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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 50
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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49. Kapitel

Von dem, was unserm Sancho Pansa begegnete, da er auf seiner Insul die Runde machte

Wir verließen den großen Statthalter ärgerlich und aufgebracht über den verschmitzten Bauern, der so schön zu konterfeien wußte. Er war von dem Haushofmeister angeleitet, wie dieser von dem Herzog, um Sancho zum besten zu haben; aber dieser, obschon einfältig, plump und derb, war Manns genug gegen all und jeden. Er sprach zu den Umstehenden – auch zum Doktor Peter Stark, der, nachdem man mit dem Geheimnis im Brief des Herzogs fertiggeworden, wieder in den Saal gekommen war: »Jetzt sehe ich es in der Tat ein, daß Richter und Statthalter von Erz sein oder werden müssen, um nicht die Zudringlichkeit der Leute zu empfinden, die ein Anliegen haben und verlangen, daß man sie zu jeder Stunde und zu jeder Zeit anhören und abfertigen und sich bloß mit ihrem Anliegen beschäftigen soll, mag dazwischenkommen, was mag; und wenn der arme Kerl von Richter sie nicht anhört und abfertigt, entweder weil er nicht kann oder weil er gerade keine Sprechstunde hat, gleich verwünschen sie ihn und murren über ihn und zerreißen ihn bis auf die Knochen, ja sie hecheln sogar seine Familie durch. Du dummer Mensch mit deinem Anliegen! Hab doch nicht solche Eile, warte Zeit und Gelegenheit ab, um deine Sache zu betreiben! Komm doch nicht zur Essenszeit und nicht zur Schlafenszeit; die Richter sind auch von Fleisch und Blut und müssen der Natur den Zoll entrichten, den sie von ihnen nach dem Naturgesetz verlangt; ausgenommen ich, der ich meiner Natur nichts zu essen gebe, dank dem Herrn Doktor Peter Stark aus Machdichfort, der da vor mir steht und der mich Hungers sterben lassen will und behauptet, solch ein Sterben sei Leben. So gebe ihm Gott ein solches Leben, ihm und allen denen von seiner Sippschaft! Ich meine die Sippschaft der schlechten Ärzte, denn die guten verdienen Palmen und Lorbeer.«

Alle, die Sancho Pansa kannten, waren voll Verwunderung, ihn so gebildet reden zu hören, und wußten nicht, welchem Umstande dies zuzuschreiben, wenn nicht dem, daß wichtige Ämter und Dienstpflichten den Verstand schärfen, falls sie ihn nicht gänzlich lähmen. Zuletzt versprach der Doktor Peter Stark von Deutungen aus Machdichfort, ihm diesen Abend ein Nachtessen zu verabreichen, obwohl er damit alle Lehrsätze des Hippokrates übertrete.

Hiermit gab sich der Statthalter zufrieden und wartete mit großer Sehnsucht auf den Anbruch der Nacht und die Stunde des Abendessens; und obschon es ihm vorkam, als stünde die Zeit still und bewegte sich nicht von der Stelle, so kam doch endlich die ersehnte Stunde; er bekam gehacktes Rindfleisch mit Zwiebeln und ein paar gedämpfte Kalbsfüße, die schon etwas bei Jahren waren. Er machte sich über all dieses mit größerem Genusse her, als wenn man ihm Mailänder Haselhühner, römische Fasanen, Kalbfleisch von Sorrent, Rebhühner von Moron oder Gänse von Lavajos vorgesetzt hätte; und während des Essens wandte er sich an den Doktor und sagte zu ihm: »Merkt Euch, Herr Doktor, gebt Euch künftig keine Mühe, mir kostbare Sachen und ausgesuchte Gerichte zum Essen bringen zu lassen, denn damit würdet Ihr meinen Magen aus seinem Geleise bringen, da er an Ziegen- oder Rindfleisch, an Speck und Dörrfleisch, an Rüben und Zwiebeln gewöhnt ist, und vielleicht, wenn man ihm herrschaftliche Gerichte bietet, nimmt er sie mit Widerwillen zu sich, ja zuweilen mit Ekel. Was der Truchseß tun kann, ist, daß er mir öfter eine Olla podrida vorsetzt, wo alles wie Kraut und Rüben untereinander ist, und je ärger das Untereinander, desto besser schmeckt es, und er kann alles, was er will, wenn es nur was zu essen ist, hineintun und daruntermengen, und ich werd es ihm schon einmal danken und vergelten. Auch soll keiner sich unterstehen, mich zum Narren zu halten, denn entweder wir sind da oder wir sind nicht da. So wollen wir denn alle in Frieden und Freundschaft miteinander leben, denn wenn Gott die Sonne aufgehen läßt, so geht sie für jedermann auf. Ich will in dieser Insul als Statthalter regieren und lasse das Recht nicht brechen und mich nicht bestechen; und jedermänniglich soll die Augen auftun und Achtung geben, daß ihn keiner zum Hanswurst macht, denn ich sag ihm, bei mir sind alle Teufel los, und wenn man mich reizt, so soll man sein blaues Wunder erleben. Ja freilich, macht euch nur zu Honig, so fressen euch die Fliegen!«

»Gewiß, Herr Statthalter«, sagte der Truchseß, »Euer Gnaden hat vollkommen recht mit allem, was Ihr sagt; und im Namen aller Insulaner auf dieser Insul, die Euch aufs pünktlichste zu dienen stets bereit sind, biete ich Euch Liebe und Freundschaft dar; denn Eure milde Regierungsweise in diesen Anfängen Eurer Statthalterschaft läßt ihnen keine Möglichkeit, irgend etwas zu tun oder zu wollen, das gegen Euer Gnaden Bestes wäre.«

»Das glaub ich wohl«, entgegnete Sancho, »und sie wären Narren, wenn sie was anderes täten oder wollten; und ich wiederhole, man soll auf meinen Unterhalt wohl bedacht sein wie auch auf den meines Grauen, was bei diesem ganzen Handel das Wichtigste ist und worauf es am allermeisten ankommt. Sobald es aber Zeit ist, wollen wir die Runde machen; es ist meine Absicht, diese Insul von allem Unrat und von landstreicherischem, faulem und sittenlosem Gesindel zu säubern; denn ihr müßt wissen, Freunde, das unnütze träge Volk ist im Gemeinwesen ganz das nämliche wie die Drohnen im Bienenstock, die den Honig verzehren, den die Arbeitsbienen bereiten. Ich gedenke den Bauern aufzuhelfen, den Edelleuten ihre Vorrechte zu wahren, die Tugendhaften zu belohnen und vor allem die Religion und die Würde der Geistlichen in Ehren zu halten. Was meint ihr dazu, Freunde? Habe ich recht, oder habe ich Stroh im Hirn?«

»Euer Gnaden hat so sehr recht, Herr Statthalter«, antwortete der Haushofmeister, »daß ich erstaunt bin, wie ein Mann so ganz ohne Schulbildung wie Ihr – denn soviel ich glaube, habt Ihr gar keine – solches und so vieles sagen kann, was voller Kernsprüche und Belehrung ist, während dies doch so fernab liegt von allem, was diejenigen von Euer Gnaden Geistesgaben erwartet haben, welche uns hierhergesendet, und ebenso wir, die wir hierhergekommen sind. Jeden Tag erlebt man Neues auf der Welt; Spott und Scherz wird zu Ernst, und die Spötter werden am Ende selbst zum Spott.«

Es kam die Nacht, und der Statthalter hatte sich gesättigt, mit Erlaubnis des Herrn Doktor Stark. Man versah sich nun mit allem Erforderlichen zur Runde; Sancho verließ seine Wohnung mit dem Haushofmeister, dem Geheimschreiber und dem Truchseß, mit dem Chronisten, dem es oblag, Sanchos Taten zum steten Gedächtnis aufzuzeichnen, und mit so viel Häschern und Gerichtsschreibern, daß sie schon einen hübschen Trupp ausmachen konnten. Sancho ging in der Mitte mit seinem Richterstab; man konnte nichts Stattlicheres sehen. Nachdem sie einige Straßen durchzogen hatten, hörten sie Schwertergeklirr; sie eilten hinzu und fanden zwei Männer, die miteinander fochten. Als diese aber die Gerichtsbeamten kommen sahen, hielten sie inne, und einer von ihnen rief: »Hierher, in Gottes und des Königs Namen! Was, soll man es ertragen, daß mitten unter Menschen in dieser Stadt Raub getrieben wird und daß man mitten auf der Straße wie Wegelagerer die Leute anfällt?«

»Beruhigt Euch, braver Mann«, sprach Sancho, »und erzählt mir, warum Ihr Euch schlagt; ich bin der Statthalter.«

Der andre der zwei Streitenden sprach: »Herr Statthalter, ich will es Euch in kurzen Worten sagen. Euer Gnaden soll erfahren, daß dieser Biedermann soeben in dem Spielhause dort drüben über tausend Realen gewonnen hat, Gott weiß wie; ich war dabei und habe mehr als einen zweifelhaften Wurf mit meinem Schiedsspruch zu seinen Gunsten entschieden, gegen das Gebot meines eigenen Gewissens. Er stand mit seinem Gewinn auf, und während ich erwartete, er würde mir wenigstens so ein paar Tälerchen Gewinstanteil verehren, wie das Sitte und Brauch ist gegenüber angesehenen Leuten wie mir, die wir für alle Fälle, für gute wie böse, dem Spiele beiwohnen, um ungerechte Ansprüche zu unterstützen und Streitigkeiten zu verhüten, sackte er sein Geld ein und entfernte sich aus dem Hause. Aufgebracht lief ich ihm nach und bat ihn mit freundlichen und höflichen Worten, mir wenigstens acht Realen zu geben, da er weiß, daß ich ein Ehrenmann bin und zum Leben weder ein Gewerbe noch ein Vermögen habe, denn jenes haben meine Eltern mich nicht gelehrt und dieses mir nicht hinterlassen; und der Spitzbube, der als Dieb nicht hinter Kakus zurücksteht und als Falschspieler nicht hinter Andradilla, wollte mir nicht mehr als vier Realen geben, woraus Ihr, Herr Statthalter, ersehen könnt, wie der Mensch keine Scham und kein Gewissen hat. Aber wahrlich, wäre Euer Gnaden nicht dazugekommen, so hätte er mir seinen Gewinn schon wieder herauswürgen und lernen sollen, wieviel Gewicht nötig ist, damit das Zünglein der Waage einspielt.«

»Was sagt Ihr dazu?« fragte Sancho.

Der andre antwortete, es sei alles wahr, was sein Gegner gesagt habe, und er habe ihm nur vier Realen geben wollen, weil er ihm häufig soviel verabreiche; und die Leute, die auf einen Gewinnanteil ausgehen, müssen höflich sein und mit vergnügtem Gesicht annehmen, was man ihnen gibt, wenn sie nicht etwa bestimmt wissen, daß es Falschspieler sind, die ihren Gewinn auf unrechte Weise gemacht haben. Er aber sei ein ehrlicher Mann und keineswegs ein Dieb, wie jener sage, und dafür gebe es keinen besseren Beweis, als daß er ihm nichts habe geben wollen, während die Falschspieler immer den gewohnheitsmäßigen Zusehern, die sie kennen, zinspflichtig sind.

»Das ist richtig«, sagte der Haushofmeister; »wollet nun erwägen, Herr Statthalter, was mit diesen Leuten geschehen soll.«

»Was geschehen soll«, antwortete Sancho, »ist dies: Ihr, der Ihr gewonnen habt, ob auf rechtliche oder unrechtliche oder einerlei was für Weise, gebt auf der Stelle dem Angreifer hundert Realen von Eurem Geld, und außerdem habt Ihr für die armen Leute im Gefängnis dreißig Realen herauszurücken; Ihr aber, der Ihr ohne Gewerbe und Vermögen seid und als Faulenzer auf dieser Insul herumlungert, nehmt auf der Stelle die hundert Realen, und morgen habt Ihr den ganzen Tag Zeit, um von der Insul zu verschwinden, und seid auf zehn Jahre verbannt, bei Strafe, daß Ihr, wenn Ihr das Gebot brecht, die zehn Jahre in der andern Welt abmachen sollt, denn ich will Euch an einen hohen Galgen hängen, oder vielmehr der Henker soll es auf meinen Befehl tun. Und keiner soll mir was dagegensagen, sonst laß ich ihn meine Hand fühlen.«

Der eine zahlte, der andre sackte ein; dieser verließ die Insul, jener begab sich nach Hause, und der Statthalter blieb noch stehen und sagte: »Jetzt denke ich, entweder hab ich dazu nicht Macht genug, oder ich schaffe diese Spielhäuser ab, denn wie ich sehe, sind sie höchst verderblich.«

»Dies Spielhaus jedoch«, sprach ein Amtsschreiber, »wird Euer Gnaden nicht aufheben können, denn es wird von einem vornehmen Herrn gehalten, und er verliert ohne allen Vergleich jährlich mehr, als er aus den Karten an Einnahme zieht. Gegen andre Spielbuden geringerer Art kann Euer Gnaden Dero Macht zeigen, die schaden auch am meisten und bergen am meisten Unfug; in den Häusern ansehnlicher Edelleute und großer Herren wagen die Falschspieler nicht, von ihren Kniffen Gebrauch zu machen. Und da das Laster des Spiels zur allgemeinen Gewohnheit geworden, so ist es besser, wenn in einem vornehmen Hause gespielt wird als in dem irgendeines Handwerksmannes, wo sie einen Pechvogel nach Mitternacht und noch später einfangen und bei lebendigem Leibe schinden.«

»Allerdings, Gerichtsschreiber«, entgegnete Sancho, »ich weiß, darüber läßt sich viel sagen.«

Indem kam ein Nachtwächter herzu, der einen jungen Menschen gefangen führte, und sagte: »Herr Statthalter, dieser Bursche kam gerade auf uns zu, als er aber die Obrigkeit gewahrte, nahm er Reißaus und lief davon wie ein Wiesel, woraus zu ersehen, daß es ein Übeltäter sein muß. Ich war eilig hinter ihm her, wäre er aber nicht gestolpert und gefallen, so hätte ich ihn nie eingeholt.«

»Warum bist du weggelaufen, Mensch?« fragte Sancho.

Der junge Mann antwortete: »Señor, um den vielen Fragen zu entgehen, welche die Herren vom Gericht immer stellen.«

»Was hast du für ein Handwerk?«

»Weber.«

»Und was webst du?«

»Lanzenspitzen, mit Euer Gnaden Verlaub.«

»Du willst den Hanswurst spielen, willst den Possenreißer machen? Gut; aber wo wolltest du jetzt eben hin?«

»Ich wollte frische Luft schöpfen, Señor.«

»Und wo schöpft man frische Luft auf dieser Insul?«

»Wo sie weht.«

»Schön, Eure Antworten sind sehr treffend; Ihr habt Kopf, junger Mann; aber jetzt nehmt einmal an, ich sei die frische Luft und wehe Euch im Rücken an und treibe Euch voran bis ins Gefängnis. Greift ihn, holla, und führt ihn hin! Dort will ich ihn diese Nacht ohne frische Luft schlafen lassen.«

»Bei Gott«, sprach der junge Mann, »Ihr könnt es geradesowenig fertigbringen, mich im Gefängnis schlafen zu lassen, wie mich zum König zu machen.«

»Warum denn sollte ich es nicht fertigbringen, dich im Gefängnis schlafen zu lassen?« entgegnete Sancho. »Habe ich nicht die Macht, dich gefangenzunehmen und wieder loszulassen, wann und wie oft ich es will?«

»Mag Euer Gnaden auch noch soviel Macht haben«, sagte der junge Mann, »so werdet Ihr es doch niemals fertigbringen, mich im Gefängnis schlafen zu lassen.«

»Warum nicht?« versetzte Sancho; »führt ihn sogleich hin, er soll dort mit seinen eigenen Augen sehen, daß er sich geirrt hat, wenn auch der Gefängnisaufseher noch so gern seine übliche eigennützige Nachsicht gegen ihn zeigen möchte; dem setze ich eine Strafe von zweitausend Talern an, wenn er dir erlaubt, einen Schritt aus dem Gefängnis zu tun.«

»Alles das ist ja zum Lachen«, entgegnete der junge Mann, »die Sache ist die, daß alle Menschen insgesamt, soviel ihrer heute auf Erden leben, es nicht fertigbringen können, mich im Gefängnis schlafen zu lassen.«

»Sag mir, Teufelskerl«, sprach Sancho, »hast du einen Engel, der dich herausholt und dir die Handschellen abnimmt, die ich dir will anlegen lassen?«

»Nun, Herr Statthalter«, antwortete der junge Mann voll liebenswürdigster Laune, »wir wollen uns jetzt einmal verständigen und zu dem Punkte kommen, auf den es ankommt. Nehme Euer Gnaden einmal an, Ihr befehlt, mich ins Gefängnis zu setzen, und da legt man mir Handschellen und Ketten an und wirft mich in ein tiefes Loch, und dem Gefängnisaufseher werden schwere Strafen angesetzt, wenn er mich herausläßt, und er tut alles genau, wie ihm befohlen: trotz alledem, wenn ich nicht schlafen will und will die ganze Nacht wachbleiben, ohne ein Auge zuzutun, wird Euer Gnaden mit all Eurer Macht es fertigbringen, daß ich schlafe, wenn ich nicht will?«

»Gewiß nicht«, sagte der Geheimschreiber, »und der Mann hat seine Behauptung erwiesen.«

»Hiernach«, fiel Sancho ein, »würdest du dich aus keinem andern Grund Schlafens enthalten, als weil du einmal den Willen dazu hast, und nicht, weil du meinem Willen entgegenzuhandeln beabsichtigst?«

»Nein, Señor«, antwortete der Jüngling, »daran denke ich nicht im entferntesten.«

»So geht denn mit Gott«, sprach Sancho; »geht nach Hause und schlaft dorten, und Gott verleihe Euch einen gesunden Schlummer, ich will ihn Euch nicht rauben. Aber ich rate Euch, künftighin treibt keinen Spaß mehr mit dem Gericht; Ihr könntet einmal auf ein Gericht stoßen, das Euch den Spaß auf Euren Hirnschädel fallen ließe.«

Der Jüngling entfernte sich, und der Statthalter setzte seine Runde fort. Gleich darauf kamen zwei Häscher, die einen Mann herbeiführten und sagten: »Herr Statthalter, dies hier scheint ein Mann, ist es aber nicht, sondern ein Weib, und zwar kein häßliches, das sich als Mann verkleidet hat.«

Sie hielten ihr zwei oder drei Laternen unter die Augen, bei deren Schein man das Antlitz eines Mädchens erblickte, das sechzehn Jahre oder wenig mehr zählen mochte, die Haare in ein Netz von Gold und grüner Seide zurückgebunden, schön wie die Maienblumen. Man betrachtete sie von oben bis unten und sah, daß sie Strümpfe von rosa Seide trug mit Kniebändern von weißem Taft und Fransen von Gold mit kleinen Perlchen; die Pluderhosen waren von golddurchwirktem grünem Stoff, der Überwurf von demselben Zeug war offen, und darunter trug sie ein Wams vom feinsten Zeug, weiß mit Gold; als Fußbekleidung trug sie weiße Männerschuhe. Sie hatte kein Schwert umgegürtet, sondern einen reichverzierten Dolch, und an den Fingern trug sie viele und wertvolle Ringe.

Kurz, das Mädchen gefiel allen wohl, und es kannte sie keiner von allen, die sie sahen; auch die Leute aus dem Ort erklärten, sie hätten keine Ahnung, wer es sein könne. Die Mitwisser bei den Possenstreichen, die man mit Sancho vorhatte, fanden sich gerade am meisten überrascht, denn dieser Vorfall und die Festnahme dieses Mädchens war kein von ihnen angelegter Plan, und so standen sie in Ungewißheit da und in zweifelnder Erwartung, worauf die Sache hinauslaufen würde. Sancho war ganz außer sich ob der Schönheit des Mädchens und fragte sie, wer sie sei, wohin sie wolle und welcher Grund sie bewogen habe, diese Tracht anzulegen.

Mit niedergeschlagenen Augen und voll züchtiger Verschämtheit antwortete sie: »Señor, ich kann das nicht so öffentlich sagen, was mir so wichtig wäre geheimzuhalten. Eines jedoch wünsche ich Euch von vornherein zu bemerken, nämlich daß ich weder ein Dieb noch ein Missetäter bin, sondern ein unglückliches Mädchen, das sich von der Macht der Eifersucht gezwungen gesehen, die Schicklichkeit zu verletzen, welche die Sittsamkeit uns sonst auferlegt.«

Als der Haushofmeister dies hörte, sagte er: »Herr Statthalter, lasset die Leute beiseite treten, damit diese Dame sich nicht so in Verlegenheit finde, Euch mitzuteilen, was sie auf dem Herzen hat.«

Der Statthalter erteilte den Befehl dazu; alle traten beiseite außer dem Haushofmeister, dem Truchseß und dem Geheimschreiber. Als sie sich nun allein sahen, fuhr das Mädchen folgendermaßen fort: »Ich, meine Herren, bin die Tochter von Pedro Perez Mazorca, dem Schafwollpächter hier, der häufig in meines Vaters Haus zu kommen pflegt.«

»Das kann nicht richtig sein, Senorita«, sagte der Haushofmeister; »ich kenne den Pedro Perez sehr gut und weiß, daß er kein Kind hat, weder Sohn noch Tochter. Zudem sagt Ihr, er sei Euer Vater, und setzt gleich hinzu, daß er häufig in Eures Vaters Haus zu kommen pflegt.«

»Das ist mir auch aufgefallen«, sprach Sancho.

»Jetzt, meine Herren«, erwiderte das Mädchen, »bin ich so verwirrt, daß ich nicht weiß, was ich sage; aber die Wahrheit ist, daß ich die Tochter des Diego de la Llana bin, den Euer Gnaden wohl alle kennen.«

»Das allerdings kann richtig sein«, entgegnete der Haushofmeister. »Ich kenne den Diego de la Llana und weiß, daß er ein vornehmer und reicher Junker ist und einen Sohn und eine Tochter hat und daß keiner in der ganzen Stadt, seit er Witwer geworden, sagen kann, er habe jemals seine Tochter von Angesicht gesehen; er hält sie so abgeschlossen, daß er nicht einmal der Sonne ihren Anblick verstattet; aber trotz alledem rühmt das Gerücht sie als eine außerordentliche Schönheit.«

»Es ist wahr«, antwortete das Mädchen, »und diese Tochter bin ich, und ob in betreff meiner Schönheit der Ruf lügt oder nicht, darüber werdet Ihr jetzt bereits enttäuscht sein, da Ihr mich gesehen habt.«

Hier begann sie bitterlich zu weinen. Als der Geheimschreiber dies sah, trat er näher zu dem Truchseß heran und sagte ihm ganz leise ins Ohr: »Ohne Zweifel muß dem armen Mädchen etwas Besonderes zugestoßen sein, da sie in solchem Aufzug und zu solcher Stunde aus dem Hause läuft, wo sie aus so guter Familie ist.«

»Daran ist nicht zu zweifeln«, versetzte der Truchseß, »besonders da ihre Tränen Eure Vermutung bestärken.«

Sancho sprach ihr Trost zu mit den bestmöglichen Worten, die er finden konnte, und bat sie, ihnen ohne alle Scheu zu sagen, was ihr zugestoßen sei; sie alle würden bestrebt sein, ihr aufrichtig und auf jede mögliche Weise zu helfen.

»Die Sache ist die, meine Herren«, antwortete sie, »daß mein Vater mich seit zehn Jahren von aller Welt abgeschlossen hält, also seit meine Mutter im Grab liegt. Zu Hause wird in einem reichgeschmückten Betsaal Messe gelesen; und während dieser ganzen Zeit habe ich bei Tag nur die Sonne und bei Nacht nur den Mond und die Sterne gesehen. Ich weiß nicht, was Straßen, Plätze und Kirchen sind, nicht einmal, was Männer sind, ausgenommen meinen Vater und meinen Bruder und Pedro Perez den Pächter; und weil dieser so häufig in unser Haus kommt, kam ich auf den Gedanken, ihn für meinen Vater auszugeben, um den wirklichen nicht nennen zu müssen. Diese Einkerkerung, dieses Verbot jedes Gangs aus dem Hause und selbst zur Kirche macht mich seit vielen Tagen und Monden ganz untröstlich; ich wollte die Welt sehen oder wenigstens die Stadt, wo ich geboren bin, und es bedünkte mich, daß dieses Verlangen nicht gegen die gute Sitte und Schicklichkeit sei, die zu wahren ein Fräulein von Stande sich selbst schuldig ist. Als ich von Stiergefechten, Ringelrennen und Komödien hörte, bat ich meinen Bruder, der ein Jahr jünger ist als ich, mir zu sagen, was das für Dinge seien und ebenso noch vieles andere, was ich noch nie gesehen hatte; er setzte mir es auseinander, so gut er konnte, aber dies alles fachte nur meine Begierde, es selber zu sehen, noch heftiger an. Zuletzt, um die Erzählung von meinem Verderben abzukürzen, zuletzt, bekenne ich, verlangte und erbat ich von meinem Bruder ... O hätte ich nie so etwas verlangt, nie so etwas erbeten!«

Hier begann sie aufs neue zu weinen. Der Haushofmeister sagte zu ihr: »Fahrt fort, Señorita, und erzählt uns alles zu Ende, was Euch begegnet ist; nach Euren Worten und Euren Tränen sind wir alle in gespannter Erwartung.«

»Wenige Worte habe ich noch zu sagen«, antwortete das Fräulein, »aber viele Tränen zu weinen, denn wenn Wünsche auf ein schlechtes Ziel gerichtet sind, so können sie nur arge Enttäuschungen wie diese nach sich ziehen.«

Die Schönheit des Mädchens war dem Truchseß tief ins Herz gedrungen; er hielt noch einmal seine Laterne näher hin, und es deuchte ihn, es seien nicht Tränen, die sie weinte, sondern Perlenstaub oder Tau von den Wiesen – ja, er hielt diese Tränen für noch Höheres und stellte sie Perlen aus dem Morgenlande gleich und wünschte beständig, ihr Unglück möchte doch nicht so groß sein, als ihre Tränen und Seufzer es anzudeuten schienen. Der Statthalter verzweifelte schier darüber, wie das Mädchen seine Erzählung immer weiter hinauszog, und sagte ihr, sie möchte endlich aufhören, sie noch länger in Spannung zu halten; es sei schon spät und noch ein großer Teil der Stadt übrig, wo er die Runde zu machen habe.

Stets von Schluchzen unterbrochen und unter halberstickten Seufzern sprach sie: »Mein Unglück ist kein andres, mein Mißgeschick ist kein andres, als daß ich meinen Bruder bat, er solle mich mit einem seiner Anzüge als Mann verkleiden und mich eines Nachts mit aus dem Hause nehmen, um den ganzen Ort zu sehen, während unser Vater schliefe. Von meinen Bitten gedrängt, gab er endlich meinen Wünschen nach; ich zog diese Kleidung an, er legte eine von mir an, die ihm paßt wie angegossen, denn er hat kein Härchen Bart und sieht aus wie ein wunderschönes Mädchen; und diese Nacht, es mag eine Stunde her sein, kaum mehr oder weniger, schlüpften wir aus dem Hause, und von unsrem kindlichen und unbesonnenen Vorhaben weitergeführt, sind wir durch die ganze Stadt gestreift. Als wir aber wieder nach Hause wollten, sahen wir einen großen Trupp Leute kommen, und mein Bruder sagte zu mir: ›Schwester, das wird die Runde sein; beschleunige deine Schritte und leg ihnen Flügel an und laufe eilig hinter mir her, damit man uns nicht erkenne, denn sonst ergeht es uns übel.‹

Mit diesen Worten wandte er den Rücken und fing an, ich sage nicht: zu laufen, sondern zu fliegen; ich, nach kaum sechs Schritten, falle vor Schreck zu Boden, und da kommt der Gerichtsdiener und bringt mich hierher vor euch Herren, wo ich vor so vielen Leuten in Schande stehe, als ob ich ein ungeratenes leichtfertiges Ding wäre.«

»Sonach, Señorita«, sprach Sancho, »hat Euch sonst keine Widerwärtigkeit betroffen und hat Euch auch keine Eifersucht, wie Ihr zu Anfang Eurer Erzählung gesagt, aus Eurem Hause hinausgetrieben?«

»Nichts hat mich betroffen, und nicht Eifersucht hat mich herausgetrieben, sondern nur das Verlangen, die Welt zu sehen, und auch nicht mehr als die Straßen dieser Stadt.«

Daß die Angaben des Mädchens auf Wahrheit beruhten, wurde vollends dadurch bestätigt, daß die Häscher nun auch mit ihrem inzwischen eingefangenen Bruder kamen, den einer von ihnen eingeholt, als er von seiner Schwester geflüchtet war. Er trug nur einen kostbaren Rock und einen Überwurf aus blauem Damast mit Tressen von feinstem Gold, den Kopf ohne Schleiertuch, mit nichts andrem geschmückt als mit seinen eigenen Haaren, die goldne Ringe schienen, so blond und gelockt waren sie. Der Statthalter, der Haushofmeister und der Truchseß gingen mit ihm beiseite und fragten ihn, ohne daß seine Schwester es hören konnte, warum er in dieser Tracht gehe, und er, mit nicht geringerer Scham und Verlegenheit als vorher sie, erzählte dasselbe wie seine Schwester, was dem verliebten Truchseß gar großes Vergnügen machte. Der Statthalter aber sagte zu ihnen: »Ganz gewiß, ihr jungen Leute, war dies alles eine große Kinderei, und um so einen törichten Streich zu erzählen, waren nicht so viele Weitläufigkeiten nötig und nicht so viele Tränen und Seufzer; denn hättet Ihr bloß gesagt, wir sind der und die und haben uns dieses Kunstgriffs bedient, um aus dem elterlichen Hause zu kommen und herumzuspazieren, bloß aus Neugier, ohne sonst einen Zweck, so wäre die Mär damit fertig gewesen ohne Seufzerei und Geflenn.«

»Das ist wahr«, entgegnete das Mädchen; »aber ihr müßt wissen, meine Herren, meine Verwirrung war so groß, daß sie mir gar nicht erlaubte, mich so zu benehmen, wie ich hätte sollen.«

»Das macht nichts«, versetzte Sancho; »wir wollen gehen und von euch beiden, sobald ihr im Hause eures Vaters seid, Abschied nehmen; vielleicht hat er euch noch nicht vermißt. Künftig aber benehmt euch nicht so kindisch und seid nicht so neugierig darauf, die Welt zu sehen; denn ein brav Mägdlein mag nicht hinaus, bricht lieber das Bein und bleibt zu Haus; und: Streichen sie draußen vor den Toren, ist ein Weib und ein Huhn gar bald verloren; und: Die es gelüstet zu sehen, die gelüstet's auch, gesehen zu werden. Mehr sag ich nicht.«

Der Jüngling dankte dem Statthalter, daß er ihnen die Gnade erweisen wolle, sie wieder nach Hause zu bringen, und so nahmen sie ihren Weg dahin; es war nicht sehr weit. Als sie ankamen, warf der Bruder einen kleinen Kiesel gegen ein Fenstergitter, und alsbald kam eine Dienerin herunter, die auf sie gewartet hatte und ihnen die Tür öffnete; sie traten ein und ließen die ganze Gesellschaft in Verwunderung über ihre anmutige Art und ihre Schönheit wie über ihr Verlangen, die Welt zu sehen, und zwar bei Nacht und ohne aus der Stadt hinauszukommen. Indessen schrieben sie dies alles auf Rechnung ihres jugendlichen Alters.

Der Truchseß fühlte sich mitten ins Herz getroffen und nahm sich auf der Stelle vor, am nächsten Tage bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten, da er es für sicher hielt, er würde sie ihm als einem Manne in des Herzogs Diensten nicht abschlagen. Ja auch in Sancho entstanden Wünsche und Pläne in unklaren Umrissen, den jungen Mann mit seiner Tochter Sanchica zu verheiraten, und er beschloß, dies seinerzeit zur Sprache zu bringen, da er nicht zweifelte, daß man einer Statthalterstochter keinen Gatten abschlagen könne.

Hiermit ging die Runde dieser Nacht zu Ende und ein paar Tage später auch die ganze Statthalterschaft, womit all seine Pläne über den Haufen geworfen und ausgelöscht wurden, wie man nachher ersehen wird.

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