Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Miguel de Cervantes Saavedra >

Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

31. Kapitel

Welches von vielen und wichtigen Dingen handelt

Unsäglich groß war die Freude, die Sancho in seinem Herzen trug, als er sich seiner Meinung nach in hoher Gunst bei der Herzogin sah; denn alsbald kam ihm der Gedanke, er werde in ihrem Schlosse dasselbe finden, was er in Don Diegos und in Basilios Hause gefunden, wie er denn stets aufs Wohlleben erpicht war; und daher ergriff er die Gelegenheit, sich gütlich zu tun, beim Schopfe, wann und wo sie sich ihm darbot.

Hier erzählt die Geschichte, daß, ehe sie zu dem Lusthaus oder Schloß kamen, der Herzog vorausritt und seiner gesamten Dienerschaft Befehl erteilte, auf welche Art und Weise sie Don Quijote behandeln sollten. Als dieser nun mit der Herzogin an der Pforte des Schlosses anlangte, traten im Augenblick zwei Lakaien oder Reitknechte heraus, gekleidet in prächtige bis auf die Füße herabfallende Röcke, sogenannte Hausröcke vom feinsten karmesinroten Atlas, und ehe Don Quijote sie nur recht gesehen oder gehört hatte, hoben sie ihn in ihren Armen vom Pferde und sagten ihm: »Wolle Euer Herrlichkeit sich bemühen, unserer gnädigen Frau Herzogin absteigen zu helfen.«

Don Quijote tat also, und es gab große Höflichkeitsbezeigungen von beiden Seiten über den Gegenstand; aber zuletzt siegte die Beharrlichkeit der Herzogin, die nur in den Armen des Herzogs von ihrem Zelter steigen oder sich herabheben lassen wollte, indem sie sagte, sie finde sich nicht würdig, einen so hohen Ritter mit so unnützer Beschwer zu belästigen. Der Herzog erschien denn endlich, um ihr herabzuhelfen, und beim Eintritt in den großen Innenhof nahten zwei schöne Jungfrauen und warfen dem Ritter einen weiten Mantel aus feinstem Scharlach über die Schultern; und im Nu füllten sich alle Galerien um den Hof her mit Dienern und Dienerinnen des herzoglichen Paares, die mit lauter Stimme riefen: »Willkommen sei die Blume und Perle der fahrenden Ritter!« Und gleichzeitig gossen sie wohlriechendes Wasser über Don Quijote und das herzogliche Paar. Über alles dies war Don Quijote höchlich verwundert, und es war dies der erste Tag, wo er ganz und gar an sich glaubte und erkannte, daß er in Wirklichkeit und nicht bloß in der Einbildung ein fahrender Ritter sei, da er sich ganz auf dieselbe Art behandelt sah, wie er es von den besagten Rittern in vergangenen Zeiten gelesen hatte.

Sancho ließ seinen Esel im Stich und hing sich an die Herzogin, er trat in das Schloß ein, und da er doch Gewissensbisse empfand, daß er seinen Grauen allein gelassen, wandte er sich an eine ehrwürdige Kammerfrau, die mit den anderen zur Begrüßung der Herzogin herausgekommen, und sagte zu ihr leise: »Señora Gonzalez oder wie sonst Euer Gnaden Name lautet...«

»Doña Rodríguez de Grijalba heiße ich«, antwortete die Kammerfrau; »was wünschet Ihr, guter Freund?«

Sancho antwortete: »Ich wünschte, Euer Gnaden erwiese mir die Gnade, sich vors Tor des Schlosses zu verfügen, wo Ihr einen mir gehörigen grauen Esel finden werdet; Euer Gnaden geliebe, ihn in den Stall bringen zu lassen oder hineinzubringen, denn das arme Tierchen ist ein wenig furchtsam und wird sich unter keiner Bedingung darein finden, allein zu bleiben.«

»Wenn der Herr so anständig ist wie der Diener«, antwortete die Kammerfrau, »so sind wir gut daran! Geht selber, guter Freund, geht zum Henker, Ihr und der Euch hergebracht hat! Geht und sorgt für Euren Esel; wir Kammerfrauen in diesem Hause sind dergleichen Verrichtungen nicht gewohnt.«

»Aber wirklich«, entgegnete Sancho, »ich habe von meinem Herrn gehört, der hat alle Geschichten mit der Wünschelrute aufgespürt, wie er die Geschichte von Lanzelot erzählte, da sagte er, daß,

Als er herkam aus Britannien,
Edeldamen seiner pflagen,
Kammerfrauen seines Rosses;

und was insbesondere mein Grautier betrifft, würde ich's nicht gegen das Roß des Señor Lanzelot tauschen.«

»Guter Freund, seid Ihr von Beruf ein Possenreißer«, entgegnete die Kammerfrau, »so hebt Eure Witze für Gelegenheiten auf, wo man sie für Witze hält und sie Euch bezahlt; bei mir könnt Ihr nichts weiter gewinnen als Verachtung.«

»Wahrhaftig, Euer Gnaden«, erwiderte Sancho, »bei Euern Jahren hat das Spiel nicht viel Punkte mehr zu vergeben.«

»Du Hurensohn«, rief die Kammerfrau zornentbrannt, »ob ich alt bin oder nicht, darüber habe ich meine Rechnung mit dem Himmel zu machen, aber nicht mit dir, Schelm, Knoblauchfresser!«

Sie schrie das so laut, daß die Herzogin es hörte; und als sie sich umwendete und die Kammerfrau so aufgeregt sah, die Augen mit Blut unterlaufen, fragte sie, mit wem sie's habe.

»Mit dem da«, antwortete die Kammerfrau, »mit dem sauberen Burschen, der mit aller Gewalt von mir verlangt hat, ich solle seinen Esel, der da vor dem Schloßtor steht, in den Stall bringen, und mir als Beispiel aufstellt, daß es schon einmal so vorgekommen wäre, ich weiß nicht wo, und daß Edeldamen einen gewissen Lanzelot und Kammerfrauen sein Roß gepflegt hätten, und obendrein hat er mich in seiner Höflichkeit eine alte Person geheißen.«

»Das würde ich für eine Beleidigung halten«, versetzte die Herzogin, »ärger als jede andere, die man gegen mich ausstoßen könnte.«

Und das Wort an Sancho richtend, sagte sie: »Merkt Euch, Freund Sancho, daß Doña Rodríguez noch sehr jung ist und daß sie ihre Haube mehr um ihrer Würde willen und dem Herkommen zuliebe trägt als ihrer Jahre wegen.«

»Meine eigenen Jahre, soviel ich noch zu leben habe«, entgegnete Sancho, »sollen lauter Unglück sein, wenn ich es darum gesagt habe; ich hab's nur gesagt, weil ich meinen Esel so gern habe, daß es mich bedünkte, ich könnte ihn keiner barmherzigeren Person anvertrauen als der Señora Doña Rodríguez.«

Don Quijote, der allem zugehört hatte, sprach zu ihm: »Sind das Äußerungen für diesen Ort, Sancho?«

»Señor«, antwortete Sancho, »jeder muß seine Not da klagen, wo er sich gerade befindet; hier ist mir mein Esel in den Sinn gekommen, und hier hab ich von ihm gesprochen; und wenn ich im Stall an ihn gedacht hätte, so hätte ich im Stall von ihm gesprochen.«

Darauf sagte der Herzog: »Sancho hat vollkommen recht, und es ist kein Grund, ihm irgendeinen Vorwurf zu machen. Der Esel soll sein Futter nach Herzenslust bekommen, und Sancho soll nur außer Sorge sein, man wird den Esel behandeln wie ihn selber.«

Unter diesen Gesprächen, die allen ergötzlich waren, nur nicht dem Ritter, langte man im oberen Geschoß an und führte Don Quijote in einen mit den reichsten Gold- und Brokatstoffen geschmückten Saal. Sechs Fräulein nahmen ihm Wehr und Waffen ab und dienten ihm als Edelknaben, alle vom Herzog und der Herzogin unterwiesen, was sie zu tun hatten und wie sie Don Quijote behandeln sollten, damit er glaube und sehe, daß man ihn als fahrenden Ritter behandelte.

Nachdem ihm die Waffen abgenommen waren, stand Don Quijote in seinen engen Kniehosen da und in seinem gemsledernen Wams, hager, lang und dürr, mit Backenknochen, die von innen einander zu küssen schienen – eine Gestalt, daß die Mädchen, die ihn bedienten, wenn sie sich nicht ganz gehörig in acht genommen hätten, um das Lachen zu verbeißen – was eine der ausdrücklichen Vorschriften war, die ihre Herrschaft ihnen erteilt hatte –, vor Lachen gewiß hätten bersten müssen. Sie baten ihn, sich entkleiden zu lassen, um ihm ein Hemd anzulegen; allein dies wollte er nun und nimmer zugeben, indem er sagte, Sittsamkeit stehe den fahrenden Rittern ebenso wohl an wie Tapferkeit. Jedoch ersuchte er sie, das Hemd Sancho zu überreichen; dann schloß er sich mit diesem in ein Gemach ein, wo ein prachtvolles Bett stand, entkleidete sich und zog das Hemd an. Und da er sich nun mit Sancho allein sah, sprach er zu ihm: »Sage mir, du neugebackener Hofnarr und altbackener Lümmel, dünkt es dich wohlgetan, eine so ehrwürdige und achtungswerte Kammerdame wie jene an ihrer Ehre anzugreifen und zu beleidigen? War es etwa Zeit, dich deines Esels zu erinnern? Oder sind dies Herrschaften, von denen anzunehmen ist, sie werden die Tiere Not leiden lassen, nachdem sie deren Besitzer mit so feiner Art behandelt haben? Um Gottes willen, Sancho, nimm dich zusammen und laß nicht die Fäden an dir sehen, damit die Leute nicht dahinterkommen, aus wie gemeinem grobem Stoffe du gewebt bist. Bedenke, du Sündenmensch, daß der Herr um so höher gewertet wird, je ehrsamer und anständiger seine Diener sind, und daß es einer der größten Vorzüge ist, welche fürstliche Personen vor andern voraushaben, daß sie Diener um sich haben, die so trefflich sind wie sie selber. Siehst du denn nicht ein, o du beschränkter Kopf! o ich vom Glück Verfolgter! daß, wenn du wie ein grober Bauer oder ein possenreißender Dummerjan auftrittst, sie mich für einen Windbeutel halten müssen oder einen Schmarotzer, der mit dem Rittertum wuchern will? Nein, nein, Freund Sancho, laß ab von solchen Unzuträglichkeiten; denn wer als Schwätzer und Witzmacher herumstolpert, fällt beim ersten falschen Tritt zu Boden und wird zum verhöhnten Allerweltsnarren. Zügle deine Zunge; jedes Wort mußt du überlegen und wiederkäuen, bevor es dir über die Lippen kommt, und bedenke, daß wir in eine Umgebung gelangt sind, aus der wir durch Gottes Beistand und meines Armes Kraft mit dem größtmöglichen Erbteil an Ruhm, sowie bereichert an Hab und Gut scheiden sollen.«

Sancho versprach ihm eifrig, sich lieber den Mund zu vernähen oder sich in die Zunge zu beißen, als ein Wort zu sagen, das nicht passend und wohlerwogen wäre, wie er es ihm geboten habe; der Ritter möge deswegen ganz ohne Sorge sein, denn durch ihn werde es niemals herauskommen, wer sie seien.

Don Quijote kleidete sich an, legte sich sein Wehrgehänge mit dem Schwert um die Schulter, warf den weiten Scharlachmantel um, setzte sich eine Jagdmütze von grünem Atlas auf, welche die Jungfräulein ihm gegeben, und verfügte sich in diesem Staat nach dem großen Saal, wo er die Fräulein in zwei gleich langen Reihen aufgestellt fand, alle mit dem Erforderlichen versehen, um ihm Wasser über die Hände zu gießen, was sie denn auch mit vielen Verbeugungen und Förmlichkeiten taten. Sofort traten zwölf Edelknaben mit dem Haushofmeister herzu, um ihn zur Tafel zu führen, da die Herrschaften ihn schon erwarteten. Sie nahmen ihn in die Mitte und geleiteten ihn mit feierlichem Pomp und majestätischer Würde in einen andern Saal, wo ein prachtvoller Tisch mit nur vier Gedecken bereitstand. Die Herzogin und der Herzog gingen ihm bis zur Tür des Saals entgegen, um ihn zu empfangen, und mit ihnen ein Geistlicher von ernstem Aussehen, einer von jenen, die in fürstlichen Häusern das Regiment führen; einer von jenen, welche, da sie nicht selbst als Fürsten geboren sind, es nimmer lernen, diejenigen, die es sind, anzuweisen, wie sie es sein sollen; einer von jenen, die begehren, daß die Großen das Maß ihrer Größe von der Kleinlichkeit ihres Geistes abnehmen sollen; von jenen, welche die Großen, die sie unter ihrer Leitung halten, lehren wollen, sich einzuschränken, sie aber in Wirklichkeit zu Knausern machen. Zu diesen, sage ich, mochte wohl der ernst aussehende Geistliche gehören, der mit dem herzoglichen Paar dem Ritter zur Begrüßung entgegenging.

Sie wechselten tausend Höflichkeiten und artige Reden miteinander, und dann nahmen sie ihn in die Mitte und führten ihn zur Tafel, um Platz zu nehmen. Der Herzog lud Don Quijote auf den Ehrensitz am oberen Ende des Tisches, und obschon er es ablehnte, drang der Herzog so in ihn, daß er den Sitz annehmen mußte. Der Geistliche setzte sich gegenüber und Herzog und Herzogin zu beiden Seiten der Tafel. Sancho war bei allem zugegen und sperrte Mund und Nase auf vor Erstaunen ob all der Ehren, die diese fürstlichen Personen seinem Herrn erwiesen; als er aber die vielen Förmlichkeiten und Bitten sah, die zwischen dem Herzog und dem Ritter hin und her gingen, um diesen an den Ehrenplatz am oberen Ende der Tafel zu nötigen, da sagte er: »Wenn Euer Gnaden es mir erlaubt, so will ich Euch eine Geschichte erzählen, die sich wegen der Plätze bei Tisch in meinem Dorf zugetragen hat.«

Kaum hatte Sancho dies gesagt, als Don Quijote von Zittern befallen wurde, da er fürchtete, Sancho werde ohne allen Zweifel irgendwelche Albernheit sagen. Sancho blickte ihn an, verstand ihn wohl und sprach: »Euer Gnaden braucht nicht zu fürchten, Herre mein, daß ich mich vergesse oder etwas Unrechtes sage; die guten Lehren sind mir noch unvergessen, die mir Euer Gnaden über das Wenig oder Viel, das Gut- oder Schlechtsprechen gegeben hat.«

»Ich entsinne mich nichts dergleichen, Sancho«, entgegnete Don Quijote; »sag, was du willst, aber mach es kurz.«

»Was ich also sagen will«, sprach Sancho, »ist so vollkommene Wahrheit, daß mein Herr Don Quijote, der hier zugegen ist, mich nicht Lügen strafen wird.«

»Meinetwegen lüge du, soviel du Lust hast«, versetzte Don Quijote, »ich werde dich nicht daran hindern; aber bedenke wohl, was du sagen willst.«

»Ich hab es so bedacht und wieder bedacht, daß der wenig zu tun hat, der dran mäkeln will, wie sich sogleich zeigen soll.«

»Es wäre geraten«, sprach Don Quijote, »Eure Hoheiten ließen diesen Toren hinauswerfen, der Blödsinn ohne Ende vorbringen wird.«

»Bei des Herzogs Leben«, sprach die Herzogin, »Sancho soll mir nicht einen Augenblick von der Seite kommen; ich mag ihn wohl leiden, denn ich weiß, er ist ein Mann von heiterem Witz.«

»Heitere Tage möge Euer Herrlichkeit verleben«, sprach Sancho, »weil ich bei Euch in so gutem Ruf stehe, wenn ich auch selber gar keinen habe. Meine Geschichte aber ist folgende: Ein Junker aus meinem Dorfe, ein sehr reicher und angesehener Mann, denn er stammte von den Alamos aus Medina del Campo und war verheiratet mit Doña Mencia de Quiñones, welche eine Tochter war von Don Alonso de Marañón, einem Ritter des Ordens von Santiago, der im Hafen La Herradura ertrank, von dessentwegen in unsrem Dorf vor Jahren jene Schlägerei stattgefunden, an welcher, wie ich meine, auch mein Herr Don Quijote teilgenommen hat, bei welcher der kleine Lausbub Tomasillo eine Wunde davongetragen hat, der Sohn von Balbastro dem Schmied ... ist das nicht alles wahr, werter Herr und Gebieter? So wahr ich lebe, Ihr müßt es sagen, damit die Herrschaften mich nicht für einen lügenhaften Schwätzer halten.«

»Bis jetzt«, fiel der Geistliche ein, »halte ich Euch mehr für einen Schwätzer als für einen Lügner; aber wofür ich Euch fernerhin halten werde, weiß ich noch nicht.«

»Du bringst so viele Zeugen bei, Sancho«, erklärte Don Quijote, »und so viele Merkzeichen, daß ich dir das Zugeständnis nicht versagen kann, daß du sicher die Wahrheit sagen wirst. Fahre fort und kürze die Erzählung ab, denn es sieht geradeso aus, als solltest du in ein paar Tagen nicht fertigwerden.«

»Er soll seine Geschichte keineswegs abkürzen, um mir etwa gefällig zu sein«, sprach die Herzogin; »vielmehr soll er sie so erzählen, wie er es eben versteht, wenn er auch in ganzen sechs Tagen nicht zu Ende käme; und falls es wirklich der Tage so viele würden, so hätte ich gewiß keine angenehmeren in meinem ganzen Leben verbracht.«

»So sag ich denn, meine Herrschaften«, fuhr Sancho fort, »daß dieser besagte Junker, denn ich kenne ihn wie hier meine Hand, denn es ist von meinem Haus zu seinem keinen Flintenschuß weit, einen armen, aber ehrbaren Bauersmann zu Tische lud ...«

»Vorwärts, Freund«, fiel hier der Geistliche ein, »denn es sieht so aus, als wolltet Ihr mit Eurer Erzählung erst in der andern Welt zum Ziele kommen.«

»Weniger als halbwegs dahin werde ich zum Ziele kommen, so Gott will«, entgegnete Sancho. »Ich sage also, wie der besagte Bauersmann ins Haus des erwähnten Junkers eingeladen hinkam, Gott hab ihn selig, sintemal er schon tot ist, ja zum genaueren Wahrzeichen sagt man, er sei heilig wie ein Engel gestorben, denn ich war nicht dabei, denn ich war zur selben Zeit nach Tembleque ins Heu gegangen ...«

»So lieb Euch Euer Leben ist, mein Sohn«, sprach hier der Geistliche, »kehrt schleunigst von Tembleque zurück, und ohne den Junker zu begraben, bringt Eure Erzählung zu Ende, wenn Ihr nicht noch mehr Leichenbegängnisse halten wollt.«

»Die Sache ist nun die«, versetzte Sancho, »daß die beiden sich gerade zu Tisch setzen wollten, ich meine, ich sehe sie lebendiger vor mir als je ...«

Das herzogliche Paar hatte großes Vergnügen an dem Mißvergnügen, das der biedere Geistliche über die Umschweife und Unterbrechungen bezeigte, mit welchen Sancho seine Geschichte erzählte und worüber Don Quijote sich schier in Grimm und Wut verzehrte.

»Ich sage also«, fuhr Sancho fort, »daß, wie die beiden im Begriff waren, sich zu Tisch zu setzen, der Bauer hartnäckig darauf bestand, der Junker müsse sich obenan setzen, und der Junker bestand in gleicher Weise darauf, der Bauer müsse sich dahin setzen, weil in seinem Hause stets geschehen müsse, was er befehle; jedoch der Bauer, der als höflich und wohlgesittet gelten wollte, gab einfach nicht nach, bis der Junker ärgerlich ihm beide Hände auf die Schultern legte, ihn mit Gewalt auf den Stuhl niedersetzte und zu ihm sagte: ›Setz dich, du Lümmel, denn wo ich sitze, ist immer oben.‹ Und das ist meine Geschichte, und wahrlich, ich glaube, ich habe sie hier nicht unschicklich beigebracht.«

Don Quijotes Gesicht überzog sich mit tausend wechselnden Farben, die seine braune Haut mit Flecken bedeckten und auf dem dunklen Grunde deutlich hervortraten. Herzog und Herzogin verbissen sich das Lachen, damit Don Quijotes Zorn nicht noch höher steige, da er Sanchos Bosheit wohl verstanden hatte; und um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, fragte die Herzogin den Ritter, was für Nachrichten er von Fräulein Dulcinea habe und ob er ihr dieser Tage etwelche Geschenke an Riesen oder Wegelagerern zugesendet habe; denn es könne doch nicht fehlen, daß er deren viele besiegt habe.

Darauf antwortete Don Quijote: »Herrin mein, meine Mißgeschicke hatten zwar einen Anfang, aber ein Ende werden sie nimmer haben. Riesen habe ich besiegt, und feige Schelme und Wegelagerer habe ich ihr zugesendet; aber wo, wo sollten sie sie finden, wenn sie doch verzaubert und in die scheußlichste Bäuerin verwandelt ist, die man sich vorstellen kann?«

»Ich weiß nicht«, fiel Sancho Pansa ein, »mir doch scheint sie das schönste Geschöpf auf der Welt; wenigstens in der Leichtigkeit und im Springen, weiß ich, steht sie keinem Seiltänzer nach. Wahr und wahrhaftig, Frau Herzogin, sie springt vom Boden auf einen Esel hinauf, als wär sie eine Katze!«

»Und habt Ihr sie verzaubert gesehen, Sancho?« fragte der Herzog.

»Ob ich sie gesehen habe!« antwortete Sancho; »wer, zum Teufel, anders als ich ist denn der erste gewesen, der hinter die Geschichte mit der Verzauberei gekommen ist? Sie ist geradeso verzaubert wie mein Vater selig.«

Der Geistliche, der von Riesen, feigen Schelmen und Verzauberungen reden hörte, kam jetzt darauf, daß dies Don Quijote von der Mancha sein müsse, dessen Geschichte der Herzog tagtäglich las, worüber er ihm öfters Vorwürfe gemacht hatte, indem er ihm sagte, es sei ein Unsinn, solchen Unsinn zu lesen. Als er sich nun überzeugte, daß sein Verdacht vollkommen richtig war, sprach er in vollem Zorn zu dem Herzog: »Gnädiger Herr, Euer Durchlaucht hat dereinst unsrem Gott und Herrn Rechenschaft zu geben für das Tun und Lassen dieses armen Menschen. Dieser Don Quijote, oder Don Hans Narr oder wie er heißen mag, ist meiner Meinung nach noch nicht bis zu dem Punkte verrückt, auf dem ihn Euer Durchlaucht gern sehen möchte, und darum gebt Ihr ihm Gelegenheit, seine Narreteien und Tollheiten immer noch weiter zu spinnen.«

Und das Wort an Don Quijote richtend, sprach er zu diesem: »Und Ihr, Ihr liebe Einfalt, wer hat Euch in den Kopf gesetzt, daß Ihr ein fahrender Ritter seid, Riesen besiegt und Wegelagerer aufgreift? Geht in Gottes Namen, und in Gottes Namen laßt Euch gesagt sein: kehrt heim zu Eurem Hause und erzieht Eure Kinder, wenn Ihr deren habt, und sorgt für Euer Hab und Gut und laßt ab davon, in der Welt herumzustrolchen, Maulaffen feilzuhalten und jedem, der Euch kennt und nicht kennt, etwas zum Lachen zu geben. Wo, zum Henker! habt Ihr gefunden, daß es fahrende Ritter gegeben hat oder heutzutage noch gibt? Wo gibt es in Spanien Riesen oder Wegelagerer in der Mancha oder verzauberte Dulcineas oder die ganze Masse von Albernheiten, die man von Euch erzählt?«

Don Quijote horchte aufmerksam auf die Worte des ehrwürdigen Mannes, und als er sah, daß dieser nunmehr schwieg, stand er von seinem Stuhle auf, und ohne die gebührende Rücksicht auf das herzogliche Paar zu nehmen, sprach er mit zornerfülltem Antlitz und drohender Miene: . .. allein seine Antwort verdient ein besonderes Kapitel.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.