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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 60
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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59. Kapitel

Worin der außerordentliche Vorfall erzählt wird, welcher Don Quijote begegnete und den man wohl für ein Abenteuer halten darf

Gegen den Staub und die Erschöpfung, welche Don Quijote und Sancho von der unhöflichen Behandlung der Stiere davontrugen, bot ein reiner klarer Quell ihnen Hilfe, den sie in einem kühlen Wäldchen fanden. An dessen Rande setzten sich die beiden Wegemüden, Herr und Diener, und ließen den Grauen und Rosinante frei laufen ohne Halfter und Zügel. Sancho machte sich an den Proviant in seinem Zwerchsack und nahm daraus »etwas Beikost«, wie er es zu nennen pflegte; er spülte sich den Mund aus, und Don Quijote wusch sich das Gesicht, und durch diese Abkühlung gewannen ihre entkräfteten Lebensgeister neue Kraft. Aber Don Quijote mochte vor lauter Verdruß nicht essen, und Sancho wagte aus lauter Höflichkeit nicht, an die Speisen zu rühren, die er vor sich hatte, und hoffte, sein Herr werde durch eigenes Zugreifen ihm das Zeichen zum Essen geben; aber als er sah, daß jener, in seinen Träumereien befangen, gar nicht daran dachte, das Brot zum Munde zu führen, tat er den Mund auf, aber nicht zum Reden, sondern er warf alle gute Lebensart beiseite und begann seinen Vorrat an Brot und Käse in den Magen einzusacken.

»Iß, Freund Sancho«, sprach Don Quijote; »friste das Leben, das dir mehr gilt als mir, mich aber laß sterben unter dem Ansturm meiner Gedanken und der feindlichen Gewalt meines Unglücks. Ich, Sancho, bin geboren, um beständig sterbend zu leben, und du, um essend zu sterben; und daß du erkennst, wie wahr ich rede, sieh mich in Geschichtsbüchern gedruckt, weitberufen im Waffenwerk, voll Anstands in meinem Tun, von Fürsten geehrt, von Jungfrauen umworben, und zuletzt, zuletzt, da ich Palmen, Triumphe und Siegeskränze erhoffte, die meine mannhaften Taten errangen und verdienten, habe ich mich heute morgen niedergetreten und zerstoßen und zermalmt gesehen von den Füßen schmutziger, unflätiger Tiere. Diese Betrachtung stumpft mir die Zähne, lähmt mir die Kinnladen, entkräftet mir die Hände und raubt mir ganz und gar die Lust zu essen, so daß ich gedenke, mich vom Hunger töten zu lassen, die grausamste unter allen Todesarten.«

»Demnach«, sagte Sancho, ohne mit seinem hastigen Kauen aufzuhören, »wird Euer Gnaden mit jenem Sprichwort nicht übereinstimmen: Wenn's gestorben sein soll, eß ich mich erst voll. Ich für mein Teil gedenke mich bestimmt nicht umzubringen, sondern ich mache es lieber wie der Schuster, der mit den Zähnen am Leder zieht, bis er es so lang hat, als er es haben will. Ich will mein Leben mit Essen so lang hinziehen, bis es so weit gelangt, wie der Himmel ihm bestimmt hat. Laßt Euch sagen, Señor, es gibt keine größere Narretei als eine, die freiwillig aufs Verzweifeln ausgeht, wie Euer Gnaden tun will. Folgt mir, erst etwas gegessen, und dann legt Euch ein wenig schlafen auf den grünen Pfuhl des Grases hier, und Ihr sollt sehen, beim Erwachen werdet Ihr Euch nicht wenig erquickt fühlen.«

Don Quijote tat nach dem Rat, da es ihn bedünkte, Sanchos Worte seien eher die eines Weisen als eines Dummkopfs, und er sprach zu ihm: »Wenn du, mein Sancho, für mich tun wolltest, was ich dir jetzt sagen will, dann würde meine Erquickung um so gewisser und mein Kummer nicht so schwer sein; und zwar solltest du, während ich, deinem Rate folgend, schlafe, ein wenig abseits von hier gehen, deinen Leib den Lüften zur Schau stellen und dir auf selbigen mit Rosinantes Zügeln drei- oder vierhundert Geißelhiebe geben, auf Abrechnung der dreitausend und soundso viel, die du dir zur Entzauberung Dulcineas aufmessen sollst; wahrlich, es ist kein geringer Jammer, daß dies arme Fräulein durch deine Saumseligkeit und Vernachlässigung verzaubert bleiben muß.«

»Darüber läßt sich viel sagen«, versetzte Sancho; »für jetzt wollen wir zwei beide schlafen, und nachher steht's bei Gott, was kommen wird. Euer Gnaden muß bedenken, daß es keine Kleinigkeit ist, wenn sich ein Mensch bei kaltem Blute geißeln soll, besonders wenn die Hiebe auf einen schlecht gepflegten und noch schlechter genährten Körper fallen. Unser Fräulein Dulcinea soll Geduld haben, und wenn sie sich's am wenigsten versieht, wird sie's erleben, daß meine Haut vor lauter Hieben zu einem Sieb geworden ist, und solang einer nicht gestorben ist, so lange hat er's Leben; ich meine, auch ich habe noch das Leben nebst dem Wunsche, mein Versprechen zu halten.«

Don Quijote sagte ihm Dank dafür, aß ein wenig und Sancho viel, beide legten sich schlafen und ließen die zwei beständigen Kameraden und Freunde, Rosinante und den Grauen, nach ihrem freien Willen und ohne bestimmte Anweisung auf dem üppigen Grase weiden, das reichlich auf der Wiese wuchs. Sie erwachten etwas spät, stiegen wieder auf, setzten ihren Weg fort und eilten vorwärts, um eine Schenke zu erreichen, die dem Anscheine nach eine Meile von da entfernt sich zeigte; ich sage, es war eine Schenke, denn Don Quijote nannte sie so, ganz gegen seine Gewohnheit, alle Schenken Burgen zu nennen. So kamen sie denn zu der Schenke und fragten den Wirt, ob er sie aufnehmen könne. Dieser bejahte und versicherte sie aller Bequemlichkeit und Pflege, die sie in Zaragoza selbst finden würden. Sie stiegen ab, und Sancho schaffte seinen Proviantsack in ein Zimmer, zu dem ihm der Wirt den Schlüssel gab. Er führte die Tiere in den Stall, gab ihnen ihr Futter, ging dann, um Don Quijote, der auf einer Steinbank saß, nach seinen Befehlen zu fragen, und sagte dem Himmel besonderen Dank dafür, daß sein Herr diese Schenke nicht wieder für eine Burg gehalten habe.

Es kam die Stunde des Abendessens, sie zogen sich auf ihre Zimmer zurück; Sancho fragte den Wirt, was er ihnen zu essen geben könne. Der Wirt antwortete, sie würden nach Herzenslust bedient werden; er möge also nur bestellen, was er wolle, seine Schenke sei versehen mit den Vöglein aus den Lüften, mit dem Geflügel der Erde und mit den Fischen des Meeres.

»Soviel ist nicht nötig«, antwortete Sancho; »mit einem Paar zartgebratener Hähnchen haben wir genug, denn mein Herr ist ein bißchen wählerisch und mag nicht viel essen, und ich bin auch kein so arger Fresser.«

Der Wirt erwiderte, Hähnchen habe er nicht, die Hühnergeier hätten sie geraubt.

»Dann lasse der Herr Wirt ein Huhn braten«, sagte Sancho, »aber zart muß es sein.«

»Ein Huhn? O du meine Güte!« antwortete der Wirt.

»Wahrhaftig, wahrhaftig, gestern habe ich mehr als fünfzig zum Verkauf in die Stadt geschickt, aber außer Hühnern kann Euer Gnaden bestellen, was Ihr wollt.«

»Dann wird's nicht an Kalb- und Ziegenfleisch fehlen«, meinte Sancho.

»Im Hause habe ich jetzt keines«, entgegnete der Wirt, »denn es ist ausgegangen; aber die nächste Woche wird übergenug dasein.«

»Damit kommen wir weit!« entgegnete Sancho; »ich will aber wetten, all dieser Mangel wird am Ende zum Überfluß an Schinken und Eiern, der doch dasein muß.«

»Bei Gott«, rief der Wirt, »es ist ein guter Witz, den mein Gast da macht! Wenn ich Euch gesagt habe, daß ich weder Hühner noch Hähnchen habe, wollt Ihr, ich soll Eier bringen? Denkt, ich bitt Euch, auf andre Leckerbissen und fragt nicht mehr nach Hühnern.«

»So kommt doch in Henkers Namen zur Sache«, schrie Sancho, »und sagt mir endlich, was Ihr habt, und laßt die Redensarten.«

»Herr Gast«, sagte der Wirt, »was ich wahr und wirklich habe, das sind ein paar Ochsenfüße, die wie Kalbsfüße aussehen, oder auch zwei Kalbsfüße, die wie Ochsenfüße aussehen; sie sind gekocht mit ihren zugehörigen Kichererbsen, Zwiebeln und Speck, und jetzt im Augenblick rufen sie beständig: Iß mich auf! Iß mich auf!«

»Die stemple ich auf der Stelle zu meinem Eigentum«, sagte Sancho, »und keiner rühre sie mir an! Ich zahle sie besser als jeder andre, denn für mich wüßte ich nichts, was besser schmeckte, und ich gebe keinen Deut darum, ob es Kalbs- oder Ochsenfüße sind, wenn's nur Klauen sind.«

»Keiner wird daran rühren«, sagte der Wirt; »denn meine andern Gäste führen als vornehme Leute ihren Koch, Vorschneider und Speisevorrat mit sich.«

»Wenn es sich ums Vornehmsein handelt«, versetzte Sancho, »so ist keiner vornehmer als mein Herr; allein der Beruf, dem er obliegt, erlaubt weder Küche noch Keller mitzuführen; wir lagern auf grünem Anger und essen uns satt an Eicheln oder Mispeln.«

So besprach sich Sancho mit dem Wirt; er wollte ihm aber nicht weiter antworten, als der Wirt ihn fragte, welches denn das Amt oder der Beruf seines Herrn sei.

Nun kam die Stunde des Abendessens, Don Quijote zog sich auf sein Zimmer zurück, der Wirt brachte das Gericht, wie er es beschrieben, und setzte sich, um allen Ernstes mitzuessen. Nun geschah es, daß im Zimmer nebenan, welches von dem Don Quijotes nur durch eine dünne Wand von Fachwerk getrennt war, der Ritter folgendes sagen hörte: »Ich bitte Euch um alles, Señor Don Gerónimo, bis man uns das Essen bringt, wollen wir noch ein Kapitel im zweiten Teil des Don Quijote von der Mancha lesen.«

Kaum hörte Don Quijote seinen Namen, als er aufsprang und aufmerksamen Ohres horchte, was von ihm gesprochen werde; und er hörte den erwähnten Don Gerónimo antworten: »Warum wollt Ihr, Señor Don Juan, daß wir den Unsinn lesen, da doch ganz unmöglich, wer den ersten Teil der Geschichte des Don Quijote von der Mancha, gelesen hat, Vergnügen daran finden kann, diesen zweiten zu lesen.«

»Trotzdem mag es nützlich sein, ihn zu lesen«, sagte der Herr, der Don Juan genannt wurde; »denn kein Buch ist so schlecht, daß nicht etwas Gutes darin wäre. Was mir aber in diesem Buche am meisten mißfällt, ist, daß es uns den Don Quijote schildert als einen Mann, der sich seiner Liebe zu Dulcinea von Toboso bereits entschlagen hat.«

Als Don Quijote das hörte, erhob er voll Zorn und Ingrimm seine Stimme und rief: »Wer da auch immer sagt, Don Quijote habe Dulcinea von Toboso vergessen oder könne sie vergessen, dem will ich Schwert gegen Schwert beweisen, daß er weit von der Wahrheit abweicht; denn weder kann die unvergleichliche Dulcinea von Toboso vergessen werden, noch kann in Don Quijotes Busen Vergessenheit Raum finden. Sein Wahlspruch ist die Beständigkeit, und sein Beruf ist, sie zu wahren, mit Freudigkeit, und ohne sich Zwang anzutun.«

»Wer spricht da mit uns?« rief man aus dem andern Zimmer.

»Wer wird's sein«, antwortete Sancho, »als Don Quijote von der Mancha selber, der für alles einstehen wird, was er gesagt hat und auch was er noch künftig sagen wird, denn den guten Zahler drückt kein Pfand.«

Kaum hatte Sancho dies gesprochen, als zwei Edelleute, denn nach ihrem Aussehen mußten es solche sein, zur Tür des Zimmers eintraten; und einer von ihnen schlang die Arme um Don Quijotes Hals und sprach zu ihm: »Euer Aussehen kann Euren Namen nicht Lügen strafen, und Euer Name kann nicht verfehlen, Eurem Aussehen die rechte Bedeutung zu geben. Ihr, Señor, seid ohne Zweifel der wahre Don Quijote von der Mancha, der Polar- und Morgenstern des fahrenden Rittertums, jenem zu Trutz und Ärger, der sich Euren Namen anmaßen und Eure Taten zunichte machen wollte, wie es der Verfasser dieses Buches getan, welches ich Euch hier überreiche.«

Er gab ihm ein Buch in die Hand, das sein Gefährte bei sich hatte; Don Quijote nahm es, und ohne ein Wort zu entgegnen, begann er es durchzublättern; nach kurzer Weile gab er es ihm zurück mit den Worten: »In dem wenigen, was ich hier gesehen, habe ich drei Dinge gefunden, in denen dieser Schriftsteller Tadel verdient. Das erste sind einige Worte, die ich in der Vorrede gelesen; das andre, daß die Sprache Aragonesisch ist, da er manchmal die Artikel ausläßt; und das dritte, was ihn am meisten als unwissenden Menschen kennzeichnet, daß er in dem wichtigsten Punkte der Geschichte irrt und von der Wahrheit abweicht; denn er sagt hier, die Frau meines Schildknappen Sancho Pansa heiße Mari-Gutiérrez, während sie doch Teresa Pansa heißt; und wer in einem solchen Hauptpunkt irrt, von dem kann man auch wohl besorgen, daß er in allen übrigen Punkten der Geschichte irrt.«

Hier fiel Sancho ein: »Ein schöner Kerl von einem Geschichtsschreiber, wahrhaftig! Der muß gut in unsren Erlebnissen zu Hause sein, da er Teresa Pansa, meine Frau, Mari-Gutiérrez nennt. Nehmt das Buch noch einmal, Señor, und seht nach, ob auch ich darin vorkomme und ob er meinen Namen verändert hat.«

»Nach dem, was ich hier eben gehört habe, guter Freund«, sprach Don Gerónimo, »müßt Ihr sicherlich Sancho Pansa sein, der Schildknappe des Señor Don Quijote.«

»Freilich bin ich's«, antwortete Sancho, »und bin stolz darauf.«

»Nun wahrhaftig«, sagte der Edelmann, »dieser neue Schriftsteller behandelt Euch nicht so manierlich, wie Ihr Euch selber zeigt; er schildert Euch als Vielfraß, als einfältigen und keineswegs kurzweiligen Menschen und ganz anders als den Sancho, der im ersten Teil der Geschichte Eures Herrn beschrieben wird.«

»Gott verzeih es ihm«, entgegnete Sancho; »er hätte mich in meinem Winkel sitzen lassen sollen, ohne meiner zu gedenken; denn nur wer Musik kann, soll aufspielen, und Sankt Peter fühlt sich nirgends wohler als in Rom.«

Die beiden Edelleute luden Don Quijote ein, auf ihr Zimmer zu kommen und das Abendessen mit ihnen einzunehmen, denn sie wüßten, daß es in dieser Schenke nichts gebe, was sich für ihn zu essen schicke.

Don Quijote, stets höflich, fügte sich ihrer Bitte und speiste mit ihnen; Sancho blieb zurück als unumschränkter Herrscher über sein kälbernes Gericht, setzte sich am Tisch obenan und neben ihn der Wirt, der nicht weniger als Sancho ein Liebhaber seiner Kalbsfüße oder Ochsenklauen war.

Während des Mahles fragte Don Juan unsern Don Quijote, welche Kunde er von dem Fräulein Dulcinea von Toboso habe, ob sie verheiratet sei und schon Kinder habe oder erst in gesegneten Umständen sei oder ob sie sich noch im Stand einer reinen Jungfrau befinde und unter Wahrung ihrer Keuschheit und guten Sitte der Liebessehnsucht des Señor Don Quijote gedenke.

Darauf antwortete er: »Dulcinea ist Jungfrau und meine Liebe beständiger denn je, unser Gedankenaustausch so spärlich wie immer, ihre Schönheit in die einer unsaubern Bäuerin verwandelt.«

Und sofort erzählte er ihnen Punkt für Punkt die Verzauberung des Fräuleins Dulcinea, sein Abenteuer in der Höhle des Montesinos nebst der Anweisung, die ihm der weise Merlin gegeben, um sie zu entzaubern, nämlich der Anweisung an Sancho, sich zu geißeln. Die beiden Edelleute fanden das höchste Vergnügen daran, Don Quijote die seltsamen Begebnisse seiner Geschichte erzählen zu hören, und sie staunten ebensosehr über seine Narreteien wie über die feingebildete Art, wie er sie erzählte. Bald hielten sie ihn für einen verständigen Menschen, bald sank er vor ihren Augen bis zur Verrücktheit herab, und sie konnten sich nicht entscheiden, welche Stufe sie ihm zwischen Gescheitheit und Tollheit zuweisen sollten.

Als Sancho mit seinem Essen fertig war, verließ er den Wirt, der nur noch torkelte, begab sich zu seinem Herrn aufs Zimmer und sprach beim Eintreten: »Ich will mich totschlagen lassen, meine Herren, wenn der Verfasser dieses Buches, das Euer Gnaden da haben, nicht will, daß wir ein Hühnchen zusammen rupfen sollen. Wenn er mich nun doch einmal einen Vielfraß nennt, wie Euer Gnaden sagen, so möchte ich doch wenigstens, daß er mich nicht auch noch einen Trunkenbold hieße.«

»Doch, er heißt Euch so«, sagte Don Gerónimo; »aber ich erinnere mich nicht mehr genau, mit welchen Ausdrücken er das tut, wenn ich auch ganz genau weiß, daß seine Äußerungen gar schlecht lauten und zudem lügenhaft sind, wie ich das an den Gesichtszügen des wackern Sancho hier deutlich erkenne.«

»Euer Gnaden können mir glauben«, erklärte Sancho, »der Sancho und der Don Quijote in dieser Geschichte müssen ganz andere sein, als die in dem Buche vorkommen, das Sidi Hamét Benengelí verfaßt hat; die letzteren sind wir nämlich selbst: mein Herr, tapfer, verständig und verliebt; und ich, einfältigen Gemüts, kurzweilig und weder ein Fresser noch ein Trunkenbold.«

»Ja, das glaube ich«, sagte Don Juan, »und wenn es möglich wäre, müßte eine Verordnung ergehen, daß niemand sich erdreisten dürfe, über den großen Don Quijote und alles, was ihn betrifft, zu schreiben, außer Sidi Hamét Benengelí, sein erster Geschichtsschreiber, geradeso wie Alexander anordnete, daß keiner sich erkühnen solle, ihn zu malen, außer Apelles.«

»Malen mag mich, wer da will«, bemerkte Don Quijote, »aber mißhandeln lasse ich mich nicht; denn gar manchmal bricht die Geduld danieder, wenn man sie mit Beleidigungen überlastet.«

»Keine Beleidigung«, erwiderte Don Juan, »kann man dem Señor Don Quijote zufügen, die er nicht zu rächen wüßte, falls er sie nicht mit dem Schilde seiner Geduld abwehrt, der meines Dafürhaltens stark und groß ist.«

Unter diesen und andern Gesprächen verging ein großer Teil der Nacht, und obwohl Don Juan wünschte, daß Don Quijote noch mehr in dem Buche lese, um zu sehen, wie er sich darüber auslassen würde, konnte man ihn doch nicht dazu bewegen; er sagte, er nähme es als gelesen an, und erklärte es wiederholt für ein durchaus albernes Buch; er wünsche nicht, daß der Verfasser, wenn er vielleicht erführe, daß er es in Händen gehabt, in der Vorstellung schwelge, daß er es gelesen, weil von unzüchtigen und schändlichen Dingen die Gedanken sich abwenden müßten, wieviel mehr die Augen.

Die beiden fragten ihn, wohin er seine Fahrt zu richten beschlossen habe. Er antwortete, nach Zaragoza, weil er dem Turnier um den Siegespreis des Harnischs beiwohnen wolle, welches in jener Stadt jedes Jahr abgehalten wird. Don Juan machte ihn darauf aufmerksam, diese neue Geschichte erzähle, daß Don Quijote, möge er nun sein, wer er wolle, dort bei einem Ringelrennen zugegen gewesen, dessen Beschreibung ohne alle Erfindungsgabe sei, dürftig an Wappensprüchen, höchst ärmlich an Rittertrachten, doch reich an Albernheiten.

»In diesem Falle«, entgegnete Don Quijote, »werde ich keinen Fuß in die Stadt Zaragoza setzen und auf solche Weise vor der ganzen Welt die Lüge dieses neuen Geschichtsschreibers offenbar machen; dann sollen die Leute sehen, daß ich nicht der Don Quijote bin, von dem jener spricht.«

»Daran werdet Ihr sehr wohl tun«, sagte Don Gerónimo; »es gibt ja auch ein Turnier in Barcelona, bei welchem der Señor Don Quijote seine Tapferkeit wird zeigen können.«

»So gedenke ich zu tun«, sprach Don Quijote; »und nun, weil es Zeit ist, wollet mir Urlaub geben, zu Bette zu gehen, und nehmt mich auf unter die Zahl Eurer ergebensten Freunde und Diener.«

»Mich auch«, sagte Sancho; »vielleicht bin ich künftig einmal auch zu etwas gut.«

Hiermit schieden sie voneinander; Don Quijote und Sancho zogen sich auf ihr Zimmer zurück und ließen Don Juan und Don Gerónimo in großer Verwunderung über die Vermischung von Verstand und Torheit, die der Ritter gezeigt. Jetzt waren sie fest überzeugt, daß dies der echte Don Quijote und der echte Sancho waren, nicht aber jene, die ihr aragonischer Erfinder beschreibt.

Don Quijote stand früh am Morgen auf, klopfte an die Wand des nachbarlichen Zimmers und verabschiedete sich von den Herren, die ihn bewirtet. Sancho bezahlte den Gastwirt reichlich und riet ihm, den Speisevorrat seiner Schenke weniger zu rühmen oder sie mit besserem Vorrat zu versorgen.

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