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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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35. Kapitel

Wo über die Weisung, die Don Quijote betreffs der Entzauberung Dulcineas erhielt, weiter berichtet wird, nebst anderen, staunenswerten Begebnissen

Nach dem Takte der lieblichen Musik kam ein Karren oder Wagen auf sie zu, einer von der Art, die man Triumphwagen nennt, von sechs grauen Maultieren gezogen, die mit weißem Linnen behangen waren. Auf jeglichem saß ein Kerl, aussehend wie einer, der zur Kirchenbuße geführt wird, das heißt ebenfalls weißgekleidet und mit einer großen brennenden Wachsfackel in der Hand. Der Karren war zwei- oder auch dreimal so groß als die vorigen, und an den Seiten, sowie oben darauf, befanden sich noch zwölf solcher Bußbrüder in schneeweißen Kitteln, alle mit brennenden Fackeln, ein Anblick, der ebenso wunderbar wie schauerlich war; und auf einem hohen Throne saß eine Maid, gehüllt in zahllose Schleier aus Silberflor, durch welche allwärts zahllose Goldflitter hindurchglitzerten, so daß ihr Gewand wenn nicht reich, so doch blendend war. Ihr Angesicht war in einen feinen durchsichtigen Schleier gehüllt, dessen Gewebe nicht hinderte, daß man ein wunderschönes Mädchengesicht erblickte, und die vielen Lichter gestatteten es, dessen Schönheit und Alter zu erkennen, das zwischen zwanzig und siebzehn Jahren zu liegen schien. Neben ihr saß eine Gestalt, in ein langes Schleppkleid bis über die Füße gehüllt, den Kopf mit einem schwarzen Schleier bedeckt. Im Augenblick aber, wo der Wagen dem herzoglichen Paare und Don Quijote gegenüber hielt, schwiegen die Oboen und gleich darauf die Harfen und Lauten, die auf dem Karren erklangen, und die Gestalt im Schleppkleide erhob sich, schlug das Gewand nach beiden Seiten auseinander, nahm den Schleier vom Kopf und zeigte sich allen Augen als die leibhaftige Gestalt des Todes, des häßlichen Gerippes. Darüber empfand Don Quijote Mißbehagen, Sancho zitterte vor Furcht, und auch Herzog und Herzogin zeigten sich ein wenig ängstlich.

Dieser lebendige Tod erhob sich, stellte sich aufrecht und begann mit einer Stimme, die ziemlich schläfrig, und einer Sprache, die gerade nicht sehr aufgeweckt war, folgendermaßen zu reden:

»Ich bin Merlin, der, wie in den Geschichten
Es heißt, den Teufel selbst zum Vater hatte;
's ist Lüge, die allmählich Glauben fand.
Ich bin der Fürst der Zauberkunst, der König
Und Inbegriff von Zoroasters Weisheit,
Im Kampf stets mit der Feindschaft der Jahrhunderte,
Die zu verdunkeln trachtet die gewaltgen
Großtaten der beherzten fahrenden Ritter,
Die ich in Liebe stets gehegt und hege.

Und wenn auch allezeit die weisen Zaubrer,
Die Magier oder Magiker, die schlauen,
Hart von Gemüte sind und rauh und strenge,
Das meine doch ist weich und mild und liebreich,
Und allem Volke wohlzutun geneiget.

Es drang zu Plutos traurig dunkeln Höhlen
(Wo meine Seele sich damit vergnügte,
Zu ziehn gewisse Linien und Figuren)
Der Schmerzensruf der Jungfrau ohnegleichen,
Der schönen Dulcinea von Toboso.

Ihr Unglück samt Verzauberung vernahm ich,
Und die Verwandelung aus edler Dame
Zu einer Bäuerin vom Dorf; mich schmerzt' es,
Und ich durchblättert' hunderttausend Bücher,
Die meine teuflisch argen Künste lehren,
Und sperrte meinen Geist dann in den hohlen
Raum dieses grimmen schrecklichen Gerippes
Und komme nun, das Rettungsmittel spendend,
Das hilfreich solchem Schmerz und solchem Wehe.

Du aber, Ruhm und Ehr all derer, welche
Sich kleiden ins Gewand von Stahl und Demant,
Du Licht und Leuchte, Leitstern, Pfad und Führer
All jener, die, sich dumpfem Schlaf entreißend
Und trägen Daunen, eifrig sich bereiten,
Das unerträglich harte Werk zu üben
Der blutigen und drückend schweren Waffen:

Dir sag ich, edler Mann, du nie so würdig,
Wie dir gebührt, gepriesner, du mannhafter
Zugleich und hochverständiger Don Quijote,
O du, der Mancha Glanz, der Stern Hispaniens:
Damit sie ihren früheren Zustand wieder
Erlangen möge, sie, die ohnegleichen,
Die hohe Dulcinea von Toboso,
Ist's nötig, daß sich selbst dein Knappe Sancho
Dreitausend Hiebe und dreihundert gebe
Hier auf sein mächtig Paar Sitzteile, beide
Den Lüften ganz entblößt, und zwar so kräftig,
Daß ihn die Hiebe brennen, schmerzen, ärgern.
Dies ist Beschluß all jener Zaubrer, deren
Gewalt die Maid mit solchem Gram beschwerte,
Und dies ist meines Kommens Zweck, Verehrte.«

»Hol mich der und jener!« rief Sancho; »dreitausend Hiebe? Auch nur drei gebe ich mir ebensowenig wie drei Dolchstöße. Hol der Teufel diese Entzauberungs-Manier; ich weiß nicht, was meine Sitzteile mit den Zaubersachen zu tun haben. Bei Gott, wenn der Herr Merlin keine andre Manier gefunden hat, das Fräulein Dulcinea von Toboso zu entzaubern, kann sie verzaubert in die Grube fahren.«

»Wahrlich, ich will Ihn fassen«, rief Don Quijote, »Er Bauernlümmel, Er Knoblauchfresser, und will Ihn an einen Baum anbinden, nackt und bloß, wie Er aus dem Mutterleib gekommen, und will Ihm, ich sage nicht dreitausenddreihundert, sondern scchstausendsechshundert Hiebe aufmessen, und die sollen so gut sitzen, daß Er sich dreitausenddreihundertmal schütteln kann und schüttelt sie nicht ab; und sag Er mir kein Wort, oder ich reiße Ihm die Seele aus dem Leib!«

Als Merlin das hörte, sagte er: »Nein, so darf es nicht sein, denn die Hiebe, die er empfangen soll, darf er nur aus freiem Willen und nicht mit Gewalt bekommen und nur dann, wann er es will, da ihm keine Frist dazu gesetzt ist. Jedoch wenn er die ihm auferlegte Pön mit der Hälfte dieser Prügel abkaufen will, darf er sie sich von fremder Hand geben lassen, wenn es auch eine etwas schwere Hand sein sollte.«

»Weder fremde noch eigene Hand, weder eine schwere noch eine beschwerte«, entgegnete Sancho; »mich soll keine Hand berühren. Hab ich vielleicht das Fräulein Dulcinea von Toboso auf die Welt gesetzt, daß meine Sitzteile büßen sollen, was ihre Augen gesündigt haben? Mein Herr, der Ritter, ist der Mann dazu, denn sie ist ein Teil von ihm selbst; da er sie auf Schritt und Tritt ›mein Leben‹ und ›meine Seele‹ nennt, seine Stütze und seinen Stab, so kann und soll er sich die Hiebe für sie aufstreichen und alle erforderlichen Maßregeln zu ihrer Entzauberung vornehmen; aber ich mir Hiebe versetzen? Da sei Gott für!«

Kaum hatte Sancho ausgesprochen, als die Maid im Silbergewand, die bei Merlins Geist saß, sich erhob, den dünnen Schleier zurückschlug und ein Antlitz zeigte, das allen mehr als allzu reizend erschien; dann aber wendete sie sich mit der dreisten Unbefangenheit eines Mannes geradeswegs an Sancho und sprach mit einer nicht gerade weiblichen Stimme: »O du unglückseliger Schildknappe, du Waschlappenseele, du Herz von Eichenholz, du Gemüt von Kiesel und Feuerstein! Wenn man dir geböte, du Schelm, du frecher Geselle, du solltest dich von einem hohen Turme herabstürzen; wenn man von dir verlangte, du Feind des Menschengeschlechts, du solltest ein Dutzend Kröten, zwei Dutzend Eidechsen und drei Dutzend Schlangen aufessen; wenn man dir zumuten wollte, du solltest dein Weib und deine Kinder mit einem grausigen scharfen Mohrensäbel morden, da war's kein Wunder, wenn du dich sträubtest und wehrtest. Aber aus dreitausenddreihundert Hieben sich was zu machen, die doch der nichtsnutzigste Schulknabe allmonatlich bekommt, das erstaunt, erschüttert, entsetzt die erbarmungsreichen Herzen derer, so es anhören, ja all jener, die einst im Verlauf der Zeiten dessen Kunde erlangen werden. Wende, o du elende und herzverhärtete Bestie, wende, sag ich, diese deine scheuen Eulenaugen, wende sie auf die Pupillen meiner Äuglein hier, die vergleichbar funkelnden Sternen, und du wirst sehen, wie sie Tränen vergießen, Tropfen um Tropfen und Bäche auf Bäche, die da Furchen und Pfade und Wege eingraben auf den holden Fluren meiner Wangen. Erbarme dich, du böswilliges Ungetüm, meines blühenden Alters, das die Zwanzig noch nicht erreicht hat, denn ich zähle erst neunzehn Jahre, und das sich verzehren und welken muß unter der Rinde einer Bauerndirne, die ackert und pflügt; und wenn ich anitzo nicht als solche erscheine, so ist's eine besondere Gnade, die mir der hier gegenwärtige Señor Merlin nur deshalb erwiesen hat, damit meine Reize dich erweichen mögen; können doch die Tränen einer schmerzbedrückten Schönheit Felsen in Baumwollflocken und Tiger in Lämmer verwandeln. Haue dir, haue dir auf dein strotzendes Fleisch, du ungezähmtes Untier, und reiß aus seiner Trägheit heraus deinen Mut, der dich bis jetzt nur zum Essen und immer Essen antreibt, und setze in Freiheit die Glätte meiner Haut, die Zartheit meiner Gestaltung und die Reize meines Angesichts. Und willst du dich nicht um meinetwillen erweichen und zur Vernunft bringen lassen, so tu es um dieses armen Ritters willen, den du hier dir zur Seite siehst; um deines Freundes willen, sag ich, denn ich sehe seine Seele ihm schon quer in der Kehle stecken, keine zehn Zoll weit von den Lippen, und sie wartet nur auf deine grausame oder freundliche Antwort, um entweder zum Munde herauszufahren oder wieder in den Magen zurückzukehren.«

Als Don Quijote das hörte, fühlte er sich an die Kehle und sagte, zum Herzog gewendet: »Bei Gott, Señor, Dulcinea hat wahr geredet; hier hab ich die Seele quer in der Kehle sitzen wie die Nuß an der Armbrust.«

»Was sagt Ihr aber dazu, Sancho?« fragte die Herzogin.

»Ich sage, Señora«, antwortete Sancho, »was die Hiebe angeht: Da sei Gott für!«

»Da sei Gott vor, müßt Ihr sagen, Sancho, und nicht so, wie Ihr Euch ausdrückt«, sprach der Herzog.

»Laßt mich, bitt ich Eure Hoheit«, entgegnete Sancho; »ich bin jetzt nicht in der Stimmung, auf Spitzfindigkeiten zu sehen oder auf einen Buchstaben mehr oder weniger, denn ich bin so verstört über die Hiebe, die ich bekommen oder mir selber aufmessen soll, daß ich nicht weiß, was ich sage und was ich tue. Aber ich möchte wohl von meinem gnädigen Fräulein, dem Fräulein Dulcinea von Toboso, hören, wo sie ihre besondere Manier zu bitten gelernt hat. Sie kommt und verlangt von mir, ich soll mir die Haut mit Hieben zerfetzen, und heißt mich eine Waschlappenseele und ein ungezähmtes Untier nebst einem ganzen Haufen von ähnlichen Schimpfnamen, der Teufel mag sie sich gefallen lassen. Hab ich etwa Haut und Fleisch von Erz? Oder steht bei mir etwas auf dem Spiel, ob sie entzaubert oder nicht entzaubert wird? Was für einen Korb mit Weißzeug, Hemden, Kopftüchern und Socken, obgleich ich dergleichen nicht trage, bringt sie mir her, um mich freundlich zu stimmen? Nichts als ein Schimpfwort über das andere, während sie doch das Sprichwort kennt, das hierzulande bräuchlich ist: Ein Esel mit Gold beladen klettert leicht über den Berg, und Geschenke sprengen Felsen, und auf Gott sollst du vertrauen und mit der Keule hauen; und ein Hab-ich ist mehr wert als zwei Hätt-ich. Und hier der Señor, mein Dienstherr, der mir gütlich über den Berg helfen sollte, und sollte mich hätscheln, damit ich weich würde wie Wolle und gekrempelte Baumwolle, der sagt, wenn er mich zu fassen kriegt, will er mich nackt und bloß an einen Baum anbinden und mir doppelt so viele Hiebe geben. Und doch hätten diese Herrschaften in ihrem großen Mitleid bedenken sollen, daß sie nicht nur einem Schildknappen, sondern einem Statthalter zumuten, sich durchzuhauen; wie man zum Durstigen sagt: Trinke mit Sauerkirschen! Ihr sollt lernen, Schwerenot! Ihr sollt erst lernen, wie man zu bitten hat und wie man zu verlangen hat und wie man sich höflich benimmt; denn eine Zeit ist nicht wie die andere, und die Menschen sind nicht immer bei guter Laune. Jetzt im Augenblick möcht ich bersten vor Leid, weil ich meinen grünen Rock zerfetzt an mir sehe, und da kommen sie und verlangen von mir, ich soll mich aus freiem Willen hauen, während mein freier Wille so wenig damit zu tun hat, als daß ich ein Kazike werde.«

»Nun dann, Freund Sancho«, sprach der Herzog, »wenn Ihr nicht doch noch weich werdet wie eine reife Feige, wahrlich, da sollt Ihr die Statthalterschaft nicht bekommen. Das wäre nicht übel, daß ich meinen Insulanern einen Statthalter schickte, der grausam und steinernen Herzens ist und den weder die Tränen bedrängter Jungfrauen rühren noch die Bitten verständiger, hochgebietender und alterfahrener Zauberer und Weiser. Mit einem Wort, Sancho, entweder Ihr müßt Euch Eure Hiebe aufzählen oder sie aufgezählt bekommen, oder Ihr könnt kein Statthalter werden.«

»Señor«, entgegnete Sancho, »könnte ich nicht zwei Tage Frist bekommen, um zu bedenken, was für mich am besten ist?«

»Nein, unter keiner Bedingung«, fiel Merlin jetzt ein; »hier auf der Stelle muß festgesetzt werden, was aus diesem Handel werden soll. Entweder kehrt Dulcinea in die Höhle des Montesinos und in ihren vorigen Zustand als Bäuerin zurück, oder aber sie wird in ihrer gegenwärtigen Gestalt in die elysäischen Gefilde entrückt, wo sie weilen und erwarten wird, daß die Zahl der Hiebe erfüllt werde.«

»Auf, guter Sancho«, sprach die Herzogin, »zeigt guten Mut und ein gutes Herz und Dankbarkeit für das Brot, das Ihr bei Eurem Herrn Don Quijote gegessen habt, dem wir alle zu Diensten und gefällig sein müssen für seine guten Eigenschaften und seine hohen Rittertaten. Gebt Euer Jawort, lieber Junge, zu dieser Prügelsuppe, und mag der Teufel zum Teufel fahren und die Furcht zu den Hasenfüßen, denn guter Mut überwindet böses Geschick, wie Ihr wohl wisset.«

Auf diese Ansprache antwortete Sancho mit einer ganz abwegigen Frage, die er an Merlin richtete: »Sagt mir doch, Señor Merlin, wie der Teufel als Kurier herkam, brachte er meinem Herrn eine Meldung vom Señor Montesinos, nämlich er trug ihm in dessen Namen auf, ihn hier zu erwarten, weil er zur Entzauberung des Fräuleins Dulcinea Anstalt treffen solle; bis jetzt aber haben wir weder den Montesinos gesehen noch irgend etwas, das ihm ähnlich sieht.«

Darauf antwortete Merlin: »Der Teufel, Freund Sancho, ist ein dummer Kerl und der allergrößte Spitzbube. Ich habe ihn ausgeschickt, um Euern Herrn aufzusuchen; aber nicht mit einer Meldung von Montesinos, sondern von mir; denn Montesinos weilt ruhig in seiner Höhle, wo er auf seine Entzauberung bedacht ist oder, richtiger gesagt, auf sie wartet; denn es fehlt nur noch der Schwanz, so ist ihm die ganze Haut abgezogen. Ist er Euch etwas schuldig oder habt Ihr ein Geschäft mit ihm, so will ich ihn Euch dahin schaffen und zur Stelle bringen, wohin Ihr ihn nur immer haben wollt. Für jetzt aber gebt endlich das Jawort zu Eurer Geißelung und glaubt mir, sie wird Euch zu großem Heil gereichen, sowohl für die Seele als auch für den Leib: für die Seele um der Nächstenliebe willen, mit der Ihr sie verrichten werdet; für den Leib, weil ich weiß, Ihr seid vollblütig von Natur, und es kann Euch keinen Schaden tun, Euch ein wenig Blut abzuzapfen.«

»Es gibt viel Ärzte auf der Welt, selbst die Zauberer sind Ärzte«, versetzte Sancho. »Aber da alle mir dasselbe sagen, wiewohl ich meinesteils es nicht einsehe, so sag ich denn, ich bin's zufrieden, mir die dreitausenddreihundert Hiebe zu geben unter der Bedingung, daß ich sie mir geben darf, wann und wo ich will, und daß man mir keine Vorschriften macht von wegen bestimmter Tage und Fristen; und alsdann will ich danach trachten, meine Schuld so bald als möglich loszuwerden, auf daß die Welt endlich die Schönheit des Fräuleins Dulcinea von Toboso zu genießen bekomme, sintemal sie ja nun offenbar und ganz entgegen meiner eigenen früheren Ansicht wirklich schön ist. Eine weitere Bedingung ist, daß ich nicht gehalten bin, die Geißel so zu brauchen, daß Blut fließt und daß, wenn auch einmal ein paar Hiebe leicht fallen wie beim Mückenscheuchen, sie mir doch in Anrechnung zu bringen sind. Item, wenn ich mich verzählen sollte, so muß der Señor Merlin, der ja alles weiß, das Zählen selber übernehmen und mich benachrichtigen, ob etliche fehlen oder ob etliche zuviel sind.«

»Über das Zuviel wird es keiner Benachrichtigung bedürfen«, entgegnete Merlin; »denn sobald die Zahl voll ist, so wird im Nu und ohne daß man sich's versieht, das Fräulein Dulcinea entzaubert sein und voll Erkenntlichkeit den biedern Sancho aufsuchen und ihm Dank und auch Belohnung für das gute Werk spenden. Also braucht Ihr Euch nicht um das Zuviel oder Zuwenig zu sorgen, und Gott verhüte, daß ich jemanden betröge, wär es auch nur um ein Haar seines Hauptes.«

»Nun wohlan, in Gottes Namen«, sagte Sancho; »ich willige in mein eigen Unglück ein; ich erkläre, ich nehme die Buße an unter den festgesetzten Bedingungen.«

Kaum hatte Sancho diese letzten Worte gesprochen, so begann aufs neue die Musik der Oboen zu ertönen, abermals begannen unzählige Musketen zu feuern, und Don Quijote fiel um Sanchos Hals und gab ihm tausend Küsse auf Stirn und Wangen. Die Herzogin und der Herzog und alle Umstehenden bezeigten große Freude; der Karren setzte sich in Bewegung, und beim Vorüberfahren neigte die schöne Dulcinea ihr Haupt vor dem herzoglichen Paare und machte vor Sancho eine tiefe Verbeugung.

Und jetzt kam schon eiligen Schrittes die heiter lächelnde Morgenröte; die Blümlein des Feldes erschlossen sich und reckten die Köpfchen empor, und die flüssigen Kristalle der Bächlein, zwischen weißen und grauen Kieseln hinmurmelnd, eilten hinab, um den ihnen entgegenharrenden Strömen ihren Zoll zu entrichten; die Erde so freudig, der Himmel so hell, die Luft so rein, das Licht so heiter, jedes für sich allein und alles vereint deutete mit voller Gewißheit darauf, daß der Tag, der bereits auf Aurorens Schleppe trat, nicht minder hell und heiter sein würde. Die herzoglichen Gatten aber, zufrieden mit ihrer Jagd und vergnügt über die geschickte und geglückte Ausführung ihres Planes, kehrten zu ihrem Schlosse zurück mit dem Vorsatz, noch mehr solcher lustiger Streiche zu spielen. Denn es gab für sie nichts Ernstes, das ihnen größere Ergötzlichkeit schaffen konnte als diese Scherze.

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