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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 65
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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64. Kapitel

Welches von dem Abenteuer handelt, das von allen, die Don Quijote bisher erlebt, ihm am meisten Kummer machte

Don Antonio Morenos Gemahlin, so erzählt die Geschichte, war hocherfreut, Ana Felix in ihrem Hause zu sehen. Sie nahm sie mit großer Freundlichkeit auf und verliebte sich schier in ihre Schönheit sowie in ihren Verstand, denn mit beidem war die Moriskin ungewöhnlich von der Natur begünstigt, und alle Leute aus der Stadt, als hätte man sie mit Glocken herbeigeläutet, kamen, um sie zu sehen.

Don Quijote äußerte gegen Don Antonio, das Mittel, das man zur Befreiung Don Gaspár Gregorios gewählt habe, sei nicht das richtige, denn es sei mehr gefährlich als zweckmäßig; am besten wäre es, wenn man ihn mit seinen Waffen hoch zu Roß nach der Berberei brächte; er würde ihn dem ganzen Maurenvolke zum Trotz der Gefangenschaft entreißen, wie Don Gaiféros seine Gattin Melisendra befreit habe.

»Bedenket, Euer Gnaden«, sagte Sancho, als er dies hörte, »daß der Señor Don Gaiféros seine Gattin auf festem Lande befreite und sie auf dem festen Lande nach Frankreich brachte; aber hier, wenn wir vielleicht den Don Gaspár Gregorio befreien, wie sollen wir ihn nach Spanien bringen, wo doch die See dazwischenliegt?«

»Für alles gibt es ein Mittel außer gegen den Tod«, entgegnete Don Quijote; »denn wenn nur die Barke zum Strande gelangt, können wir uns darin einschiffen, und wollte auch die ganze Welt es verwehren.«

»Euer Gnaden malt sich dies gut aus und macht sich's leicht«, sagte Sancho; »aber zwischen gesagt und getan streckt sich eine lange Bahn, und ich halte es mit dem Renegaten; der scheint mir ein anständiger und guter Mann zu sein.«

Don Antonio bemerkte, wenn der Renegat mit der Sache nicht fertigwerde, so könne man ja immer noch das Auskunftsmittel ergreifen, den großen Don Quijote nach der Berberei hinübergehen zu lassen.

Zwei Tage später schiffte sich der Renegat auf einer leichten Barke mit sechs Ruderbänken an jeder Seite ein, die mit dem tapfersten Schiffsvolk bemannt war; und wieder zwei Tage später fuhren die Galeeren nach der Levante ab, nachdem der General den Vizekönig ersucht hatte, ihn freundlichst von der Befreiung des Don Gaspár Gregorio und allen weiteren Schicksalen der Ana Felix zu benachrichtigen. Der Vizekönig versprach, diesen Wunsch zu erfüllen.

Eines Morgens ritt Don Quijote am Strande spazieren, vollständig gerüstet und gewappnet, denn, wie er häufig sagte: Meine Zierde sind die Waffen, und mein Ausruhn ist der Kampf; und daher ging er keinen Augenblick ohne Rüstung aus. Da sah er einen ebenfalls von Kopf bis Fuß gewaffneten Ritter auf sich zukommen, der einen hellglänzenden Mond im Schilde führte; und als dieser nah genug war, daß man ihn hören konnte, rief er mit lauter Stimme, seine Worte an Don Quijote richtend: »Erlauchter Ritter und nie nach Gebühr gepriesener Don Quijote von der Mancha, ich bin der Ritter vom weißen Monde, dessen unerhörte Heldentaten dir diesen Namen vielleicht ins Gedächtnis zurückgerufen haben. Ich komme, mit dir zu kämpfen und die Kraft deiner Arme zu erproben, damit du erkennest und gestehest, daß meine Dame, wer sie auch immer sei, ohne allen Vergleich schöner ist als deine Dulcinea von Toboso. Wenn du diese zweifellose Tatsache ohne viel Umstände bekennest, so wirst du dir den Tod ersparen und mir die Mühsal, dir den Tod zu geben; wenn du aber kämpfen willst und ich dich besiege, so verlange ich keine andere Genugtuung, als daß du ein volles Jahr hindurch die Waffen ablegst, dich enthältst, auf die Suche nach Abenteuern zu gehen, dich in dein Dorf heimbegibst und zurückziehst, wo du leben sollst, ohne Hand ans Schwert zu legen, in stillem Frieden und ersprießlicher Ruhe, denn also wird es dir gut sein zur Mehrung von Hab und Gut und zum Heil deiner Seele. Wenn du jedoch mich besiegst, so sollst du über mein Leben verfügen, und meine Waffen und mein Roß sollen deine Beute sein, und der Ruhm meiner Taten soll auf dich und deinen Ruhm übergehen. Nun erwäge, was dir am besten scheint, und antworte mir alsbald; diesen ganzen heutigen Tag habe ich mir zur Frist gesetzt, um diesen Handel zu Ende zu führen.«

Don Quijote war betroffen und staunte höchlich, sowohl ob der Vermessenheit des Ritters vom weißen Mond als auch ob des Grundes dieser Herausforderung; und mit Gelassenheit und strenger Miene gab er ihm zur Antwort: »Ritter vom weißen Monde, dessen Großtaten mir bis jetzt noch nicht zur Kenntnis gelangt sind, ich werde Euch schon zum Eidschwur zwingen, daß Ihr die erlauchte Dulcinea niemals gesehen habt. Wenn Ihr sie gesehen hättet, so weiß ich, Ihr würdet Euch hüten, Euch in eine solche Fehde einzulassen, denn ihr Anblick würde Euch der Selbsttäuschung entreißen und Euch belehren, daß es nie eine Schönheit gegeben hat noch geben kann, die da vermöchte, sich mit der ihrigen zu vergleichen. Und indem ich Euch sonach sage, nicht daß Ihr lüget, sondern daß Ihr in Eurem Vorhaben fehlgeht, nehme ich Eure Forderung an unter den Bedingungen, die Ihr dargelegt habt, und zwar auf der Stelle, damit der Tag, den Ihr dazu bestimmt habt, nicht vorübergehe; von Euren Bedingungen aber nehme ich nur die aus, daß der Ruhm Eurer Heldentaten auf mich übergehen soll, denn ich weiß nicht, worin sie bestehen und welcher Art sie sind; ich bin mit den meinigen begnügt, wie sie nun auch sein mögen. Nehmt also soviel Feld zum Anrennen, als Ihr wünschet, ich werde dasselbe tun, und wem es Gott verleiht, dem gebe Sankt Peter seinen Segen dazu.«

Man hatte von der Stadt aus den Ritter vom weißen Mond bemerkt und dem Vizekönig mitgeteilt, daß er mit Don Quijote von der Mancha Zwiesprache halte. Der Vizekönig glaubte, es sei irgendein neues Abenteuer, das Don Antonio Moreno oder sonst ein Edelmann aus der Stadt ausgeheckt habe, begab sich sogleich mit Don Antonio und mehreren andern Edelleuten seines Gefolges nach dem Strande und kam eben an, als Don Quijote Rosinante umwendete, um den nötigen Anlauf zu nehmen. Als nun der Vizekönig sah, daß die beiden Miene machten, zu wenden und aufeinander anzurennen, warf er sich dazwischen und fragte sie nach dem Grunde, der sie so unversehens zum Kampfe veranlasse. Der Ritter vom weißen Monde antwortete, es handle sich um den Vorrang der Schönheit, und wiederholte ihm in kurzen Worten, was er Don Quijote gesagt, nebst der Annahme der von beiden Teilen aufgestellten Bedingungen der Herausforderung. Der Vizekönig näherte sich Don Antonio und fragte ihn leise, ob er wisse, wer dieser Ritter vom weißen Monde sei, oder ob es eine Posse sei, die man Don Quijote spielen wolle. Don Antonio antwortete ihm, er wisse weder, wer er sei, noch ob die Forderung zum Scherz oder ernst gemeint sei.

Diese Antwort brachte den Vizekönig in Verlegenheit; er wußte nicht, ob er den Kampf vor sich gehen lassen sollte oder nicht. Da er jedoch unmöglich annehmen konnte, daß es etwas andres als Scherz sei, entfernte er sich mit den Worten: »Meine Herren Ritter, wenn es hier kein andres Mittel gibt, als zu bekennen oder zu sterben, und der Señor Don Quijote auf seinem Sinn und Ihr, Ritter vom weißen Mond, auf Eurem Unsinn beharrt, dann sei es so in Gottes Namen, und drauflos!«

Der vom weißen Mond dankte mit höflichen und verständigen Worten dem Vizekönig für die ihnen gewährte Erlaubnis, und Don Quijote tat desgleichen. Der letztere befahl sich von ganzem Herzen dem Himmel und seiner Dulcinea, wie er beim Beginn jedes sich ihm darbietenden Kampfes gewohnt war, nahm hierauf noch etwas mehr Feld zum Anrennen, weil er sah, daß sein Gegner das nämliche tat, und ohne daß eine Trompete oder ein andres kriegerisches Instrument erklang, um ihnen das Zeichen zum Angriff zu geben, wandten sie beide in ein und demselben Augenblick ihre Rosse, und da das des Mondritters schneller war, traf er bei zwei Dritteilen der Kampfbahn mit Don Quijote zusammen und rannte ihn mit so gewaltiger Kraft an, daß er, ohne ihn mit dem Speer zu berühren, welchen er anscheinend absichtlich in die Höhe hielt, Rosinante samt Don Quijote in gefährlichem Fall zu Boden warf. Sogleich stürzte er über ihn her, setzte ihm den Speer auf das Visier und sagte: »Ihr seid besiegt, Ritter; ja Ihr seid des Todes, wenn Ihr nicht bekennet gemäß den Bedingungen unsrer Herausforderung.«

Don Quijote, zerschlagen und betäubt, sprach mit schwacher, kraftloser Stimme, welche, da er das Visier nicht hob, wie aus einem Grabe hervorklang: »Dulcinea von Toboso ist das schönste Weib auf der Welt, und ich bin der unglücklichste Ritter auf Erden, und es wäre nicht recht, wenn diese Wahrheit durch meine Schwäche Eintrag erlitte, stoß zu, Ritter, mit deinem Speer und nimm mir das Leben, da du mir die Ehre genommen.«

»Das werde ich sicherlich nicht tun«, sagte Der vom weißen Mond; »es lebe, es lebe in seinem ungeschmälerten Glanze der Ruhm der Schönheit des Fräuleins Dulcinea von Toboso! Ich begnüge mich schon damit, daß der große Don Quijote sich auf ein Jahr oder bis zu der Frist, die ich ihm setzen werde, auf sein Dorf zurückziehe, wie wir übereingekommen, bevor wir uns in diesen Kampf begaben.«

Der Vizekönig und Don Antonio und viele andere, die zugegen waren, vernahmen dies alles und hörten auch Don Quijote antworten, wenn er nichts von ihm begehre, was zu Dulcineas Nachteil gereiche, so werde er alles andre erfüllen als gewissenhafter und rechter Ritter.

Nach dieser Zusicherung wendete Der vom weißen Mond sein Pferd, verbeugte sich vor dem Vizekönig und ritt in kurzem Galopp in die Stadt. Der Vizekönig befahl Don Antonio, ihm nachzueilen und unter jeder Bedingung zu erforschen, wer er sei. Man hob Don Quijote auf, löste ihm das Visier vom Gesicht und fand ihn bleich und in Schweiß zerfließend. Rosinante war so übel zugerichtet, daß er sich für jetzt nicht rühren konnte. Sancho, tief betrübt und von Kummer ganz niedergedrückt, wußte nicht, was er sagen noch was er tun sollte. Es war ihm, als sei dieses ganze Begebnis im Traum an ihm vorübergegangen und dies ganze Schauspiel nur ein wüster Spuk. Er sah seinen Herrn besiegt und verpflichtet, ein Jahr lang die Waffen nicht anzurühren. Das Ruhmeslicht seiner Heldentaten erschien ihm verdunkelt, die Hoffnung auf seine neuen Versprechungen zu nichts geworden, wie der Rauch im Winde in nichts verweht. Er war in ängstlichen Zweifeln, ob Rosinante lahm bleiben würde oder nicht und ob man seinem Herrn die verdrehten Glieder je wieder einrenken könnte – wiewohl es ein rechtes Glück gewesen wäre, wenn man ihm nur den verdrehten Kopf wieder einrichten könnte.

Endlich wurde Don Quijote in einer Sänfte, die der Vizekönig herbeiholen ließ, nach der Stadt gebracht, und der Vizekönig kehrte ebenfalls dahin zurück, voll Begierde, zu erfahren, wer der Ritter vom weißen Mond sei, der Don Quijote so übel mitgespielt hatte.

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