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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 63
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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62. Kapitel

Das von dem Abenteuer mit dem Zauberkopf und von anderen Kindereien handelt, die unbedingt hier berichtet werden müssen

Don Antonio Moreno hieß der gastliche Wirt Don Quijotes, ein reicher und geistvoller Edelmann und ein Freund eines anständigen und harmlosen Spaßes. Als er jetzt Don Quijote in seinem Hause sah, sann er auf Mittel, dessen Narreteien ans Licht des Tages zu ziehen, ohne ihm jedoch damit zu schaden; denn Possenstreiche hören auf, es zu sein, wenn sie weh tun, und kein Zeitvertreib ist statthaft, wenn er einem Dritten zum Nachteil gereicht.

Das erste, was er tat, war, daß er Don Quijote die Rüstung abnehmen ließ und ihn in seiner engen gemsledernen Kleidung, wie wir ihn schon manchmal beschrieben und geschildert haben, auf einen Balkon hinausführte, der auf eine der Hauptstraßen der Stadt ging, so daß er allen Leuten und den Gassenbuben zur Schau stand, die ihn anstarrten wie einen Affen. Die Herren in Rittertracht hielten aufs neue ihr Rennen vor ihm, als hätten sie sich allein für ihn so geschmückt und nicht, um den festlichen Tag froh zu begehen. Sancho aber war höchst vergnügt, weil er glaubte, er habe, ohne zu wissen wann und wie, wieder eine Hochzeit des Camacho gefunden, wieder ein Haus wie das des Don Diego de Miranda und wieder ein Schloß wie das des Herzogs. An diesem Tage speisten bei Don Antonio einige seiner Freunde, und alle behandelten und ehrten Don Quijote als einen fahrenden Ritter, worüber er, eitel und aufgeblasen, vor lauter Vergnügen schier aus dem Häuschen war. Sanchos spaßhafte Einfälle ergossen sich so reichlich, daß die Diener des Hauses an seinem Munde hingen wie alle, die ihn hörten.

Während sie noch bei Tische saßen, begann Don Antonio zu Sancho: »Wir haben hier gehört, mein wackrer Sancho, Ihr seid ein so großer Freund von gehackten Hühnerbrüsten und Fleischklößchen, daß Ihr, wenn Euch welche übrigbleiben, sie für den andern Tag im Busen aufhebt.«

»Nein, Señor, das ist nicht wahr«, entgegnete Sancho; »ich halte auf Reinlichkeit mehr als aufs gute Essen, und mein Herr Don Quijote, den Ihr hier vor Euch seht, weiß, daß wir beide oft acht Tage mit einer Handvoll Eicheln oder Nüssen aushalten. Freilich trägt es sich einmal zu, und schenkt man mir die Kuh, lauf ich mit dem Strick herzu; ich meine, ich esse, was man mir vorsetzt, und benutze Zeit und Gelegenheit, wie ich sie finde. Wer aber auch immer erzählt haben mag, ich sei ein ganz besonderer und dazu unsauberer Fresser, der mag sich's gesagt sein lassen, er hat nicht das Rechte getroffen; und das würde ich noch ganz anders ausdrücken, wenn ich nicht vor den ehrenwerten Herren im Bart da am Tisch zuviel Achtung hätte.«

»Gewiß«, sagte Don Quijote, »die Genügsamkeit und Reinlichkeit, die Sancho beim Essen beobachtet, darf man auf eherne Tafeln schreiben und eingraben, damit sie zu ewigem Gedächtnis bleiben in den kommenden Jahrhunderten. Allerdings, wenn er Hunger hat, sieht's aus, als schlucke er große Bissen hinunter, denn alsdann ißt er eilig und kaut mit beiden Backen; aber er hält immer die Reinlichkeit hoch, und zur Zeit, wo er Statthalter war, lernte er sogar auf gezierte Manier essen, dergestalt, daß er die Trauben und selbst die Granatkerne mit der Gabel aß.«

»Wie«, fragte Don Antonio, »Statthalter ist Sancho gewesen?«

»Freilich«, antwortete Sancho, »und zwar über eine Insul des Namens Baratária. Zehn Tage habe ich sie regiert, so trefflich, Herz, was begehrst du; dazumalen habe ich meine Ruhe verloren und habe gelernt, alle Statthalterschaften der Welt zu verachten. Ich habe mich von dort geflüchtet, bin in eine Höhle gefallen und habe mich da schon für tot gehalten, bin aber durch ein Wunder wieder lebendig herausgekommen.«

Don Quijote erzählte nun in allen Einzelheiten die ganze Geschichte von Sanchos Statthalterschaft, woran sich die Zuhörer höchlichst ergötzten.

Nachdem abgedeckt war, nahm Don Antonio den Ritter Don Quijote an der Hand und begab sich mit ihm in ein abgelegenes Zimmer, welches mit nichts anderem ausgestattet war als einem Tische, dem Aussehen nach von Jaspis, der auf einem Fuße von demselben Stein ruhte; darauf stand eine Büste nach Art der Brustbilder der römischen Kaiser, welche von Erz zu sein schien. Don Antonio ging mit Don Quijote im ganzen Zimmer hin und her und öfters um den Tisch herum, worauf er sagte: »Jetzt, Señor Don Quijote, wo ich sicher bin, daß uns keiner hört und belauscht und die Tür verschlossen ist, will ich Euer Gnaden eines der seltsamsten Abenteuer oder vielmehr eines der unerhörtesten Wunder zeigen, die man sich vorstellen kann, unter der Bedingung, daß Ihr, was ich Euch sagen werde, in die tiefste Gruft des Geheimnisses verschließt.«

»Das schwör ich«, entgegnete Don Quijote, »ja zu größerer Sicherheit will ich noch eine Steinplatte auf diese Gruft legen; denn ich muß Euch sagen, Señor Don Antonio« – er wußte nämlich schon seinen Namen –, »daß Ihr mit einem Manne redet, der zwar Ohren hat, zu hören, aber keine Zunge, zu sprechen; und daher könnt Ihr mit voller Sicherheit, was Ihr in Eurer Brust hegt, der meinigen anvertrauen und darauf zählen, daß Ihr es in den Abgrund des Stillschweigens versenkt habt.«

»Im Vertrauen auf diese Zusage«, versetzte Don Antonio, »will ich Euch Dinge sehen und hören lassen, die Euch in Verwunderung setzen werden, und will mir zu gleicher Zeit das unangenehme Gefühl erleichtern, daß ich niemanden habe, dem ich meine Geheimnisse mitteilen könnte, da diese nicht derart sind, daß man sie jedem anvertrauen möchte.«

Don Quijote war höchst gespannt, wohin so viele Einleitungen hinauswollten. Indem ergriff Antonio seine Hand und führte sie über den ehernen Kopf, über den ganzen Tisch und über dessen Fuß von Jaspis und sagte dann: »Dieser Kopf, Señor Don Quijote, ist die Arbeit eines der größten Zauberer und Hexenmeister, den die Welt je gekannt; er war, glaub ich, ein Pole und ein Schüler des berühmten Escotillo, von dem so viele Wunder erzählt werden; er war bei mir in meinem Hause, und um den Preis von tausend Goldtalern, die ich ihm gab, verfertigte er diesen Kopf, der die Eigenschaft und Kraft besitzt, auf alle Fragen Antwort zu geben, die man ihm ins Ohr sagt. Der Künstler beobachtete die Richtungen des Windes, zeichnete Zauberfiguren, studierte die Gestirne, beobachtete astrologische Punkte, und nach alledem brachte er das Werk fertig mit der Vollkommenheit, die wir morgen sehen werden, denn freitags ist er stumm, und heute, wo Freitag ist, wird er uns bis morgen warten lassen. Bis dahin könnt Ihr Euch vorbereiten, was Ihr ihn fragen wollt, denn ich weiß aus Erfahrung, daß er bei all seinen Antworten die Wahrheit sagt.«

Don Quijote staunte ob der zauberischen Kraft und Eigenschaft des Kopfes, und beinahe hätte er Don Antonio keinen Glauben geschenkt; aber da er bedachte, wie wenig Zeit nur noch fehle, um den Versuch anzustellen, wollte er ihm nichts weiter sagen, als daß er ihm dafür danke, ein so großes Geheimnis ihm entdeckt zu haben. Sie verließen das Gemach, Don Antonio schloß die Tür mit dem Schlüssel ab, und sie begaben sich nach dem Saal, wo die andern Edelleute sich befanden. Diesen hatte Sancho inzwischen viel von den Abenteuern und Begebnissen erzählt, die seinem Herrn zugestoßen waren.

Am Nachmittag nahmen sie Don Quijote zu einem Spazierritt mit, nicht in Rüstung, sondern im bürgerlichen Straßenanzug, mit einem weiten Überrock von hellbraunem Tuch, der in dieser Jahreszeit den Frost selber zum Schwitzen gebracht hätte. Sie wiesen ihre Diener an, Sancho zu unterhalten und ihn nicht aus dem Hause zu lassen.

Don Quijote ritt nicht auf Rosinante. sondern auf einem hochbeinigen, glänzend aufgeputzten Maulesel mit sanftem Gang. Als sie dem Ritter den Überrock anzogen, hefteten sie ihm, ohne daß er es bemerkte, auf den Rücken ein Pergament, auf das sie mit großen Buchstaben geschrieben hatten: »Dies ist Don Quijote von der Mancha.« Gleich beim Beginn des Rittes zog der Zettel die Augen aller Vorübergehenden auf sich, und da sie die Inschrift lasen, war Don Quijote in beständiger Verwunderung, daß alle, die ihn ansahen, ihn kannten und nannten. Er wendete sich zu Don Antonio, der ihm zur Seite ritt, und sprach: »Groß ist doch der Vorzug des fahrenden Rittertums, daß es den, welcher sich ihm widmet, in allen Landen des Erdenrundes bekannt und berühmt macht. Seht doch nur, Señor Don Antonio, selbst die Gassenjungen in dieser Stadt kennen mich, ohne mich je gesehen zu haben.«

»So ist es, Señor Don Quijote«, erwiderte Don Antonio; »wie das Feuer nicht verborgen und verschlossen bleiben kann, so kann es nicht fehlen, daß die Tugend allbekannt ist, und die Tugend, die sich im Dienste der Waffen bewährt hat, strahlt und thront über allen andern.«

Während nun Don Quijote unter dem ständigen Jubelrufen einherritt, begab es sich, daß ein Kastilianer, der die Inschrift auf dem Rücken gelesen, seine Stimme erhob und rief: »Hol dich der Teufel, wenn du doch Don Quijote von der Mancha bist! Wie hast du nur bis hierher kommen können, ohne daß dich die zahllosen Prügel umgebracht haben, die du auf dem Buckel trägst? Du bist ein Narr, und wärst du es für dich allein und bliebst an der heimatlichen Wohnstätte deiner Narrheit, so wär es noch nicht so arg; aber du hast die Eigentümlichkeit, alle andern, die mit dir umgehen und verkehren, auch zu Narren und zu Verrückten zu machen. Man sehe sich doch nur einmal die Herren an, die neben dir herziehen! Geh heim, verrückter Kerl, zu deinem Hause und kümmre dich um dein Hab und Gut, dein Weib und deine Kinder und laß diese albernen Possen, die dir das Gehirn anfressen und den Rahm von deinem Verstand abschöpfen!«

»Guter Freund«, sagte Don Antonio, »geht Eurer Wege und gebt keinem Euren Rat, der ihn nicht von Euch verlangt. Der Señor Don Quijote von der Mancha ist durchaus verständig, und wir, die wir ihn begleiten, sind auch keine Narren. Man muß das Verdienst ehren, wo es sich findet; und nun geht zum Teufel! Und wo man Euch nicht hinruft, da steckt die Nase nicht hinein.«

»So wahr mir Gott helfe! Euer Gnaden hat recht«, antwortete der Kastilianer; »diesem Biedermann einen Rat geben heißt wider den Stachel locken. Aber trotz alledem tut mir es leid, daß der klare Verstand, den dieser Narr, wie man sagt, in allen andern Dingen zeigt, durch den Kanal seines fahrenden Rittertums abfließt und versickert, und ich und alle meine Nachkommen mögen nach Eurem Wunsche zum Teufel gehen, wenn ich künftig wieder, und würde ich älter als Methusalem, irgendeinem einen Rat gebe, selbst wenn er es von mir verlangt.«

Der Ratgeber zog ab, der Spazierritt nahm seinen weiteren Verlauf; aber der Andrang der Gassenjungen und des andern Volks, um den Zettel zu lesen, war so groß, daß Don Antonio sich genötigt sah, ihn Don Quijote unvermerkt, als wäre es sonst etwas andres, wieder abzunehmen.

Der Abend kam, sie kehrten nach Hause; dort gab es einen Ball, da Don Antonios Gattin, eine feingebildete, heitere, schöne und kluge Dame, ihre Freundinnen eingeladen hatte, um ihrem Gast Ehre zu erweisen und sich an seinen noch nie erlebten Narreteien zu belustigen. Verschiedene von ihnen waren erschienen, es gab ein prachtvolles Abendessen, und etwa um zehn Uhr begann der Ball. Unter den Damen waren zwei, die Scherz und Witz liebten und, obschon von sittsamstem Charakter, sich manchmal einige Freiheiten gestatteten, um dem Scherze Raum zu geben und heitere Stimmung ohne Überdruß zu verbreiten. Diese Damen waren so unablässig bemüht, Don Quijote zum Tanze zu holen, daß er sich zuletzt nicht nur körperlich, sondern auch geistig ganz zerschlagen fühlte. Es war der Mühe wert, Don Quijotes Gestalt zu sehen, lang, ausgestreckt, schlotternd, blaßgelb, eingezwängt in seine Kleidung, linkisch und vor allem nichts weniger als leichtfüßig. Die Dämchen warfen ihm verstohlene Liebesblicke zu, und er zeigte ihnen ebenfalls verstohlen seine Ablehnung; als er sich aber von Zärtlichkeiten zu sehr bedrängt sah, erhob er die Stimme und rief: »Fugite, partes adversae! Laßt mich in Ruhe, ihr argen Gedanken; macht euch von dannen, holde Damen, mit euren Wünschen, denn sie, die meiner Wünsche Königin ist, die unvergleichliche Dulcinea von Toboso, duldet nicht, daß andre als die ihrigen mich unterjochen und knechten.«

Mit diesen Worten setzte er sich mitten im Saal zu Boden, zermalmt und zerschlagen von so unendlicher Tanzübung. Don Antonio hieß ihn aufheben und in sein Bett tragen, und der erste, der Hand anlegte, war Sancho, der zu ihm sprach: »In des Kuckucks Namen, allerliebster Herr, nun habt Ihr mal getanzt! Meint Ihr, alle Helden seien Tänzer und alle fahrenden Ritter Luftspringer? Ich sage Euch, wenn Ihr das denkt, so seid Ihr im Irrtum; mancher mag es wagen, einen Riesen umzubringen, ehe er nur einen Bocksprung macht. Hättet Ihr den Bauerntanz zu tanzen gehabt, da hätte ich für Euch eintreten können, denn den tanze ich wie ein Böcklein; aber was das Balltanzen anbelangt, da laß ich mich nicht drauf ein.«

Mit diesen und ähnlichen Äußerungen brachte Sancho die Ballgäste zum Lachen und seinen Herrn ins Bett; er deckte ihn zu, damit er die Erkältung nach seinem Tanz ausschwitzte.

Am nächsten Tage schien es Don Antonio angemessen, den Versuch mit dem verzauberten Kopf anzustellen, und so schloß er sich denn mit Don Quijote, Sancho und noch zwei Freunden nebst den beiden Damen, welche den Ritter so müde getanzt hatten und diese Nacht bei Don Antonios Gemahlin geblieben waren, in das Zimmer ein, wo der verzauberte Kopf stand. Er erzählte ihnen, welche Eigenschaft der Kopf besitze, erlegte ihnen Stillschweigen auf und bemerkte ihnen, dies sei das erstemal, daß die Kraft des Zauberkopfes erprobt werden solle. Mit Ausnahme der beiden Freunde Don Antonios kannte niemand sonst das Geheimnis dieser Zauberkunst; und hätte Don Antonio es ihnen nicht vorher entdeckt, so wären sie unbedingt in dasselbe Staunen geraten wie die andern, mit solcher Kunst und solchem Geschick war der Kopf eingerichtet.

Der erste, der sich dem Ohr des ehernen Kopfes näherte, war Don Antonio selbst; er fragte ihn mit gedämpfter Stimme, doch so, daß er von allen vernommen werden konnte: »Sage mir, Kopf, vermöge der Kraft, die in dir verborgen ist, welche Gedanken habe ich jetzt?«

Und der Kopf antwortete, ohne die Lippen zu bewegen, mit heller, deutlicher Stimme, so daß seine Worte von allen vernommen wurden: »Über Gedanken habe ich kein Urteil.«

Alle Hörer waren starr vor Erstaunen, zumal sie sahen, daß in dem ganzen Zimmer und rings um den Tisch kein menschliches Wesen war, das hätte antworten können.

»Wieviel sind unser hier?« fragte wiederum Don Antonio, und die Antwort kam ebenso leise: »Hier bist du und deine Frau, mit zwei Freunden von dir und zwei Freundinnen von ihr, und ein weltberühmter Ritter, namens Don Quijote von der Mancha, und ein Schildknappe von ihm, der den Namen Sancho Pansa führt.«

Jetzt begann das Staunen aufs neue; jetzt standen vor Schreck allen die Haare zu Berge. Don Antonio trat von dem Kopfe zurück und sagte: »Dies genügt, um mich zu überzeugen, daß ich von dem Manne nicht betrogen worden bin, der dich mir verkaufte, du weiser Kopf, du redekundiger, orakelspendender, du bewundernswerter Kopf. Jetzt wolle ein andrer hierhertreten und ihn fragen, was er Lust hat.«

Und da die Frauen gewöhnlich alles gern möglichst geschwind wissen möchten, so näherte sich nun zuerst eine der beiden Freundinnen von Don Antonios Gemahlin und fragte: »Sage mir, Kopf, was soll ich tun, um recht schön zu sein?«

»Sei recht sittsam«, lautete die Antwort.

»Ich werde dich nicht wieder fragen«, sagte die Fragerin.

Sofort trat ihre Begleiterin herzu und sprach: »Ich möchte wissen, Kopf, ob mein Gemahl mich liebhat oder nicht.«

Und es kam ihr die Antwort: »Gib acht, wie er sich gegen dich benimmt, dann weißt du es.«

Die junge Frau trat zurück und sagte: »Zu einer solchen Antwort bedurfte es keiner Frage, denn in der Tat erkennen wir die Gesinnung des Menschen an seinem Benehmen gegen uns.«

Hierauf trat einer von Don Antonios zwei Freunden heran und fragte: »Wer bin ich?«

Und es wurde ihm geantwortet: »Du weißt es.«

»Das frage ich dich nicht«, antwortete der Edelmann, »sondern du sollst mir sagen, ob du mich kennst.«

»Allerdings kenne ich dich«, wurde ihm geantwortet, »du bist Don Pedro Noriz.«

»Mehr will ich nicht wissen«, erwiderte Don Pedro, »weil dies mir schon genügt, um einzusehen, o Kopf, daß du alles weißt.«

Er trat beiseite; der andre Freund näherte sich und fragte: »Sage mir, Kopf, was für Wünsche hegt mein Sohn, der Majoratserbe?«

»Ich habe schon gesagt«, wurde ihm geantwortet, »daß ich über Wünsche kein Urteil habe; indessen kann ich dir doch sagen, die deines Sohnes gehen dahin, dich ins Grab zu legen.«

»Das sehe ich mit den Augen und greife es mit den Händen«, sagte der Edelmann, »ich frage nichts weiter.«

Nun trat Don Antonios Gemahlin heran und sagte: »Ich weiß nicht, Kopf, was ich dich fragen soll; nur möchte ich von dir wissen, ob ich mich noch viele Jahre meines guten Mannes erfreuen werde.«

Und es wurde ihr geantwortet: »Ja, du wirst es, denn seine Gesundheit und seine mäßige Lebensweise versprechen ihm ein langes Leben, während viele es durch ihre Unmäßigkeit verkürzen.«

Jetzt trat Don Quijote herzu und sprach: »Sage mir, der du auf alles antwortest, war es Wahrheit oder Traum, was ich von meinen Erlebnissen in der Höhle des Montesinos erzählt habe? Werden die Geißelhiebe meines Schildknappen Sancho zur Wahrheit werden? Wird Dulcineas Entzauberung erfolgen?«

»Über die Geschichte mit der Höhle«, antwortete der Kopf; »läßt sich viel sagen, es ist von allem was daran; mit Sanchos Hieben wird es langsam gehen; Dulcineas Entzauberung wird zu gebührender Vollendung kommen.«

»Mehr will ich nicht wissen«, sagte Don Quijote; »wenn ich nur Dulcinea entzaubert sehe, so ist es mir, als käme auf einen Schlag alles Glück, das ich nur wünschen kann.«

Der letzte Frager war Sancho, und er fragte folgendes: »Bekomme ich, o Kopf, vielleicht noch eine Statthalterschaft zu regieren? Werde ich jemals die Schindereien des Knappenstandes loswerden? Werde ich Weib und Kinder wiedersehen?«

Darauf wurde geantwortet: »Regieren wirst du in deinem Hause, und wenn du heimkehrst, wirst du Frau und Kinder wiedersehen, und wenn du aus deinem Dienste trittst, wirst du des Knappenstandes ledig sein.«

»Sehr gut, beim Himmel!« sagte Sancho Pansa; »das hätte ich mir selber auch sagen können; besser hätte es der Prophet Perogrullo auch nicht gesagt.«

»Dummer Kerl«, sagte Don Quijote, »was willst du denn geantwortet haben? Ist's nicht genug, daß die Antworten, die dieser Kopf gibt, auf die Fragen passen, die man ihm stellt?«

»Freilich ist es genug«, antwortete Sancho; »indessen wollte ich doch, er hätte sich deutlicher erklärt und mir mehr gesagt.«

Hiermit hatten die Fragen und Antworten ein Ende, nicht aber die Bewunderung, die sich aller bemächtigt hatte, ausgenommen die beiden Freunde Don Antonios, die das Geheimnis kannten. Dieses hat Sidi Hamét Benengelí auch sogleich erklären wollen, um die Welt nicht in Spannung und in dem Glauben zu erhalten, daß der Kopf irgendein zauberhaftes und außerordentliches Geheimnis in sich berge. Er sagt daher, daß Don Antonio Moreno nach dem Muster eines andern von einem Holzschnitzer angefertigten Kopfes, den er in Madrid gesehen, diesen in seinem Hause hatte machen lassen, um sich damit zu unterhalten und die Uneingeweihten in Staunen zu setzen. Die Vorrichtung war folgende: die Tischplatte war von Holz, wie Jaspis gemalt und gefirnißt, und ebenso das Fußgestell, an welchem vier Adlerklauen hervorsprangen, um die Last besser zu tragen. Der Kopf, der einer Schaumünze oder vielmehr der Büste eines römischen Kaisers glich und die Farbe des Erzes trug, war hohl, ebenso wie die Tischplatte, in die der Kopf so fest eingelassen war, daß man keine Spur einer Fuge bemerkte. Der Tischfuß war ebenfalls hohl und hing mit Brust und Hals des Kopfes zusammen; und das Ganze stand in Verbindung mit einem andern Gemach, das sich gerade unter dem Zimmer mit dem Kopf befand. Durch diese ganze Höhlung von Fußgestell und Tisch, von Brust und Hals der erwähnten Büste lief eine Blechröhre, die so genau eingefügt war, daß niemand sie bemerken konnte. In dem unteren Zimmer, das mit dem obern in Verbindung stand, befand sich derjenige, der die Antworten zu geben hatte, und hielt den Mund dicht an die Röhre, so daß wie durch ein Sprachrohr die Stimme von oben nach unten und von unten nach oben drang und deutlich vernehmbare Worte mitteilte; auf diese Art war es nicht möglich, hinter die Täuschung zu kommen. Ein Neffe Don Antonios, ein gescheiter und geistreicher Student, gab die Antworten, und da sein Herr Oheim ihn in Kenntnis gesetzt hatte, wer an diesem Tage mit ihm das Zimmer mit dem Kopf besuchen würde, so war es ihm leicht, auf die erste Frage geschwind und richtig zu antworten; die andern beantwortete er mit Hilfe von Vermutungen und als ein kluger Mann auf kluge Weise.

Sidi Hamét sagt ferner, daß dieses wunderbare Kunstwerk etwa zehn oder zwölf Tage lang befragt wurde; nachher aber habe es sich in der Stadt verbreitet, Don Antonio besitze in seinem Haus einen verzauberten Kopf, der jedem auf seine Fragen antworte, und da habe er gefürchtet, die Sache könnte zu den Ohren der wachsamen Hüter unseres Glaubens gelangen. Nachdem er hierauf den Herren Inquisitoren den Sachverhalt dargelegt, geboten sie ihm, den Kopf zu zerstören und sich nicht weiter damit zu befassen, damit die unwissende Menge nicht Ärgernis daran nähme. Aber für Don Quijote und Sancho Pansa blieb der Kopf ein Zauberwerk und Orakelspender; nur war Don Quijote zufriedener mit ihm als Sancho Pansa.

Um Don Antonio gefällig zu sein und um Don Quijote zu ehren, aber auch um diesem Gelegenheit zu geben, seine Torheiten an den Tag zu legen, beschlossen die Edelleute in der Stadt, nach sechs Tagen ein Ringelrennen zu veranstalten; es fand jedoch nicht statt, aus einem Grunde, der später erzählt werden wird.

Don Quijote bekam Lust, die Stadt in einfacher Kleidung und zu Fuße zu durchwandern, da er befürchtete, wenn er zu Pferde käme, würden ihn die Gassenjungen verfolgen; und so ging er denn mit Sancho und zwei Dienern spazieren, die ihm Antonio mitgab. Da geschah es nun, daß er, beim Durchwandern einer Straße zufällig in die Höhe blickend, über einer Tür mit sehr großen Buchstaben angeschrieben sah: »Hier werden Bücher gedruckt.« Darob freute er sich sehr, denn er hatte bis dahin noch nie eine Druckerei gesehen und wollte gern wissen, wie es darin zuging. Er begab sich mit seiner ganzen Begleitung hinein, sah an einer Stelle Druckbogen abziehen, an einer andern korrigieren, hier setzen, dort den Satz verbessern, kurz, die ganze Einrichtung einer großen Druckerei. Don Quijote trat zu einem Setzkasten und fragte, was denn eigentlich hier vorgenommen werde. Die Gehilfen gaben ihm Auskunft; er war voller Bewunderung und ging weiter. Dann trat er zu einem andern Gehilfen und fragte ihn, was er tue; dieser antwortete: »Señor, der Herr hier« – und er zeigte ihm einen Mann von schöner Gestalt und feinem Aussehen und zugleich von würdiger Haltung – »hat ein italienisches Buch in unsre kastilianische Sprache übertragen, und ich setze es für ihn, um es zur Presse zu geben.«

»Welchen Titel hat das Buch?« fragte Don Quijote.

Der Schriftsteller antwortete: »Señor, das Buch heißt auf italienisch Le bagatelle.«

»Und was bedeutet ›Le bagatelle‹ in unsrer Sprache?« fragte Don Quijote.

»›Le bagatelle‹«, sagte der Schriftsteller, »heißt in unsrer Sprache soviel wie ›Kleinigkeiten‹ oder ›Spielereien‹; und obwohl dieses Buch so bescheiden in seinem Namen ist, so enthält und bietet es doch sehr gute Dinge von wesentlichem Wert.«

»Ich verstehe ein wenig Italienisch«, sagte Don Quijote, »und bin stolz darauf, einige Stanzen aus dem Ariost singen zu können. Aber sagt mir doch, mein verehrter Herr – und ich frage das nicht, um Euer Talent auf die Probe zu stellen, sondern nur aus Neugierde –, habt Ihr in Eurem Buch ein oder das andremal das Wort ›pignata‹ gefunden?«

»Gewiß, mehrmals«, antwortete der Schriftsteller.

»Und wie übersetzt Ihr es in unsre Sprache?« fragte Don Quijote.

»Wie soll ich es übersetzen«, entgegnete der Schriftsteller, »als mit ›Topf‹?«

»Nun, beim Himmel droben«, sagte Don Quijote, »wie weit habt Ihr's doch im Italienischen gebracht! Ich wette um etwas ganz Erkleckliches, wo es im Italienischen ›piace‹ heißt, da sagt Ihr in unsrer Sprache ›es gefällt‹, und wo es ›piu‹ heißt, da sagt Ihr ›mehr‹, und das ›su‹ übersetzt Ihr mit ›hinauf‹ und das ›giu‹ mit ›hinab‹.«

»Ganz gewiß übersetze ich es so«, sagte der Schriftsteller, »denn das sind die entsprechenden Ausdrücke.«

»Ich wollte drauf schwören«, sagte Don Quijote, »daß Euch die Welt gar nicht kennt, die sich immer dagegen sträubt, talentvolle Köpfe und preiswürdige Arbeiten zu belohnen. Wie viele Talente gehen weit und breit verloren! wie viele gute Köpfe bleiben im Winkel verborgen! wie viele schöne Gaben werden verkannt! Und trotz alledem scheint es mir, daß es sich mit dem Übersetzen von einer Sprache in die andre – es wäre denn aus den Königinnen unter den Sprachen, der griechischen und lateinischen – so verhält, wie wenn einer flandrische Tapeten von der Rückseite betrachtet; man sieht zwar die Figuren, aber sie werden durch die Menge von Fäden ganz entstellt, und man sieht sie nicht in der Glätte und Farbenfrische der Vorderseite. Das Übersetzen aus nah verwandten Sprachen beweist weder Geist noch Sprachgewandtheit, sowenig wie das Übertragen oder Abschreiben von einem Papier auf das andre. Ich will aber aus dem Gesagten nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß die Arbeit des Übersetzens keine löbliche sei, denn der Mensch könnte sich mit noch schlechteren Dingen beschäftigen und mit solchen, die ihm weniger Nutzen bringen. Davon muß man aber die beiden berühmten Übersetzer ausnehmen, nämlich den Doktor Cristóbal de Figueroa mit seinem Pastor Fido und den andren, Don Juan de Jauregui mit seinem Aminta, deren glücklich gelungene Arbeiten zweifeln lassen, was die Übersetzung ist und was die Urschrift. Aber sagt mir, werter Herr, wird dies Buch auf Eure Kosten gedruckt, oder habt Ihr das Verlagsrecht bereits an einen Buchhändler verkauft?«

»Ich lasse es auf meine Kosten drucken«, antwortete der Schriftsteller, »und denke wenigstens tausend Taler bei dieser ersten Auflage zu verdienen; sie wird aus zweitausend Stücken bestehen, die, zu sechs Realen ein jedes, im Handumdrehen verkauft werden müssen.«

»Ihr versteht Euch vortrefflich auf dies Geschäft!« entgegnete Don Quijote; »man sieht wohl, daß Ihr nicht wißt, was die Buchdrucker Euch ankreiden werden und in welchem Verkehr sie miteinander stehen. Ich sage Euch zum voraus, wenn Ihr Eure zweitausend Stücke auf dem Halse habt, wird Euch das den Hals so zusammenschnüren, daß Ihr von Sinnen kommt, zumal wenn das Buch ein bißchen trocken ist und nichts hat, um die Neugierde zu reizen.«

»Wie denn, verehrter Herr?« sagte der Schriftsteller; »wollt Ihr, ich soll es einem Buchhändler geben, damit er mir für das Verlagsrecht drei Maravedis bezahlt und noch meint, er erweise mir dadurch eine große Gnade? Ich lasse meine Bücher nicht drucken, um Ruhm in der Welt zu erlangen, ich bin ihr schon durch meine Werke bekannt; Nutzen will ich haben, denn ohne den ist der Ruhm nicht einen Pfennig wert.«

»Gott gebe, daß Ihr eine glückliche Hand dabei habt«, entgegnete Don Quijote und ging weiter zu einem andern Setzkasten, wo er einen Bogen eines andern Buches korrigieren sah, das den Titel Licht der Seele trug. »Das sind die Bücher«, sagte er, »obwohl es schon viele dieser Art gibt, die man drucken soll; denn der Sünder sind auch gar viele, die heutzutage leben, und für so viele, die in der Finsternis wandeln, bedarf es unendlicher Erleuchtung.«

Er ging weiter und sah, daß man eben noch ein andres Buch korrigierte; auf seine Frage nach dem Titel antwortete man ihm, es heiße Der zweite Teil des sinnreichen Junkers Don Quijote von der Mancha, verfaßt von einem Gewissen, wohnhaft zu Tordesillas. »Von diesem Buche habe ich schon gehört«, sagte Don Quijote; »und wahrlich, ich sage es aus voller Überzeugung, ich glaubte, dies ungereimte Zeug wäre längst verbrannt und zu Staub zermahlen. Aber sein Sankt-Martins-Tag wird ihm kommen wie jedem Schwein. Erdichtete Erzählungen sind insoweit gut und ergötzlich, als sie sich der Wahrheit oder der Wahrscheinlichkeit nähern, und die wahren sind um so besser, je wahrer sie sind.«

Mit diesen Worten verließ er die Druckerei, nicht ohne einigen Ärger an den Tag zu legen.

Noch am nämlichen Tage traf Don Antonio Anstalt, ihn zur Besichtigung der Galeeren zu führen, die am Strande vor Anker lagen, und Sancho freute sich sehr hierüber, weil er in seinem Leben noch keine gesehen. Don Antonio benachrichtigte den Oberbefehlshaber der Galeeren, er werde an diesem Nachmittage seinen Gast hinführen, den berühmten Don Quijote von der Mancha, von dem der Befehlshaber sowie alle Bewohner der Stadt schon gehört hatten. Was ihm auf den Galeeren begegnete, wird im folgenden Kapitel erzählt werden.

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