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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 54
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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53. Kapitel

Von dem trübseligen Ausgang und Ende, so Sancho Pansas Statthalterschaft genommen

Wer da glaubt, daß hienieden die Dinge dieser Welt immer in demselben Zustande bleiben werden, der lebt in einem großen Irrtum. Im Gegenteil scheint es, daß alles hienieden stets im Kreise geht, ich meine, sich rundum dreht. Dem Frühling folgt der Sommer, dem Sommer der Hochsommer, dem Hochsommer der Herbst, dem Herbst der Winter und dem Winter der Frühling, und so dreht sich die Zeit fort und fort in diesem ewigen Kreislauf. Nur das menschliche Leben eilt zu seinem Ende flüchtiger als die Zeit, ohne die Hoffnung, sich wieder zu erneuern, außer in jenem Leben, das keine Schranken kennt, die es begrenzen.

Also spricht Sidi Hamét, der mohammedanische Weise, denn die Erkenntnis von der Flüchtigkeit und dem Unbestande des irdischen Lebens und der Dauer des ewigen, das wir erhoffen, haben viele gehabt ohne die Leuchte des Glaubens und es lediglich am Lichte der Natur erkannt. Hier aber sagt es unser Autor nur aus Anlaß der kurzen Zeit, die Sanchos Statthalterschaft brauchte, um zu Ende zu gehen, zu zerfallen, sich aufzulösen und wie Schatten und Rauch zu entschwinden.

Sancho lag zu Bett, es war in den Tagen seiner Statthalterschaft die siebente Nacht; er war satt, nicht von Brot und Wein, sondern vom Gerichthalten und vom Erteilen von Gutachten und vom Erlassen neuer Gesetze und Verordnungen; und wie endlich der Schlaf, unerachtet und trotz des Hungers, ihm die Augen zu schließen begann, da hörte er großes Gelärm von Glocken und schreienden Stimmen, als wollte die ganze Insul in den Erdboden versinken. Er setzte sich im Bette aufrecht und horchte, um herauszufinden, was die Ursache eines so großen Aufruhrs sein könnte; aber nicht nur erriet er es nicht, sondern da dem Geschrei und Glockengeläute sich noch der Schall unzähliger Trompeten und Trommeln beigesellte, so wuchs seine Verwirrung noch mehr als seine Angst und sein Entsetzen; er sprang auf die Beine, zog sich wegen der Feuchtigkeit des Bodens Pantoffeln an, und ohne einen Schlafrock oder etwas dergleichen umzuwerfen, lief er zur Tür seines Zimmers; da sah er mit einem Male zwanzig und mehr Leute mit brennenden Fackeln in der Hand und bloßen Schwertern über die Gänge herlaufen, und die schrien überlaut: »Zu den Waffen, zu den Waffen, Herr Statthalter! Auf zu den Waffen! Feinde ohne Zahl sind in die Insul eingedrungen, und wir sind verloren, wenn Eure Vorkehrungen und Eure Tapferkeit uns nicht retten!«

Unter solchem Lärmen, Wüten und Toben drangen sie zur Tür, wo Sancho in Betäubung dastand und in Entsetzen über alles, was er sah und hörte; und als sie ihn erblickten, sprach einer zu ihm: »Euer Gnaden muß sich auf der Stelle waffnen, wenn Ihr nicht verloren sein wollt und nicht die ganze Insul verloren sein soll.«

»Wie, ich soll mich waffnen?« entgegnete Sancho; »aber was weiß ich von Waffen oder von Retten? Solche Sachen überläßt man am besten meinem Herrn Don Quijote, der sie im Handumdrehen in Ordnung bringen wird; ich aber, ich Sünder vor Gott und den Menschen, ich verstehe gar nichts von dergleichen Fechtereien.«

»Oho, Herr Statthalter«, schrie ein andrer, »was soll diese Weichmütigkeit? Euer Gnaden wolle sich sofort waffnen; hier bringen wir Euch Waffen zu Schutz und Trutz, kommt heraus auf den Marktplatz dort, seid unser Führer und unser Hauptmann, denn das gehört sich für Euch als unsern Statthalter.«

»So waffnet mich denn in Gottes Namen«, versetzte Sancho.

Und sogleich brachten sie ihm zwei große Schilde herbei, mit denen sie sich zum voraus versehen hatten, und schnürten sie ihm über das Hemd, ohne ihn erst ein andres Kleidungsstück anziehen zu lassen, einen Schild vorn und einen hinten, zogen ihm die Arme durch ein paar runde Löcher, die sie bereits angebracht hatten, und banden ihn ringsum mit Stricken so fest, daß er eingemauert und in Bretter eingeklemmt dastand, steif und gerade in die Höhe wie eine Spindel, ohne die Knie biegen oder nur einen Schritt tun zu können. Sie gaben ihm einen Speer in die Hand, auf den er sich stützte, um sich nur auf den Füßen halten zu können. Als sie ihn nun so hergerichtet hatten, sagten sie ihm, er solle gehen und sie führen und alle zu Mut entflammen, und da er ihr leuchtendes Merkziel, ihre Laterne und ihr Morgenstern sei, so würden ihre Angelegenheiten gewiß zu gutem Ende kommen.

»Wie soll ich gehen, ich Unglückseliger«, erwiderte Sancho, »wo ich nicht mal die Kniescheiben bewegen kann? Denn daran hindern mich diese Bretter, die mir so dicht ans Fleisch geschnürt sind. Das einzige, was ihr tun könnt, ist: ihr nehmt mich auf die Arme und gebt mir meinen Platz, querliegend oder aufrecht stehend, an irgendeinem Torweg, und den will ich verteidigen, entweder mit diesem Speer oder mit meinem Leibe.«

»Geht doch, Herr Statthalter!« sagte ein dritter, »die Furcht hindert Euch mehr am Gehen als die Bretter; macht fort und rührt Euch, es ist spät, und die Zahl der Feinde wächst, das Geschrei wird stärker, und die Gefahr drängt.«

Auf dies Zureden und diese Vorwürfe versuchte der arme Statthalter, sich zu bewegen, und stürzte alsbald mit einem so gewaltigen Schlag zu Boden, daß er glaubte, er habe sich alle Glieder entzweigebrochen. Er lag da wie eine Schildkröte, die von ihren Schalen umschlossen und überdeckt, oder wie ein Stück Speck, zwischen zwei Mulden eingeklemmt, oder wie ein Kahn, der umgeschlagen im Sande des Ufers liegt. Aber diese Sippschaft, die nur auf Schimpf und Spott ausging, hatte, als sie ihn hinstürzen sah, darum noch kein Erbarmen mit ihm; vielmehr löschten sie die Fackeln aus und erhoben aufs neue ein Geschrei, gewaltiger als zuvor, wiederholten den Ruf »Zu den Waffen!« in stürmischerer Hast, stampften über den armen Sancho weg und führten unzählige Schwerthiebe auf die Schilde, und wenn er nicht die Glieder eingezogen und den Kopf tief zwischen die Schilde gesteckt hätte, so wäre es dem armen Statthalter sehr übel ergangen, der in dieser Enge zusammengekauert schwitzte, ja in Schweiß zerfloß und sich von ganzem Herzen Gott dem Herrn befahl, daß er ihn aus dieser Gefahr erlöse. Etliche strauchelten über ihn, andre fielen auf ihn; ja einer stellte sich eine geraume Weile auf ihn und lenkte von da wie von einer Warte herab die Heere und rief mit lauter Stimme: »Hierher, wer zu den Unsern gehört! Von dieser Seite her drängen die Feinde am heftigsten heran! Die schwache Stelle dort wohl gehütet! Dieses Tor rasch verschlossen! Die Treppen dort verrammelt! Herbei mit Granaten, mit Pech und Harz in Kesseln siedenden Öles! Versperrt die Straßen mit Bettpfühlen!« Kurz, er nannte in wütender Hast allen Plunder und alle Gerätschaften und Werkzeuge des Kriegs, womit man den Sturm auf eine Stadt abzuwehren pflegt, und der arme zerquetschte Sancho, der alles anhörte und aushalten mußte, sagte zu sich selbst: O wollte doch mein Herrgott, diese Insul wäre endlich vollständig verloren und ich wär entweder tot oder aus dieser großen Not erlöst!

Der Himmel hörte sein Flehen, und als er es am wenigsten zu hoffen wagte, hörte er plötzlich ringsher rufen: »Sieg, Sieg! Die Feinde, geschlagen, ziehen ab! Auf, Herr Statthalter, Euer Gnaden wolle sich erheben und sich des Sieges freuen und die Beute verteilen, die durch die Heldenhaftigkeit dieses unbesiegbaren Armes den Feinden abgenommen worden.«

»Hebt mich auf«, sagte mit schmerzlich zitternder Stimme der schmerzensreiche Sancho.

Sie halfen ihm auf, und als er auf seinen Füßen stand, sagte er: »Der Feind, den ich besiegt haben soll, den soll man mir meinetwegen auf die Stirne nageln. Ich will nicht Beute von Feinden verteilen, sondern einen Freund, sofern ich einen habe, bitten und anflehen, mir einen Schluck Wein zu geben, denn ich verschmachte, und mir den Schweiß abzutrocknen, denn ich zerfließe zu Wasser.«

Sie trockneten ihn ab, brachten ihm den Wein, banden ihm die Schilde ab; er setzte sich auf sein Bett und wurde ohnmächtig von der Angst, dem Schrecken und der erlittenen Drangsal. Den Anstiftern der bösen Posse tat es schon leid, sie bis zu einem so bitteren Ernste getrieben zu haben; aber seine sofortige Rückkehr zur Besinnung mäßigte das unerquickliche Gefühl, das seine Ohnmacht bei ihnen hervorgerufen hatte. Er fragte, wieviel Uhr es sei; sie antworteten ihm, der Morgen breche schon an. Er schwieg, und ohne weiter ein Wort zu sagen, begann er sich anzukleiden, in tiefe Stille versenkt, und alle schauten ihm gespannt zu, voll Erwartung, was sein eilfertiges Ankleiden bedeuten möge.

Illustration

Endlich war er fertig, und Schritt für Schritt, denn er war ganz gerädert und vermochte nicht schnell zu gehn, begab er sich nach dem Stalle, und alle folgten ihm dahin. Er ging zu seinem Grauen, umarmte ihn, gab ihm einen Friedenskuß auf die Stirn und sprach zu ihm, nicht ohne Tränen in den Augen: »Komm du her, du mein Kamerad, mein Freund und Miterdulder meiner Drangsale und Leiden. Als ich mit dir eines Sinnes hinlebte und keine anderen Gedanken hatte, als daß ich dafür sorgen müßte, dein Geschirr zu flicken und dein Bäuchlein zu pflegen, da waren meine Stunden, meine Tage und meine Jahre glückselig; aber seit ich dich verlassen und auf die Turmhöhe des Ehrgeizes und Hochmutes gestiegen, seitdem sind mir tausend Quälereien, tausend Drangsale und zehntausend Kümmernisse in die Seele gedrungen.«

Während er diese Worte sprach, sattelte er zugleich seinen Esel, ohne daß jemand ein Wort sagte; und sobald der Sattel aufgelegt war, stieg er mit großen Schmerzen und Beschwerden auf seinen Grauen, wandte sich zu dem Haushofmeister, dem Geheimschreiber, zu dem Truchseß und zu Peter Stark, dem Doktor, und zu den andern, die in großer Zahl zugegen waren, und sprach: »Macht Platz, meine Herren, und laßt mich zu meiner alten Freiheit zurückkehren; laßt mich wieder mein vergangenes Leben aufsuchen, damit ich auferstehe aus diesem jetzigen Tode. Ich bin nicht geboren, ein Statthalter zu sein, noch Insuln oder Städte zu verteidigen gegen die Feinde, die sie angreifen wollen. Besser verstehe ich mich darauf, zu ackern und zu graben, Reben zu beschneiden und zu stocken, als Gesetze zu geben oder Länder und Königreiche zu verteidigen. Am wohlsten ist es dem heiligen Petrus in Rom; ich meine, jedem ist es am wohlsten, wenn er das Gewerbe treibt, für das er geboren ist. Eine Sichel steht mir besser zur Hand als eines Statthalters Zepter; lieber will ich mich an einer Krautsuppe satt essen als mich der Quälerei eines aufdringlichen Arztes unterwerfen, der mich durch Hunger umbringen will; und lieber will ich mich sommers in dem Schatten einer Eiche zur Rast legen und winters mich in einen abgeschabten Schafpelz wickeln und dabei in meiner Freiheit bleiben, als in der Knechtschaft einer Statthalterei unter Bettlaken von feinem Linnen liegen und mich in Zobelpelz kleiden. Gott sei mit euch, ihr Herren, und sagt meinem gnädigen Herzog: Nackt bin ich heut, nackt ward ich geboren, hab nichts gewonnen und nichts verloren; ich meine, ich bin ohne einen Pfennig in diese Statthalterschaft gekommen, und ohne einen Pfennig verlasse ich sie wieder, ganz gegen die Gewohnheit anderer Statthalter, wenn sie aus anderen Insuln scheiden. Jetzt tretet beiseite und laßt mich gehen, ich will mir Pflaster auflegen; ich glaube, alle meine Rippen sind mir zerquetscht dank den Feinden, die heute nacht auf mir herumspaziert sind.«

»Nein, das darf nicht sein, Herr Statthalter«, sagte der Doktor Stark; »ich will Euer Gnaden ein Tränklein geben, das gegen die Schmerzen vom Fall und gegen die Quetschungen hilft und Euch sofort in Eurer vorigen Gesundheit und Kraft wiederherstellt. Was aber das Essen betrifft, so verspreche ich Euer Gnaden, mich zu bessern und Euch in Fülle essen zu lassen, worauf Ihr nur Lust habt.«

»Zu spät«, antwortete Sancho; »ebenso sicher verzichte ich aufs Fortgehen, wie ich ein Türke werde. Solche Späße erträgt man nicht zweimal. Bei Gott, ebensowenig bleibe ich bei dieser Statthalterschaft oder nehme eine andre an, und wenn man sie mir auf dem Präsentierteller reichte, als ich ohne Flügel gen Himmel fliege. Ich bin aus dem Geschlecht der Pansas, die alle einen harten Kopf haben, und wenn sie einmal ungerade sagen, so bleibt's bei ungerade, wenn auch gerade geworfen ist, der ganzen Welt zu Trotz. In diesem Stalle sollen die Flügel abfallen, die mir, der Ameise, gewachsen waren und mich in die Luft emportrugen, um von den Schwalben und andren Vögeln gefressen zu werden; wir wollen wiederum unten auf ebnem Boden die Füße aufsetzen, und wenn auch diese Füße nicht mehr in verzierten Schuhen von Korduan prangen, so wird es ihnen doch nicht an Bauernlatschen aus Hanfschnüren fehlen; jeder geselle sich zu seinesgleichen, jeder strecke sich nach der Decke. Jetzt aber laßt mich fort, es wird mir schon zu spät.«

Darauf sagte der Haushofmeister: »Herr Statthalter, wir wollen Euer Gnaden recht gern ziehen lassen, sosehr es auch uns leid tun wird, Euch zu verlieren; denn ob Eurer Talente und Eures wahrhaft christlichen Verfahrens willen müssen wir notwendig Euer Bleiben wünschen. Allein es ist bekannt, daß jeder Statthalter verpflichtet ist, ehe er von dem Sitze seiner Statthalterschaft scheidet, vorher Rechenschaft abzulegen. Legt Rechenschaft ab über die zehn Tage, die Ihr das Amt innegehabt, und dann mögt Ihr mit Gott in Frieden hinziehen.«

»Keiner kann Rechenschaft von mir fordern«, entgegnete Sancho, »außer wen der Herzog, mein Herr, dazu verordnen will; ich will eben zu ihm gehen, und ihm werde ich sie aufs allerbeste ablegen. Zudem, wenn ich so nackt aus dem Amt gehe, wie ich es tue, so bedarf es keines andren Beweises, daß ich regiert habe wie die lieben Engelein.«

»Bei Gott, der große Sancho hat recht«, sagte der Doktor Stark, »und ich bin der Meinung, wir lassen ihn ziehen, denn der Herzog wird unendlich erfreut sein, ihn wiederzusehen.«

Alle waren damit einverstanden und ließen ihn gehen, nachdem sie ihm ihre Begleitung angeboten sowie alles sonstige, was er zur Pflege seiner Person und zur Bequemlichkeit seiner Reise wünschen möchte. Sancho antwortete, er wünsche nichts weiter als ein wenig Gerste für seinen Grauen und einen halben Käse und ein halbes Brot für sich; denn da der Weg so kurz sei, so habe er keinen größern noch bessern Speisevorrat nötig. Sie umarmten ihn alle, und auch er umarmte sie alle unter Tränen und ließ sie voll Verwunderung zurück, sowohl über seine Äußerungen als über seinen so festen und so verständigen Entschluß.

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