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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 59
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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58. Kapitel

Welches berichtet, wie so viel Abenteuer auf Don Quijote einstürmten, daß eines dem andern gar keinen Raum ließ

Als Don Quijote sich in freiem Felde sah, ledig und erlöst von den Liebeswerbungen Altisidoras, fühlte er sich ganz in seinem Elemente, als wenn all seine Lebensgeister sich in ihm erneuten, um aufs neue dem Berufe seines Rittertums nachzugehen. Er wendete sich zu Sancho und sprach zu ihm: »Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen; mit ihr können sich nicht die Schätze vergleichen, welche die Erde in sich schließt noch die das Meer bedeckt. Für die Freiheit wie für die Ehre darf und muß man das Leben wagen; Gefangenschaft dagegen ist das größte Unglück, das den Menschen treffen kann. Dies sage ich, Sancho, weil du wohl gesehen hast, welche Gastlichkeit, welchen Überfluß wir in diesem Schloß gefunden haben, das wir jetzt verlassen; und dennoch: bei all jenen üppigen Festmahlen und jenen in Schnee gekühlten Getränken war mir geradeso zumute, als säße ich mitten in den Bedrängnissen des Hungers, denn ich genoß es nicht mit der Freiheit, mit der ich es genossen hätte, wenn alles mein Eigentum gewesen wäre. Die Verpflichtungen, die uns empfangene Wohltaten und Gunstbezeigungen auferlegen, sind Fesseln, die den Geist nicht frei walten lassen. Glücklich, wem der Himmel ein Stück Brot gegeben, ohne daß ihm die Verpflichtung obliegt, einem andern als dem Himmel selbst dafür zu danken.«

»Bei alldem, was Euer Gnaden mir da gesagt hat«, meinte Sancho, »wäre es doch nicht recht, wenn die zweihundert Goldtaler ohne Dank unsrerseits blieben, welche der Haushofmeister des Herzogs mir gegeben und die ich als Magenpflaster und Stärkungsmittel für vorkommende Fälle auf dem Herzen trage; denn wir werden nicht immer Schlösser finden, wo man uns gastlich pflegt; manchmal werden wir auch Schenken antreffen, wo man uns mit Prügeln bewirtet.«

Unter diesen und andern Gesprächen zog der fahrende Ritter mit dem fahrenden Knappen dahin, und sie hatten wenig mehr als eine Meile zurückgelegt, als sie auf dem Gras eines grünen Angers ein Dutzend Männer in Bauerntracht erblickten, die auf ihren Mänteln saßen und speisten. Neben sich hatten sie weiße Leintücher, mit denen etwas zugedeckt war; die Tücher lagen hier aufgebauscht, dort flach ausgebreitet. Don Quijote näherte sich der tafelnden Gesellschaft, und nachdem er sie höflich gegrüßt, fragte er sie, was unter diesen Leintüchern verdeckt liege. Einer aus der Gesellschaft antwortete: »Unter diesen Tüchern haben wir Bildwerke in erhabener und geschnitzter Arbeit; sie sind für einen Altar bestimmt, den wir in unserem Dorfe errichten. Wir tragen sie verdeckt, damit sie ihre Frische nicht verlieren, und auf den Schultern, damit sie nicht zerbrechen.«

»Wenn es euch gefällig ist«, entgegnete Don Quijote, »würde ich mich freuen, sie zu sehen; denn Bilder, die man mit so großer Vorsicht befördert, müssen gewiß vortrefflich sein.«

»Ob sie es sind!« sagte ein andrer; »jedenfalls spricht ihr Preis dafür, denn wahrlich, es ist keines dabei, das nicht auf mehr als fünfzig Taler zu stehen kommt. Damit Euer Gnaden sehen kann, wie wahr dies ist, wartet einen Augenblick, und Ihr sollt mit Euren eignen Augen darüber urteilen.«

Er stand vom Essen auf, nahm die Decke von dem ersten Bilde, und es zeigte sich, daß es den heiligen Georg zu Pferde vorstellte, mit einem Lindwurm, der zu seinen Füßen den Schweif ringelte und dem er mit dem grimmigen Mute, wie man es gewöhnlich darstellt, den Speer in den Rachen stieß. Das ganze Bildwerk war einem goldschimmernden Kleinod zu vergleichen.

Don Quijote betrachtete es und sagte: »Dies war einer der trefflichsten unter den fahrenden Rittern der himmlischen Heerschar; er hieß Sankt Georg und war überdies ein Verteidiger der Jungfrauen. Laßt nun das andre hier sehen.«

Der Mann deckte es auf, und es zeigte sich, daß es der heilige Martin zu Pferde war, wie er seinen Mantel mit einem Armen teilte. Kaum hatte Don Quijote das Bild gesehen, als er sagte: »Auch dieser Ritter gehörte zu den frommen Christen, die auf Abenteuer auszogen, und ich glaube, seine Freigebigkeit war noch größer als seine Tapferkeit, wie du daran sehen kannst, Sancho, daß er seinen Mantel mit dem Armen teilt; er gibt ihm die Hälfte, und es muß damals Winter gewesen sein, sonst hätte er ihm den ganzen Mantel gegeben, so mildtätig war er.«

»Das wird nicht der Grund gewesen sein«, sagte Sancho, »sondern er wird sich an das Sprichwort gehalten haben: Beim Geben wie beim Behalten, Verstand muß da schalten und walten.«

Don Quijote lachte und bat die Leute, auch noch das andre Tuch wegzunehmen; unter diesem kam das Bild des Schutzheiligen Spaniens zum Vorschein, der hoch zu Rosse saß, das Schwert blutig gefärbt und über Schädeln hinreitend. Don Quijote sprach bei dem Anblick: »Auch dieser ist ein Ritter, einer von Christi Heerscharen, er heißt Don Santiago der Maurentöter, einer der streitbarsten Heiligen und Ritter, welche die Welt besessen hat und der Himmel jetzt besitzt.«

Alsbald deckten sie wieder ein andres Tuch auf, unter dem der Sturz des heiligen Paulus von seinem Pferde zu sehen war, nebst allen Umständen, mit denen man auf den Altartafeln seine Bekehrung darzustellen pflegt. Als Don Quijote ihn so lebenstreu abgebildet sah, daß man hätte sagen mögen, Christus rede mit ihm und Paulus antworte, da sprach er: »Dieser war der größte Feind, den die Kirche Gottes unsres Herrn seinerzeit hatte, und der größte Verteidiger, den sie jemals haben wird; für den Glauben war er ein fahrender Ritter im Leben, ein heiliger Streiter festen Fußes im Tode; ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn, der Lehrer der Heiden, der zur hohen Schule den Himmel, zum Lehrer und Meister Jesum Christum selber hatte.«

Da keine weiteren Bilder da waren, bat Don Quijote, sie alle wieder zuzudecken, und sagte zu den Trägern: »Für ein gutes Vorzeichen habe ich es gehalten, meine Freunde, daß ich gesehen habe, was ihr mir gezeigt habt; denn diese Heiligen und Ritter haben sich demselben Werk gewidmet wie ich, nämlich dem Waffenwerk; nur mit dem Unterschied, daß sie Heilige waren und in göttlicher Weise kämpften, ich aber ein Sünder bin und auf menschliche Weise kämpfe. Sie errangen den Himmel durch ihrer Arme Gewalt; denn der Himmel erschließt sich zuweilen der Gewalt, ich aber weiß bis jetzt nicht, was ich durch die Gewalt meiner mühseligen Taten gewinne; doch wenn Dulcinea von ihren Leiden erlöst würde, dann würde mein Schicksal sich erfreulicher gestalten und mein Verstand so aufgehellt werden, daß ich vielleicht meine Schritte einen besseren Weg leiten könnte, als den ich jetzt gehe.«

»Möge Gott das hören und der Vater der Sünden taub sein!« fiel hier Sancho ein.

Die Landleute wunderten sich sehr über Don Quijotes Aussehen wie über seine Äußerungen, deren Sinn sie nicht zur Hälfte verstanden; sie beendeten ihr Mahl, luden ihre Bilder auf, nahmen Abschied von Don Quijote und zogen ihres Weges. Sancho stand da, als hätte er seinen Herrn nie gekannt, abermals staunend, daß er so vieles wisse, und es kam ihm vor, als könnte es keine Geschichte und keinen Vorgang auf der Welt geben, den er nicht an den Fingern herzählen könne und im Gedächtnis habe.

Er sagte zu ihm: »Wahrlich, guter, lieber Herr, wenn man das, was uns heute begegnet ist, ein Abenteuer nennen kann, so war es eines von den angenehmsten und allerliebsten, die uns im ganzen Verlauf unserer Pilgerschaft begegnet sind; aus diesem Abenteuer sind wir ohne Prügel und Angst davongekommen, haben keine Hand ans Schwert gelegt, haben den Boden nicht mit unsren Leibern gemessen und keinen Hunger leiden müssen. Gelobt sei Gott, der mich so etwas mit meinen eignen Augen hat sehen lassen!«

»Wohl gesprochen, Sancho«, erwiderte Don Quijote; »aber du mußt im Auge behalten, daß die Zeiten nicht alle gleich sind und nicht ein Tag ist wie der andere. Was der gemeine Mann gewöhnlich Vorzeichen nennt, die nicht auf natürlichen Vernunftgründen beruhen, die müssen von den Verständigen für Glücksfälle gehalten und als solche beurteilt werden. Einer von jenen abergläubischen Menschen steht morgens früh auf, ihm begegnet ein Bruder vom Orden des heiligen Franziskus, und gerade als wäre ihm ein Vogel Greif entgegengeflogen, wendet er den Rücken und kehrt nach Hause zurück. Ein anderer, ein zweiter Mendoza, verschüttet das Salz auf dem Tische, und gleich überschüttet ihm Trübsinn das ganze Herz, als wenn die Natur die Aufgabe hätte, künftiges Unglück mittels so unbedeutender Dinge wie der erwähnten im voraus anzuzeigen. Ein verständiger Mann und ein Christ hat nicht zu grübeln und nachzusinnen, was der Himmel beschlossen hat. Scipio landet in Afrika, er strauchelt, als er ans Land springt; seine Soldaten halten es für ein schlimmes Vorzeichen; er aber faßt den Boden mit den Händen und ruft: ›Du kannst mir nimmer entgehen, Afrika, denn ich halte dich umfaßt mit meinen Armen.‹ So ist es für mich also nur ein höchst glücklicher Zufall, daß ich diese Bilder auf meinem Weg getroffen habe, Sancho.«

»Das glaube ich auch«, entgegnete Sancho; »aber ich wünschte von Euch zu erfahren, aus welchem Grunde die Spanier, wenn sie in die Schlacht gehen, den Santiago, den Maurentöter, mit den Worten anrufen: ›Santiago, und halte fest, Spanien!‹ Ist Spanien vielleicht so schwach auf den Beinen, daß man es festhalten muß? Oder was ist das für ein seltsamer Brauch?«

»Du bist gar zu einfältig, Sancho«, antwortete Don Quijote. »Bedenke, diesen mächtigen Ritter vom roten Kreuze hat Gott unsrem Spanien als Schutzheiligen gegeben, zumal in den harten Kampfesnöten, die die Spanier mit den Mauren bestanden; und darum rufen sie ihn an und schreien zu ihm als ihrem Verteidiger in allen Schlachten, die sie schlagen, in denen man ihn oft mit Augen gesehen, wie er die Heerhaufen der Araber niederwarf, zu Boden trat, vernichtete und in den Tod schickte; hierfür könnte ich dir viele Beispiele beibringen, die in zuverlässigen spanischen Geschichtsbüchern erzählt werden.«

Sancho gab dem Gespräch eine andere Wendung, indem er zu seinem Herrn sagte: »Ich bin erstaunt, Señor, über die Keckheit Altisidoras, des Hoffräuleins der Herzogin. Der Bursche, den sie Amor heißen, muß sie doch tüchtig verwundet und durchbohrt haben; die Leute sagen, er sei ein blindes Jüngelchen, und obzwar er den Star oder, richtiger gesagt, überhaupt keine Augen hat, wenn er ein Herz, sei es auch noch so ein winziges, zum Ziel nimmt, so trifft er es und schießt es mit seinen Pfeilen durch und durch. Ich habe mir auch sagen lassen, an der Verschämtheit und Zurückhaltung der Jungfrauen täten die Liebespfeile ihre Spitze brechen und stumpf werden; aber an dieser Altisidora scheinen sie eher spitziger als stumpfer zu werden.«

»Du mußt eben bedenken, Sancho«, sprach Don Quijote, »daß die Liebe keine Rücksichten kennt noch sich in vernünftigen Grenzen hält und daß sie genau von derselben Art ist wie der Tod, der über die hohen Burgen der Könige ebenso herfällt wie über die demütigen Hütten der Schäfer. Wenn sie von einem Herzen völlig Besitz ergriffen hat, so ist das erste, was sie tut, daß sie ihm die Scheu und die Scham benimmt, und darum hat ohne Scham Altisidora ihren Wünschen Worte geliehen, die in meinem Busen eher Unmut als schmerzliches Mitgefühl erregten.«

»Das ist ja offenbare Grausamkeit«, sprach Sancho, »eine Undankbarkeit ohnegleichen! Von mir muß ich sagen, mich hätte das kleinste Liebeswort von ihr besiegt und unterworfen. O zum Kuckuck, was für ein Herz von Marmelstein, was für ein Gemüt von Erz, was für eine Seele von grobem Mörtel! Jedoch ich kann mir gar nicht vorstellen, was denn eigentlich das Fräulein an Eurer Person gefunden hat, daß Ihr sie so besiegt und Euch unterworfen habt. Was für ein stattliches Aussehen, was für Jugendglanz, was für Lieblichkeit, was für ein Gesicht, welcher von all diesen Reizen für sich, oder waren es alle zusammen, hat sie verliebt gemacht? Wahrlich, wahrlich, gar oft steh ich da und betrachte Euer Gnaden von der Fußspitze bis zum letzten Haar am Kopfe und sehe immer mehr Dinge zum Abschrecken als zum Verliebtmachen; und da ich auch gehört habe, Schönheit sei die erste und hauptsächlichste Eigenschaft, die verliebt macht, und da Euer Gnaden keine besitzt, so kann ich nicht herausbringen, worein das arme Ding sich verliebt hat.«

»Merke dir, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »daß es zweierlei Schönheiten gibt, die der Seele und die des Körpers. Die der Seele waltet und erscheint im Geiste, in der Sittsamkeit, im edlen Benehmen, in der Freigebigkeit, in der feinen Bildung, lauter Eigenschaften, die sich auch in einem häßlichen Manne finden können; und wenn der Blick sich auf diese Schönheit und nicht auf die des Körpers richtet, pflegen diese Eigenschaften die Liebe mit Ungestüm und größerer Macht als sonst zu entfachen. Ich, Sancho, sehe wohl, daß ich nicht schön bin, aber ich weiß auch, daß ich nicht mißgestaltet bin; und für einen braven Mann, wenn er nur die Gaben der Seele besitzt, die ich aufgezählt habe, genügt es schon, daß er kein Ungeheuer ist, um von Herzen geliebt zu werden.«

Unter solchen Reden und Gegenreden kamen sie in einen Wald abseits vom Wege; und plötzlich, und ohne daß er sich versah, fand sich Don Quijote in ein Netz von grünen Fäden verwickelt, die von einem Baum zum andern ausgespannt waren. Er konnte sich nicht vorstellen, was das sein sollte, und sagte zu Sancho: »Mich bedünkt, die Sache mit diesem Netz muß eines der unerhörtesten Abenteuer sein, die ich mir denken kann. Ich will des Todes sein, wenn die Zauberer, die mich verfolgen, mich nicht darein verwickeln und meinen Weg hemmen wollen, wie zur Rache für den harten Sinn, den ich gegen Altisidora bewiesen; aber ich tue ihnen zu wissen: wenn auch dieses Netz, so wie es aus grünen Fäden geschlungen ist, aus härtestem Demant oder stärker wäre als jenes, womit der eifersüchtige Gott der Schmiede Venus und Mars umstrickt hielt, so würde ich es doch zerreißen, als wäre es aus Seegras oder aus Baumwollfäden.«

Und als er nun vordringen und alles zerreißen wollte, da boten sich plötzlich seinen Blicken, zwischen den Bäumen hervortretend, zwei wunderschöne Schäferinnen; wenigstens waren sie als Schäferinnen gekleidet, nur was sonst Schäferpelze und Bauernröcke sind, das war alles vom feinsten Brokat, und der ganze Anzug bestand aus golddurchwirktem Taft. Ihre Haare hingen ihnen aufgelöst über die Schultern herab und konnten in blondem Schimmer mit den Strahlen der Sonne wetteifern; sie waren bekränzt mit Gewinden aus grünem Lorbeer und rotem Amarant und schienen nicht jünger als fünfzehn und nicht älter als achtzehn Jahre zu sein. Es war ein Anblick, der Sancho in Verwunderung setzte, Don Quijote mit Staunen erfüllte und die Sonne zum Stillstehen zwang, um die beiden Jungfrauen zu schauen; und alle vier standen in wundersamem Schweigen gefesselt.

Wer endlich zuerst zu sprechen begann, das war eine der beiden Hirtinnen, die Don Quijote so anredete: »Hemmt Euren Schritt, Herr Ritter, und zerreißt die Netze nicht, die nicht zu Eurem Schaden, sondern zu unserm Zeitvertreib hier ausgespannt sind; und da ich im voraus weiß, Ihr werdet uns fragen, zu welchem Zwecke wir sie ausgelegt haben und wer wir sind, so will ich es Euch in kurzen Worten sagen, In einem Dorfe, etwa zwei Meilen von hier, wo viele vornehme Familien und viele Junker und reiche Leute wohnen, ist unter einer Anzahl Freunden und Verwandten verabredet worden, mit Söhnen, Frauen und Töchtern, Nachbarn und Bekannten hierherzukommen, um an diesem Orte, der einer der angenehmsten in dieser ganzen Gegend ist, uns dadurch zu erlustigen, daß wir alle zusammen ein neues schäferliches Arkadien schaffen. Wir Mädchen kleiden uns alle als Schäferinnen, die jungen Männer als Hirten; wir haben zwei Schäferspiele einstudiert, das eine von dem weitgepriesenen Dichter Garcilaso, das andere von dem vortrefflichen Camoëns in seiner eigenen portugiesischen Sprache; wir haben sie aber bis jetzt noch nicht aufgeführt. Gestern sind wir hier eingetroffen; wir haben unter diesen Zweigen am Ufer eines wasserreichen Baches, der all diese Wiesen befruchtet, Zelte aufgeschlagen von der Art, die man Reisezelte nennt. In der verflossenen Nacht haben wir hier an den Bäumen diese Netze ausgespannt, um die einfältigen Vöglein zu berücken, damit sie, von unsrem Lärmen aufgeschreckt, hineinfliegen. Ist es Euch angenehm, unser Gast zu sein, Señor, so sollt Ihr freundlich und höflich aufgenommen werden; denn jetzt darf an diesem Ort weder Kummer noch Trübsinn Einlaß finden.«

Hiermit endete sie und schwieg. Don Quijote gab ihr zur Antwort: »Gewiß, schönstes Fräulein, größer konnten das Staunen und die Bewunderung Aktäons nicht sein, da er plötzlich Diana sich in den Fluten baden sah, als meine Überraschung war bei dem Anblick Eurer Reize. Ich lobe die Absicht, Euch hier so zu unterhalten, und für Euer Anerbieten danke ich Euch höflich. Wenn ich Euch dienen kann, so dürft Ihr nur befehlen und könnt sicher sein, Gehorsam zu finden; denn mein Beruf ist kein anderer, als mich dankbar und wohltätig zu erweisen gegen Leute aller Art, zumal gegen so hochgestellte, wie Ihr es offenbar seid. Wenn diese Netze, die wohl nur einen kleinen Raum umfassen können, das ganze Erdenrund umspannten, so würde ich neue Welten aufsuchen, um durch sie mir einen Weg zu bahnen, damit ich Eure Netze nicht zerreißen müßte. Damit Ihr aber meinen hochtönenden Äußerungen einigen Glauben schenket, so beachtet wohl, der Euch dieses verheißt, ist kein Geringerer als Don Quijote von der Mancha, wenn vielleicht dieser Name zu Euren Ohren gedrungen ist.«

»O Herzensfreundin«, sagte hier die andere Schäferin, »welch großes Heil ist uns widerfahren! Siehst du diesen Herrn, den wir vor unsern Augen haben? Wohl denn, so wisse, er ist der tapferste, der verliebteste, der höflichste Ritter von der Welt, wenn anders die Geschichte uns nicht belügt und betrügt, die von seinen Großtaten im Druck verbreitet ist und die ich gelesen habe. Ich will wetten, der wackere Mann, der ihn begleitet, ist ein gewisser Sancho Pansa, sein Schildknappe, mit dessen kurzweiliger Art sich nichts auf der Welt vergleichen läßt.«

»Freilich ist es so«, sprach Sancho; »ich bin der kurzweilige Geselle, der Schildknappe, von dem Euer Gnaden spricht, und dieser Ritter ist mein Dienstherr, derselbige Don Quijote von der Mancha, von dem in Geschichten und Berichten gesagt wird.«

»Ach, liebe Freundin«, rief die andere, »wir wollen ihn bitten zu bleiben, unsere Eltern und Brüder werden sich unendlich darüber freuen. Auch ich habe von seiner Tapferkeit und Liebenswürdigkeit dasselbe gehört, was du sagst, und insbesondere erzählt man von ihm, er sei der treueste und beständigste Liebhaber, den man kennt, und seine Dame sei eine gewisse Dulcinea von Toboso, der man in ganz Spanien die Palme der Schönheit zuerkennt.«

»Mit Recht erkennt man sie ihr zu«, versetzte Don Quijote, »wenn nicht etwa Eure unvergleichliche Schönheit es in Frage stellt. Bemüht euch nicht, meine Fräulein, mich aufzuhalten, denn die ausdrücklichen Vorschriften meines Berufes gestatten mir an keinerlei Stätte zu rasten.«

Inzwischen näherte sich ihnen der Bruder einer der beiden Schäferinnen, ebenfalls als Schäfer und mit einer Pracht und einem Reichtum gekleidet, welcher dem der Schäferinnen gleichkam. Sie erzählten ihm, daß der Mann bei ihnen der mannhafte Don Quijote von der Mancha und der andere sein Schildknappe Sancho sei, von denen er schon gehört habe, da er ihre Geschichte gelesen. Der stattliche Hirt erbot sich ihm zu allen Diensten und bat ihn, mit zu ihren Zelten zu kommen; Don Quijote mußte nachgeben und kam mit. Indem begannen die Jagdgehilfen auf die Büsche zu schlagen, die Netze füllten sich mit mannigfaltigen Vögelein, die, durch die Farbe der Netze getäuscht, sich in die Gefahr stürzten, vor der sie fliehen wollten. Mehr als dreißig Personen kamen nach und nach zusammen, alle prachtvoll als Schäfer und Schäferinnen gekleidet, und augenblicklich waren sie alle in Kenntnis gesetzt, wer Don Quijote und sein Schildknappe seien, und sie waren darob nicht wenig erfreut, da sie schon durch seine Geschichte von ihm erfahren hatten. Alles begab sich nun nach den Zelten; man fand die Tafeln gedeckt und reich, üppig und zierlich besetzt; man erwies Don Quijote alle Ehre, indem man ihm den obersten Platz an der Tafel gab; aller Augen waren auf ihn gerichtet, und alle wunderten sich über ihn.

Als sodann abgedeckt worden, erhob Don Quijote ernst und gelassen seine Stimme und sprach: »Unter den schwersten Sünden, die die Menschen begehen, bezeichnen etliche den Hochmut als die ärgste; ich aber sage, es ist die Undankbarkeit, und ich halte mich dabei an den üblichen Spruch, daß der Undankbaren die Hölle voll ist. Diese Sünde habe ich, soviel an mir lag, immer möglichst zu vermeiden gestrebt von dem Augenblicke an, wo mir der Gebrauch der Vernunft geworden, und wenn ich die guten Werke, die man mir erweist, nicht auch mit guten Werken vergelten kann, so setze ich an deren Stelle den innigen Wunsch, sie zu vollbringen; und wenn dies nicht genügt, so mache ich sie öffentlich bekannt; denn wer die Wohltaten, die er empfängt, öffentlich erzählt und verkündiget, der würde sie auch mit seinen Wohltaten vergelten, wenn er es vermöchte, denn großenteils stehen die, welche empfangen, weit unter denen, welche geben; und so ist Gott über allen, weil er allen der Geber ist, und die Gaben des Menschen können denen Gottes nimmer gleichkommen, da ein unendlicher Abstand dazwischen ist. Aber dieses Unvermögen, diese Armut wird gewissermaßen durch die Dankbarkeit ersetzt. Ich nun, der ich dankbar bin für die Gunst, die man mir hier erwies, und sie nicht im selben Maße vergelten kann, ich halte mich in den engen Grenzen meines Könnens und biete an, was ich vermag und was auf meinem eigenen Felde gewachsen ist; und somit erkläre ich, daß ich zwei Tage, vom Morgen zum Abend, mitten auf dieser Landstraße, die nach Zaragoza führt, gegen männiglich behaupten und verfechten werde, daß diese als Schäferinnen verkleideten Fräulein, die allhier weilen, die schönsten und feinsten Jungfräulein sind, so auf Erden zu finden, ausgenommen nur die unvergleichliche Dulcinea von Toboso, die alleinige Herrin meiner Gedanken; das sage ich mit Gunst und Verlaub aller Ritter und Damen, so mich hören.«

Sancho, der seinem Herrn mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte, schrie bei diesen Worten plötzlich auf und sagte: »Ist's denn möglich, daß jemand auf der Welt sich erfrechen kann, zu sagen und zu beschwören, dieser mein Herr sei ein Narr? Sagt mir, ihr gnädigen Herren Schäfer, gibt's einen Dorfpfarrer, und sei er auch noch so gescheit und studiert, der so reden könnte, wie mein Herr eben geredet hat? Oder gibt es einen fahrenden Ritter, mag er auch noch so sehr im Ruf eines Helden stehen, der so etwas anbieten könnte, was mein Herr eben hier geboten hat?«

Don Quijote wendete sich zu Sancho und sprach mit zornglühendem Gesicht: »Ha, Sancho, kann auf dem ganzen Erdenrund ein Mensch leugnen, daß du ein Dummkopf bist, mit Dummheit ausgefüttert und verbrämt mit allerhand Bosheit und Spitzbüberei? Wer heißt dich an meine Angelegenheiten rühren und erörtern, ob ich gescheit oder verrückt bin? ... Schweig und antworte mir nicht, sondern sattle Rosinante, wenn er abgesattelt ist; wir wollen mein Anerbieten in Ausführung bringen, und da das Recht auf meiner Seite ist, so kannst du jeglichen, der dasselbe zu bestreiten wagen würde, zum voraus als besiegt ansehen.«

In stürmischer Wut und mit allen Zeichen der Entrüstung sprang er von seinem Sitze auf, daß alle Umstehenden staunten und in Zweifel gerieten, ob sie ihn für einen Narren oder für einen verständigen Menschen halten sollten. Indessen wollten sie ihm zureden, doch nicht auf ein derartiges Unternehmen auszuziehen; sie nähmen ja seine dankbare Gesinnung als völlig bekannt an, und es bedürfe keiner neuen Beweise für seinen streitbaren Mut, da diejenigen schon genügten, die in der Geschichte seiner Taten erzählt seien. Aber all dessen unerachtet beharrte er auf der Ausführung seines Vorhabens; er bestieg Rosinante, faßte seinen Schild in den Arm, ergriff seinen Speer und stellte sich mitten auf der Heerstraße hin, die nicht weit von der Flur vorbeiführte. Sancho folgte ihm auf seinem Esel und mit ihm die ganze schäferliche Sippschaft, alle begierig, zu sehen, was es mit seinem kühnen und unerhörten Anerbieten werden sollte.

Don Quijote also, wie gesagt, mitten auf dem Wege haltend, ließ die Lüfte von folgenden Worten widerhallen: »O ihr Wanderer und Wegefahrer, Ritter, Schildknappen, Leute zu Fuß und zu Roß, die ihr dieses Weges kommt oder in den zwei nächsten Tagen kommen werdet! Wisset, daß Don Quijote von der Mancha, ein fahrender Ritter, hier auf dieser Stelle hält, um seine Behauptung zu verfechten, daß alle Schönheit und Liebenswürdigkeit der Welt übertroffen wird von derjenigen, so an den Nymphen glänzet, welche diese Gefilde und Haine bewohnen, ausgenommen allein die holde Dulcinea von Toboso, die Gebieterin meines Herzens. Darum und von dessentwegen, wer entgegengesetzten Sinnes ist, der komme her, hier bin ich seiner gewärtig.«

Zweimal wiederholte er diese nämlichen Worte, und beide Male wurden sie von keinem abenteuernden Ritter vernommen. Jedoch das Schicksal, welches seine Angelegenheiten vom Guten zum Besseren lenken wollte, fügte es so, daß sich gleich nachher auf der Landstraße eine Menge Leute zu Pferd sehen ließen; viele von ihnen mit Speeren in den Händen, ritten sie alle in einem dichten Haufen und in größter Eile dahin. Kaum hatten Don Quijotes Begleiter jene erblickt, als sie die Flucht ergriffen und sich weit von der Straße entfernten; denn sie sahen wohl, daß sie sich einer großen Gefahr aussetzten, wenn sie zögerten. Nur Don Quijote hielt stand mit unerschrockenem Herzen, Sancho aber deckte sich mit Rosinantens Kruppe wie mit einem Schild. Der Trupp der Speerträger kam näher, und einer von ihnen, der voranritt, rief Don Quijote mit lauter Stimme zu: »Mach dich aus dem Wege, du Teufelskerl, sonst werden dich die Stiere dort in Stücke zerstampfen!«

»Ha, Gesindel!« erwiderte Don Quijote, »was gehen mich eure Stiere an, und wären es auch die wildesten, die der Jarama an seinen Ufern züchtet. Bekennet, ihr Schurken, jetzt gleich, bekennet alle auf einen Schlag, daß Wahrheit ist, was ich hier verkündet habe; wo nicht, so sage ich euch Fehde an.«

Der Ochsentreiber fand keine Zeit, zu antworten, und Don Quijote keine, um vom Wege zu weichen, wenn er auch gewollt hätte, und die ganze Herde der wilden Stiere und der zahmen Leitochsen, nebst der Menge von Treibern und andern Leuten, welche die Tiere an den Ort führen wollten, wo am nächsten Tage ein Stiergefecht sein sollte, überrannten Don Quijote und Rosinante, Sancho und den Esel und warfen sie alle zu Boden, daß sie über das Feld hinkugelten, Sancho war wie gerädert, Don Quijote von Entsetzen betäubt, der Esel zerschlagen und Rosinante nicht im besten Zustand; doch endlich rafften sie sich alle wieder auf, und Don Quijote begann in großer Hast, bald stolpernd und bald zu Boden stürzend, der Ochsenherde nachzulaufen und laut zu schreien: »Haltet stand und wartet, schurkisches Gesindel! Ein Ritter allein stellt sich euch, und der ist nicht so geartet und nicht so gesinnt wie die Leute, die da sagen: Man muß dem fliehenden Feind eine goldene Brücke bauen!«

Aber die eilig hinstürmenden Treiber ließen sich dadurch nicht aufhalten und machten sich aus seinen Drohungen nicht mehr als aus den Wolken vom vorigen Jahr. Die Ermattung zwang endlich Don Quijote zurückzubleiben, und vom Laufen geschwächt, jedoch nicht gerächt, setzte er sich am Wege nieder und wartete, bis Sancho, Rosinante und der Graue kamen. Und sie kamen; Herr und Diener stiegen wieder auf, und ohne erst umzukehren, um von dem nachgeahmten oder nachgeäfften Arkadien Abschied zu nehmen, und mehr beschämt als vergnügt, zogen sie ihres Weges weiter.

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