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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 74
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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73. Kapitel

Von den Vorzeichen, welche Don Quijote beim Einzug in sein Dorf bemerkte, nebst andern Begebnissen, so dieser großen Geschichte zu besonderer Zierde und höherem Wert gereichen

Am Eingang des Dorfes, so berichtet Sidi Hamét, sah Don Quijote, wie zwei Jungen auf den Tennen des Ortes miteinander Streit hatten, und der eine sagte zum andern: »Gib dir keine Mühe, Periquillo, du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen.«

Dies hörte Don Quijote und sprach zu Sancho: »Hast du beachtet, Freund, was jener Junge gesagt hat: du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen?«

»Nun denn«, antwortete Sancho, »was kümmert es uns, daß der Junge das gesagt hat?«

»Was es uns kümmert?« entgegnete Don Quijote; »siehst du denn nicht, daß das, wenn man dieses Wort auf meine Wünsche anwendet, bedeutet, daß ich Dulcinea nicht wiedersehen werde?«

Sancho wollte ihm antworten, als seine Aufmerksamkeit durch den Anblick eines Hasen abgelenkt wurde, der fliehend über das Feld rannte, von vielen Hunden und Jägern verfolgt, und sich ängstlich unter die Beine des Esels flüchtete und dort niederduckte. Sancho ergriff ihn mit der bloßen Hand und reichte ihn Don Quijote hin; dieser aber sprach: »Malum signum, malum signum! Ein Hase flieht, Hunde verfolgen ihn, Dulcinea läßt sich nicht sehen.«

»Euer Gnaden ist gar wunderlich«, sagte Sancho. »Wir wollen annehmen, dieser Hase ist Dulcinea von Toboso, diese Hunde, die ihn verfolgen, sind die schurkischen Zauberer, die sie in eine Bäuerin verwandelt haben; sie flieht, ich ergreife sie und bringe sie in Eure Gewalt, Ihr habt sie in Euren Armen und hegt und herzet sie; was ist das für ein böses Zeichen, oder welch böse Vorbedeutung kann man daraus entnehmen?«

Die beiden Jungen, die miteinander gestritten, kamen herbei, um den Hasen zu sehen, und Sancho fragte den einen, worüber sie sich gezankt hätten. Derjenige, der gesagt hatte: ›Du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen‹, antwortete ihm, er habe dem andern Jungen einen Käfig mit Grashüpfern weggenommen und gedenke ihm den seiner Lebtage nicht wiederzugeben. Sancho nahm vier Viertelrealen aus seiner Tasche, gab sie dem Jungen für den Käfig und überreichte diesen Don Quijote mit den Worten: »Hier, Señor, seht hier Eure Vorzeichen über den Haufen geworfen; ohnehin haben sie mit unsern Erlebnissen, wie ich als dummer Kerl meine, ebensowenig zu schaffen wie mit den Wolken vom vorigen Jahr. Auch habe ich meines Wissens den Pfarrer unsres Dorfes sagen hören, es gezieme sich nicht für Christen und vernünftige Leute, auf solche Kindereien zu achten; ja Euer Gnaden selbst hat es mir in den letzten Tagen gesagt und mich belehrt, daß alle Christen, die auf Vorzeichen etwas geben, dumme Kerle seien. Also brauchen wir uns nicht darauf zu versteifen, sondern wollen darüber hinweggehen und in unser Dorf einziehen.«

Die Jäger kamen herzu und verlangten ihren Hasen, Don Quijote gab ihn ihnen. Dann setzten sie ihren Weg fort und trafen auf einem Rasenplätzchen den Pfarrer und den Baccalaureus Carrasco in ihrem Brevier lesend. Nun muß man wissen, daß Sancho Pansa über seinen Grauen und über das Bündel mit den Rüstungsstücken als Reisedecke den mit Flammen bemalten Überwurf von Wollenzeug gebreitet hatte, mit dem er im Schlosse des Herzogs an jenem Abend bekleidet war, wo Altisidora wieder ins Leben zurückkehrte. Auch hatte er den spitzen Hut dem Tiere auf den Kopf gestülpt, jedenfalls die unerhörteste Verkleidung und Ausschmückung, in der man je auf Erden einen Esel gesehen. Die beiden wurden sogleich von dem Pfarrer und dem Baccalaureus erkannt, welche ihnen mit offenen Armen entgegenkamen. Don Quijote stieg ab und preßte sie innig in die Arme. Die Gassenjungen, die wie Luchse sind, denen man nicht entgehen kann, bemerkten den spitzen Hut des Esels, rannten herbei, ihn anzusehen, und riefen einander zu: »Kommt, Jungen, da könnt ihr Sanchos Esel sehen, schöner als ein Pfingstochse, und Don Quijotes Gaul, noch magerer als am ersten Tag.«

So zogen sie im Dorfe ein, von Gassenjungen umringt, vom Pfarrer und Baccalaureus begleitet, begaben sich nach dem Hause Don Quijotes und fanden an dessen Tür die Haushälterin und die Nichte, zu welchen die Nachricht von der Ankunft des Ritters schon gedrungen war. Dieselbe Kunde hatte man auch schon Teresa Pansa, der Ehefrau Sanchos, gebracht; mit unordentlich herumhängendem Haar und halbbekleidet, ihre Tochter Sanchica an der Hand führend, lief sie herbei, um ihren Mann zu sehen; und als sie ihn nicht so fein angezogen fand, wie ihrer Meinung nach ein Statthalter sein müßte, sprach sie zu ihm: »Wie kommst du daher, Mann? Du kommst ja zu Fuß mit Blasen an den Sohlen und siehst eher aus wie ein Stadtnarr als wie ein Statthalter!«

»Schweig, Teresa!« antwortete Sancho. »Gar oft sind da Haken und Stangen, und es tut kein Speck dranhangen. Laß uns nach Hause gehen, da wirst du Wunder hören. Geld bringe ich mit, das ist die Hauptsache, ich habe es im Schweiß meines Angesichts verdient und ohne jemandes Schaden.«

»Bring du nur Geld mit, lieber Mann«, sagte Teresa, »ob du es nun hier am Ort oder da und dort verdient hast, ja, du magst es verdient haben, wie du willst, so hast du sicher damit keine neue Mode in der Welt aufgebracht.«

Sanchica umarmte ihren Vater und fragte ihn, ob er ihr etwas mitgebracht habe, sie habe auf ihn gewartet wie auf einen Maienregen. Sie faßte ihn am Gürtel, sein Weib ergriff seine Hand, das Mädchen zog den Esel hinter sich her, und so gingen sie nach ihrem Hause und ließen Don Quijote in dem seinigen unter den Händen seiner Nichte und seiner Haushälterin und in der Gesellschaft des Pfarrers und des Baccalaureus.

Don Quijote, ohne die geeignete Frist und Stunde abwarten zu wollen, ging auf der Stelle mit dem Baccalaureus und dem Pfarrer beiseite und erzählte ihnen in kurzen Worten seine Niederlage und die von ihm übernommene Verpflichtung, sein Dorf ein ganzes Jahr lang nicht zu verlassen, was er buchstäblich einhalten wolle, schlecht und recht als fahrender Ritter handelnd und dazu verbunden durch die strenge Pflicht und Vorschrift des fahrenden Rittertums. Er habe den Gedanken gefaßt, während dieses Jahres als Schäfer zu leben und in der Einsamkeit der Gefilde seine Zeit zuzubringen, wo er seinen Liebesgedanken freien Lauf lassen und sich in dem tugendsamen schäferlichen Berufe üben könne; er bitte sie, wenn sie nicht zuviel zu tun hätten und nicht mit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt seien, ihm Gesellschaft leisten zu wollen; er würde Schafe kaufen, eine Herde, die groß genug sei, daß sie sich den Namen Schäfer beilegen dürften. Übrigens tue er ihnen zu wissen, daß die Hauptsache schon getan sei, denn er habe ihnen bereits ihre Namen zugedacht, die ihnen passen würden wie angegossen.

Der Pfarrer bat, sie ihnen mitzuteilen. Don Quijote antwortete, er werde der Schäfer Quijoti heißen, der Baccalaureus Schäfer Carrascón, der Pfarrer Schäfer Curiambro und Sancho Pansa Schäfer Pansino.

Alle waren starr über Don Quijotes neue Narrheit, aber aus Angst, er könnte noch einmal aus dem Dorf zu neuen Rittertaten ausziehen, und in der Hoffnung, er könne wohl während dieses Jahres geheilt werden, stimmten sie seinem neuen Plane zu, ließen seine Torheit als Gescheitheit gelten und erboten sich, ihm in seinem neuen Berufe Gesellschaft zu leisten.

»Dazu kommt noch«, sagte Sansón Carrasco, »daß ich, wie die ganze Welt ja weiß, ein hochberühmter Dichter bin; ich werde also bei jeder Gelegenheit Gedichte verfassen, schäferliche oder höfische, oder wie es mir sonst am besten paßt, damit wir in jenen Wildnissen, wo wir umherwandern werden, uns gut unterhalten. Was aber am nötigsten ist, meine Herren, ein jeder muß sich einen Namen für die Schäferin wählen, die er in seinen Versen zu feiern gedenkt, und es darf kein Baum übrigbleiben, wenn er auch noch so hart ist, wo er nicht ihren Namen eingraben soll, wie es Brauch und Sitte ist bei den verliebten Schäfern.«

»So ist's recht«, bemerkte Don Quijote, »obwohl ich selbst der Mühe überhoben bin, den Namen einer erdichteten Schäferin aufzusuchen, denn es ist ja die unvergleichliche Dulcinea von Toboso da, der Stolz dieser Gestade, der Schmuck dieser Gefilde, die Lebensquelle der Schönheit, die Blume der Anmut, kurz ein Wesen, für welches keine Lobpreisung zuviel ist, mag sie noch so übertrieben scheinen.«

»Das ist wahr«, sagte der Pfarrer; »aber auch wir werden hierherum die richtigen Schäferinnen finden, und wollen wir bessere besitzen, so lassen wir sie uns schnitzen.«

Sansón Carrasco fügte hinzu: »Und wenn es uns an Namen fehlen sollte, so werden wir ihnen die gedruckten Namen aus Büchern geben, von denen die Welt voll ist, Fílida, Amarilis, Diana, Flérida, Galatea, Belisarda; denn da diese auf den Märkten verkauft werden, können auch wir sie kaufen und sie uns aneignen. Wenn meine Dame, oder richtiger gesagt, meine Schäferin zufällig Ana heißen sollte, werde ich sie unter dem Namen Anarda feiern, und wenn Franziska, nenne ich sie Franzenia, und wenn Lucía, Lucinda, denn das ist alles einerlei; und Sancho Pansa, sofern er in unsre Brüderschaft eintreten sollte, kann sein Weib Teresa Pansa unter dem Namen Teresaina feiern.«

Don Quijote lachte sehr über diese Verwendung der Namen, und der Pfarrer lobte über alles Maß seinen ehrbaren und tugendsamen Entschluß und erbot sich aufs neue, ihm während der ganzen Zeit, die ihm von seinen pflichtmäßigen Beschäftigungen frei bleiben würde, Gesellschaft zu leisten. Hiermit nahmen sie Abschied von ihm mit der Bitte und dem guten Rat, für seine Gesundheit zu sorgen und seiner mit allem Guten zu pflegen.

Das Schicksal wollte es, daß seine Nichte und die Haushälterin die Unterhaltung der drei mit anhörten, und sobald die beiden sich entfernt hatten, traten sie in Don Quijotes Zimmer, und die Nichte sprach zu ihm: »Was ist das, Herr Oheim? Jetzt, wo wir dachten, Euer Gnaden werde sich wieder auf Euer Haus beschränken und in ihm ein ruhiges und ehrbares Leben führen, wollt Ihr Euch auf neue Irrwege einlassen und das Schäferlein spielen:

Schäferlein, wo kommst du her?
Schäferlein, wo gehst du hin?

Wahrhaftig, das Rohr ist schon zu dürr, um Pfeifchen daraus zu schneiden.«

Die Haushälterin fügte hinzu: »Und kann denn Euer Gnaden auf freiem Felde die Mittagsstunden des Sommers, die kalten Nächte des Winters und das Geheul der Wölfe aushalten? Gewiß nicht, denn das ist ein Geschäft und Amt für handfeste, abgehärtete Leute, die von den Windeln und Wickelbändern an für einen solchen Beruf sind erzogen worden. Wenn denn zwischen zwei Übeln die Wahl sein muß, so ist es immer noch besser, ein fahrender Ritter sein als ein Schäfer. Überlegt es Euch, Señor, nehmt meinen Rat an, ich gebe ihn Euch nicht etwa von Wein und Brot übersättigt, sondern ganz nüchtern, und weil ich fünfzig Jahre alt bin: Bleibt in Eurem Hause, sorgt für Euer Hab und Gut, geht häufig zur Beichte, tut den Armen Gutes, und es soll auf meine Seele kommen, wenn Ihr dabei schlecht fahrt.«

»Schweigt, Kinder«, antwortete ihnen Don Quijote, »ich weiß ganz wohl, was ich zu tun habe. Bringt mich zu Bett, ich glaube, ich bin nicht recht wohl. Und im übrigen seid überzeugt, daß ich, ob ich nun als fahrender Ritter lebe oder als Schäfer herumfahre, nie unterlassen werde, für eure Bedürfnisse zu sorgen, wie ihr aus meinen Handlungen erkennen werdet.«

Die guten Mädchen, denn das waren Haushälterin und Nichte ohne Zweifel; brachten ihn zu Bett, wo sie ihm zu essen gaben und ihn bestmöglich verpflegten.

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