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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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50. Kapitel

Worin dargelegt wird, wer die Zauberer und Peiniger waren, so die Kammerfrau pantoffelierten und Don Quijote kneipten und kratzten, nebst den Erlebnissen des Edelknaben, der den Brief an Teresa Pansa, die Hausfrau Sancho Pansas, überbrachte

Es sagt Sidi Hamét, der überaus gründliche Erforscher jedes kleinsten Pünktchens in unserer Geschichte, daß damals, als Doña Rodríguez sich aus ihrem Gemach entfernte, um sich in Don Quijotes Zimmer zu begeben, eine andere Zofe, die mit ihr zusammen schlief, es gewahr wurde; und wie nun denn alle Zofen gar gern alles hören, sehen und riechen, so schlich sie ihr so leise nach, daß die biedere Doña Rodríguez es nicht merkte; sobald sie jene in Don Quijotes Zimmer eintreten sah, lief sie augenblicks, getreu dem allgemeinen Brauch der Zofen, die Klatschbasen zu spielen, zu ihrer gnädigen Frau, der Herzogin, um ihr zu hinterbringen, daß Doña Rodríguez sich im Gemach Don Quijotes befinde. Die Herzogin sagte es dem Herzog und bat ihn um die Erlaubnis, mit Altisidora hinzugehen, um festzustellen, was die Kammerfrau bei Don Quijote wolle. Der Herzog war einverstanden, und beide schlichen sich vorsichtig und leise bis vor die Türe des Gemaches und stellten sich so dicht daran, daß sie alles vernahmen, was drinnen gesprochen wurde.

Als nun die Herzogin hörte, wie die Rodríguez das reichquellende Aranjuez ihrer Fontänen an die große Glocke hing, konnte sie es nicht länger aushalten, und Altisidora ebensowenig; zornerfüllt und rachedürstend stießen sie die Tür auf, stürzten ins Zimmer, peinigten Don Quijote und zerbleuten die Kammerfrau auf die bereits erzählte Weise; denn Beleidigungen, die geradewegs gegen die Schönheit und Eitelkeit der Weiber gerichtet sind, erwecken einen besonderen Ingrimm und entzünden Rachgier in ihnen. Die Herzogin berichtete sodann dem Herzog, was vorgefallen, worüber er großes Vergnügen empfand; und da sie Don Quijote noch immer weiter zum besten haben und sich die Zeit mit ihm vertreiben wollte, so sandte sie den Edelknaben, der die Rolle der Dulcinea bei dem wohlgeplanten Schauspiel von ihrer Entzauberung gespielt – welches Sancho Pansa über seinen Statthalterschaftssorgen gründlich vergessen hatte –, zu Teresa Pansa, seiner Frau, mit dem Brief ihres Mannes und mit einem andern von ihr selbst nebst einer wertvollen großen Korallenkette als Geschenk.

Die Geschichte berichtet nun, daß der Edelknabe ein sehr gescheiter, witziger Kopf war, und mit dem lebhaften Wunsche, seiner Herrschaft einen Dienst zu erweisen, ritt er gern und bereitwillig nach Sanchos Dorf. Vor dessen Eingang sah er eine Anzahl Weiber am Bache mit Waschen beschäftigt und fragte sie, ob vielleicht an diesem Ort eine Frau namens Teresa Pansa wohne, die Frau eines gewissen Sancho Pansa, welcher Schildknappe eines Ritters namens Don Quijote von der Mancha sei. Auf diese Frage sprang ein junges Mädchen auf, die ebenfalls beim Waschen war, und sagte: »Die Teresa Pansa ist meine Mutter, und der besagte Sancho Pansa ist mein Vater und der besagte Ritter unser Dienstherr.«

»So kommt denn, Jungfrau«, sprach der Edelknabe, »und laßt mich Eure Mutter sehen, denn ich bringe ihr einen Brief und ein Geschenk von Eurem besagten Vater.«

»Das tu ich mit großem Vergnügen, Herre mein«, erwiderte das Mädchen, das dem Aussehen nach etwa vierzehn Jahre alt sein mochte. Sie überließ ihre Wäsche einer Freundin, und ohne die Haare aufzubinden oder Schuhe anzuziehen – denn ihre Beine und Füße waren bloß, und ihre Haare hingen wirr um sie herum –, sprang sie vor dem Pferde des Edelknaben her und sagte: »Kommt, gnädiger Herr, gleich beim Eingang des Dorfes ist unser Haus, und meine Mutter ist daheim in großen Sorgen, weil sie seit langer Zeit nichts von meinem Herrn Vater gehört hat.«

»Nun, ich bringe ihr so gute Nachrichten«, sagte der Edelknabe, »daß sie Gott recht sehr dafür zu danken hat.«

Allgemach kam das Mädchen, springend, laufend, hüpfend, zum Dorfe, und noch ehe sie ins Haus trat, rief sie schon an der Türe mit lauter Stimme: »Kommt heraus, Mutter Teresa, kommt, kommt heraus! Hier kommt ein Herr, der bringt Briefe und noch anderes von meinem guten Vater.«

Auf diesen Ruf kam ihre Mutter Teresa heraus; sie spann Werg an einem Rocken und hatte einen dunkelgrauen Rock an, so kurz, als wäre er am Sitz der Scham abgeschnitten. Dazu trug sie ein Leibchen, ebenfalls dunkelgrau, mit einem oben ausgeschnittenen Hemd; sie war noch nicht sehr alt, obschon sie über vierzig Jahre aussah, aber stark, derb, nervig und untersetzt. Als sie ihre Tochter erblickte mit dem Edelknaben zu Pferd, fragte sie: »Was ist das, Kind? Wer ist der Herr da?«

»Das ist ein Diener seiner gnädigen Frau Doña Teresa Pansa«, antwortete der Edelknabe.

Und den Worten folgte die Tat; er sprang rasch vom Pferde, warf sich gar demütiglich vor der gnädigen Frau Teresa auf die Knie und sprach: »Reicht mir die Hände zum Kuß, Doña Teresa, meine gnädige Herrin, denn das seid Ihr als die rechtmäßige und ihm allein eigene Gattin des Señor Don Sancho Pansa, wirklichen Statthalters der Insul Baratária.«

»Ach, ach, Herre mein, steht doch auf von da, laßt das doch«, entgegnete Teresa; »ich bin nicht in Schlössern daheim, sondern eine arme Bäuerin, die Tochter eines Feldarbeiters und die Frau eines fahrenden Schildknappen und gewiß keines Statthalters.«

»Euer Gnaden«, antwortete der Edelknabe, »ist die würdigste Gemahlin eines über alle Würdigkeit würdigen Statthalters; und zum Erweis der Wahrheit meiner Worte wolle Euer Gnaden diesen Brief und dies Geschenk entgegennehmen.«

Und augenblicklich zog er eine Korallenschnur mit goldenen Schließen aus der Tasche, legte sie ihr um den Hals und sagte: »Dieser Brief ist vom Herrn Statthalter, und diese Korallen sind von meiner gnädigen Frau, der Herzogin, welche mich zu Euer Gnaden sendet.«

Teresa war starr vor Staunen und ihre Tochter nicht mehr noch minder. Das Mädchen sagte: »Ich will des Todes sein, wenn nicht unser Herr Don Quijote dahintersteckt; er hat ganz gewiß dem Vater die Statthalterschaft oder Grafschaft gegeben, die er ihm so oft versprochen hat.«

»So ist es allerdings«, versetzte der Edelknabe, »denn aus Rücksicht auf den Señor Don Quijote ist Señor Sancho nunmehr Statthalter der Insul Baratária geworden, wie aus diesem Brief erhellen wird.«

»Lest mir ihn vor, Herr Edelmann«, sagte Teresa, »denn ich kann zwar spinnen, aber kein Sterbenswörtchen lesen.«

»Auch ich nicht«, fügte Sanchica bei; »aber wartet hier auf mich, ich will jemand rufen, der ihn liest, entweder den Pfarrer selbst oder den Baccalaur Sansón Carrasco; die kommen gewiß sehr gern, weil sie Nachricht von meinem Vater hören wollen.«

»Es ist nicht nötig, jemand zu rufen«, erwiderte der Edelknabe; »ich kann zwar nicht spinnen, aber ich kann lesen, und ich will ihn euch gern vorlesen.«

Er las ihn nun von Anfang bis zu Ende; aber weil er schon früher mitgeteilt worden, so wird er hier nicht wiederholt. Sofort zog er dann den andern heraus, der von der Herzogin war und folgendermaßen lautete:

Illustration

Freundin Teresa,

die guten Eigenschaften, die Euer Mann Sancho in seinem trefflichen Charakter und in seiner geistigen Tüchtigkeit besitzt, haben mich bewogen und es mir zur Pflicht gemacht, meinen Gemahl, den Herzog, zu bitten, ihm über eine seiner vielen Insuln die Statthalterschaft zu verleihen. Es ward mir die Kunde, daß er in derselben regiert wie ein königlicher Aar, was mir viel Vergnügen macht und folglich auch dem Herzog, meinem Gemahl; und deshalb danke ich dem Himmel vielmals, daß ich mich nicht getäuscht habe, als ich ihn zu besagter Statthalterschaft erkor. Denn ich tue Frau Teresa kund, daß ein guter Statthalter gar schwer auf Erden zu finden ist, und Gott möge es mit mir so gut meinen, wie Sancho regiert!

Hier schicke ich Euch, liebe Freundin, eine Korallenschnur mit goldenen Schließen; ich wollte, es wären Perlen aus dem Morgenland; aber wer dir auch nur einen Knochen gibt, zeigt damit schon, daß er dich nicht Hungers sterben lassen will. Es wird schon die Zeit kommen, wo wir uns kennenlernen und miteinander umgehen werden, und Gott allein weiß, was dereinst alles geschehen wird. Empfehlt mich Eurer Tochter Sanchica und sagt ihr, ich würde sie vornehm verheiraten, wenn sie sich dessen am wenigsten versieht. Ich höre, in Eurem Dorf gibt es große süße Eicheln, schickt mir etwa zwei Dutzend davon; sie werden mir von besonderem Werte sein, da sie von Eurer Hand kommen. Schreibt mir auch recht ausführlich und gebt mir Nachricht von Eurer Gesundheit und Eurem Wohlbefinden; und wenn Ihr was nötig habt, so braucht es nicht mehr, als den Mund aufzutun, und Ihr bekommt, soviel hineingeht. Gott erhalte Euch mir noch lange. Gegeben an diesem Ort. Eure Euch herzlich liebende Freundin
die Herzogin

»Ach je!« sagte Teresa, als sie den Brief hörte, »was für eine gute, einfache, herablassende Herrschaft! So eine Herrschaft will ich mir bis ins Grab gefallen lassen, aber nicht die adligen Weiber, wie wir sie in unserm Dorfe haben, die da meinen, weil sie adlig sind, dürfe kein Lüftchen an sie rühren, und die so hochmütig zur Kirche gehen, als wären sie die Königin selber, daß es geradeso aussieht, als hielten sie es für eine Unehre, sich nach einer Bäuerin umzuschauen. Aber sieh mir einer da die gute Herrschaft an; wiewohl sie eine Herzogin ist, heißt sie mich ihre Freundin und behandelt mich, als wär ich ihresgleichen. Oh, ich wollte, ich sähe sie so hochstehend wie den höchsten Glockenturm in der ganzen Mancha! Was aber die Eicheln betrifft, Herre mein, so will ich Ihro Gnaden einen Scheffel voll schicken, die sollen so dick sein, daß die Leute herbeikommen, um sie anzustaunen.

Für jetzt aber, Sanchica, sorg dafür, daß der Herr sich gütlich tut; versorge sein Pferd, hole Eier aus dem Stall und schneide ein groß Stück Speck; er soll zu essen bekommen wie ein Prinz; die guten Nachrichten, die er uns gebracht hat, und sein freundliches Gesicht sind es wert. Währenddessen will ich ausgehen und unsren Nachbarinnen unser Glück erzählen, auch dem Pater Pfarrer und Meister Nikolas, dem Barbier, die mit deinem Vater von jeher so gut Freund gewesen sind.«

»Das will ich tun, Mutter«, erwiderte Sanchica; »aber bedenkt, daß Ihr mir die Hälfte von der Schnur da geben müßt, ich halte unsre gnädige Frau Herzogin nicht für so dumm, daß sie sie ganz für Euch allein schicken sollte.«

»Sie gehört dir ganz, Kind«, antwortete Teresa, »aber laß mich sie ein paar Tage um den Hals tragen, denn es kommt mir vor, als mache sie mir das Herz froh.«

»Ihr werdet Euch ebenfalls freuen«, sagte der Edelknabe, »wenn Ihr das Bündel seht, das sich in dem Mantelsack hier befindet; es ist ein Anzug vom feinsten Tuch, den der Herr Statthalter ein einziges Mal auf der Jagd trug, und alles das schickt er für Fräulein Sanchica.«

»Tausend Jahre soll er mir am Leben bleiben!« sprach Sanchica hierauf, »und der Überbringer nicht minder, ja meinetwegen zweitausend, wenn's not täte!«

Jetzo eilte Teresa aus dem Hause, mit den Briefen und mit der Schnur um den Hals, und dabei trommelte sie auf den Briefen, als schlüge sie das Tamburin, und als sie zufällig dem Pfarrer und Sansón Carrasco begegnete, tanzte sie umher und sprach: »Wahrlich, jetzt gibt's keine Armut mehr in der Verwandtschaft! Wir haben sie, unsere allerliebste Statthalterschaft! Nein, jetzt soll einmal die hochnäsigste Edelfrau kommen und sich mit mir messen, ich will ihr den Hochmut ausziehen.«

»Was ist das, Teresa Pansa?« fragte der Pfarrer, »was sind das für Narreteien? Was sind das für Papiere?«

»Das ist weiter keine Narretei, als daß dies hier Briefe von Herzoginnen und Statthaltern sind«, erklärte Teresa, »und was ich da um den Hals trage, sind echte Korallen; die Avemarias daran und die Paternosters daran sind von geschlagenem Gold, und ich bin eine Statthaltersfrau.«

»Bei Gott und seinen Heerscharen, wir verstehen Euch nicht«, sagte der Baccalaureus, »und wir wissen nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

»Hier könnt ihr es sehen«, antwortete Teresa und reichte ihnen die Briefe hin. Der Pfarrer las sie so laut, daß Sansón Carrasco zuhören konnte, und Sansón und der Pfarrer sahen einander an, als ob sie nicht begriffen, was sie gelesen hatten, und der Baccalaureus fragte, wer die Briefe gebracht habe. Teresa antwortete, sie möchten mit ihr nach Hause kommen, da würden sie den Boten sehen, es sei ein junger Mann, ein wahrer Goldmensch, und er bringe ihr noch ein Geschenk, das mehr als ebensoviel wert sei.

Der Pfarrer nahm ihr die Korallen vom Hals, sah sie an und sah sie wieder an, und da er sich überzeugte, daß sie echt waren, wunderte er sich aufs neue und sprach: »Bei dem Priestergewand, das ich trage, ich weiß nicht, was ich sagen, noch was ich von diesen Briefen und diesen Korallen denken soll; einerseits seh ich und greife ich mit Händen, daß die Korallen hier echt sind, und andrerseits lese ich, daß eine Herzogin sich brieflich zwei Dutzend Eicheln ausbittet.«

»Das soll mir der Kuckuck zusammenreimen«, sprach jetzt Carrasco. »Nun gut, wir wollen gehen und uns den Überbringer dieses Papiers ansehen; er soll uns diese Rätsel aufklären.«

Sie taten also, und Teresa kehrte mit ihnen zurück. Sie fanden den Edelknaben damit beschäftigt, etwas Gerste für sein Pferd zu sieben, und Sanchica damit, eine geräucherte Speckseite zu zerlegen, um Eier darüberzuschlagen und dem Edelknaben zu essen zu rüsten, dessen Aussehen und feiner Anzug den beiden Besuchern wohl gefielen. Nachdem sie ihn und er sie höflich begrüßt, fragte ihn Sansón nach Don Quijote wie auch nach Sancho Pansa, denn wenn sie auch die Briefe Sanchos und der Frau Herzogin gelesen hätten, so seien sie doch noch im unklaren und könnten nicht begreifen, was es mit Sanchos Statthalterschaft auf sich habe, zumal über eine Insul, da doch alle oder die meisten im Mittelländischen Meer Seiner Majestät gehörten.

Der Edelknabe gab zur Antwort: »Daß Herr Sancho Pansa Statthalter ist, daran ist nicht zu zweifeln; ob es eine Insul ist oder nicht, über die er die Statthalterschaft führt, darauf lasse ich mich nicht ein; genug, es ist ein Ort von mehr als tausend Bürgern. Und was die Eicheln betrifft, sag ich Euch, daß meine gnädige Frau, die Herzogin, so einfach und herablassend ist, daß sie nicht nur eine Bäuerin um Eicheln bittet; sie hat schon wegen eines Kamms zu einer Nachbarin geschickt. Denn Euer Gnaden müssen wissen, daß die Edeldamen in Aragon, wenn auch so hohen Ranges, nicht so förmlich und hochnäsig sind wie die kastilischen Edelfrauen; sie gehen mit den Leuten viel einfacher und zutraulicher um.«

Während sie mitten in diesem Gespräche waren, kam Sanchica mit einer Schürze voll Eier hereingesprungen und fragte den Edelknaben: »Sagt mir, Señor, trägt mein Vater vielleicht feine Strumpfhosen, seit er Statthalter ist?«

»Darauf habe ich nicht achtgegeben«, antwortete der Edelknabe; »aber wahrscheinlich wird er wohl solche tragen.«

»O du lieber Gott!« versetzte Sanchica; »wie herrlich muß mein Vater in auswattierten Strumpfhosen aussehen! Ist das nicht hübsch, daß ich von Geburt an immer den Wunsch hatte, meinen Vater in Strumpfhosen zu sehen?«

»In dergleichen Kleidungsstücken wird Euer Gnaden ihn sehen, wenn Ihr's erlebt«, entgegnete der Edelknabe. »Bei Gott, er wird womöglich mit einer Reisemaske gegen Wind und Wetter umhergehen, wenn seine Statthalterschaft nur noch zwei Monate dauert.«

Der Pfarrer und der Baccalaureus merkten wohl, daß der Edelknabe nur aus Spott und Schelmerei so sprach, aber die echten Korallen und der Jagdanzug, den Sancho schickte – Teresa hatte ihnen das Kleid bereits gezeigt –, schlugen alle ihre Überlegungen wieder aus dem Felde. Sie konnten indessen nicht umhin, über Sanchicas Wunsch laut zu lachen; und noch lauter, als Teresa sagte: »Herr Pfarrer, seht Euch doch im Dorf um, ob einer etwa nach Madrid oder nach Toledo reist, er soll mir einen runden Wulst für unter den Rock kaufen, einen echten und rechten nach der Mode, einen von den allerbesten, die zu finden sind; denn wahrlich, wahrlich, ich will in allem, wozu ich imstande bin, der Statthalterschaft meines Mannes Ehre machen; ja sogar, wenn ich bös werde, bin ich imstand und geh in die Residenz und schaffe mir Kutsche und Pferde an wie alle die Damen; wer einen Statthalter zum Mann hat, kann so was schon halten und behalten.«

»Ei, freilich, Mutter«, sagte Sanchica; »wollte Gott, es wäre lieber heut als morgen, und mögen die Leute auch immer sagen, wenn sie mich mit meiner Frau Mutter in der Kutsche sitzen sehen: ›Seht nur einmal die Dingsda, die Tochter von dem Knoblauchfresser, wie sitzt sie da und streckt sich da in der Kutsche, gerade als ob sie dem Papst seine Frau wäre!‹ Aber sie mögen nur immerzu im Dreck patschen, ich will in meiner Kutsche fahren und die Füße hoch über dem Boden haben. Hol der Kuckuck alle Lästermäuler, soviel es auf der Welt gibt! Sitz ich warm und wohlgeborgen, macht mir der Leute Spott keine Sorgen. Hab ich recht, Mutter mein?«

»Und ob du recht hast, Kind!« antwortete Teresa. »All diese Glücksumstände, und noch größere, hat mir mein lieber Sancho proffenzeit, und du wirst sehen, Kind, daß er nicht stehenbleibt, bis er mich zur Gräfin gemacht hat, denn um glücklich zu werden, ist der Anfang alles, und ich hab oft von deinem Vater das Sprichwort gehört, und geradeso wie er dein Vater ist, so ist er auch der Sprichwörter Vater: Schenkt dir einer die Kuh, lauf mit dem Strick herzu. Schenkt dir einer eine Statthalterschaft, so halt sie fest! Schenkt dir einer eine Grafschaft, so greife mit allen Fingern zu; und hält dir einer ein gutes Geschenk hin und lockt dich mit ›hierher, hierher!‹ so sacke es in deinen Ranzen ein. Nein, wahrhaftig, schlafe nur und rufe nicht ›Herein!‹ wenn Glück und Zufalls Gunst an deiner Haustür pochen!«

»Und was liegt mir denn daran«, fuhr Sanchica fort, »daß irgendein Beliebiger sagt, wenn er mich in Stolz und Pracht einhergehen sieht: Dem Hunde zog man an seinen Beinen Hosen an von blankem Leinen, und so weiter.«

Als der Pfarrer dies hörte, sagte er: »Ich kann nicht anders glauben, als daß die vom Geschlechte der Pansas sämtlich mit einem Sack voll Sprichwörter im Leibe auf die Welt gekommen sind; ich habe nie einen von ihnen gesehen, der nicht zu jeder Stunde und bei jeder Unterhaltung damit um sich wirft.«

»Das ist wahr«, versetzte der Edelknabe; »der Herr Statthalter Sancho gibt sie bei jeder Gelegenheit her, und wenn auch viele nicht zur Sache passen, so machen sie doch Vergnügen, und meine gnädige Frau, die Herzogin, und der Herzog haben ihre große Freude daran.«

»Wie? Ihr bleibt noch immer dabei, lieber Herr«, sprach der Baccalaureus, »daß die Geschichte mit Sanchos Statthalterschaft auf Wahrheit beruht und daß es eine Herzogin auf Erden gibt, die ihm Geschenke schickt und ihm schreibt? Denn wir, obschon wir die Geschenke mit Händen greifen und die Briefe gelesen haben, wir glauben es nicht und meinen, es ist eine von den Geschichten unsres Landsmannes Don Quijote, die alle seiner Meinung nach mit Zauberei zugehen; und daher möchte ich beinahe sagen, ich will Euch befühlen und betasten, um zu sehen, ob Ihr das Schattenbild von einem Abgesandten oder ein Mensch von Fleisch und Bein seid.«

»Meine Herren«, versetzte der Edelknabe, »aus eigener Kenntnis weiß ich nichts weiter, als daß ich ein wirklicher Abgesandter bin und der Herr Sancho Pansa in aller Wahrheit ein Statthalter ist und daß meine Herrschaft, der Herzog und die Herzogin, die besagte Statthalterschaft verleihen können und verliehen haben; auch daß ich vernommen habe, daß der mehrerwähnte Sancho Pansa sich in seinem Amte aufs allertüchtigste benimmt. Ob Zauberkunst dabei im Spiel ist oder nicht, darüber mögt ihr Herren unter euch streiten; ich meinesteils weiß nichts andres, bei dem einzigen Eid, den ich schwöre, nämlich beim Leben meiner Eltern, die beide noch am Leben sind und die ich herzlich liebe und verehre.«

»Das kann alles sein«, versetzte der Baccalaureus; »jedoch dubitat Augustinus.«

»Mag zweifeln, wer Lust hat«, entgegnete der Edelknabe; »die Wahrheit ist so, wie ich gesagt, und die wird immer über der Lüge oben bleiben wie Öl über dem Wasser. Andernfalls operibus credite, et non verbis. Möge einer von euch mit mir heimreisen, und ihr werdet mit euren Augen sehen, was ihr mit euren Ohren nicht glauben wollt.«

»Diese Reise ist meine Sache«, sprach Sanchica; »nehmt mich, Señor, auf die Kruppe Eures Gauls, ich möchte gar gern meinen Herrn Vater besuchen.«

»Töchter von Statthaltern dürfen nicht allein über Land reisen«, erwiderte der Edelknabe, »sondern nur in Begleitung von Kutschen und Sänften und zahlreicher Dienerschaft.«

»Bei Gott«, entgegnete Sanchica, »ich komme ebensogut auf einer Eselin fort wie in einer Kutsche; solch eine Ziererei wäre das Rechte für mich!«

»Schweig, Mädchen«, sprach Teresa, »du weißt nicht, was du redest; der Herr hat ganz recht, denn andre Zeit, andrer Sinn; war er Sancho, warst du Sancha, ist er Statthalter, bist du ein Fräulein; aber ich weiß nicht, wenn ich so rede, ob ich rede, was recht ist.«

»Frau Teresa spricht da noch weit richtiger, als sie glaubt«, sagte der Edelknabe. »Aber gebt mir was zu essen und fertigt mich baldigst ab, denn ich will noch diesen Nachmittag heimkehren.«

Hier sagte der Pfarrer: »Euer Gnaden wird wohl kommen und bei mir die Fastenspeise annehmen, denn Frau Teresa hat mehr guten Willen als Vorrat im Hause, um einen so trefflichen Gast zu bewirten.«

Der Edelknabe lehnte ab, aber zuletzt mußte er zu seinem eignen Besten nachgeben, und der Pfarrer nahm ihn sehr gern mit, um ihn bei dieser Gelegenheit mit Muße über Don Quijote und seine Taten auszufragen. Der Baccalaureus bot Teresa an, für sie die Briefe zur Antwort zu schreiben; aber sie wollte nicht; daß er sich in ihre Angelegenheiten mischen sollte, weil sie ihn für einen Spottvogel hielt; und daher gab sie einem Chorknaben, der schreiben konnte, eine Semmel und zwei Eier, um für sie zwei Briefe zu schreiben, einen an ihren Mann und einen an die Herzogin; er verfaßte sie ganz nach den Eingebungen ihres Hirns, und sie sind nicht die schlechtesten, die in dieser großen Geschichte vorkommen, wie man nachher sehen wird.

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