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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 67
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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66. Kapitel

Welches von Dingen handelt, die der ersehen wird, der sie lieset, oder hören wird, der sie sich vorlesen läßt

Als Don Quijote von Barcelona schied, betrachtete er sich noch einmal die Stelle, wo er gestürzt war, und sagte: »Hier stand einst Troja; hier hat mein Unglück und nicht meine Feigheit mir den erworbenen Ruhm entrissen, hier hat das Glück seinen Wankelmut an mir erwiesen; hier wurden meine Heldentaten mit Dunkel umzogen; hier, mit einem Wort, stürzte mein Glück zusammen, um sich nie mehr zu erheben.«

Als Sancho diese Wehklage hörte, sagte er: »Tapferen Herzen, Herre mein, ist es ebenso eigen, Geduld im Unglück zu haben wie Freudigkeit im Glücke. Das kann ich an mir selbst erkennen; wenn ich mich vergnügt fühlte, als ich Statthalter war, so bin ich jetzt, wo ich Schildknappe zu Fuß bin, darum nicht traurig; denn ich habe sagen hören, was man in der Welt Fortuna nennt, das sei ein betrunkenes und launisches und obendrein blindes Weib und sehe darum nicht, was es tut, und wisse nicht, wen es niederwirft und wen es erhebt.«

»Du bist ja ein ganzer Philosoph, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »du sprichst wie ein vernünftiger Mensch; ich weiß nicht, wer dich das lehrt. Ich muß dir aber sagen, daß es keine Fortuna auf der Welt gibt und daß alles, was auf Erden geschieht, mag es böse oder gut sein, nicht durch Zufall kommt, sondern durch besondere Schickung des Himmels; und darum pflegt man auch zu sagen: jeder ist seines Glückes Schmied. Ich bin des meinigen Schmied gewesen, aber nicht mit der nötigen Vorsicht, und so ist mich mein Dünkel teuer zu stehen gekommen, da ich hätte bedenken müssen, daß der gewaltigen Größe des Rosses, das den Ritter vom weißen Mond trug, die Schwächlichkeit Rosinantes nicht widerstehen konnte. Ich wagte es dennoch, ich tat, was ich vermochte, ich ward niedergeworfen, und habe ich auch die Ehre eingebüßt, so habe ich doch die Tugend des Worthaltens nicht eingebüßt und kann sie nicht einbüßen. Als ich ein fahrender Ritter, ein kühner und mannhafter, war, habe ich mit meinen Werken und mit meiner Hände Kraft den Wert meiner Taten erwiesen; und jetzt, wo ich ein fußwandernder Knappe bin, werde ich den Wert meiner Worte erweisen durch die Erfüllung des Versprechens, das ich gegeben. Wandere demnach fürbaß, Freund Sancho; wir wollen in unsrer Heimat das Probejahr aushalten und werden durch die Abgeschlossenheit unsres Lebens neue Kraft gewinnen, um dann zu dem Waffenhandwerk zurückzukehren, das ich nie aufgeben werde.«

»Señor«, versetzte Sancho, »zu Fuße wandern ist kein so vergnügliches Ding, daß es mich bewegen und anreizen sollte, große Tagereisen zu machen. Lassen wir diese Wehr und Waffen an einem Baume hängen wie einen zum Strick Verurteilten; und wenn ich alsdann wieder auf dem Rücken meines Grauen sitze und die Beine nicht auf die Erde setzen muß, da wollen wir lange Tagereisen machen, so lang, als Ihr sie begehren und abmessen wollt. Wenn Ihr aber glaubt, daß ich zu Fuß gehen und große Tagereisen machen werde, das heißt das Unglaubliche glauben.«

»Wohlgesprochen, Sancho«, entgegnete Don Quijote. »Meine Waffen sollen als Siegesmal aufgehängt werden, und unter ihnen oder rings um sie her wollen wir in die Bäume eingraben, was am Waffenmal Roldáns geschrieben stand:

Es rühre keiner diese Waffen an,
Der nicht Roldán im Streit bestehen kann.«

»Alles das scheint mir wunderschön«, versetzte Sancho, »und wenn's nicht deshalb wäre, weil uns Rosinante für die Reise fehlen würde, so wäre es gut, auch ihn mit aufzuhängen.«

»Nein, weder ihn noch die Waffen will ich aufhängen lassen«, entgegnete Don Quijote, »damit man nicht sage: für gute Dienste schlechter Lohn.«

»Euer Gnaden hat sehr wohl gesprochen«, versetzte Sancho, »denn gescheite Leute sagen, man soll des Esels Schuld nicht auf den Sattel schieben; und da Euer Gnaden die Schuld an diesem Vorfall hat, so mögt Ihr Euch immerhin selbst bestrafen und Euern Zorn nicht an den ohnehin schon zerbrochenen und blutigen Rüstungsstücken noch an Rosinantes Sanftmütigkeit auslassen noch an der Weichheit meiner Füße, wenn Ihr verlangt, daß sie mehr, als recht ist, wandern sollen.«

Unter solchen Gesprächen und Unterhaltungen verging ihnen dieser ganze Tag und so noch vier andre, ohne daß ihnen etwas begegnete, was ihre Reise aufgehalten hätte. Am fünften Tage aber fanden sie beim Einzug in ein Dorf vor der Tür eines Wirtshauses eine Menge Leute, die sich da, weil es Festtag im Orte war, die Zeit vertrieben. Als Don Quijote sich ihnen näherte, erhob ein Bauer die Stimme und sagte: »Einer von diesen beiden Herren, die da kommen, da sie die Parteien nicht kennen, soll sagen, was bei unsrer Wette anzufangen ist.«

»Gewiß will ich das sagen«, entgegnete Don Quijote, »und zwar ganz nach dem Rechte, falls ich nur imstande bin, eure Wette richtig zu verstehen.«

»Der Fall ist der«, erklärte der Bauer, »mein guter Herr, daß ein Einwohner dieses Ortes, der so dick ist, daß er fast drei Zentner wiegt, einen andern, der nicht mehr als eineinviertel Zentner wiegt, zum Wettlauf herausgefordert hat. Bedingung war, daß sie einen Weg von hundert Schritten mit gleichem Gewichte laufen sollten; und als man den Herausforderer fragte, wie das Gewicht ausgeglichen werden solle, sagte er: der Herausgeforderte, der nur einhundertfünfundzwanzig Pfund wiegt, solle sich einhundertfünfundsiebzig Pfund Eisen aufladen, dann seien die drei Zentner des Dicken ausgeglichen.«

»Nichts da«, fiel hier Sancho ein, ehe noch Don Quijote eine Antwort geben konnte; »mir, der ich erst vor wenigen Tagen aus Statthalterschaft und Richteramt geschieden bin, wie die ganze Welt weiß, mir kommt es zu, derlei Zweifelsfragen auf den Grund zu kommen und bei jedem Prozeß den Spruch zu fällen.«

»Antworte denn in Gottes Namen, Freund Sancho«, sagte Don Quijote; »ich bin jetzt nicht imstande, einen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken, so zerrüttet und verdreht ist mir der Kopf.«

Auf diese Erlaubnis hin sprach Sancho zu den Bauern, deren viele mit offenem Munde um ihn herumstanden und aus seinem Munde den Spruch erwarteten: »Freunde, was der Dicke verlangt, hat keinen Sinn und nicht den geringsten Schatten von Recht; denn wenn es wahr ist, daß der Herausgeforderte die Waffen wählen kann, so darf der Herausforderer keine solchen wählen, die den andern hindern oder gänzlich abhalten, als Sieger aus dem Kampfe hervorzugehen. Und sonach ist mein Urteil dieses: daß der dicke Forderer sich ausputzen, säubern, abreiben, striegeln und abschaben und solcherweise einhundertfünfundsiebzig Pfund seines Fleisches wegnehmen soll von dieser oder jener Stelle seines Körpers, wie es ihm am besten dünkt oder am besten ist; und da ihm so ein Gewicht von einhundertfünfundzwanzig Pfund übrigbleibt, wird er den einhundertfünfundzwanzig Pfund seines Gegners gleichkommen, und so werden sie unter gleichen Bedingungen miteinander laufen.«

»Hol mich der und jener«, sprach da ein Bauer, der Sanchos Spruch zugehört hatte, »der Herr hat geredet wie ein Heiliger und geurteilt wie ein Domherr. Aber gewiß wird der Dicke sich nicht zwei Lot von seinem Fleische wegnehmen wollen, geschweige denn einhundertfünfundsiebzig Pfund.«

»Das beste ist, wenn sie gar nicht laufen«, meinte ein andrer, »damit der Magere sich nicht mit dem Gewicht überlastet und der Dicke nicht nötig hat, sich zu zerfleischen. Die Hälfte der Wette soll auf Wein verwendet werden, und wir wollen diese Herren in die Schenke mitnehmen, wo man den Guten schenkt, und solltet ihr dabei beregnet werden, so werft mir 'nen Mantel um.«

»Ich meinesteils, meine Herren«, antwortete Don Quijote, »muß dafür danken; ich kann mich keinen Augenblick aufhalten, denn Gedanken und Erlebnisse schmerzlicher Art zwingen mich, unhöflich zu erscheinen und rascher als gewöhnlich zu reisen.«

Hiermit gab er Rosinante die Sporen und ritt weiter, und sie alle blieben verwundert stehen über sein seltsames Aussehen und über die Gescheitheit seines Dieners, denn dafür hielten sie Sancho. Und ein andrer von den Bauern sagte: »Wenn ein Diener so gescheit ist, wie muß erst der Herr sein? Ich will wetten, wenn sie nach Salamanca studieren gehen, so werden sie im Handumdrehen Oberhofrichter; denn alles ist Narretei, außer studieren und immer wieder studieren und Gunst und Glück haben, und ehe einer sich's versieht, steht er da mit einem Richterstab in der Hand oder mit einer Bischofsmütze auf dem Kopf.«

Diese Nacht verbrachten Herr und Diener mitten auf dem Felde unter freiem sternhellem Himmel. Als sie am nächsten Tage ihren Weg fortsetzten, sahen sie einen Mann zu Fuß ihnen entgegenkommen, einen Zwerchsack am Halse hängend und eine Pike oder einen kleinen Spieß in der Hand, ganz nach der Art eines Eilboten zu Fuß. Dieser, als er Don Quijote von weitem erblickte, beschleunigte seine Schritte, eilte halb laufend auf ihn zu, schlang ihm den Arm um den rechten Schenkel, denn höher hinauf reichte er nicht, und sprach zu ihm mit Bezeigungen lebhaftester Freude: »O Señor Don Quijote von der Mancha, wie große Freude wird meinem Herrn, dem Herzog, ins Gemüt einziehen, wenn er erfährt, daß Euer Gnaden nach seinem Schlosse zurückkehrt, denn dort verweilt er noch immer mit der gnädigen Frau Herzogin.«

»Ich kenne Euch nicht, Freund«, antwortete Don Quijote, »und weiß nicht, wer Ihr seid, wenn Ihr es mir nicht sagt.«

»Ich, Señor Don Quijote«, antwortete der Eilbote, »bin Tosílos, der Lakai unsres gnädigen Herzogs, derselbe, der mit Euer Gnaden nicht kämpfen wollte von wegen der Heirat mit der Tochter der Doña Rodríguez.«

»Gott steh mir bei!« sagte Don Quijote, »ist's möglich, daß Ihr derselbe seid, den die mir feindlichen Zauberer in jenen Lakaien verwandelt haben, den Ihr nennt, um mich um die Ehre jenes Kampfes zu betrügen?«

»Schweigt mir doch, lieber Herr«, entgegnete der Bote; »es hat gar keine Verzauberung stattgefunden, gar keine Verwandlung der Gesichter; ich bin geradeso als Lakai Tosílos in die Schranken geritten, wie ich als Tosílos der Lakai aus ihnen herauskam. Ich dachte, ich könnte mich verheiraten, ohne zu kämpfen, weil mir das Mädchen wohl gefallen hatte, aber es ging mir ganz anders, als ich erwartet hatte; denn sobald Euer Gnaden aus unsrem Schloß abgereist war, ließ mir der Herzog, mein Herr, hundert Prügel aufzählen, weil ich den Befehlen zuwiderhandelte, die er mir vor Beginn des Kampfes erteilt hatte; und das Ganze ist damit zum Abschluß gekommen, daß das Mädchen jetzt eine Nonne und Doña Rodríguez nach Kastilien zurückgekehrt ist; und ich gehe jetzt nach Barcelona, um dem Vizekönig ein Päckchen Briefe zu überbringen, die mein Herr ihm sendet. Wenn Euer Gnaden ein Schlückchen nehmen will, zwar etwas warm, aber rein, so habe ich hier eine Kürbisflasche vom Besten, nebst ich weiß nicht wieviel Schnittchen Käse von Tronchón, die dazu dienlich sind, den Durst zu reizen und zu wecken, wenn er vielleicht noch schläft.«

»Die Einladung laß ich mir gefallen«, sagte Sancho, »setzt alles, was Euch von Höflichkeit noch übrig, guter Tosílos, und schenket ein, zum Trotz und Ärger allen den Zauberern, soviel es ihrer nur in Westindien geben mag.«

»Du bist doch der größte Schlemmer auf der Welt, Sancho«, sprach Don Quijote, »und der größte Dummkopf auf Erden, weil du nicht einsiehst, daß dieser Bote verzaubert und dieser Tosílos unecht ist. Bleibe du bei ihm und iß dich voll; ich will langsam vorausreiten und warten, bis du nachkommst.«

Der Lakai lachte, zog seine Kürbisflasche, holte die Käseschnittchen aus dem Zwerchsack, nahm ein kleines Brot hervor und setzte sich mit Sancho ins grüne Gras, und beide verzehrten in Frieden und Kameradschaft den ganzen Vorrat des Zwerchsackes und leerten ihn bis auf den Grund, und zwar mit so gesundem Appetit, daß sie sogar das Päckchen mit den Briefen ableckten, bloß weil es nach Käse roch. Tosílos sprach zu Sancho: »Dein Herr da, Freund Sancho, macht sich gar vieler Narrheiten schuldig.«

»Was heißt schuldig?« entgegnete Sancho; »er ist keinem was schuldig, er bezahlt alles, besonders wenn die Münze in Narretei besteht. Ich sehe das wahrlich ein und sage es ihm wahrlich auch; aber was nützt es? Zumal jetzt, wo es ganz mit ihm aus ist, weil er von dem Ritter vom weißen Mond besiegt worden ist.«

Tosílos bat, ihm zu erzählen, was es mit dem Ritter auf sich habe, aber Sancho meinte, es sei unhöflich, seinen Herrn warten zu lassen; ein andermal, wenn sie einander wieder begegnen sollten, würde noch Zeit dafür sein.

Damit stand er auf, schüttelte seinen Rock aus und die Krumen aus dem Barte, trieb den Esel vor sich her, sagte Lebewohl, schied von Tosílos und holte seinen Herrn ein, der im Schatten eines Baumes hielt, um ihn zu erwarten.

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