zeigen, daß auch ich mit Sprichwörtern um mich werfen kann, als wenn sie geregnet kämen. Und kurz, ich will sagen und ich sag Ihm, wenn Er nicht auf Belieben und Gnade mit mir ziehen und mein eigen Los mit mir teilen will, so behüt Ihn Gott und gebe, daß man Ihn heiligspreche; mir aber wird es nicht an Schildknappen gebrechen, die gehorsamer und dienstbeflissener als Er und nicht so voller Bedenklichkeiten und so schwatzhaft sind.«

Als Sancho den festen Entschluß seines Herrn vernahm, umwölkte sich ihm der Himmel, und seines Herzens Mut ließ die Flügel hängen; denn er hatte gedacht, nicht um alle Schätze der Welt würde sein Herr ohne ihn ziehen. Und während er so unschlüssig und nachdenklich dastand, kam Sansón Carrasco und mit ihm die Haushälterin und die Nichte, die begierig waren zu hören, wie er ihren Herrn bereden werde, nicht abermals auf die Suche nach Abenteuern zu gehen.

Sansón trat ein, der durchtriebene Schelm, umarmte ihn wie das vorige Mal und sprach zu ihm mit erhobener Stimme: »O du Blume der fahrenden Ritterschaft! O du strahlendes Licht des Waffenwerks! Ehre und Spiegel der spanischen Nation! Wolle Gott der Allmächtige da, wo es ausführlicher geschrieben steht, daß derjenige oder diejenigen, die Störung und Hindernis schaffen wollen deiner dritten Ausfahrt, nimmermehr einen Ausweg finden mögen aus dem Labyrinth ihrer Strebungen und daß nimmermehr ihnen zur Erfüllung komme, was sie böslich erstreben.«

Und sich zur Haushälterin wendend, fuhr er fort: »Itzo braucht die Jungfer Haushälterin nicht mehr das Gebet der heiligen Apollonia herzusagen, denn ich weiß nun, daß es unwandelbare Bestimmung der Sphären ist, Señor Don Quijote soll abermals an die Ausführung seiner erhabenen und noch nie dagewesenen Pläne gehen, und ich würde mein Gewissen schwer belasten, wenn ich diesen Ritter hier nicht drängen und bereden wollte, die Kraft seines tapfern Arms und die Tüchtigkeit seines gewaltigen Geistes nicht länger mehr im Verborgenen zu lassen und zurückzuhalten; denn durch sein Zögern versäumt er, das Unrechte zurechtzubringen, den Waisen aufzuhelfen, einzustehen für die Ehre der Jungfrauen, für den Schutz der Witwen, die Beschirmung der Frauen und andres derselben Art, was alles den Orden der fahrenden Ritterschaft angeht, berührt, davon abhängt und damit verbunden ist. Auf, Don Quijote, Herre mein, schöner und schlachtenkühner Mann! Lieber heut als morgen soll sich Euer Gnaden, Euer Hoheit auf den Weg machen, und wenn es an etwas gebrechen sollte, um alles ins Werk zu setzen, hier steh ich, um mit meiner Person und Habe das Fehlende zu ergänzen; und wenn es not täte, Euer Herrlichkeit als Schildknappe zu dienen, so würde ich es mir zum höchsten Glücke rechnen.«

Hier wendete sich Don Quijote zu Sancho und sprach: »Hab ich dir's nicht gesagt, Sancho, ich würde Schildknappen mehr bekommen, als ich brauchen kann? Schau, wer sich mir hier dazu anbietet, wer anders als ein Baccalaureus, wie er noch nicht dagewesen, Sansón Carrasco, der Stolz und die Freude der Hallen von Salamancas Schulen, gesund von Körper, gewandt von Gliedern, schweigsam, geduldig ausharrend in Hitz und Kälte, so in Hunger wie in Durst, mit all jenen Eigenschaften, die für den Schildknappen eines fahrenden Ritters erforderlich sind. Aber niemalen geb es der Himmel zu, daß ich, um einem Gelüste zu frönen, die Säule der Gelehrsamkeit und das Gefäß des Wissens zerhaue und zerbreche und die ragende Palme der schönen und freien Künste entwipfle. Er, der neue Simson, bleibe in seiner Heimat, bringe ihr Ehre und Ehre zugleich den weißen Haaren seiner greisen Eltern; ich aber werde mir mit jeglichem Schildknappen genügen lassen, sintemal Sancho nicht geruht, mit mir zu ziehen.«

»Jawohl geruh ich«, entgegnete Sancho, ganz zerknirscht und die Augen voller Tränen. Und er fuhr fort: »Von mir soll man nicht sagen, Herre mein: Wenn aus ist der Schmaus, die Gast gehn nach Haus. Ich komme aus keiner undankbaren Sippe; die ganze Welt und insbesondere mein heimatlich Dorf weiß, wer die Pansas gewesen sind, von denen ich abstamme. Zudem hab ich aus Euren vielen guten Werken und aus Euern noch bessern Worten erkannt und ersehen, daß Euer Gnaden den Wunsch hegt, mir Gunst und Gnade zu erweisen; und wenn ich mich vorher von wegen meines Lohns ein bißchen zu mausig gemacht habe, so war's nur meiner Frau zu Gefallen; denn wenn die anfängt, einem irgendwas einzureden, so gibt's keinen Schlägel, der die Reifen am Faß so fest antreibt, wie sie einen antreibt, ihr den Willen zu tun. Freilich soll der Mann ein Mann sein und das Weib ein Weib, und weil ich ein Mann bin in jeder Hinsicht, was ich nicht leugnen kann, so will ich es auch in meinem Hause sein, und mag sich drüber ärgern, wen's ärgert. Und mithin ist nichts weiter vonnöten, als daß Ihr Euer Testament mit zugehörigem Kodizill macht, so daß es nicht revoltiert werden kann, und wir uns gleich auf den Weg machen, damit der Herr Sansón nicht an seiner Seele Schaden nehme, sintemal er sagt, daß sein Gewissen ihm driktiert, er solle Euer Gnaden zureden, zum drittenmal in die weite Welt hinauszuziehen. Ich aber erbiete mich aufs neue, Euer Gnaden treu und redlich, ja so gut und noch besser zu dienen, als sämtliche Schildknappen in vergangener und jetziger Zeit ihren fahrenden Rittern gedient haben.«

Der Baccalaureus war hoch erstaunt, als er Sancho Pansa auf solche Art und mit solchen Ausdrücken reden hörte; denn wiewohl er das erste Geschichtsbuch über dessen Herrn gelesen hatte, so dachte er sich doch nicht, daß Sancho wirklich ein so drolliger Kauz sei, als er dort geschildert wird. Aber wie er jetzt von Testament und Kodizill reden hörte, das man nicht revoltieren könne, anstatt Testament und Kodizill, das man nicht revozieren könne, da glaubte er alles, was er gelesen hatte; es stand nun fest für ihn, daß Sancho einer der prächtigsten Einfaltspinsel unsres Jahrhunderts sei, und er sagte bei sich, zwei solche Narren wie Herr und Diener seien in der Welt noch nicht gesehen worden.

Zuletzt umarmten sich Don Quijote und Sancho und wurden die besten Freunde miteinander; und auf Rat und Vorschlag des großen Carrasco, der nunmehr ihr Orakel war, wurde beschlossen, daß die Abreise in drei Tagen stattfinden solle, binnen welcher Frist es möglich sein würde, alles Erforderliche für die Reise herzurichten und einen Helm mit Visier zu beschaffen; denn den, erklärte Don Quijote, müsse er unter jeder Bedingung mitführen. Sansón bot ihm einen an, denn er wußte, daß ein Freund von ihm einen solchen besaß und ihn ihm nicht versagen werde; der Helm war freilich eher dunkel von Rost und Schimmel als hell und rein im Glanze des Stahls.

Die Verwünschungen, welche die beiden Weiber, Haushälterin und Nichte, auf den Baccalaureus schleuderten, waren nicht zu zählen; sie rauften sich das Haar, zerkratzten sich das Gesicht, und nach Art der vormals üblichen Klageweiber jammerten sie über das Scheiden ihres Herrn, als ob es sein Tod wäre.

Der Plan, welchen Sansón damit verfolgte, daß er Don Quijote zu einer nochmaligen Ausfahrt beredete, bestand darin, daß er etwas vollbringen wollte, was die Geschichte später berichten wird; alles auf Anraten des Pfarrers und des Barbiers, mit denen er sich vorher darüber besprochen hatte.

In der Tat versorgten sich Don Quijote und Sancho während der drei Tage mit allem, was ihnen zweckmäßig erschien; und nachdem Sancho sein Weib und Don Quijote seine Nichte und seine Haushälterin beschwichtigt hatte, begaben sie sich auf den Weg, ohne daß jemand es wußte außer dem Baccalaureus, der sie eine halbe Meile über den Ort hinaus begleitete. So zogen sie gen Toboso hin, Don Quijote auf seinem wackern Rosinante und Sancho auf seinem alten Grautier, den Zwerchsack mit Vorräten zur reisigen Fahrt versehen und die Börse mit Geld, das ihm Don Quijote für etwa vorkommende Fälle behändigt hatte.

Sansón umarmte den Ritter mit der Bitte, ihm von seinen guten oder schlechten Erfolgen Kunde zu geben, damit er sich ob jener freue, ob dieser sich betrübe, wie es die Gesetze der Freundschaft erheischten. Don Quijote versprach es ihm; Sansón kehrte in sein Dorf zurück, und die beiden nahmen ihren Weg nach der großen Stadt Toboso.

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