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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 35
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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34. Kapitel

Welches berichtet, wie man Kunde erhielt, auf welche Weise die unvergleichliche Dulcinea solle entzaubert werden, eine der preisenswertesten Aventüren in diesem Buche

Groß war das Vergnügen, das der Herzog und die Herzogin an der Unterhaltung mit Don Quijote und Sancho Pansa fanden; sie wurden dadurch in ihrem Vorhaben bestärkt, die beiden mit ein paar lustigen Streichen anzuführen, die ganz wie Abenteuer aussähen und wirkten, und was ihnen Sancho Pansa von der Höhle des Montesinos erzählt hatte, diente ihnen als Ausgangspunkt, um dem fahrenden Paar einen Possen von ganz besondrer Art zu spielen. Worüber sich indessen die Herzogin am meisten wunderte, war, daß Sanchos Einfalt so weit ging, zuletzt an Dulcineas Verzauberung als eine unfehlbare Wahrheit zu glauben, während er doch selbst bei dieser Sache der Zauberkünstler und der Anstifter gewesen.

Nachdem sie nun ihren Dienern Anweisung erteilt hatten, was sie alles tun sollten, führten sie Don Quijote sechs Tage später zu einer Treibjagd mit einem solchen Gefolge von Jägern und Schützen, wie es nur ein gekrönter König hätte mitführen können. Sie gaben Don Quijote einen Jagdanzug und Sancho gleichfalls einen solchen von feinstem grünem Tuch; allein Don Quijote wollte ihn nicht anlegen, weil er nächster Tage zum rauhen Waffenhandwerk zurückkehren müsse und keinen Kleiderkasten noch Schränke mitnehmen könne. Sancho jedoch nahm den ihm geschenkten an in der Absicht, ihn bei der ersten besten Gelegenheit zu verkaufen.

Als nun der erwartete Tag herangekommen war, legte Don Quijote seine Rüstung an, Sancho aber sein Jagdkleid, und auf seinem Grauen, von dem er sich, obschon man ihm ein Pferd gab, nicht trennen wollte, mischte er sich unter die Schar der Jäger. Die Herzogin erschien in prächtigem Aufzug, und Don Quijote führte aus lauter Höflichkeit und feiner Sitte ihren Zelter am Zügel, obwohl der Herzog es nicht zugeben wollte. Endlich kamen sie zu einem Gehölz zwischen zwei sehr hohen Bergen, wo, nachdem die Jagdstände besetzt und die Treiber ordentlich verteilt waren, die Jagd mit großem Hallo, Rufen und Schreien begann, so daß einer den andern vor lauter Hundegebell und dem Schall der Hifthörner nicht hören konnte. Die Herzogin stieg ab. Einen scharfen Jagdspieß in der Hand, stellte sie sich an einem Punkt auf, wo sie wußte, daß Wildsauen zu wechseln pflegten. Auch der Herzog und Don Quijote stiegen ab und stellten sich ihr zur Seite. Sancho nahm seinen Posten hinter ihnen allen, ohne von seinem Grauen abzusteigen, den er nicht unbeschützt zu lassen wagte, damit ihm nichts zustieße.

Kaum hatten sie Posten gefaßt und sich mit zahlreichen Dienern im Flügel aufgestellt, als ein ungeheurer Keiler, von den Hunden gehetzt und von den Jägern verfolgt, gegen sie heranstürzte, die Zähne und Hauer wetzend und Schaum aus dem Rachen sprühend. Sobald Don Quijote ihn erblickte, nahm er den Schild in den Arm, zog das Schwert und trat vor, um ihn anrennen zu lassen, und das nämliche tat der Herzog mit seinem Jagdspieß. Allen aber wäre die Herzogin zuvorgekommen, wenn der Herzog sie nicht daran gehindert hätte. Nur Sancho, als er das gewaltige Tier zu Gesicht bekam, ließ seinen Grauen im Stich, rannte aus Leibeskräften davon und wollte auf eine hohe Eiche klettern, aber es gelang ihm nicht; vielmehr, als er schon bis zur Mitte des Baumes gestiegen war und, einen Ast ergreifend, sich abarbeitete, um auf den Gipfel zu gelangen, da sah er sich so vom Glück verlassen und so vom Mißgeschick heimgesucht, daß der Ast brach und er beim Herabfallen an einem Aststummel hängenblieb, ohne zum Boden hinabgelangen zu können. Wie er sich nun in solcher Lage sah, den grünen Jagdrock zerrissen, und es ihn deuchte, wenn das grimme Tier bis zu dieser Stelle käme, so könnte es zu ihm hinaufreichen, begann er so durchdringend zu schreien und so gewaltig um Hilfe zu rufen, daß alle, die ihn hörten und ihn nicht sahen, glaubten, er stecke einer wilden Bestie zwischen den Zähnen. Doch der Keiler mit den mächtigen Hauern wurde endlich durchbohrt vom Eisen zahlreicher Jagdspieße, die man ihm entgegenstreckte; und als Don Quijote seine Augen nach Sanchos Geschrei hinwendete, sah er ihn mit dem Kopf nach unten an der Eiche hangen, und bei ihm stand der Graue, der ihn in seinem Unglück nicht im Stiche lassen wollte. Auch sagt Sidi Hamét, er habe gar selten Sancho Pansa ohne den Esel und den Esel ohne Sancho Pansa gesehen; so große Freundschaft und Treue bewahrten sie einander.

Don Quijote kam herbei und holte Sancho vom Baume herunter, und als dieser sich frei und auf dem sicheren Boden sah, betrachtete er die Risse in seinem Jagdrock, und es tat ihm in der Seele weh, denn er meinte, er besitze in dem Rock ein Rittergut.

Indem brachte man den gewaltigen Keiler, auf einem Saumtier querüber liegend und mit Büscheln Rosmarin und Myrtenzweigen bedeckt, als Siegesbeute nach einem großen Jagdzelt, das mitten im Gehölze aufgeschlagen war. Hier fand man die Tische schon in Ordnung und das Mahl bereit, so kostbar und großartig, daß man daran wohl die hohe Würde und Prachtliebe des Gastgebers erkennen konnte. Sancho zeigte der Herzogin die offenen Wunden seines zerrissenen Kleides und sagte: »Wäre dies eine Jagd auf Hasen oder Kleingeflügel gewesen, dann wäre mein Rock vor solchen Nöten sicher geblieben. Ich weiß wirklich nicht, was man für Vergnügen daran haben kann, zu warten, bis so eine Bestie herankommt, die, wenn sie euch mit einem Hauer trifft, euch das Leben nehmen kann. Ich erinnere mich, ich habe einmal eine alte Romanze singen hören, in der es heißt:

Mögen dich die Bären fressen,
Gleich wie Fávila den Hehren.«

»Dieser Fávila war ein gotischer König«, sagte Don Quijote, »den ein Bär auffraß, als er jagen ging.«

»Das sag ich ja gerade«, versetzte Sancho; »ich kann es nicht leiden, wenn sich die Fürsten und Könige in dergleichen Gefahren begeben, einem Vergnügen zuliebe, das meiner Meinung nach keines sein sollte, da es darin besteht, ein Tier umzubringen, das gar nichts Böses getan hat.«

»Im Gegenteil, Ihr seid im Irrtum, Sancho«, entgegnete der Herzog; »denn die hohe Jagd ist eine körperliche Übung, die für Könige und Fürsten notwendiger ist als irgendeine. Die Jagd ist ein Abbild des Kriegs, bei ihr haben wir gar manche Kriegslist, manchen schlauen Anschlag und Hinterhalt, um den Feind ohne Gefahr zu besiegen; bei ihr erduldet man die strengste Kälte und unerträgliche Hitze und vergißt Schlaf und Müßiggang; die Kräfte werden gestärkt und die Glieder geschmeidig gemacht – kurz, es ist eine Leibesübung, die vielen Vergnügen macht und keinem schadet; und das beste daran ist, daß sie nicht für jedermann ist, wie es die übrigen Arten der Jagd sind, ausgenommen die Falkenjagd, die auch nur für Könige und große Herren ist. Also, werter Sancho, ändert Eure Ansicht, und wenn Ihr einmal Statthalter seid, beschäftigt Euch mit der Jagd, und Ihr werdet sehen, für einen ausgelegten Groschen trägt sie Euch hundert ein.«

»Das nicht«, entgegnete Sancho. »Was ein guter Statthalter ist, bleibt daheim, mag nicht hinaus, bricht lieber das Bein und bleibt zu Haus. Das wär nicht übel, wenn die Geschäftsleute zu ihm kämen, ganz müde vom Weg, und er wäre im Wald, sich zu erlusten; da ging's mit dem Statthaltern schön bergab! Meiner Treu, Jagd und sonstiger Zeitvertreib sind gewiß eher für Tagediebe da als für Statthalter. Womit ich mich aber zu unterhalten gedenke, das ist das Trumpfspiel an den vier hohen Festtagen und Kegelschieben an Sonn- und kleinen Feiertagen, denn all das Jagen widersteht meinem Sinn und geht mir wider das Gewissen.«

»Gott gebe, daß es sich so bewähre, Sancho«, meinte der Herzog, »denn vom Gesagt zum Getan ist's eine lange Bahn.«

»Mag sie so lang sein, wie sie mag«, versetzte Sancho; »den guten Zahler drückt kein Pfand, und besser schafft, wem Gott beisteht, als wer noch so früh aufsteht; und der Bauch ernährt die Füße, nicht aber die Füße den Bauch. Damit will ich sagen: wenn Gott mir beisteht und ich tue nach Wissen und Gewissen meine Pflicht, so werde ich gewiß beim Regieren meinen Weg besser finden als ein Jagdfalke. Oder es soll mir einer einmal auf den Zahn fühlen, und da kann er sehen, ob ich zubeiße oder nicht!«

»Vermaledeit sollst du sein von Gott und all seinen Heiligen, vermaledeiter Sancho«, sprach Don Quijote. »Wann wird einmal der Tag kommen, wie ich dir schon so oft gesagt habe, wo ich dich einen glatten zusammenhängenden Satz ohne Sprichwörter sagen höre? Wollen doch Eure Hoheiten diesen Toren gehen lassen, verehrte Herrschaften; er wird Euren Geist wie zwischen Mühlsteinen nicht zwischen zwei, sondern zwischen zweitausend Sprichwörtern zerreiben, die er so passend und so im richtigen Augenblick beibringen wird, so wahr Gott ihm Gesundheit verleihen möge – oder mir, wenn ich sie anhören wollte.«

»Sancho Pansas Sprichwörter«, bemerkte die Herzogin, »sind zwar zahlreicher als die des griechischen Komturs, aber darum nicht weniger zu schätzen wegen der Kürze ihres kernigen Ausdrucks. Von mir wenigstens kann ich sagen, daß sie mir mehr Vergnügen machen als andere, auch wenn diese passender beigebracht und schicklicher angewendet würden.«

Unter diesen und andern unterhaltenden Gesprächen begaben sie sich aus dem Zelte in den Wald, und mit dem Absuchen verschiedener Jagdstände verging ihnen der Tag, und es brach die Dunkelheit über sie herein. Jedoch war der Abend nicht so hell und nicht so ruhig, wie es die Jahreszeit erheischte – es war nämlich um die Mitte des Sommers –, vielmehr herrschte ein gewisses Helldunkel, das dem Vorhaben des herzoglichen Paares äußerst dienlich war. Kurz vor der Dämmerung schien nämlich mit einemmal der Wald auf allen vier Seiten in Brand zu stehen, und plötzlich hörte man hier und dort, hüben und drüben, unzählige Schlachthörner und andres Kriegsgetöne, als ob zahlreiche Reiterscharen den Wald durchzögen. Der Schein des Feuers, der Klang der kriegerischen Instrumente blendete und betäubte Augen und Ohren der Umstehenden, ja aller, die sich im Walde befanden.

Alsbald hörte man tausendfaches La-Illáh-il-Alláh nach Art der Mauren, wenn sie in die Schlacht ziehen; es erschollen Trompeten und Zinken, wirbelten Trommeln, erklangen Pfeifen, alle fast auf einmal, so anhaltend und so stürmisch, daß man nicht hätte bei Sinnen sein müssen, um nicht von Sinnen zu kommen bei dem wirren Zusammenklang so vieler Instrumente. Der Herzog war ganz außer sich, die Herzogin war starr, Don Quijote in großer Verwunderung, Sancho zitterte, ja selbst die Mitwisser erschraken. Mit der Furcht, die sie packte, kam über sie eine tiefe Stille, und zugleich ritt ein Postillon in der Tracht eines Dämons vor sie hin, der ein ungeheures ausgehöhltes Ochsenhorn blies, das einen heiser schnarrenden entsetzlichen Ton von sich gab.

»Holla, Freund Kurier«, rief der Herzog, »wer seid Ihr, und wohin wollt Ihr?«

Darauf antwortete der Kurier mit grausiger und wilder Stimme: »Ich bin der Teufel; ich suche den Don Quijote von der Mancha. Die Leute, die da heranziehen, sind sechs Scharen Zauberer, welche auf einem Triumphwagen die unvergleichliche Dulcinea von Toboso mit sich führen; sie kommt verzaubert daher mit dem tapferen Franzosen Montesinos, um Don Quijote anzuweisen, wie besagtes Fräulein zu entzaubern sei.«

»Wenn Ihr der Teufel wäret, wie Ihr sagt und wie Euer Aussehen zeigt«, sprach der Herzog, »hättet Ihr bereits den Ritter Don Quijote von der Mancha erkannt, da Ihr ihn vor Euch habt.«

»Bei Gott und meinem Gewissen«, antwortete der Teufel, »ich habe nicht darauf achtgegeben, denn ich muß meine Gedanken nach allen Seiten auf so vielerlei Sachen richten, daß mir die Hauptsache, derentwegen ich herkam, in Vergessenheit geraten ist.«

»Ganz gewiß«, sprach Sancho, »muß dieser Teufel ein braver Kerl und frommer Christ sein, sonst tät er nicht bei Gott und seinem Gewissen schwören. Jetzt bin ich überzeugt, daß es sogar in der Hölle brave Leute gibt.«

Alsbald wandte der Teufel sein Antlitz dem Ritter Don Quijote zu und sprach, ohne abzusteigen: – »Zu dir, dem Löwenritter, – könnte ich dich doch in den Klauen der Löwen sehen! –, sendet mich der unglückselige, aber tapfere Ritter Montesinos und läßt dir in seinem Namen sagen, just an dem Orte, wo ich dich finden würde, sollest du ihn erwarten, dieweil er die Dame mit sich führt, die man Dulcinea von Toboso benennet, auf daß er dir die Weisung erteile, wie ihre Entzauberung zu bewerkstelligen ist. Und weil mein Kommen weiter keinen Zweck hat, ist meines Bleibens länger nicht. Dich mögen Teufel geleiten wie ich, gute Engel aber diese Herrschaften!«

Darauf blies er wieder sein ungeheuerliches Horn, wendete den Rücken und zog von dannen, ohne eine Antwort abzuwarten. In neues Erstaunen gerieten hier alle, besonders Sancho und Don Quijote: Sancho, weil er sah, daß der Wahrheit zum Trotz Dulcinea verzaubert sein sollte; Don Quijote, weil er noch immer nicht zur Gewißheit kommen konnte, ob seine Erlebnisse in der Höhle des Montesinos Wirklichkeit seien oder nicht. Während er noch immer in diesen Gedanken verzückt war, fragte ihn der Herzog: »Gedenket Euer Gnaden zu warten, Señor Don Quijote?«

»Warum nicht?« antwortete er; »hier will ich unverzagt und starkmütig warten, und käm auch die ganze Hölle, mich anzufallen. «

»Ich aber«, sagte Sancho, »wenn ich wieder einen Teufel zu sehen und ein Horn zu hören bekomme wie vorhin, dann warte ich hier am Ort so gewiß, als ich jetzt draußen bei den Truppen in Flandern stehe.«

Unterdessen war die Nacht tiefer hereingebrochen, und es begannen zahlreiche Lichter durch den Wald zu irren, geradeso wie am Himmel die trockenen Ausdünstungen der Erde umherschweifen, welche unsern Augen wie fallende Sterne erscheinen. Zugleich vernahm man ein grausiges Gepolter, ähnlich dem jener schweren Balkenräder, die man an Ochsenkarren sieht und vor deren fortwährendem heftigem Stoßen und Knarren, wie man sagt, die Wölfe und Bären flüchten, wenn es solche da gibt, wo diese Karren vorüberfahren. Zu diesem ganzen Unwetter kam noch eines, das alles andre übertobte: es schien nämlich geradeso, als ob auf allen vier Seiten des Waldes zugleich vier Treffen oder Schlachten geliefert würden, denn an einer Seite erscholl das mächtige Donnern furchtbarer Geschütze, anderwärts wurde aus unzähligen Musketen gefeuert, schier dicht dabei erschollen die Rufe der kämpfenden Krieger, weiterhin hörte man aufs neue das La-Illáh-il-Alláh der Söhne Hagars. Kurz, die Jagd- und Waldhörner, die Ochsenhörner; die Trompeten, die Oboen und Zinken, die Trommeln, das Geschütz, die Musketen und vor allem das erschreckliche Knarren und Dröhnen der Karren, das alles zusammen bildete ein so wirres, so grausiges Gelärm, daß Don Quijote all seine Herzhaftigkeit zu Hilfe nehmen mußte, um es auszuhalten. Aber Sanchos Mut sank danieder, er fiel ohnmächtig der Herzogin gerade in die Schöße ihres Gewandes; sie fing ihn darin auf und befahl eiligst, ihm Wasser ins Gesicht zu spritzen.

Das geschah, und er kam wieder zu sich, im Augenblick, wo gerade einer der Karren mit den knarrenden Rädern dort bei dem Jagdstand anlangte. Es zogen ihn vier langsam schreitende Ochsen, alle prächtig mit schwarzen Schabracken behangen; an jedem Horn trugen sie eine brennende Wachsfackel festgebunden, und oben auf dem Karren war ein hoher Sitz angebracht, auf dem ein ehrwürdiger Greis saß mit einem Barte, weißer als Schnee und so lang, daß er ihm bis unter den Gürtel reichte; bekleidet war er mit einem langen Mantel von schwarzem Barchent. Da der Karren mit zahllosen Lichtern besteckt war, konnte man alles darauf Befindliche erkennen und unterscheiden. Den Karren führten vier scheußliche Teufel, in den nämlichen Barchent gekleidet, mit so scheußlichen Gesichtern, daß Sancho, nachdem er sie einmal angeblickt, die Augen schloß, um sie nicht noch einmal zu sehen. Als nun der Karren ganz herangekommen war, erhob sich der ehrwürdige Greis von seinem Sitze, stellte sich aufrecht und rief mit mächtiger Stimme: »Ich bin der Zauberer Lirgandéo«; und der Karren zog fürbaß, ohne daß der Greis ein Wort hinzugefügt hätte.

Diesem Karren folgte ein andrer von gleicher Art, auf dem wieder ein Greis thronend saß; dieser ließ den Karren halten und sprach mit nicht minder feierlichem Ton: »Ich bin der Zauberer Alquife, der vertraute Freund Urgandas der Unerkannten.« – Und er zog fürbaß.

Alsbald kam ein dritter Karren, von außen und innen wie der vorige; aber auf dem Throne saß kein Greis wie die andern, sondern ein kräftiger Mann von bösartigem Aussehen, der, als er herannahte, wie die andern aufstand und mit einer noch rauheren, teuflischeren Stimme sprach: »Ich bin Arkalaus der Zauberer, der Todfeind des Amadís von Gallien und seiner ganzen Sippschaft.« – Und er zog fürbaß.

Nicht weit von da machten die drei Karren halt, das widerwärtige Gelärm ihrer Räder hörte auf, und man vernahm dafür ein andres, nicht Gelärm, sondern Getöne, von einer süßen und wohlklingenden Musik herrührend. Darob ward Sancho froh und hielt es für ein gutes Zeichen, und er sprach daher zur Herzogin, von der er sich keinen Augenblick und keinen Schritt weit entfernte: »Señora, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.«

»Auch wo Licht und Helle ist«, erwiderte die Herzogin.

Darauf entgegnete aber Sancho: »Licht gibt auch das Feuer und Helle der Scheiterhaufen, wie wir es an den Flammen sehen, die uns umringen, und es wäre wohl möglich, daß sie uns verbrennen; aber die Musik ist immer ein Zeichen der Freuden und Festlichkeiten.«

»Das wird sich finden«, sagte Don Quijote, der alles mit angehört hatte; und er sagte wahr, wie sich in folgendem Kapitel zeigen wird.

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