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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 70
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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69. Kapitel

Von dem wundersamsten und unerhörtesten Vorfall, den im ganzen Verlauf dieser großen Geschichte Don Quijote erlebt hat

Die Berittenen stiegen ab, und zusammen mit denen zu Fuße packten sie mit Ungestüm Sancho und Don Quijote und trugen sie in den Hof. Ringsherum brannten an die hundert Fackeln auf ihren Ständern und in den Bogengängen um den Hof mehr als fünfhundert Lampen, so daß, der Nacht zum Trotze, die ziemlich finster war, man den Mangel der Tageshelle nicht bemerkte. Mitten in dem Hof erhob sich ein Katafalk wohl zwei Ellen hoch vom Boden; darüber war ein mächtig großer Baldachin von schwarzem Samt ausgebreitet, und ringsherum auf den Stufen brannten Kerzen von weißem Wachs auf mehr als hundert silbernen Leuchtern. Auf der Bühne lag der Leichnam einer Jungfrau von so reizendem Aussehen, daß sie durch ihre Schönheit den Tod selber schön erscheinen ließ. Ihr Haupt lag auf einem Kissen von Brokat und war bekrönt mit einem Kranze von mannigfachen duftigen Blumen; ihre Hände waren über der Brust gekreuzt und hielten einen Zweig der gelblichen Siegespalme. An einer Seite des Hofes stand eine Zuschauertribüne, und dort saßen auf zwei Sesseln zwei Männer, welche, da sie Kronen auf dem Kopfe und Zepter in den Händen hielten, deutlich erkennen ließen, daß sie entweder wirkliche Könige waren oder solche vorstellen sollten. Oben an der einen Seite dieser Tribüne, zu der man einige Stufen hinaufstieg, standen noch zwei Sessel, auf welche die Leute, die Don Quijote und Sancho gefangen herbeigebracht, diese niedersetzten, wobei sie in tiefem Schweigen verharrten und den beiden durch Zeichen zu verstehen gaben, daß auch sie schweigen sollten. Aber auch ohne diese Weisung hätten sie geschwiegen, denn das Erstaunen über das Schauspiel, das sich ihnen bot, lähmte ihnen die Zunge. Jetzt stiegen zwei vornehme Personen mit zahlreichem Gefolge auf die Tribüne, und Don Quijote erkannte sie sogleich als seine Wirte, den Herzog und die Herzogin; sie setzten sich auf zwei reichgeschmückte Sessel neben die zwei Männer, die wie Könige aussahen. Wer hätte sich nicht darob verwundern müssen, zumal hierzu noch kam, daß Don Quijote in dem Leichnam auf dem Katafalk die schöne Altisidora erkannte!

Als der Herzog und die Herzogin die Tribüne bestiegen, erhoben sich Don Quijote und Sancho und machten ihnen eine tiefe Verbeugung, und das herzogliche Paar erwiderte die Begrüßung mit einem leichten Neigen des Kopfes. Indem trat ein Diener hervor, und quer über die Tribüne schreitend, näherte er sich dem biederen Sancho und warf ihm ein Überkleid von schwarzem Barchent über, das ganz mit Flammenzungen bemalt war; dann nahm er ihm seine Mütze ab und setzte ihm einen hohen spitzen Hut auf, wie diejenigen ihn tragen, die vom heiligen Gericht verurteilt worden; dabei sagte er ihm ins Ohr, er solle die Lippen nicht öffnen, sonst würde man ihm einen Knebel in den Mund stecken oder ihm gar das Leben nehmen. Sancho betrachtete sich von oben bis unten und sah sich von Flammen umgeben, aber da sie ihn nicht brannten, so machte er sich keinen Deut daraus. Er nahm sich den spitzen Hut ab, sah ihn mit Teufeln bemalt, setzte ihn wieder auf und sagte für sich: Meinetwegen! Der Hut brennt mich nicht, und die Teufel werden mich nicht holen.

Don Quijote betrachtete ihn ebenfalls, und obschon die Furcht ihm die Sinne ganz benommen hatte, so konnte er sich doch nicht enthalten, über Sanchos Aussehen zu lächeln. In diesem Augenblick ließ sich, scheinbar unter dem Katafalk hervor, ein sanfter angenehmer Flötenton hören, der, da keine menschliche Stimme störend dazwischenklang – denn an diesem Orte mußte das Stillschweigen selbst Stillschweigen beobachten –, süß und liebeswarm in die Ohren drang. Jetzt erschien unversehens nahe dem Ruhekissen der scheinbaren Leiche ein schöner Jüngling, der zum Klang einer Harfe, die er selbst spielte, mit lieblicher und heller Stimme folgende Stanzen sang:

Bis wieder zu sich kommt Altisidora,
Die hinschied, weil zu grausam Don Quijote;
Solang die Damen gehn im schlechtsten Flore
In diesem Schloß, wo haust der Zaubrer Rotte;
Solang die Herzogin der Zofen Chore
Grobwollne Kleidung gibt, so lang, bei Gotte!
Sing ich ihr Unglück, ihre Reiz und Grazien,
Weit besser als der Sänger einst aus Thrazien.

Nicht nur, dieweil ich Lebenshauch genieße,
Gebührt dir meines Liedes treue Weise;
Von toter Zung aus kaltem Mund noch fließe
Das Loblied, das ich schulde deinem Preise.
Wenn meine Seel aus ihrem Burgverliese
Sich löst und hinschwebt durch die stygschen Kreise,
Wird sie dich feiern noch und Töne singen,
Die des Vergessens Strom zum Lauschen zwingen.

»Nicht weiter«, sagte jetzt einer der beiden, die wie Könige aussahen; »nicht weiter, göttlicher Sänger; es wäre ein Bemühen ohne Ende, uns jetzt den Tod und die Reize der schönen Altisidora zu schildern, die nicht tot ist, wie die unverständige Welt meint, sondern lebt auf den Zungen des Ruhmes und in den Martern, die Sancho Pansa, der allhier zugegen ist, erdulden muß, um sie dem verlorenen Lebenslichte wieder zuzuführen. So sprich denn du, Rhadamanthus, der du mit mir in den düstern Höhlen des Hades richtest und alles weißt, was über die Frage, ob diese Jungfrau wieder ins Leben zurückkehren wird, im Buche des unerforschlichen Schicksals beschlossen steht: sage und verkünde es sogleich, damit das Glück uns nicht verzögert werde, das wir von ihrer Rückkehr ins Dasein hoffen.«

Kaum hatte Minos, der Richter und Rhadamanthus' Genosse, dies gesprochen, als Rhadamanthus sich erhob und sagte: »Frisch auf, ihr Diener dieses Hauses, hohe und niedre, große und kleine, kommt herbei, einer nach dem andern, und zeichnet Sanchos Gesicht mit vierundzwanzig Nasenstübern, gebt ihm zwölf Kniffe und sechs Nadelstiche in die Arme und Hüften, denn von dieser feierlichen Handlung hängt das Heil Altisidoras ab.«

Als Sancho Pansa dies hörte, brach er das Stillschweigen und rief: »Hol mich der und jener, ebensowenig lasse ich mir das Gesicht zeichnen oder meine Backen anrühren, als ich ein Türke werde! Herrgott sackerment! Mir im Gesicht herumfahren, was hat das mit der Auferstehung dieser Jungfrau zu tun? Wo der Bär Honig geleckt hat, kommt er immer wieder! Die Zauberer verhexten Dulcinea, und mich prügeln sie, damit sie entzaubert wird; Altisidora stirbt an einem Leiden, das Gott ihr geschickt hat, und was soll sie wieder aufwecken? Daß ich vierundzwanzig Nasenstüber bekommen soll, daß mir der Leib mit Nadelstichen zerlöchert wird und daß mir mit Zwicken und Kneipen blaue Maler auf die Arme gezeichnet werden! Mit solchen Späßen geht mir zum Schwager Simpel; ich bin ein alter Hund, ich lasse mich nicht auf den Stier hetzen.«

»Du bist des Todes!« sprach Rhadamanthus mit schrecklicher Stimme; »sänftige dein Gemüt, du Tiger! Demütige dich, stolzer Nimrod! Und dulde und schweig, da man von dir nichts Unmögliches verlangt, und gib dich nicht damit ab, die Schwierigkeiten dieses Handels ergründen zu wollen; genasenstübert mußt du werden, wie ein Sieb zerstochen sollst du sein, Zwicken sollst du seufzend erdulden. Auf, sage ich, ihr Diener, folgt meinem Befehl; so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, ihr sollt sehen, wozu ihr auf der Welt seid!«

Jetzt erschienen etwa ein Halbdutzend Kammerfrauen; sie schritten über den Hof, eine hinter der andern, in feierlichem Zug, vier von ihnen mit Brillen vor den Augen; alle hielten die rechte Hand empor, so daß das Handgelenk etliche Finger breit aus dem Ärmel hervorsah, damit nach heutiger Mode die Hände länger schienen. Kaum hatte Sancho sie erblickt, als er wie ein Stier brüllend schrie: »Ich will mir von aller Welt im Gesicht herumfahren lassen, aber zugeben, daß mich alte Schachteln von Kammerfrauen anrühren, das nie! Man mag mir das Gesicht mit Katzenkrallen zerkratzen, wie es meinem Herrn in diesem selben Schlosse geschehen ist; man mag mir den Leib mit scharfen Dolchen durchbohren, man mag mir die Arme mit feurigen Zangen zwicken, das will ich mit Geduld ertragen, oder ich will es diesen Herrschaften zu Gefallen tun; aber daß mich Kammerfrauen anrühren, das leide ich nicht, und sollte mich auch der Teufel holen.«

Nun brach auch Don Quijote das Schweigen und sprach zu Sancho: »Hab Geduld, mein Sohn, mache diesen Herrschaften eine Freude und sage dem Himmel tausendmal Dank, daß er solche Wunderkraft in deinen Leib gelegt hat, daß du mit dessen Marterung die Verzauberten entzaubern und die Toten auferwecken kannst.«

Schon waren die Kammerfrauen an Sancho herangetreten, als er, endlich fügsamer und gläubiger geworden, sich auf seinem Sessel zurechtsetzte und Gesicht und Bart der ersten hingab, die ihm mit einem ganz gehörigen Stüber die Nase siegelte und sich hierauf tief vor ihm verbeugte.

»Weniger Höflichkeit und weniger Schminke, Jungfer Zofe«, sprach Sancho, »denn bei Gott, Eure Hände riechen stark nach Essigschmiere.«

Genug, alle Kammerfrauen verabfolgten ihm Nasenstüber, und eine Menge Diener des Hauses zwickten ihn ins Fleisch; aber was er gar nicht aushalten konnte, das war das Stechen mit den Nadeln, und daher sprang er voll Wut vom Sessel auf, ergriff eine neben ihm brennende Fackel, schlug damit auf die Kammerfrauen und alle seine Peiniger und schrie: »Hinaus mit euch, ihr Diener der Hölle! Ich bin nicht von Erz, daß ich so ungeheure Martern nicht fühlen sollte!«

Altisidora war es jetzt wohl müde, so lange auf dem Rücken zu liegen, und drehte sich auf die andre Seite. Sobald die Umstehenden das bemerkten, riefen sie alle wie aus einem Munde: »Altisidora lebt! Altisidora ist wieder am Leben!« Rhadamanthus gebot Sancho, seinen Zorn zu bändigen, da der beabsichtigte Zweck jetzt bereits erreicht sei. Sobald aber Don Quijote gewahr ward, daß Altisidora sich bewegte, warf er sich auf die Knie vor Sancho und sagte zu ihm: »Jetzt ist es Zeit, du Sohn meines Herzens, du jetzt nicht mehr mein Schildknappe, dir einige von den Geißelhieben aufzumessen, die du dir für Dulcineas Entzauberung zu geben verpflichtet bist. Jetzt, sage ich, ist die Zeit, wo deine Wunderkraft auf ihrer Höhe steht, so daß sie das Heil, das man von dir erhofft, mit völliger Wirksamkeit erzielen kann.«

Da sprach Sancho: »Das kommt mir vor wie Pech auf Pech und nicht wie Honig auf Waffeln. Das wäre nicht übel, wenn jetzt nach dem Zwicken, den Nasenstübern und Nadelstichen auch noch die Hiebe kommen sollten! Da könnt ihr ja schließlich vollends einen großen Stein nehmen, mir ihn um den Hals binden und mich in einen Brunnen werfen; und das wäre mir nicht einmal sehr leid, wenn ich doch, um fremdes Leid zu heilen, immer den Prügeljungen für jedermann abgeben soll. Laßt mich in Ruh! Sonst, bei Gott, schmeiße ich alles hin und übergeb es dem Teufel, wenn er es auch nicht nehmen mag.«

Inzwischen hatte sich Altisidora bereits auf ihrem Lager aufgerichtet, und im nämlichen Augenblick ertönten die Schalmeien, in deren Klänge die Flöten und die Rufe aller einstimmten: »Es lebe Altisidora, Altisidora lebe!« Der Herzog und die Herzogin und die Könige Minos und Rhadamanthus und mit ihnen allen Don Quijote und Sancho gingen hin, Altisidora zu begrüßen und ihr von ihrem Lager herabzuhelfen. Sie spielte noch die Kraftlose und Matte, verneigte sich vor dem herzoglichen Paar und den zwei Königen, blickte Don Quijote unwillig an und sprach: »Gott vergebe es dir, du Ritter ohne Herz, durch dessen Grausamkeit ich länger als ein Jahrtausend, wie mir scheint, in der andern Welt gewesen bin! Dir aber, o du barmherzigster Schildknappe, den die Welt je gesehen, dir danke ich das Leben, das ich besitze. Von heut an, Freund Sancho, verfüge über sechs meiner Hemden, die ich dir überlasse, damit du ihrer sechs für dich daraus machen kannst, und sind sie auch nicht alle heil und ganz, so sind sie wenigstens alle sauber.«

Sancho küßte ihr dafür die Hände, in den seinigen den hohen spitzen Hut und die Knie auf dem Boden. Der Herzog befahl, den Hut ihm abzunehmen und ihm seine Mütze wiederzugeben, auch ihm seinen Rock wieder anzuziehen und das Überkleid mit den Flammen abzunehmen. Sancho bat jedoch den Herzog, ihm das Kleid und den spitzen Hut zu lassen; er wolle beides mit heimnehmen zum Wahrzeichen und Denkmal dieses unerhörten Abenteuers. Die Herzogin antwortete, man werde es ihm gerne lassen, er wisse ja, wie sie ihm gewogen sei. Der Herzog befahl, den Hof auszuräumen; alle sollten sich alsbald nach ihren Zimmern begeben, Don Quijote und Sancho aber sollte man nach den Gemächern geleiten, die ja für sie bestimmt seien.

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