Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Miguel de Cervantes Saavedra >

Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 55
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

54. Kapitel

Welches von Dingen handelt, so diese Geschichte und keine andere betreffen

Der Herzog und die Herzogin beschlossen, der Herausforderung, welche Don Quijote aus dem bereits erwähnten Anlaß gegen ihren Untertan gerichtet hatte, ihren Lauf zu lassen. Da jedoch der junge Mann sich in Flandern befand, wohin er geflüchtet war, um Doña Rodríguez nicht zur Schwiegermutter zu bekommen, so ordneten sie an, daß an seine Stelle ein Lakai aus der Gaskogne treten sollte, namens Tosílos, dem sie vorher genaue Anweisung erteilten, wie er sich zu benehmen habe.

Nach zwei Tagen sagte der Herzog zu Don Quijote, sein Gegner werde in vier Tagen kommen, sich in voller Rüstung auf dem Kampfplatz stellen und mannlich verfechten, daß die Maid in ihren halben Bart, ja in ihren ganzen Bart hineinlüge, wenn sie auf ihrer Behauptung bestehe, daß er ihr die Ehe versprochen habe. Don Quijote freute sich höchlich ob dieser Zeitung; er versprach sich selber, bei dieser Gelegenheit Wunder der Tapferkeit zu verrichten, und er betrachtete es als großen Glücksfall, daß sich ihm eine Gelegenheit darbot, diesen Herrschaften zu zeigen, wie weit sich die Kraft seines gewaltigen Armes erstrecke. Und so wartete er in froher Aufregung und vergnügter Stimmung die vier Tage ab, die in der Rechnung seiner Sehnsucht vierhundert Jahrhunderte ausmachten.

Wir wollen sie vorübergehen lassen, wie wir schon soviel andres haben vorübergehen lassen, und wollen Sancho begleiten, der halb vergnügt, halb traurig auf seinem Grautier dahinzog, seinen Herrn zu suchen, dessen Gesellschaft ihm besser behagte als die Statthalterschaft über alle Insuln der Welt. Es begab sich nun, als er sich noch nicht sehr weit von seiner Statthalterinsul entfernt hatte – es war ihm nämlich nie eingefallen, sich zu erkundigen, ob er eine Insul, eine Stadt, ein Städtchen oder Dorf bestatthalterte –, daß er dort auf seinem Wege sechs Pilger mit ihren Wanderstäben einherkommen sah, die zu jenen Ausländern gehörten, welche mit Gesang um Almosen bitten. Als sie näher kamen, stellten sie sich in eine Reihe, erhoben alle zusammen ihre Stimmen und begannen in ihrer Sprache zu singen, was Sancho nicht verstehen konnte, ausgenommen ein Wort, das deutlich ›Almosen‹ lautete; daraus wurde ihm denn klar, daß es eben ein Almosen war, um was sie in ihrem Gesang baten. Da er nun, wie Sidi Hamét sagt, über die Maßen mildherzig war; so zog er aus seinem Zwerchsack das halbe Brot und den halben Käse, womit er sich versehen hatte, und reichte es ihnen hin, wobei er ihnen durch Zeichen zu verstehen gab, daß er sonst nichts für sie habe. Sie nahmen es sehr gern und sagten in deutscher Sprache: »Geld, Geld.«

»Ich verstehe nicht, was ihr von mir wollt, liebe Leute«, antwortete Sancho.

Da zog einer von ihnen einen Geldbeutel aus dem Busen und wies ihn Sancho hin, woraus diesem klarwurde, daß sie Geld von ihm verlangten; er aber legte den Daumen an die Kehle, hielt die Hand in die Höhe und streckte die Finger aus, womit er ihnen zu verstehen gab, daß er nicht die Spur von Geld habe, spornte seinen Esel und ritt durch sie hindurch. Als er indessen beim Vorüberreiten einen von ihnen aufmerksamer ansah, stürzte dieser auf ihn los, warf ihm die Arme um die Brust und rief laut in gut kastilianischer Sprache: »Gott steh mir bei! Was seh ich? Ist's möglich, daß ich meinen lieben Freund, meinen braven Nachbarn Sancho Pansa in den Armen halte? Ja, er ist's ohne Zweifel; ich liege ja nicht im Schlafe und bin jetzt nicht betrunken.«

Sancho war erstaunt, als er von dem ausländischen Pilger bei Namen genannt und gar umarmt wurde; er sah ihn lange an, ohne ein Wort zu reden, mit größter Aufmerksamkeit, und konnte ihn dennoch nimmer erkennen. Als der Pilger ihn so verlegen sah, sprach er zu ihm: »Wie? Ist's möglich, Sancho Pansa, du alter Freund, daß du deinen Nachbarn Ricote nicht kennst, den Morisken, den Krämer in deinem Dorfe?«

Jetzt betrachtete ihn Sancho mit noch größerer Aufmerksamkeit, stellte sich seine Gesichtszüge aufs neue vor und erkannte ihn zuletzt ganz und gar; und ohne von seinem Tier abzusteigen, warf er ihm die Arme um den Hals und sagte: »Wer zum Teufel hätte dich erkennen sollen, Ricote, in dieser Fastnachtstracht, die du trägst? Sage, wer hat dich zum Franzmann gemacht, und wie traust du dich denn wieder nach Spanien hinein, wo es dir sehr schlecht ergehen wird, wenn sie dich ertappen und erkennen?«

»Wenn du mich nicht verrätst, Sancho«, antwortete der Pilger, »bin ich sicher; in dieser Tracht wird niemand mich erkennen. Aber gehen wir etwas abseits vom Wege nach jenem Wäldchen dort drüben; da wollen meine Kameraden essen und rasten, und dort sollst du mit ihnen essen; es sind sehr freundliche Leute. Da kann ich dir dann auch erzählen, was mir begegnet ist, seit ich unser Dorf verlassen habe, um dem Ausweisungsbefehl Seiner Majestät zu gehorchen, der die unglücklichen Angehörigen meines Volkes mit solcher Strenge bedroht, wie du gehört hast.«

Sancho tat also, Ricote sprach mit den übrigen Pilgern, und diese gingen zu dem Wäldchen hin, das sich vor ihnen zeigte, und entfernten sich ziemlich weit von der Heerstraße. Sie warfen ihre Stäbe hin, legten ihre weiten Kragen oder Pilgermäntel ab und standen nun in ihren Unterkleidern da; alle waren junge, hübsche Leute, außer Ricote, der schon bei Jahren war. Alle hatten Zwerchsäcke bei sich, welche dem Anscheine nach sämtlich wohlgefüllt waren, wenigstens mit solchen Dingen, die die Kehle reizen und den Durst auf zwei Meilen weit herbeirufen. Sie lagerten sich auf dem Boden, machten das Gras zum Tischtuch und legten darauf Brot, Salz, Messer, Nüsse, Stückchen Käse, saubre Schinkenbeine, an denen zwar nichts zu beißen war, an denen sich aber saugen ließ. Sie stellten auch ein schwarzes Gericht auf, das sie Kaviar benannten und das aus Eiern von Fischen besteht – ein großer Dursterwecker! Es fehlte auch nicht an Oliven, die zwar getrocknet und ohne Brühe, doch wohlschmeckend und lecker waren; aber was am herrlichsten war bei all der Herrlichkeit dieses Festmahls, das waren sechs Lederflaschen voll Wein, sechs, denn jeder holte die seinige aus seinem Zwerchsack hervor; und auch der wackre Ricote, der sich aus einem Morisken in einen Deutschen oder Niederländer verwandelt hatte, holte die seinige heraus, die es an Größe mit allen fünfen aufnehmen konnte. Sie begannen nun mit dem größten Behagen und sehr gemächlich zu essen und labten sich so recht an jedem Bissen, den sie nur mit der Messerspitze nahmen, und zwar von jedem Gericht ganz wenig, und dann hoben alle zugleich wie ein Mann die Arme und die Lederflaschen in die Höhe, und jeder legte seinen Mund an den Mund seiner Flasche und blickte starr nach dem Himmel empor, gerade als ob sie nach ihm zielen wollten; und in dieser Stellung, mit den Köpfen nach links und rechts wackelnd zum Zeichen, wieviel Vergnügen ihnen das machte, verharrten sie eine geraume Weile und leerten das Herzblut der Flaschen in ihre Mägen hinunter.

Sancho saß und schaut' es alles; nichts von allem tat ihn schmerzen – im Gegenteil, um dem Sprichwort zu folgen, das er so gut kannte: Kommst du nach Rom, sieh zu, was die andern tun, das tue du, bat er Ricote um die Lederflasche und nahm den Zielpunkt im Himmel wie die andren und mit nicht geringerem Vergnügen als sie. Viermal hielten es die Flaschen aus, daß man sie an den Mund setzte, aber zum fünftenmal war es nicht mehr möglich, denn bereits waren sie dürrer und trockner als Stroh, und das verwandelte die Heiterkeit, die sie bisher an den Tag gelegt, in eine gar trübe Stimmung. Von Zeit zu Zeit legte einer seine rechte Hand in diejenige Sanchos und sagte: »Spanisch und deutsch all eins, gut Kamerad.« Und Sancho antwortete: »Gut Kamerad, schwör Gott!« und brach in ein Lachen aus, das eine Stunde dauerte, und dachte an nichts mehr von allem, was ihm in seiner Statthalterschaft begegnet war; denn über die Zeit, während gegessen und getrunken wird, haben die Sorgen stets nur geringe Gewalt. Das Ende ihres Weinvorrats wurde nun der Anfang eines Schlummers, der sie alle überwältigte, sie schliefen ein auf ihren Tischen und Tischtüchern; nur Ricote und Sancho blieben wach, denn sie hatten mehr gegessen und weniger getrunken.

Ricote führte Sancho abseits, sie setzten sich unter eine Buche nieder und ließen die Pilger in süßen Schlaf versenkt liegen; und Ricote sprach in reinem Kastilianisch, ohne daß er dabei irgendwie über seine Moriskensprache gestolpert wäre, die folgenden Worte: »Wohl weißt du, Sancho Pansa, mein Nachbar und Freund, wie der allgemeine Erlaß und Bannbefehl, den Seine Majestät gegen die Angehörigen meines Volkes verkündigen ließ, alle mit Furcht und Schrecken erfüllte; ich wenigstens war in solcher Angst, daß es mich jetzt bedünkt, ich habe schon vor der Frist, die man uns zur Auswanderung aus Spanien gewährte, die harte Strafe an mir und meinen Kindern selbst vollstreckt. Ich traf nämlich die Anordnung – meiner Meinung nach als vorsorgender Mann, ich meine, als einer, der wohl weiß, daß man ihm in einer bestimmten Zeit das Haus, in dem er lebt, wegnehmen wird, und der daher für ein andres sorgt, um dahin überzusiedeln –, ich richtete es so ein, sage ich, daß ich allein, ohne meine Familie, mein Dorf verließ, um einen Ort zu suchen, wohin ich sie mit Bequemlichkeit bringen könnte, ohne die Übereilung, mit welcher die andern auswanderten. Denn ich sah wohl ein, und ebenso unsre Ältesten, daß diese Erlasse nicht bloß Drohungen waren, wie mancher behauptete, sondern ernstgemeinte Gesetze, die in ihrer bestimmten Frist zur Vollziehung gelangen würden; und dies für wahr zu halten nötigte mich selbst der Umstand, daß ich die verderblichen unsinnigen Anschläge der Unsrigen kannte, die derart waren, daß es mich bedünkt, eine wahrhaft göttliche Eingebung habe Seine Majestät bewegen, einen so mutigen Entschluß in Ausführung zu bringen; nicht weil wir etwa alle schuldig gewesen wären, denn es gab unter uns manchen standhaften wahren Christen, aber ihrer waren so wenige, daß sie denen nicht entgegentreten konnten, die es nicht waren, und es wäre nicht vernünftig gewesen, die Schlange an seinem Busen zu nähren, ich meine, die Feinde im eignen Hause zu behalten.

Kurz, aus gerechten Gründen wurden wir mit der Strafe der Landesverweisung gezüchtigt, die manchen mild und gelinde, uns aber die schrecklichste dünkte, die man uns auferlegen konnte. Wo immer wir sind, weinen wir um Spanien, denn am Ende sind wir doch hier geboren; es ist unser angestammtes Vaterland. Nirgends finden wir die Aufnahme, die unser Unglück verlangen darf, und in der Berberei und in allen Landschaften Afrikas, wo wir hofften, wohlaufgenommen, willkommen geheißen und freundlichst behandelt zu werden, dort kränkt und mißhandelt man uns am meisten. Wir haben unser Glück nicht eher erkannt, als bis wir es verloren hatten, und die Sehnsucht nach Spanien ist bei fast allen den Unsrigen so groß, daß die meisten – und ihrer sind viele –, die die Sprache wie ich verstehen, hierher zurückkehren und ihre Frauen und Kinder schutzlos in der Ferne lassen. So mächtig ist die Liebe, die sie zu Spanien fühlen! Und jetzt erst erkenne ich und erfahre ich an mir die Wahrheit des Spruches: Süß ist die Liebe zum Vaterland.

Ich zog fort, wie gesagt, aus unsrem Dorfe, ging nach Frankreich, und wiewohl man uns dort gut aufnahm, wollte ich mich doch überall umsehen. Ich ging nach Italien, kam nach Deutschland, und dort, kam es mir vor, könne man mit größerer Freiheit weilen, weil die Bewohner des Landes es mit vielen Dingen nicht so genau nehmen; jeder lebt, wie es ihm behagt, denn in dem größten Teile des Landes herrscht Gewissensfreiheit. Nachdem ich zuerst in einem Dorfe nahe bei Augsburg feste Wohnung genommen, schloß ich mich diesen Pilgern an, von denen viele nach ihrer Gewohnheit jährlich nach Spanien ziehen, um die Heiligtümer des Landes zu besuchen, die sie als ihr Indien und als ihr sicherstes Erwerbsmittel und zweifellosen Geschäftsgewinn betrachten. Sie durchwandern fast das ganze Land, und es gibt kein Dorf, aus welchem sie nicht ›gegessen und getrunken‹, wie die Redensart lautet, und mindestens mit einem Real baren Geldes scheiden, und am Ende ihrer Reise ziehen sie mit mehr als hundert Talern Überschuß von dannen; dieses Geld wechseln sie in Gold um, schleppen es aus dem Königreich mit fort, entweder in ihren ausgehöhlten Stäben oder unter den Flicklappen ihrer Pilgermäntel, oder wie sonst ihre List es sie lehrt, und nehmen es in ihre Heimat mit, trotz den Wachen in den Grenzplätzen und Häfen, wo sie durchsucht werden.

Jetzt ist es meine Absicht, Sancho, den Schatz zu holen, den ich vergraben zurückließ; da er außerhalb des Dorfes liegt, kann ich es ohne Gefahr tun. Dann will ich von Valencia aus an meine Tochter und meine Frau, die, wie ich weiß, in Algier sind, schreiben oder zu ihnen hinreisen und ein Mittel aussinnen, wie ich sie nach einem französischen Hafen bringen und von dort nach Deutschland führen kann, wo wir abwarten wollen, was Gott über uns verhängen wird. Denn im Grunde, Sancho, weiß ich doch ganz sicher, daß die Ricota, meine Tochter, und Franziska Ricota, meine Frau, gut katholische Christinnen sind; und wenn ich es auch nicht so völlig bin wie sie, so bin ich doch mehr Christ als Maure und bitte beständig zu Gott, mir die Augen meines Verstandes zu öffnen und mir die Erkenntnis zu geben, wie ich ihm dienen soll. Was mich aber wundert: ich weiß gar nicht, warum meine Frau und meine Tochter lieber nach der Berberei gegangen sind als nach Frankreich, wo sie als Christinnen hätten leben können.«

Sancho entgegnete hierauf: »Bedenke, Ricote, das mochte wohl nicht von ihnen abhängen; denn wer sie mitgenommen hat, war Juan Tiopieyo, der Bruder deiner Frau, und da er wohl ein echter Moslem ist, so ist er dahin gegangen, wo es ihm am angenehmsten schien. Ich kann dir aber noch etwas andres sagen. Ich glaube nämlich, daß du vergeblich suchen willst, was du vergraben hast, denn wir haben erfahren, daß man deinem Schwager und deiner Frau viele Perlen und große Summen in Gold abgenommen hat, die sie heimlich hatten fortschleppen wollen.«

»Das kann wohl sein«, versetzte Ricote; »aber ich weiß, Sancho, sie haben an mein Vergrabenes nicht gerührt, denn ich habe ihnen nicht verraten, wo es sich befand, weil ich irgendeinen Unfall fürchtete. Wenn du also mit mir gehen und mir helfen willst, es auszugraben und es zu verbergen, so gebe ich dir zweihundert Goldtaler, womit du deiner Not abhelfen kannst; denn du weißt ja, ich weiß, daß die bei dir nicht gering ist.«

»Ich würde es schon tun«, erwiderte Sancho, »aber ich bin durchaus nicht habgierig; wäre ich es, so hätte ich nicht heute morgen ein Amt aufgegeben, wo ich die Wände meines Hauses vergolden und vor Ablauf von sechs Monaten von silbernen Tellern hätte essen können. Darum also, und auch weil es mir wie ein Verrat an meinem Könige vorkäme, wenn ich seinen Feinden hülfe, darum will ich nicht mit dir gehen, und wenn du mir auch statt der versprochenen zweihundert Goldtaler vierhundert bar in die Hände gäbst.«

»Und was für ein Amt hast du denn aufgegeben, Sancho?« fragte Ricote.

»Die Statthalterschaft über eine Insul«, antwortete Sancho, »und zwar über eine, daß man wahrlich in der Welt nicht so leicht eine andre finden könnte wie sie.«

»Und wo ist diese Insul?« fragte Ricote.

»Wo?« antwortete Sancho; »zwei Meilen von hier, und sie heist die Insul Baratária.«

»Schweig nur still, Sancho«, sagte Ricote. »Die Insuln liegen weit draußen mitten im Meer, es gibt keine Insuln auf dem festen Land.«

»Was heißt keine?« entgegnete Sancho; »ich sage dir, Freund Ricote, diesen Morgen bin ich aus ihr fort, und gestern hab ich in ihr als Statthalter regiert nach meinem Belieben wie ein Bogenschütz. Aber trotzdem habe ich sie aufgegeben, weil mir das Statthaltern gefährlich vorkam.«

»Und was hat dir die Statthalterschaft eingetragen?« fragte Ricote.

»Sie hat mir eingetragen«, antwortete Sancho, »daß ich zur Einsicht gekommen bin, daß ich zum Regieren nicht tauge, außer etwa über eine Schafherde, und daß die Reichtümer, die man bei solchen Statthaltereien erwirbt, einen die Ruhe und den Schlaf, ja sogar das tägliche Brot kosten, denn auf den Insuln dürfen die Statthalter nur wenig essen, besonders wenn sie einen Arzt haben, der auf ihre Gesundheit sieht.«

»Ich verstehe dich nicht, Sancho«, sagte Ricote; »aber mir scheint, du schwätzt lauter Unsinn. Wer hätte dir Insuln zu regieren geben sollen? Gibt es denn auf der Welt keine geschickteren Leute als dich, um einen Statthalter daraus zu machen? Schweig, Sancho, und komme wieder zu dir und überlege dir, ob du mit mir kommen willst, wie ich dir gesagt, um mir meinen versteckten Schatz heben zu helfen; wahrlich, er ist so groß, daß man ihn wirklich einen Schatz nennen kann, und ich will dir so viel geben, daß du davon leben kannst, wie gesagt.«

»Ich habe dir schon gesagt, Ricote«, versetzte Sancho, »ich will nicht; sei zufrieden, daß ich dich nicht verrate, und setze in Gottes Namen deinen Weg fort und laß mich den meinigen verfolgen; ich weiß, rechtmäßiger Erwerb kann verlorengehen, unrechtmäßiger aber geht verloren und der Besitzer mit.«

»Ich will nicht weiter in dich dringen, Sancho«, sagte Ricote; »aber sage mir, warst du in unsrem Dorf anwesend, als meine Frau, meine Tochter und mein Schwager wegzogen?«

»Freilich war ich anwesend«, antwortete Sancho, »und ich kann dir sagen, als deine Tochter von dannen ging, war sie so schön, daß alles im Dorfe aus den Häusern lief, um sie zu sehen, und jeder sagte, es sei das reizendste Geschöpf von der Welt. Sie ging unter Tränen, umarmte alle ihre Freundinnen und Bekannten und jeden, der da kam, sie zu sehen; und sie bat alle, sie Gott und Unsrer Lieben Frau, seiner Mutter, zu befehlen, und tat das mit so rührendem Ausdruck, daß sie sogar mich zum Weinen brachte, der ich doch sonst nicht so leicht weine. Und wahrhaftig, viele hatten Lust, sie zu verstecken, und wollten ihr nach, um sie unterwegs zu entführen; nur die Furcht, dem Befehl des Königs zuwiderzuhandeln, hielt sie zurück. Besonders Don Gaspár Gregorio zeigte sich höchst leidenschaftlich, jener junge und reiche Majoratsherr, den du kennst, der sie sehr liebhatte, wie die Leute sagen. Seit sie fort ist, hat er sich nimmer in unsrem Dorfe sehen lassen, und wir alle meinten, er sei ihr nach, um sie zu entführen; aber bis jetzt hat man nichts erfahren.«

»Ich hatte immer den Verdacht«, sagte Ricote, »dieser Edelmann sei in meine Tochter verliebt; aber ich vertraue auf die Bravheit meiner Ricota, und es machte mir niemals Kummer, daß er sie liebhatte. Du wirst ja schon gehört haben, Sancho, daß die Moriskinnen sich selten oder nie in Liebeshändel mit Altchristen einlassen, und meine Tochter, die, wie ich glaube, mehr ihr Christentum als die Liebe im Kopfe hatte, würde sich gewiß nie um die Werbungen dieses Majoratsherrn gekümmert haben.«

»Das gebe Gott«, versetzte Sancho, »denn sonst würde es für beide schlimm sein. Jetzt aber laß mich gehen, Freund Ricote; ich will noch heute abend zu meinem Herrn Don Quijote.«

»Gott sei mit dir, Freund Sancho«, sprach Ricote; »meine Kameraden rühren sich schon, und es ist wirklich Zeit, auch unsren Weg fortzusetzen.«

Nun umarmten sich die beiden, Sancho stieg auf seinen Grauen, Ricote nahm seinen Pilgerstab, und so schieden sie voneinander.

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.