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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 45
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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44. Kapitel

Wie Sancho Pansa zu seiner Statthalterschaft gesendet wurde, und von dem merkwürdigen Abenteuer, das Don Quijote im Schlosse begegnete

Es heißt, daß in der eigentlichen Urschrift dieser Geschichte, da wo Sidi Hamét an die Abfassung dieses Kapitels kommt – welches sein Übersetzer nicht so wiedergegeben, wie er es geschrieben hatte –, daß da eine Art von Bedauern zum Ausdruck kam, das der maurische Verfasser über sich selbst empfunden, weil er eine Geschichte wie die des Don Quijote unter die Hände genommen, die so trocken und in so enge Grenzen gebannt sei, da er immer, wie es ihn bedünke, nur von dem Ritter und von Sancho sprechen müsse, ohne daß er wagen dürfe, sich in sonstigen Abschweifungen und Einschaltungen ernsteren und auch unterhaltenderen Inhalts zu verlieren. Er fügte bei, wenn Geist, Hand und Feder beständig daran gebunden seien, von einem einzigen Gegenstande zu schreiben und durch den Mund weniger Personen zu sprechen, so sei dies eine unerträgliche Mühsal, deren Ergebnis ohne Ergebnis für des Verfassers Ruhm bleibe, und um diesen Mißstand zu vermeiden, habe er sich im ersten Teile des Kunstgriffs bedient, etliche Novellen einzuflechten, wie die vom törichten Vorwitz und die vom Hauptmann in der Sklaverei, welche von der eigentlichen Geschichte so gut wie unabhängig sind, während die übrigen dort berichteten Vorgänge dem Ritter selbst begegnet sind, also unbedingt erzählt werden mußten. Allein er dachte sich auch, wie er sagt, daß viele Leser, hingerissen von der Teilnahme, welche Don Quijotes Heldentaten in Anspruch nehmen, den Novellen keine widmen und flüchtig oder widerwillig über sie hinwegeilen würden, ohne die feine Arbeit und Kunst in ihnen zu beachten, die man klar erkennen müßte, sobald sie für sich allein, ohne die Narreteien Don Quijotes und Sanchos Einfältigkeiten, ans Licht getreten wären. Daher wollte er in diesen zweiten Teil weder selbständige noch in die Geschichte verflochtene Novellen einfügen, sondern nur einige Episoden, die sich sofort als solche erkennen lassen und die aus den Begebenheiten selbst, wie sie unsre Geschichte darbietet, hervorgegangen sind; und auch diese nur in beschränktem Maße und ohne größeren Aufwand, an Worten, als gerade genügt, um sie vorzutragen. Da er sich mithin in den engen Grenzen seiner Erzählung hält, während er doch Geschick, hinlängliche Fähigkeit und Verstand hat, um über das ganze Weltall zu schreiben, so bittet er, man solle seine Arbeit nicht mißachten, vielmehr ihm Lob spenden, nicht für das, was er schreibt, sondern für das, was er zu schreiben unterlassen hat.

Und hierauf fährt er fort und sagt, daß Don Quijote, als er Sancho die Lehren erteilt hatte, ihm diese nach dem Essen noch am nämlichen Nachmittag schriftlich übergab, damit er jemanden suchen könne, der sie ihm vorlese. Aber kaum hatte er sie ihm gegeben, so verlor dieser sie wieder, und sie gelangten in die Hände des Herzogs, der sie der Herzogin mitteilte; und beide verwunderten sich aufs neue über Don Quijotes Verrücktheit und Verstand. Sie fuhren daher mit ihren lustigen Streichen fort und sandten noch denselben Abend Sancho mit zahlreicher Begleitung nach der Ortschaft, die für ihn eine Insul sein sollte.

Es traf sich nun, daß derjenige, dem Sanchos Überwachung aufgetragen worden, ein Haushofmeister des Herzogs, ein sehr gescheiter und witziger Mann war – denn es gibt keinen Witz ohne Gescheitheit –, derselbe, welcher die Rolle der Gräfin Trifaldi mit so vieler Laune gespielt hatte, wie berichtet; und mit diesen Geistesgaben und mit Anweisungen, die ihm seine Herrschaft darüber erteilt hatte, wie er sich Sancho gegenüber zu verhalten habe, gelang es ihm, den Plan wunderbar auszuführen.

Als nun Sancho diesen Haushofmeister erblickte, fiel ihm sofort das Gesicht der Trifaldi ein, und er wendete sich zu seinem Herrn und sprach: »Señor, entweder soll mich der Teufel auf dieser Stelle holen, so wahr ich ein gerechter und rechtgläubiger Mensch bin, oder Euer Gnaden muß mir zugestehen, daß das Gesicht dieses herzoglichen Haushofmeisters da vor uns das Gesicht der Schmerzenreich selber ist.«

Don Quijote betrachtete den Haushofmeister aufmerksam und sagte sodann zu Sancho: »Es ist kein Grund, daß dich der Teufel hole, weder als gerechten noch als rechtgläubigen Menschen – ich weiß zwar nicht, was du damit meinst –: das Gesicht der Schmerzenreich ist das des Haushofmeisters; aber der Haushofmeister ist darum noch nicht die Schmerzenreich. Wäre er es, so wäre das doch recht widersinnig, und es ist jetzt nicht Zeit, eine gründliche Untersuchung darüber anzustellen, denn das würde uns in ein verworrenes Labyrinth führen. Glaube mir, Freund, es tut uns not, inbrünstig zu Gott dem Herrn zu beten, daß er uns beide von bösen Hexenmeistern und Zauberern erlöse.«

»Es ist wirklich kein Spaß, Señor«, versetzte Sancho; »sondern ich hab ihn gerade sprechen hören, und es war genauso, als ob die Stimme der Trifaldi mir in die Ohren klänge. Nun gut, ich will für jetzt still sein; aber ich will künftighin doch genau Obacht geben, ob ich nicht noch ein Merkmal entdecke, das meinen Verdacht bestätigt oder gänzlich beseitigt.«

»Das mußt du tun, Sancho«, sprach Don Quijote, »und mir von allem Nachricht geben, was du in dieser Sache etwa entdecken magst, sowie von allem, was dir in deiner Statthalterschaft begegnet.«

Sancho reiste endlich ab, von großem Gefolge begleitet, in der Tracht eines richterlichen Beamten, darüber einen weiten Mantel von hellbraunem gewässertem Kamelott, mit einer Mütze von demselben Stoff. Er ritt auf einem Maulesel mit kurzgeschnallten Bügeln, und hinter ihm zog auf Befehl des Herzogs sein Grautier einher mit Eselsgeschirr und Aufputz, alles von Seide und hell erglänzend. Von Zeit zu Zeit wandte sich Sancho nach seinem Esel um und schaute ihn an und ritt in dessen Gesellschaft so vergnügt dahin, daß er nicht mit dem deutschen Kaiser getauscht hätte. Beim Abschied vom Herzog und von der Herzogin küßte er ihnen die Hände und bat seinen Herrn um seinen Segen; dieser gab ihn unter Tränen, und Sancho empfing ihn mit Flennen.

Laß nun, freundlicher Leser, den wackern Sancho in Frieden und in Gottes Namen ziehen und mache dich auf zwei Scheffel Gelächter gefaßt, welches die Kunde davon, wie er sich in seinem Amte benahm, bei dir sicherlich hervorrufen wird; inzwischen aber vernimm mit Bedacht, was seinem Herrn in dieser Nacht widerfuhr, und wenn du darüber nicht in helles Lachen ausbrichst, wirst du wenigstens den Mund zur spöttischen Miene eines Affen verziehen; denn Don Quijotes Erlebnisse müssen entweder mit Bewunderung oder mit Gelächter begrüßt werden.

Es wird also erzählt, daß Sancho kaum abgereist war, als Don Quijote schon sich einsam fühlte, und wäre es ihm möglich gewesen, die Bestallung widerrufen zu lassen und ihm die Statthalterschaft wieder abzunehmen, so hätte er es sicherlich getan. Die Herzogin bemerkte seinen Trübsinn und fragte ihn, weshalb er traurig sei; wenn es wegen Sanchos Abwesenheit wäre, so gäbe es Schildknappen, Kammerfrauen und Zofen in ihrem Hause, die ihn ganz seinem Wunsch entsprechend bedienen würden.

»Es ist wahr, Herrin mein«, antwortete Don Quijote, »daß ich Sanchos Abwesenheit schmerzlich fühle; aber dies ist nicht der Hauptgrund, daß ich niedergeschlagen aussehe, und von den vielen Anerbietungen, mit denen Euer Exzellenz mich beehrt, nehme ich nur eine an, nämlich die huldvolle Gesinnung, von der sie ausgehen, und im übrigen bitte ich Euer Exzellenz dringend, zu gestatten und zu erlauben, daß innerhalb meines Gemaches ich mich selbst bediene.«

»Wahrlich, Señor Don Quijote, das darf nicht sein; vier meiner Fräulein sollen Euch bedienen, alle vier schön wie die Blumen.«

»Mir wären sie nicht wie Blumen«, entgegnete Don Quijote, »sondern wie Dornen, die mir in die Seele stechen würden. Weder sie noch irgend jemand ihresgleichen soll in mein Zimmer kommen, geradesowenig, wie sie hineinfliegen können. Sofern Euer Hoheit fortfahren will, mir Gnade zu erweisen, wenn ich sie auch nicht verdiene, so gestattet, daß ich allein in meinem Zimmer bleibe und mich selbst bediene, auf daß ich eine Mauer ziehe zwischen meiner Begehrlichkeit und meiner Sittsamkeit, und ich will von dieser meiner Gewohnheit nicht abgehn um der hochherzigen Güte willen, die Euer Hoheit mir erzeigen will. Mit einem Wort, ich will lieber in meinen Kleidern schlafen als gestatten, daß mich jemand entkleidet.«

»Nicht weiter, nicht weiter, Señor Don Quijote«, erwiderte die Herzogin; »jetzt sage ich meinesteils, ich werde anordnen, daß nicht einmal eine Fliege in Euer Gemach kommt, geschweige eine Jungfrau. Ich bin nicht die Frau, durch deren Schuld die Züchtigkeit des Señor Don Quijote die mindeste Beeinträchtigung erleiden soll; denn wie es mich schier bedünken will, steht unter seinen vielen Tugenden die der Keuschheit obenan. Ihr mögt Euch ganz allein und nach Eurer gewohnten Weise auskleiden und anziehn, wie und wann Ihr's wollet; niemand wird Euch daran hindern, und Ihr sollt in Eurem Gemache die Gefäße finden, deren einer bedarf, der bei verschlossenen Türen schläft, damit kein natürliches Bedürfnis Euch zwinge, sie zu öffnen. Es lebe die erhabene Dulcinea von Toboso tausend Jahrhunderte lang, und es verbreite sich ihr Name über das ganze Erdenrund, da sie würdig war, von einem so mannhaften und so keuschen Ritter geliebt zu werden; und möge der gütige Himmel dem Herzen Sancho Pansas, unsres Statthalters, das innige Verlangen einflößen, seine Geißelung baldigst zu vollenden, damit die Welt endlich der Schönheit einer so hohen Dame aufs neue genießen möge.«

Darauf sagte Don Quijote: »Eure Hoheit hat gesprochen als die würdige Herrin, die Ihr seid, denn von einer edlen Frau kann keine unedle in den Mund genommen werden; und Dulcinea wird durch das Lob Eurer Hoheit glücklicher und berühmter in der Welt werden als durch alle Lobpreisungen der größten Meister der Beredsamkeit.«

»Nun gut, Señor Don Quijote«, versetzte die Herzogin; »die Stunde des Abendessens naht heran, und der Herzog wird wohl schon warten; kommt, wir wollen das Abendmahl halten. Auch werdet Ihr Euch wohl zeitig niederlegen; Eure gestrige Reise nach Candaya war nicht so kurz, daß sie Euch nicht einigermaßen ermüdet hätte.«

»Ich fühle keine Müdigkeit, Señora«, erwiderte Don Quijote; »denn ich kann Euer Hoheit schwören, in meinem ganzen Leben hab ich kein ruhigeres und sanfter gehendes Tier geritten als den Holzzapferich, und ich weiß nicht, was den Malambruno bewogen haben kann, sich eines so leichten, sanften Gaules zu berauben und ihn so mir nichts, dir nichts zu verbrennen.«

»Vielleicht kann man annehmen«, antwortete die Herzogin, »daß er aus Reue ob des Bösen, das er der Trifaldi und ihren Genossen und andern Personen angetan, und ob der Missetaten, die er als Hexenmeister und Zauberer jedenfalls verübt haben muß, alle Werkzeuge seines bisherigen Treibens vernichten wollte; und als das hauptsächlichste, das, weil es von Land zu Land schweifte, ihn am meisten in Unruhe versetzte, hat er den Holzzapferich verbrannt. Durch dessen glühende Asche und durch das Siegeszeichen jener Inschrift aber lebt für alle Zeiten fort die Heldenkühnheit des großen Don Quijote von der Mancha.«

Aufs neue sprach Don Quijote der Herzogin seinen Dank aus, und nachdem er zu Abend gespeist, zog er sich allein in sein Gemach zurück, ohne jemandem den Eintritt zu seiner Bedienung zu gestatten; so sehr fürchtete er, daß eine etwaige Gelegenheit ihn verführen könnte, die treue Sittsamkeit einzubüßen, die er seiner Herrin Dulcinea um so mehr bewahrte, als die Tugend des Amadís, der fahrenden Ritter Blume und Spiegel, in seiner Vorstellung stets lebendig war. Er schloß die Tür hinter sich zu, zog sich beim Lichte zweier Wachskerzen aus, und als er sich seiner Fußbekleidung entledigte, o Mißgeschick, unwürdig einer solchen Persönlichkeit! da lösten sich ihm nicht Seufzer aus seinem Innern noch irgend etwas andres, das die Säuberlichkeit seiner feinen Lebensart hätte verdächtigen können, sondern es lösten sich ihm an einem Strumpfe zwei Dutzend Maschen auf, und der Strumpf wurde zu einem Fenstergitter. Das betrübte den wackern Herrn über die Maßen, und er hätte eine Unze Silber darum gegeben, ein Quentchen grüne Seide an Ort und Stelle zu haben, ich sage grüne Seide, denn die Strümpfe waren grün. Hier hat Benengelí ausgerufen und geschrieben: »O Armut! Armut! Ich weiß nicht, aus welchem Grunde der große Dichter aus Córdoba dich nannte:

Heilige, unbedankte Himmelsgabe!

Ich, wiewohl ein Maure, weiß von meinem Umgang mit Christen her, daß die Heiligkeit in Liebe, Demut, Glaube, Gehorsam und Armut besteht; aber trotzdem sage ich, der muß viele Gnade von Gott haben, der freudig in Armut lebt, wenn es nicht eine Armut jener Art ist, von welcher einer ihrer größten Heiligen sagt: ›Brauchet aller Dinge, als ob ihr ihrer nicht brauchet‹, und das nennt man die Armut im Geiste. Aber du andre Armut – von dir nämlich rede ich –, warum hängst du dich immer lieber an die Junker und Edelgebornen als an andere Leute? Warum nötigst du sie, die Löcher an ihren Schuhen schwarz zu überstreichen und an ihren Röcken Knöpfe zu haben, von denen die einen von Seide, die andern von Roßhaar und andre von Glas sind? Warum müssen meistens ihre Halskragen platt aufliegen mit unordentlichen Falten vom Waschen her und nicht frei stehn als gesteifte Krausen, denen mit dem Brenneisen die Hohlfalten gerundet wurden?«

Und hieraus ist zu ersehen, daß der Gebrauch der Stärke und der Kragen mit runden Hohlfalten schon alt ist.

Dann fährt er fort: »Oh, elend ist der Mann von guter Geburt, der seiner Ehre ein Krankentränklein eingibt, indem er bei verschlossener Tür ein schlechtes Mahl verzehrt und den Zahnstocher zum Heuchler macht, mit dem er auf die Straße hinausgeht, ohne daß er etwas gegessen hätte, das ihn nötigte, sich in den Zähnen zu stochern! Elend ist er, sage ich, der ein scheues, zaghaftes Ehrgefühl hat und immer meint, man sähe eine Meile weit die Flicken an seinen Schuhen, die durchgeschwitzten Stellen an seinem Hut, das Fadenscheinige an seinem Mantel und den Hunger in seinem Magen.«

All dieses trat auch vor Don Quijotes Seele, als ihm seine Maschen aufgingen; aber er schöpfte Trost, als er sah, daß Sancho ein Paar Reisestiefel zurückgelassen hatte, und diese gedachte er am nächsten Tage anzuziehen.

Endlich legte er sich nieder, nachdenklich und bekümmert, sowohl weil er Sancho entbehren mußte als auch wegen des unheilbaren Mißgeschicks seiner Strümpfe, deren Maschen er gern wieder aufgenommen hätte, wenn auch mit Seide von andrer Farbe, was doch eines der deutlichsten Zeichen von Elend ist, die ein Edelmann im Verlauf einer langwährenden Dürftigkeit von sich geben kann. Er löschte die Kerzen aus, aber es war heiß, und er konnte nicht schlafen; er erhob sich vom Bette und öffnete das Gitterfenster, das auf einen herrlichen Garten hinausging. Beim öffnen aber hörte er, daß Leute sich im Garten bewegten und miteinander sprachen. Er horchte aufmerksam; die Stimmen von unten wurden lauter, so daß er folgende Worte vernehmen konnte: »Dringe nicht weiter in mich, o Emerencia, daß ich singen soll; du weißt ja, seit dieser Fremde in unser Schloß gekommen ist und meine Augen ihn erblickt haben, kann ich nicht mehr singen, sondern nur weinen, zumal der Schlaf unsrer Herzogin eher leicht als schwer ist und ich um alle Schätze der Welt nicht möchte, daß sie uns hier fände. Und gesetzt den Fall, sie schliefe fest und würde nicht wach, so wäre dennoch mein Gesang vergeblich, wenn er doch schläft und ihn nicht hört, dieser mein Äneas, der in meine Lande gekommen, um mich zu verhöhnen und zu verlassen.«

»Laß dir doch so was nicht einfallen, Freundin Altisidora«, wurde geantwortet. »Ganz gewiß schläft die Herzogin jetzt und das ganze übrige Haus, ausgenommen der Gebieter und Auferwecker deines Herzens; denn eben habe ich bemerkt, daß er das Fenster seines Zimmers geöffnet hat, und er muß ganz gewiß wach sein; singe, mein armes Kind, mit leisem süßem Tone zum Klang deiner Harfe, und sollte die Herzogin uns hören, so geben wir der Hitze dieser Nacht die Schuld.«

»Darin liegt mein Bedenken nicht, o Emerencia«, gab Altisidora zur Antwort, »sondern darin, daß ich nicht möchte, daß mein Gesang mein Herz verriete und ich von denen, die Amors gewaltige Macht nicht kennen, für ein lüsternes und leichtfertiges Mägdlein gehalten würde. Aber komme, was kommen mag, besser ist Schamröte im Gesicht als eine Wunde im Herzen.«

Hiermit begann sie die Harfe in süßesten Tönen zu spielen. Als Don Quijote dies hörte, geriet er vor Staunen ganz außer sich, denn im Augenblick fielen ihm die zahllosen ähnlichen Abenteuer von Fenstern, Gittern und Gärten, Ständchen, Liebesgetändel und ähnlichen Narrheiten ein, die er in seinen törichten Ritterbüchern gelesen hatte. Sogleich stellte er sich vor, irgendein Fräulein der Herzogin sei in ihn verliebt und ihre Sittsamkeit zwinge sie, ihre Neigung geheimzuhalten. Er fürchtete, sie möchte ihn besiegen, und nahm sich in seinen Gedanken vor, sich nicht bezwingen zu lassen; und indem er aus vollem Herzen und mit den besten Vorsätzen sich seiner Herrin Dulcinea von Toboso anbefahl, beschloß er, der Musik zu lauschen; und damit man merke, daß er da sei, tat er, als müsse er niesen, worüber sich die Mädchen nicht wenig freuten, da sie nichts andres wünschten, als daß Don Quijote ihnen lausche.

Als nun die Harfe gestimmt und geprobt war, begann Altisidora folgende Romanze:

O du, der du dort auf feinstem
Linnen ohne Sorg und Plage
Schläfst mit ausgestreckten Beinen
All die Nacht bis hell am Tage;

Du, der kühnste aller Ritter,
Die zur Welt die Mancha sandte,
Du, geehrt mehr und gesegnet
Als das Gold aus Yemens Lande;

Hör ein Mägdlein an aus gutem
Hause, dem es schlecht ergangen,
Das am Lichte deiner beiden
Sonnen Feuer hat gefangen.

Schlagen willst du dich mit Rittern
Und hast Herzen wund geschlagen,
Und wen du verwundest, schnöde
Willst du Heilung ihm versagen.

Sag mir, heldenhafter Jüngling,
Dem Gott heile seine Plagen,
Ob in Libyen du geboren,
Ob, wo Jacas Berge ragen?

Sag, ob Schlangen dich gesäugt?
Sage, war wohl deine Amme
Waldes Schauer und das Grausen
Hoch auf des Gebirges Kamme?

Preisen darf sich Dulcinea,
Maid von vollen derben Wangen,
Daß sie eines Tigers, eines
Wilden Untiers Herz gefangen.

Darum wird ihr Ruhm ertönen
Vom Jarama zum Henares,
Vom Pisuerga zum Arlanza,
Vom Tajo zum Manzanares.

Gerne möcht ich mit ihr tauschen,
Gäb mein Wams, geschmückt mit Spangen,
Ihr noch gern heraus, das schönste,
Daran goldne Fransen hangen.

Oh, ruht' ich in deinen Armen,
Mindstens auf dem lieben Platze
Vor dem Bett, daß ich den Kopf dir
Und vom Haar die Schuppen kratze!

Viel begehr ich, und ich bin doch
Unwert solcher Gnadengaben;
Nur, und dies genügt mir Armen,
Möcht ich dir die Füße schaben.

Oh, wieviel Nachtmützen gäb ich,
Socken dir von feinstem Baste,
Mäntel aus holländschem Linnen,
Strumpf und Hosen von Damaste!

Und mit Perlen, wie Galläpfel
Dick, wollt ich dich gern begaben,
Die man Solitaire nennt,
Weil sie keinesgleichen haben.

Schau nicht vom Tarpeja auf mich,
Denn in Glut brech ich zusammen
Größter Nero aus der Mancha,
Fache nicht noch mehr die Flammen.

Ich, ein Kind, ein zartes Mägdlein,
Zähle noch nicht fünfzehn Jahre;
Vierzehn zähl ich und drei Monde,
So wahr Gott mich fromm bewahre!

Bin nicht lahm und nicht verkrüppelt,
Frisch und schön bin ich vor allen;
Meine Haare Lilienstengel,
Die bis auf den Boden wallen.

Meine Schönheit preist den Schöpfer,
Ob auch etwas platt die Nase;
Ist mein Mund wie Adlers Schnabel,
Sind die Zähne doch Topase.

Meine Stimme, wie du hörest,
Ist vom allersüßten Klange;
Unter Mittelgröße bin ich,
Fein von Wuchs und stolz von Gange.

Diese Reize sind zur Beute
Deinem Köcher jetzt gefallen,
Und ich heiß Altisidora,
Dien als Zof in diesen Hallen.

Hier endete der Gesang der herzenswunden Altisidora und begann das Entsetzen des liebesumworbenen Don Quijote, welcher mächtig aufseufzend zu sich selber sagte: Was muß ich doch für ein unseliger fahrender Ritter sein, daß es kein Fräulein geben kann, das sich nicht gleich in mich verliebt! Wie glückverlassen muß doch die unvergleichliche Dulcinea von Toboso sein, daß man sie meine Treue ohnegleichen nicht allein genießen lassen will! Was wollt ihr von ihr, o Königinnen? Zu welchem Zweck verfolgt ihr sie, ihr Kaiserinnen? Warum bedrängt ihr sie, ihr Mägdlein von vierzehn bis fünfzehn Jahren? Lasset doch, lasset doch die Arme triumphieren, sich erfreuen und stolz sein ob des Loses, das Amor ihr zuteilen wollte, indem er ihr mein Herz unterwarf und ihr meine Seele dahingab. Bedenke, o verliebte Schar, ich bin nur für Dulcinea von Teig und Zuckerkuchen und für alle andern von Marmelstein. Für sie bin ich Honig und für euch Wermut; für mich ist Dulcinea allein die Schöne, die Verständige, die Züchtige, die Edelgeborne, und die andern all sind die Häßlichen, die Dummen, die Leichtfertigen, die von niedrigster Geburt. Für sie, für keine andere hat mich die Natur auf die Welt geschleudert, ob nun Altisidora weine oder singe, ob nun die Dame verzweifle, um derentwillen man mich in der Burg des verzauberten Mohren durchgeprügelt hat; möge man mich kochen oder braten, ich gehöre Dulcinea an, stets lauter, adelig und keusch, trotz allen Zaubermächten auf Erden.

Hiermit schlug er das Fenster zu und legte sich mißmutig und gramvoll, als sei ihm ein großes Unglück begegnet, in sein Bett, wo wir ihn für jetzt lassen werden; denn bereits ruft uns der große Sancho Pansa, der gerade seine gepriesene Statthalterschaft antreten will.

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