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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 29
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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28. Kapitel

Von allerlei Dingen, die, wie Benengelí anmerkt, der Leser erfahren wird, so er sie mit Achtsamkeit lieset

Wenn der Tapfere flieht, ist des Feindes Kriegslist und Übermacht offenbar geworden, und es ist die Art fürsichtiger Männer, sich für eine bessere Angelegenheit aufzusparen. Diese Wahrheit bestätigte sich an Don Quijote, welcher, der Wut des Landvolks und den bösen Absichten jenes erregten Bauernhaufens weichend, sich aus dem Staube machte und, ohne an Sancho oder die Gefahr, in der er ihn zurückließ, zu denken, sich so weit entfernte, als ihm für seine Sicherheit hinreichend schien. Ihm folgte Sancho, quer auf seinem Esel liegend, wie schon berichtet. Als er endlich anlangte, war er wieder zu sich gekommen; er ließ sich von seinem Grauen herab und sank zu Rosinantes Füßen nieder, ganz voller Ängste, ganz zerdroschen und ganz zerprügelt. Don Quijote stieg ab, seine Wunden zu untersuchen, aber als er ihn von Kopf bis zu Füßen heil und gesund fand, sprach er mit nicht geringem Zorn zu ihm: »Zu gar unglücklicher Stunde hat Er zu iahen verstanden, Sancho! Wo hat Er denn gelesen, daß es nützlich sei, im Hause des Gehenkten vom Strick zu reden? Was für eine Begleitung paßte wohl zu Seiner Eselsmusik als die von Stockprügeln? Danke Er noch Gott dafür, daß man Ihn nur mit einem Stecken gesegnet und Ihm nicht das Zeichen des Kreuzes mit einem Säbel geschlagen hat.«

»Ich kann Euch nicht antworten«, antwortete Sancho, »denn mir ist, als spräche mein Rücken statt meiner. Steigen wir auf und entfernen wir uns von hier, ich werde künftig mein Iahen aufstecken, aber niemals aufhören zu sagen, daß die fahrenden Ritter fliehen und ihre braven Schildknappen, zu Brei und Staub zermalmt, in den Händen ihrer Feinde lassen.«

»Wer sich zurückzieht, flieht nicht«, entgegnete Don Quijote; »denn du mußt wissen, Sancho, die Tapferkeit, die nicht auf der Grundlage der Vorsicht ruht, heißt Vermessenheit, und die Heldentaten des Vermessenen werden weit mehr der Gunst des Glückes als seinem Mute zugeschrieben. Daher bekenne ich wohl, daß ich mich zurückgezogen, nicht aber, daß ich geflohen bin; und darin bin ich vielen Tapfern gefolgt, die sich für bessere Zeiten aufgespart haben, und hiervon sind die Geschichtsbücher voll, von denen ich dir aber, weil es dir nicht zum Nutzen und mir nicht zum Vergnügen gereicht, jetzo nichts berichten will.«

Inzwischen war Sancho mit Don Quijotes Beistand schon aufgestiegen; dieser schwang sich ebenfalls auf seinen Rosinante, und so ritten sie Schritt vor Schritt voran, um sich in einem Wäldchen zu bergen, das sich etwa eine Viertelmeile von dort zeigte. Von Zeit zu Zeit stieß Sancho ein klägliches Ach! und gar schmerzliche Seufzer aus, und auf Don Quijotes Frage nach der Ursache so bittern Leides antwortete er, von dem Ende des Rückgrats bis zum Genick hinauf habe er so arge Schmerzen, daß er fast von Sinnen komme.

»Die Ursache dieses Schmerzes muß gewißlich die sein«, versetzte Don Quijote, »daß der Stecken, mit dem du geschlagen wurdest, breit und lang war und dir mithin über den ganzen Rücken reichte, zu dem die Stellen alle gehören, die dir weh tun; und hätte der Stecken noch weiter gereicht, so würde dir noch mehr weh tun.«

»Bei Gott!« erwiderte Sancho, »da hat mich Euer Gnaden aus einer großen Ungewißheit gerissen und hat mich mit den hübschesten Ausdrücken darüber aufgeklärt. Ei, zum Kuckuck, war denn die Ursache meines Schmerzes so verborgen, daß man mich erst belehren mußte, es schmerze mich all das, was der Stecken getroffen hat? Wenn mir die Knöchel am Fuß weh täten, da könnte man allenfalls herumraten, weshalb sie mir weh tun; aber daß mir weh tut, was Prügel gespürt hat, das zu erraten ist keine Kunst. Wahrlich, mein werter Dienstherr, fremdes Leid hängt einem am Haar und schüttelt sich leicht ab. Jeden Tag entdecke ich aufs neue, wie wenig ich von der Kameradschaft mit Euch zu erwarten habe; denn wenn Ihr mich diesmal habt prügeln lassen, werden wir noch einmal und noch hundertmal zu dem Wippen von damals wiederkommen und zu andern Gassenbubereien, und habe ich diese diesmal auf dem Rücken verspürt, so werde ich sie künftig über die Augen kriegen. Weit besser tät ich – nur bin ich leider ein Esel und werde in meinem ganzen Leben nichts Gescheites tun! –, weit besser tät ich, sag ich nochmals, wenn ich zu meinem Hause und meiner Frau und meinen Kindern heimkehrte und täte mit dem, was mir Gott in seiner Gnade beschert, meine Frau ernähren und meine Kinder erziehen und nicht mit Euch herumziehen auf weglosen Wegen, auf Pfaden und Bahnen, wo weder Pfad noch Bahn ist, und das bei schlechtem Trunk und noch schlechterem Essen. Und dann erst das Schlafen! Zähle, mein lieber Knappe, sieben Fuß Erdboden ab, und wünschest du mehr, nimm noch einmal soviel, denn es steht bei dir, darüber frei zu verfügen, und strecke dich ganz nach deinem Belieben aus. O daß ich doch den auf dem Scheiterhaufen und zu Staub verbrannt sähe, der sich zuerst auf das fahrende Rittertum geworfen, oder wenigstens den ersten, der sich zum Schildknappen hergegeben solcher tollen Kerle, wie es die bisherigen fahrenden Ritter alle gewesen sein müssen! Von den heutigen sage ich nichts; denn weil Euer Gnaden einer von ihnen ist, so hab ich Respekt vor ihnen und insbesondere, weil ich weiß, daß Ihr in allem, was Ihr redet und denkt, dem Teufel selbst an Gescheitheit immer um einen Schritt voraus seid.«

»Ich möchte eine ordentliche Wette mit Ihm anstellen, Sancho«, erklärte Don Quijote, »daß jetzt, wo Er in einem fort schwatzt, ohne daß jemand ihm dazwischenfährt, ihm an Seinem ganzen Leibe nichts weh tut. Rede Er, mein Sohn, was Ihm nur in den Sinn und auf die Lippen kommt; denn sofern Ihn nur nichts mehr schmerzet, will ich mir dafür die Langeweile, die mir Sein ungereimtes Zeug verursacht, zum Vergnügen gereichen lassen. Und wenn Er sich so sehr nach Hause zu Weib und Kindern sehnt, so wolle Gott nicht, daß ich Ihn daran hindere; Er hat ja Geld von mir bei sich, überlege Er sich, wie lang es her ist, seit wir dies dritte Mal aus unsrem Dorf auszogen, überlege Er, wieviel Er jeden Monat verdient haben kann und muß, und mache Er sich selbst bezahlt.«

»Als ich«, erwiderte Sancho, »bei Tomé Carrasco, dem Vater des Baccalaur Sansón Carrasco, diente, den Euer Gnaden gut kennt, verdiente ich zwei Taler den Monat außer dem Essen. Was ich bei Euer Gnaden verdienen soll, weiß ich nicht, obzwar ich weiß, daß der Knappe des fahrenden Ritters sich mehr abplagen muß, als wer bei einem Bauersmann dient. Denn wirklich, wer bei Bauern arbeitet, mag noch soviel bei Tag schaffen müssen, er hat doch schlimmstenfalls zur Nacht seine Fleischsuppe zu essen und ein Bett zum Schlafen; in einem solchen aber hab ich nicht geschlafen, seit ich Euer Gnaden diene, ausgenommen die kurze Zeit, wo wir im Hause des Don Diego de Miranda verweilten; und ferner den Schmaus mit den guten Sachen, die ich aus Camachos Fleischtöpfen abschöpfte, und ferner, was ich in Basilios Haus genossen habe an Essen, Trinken und Schlafen. Die ganze übrige Zeit hab ich auf harter Erde unter freiem Himmel geschlafen, allem preisgegeben, was man die Ungunst des Wetters nennt, und habe mich von ein paar Schnitzeln Käse und Brotkrumen genährt und Wasser getrunken, bald aus den Bächen, bald aus den Quellen, wie wir sie in den unwegsamen Gegenden finden, durch die wir unsern Weg nehmen.«

»Ich gebe zu«, sagte Don Quijote, »alles, was du sagst, mag wahr sein; wieviel, meint Er, soll ich Ihm mehr geben, als Tomé Carrasco Ihm gab?«

»Meiner Meinung nach«, sprach Sancho, »da würde ich mit zwei Realen, die mir Euer Gnaden jeden Monat drauflegte, mich für gut bezahlt erachten, das heißt, soviel den Lohn angeht. Aber sofern es sich um die Abfindung handelt für Euer Wort und Versprechen, mir die Statthalterschaft einer Insul zu verleihen, da wäre es recht und billig, daß Ihr mir noch weitere sechs Realen drauflegtet, und das würde im ganzen dreißig Realen ausmachen.«

»Gut«, versetzte Don Quijote, »und nach diesem Lohne, den Er sich selber ausgeworfen hat, fünfundzwanzig Tage ist's her, seit wir aus unsrem Dorf ausgezogen, rechne Er es nach Verhältnis aus, Sancho, und sehe Er zu, was ich Ihm schulde, und mache Er sich, wie gesagt, mit eigenen Händen bezahlt.«

»Ei, der Kuckuck«, sprach Sancho, »Euer Gnaden geht ganz fehl in Dero Rechnung, denn bei dem Versprechen der Insul muß von dem Tag an gerechnet werden, wo Euer Gnaden sie mir versprach, bis zur gegenwärtigen Stunde, darin wir leben.«

»Wie? Ist es denn so lang her, Sancho, daß ich sie Ihm versprach?« sagte Don Quijote.

»Wenn ich mich recht entsinne«, antwortete Sancho, »muß es mehr als zwanzig Jahre her sein, drei Tage mehr oder minder.«

Don Quijote schlug sich mit aller Macht vor die Stirn, brach in herzliches Lachen aus und sprach: »Bin ich doch in der Sierra Morena und im ganzen Verlauf unsrer Fahrten höchstens kaum zwei Monate umhergezogen, und du behauptest, Sancho, es sei zwanzig Jahre her, daß ich dir die Insul versprochen? Da seh ich allerdings, du willst, daß das Geld, das du von mir hast, gänzlich für deinen Lohn drauf geht; und wenn das so ist und du Lust dazu hast, so schenke ich dir gleich auf der Stelle, und wohl bekomm es dir! Denn um nur eines so schlechten Schildknappen ledig zu sein, will ich mit Vergnügen arm und ohne einen Pfennig bleiben. Aber sage mir, du Übertreter aller schildknapplichen Gesetze des fahrenden Rittertums, wo hast du gehört oder gelesen, daß jemals eines fahrenden Ritters Schildknappe sich mit seinem Herrn auf solches Feilschen eingelassen hat: soundso viel mehr müßt Ihr mir geben, damit ich Euch diene? Forsche doch, forsche doch, du Bösewicht, du elender Feigling, du Scheusal, denn wie all dieses kommst du mir vor, forsche doch die Flut ihrer Geschichten durch, und so du findest, daß jemals ein Schildknappe gesagt oder nur gedacht hat, was du jetzt sagst, so sollst du es mir auf die Stirne nageln und als Zugabe mit vier Nasenstüber ins Gesicht zeichnen. Wende deinem Grautier die Zügel oder vielmehr das Halfter und kehre heim zu deinem Hause, denn nicht einen winzigen Schritt mehr sollst du von heut an mit mir ziehen. O welch schlechter Dank für mein Brot! O übel angebrachte Versprechungen! O du, der mehr von einer Bestie als von einem Menschen an sich hat! Jetzt, wo ich dachte, dich zu Würden zu bringen, und zwar zu solchen, daß man dich, deiner Frau zum Trotz, Euer Herrlichkeit nennen müßte, jetzt willst du mich verlassen? Jetzt gehst du, wo ich des festen und der Ausführung sichern Vorsatzes lebte, dich zum Herrn der besten Insul der Welt zu machen? Aber in Wahrheit, wie du schon früher etlichemal gesagt hast, der Honig ist nicht da für des Esels Maul. Ein Esel bist du, und ein Esel wirst du bleiben, und als Esel wirst du enden, wann du einst deinen Lebenslauf abschließest; denn ich bin überzeugt, dein Leben wird eher sein letztes Ziel erreichen, ehe du merkst und einsiehst, daß du ein dummes Vieh bist.«

Während Don Quijote ihn mit solchen Scheltworten überhäufte, schaute Sancho seinen Herrn starren, unverwandten Blickes an, und es kam eine solche Zerknirschung über ihn, daß ihm Tränen in die Augen traten und er endlich mit schmerzbewegter und wehleidiger Stimme zu ihm sagte: »Herre mein, ich gesteh es zu, zum vollständigen Esel fehlt mir nur der Schwanz; will Euer Gnaden mir den ansetzen, so will ich gerne sagen, der Schwanz gehöre mir von Rechts wegen zu, und will Euch zum Esel dienen alle meine noch übrigen Lebtage. Verzeihet mir, habt Mitleid mit meiner Jugend und bedenket, daß ich gar unwissend bin und daß, wenn ich viel rede, das mehr von Schwäche als von Bosheit kommt; doch: Wer fehlt und sich Besserung vorgenommen, darf hoffen, vor Gottes Thron zu kommen.«

»Ich hätte mich gewundert, Sancho, wenn du nicht wieder ein Sprüchlein in deine Rede eingestreut hättest. Nun gut, ich verzeihe dir, mit dem Beding, daß du dich besserst und daß du von jetzt an nicht mehr so an deinen Vorteil denkst, sondern daß du dich bestrebst, dein Herz weit zu machen, und Mut und Zuversicht fassest, die Erfüllung meiner Zusagen abzuwarten; denn wenn es sich auch verzögert, so wird es darum nicht unmöglich.«

Sancho versprach, er würde demgemäß handeln, wenn er auch den Mut dazu nur aus seiner Schwäche schöpfen könnte.

Hiermit begaben sie sich in das Wäldchen, und Don Quijote lagerte sich am Fuß einer Ulme, Sancho am Fuß einer Buche; denn diese Bäume und andre ihresgleichen haben immer nur Füße und niemals Hände. Sancho verbrachte die Nacht unter Schmerzen, denn der lange Stecken machte sich bei der nächtlichen Kühle stärker bemerklich; Don Quijote verbrachte sie unter seinen üblichen beständigen Erinnerungen. Aber trotz alledem gaben beide ihre Augen dem Schlummer hin, und beim Anbrechen der Morgenröte setzten sie ihren Weg fort, um die Gestade des Ebro aufzusuchen, wobei ihnen begegnete, was im kommenden Kapitel erzählt werden soll.

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