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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 73
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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72. Kapitel

Wie Don Quijote und Sancho nach ihrem Dorfe kamen

Diesen ganzen Tag verweilten Don Quijote und Sancho Pansa in diesem Dorfe und in diesem Wirtshause und warteten den Abend ab, der eine, um in freiem Felde seine Tracht Geißelhiebe vollends abzumachen, der andre, um diese Geißelung und mit ihr seine Wünsche am Ziel zu sehen.

Inzwischen kam ein Reisender zu Pferde mit drei oder vier Dienern im Gasthaus an, und einer von ihnen sagte zu dem Reiter, der ihr Herr zu sein schien: »Hier kann Euer Gnaden, Señor Don Álvaro Tarfe, heute Mittagsruhe halten; das Gasthaus scheint sauber und kühl zu sein.«

Bei diesen Worten sprach Don Quijote zu Sancho: »Siehe, Sancho, als ich jenes Buch durchblätterte, das den zweiten Teil meiner Geschichte enthalten soll, bin ich, wie ich meine, zufällig auf diesen Namen Don Álvaro Tarfe gestoßen.«

»Das kann wohl sein«, entgegnete Sancho; »lassen wir ihn absteigen, nachher wollen wir ihn danach fragen.«

Der Ritter stieg ab, und die Wirtin gab ihm ein Zimmer im Erdgeschoß gegenüber dem Gemache Don Quijotes; es war ebenfalls mit bemaltem Stoff behangen wie das Zimmer Don Quijotes. Der neu angekommene Edelmann kleidete sich sommerlich um, und nachdem er sich in die Vorhalle des Wirtshauses begeben, die geräumig und kühl war und in welcher Don Quijote auf und ab ging, fragte er diesen: »Wo reist Euer Gnaden hin, edler Junker?«

Don Quijote antwortete: »Nach einem Dorfe hier in der Nähe, wo ich geboren bin; und wo geht Euer Gnaden hin?«

»Ich gehe nach meiner Vaterstadt Granada«, antwortete der Edelmann.

»Eine treffliche Vaterstadt«, versetzte Don Quijote. »Aber Euer Gnaden wolle mir den Gefallen tun, Euren Namen zu nennen; denn es scheint mir weit wichtiger, ihn zu erfahren, als ich füglich sagen kann.«

»Mein Name ist Don Álvaro Tarfe«, antwortete der Fremde.

Darauf versetzte Don Quijote: »Dann sind Euer Gnaden gewiß jener Don Álvaro Tarfe, dessen Name gedruckt zu lesen ist im zweiten Teil der Geschichte des Don Quijote von der Mancha, der von einem neuen Schriftsteller in Druck gegeben und ans Licht der Welt gebracht worden ist.«

»Ebendieser bin ich«, antwortete der Edelmann, »und der erwähnte Don Quijote, die Hauptperson in der besagten Geschichte, war ein sehr guter Freund von mir, und ich war es, der ihn aus seiner Heimat fortführte oder wenigstens ihn bewog, zu einem Turnier nach Zaragoza zu kommen, wohin ich selber reiste; und wahrlich, wahrlich, ich habe ihm viele Freundschaftsdienste erwiesen und ihn davor bewahrt, daß ihm der Henker den Buckel strich, weil er über alles Maß frech gewesen.«

»So sagt mir doch auch, Señor Don Álvaro«, fragte darauf Don Quijote, »gleiche ich irgendwie jenem Don Quijote, von welchem Euer Gnaden spricht?«

»Nein, gewiß nicht«, antwortete der Fremde, »nicht im geringsten.«

»Und jener Don Quijote«, fragte der unsrige, »hatte er einen Schildknappen bei sich namens Sancho Pansa?«

»Allerdings hatte er ihn«, antwortete Don Álvaro, »und wiewohl dieser als witziger Spaßmacher galt, so habe ich doch nie einen Witz von ihm gehört, der witzig gewesen wäre.«

»Das will ich wohl glauben«, fiel hier Sancho Pansa ein; »denn witzige Späße sind nicht jedermanns Sache, und jener Sancho, von dem Euer Gnaden spricht, Herr Junker, muß ein großer Schurke und zugleich ein Dummkopf und Spitzbube gewesen sein; denn der wahre Sancho Pansa bin ich, und witzige Einfälle regnet es nur so bei mir. Macht nur einmal die Probe und zieht hinter mir her, wenigstens ein Jahr lang, und Ihr werdet sehen, daß sie mir auf Schritt und Tritt von den Lippen fallen, und zwar von solcher Art und in solcher Zahl, daß ich, während ich in den meisten Fällen gar nicht weiß, was ich sage, jeden zum Lachen bringe, der mich hört. Und der wahre Don Quijote von der Mancha, der berühmte, der heldenhafte und scharfsinnige, der verliebte, der Abhelfer aller Ungebühr, der Fürsprecher der Unmündigen und Waisen, der Beschützer der Witwen, der Herzensmörder aller Jungfrauen, der die unvergleichliche Dulcinea von Toboso zur einzigen Gebieterin hat, das ist dieser Herr, der hier vor Euren Augen steht und der mein Dienstherr ist. Jedweder andre Don Quijote und jeder andre Sancho Pansa ist nichts als Humbug und Spiegelfechterei.«

»Bei Gott, ich glaube es«, antwortete Don Álvaro; »denn in den paar Worten, die Ihr gesagt habt, lieber Freund, habt Ihr mehr Kurzweiliges vorgebracht als jener andre Sancho Pansa in sämtlichen Äußerungen, die ich von ihm gehört, und deren waren gar viele. Er hatte mehr vom Fresser an sich als vom witzigen Spaßmacher und mehr vom Dummkopf als vom kurzweiligen Menschen, und ich halte es für ausgemacht, daß die Zauberer, die den guten Don Quijote verfolgen, mich mit dem schlechten Don Quijote haben verfolgen wollen. Aber ich weiß eigentlich nicht, was ich sagen soll, denn ich kann es schwören, ich habe ihn zu Toledo im Tollhaus eingesperrt verlassen, wo man ihn heilen will, und jetzt kommt hier ein andrer Don Quijote zum Vorschein, der gänzlich anders ist als der meinige.«

»Ich«, sagte Don Quijote, »ich weiß nicht, ob ich gut bin; aber ich darf sagen, daß ich nicht der schlechte bin. Zum Beweis dafür sollt Ihr wissen, Señor Don Álvaro Tarfe, daß ich in meinem ganzen Leben nie in Zaragoza gewesen bin; vielmehr, gerade weil man mir sagte, jener angebliche Don Quijote sei bei dem Turnier in jener Stadt gewesen, wollte ich sie gar nicht betreten, um ihn angesichts der ganzen Welt Lügen zu strafen; und daher zog ich geradewegs nach Barcelona. Das ist der Wohnsitz der feinen Sitte, die Herberge der Fremden, die Zuflucht der Armen, die Heimat der Helden, der Rächer der Gekränkten, das anmutige Stelldichein treuer Freundschaften und ganz einzig durch seine Lage und Schönheit. Und wiewohl meine dortigen Erlebnisse nicht sehr freudig, sondern recht trauriger Art waren, so ertrage ich sie doch ohne Betrübnis, nur weil ich Barcelona gesehen habe. Kurz, Señor Don Álvaro Tarfe, ich bin Don Quijote von der Mancha, derselbe, von dem man spricht, und nicht jener Elende, der sich meinen Namen anmaßen und mit meinen Gedanken prunken wollte. Ich bitte Euer Gnaden, bei alledem, was Ihr dem Vorzuge, ein Ritter zu sein, schuldet, geruhet, vor dem Bürgermeister dieses Dorfes eine Erklärung abzugeben, daß Ihr mich noch nie in Eurem Leben gesehen habt und daß ich nicht der im zweiten Teil gedruckte Don Quijote bin, ebensowenig wie dieser Sancho Pansa, mein Schildknappe, derselbe ist, den Ihr gekannt habt.«

»Das will ich sehr gerne tun«, antwortete Don Álvaro, »obgleich es höchst wunderbar ist, zwei Don Quijotes und zwei Sancho Pansas zu gleicher Zeit zu sehen, die im Namen ebenso miteinander übereinstimmen, wie sie in ihren Handlungen sich unterscheiden; und nochmals sage ich's und bleibe fest dabei, ich habe nicht gesehen, was ich gesehen, und was vor meinen Augen geschehen, ist nicht geschehen.«

»Ganz gewiß«, sagte Sancho, »muß Euer Gnaden ebenso verzaubert sein wie unser Fräulein Dulcinea von Toboso; und wollte der Himmel, Ihr könntet dadurch entzaubert werden, daß ich mir noch einmal dreitausend und soundso viele Hiebe gäbe, wie ich mir sie für Dulcinea aufmesse; ich gäbe sie mir, ohne den geringsten Vorteil dafür zu verlangen.«

»Ich verstehe nicht, was das mit den Hieben heißen soll«, sagte Don Álvaro.

Und Sancho antwortete ihm, das wäre zu weitläufig zu erzählen; er würde es ihm aber mitteilen, wenn sie vielleicht desselben Weges zögen.

Inzwischen kam die Essensstunde; Don Quijote und Don Álvaro speisten zusammen. Zufällig kam der Bürgermeister des Ortes mit einem Aktuar ins Gasthaus, und vor besagtem Bürgermeister stellte Don Quijote einen förmlichen Antrag nebst Gesuch: wie sein Recht es erheische, daß Don Álvaro Tarfe, nämlich der Edelmann, der hier zugegen sei, vor Seiner Gnaden dem Herrn Bürgermeister erklärt, daß er den gleichfalls hier anwesenden Don Quijote von der Mancha durchaus nicht kenne und daß dieser nicht derselbe sei, der geschildert werde in einer im Druck erschienenen Geschichte unter dem Titel Zweiter Teil des Don Quijote von der Mancha, verfaßt von einem gewissen de Avellaneda aus Tordesillas. Hierauf erledigte der Bürgermeister die Sache nach Recht und Gesetz; die Erklärung wurde ordnungsgemäß ausgestellt, wie in solchen Fällen erforderlich, worüber Don Quijote und Sancho sehr vergnügt waren, gerade als ob eine solche Erklärung von Wichtigkeit wäre und als ob der Unterschied zwischen den beiden Don Quijotes und den beiden Sanchos sich nicht schon deutlich genug in ihren Worten und Werken zeigte.

Zwischen Don Álvaro und Don Quijote wurden viele Höflichkeitsbezeigungen und freundschaftliche Anerbietungen ausgetauscht, wobei der große Manchaner seinen Verstand in so hellem Lichte zeigte, daß er Don Álvaro Tarfe seinen Irrtum gänzlich benahm und dieser wirklich glaubte, er müsse verzaubert sein, da er zwei einander so entgegengesetzte Don Quijotes mit Händen griff.

Der Abend kam heran, sie schieden von diesem Orte, und ungefähr eine halbe Meile von da trennten sich die verschiedenen Straßen; die eine führte nach Don Quijotes Dorf, während Don Álvaro die andere einschlagen mußte. Auf diesem kurzen Wege erzählte ihm Don Quijote das Unglück seiner Niederlage und die Verzauberung Dulcineas sowie die Art ihrer Heilung. Alles dieses setzte Don Álvaro aufs neue in Verwunderung; er umarmte Don Quijote und Sancho und setzte seinen Weg fort, so wie Don Quijote den seinigen.

Der Ritter verbrachte diese Nacht wiederum in einem Gehölz, um Sancho Gelegenheit zur Vollendung seiner Geißelung zu geben, und Sancho tat das auch auf dieselbe Weise wie in der vergangenen Nacht, mehr auf Kosten der Rinde der dort stehenden Buchen als auf Kosten seines Rückens, den er so sorgsam schonte, daß die Hiebe ihm nicht einmal eine Mücke von der Haut fortgescheucht hätten, falls eine solche darauf gesessen hätte. Der betrogene Don Quijote ließ keinen Hieb in seiner Rechnung verlorengehen und fand, daß es mit denen der vergangenen Nacht dreitausendneunundzwanzig waren. Die Sonne schien absichtlich früher aufgestanden zu sein, um das Opfer mit anzusehen, und bei ihrem Lichte setzten sie ihren Weg wieder fort, wobei sie von dem Irrtum Don Álvaros sprachen und wie wohl sie daran getan hätten, daß sie seine Aussage vor Gericht hätten feststellen lassen, und zwar auf so beweiskräftige Weise.

Diesen Tag und diese Nacht zogen sie weiter, ohne daß ihnen etwas Erzählenswertes begegnet wäre, außer, daß in der Nacht Sancho seine Aufgabe vollendete, worüber Don Quijote über alle Maßen glücklich war, so daß er den Tag kaum erwarten konnte, um zu sehen, ob er unterwegs seine nun entzauberte Gebieterin Dulcinea treffen werde. Wirklich begegnete ihm bei Fortsetzung seiner Reise kein Frauenzimmer, dem er nicht entgegenging, um herauszufinden, ob es Dulcinea von Toboso sei, da er fest auf Merlins Verheißungen baute.

Unter solchen Gedanken und voll von diesen Wünschen stiegen sie eine Anhöhe hinan, von welcher aus sie ihr Dorf erblickten. Bei diesem Anblick warf Sancho sich auf die Knie und sagte: »Öffne die Augen, ersehnte Heimat, und sieh Sancho Pansa, deinen Sohn, zu dir zurückkehren, wenn nicht mit vielen Reichtümern, doch mit vielen Prügeln beladen, öffne die Arme und empfange auch deinen Sohn Don Quijote, den zwar fremde Arme besiegt haben, der aber als Sieger über sich selbst einherzieht, was, wie er selber mir gesagt hat, der größte Sieg ist, den man erringen kann. Geld bringe ich mit; aber kriegt ich Hiebe schwer und mächtig, ritt ich doch einher gar prächtig.«

»Hör auf mit diesem Blödsinn«, sagte Don Quijote, »wir wollen in unser Dorf einziehen mit dem rechten Fuß voran; dort wollen wir auf Mittel sinnen, wie wir unsre poetischen Gedanken zur Tat werden lassen, und wollen den Plan zu dem Schäferleben ausarbeiten, dem wir uns zu widmen gedenken.«

Hiermit stiegen sie den Hügel hinab und zogen nach ihrem Dorfe.

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