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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 62
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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61. Kapitel

Von den Erlebnissen Don Quijotes beim Einzug in Barcelona, nebst mancherlei, worin mehr Wahres als Gescheites enthalten

Drei Tage und drei Nächte verweilte Don Quijote bei Roque, und wenn er dreihundert Jahre verweilt hätte, so hätte er an dessen Lebensweise immer mehr als genug zu beobachten und zu bewundern gefunden. An einem Orte erwarteten sie den Sonnenaufgang, an dem andern aßen sie zu Mittag; einmal flohen sie, ohne zu wissen wovor, ein andermal harrten sie lange, ohne zu wissen worauf. Sie schliefen stehend, dann unterbrachen sie ihren Schlummer, um von einem Orte zum andern zu ziehen. Beständig galt es, Kundschafter aufzustellen, Schildwachen abzuhören, die Lunten ihrer Büchsen anzublasen, obschon sie deren nicht viel hatten, da sie Stutzen mit Feuersteinschlössern benützten. Roque verbrachte die Nächte getrennt von den Seinigen an Orten, die sie nicht erraten konnten; denn die vielen Achtserklärungen, die der Vizekönig in Barcelona gegen ihn erlassen hatte, hielten ihn in beständiger Unruhe und Besorgnis; er wagte sich niemandem anzuvertrauen und fürchtete, daß seine eignen Leute ihn entweder umbringen oder der Gerechtigkeit überliefern würden: gewiß ein elendes, qualvolles Leben.

Endlich zogen Roque, Don Quijote und Sancho mit sechs von den Knappen auf unbetretenen Wegen, auf Nebenpfaden und verborgenen Stegen nach Barcelona. Sie kamen in der Nacht vor dem Johannisfeste am Strande an, Roque umarmte Don Quijote und Sancho, gab letzterem die zehn versprochenen Goldtaler, die er ihm bis jetzt noch nicht ausgehändigt hatte, und verließ sie unter tausend gegenseitigen Höflichkeitsbezeigungen und Freundschaftsversicherungen.

Roque ritt zurück, Don Quijote erwartete so zu Pferde, wie er gekommen, den Tag, und in der Tat dauerte es nicht lange, bis von den Balkonen des Ostens her das Gesicht der hellen Morgenröte sich entschleierte, die Kräuter und Blumen erfreuend, aber freilich nicht das Gehör der Menschen. Indessen bekamen im nämlichen Augenblick die Ohren doch genug des Genusses am Getöse zahlreicher Schalmeien und Mohrentrommeln, man hörte Schellen klingen und das Trapp-Trapp, das »Macht-Platz! Macht Platz!« der Reiter, die offensichtlich aus der Stadt kamen. Die Morgenröte wich der Sonne, die mit einem Angesicht, größer als das Rund eines Schildes, vom tiefsten Horizont allmählich emporstieg. Don Quijote und Sancho ließen ihre Blicke nach allen Seiten schweifen, sie erblickten das Meer, das von ihnen noch nie erschaut worden, und es schien ihnen weit, unermeßlich zu sein, viel größer als die Teiche der Ruidera, die sie in der Mancha gesehen hatten. Sie erblickten die Galeeren, die am Strande vor Anker lagen, ihre Schirmdächer herabließen und sich dann mit Wimpeln und Fähnchen bedeckt zeigten, die im Winde flatterten und die Wogen streiften und küßten; im Innern ertönten Oboen, Trompeten und Schalmeien, welche die Luft nah und fern mit lieblichen und kriegerischen Klängen erfüllten. Die Schiffe begannen sich in Bewegung zu setzen und eine Art von Seegefecht auf den ruhigen Gewässern aufzuführen, und schier ein Seitenstück dazu führten die zahllosen Reiter auf, die auf schönen Rossen und in glänzenden Trachten aus der Stadt herausgeritten kamen. Die Soldaten auf den Galeeren feuerten zahlloses Geschütz ab, worauf die Mannschaften auf den Mauern und Schanzen der Stadt antworteten; das schwere Geschütz krachte mit furchtbarem Donner durch die Lüfte, und ihm antworteten die Kanonen auf dem Verdeck der Galeeren. Das ruhig heitere Meer, das froh bewegte Gestade, die reine Luft, die nur zuweilen durch den Rauch des Geschützes getrübt wurde, schienen aller Welt plötzlich eine freudige Stimmung einzuflößen und neu zu wecken. Sancho konnte nicht begreifen, wie diese mächtigen Körper, die sich im Meere hinbewegten, so viele Füße haben konnten.

Mittlerweile kamen die Männer in Rittertracht mit wildem Rufen, Schlachtgeschrei und Jauchzen herangesprengt bis zu der Stelle, wo Don Quijote voll Staunen und Verwunderung hielt, und einer von ihnen, derselbe, dem Roque die Nachricht hatte zukommen lassen, rief Don Quijote mit lauter Stimme an: »Willkommen sei er in unsrer Stadt, der Spiegel, der Leuchtturm, die Sonne, der Leitstern der gesamten fahrenden Ritterschaft, wie es andern Ortes ausführlicher geschrieben steht! Willkommen sei, sag ich, der streitbare Don Quijote von der Mancha! Nicht der unechte, der gefälschte, der untergeschobene, welchen man uns dieser Tage in erlogenen Geschichten vorgeführt hat, sondern der wahre, rechtmäßige und echte, den uns Sidi Hamét Benengelí beschrieben hat, die Blume aller Geschichtsschreiber.«

Don Quijote erwiderte kein Wort, auch warteten die Reiter nicht auf eine Antwort, sondern sie ritten mit ihrem Gefolge in allerhand Wendungen hin und wider und tummelten sich im Kreise rings um Don Quijote; und dieser wendete sich zu Sancho und sprach: »Diese Herren haben uns richtig erkannt; ich wette, sie haben unsre Geschichte gelesen, ja auch die kürzlich gedruckte des Aragonesen.«

Der Reiter, welcher Don Quijote angeredet hatte, kehrte wieder zu ihm zurück und sagte: »Señor Don Quijote, seid so freundlich, mit uns zu kommen, wir sind insgesamt Eure Diener und nah befreundet mit Roque Guinart.«

Don Quijote antwortete: »Wenn feine Lebensart wiederum feine Lebensart erzeugt, so ist die Eure, Herr Ritter, eine Tochter oder nahe Verwandte derjenigen des großen Roque. Führt mich, wohin es Euch beliebt; ich habe keinen andern Willen als den Eurigen, zumal wenn Ihr ihn für Eure Dienste in Anspruch nehmen wollt.«

Mit nicht weniger höflichen Worten antwortete ihm der Edelmann; dann nahmen sie alle Don Quijote in die Mitte und ritten beim Klange der Schalmeien und Mohrentrommeln mit ihm nach der Stadt. Beim Einzug aber in dieselbe trieb der Böse sein Spiel, der alles Böse anstiftet, im Verein mit den Gassenbuben, die noch böser sind als der Böse; zwei derselben, mutwillig und frech, drängten sich durch die Menge hindurch, einer von ihnen hob dem Esel und der andre dem Rosinante den Schwanz in die Höhe, und sie schoben und befestigten darunter ein paar Büschel Stachelginster. Die armen Tiere spürten diese neue Art von Sporen, und da sie die Schwänze fest andrückten, steigerten sie selbst ihren Schmerz, so daß sie sich bäumten und mit tausend Seitensprüngen ihre Reiter abwarfen. Don Quijote, erzürnt und beschämt, eilte, den Federbusch unter dem Schwanz seiner Mähre hervorzureißen, und ebenso Sancho unter dem seines Grautiers. Don Quijotes Begleiter wollten die Frechheit der Gassenbuben bestrafen, aber das war nicht möglich, da es diesen leicht gelang, sich inmitten von mehr als tausend ihresgleichen, die ihnen nachliefen, zu verbergen. Don Quijote und Sancho stiegen wieder auf, und unter denselben Jubelrufen und Klängen der Musik gelangten sie zum Hause ihres Führers;, dem man an seiner Größe und Schönheit ansah, daß es einem reichen Edelmann gehörte. Hier wollen wir ihn für jetzt lassen, da Sidi Hamét es so will.

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