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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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26. Kapitel

Wo das anmutige Abenteuer mit dem Puppenspiel fortgesetzt wird, nebst andern in Wirklichkeit äußerst schönen Geschichten

Still war's, und jedes Ohr hing an Äneens Munde:

ich will sagen, alle, die dem Puppenspiel zuschauten, hingen am Munde des Erklärers von dessen Wunderdingen, als man hinter der Puppenbühne hervor eine Menge Pauken und Trompeten erschallen und zahlreiche Geschütze feuern hörte. Dieser Lärm ging rasch vorüber, und sogleich erhob der Bursche seine Stimme und sprach: »Diese wahrhafte Geschichte, die hier den Herrschaften vorgeführt wird, ist buchstäblich aus den französischen Chroniken entnommen sowie aus den spanischen Romanzen, die im Munde der Männer und Jünglinge weit und breit auf den Gassen umgehen. Sie zeigt, wie der Señor Don Gaiféros seine Gattin Melisendra befreite, welche da gefangensaß in Spanien in der Gewalt der Mohren, zu Sansueña, denn so hieß damals die Stadt, die heutzutage Zaragoza heißt. Schaut her, meine Herrschaften, wie der Don Gaiféros beim Brettspiel sitzt, genauso, wie es im Liede heißt:

Beim Brettspiel sitzt der Ritter Don Gaiféros,
Und Melisendra hat er längst vergessen.

Und die Person, die hier auftritt, mit der Krone auf dem Haupt und dem Zepter in Händen, ist der Kaiser Karl der Große, der als Vater selbiger Melisendra gilt; ärgerlich ob des müßigen Treibens und der Lässigkeit seines Schwiegersohnes, kommt er, um ihn zu zanken; und schaut nur, mit welchem Ungestüm und Nachdruck er ihn schilt! so daß er gerade aussieht, als wollte er ihm mit dem Zepter ein halb Dutzend Kopfnüsse geben; ja es gibt Schriftsteller, die da sagen, er habe sie ihm gegeben, und zwar ganz tüchtig gegeben. Und nachdem er ihm vieles darüber gesagt, welche Gefahr seine Ehre laufe, wenn er nicht für die Befreiung seiner Gattin Sorge trage, sagte er zu ihm, wie erzählt wird:

Nun sagt ich genug; bedenkt es.

Schaut nun auch, meine Herrschaften, wie der Kaiser ihm den Rücken kehrt und den Don Gaiféros ganz verdrossen stehenläßt; seht, wie der, außer sich vor Zorn, das Spielbrett und die Steine weit von sich wegwirft und eilig seine Waffen begehrt und von seinem Vetter Don Roldán dessen Schwert Durindana geliehen haben will und wie Don Roldán es ihm nicht leihen will, hingegen ihm seine Begleitung bei dem schwierigen Unternehmen anbietet, das er vorhat. Er aber, der Mannhafte und Zürnende, will sie nicht annehmen; vielmehr sagt er, er allein sei schon Manns genug, seine Gemahlin dem Kerker zu entreißen, wenn sie selbst im tiefsten Mittelpunkt der Erde gefangensäße; und hiermit geht er ab, sich zu wappnen, um sich unverzüglich auf den Weg zu begeben.

Wendet nun die Augen, meine Herrschaften, zu jenem Turm, der sich dorten zeigt; es wird angenommen, daß es einer von den Türmen der Burg von Zaragoza ist, welche man heutzutage die Aljafería heißt; und jene Dame, die auf dem Söller dort in Mohrentracht erscheint, ist die unvergleichliche Melisendra, die von dort aus gar viele Male nach dem Wege gen Frankreich ausgeschaut und sich in ihrer Gefangenschaft damit getröstet hat, daß sie ihre Gedanken fleißig nach Paris und zu ihrem Gatten wandern ließ. Jetzt aber werdet ihr ein neues Ereignis sehen, das vielleicht noch nie erschaut worden. Seht ihr nicht jenen Mohren, der ganz still und sachte, Schritt für Schritt, den Finger auf dem Munde, hinter der schönen Melisendra herankommt? Nun schaut, wie er ihr einen Kuß mitten auf die Lippen gibt und wie eilig sie dann ausspuckt und sich mit ihrem weißen Hemdärmel den Mund abwischt und wie sie jammert und aus Verzweiflung sich ihre schönen Haare ausrauft, als trügen sie die Schuld an dem Frevel. Schauet ferner, wie jener andere würdige Mohr dort auf dem offenen Gange steht; es ist der König Marsilius von Sansueña, der die Frechheit jenes Mohren gesehen und deshalb, wiewohl es ein Verwandter und großer Günstling von ihm ist, sogleich befiehlt, ihn zu greifen und ihn mit zweihundert Hieben auf den Rücken durch die hierzu bräuchlichen Straßen der Stadt zu schleppen,

Mit Ausrufern voraus
Und der Büttel Piken hinterdrein.

Seht hier, wie sie den Spruch vollführen, obwohl das Verbrechen kaum vollführt worden, denn bei den Mohren gibt es keine Zustellung an die Parteien, keine Beweisaufnahme, keinen Vollstreckungsbefehl wie bei unsereinem.«

»Kind, Kind«, fiel hier Don Quijote mit lauter Stimme ein, »verfolge deine Geschichte in gerader Linie und laß dich nicht auf Quersprünge ein; denn um einen Tatbestand klarzustellen, sind zu viel Beweise und Gegenbeweise erforderlich.«

Auch Meister Pedro sprach von innen: »Junge, laß dich auf keine Weitschweifigkeiten ein, sondern tu, was hier der Herr dir befiehlt, das wird am richtigsten sein; bleibe du bei deinem einfachen Lied und laß dich nicht auf kontrapunktische Figuren ein, die gewöhnlich vor lauter Künstlichkeit in die Brüche gehen.«

»Das will ich tun«, gab der Bursche zur Antwort und fuhr folgendermaßen fort: »Diese Figur, die hier zu Pferde erscheint in einem Gaskognermantel, ist Don Gaiféros in eigner Person, den seine Gattin erwartet; nachdem die Dreistigkeit des verliebten Mohren gesühnt ist, hat sie sich mit fröhlicherem und schon beruhigterem Antlitz auf den Erker des Turmes gestellt und spricht mit ihrem Gatten, in der Meinung, es sei irgendein Wandersmann, und mit dem hält sie nun all die Besprechungen und Unterredungen aus den Romanzen, wo es heißt:

Ritter, so Ihr zieht gen Frankreich,
O so fraget nach Gaiféros.

Davon will ich aber hier nichts weiter hersagen, weil die Weitschweifigkeit meistens Überdruß erzeugt. Genug, daß ihr seht, wie Don Gaiféros sich entdeckt und wie Melisendra durch ihr freudiges Gebaren uns zeigt, daß sie ihn erkannt hat; jetzt sehen wir sogar, wie sie sich vom Söller herabläßt, um sich dem Gaul ihres wackeren Gemahls auf die Kruppe zu setzen. Aber ach! die Unglückliche! Ein Zipfel ihres Unterrocks hat sich in einer Eisenstange des Söllers verfangen, und sie hängt in der Luft, ohne zum Boden herabgelangen zu können. Aber ihr seht, wie der barmherzige Himmel in den größten Nöten Hilfe bringt; denn Don Gaiféros eilt herbei, und ohne darauf zu achten, ob das prächtige Unterröcklein zerreißt oder nicht, zieht er sie zum Boden herunter und hebt sie mit einem Schwung seinem Pferde auf die Kruppe, daß sie rittlings sitzt wie ein Mann, und er heißt sie sich festhalten und die Arme von hintenher um ihn schließen, so daß sie ihm diese auf der Brust kreuzt, um nicht zu fallen, denn die Prinzessin Melisendra war solcherlei Reitens nicht gewohnt. Ihr seht ferner, wie der Gaul wiehert und damit deutlich zeigt, daß er sich der tapferen und schönen Bürde freut, die er an seinem Herrn und seiner Herrin trägt. Ihr seht; wie sie den Rücken wenden und sich aus der Stadt entfernen und heiter und seelenvergnügt den Weg nach Paris einschlagen. Ziehe in Frieden, du edles Liebespaar, du Paar, wie ein andres nicht zu finden! Möget ihr sicher und wohlbehalten in eurem ersehnten Vaterlande anlangen, ohne daß das Schicksal jemals eurer glückhaften Fahrt ein Hindernis in den Weg lege! Mögen die Augen eurer Freunde und Anverwandten euch in stillem Frieden die Tage genießen sehen, die euch das Leben noch übrigläßt und deren so viele sein mögen als diejenigen Nestors.«

Hier erhub Meister Pedro seine Stimme abermals und rief: »Bleib in der Ebene, Junge, und versteige dich nicht zu hoch, das gezierte Wesen mißfällt immer.«

Der Dolmetsch gab keine Antwort, sondern fuhr folgendermaßen fort: »Es fehlte nicht an müßigen Augen, die alles zu sehen pflegen, es war nicht möglich, daß sie das Heruntergleiten und Aufsitzen Melisendras nicht gesehen hätten; sie gaben dem König Marsilius davon Kunde, der dann sogleich Lärm schlagen ließ; und schauet nur, wie eilig! Denn beinahe versinkt die ganze Stadt in den Boden vom Geläute der Glocken, die auf allen Türmen der Moscheen erschallen.«

»Das nicht!« fiel hier Don Quijote ein; »in betreff der Glocken begeht Meister Pedro einen ganz groben Irrtum; denn bei den Mauren gibt es keine Glocken, sondern nur Pauken und eine Art von Holzflöten, ähnlich unsern Schalmeien; und das Glockenläuten in Sansueña ist jedenfalls eine große Verkehrtheit.«

Als Meister Pedro dies vernahm, hörte er gleich mit seinem Läuten auf und sprach: »Euer Gnaden sollte nicht auf solche Kleinigkeiten sehen, Señor Don Quijote; treibt doch nicht alles so auf die Spitze, daß zuletzt keine mehr da ist. Führt man nicht hierzulande tausend Komödien auf, voll von tausend Ungehörigkeiten und Verkehrtheiten, und trotz alledem machen sie ihren Weg mit größtem Erfolg und werden nicht nur mit Beifall angehört, sondern mit Bewunderung und allem möglichen? Fahr fort, Junge, und laß reden; denn wenn ich nur meinen Geldbeutel fülle, führe ich meinetwegen mehr Verkehrtheiten auf, als es Sonnenstäubchen gibt.«

»Das ist ganz wahr«, versetzte Don Quijote.

Der Bursche aber sprach weiter: »Schauet nur, wie viele und wie glänzende Reiterei zur Verfolgung dieses edlen Liebespaares aus der Stadt zieht, wieviel Trompeten blasen, wieviel Flöten schallen und wieviel Pauken und Trommeln schlagen! Ich fürchte, man wird sie einholen und, an den Schweif ihres eignen Rosses gebunden, zurückschleppen, was ein grausiges Schauspiel sein würde.«

Als nun Don Quijote so viel Mohrenvolk sah und so viel brausenden Lärm hörte, bedünkte es ihn wohlgetan, dem fliehenden Paar Hilfe zu gewähren; er stand auf und rief mit mächtiger Stimme: »Nie würde ich gestatten, daß während meiner Lebenstage und in meiner Gegenwart einem so ruhmvollen Ritter und so kühnen Liebeshelden wie Don Gaiféros so von der Übermacht mitgespielt werde. Haltet an, gemeines Gesindel, keinen Schritt weiter, sonst seid ihr in Fehde mit mir!«

Ein Mann, ein Wort! Schon zog er das Schwert, sprang in einem Satze dicht vor das Puppentheater und begann mit raschester, beispielloser Wut auf das Mohrenpuppenvolk Hiebe niederregnen zu lassen, schlug die einen nieder, säbelte den andern den Kopf ab, hieb den einen zum Krüppel, den andern in Stücke, und unter viel andern Hieben zog er eine so gewaltige Prime, daß er, wenn Meister Pedro sich nicht gebückt, die Glieder eingezogen und sich vorsichtig geduckt, ihm den Kopf abgehackt hätte, als wäre er von Marzipan. Meister Pedro schrie: »Haltet ein, gnädiger Herr Don Quijote! Bedenket doch, was Ihr da niederwerft, in Stücke schlagt und umbringt, das sind keine wirklichen Mauren, sondern Püppchen aus Pappe; bedenket, Gott sei mir armen Sünder gnädig! All mein Hab und Gut zerstört Ihr und richtet mir's zugrunde!«

Aber Don Quijote ließ darum nicht ab und wiederholte seine Hiebe, doppelhändige Schwertschläge, Quarten und Terzen, als ob sie geregnet kämen. In einem Wort, in kürzerer Zeit, als man zwei Kredos betet, hatte er das ganze Puppentheater zu Boden geschlagen, die ganze Maschinerie und alle Puppen kurz und klein gehauen, den König Marsilius schwer verwundet und Kaiser Karl dem Großen Krone und Kopf in zwei Stücke zerspalten. Das zuhörende Publikum geriet in Aufruhr, der Affe flüchtete über das Dach des Wirtshauses, der Vetter geriet in Angst, der Diener in Schrecken; ja Sancho selbst empfand eine ganz gewaltige Furcht; denn nachdem das Unwetter vorübergegangen, schwur er, seinen Herrn niemals in einem so wahnsinnigen Zorn gesehen zu haben.

Nachdem nun die allgemeine Zerstörung des Puppentheaters vollbracht war, beruhigte sich Don Quijote ein wenig und sprach: »Jetzt möchte ich alle jene hier vor mir haben, die nicht glauben noch sich überzeugen lassen wollen, wie großen Nutzen die fahrenden Ritter der Welt bringen. Bedenket, wenn ich mich hier nicht zugegen befände, was aus dem wackeren Don Gaiféros und der schönen Melisendra geworden wäre; ganz gewiß wäre schon die Stunde da, wo diese Hunde sie eingeholt und ihnen irgendwelche Unbill angetan hätten. Mit einem Wort, hoch lebe das fahrende Rittertum, hoch über allem, was heutzutage auf Erden lebt!«

»Möge es denn in Gottes Namen hochleben!« sprach Meister Pedro mit kläglicher Stimme, »und möge ich elendiglich sterben, da ich so im Unglück bin, daß ich mit König Rodrigo sagen kann:

Gestern war ich Herr von Spanien;
Heut hab ich nicht eine Zinne,
Die ich mein noch heißen könnte.

Es ist noch nicht eine halbe Stunde her, ja nicht einen halben Augenblick, da sah ich mich als Herrn von Königen und Kaisern, meine Ställe und Kasten und Säcke voll unzähliger Pferde und unendlichen Staates, und jetzt seh ich mich zugrunde gerichtet und niedergeschlagen, ein armer Mann und Bettler und obendrein noch ohne meinen Affen, denn wahrlich, ehe ich den wieder in meine Gewalt bringe, werde ich Blut schwitzen müssen. Und all das durch die unbedachte Wut dieses Herrn Ritters, von dem man rühmt, er beschütze die Waisen, steuere dem Unrecht und tue noch andre Liebeswerke; und bei mir allein ist sein edelmütiges Wollen in die Brüche gegangen: Lob und Preis dafür dem Himmel in seinen höchsten Regionen! Es ist einmal nicht anders, der Ritter von der traurigen Gestalt war dazu bestimmt, meine Puppen zu den traurigsten Gestalten zu verunstalten.«

Sancho Pansa gingen Meister Pedros Worte zu Herzen, und er sagte zu ihm: »Weine doch nicht, Meister Pedro, und jammere nicht so, du brichst mir das Herz; ich sage dir, mein Herr Don Quijote ist ein echter und gewissenhafter Christ, und wenn er zur Einsicht kommt, daß er dir ein Unrecht getan hat, wird er schon die rechte Weise finden und gern erbötig sein, dich zu bezahlen und zufriedenzustellen, und wird dir noch viel drauflegen.«

»Sofern der Herr Don Quijote einen Teil der Kulissen und Figuren, die er zerstört hat, mir bezahlen wollte, so wäre ich zufriedengestellt, und Seine Gnaden würde sein Gewissen beruhigen, denn keiner kann selig werden, der sich fremdes Gut gegen den Willen des Besitzers anmaßt und es nicht zurückerstattet.«

»Das ist wahr«, versetzte Don Quijote, »aber bis jetzt ist mir nicht bewußt, daß ich mir etwas von Eurem Besitz angemaßt hätte, Meister Pedro.«

»Nicht bewußt?« entgegnete Meister Pedro, »und diese Leichenreste, die hier auf diesem harten dürren Boden umherliegen, wer anders hat sie zerstreut und zerstört als die unbesiegliche Kraft dieses gewaltigen Armes? Und wem gehörten ihre Körper als mir? Und womit ernährte ich mich als mit ihnen?«

»Jetzt muß ich vollends glauben«, erwiderte hier Don Quijote, »was ich schon so oft vermutet: daß nämlich jene Zauberer, die mich verfolgen, mir beständig die Gestalten, wie sie wirklich sind, vor Augen stellen und sie mir dann gleich in alles, was ihnen einfällt, verwandeln. Wirklich und wahr, sag ich euch Herren, die ihr mich anhört, ist mir alles, was hier geschehen, so vorgekommen, als wenn es buchstäblich so geschähe und Melisendra wäre Melisendra und Don Gaiféros wäre Don Gaiféros und Marsilius wäre Marsilius und Karl der Große wäre Karl der Große. Deshalb ist mein Zorn entbrannt, und um meinen Beruf als fahrender Ritter zu erfüllen, wollte ich dem fliehenden Paar Hilfe und Beistand gewähren, und in dieser guten Absicht hab ich getan, was ihr gesehen habt. Ist es verkehrt ausgeschlagen, so ist es nicht meine Schuld, sondern die der bösen Geschöpfe, die mich verfolgen. Nichtsdestominder will ich für diesen meinen Irrtum, obschon er nicht aus Böswilligkeit entsprungen, mich selbst zu den Kosten verurteilen. Überlegt, Meister Pedro, was Ihr für die zerschlagenen Puppen haben wollt; ich erbiete mich, es Euch sofort in gutem und gangbarem spanischem Gelde zu bezahlen.«

Meister Pedro verbeugte sich vor ihm und sagte: »Nichts Geringeres erwartete ich von dem beispiellosen christlichen Sinn des mannhaften Don Quijote von der Mancha, des wahren Helfers und Beschützers aller notbedrängten und hilfsbedürftigen Landfahrer; und hier sollen der Herr Wirt und der große Sancho zwischen Euer Gnaden und mir Vermittler und Abschätzer des Wertes sein, den die nun einmal zerschlagenen Puppen haben oder haben konnten.«

Der Wirt und Sancho erklärten sich dazu bereit, und sogleich hob Meister Pedro den König Marsilius von Zaragoza, dem der Kopf fehlte, vom Boden auf und sagte: »Ihr seht, wie unmöglich es ist, diesen König wieder in seinen früheren Zustand zu versetzen, und daher bedünkt es mich, besserem Ermessen unvorgreiflich, daß mir für seinen Tod, Hintritt und Untergang vier und ein halber Real zu verabreichen sind.«

»Weiter«, sprach Don Quijote.

»Sodann für diese klaffende Wunde von oben bis unten«, fuhr Meister Pedro fort, indem er den entzweigehauenen Kaiser Karl den Großen zu Händen nahm, »wäre nicht zuviel, wenn ich fünf und ein viertel Realen verlangte.«

»Das ist nicht zuwenig«, fiel Sancho ein.

»Auch nicht zuviel«, erklärte der Wirt; »wir wollen den Posten halbieren und fünf Realen dafür auswerfen.«

»Gebt ihm die fünf und ein viertel ganz«, versetzte Don Quijote; »denn bei dem Ersatz für ein so bedeutendes Unglück kommt es nicht auf einen Viertelreal mehr oder weniger an. Meister Pedro soll aber rasch zu Ende kommen, denn es wird Essenszeit, und es kommen mir gewisse Anwandlungen von Hunger.«

»Für diese Puppe«, sprach Meister Pedro, »die keine Nase hat und der ein Auge fehlt, es ist die der schönen Melisendra, will ich, und ich halte mich dabei an den richtigen Preis, zwei Realen und zwölf Maravedis.«

»Ei, das wäre der Teufel«, fiel Don Quijote ein, »wenn die Melisendra mit ihrem Gatten nicht wenigstens schon an der französischen Grenze wäre, denn das Roß, auf dem sie ritten, schien mir eher zu fliegen als zu laufen; und sonach ist mir nicht zuzumuten, daß ich die Katze für einen Hasen kaufe und mir hier eine Melisendra ohne Nase und Augen vorweisen lasse, während die wahre soeben jetzt in Frankreich dabei ist, sorglos mit ihrem Gatten der Muße zu pflegen. Gott gesegne einem jeden das Seinige, Herr Meister Pedro! Ziehen wir unsres Weges mit ruhigem Schritte und redlicher Gesinnung! Und nun fahret fort!«

Da Meister Pedro sah, daß Don Quijote wieder linksum machte und in seine früheren Einbildungen zurückfiel, wollte er sich den guten Kunden nicht entgehen lassen und sprach daher zu ihm: »Das muß nicht Melisendra sein, sondern eins von den Fräulein, die sie bedienten, und sonach, wenn man mir sechzig Maravedis für sie gibt, bin ich zufrieden und wohlbezahlt.«

Auf diese Weise setzte er noch für viele andre zertrümmerte Puppen den Preis an, den dann die beiden Schiedsrichter ermäßigten, zur Zufriedenheit beider Teile, welche so bis zum Betrag von vierzig und dreiviertel Realen gelangten. Außer diesem Gelde, das Sancho auf der Stelle hergab, verlangte Meister Pedro zwei Realen für die Mühe, den Affen einzufangen.

»Gib sie ihm« sprach Don Quijote, »nicht um den Affen einzufangen, sondern damit Ihr einen Affen oder auch einen Spitz nach Hause bringt. Aber zweihundert gäb ich jetzo Trinkgeld, wer mir mit Gewißheit sagen könnte, ob die Señora Doña Melisendra und der Señor Don Gaiféros schon in Frankreich und bei den Ihrigen sind.«

»Keiner könnte es uns besser sagen als mein Affe«, sagte Meister Pedro; »aber kein Teufel vermöchte ihn jetzo einzufangen, wiewohl ich denke, seine Anhänglichkeit und sein Hunger werden ihn heut abend noch zwingen, mich aufzusuchen. Nun, Gott wird morgen Tag werden lassen, da werden wir schon sehn.«

So ging denn das Unwetter, das sich ob des Puppentheaters erhoben, zu Ende, und alle verzehrten ihr Abendessen in Frieden und Freundschaft und auf Kosten Don Quijotes, der über die Maßen freigebig war. Ehe noch der Morgen anbrach, zog der Mann mit den Speeren und Hellebarden von dannen; und nachdem es Tag geworden, nahmen der Vetter und der junge Diener Abschied von Don Quijote, der erste, um nach seinem Heimatort zurückzukehren, der andre, um seine Reise fortzusetzen, und zur Beihilfe für diese spendete Don Quijote ein Dutzend Realen. Meister Pedro wollte sich nicht abermals mit Don Quijote, den er nun zur Genüge kannte, in Hin- und Herreden einlassen; er stand daher früh vor der Sonne auf, nahm die Überbleibsel seines Puppentheaters und seinen Affen und ging ebenfalls auf die Suche nach seinen eignen Abenteuern.

Den Wirt, der Don Quijote nicht kannte, setzten dessen Narreteien ebensosehr in Verwunderung wie dessen Freigebigkeit. Zum Schlusse bezahlte ihn Sancho sehr reichlich, nach seines Herrn Befehl; sie nahmen Abschied von ihm, verließen etwa um acht Uhr morgens die Schenke und begaben sich auf den Weg, wo wir sie hinziehen lassen wollen, damit wir Zeit für die Erzählung andrer Dinge gewinnen, die zum Verständnis dieser fürtrefflichen Geschichte gehören.

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