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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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25. Kapitel

Wo das Abenteuer vom Eselsgeschrei berührt wird, auch das gar kurzweilige von dem Puppenspieler, benebst den denkwürdigen Offenbarungen des wahrsagenden Affen

Es ließ unserm Don Quijote nicht Rast noch Ruhe, und er brannte vor Ungeduld, die Wunderdinge zu hören, die ihm der Mann mit den Waffen versprochen hatte. Er ging und suchte ihn da, wo er nach Angabe des Wirtes zu treffen war; er fand ihn und sagte ihm, jedenfalls müsse er ihm unverzüglich mitteilen, was er ihm wegen der unterwegs an ihn gerichteten Anfrage zu sagen habe.

Der Mann antwortete: »Nur bei größerer Muße und nicht stehenden Fußes kann die Geschichte von meinen Wunderdingen erzählt werden; laßt mich, mein guter Herr, mein Tier erst vollends versorgen, und ich will Euch manches sagen, das Euch in Erstaunen setzen wird.«

»Darum soll es wahrlich nicht unterbleiben«, erwiderte Don Quijote; »ich will Euch bei allem helfen.«

Und so tat er denn auch, er siebte die Gerste und reinigte die Krippe; eine Herablassung, die den Mann bewog, bereitwilligst zu erzählen, was der Ritter von ihm begehrte. Er setzte sich auf eine steinerne Bank und Don Quijote neben ihn; als Zuhörer hatten sie den Vetter, den Diener, Sancho Pansa und den Wirt, und er hob folgendermaßen zu erzählen an: »Ihr müßt wissen, verehrte Herren, daß in einer Ortschaft, fünfthalb Meilen von hier, ein Gemeinderat seinen Esel vermißte; es geschah dies durch Hinterlist und Tücke seines jungen Dienstmädchens, was zu weitläufig zu erzählen wäre. Wiewohl nun besagter Gemeinderat sich alle denkbare Mühe gab, ihn wiederzufinden, gelang ihm dies doch nicht. Vierzehn Tage mochten vorübergegangen sein, wie man allgemein sagt und glaubt, seit der Esel fehlte, als auf dem Marktplatz zu dem vom Verlust betroffenen Gemeinderat ein andrer Gemeinderat desselben Ortes kam und sagte: ›Gebt mir Botenlohn, Gevatter, Euer Esel ist zum Vorschein gekommen.‹

›Den Botenlohn geb ich Euch, und einen guten‹, erwiderte der andre; ›aber laßt hören, wo er zum Vorschein gekommen.‹

›Im Walde‹, antwortete der Finder, ›hab ich ihn heut morgen gesehen, ohne Sattel und Geschirr und so mager, daß es ein jämmerlicher Anblick war. Ich wollte ihn vor mir hertreiben und ihn Euch bringen; aber er ist schon so wild und scheu geworden, daß er, als ich auf ihn zuging, von dannen lief und in das versteckteste Dickicht des Waldes rannte. Wenn Ihr wollt, daß wir alle beide ihn wieder suchen gehen, so laßt mich nur meine Eselin nach Haus bringen; ich komme gleich wieder.‹

›Das ist sehr freundlich von Euch‹, sagte der Herr des Esels, ›und es soll meine Sorge sein, Euch dereinst in gleicher Münze zu bezahlen.‹

Mit all diesen Umständen und auf dieselbe Art erzählen es alle, die den wahren Hergang der Sache kennen. Kurz, die zwei Gemeinderäte gingen in treuer Freundschaft zu Fuße nach dem Wald, aber als sie an Ort und Stelle kamen, wo sie den Esel zu finden gedachten, fanden sie ihn nicht, und er ließ sich weit und breit nicht sehen, so eifrig sie ihn auch suchten. Als er nun nirgends zu entdecken war, sagte der Gemeinderat, der den Esel erblickt hatte, zu dem andern: ›Hört, Gevatter, es ist mir ein Kniff eingefallen, mit dem wir ganz gewiß das Tier auffinden können, und sollte es im innersten Schoß der Erde stecken, geschweige im Wald; nämlich ich kann wundervoll iahen, und wenn Ihr es auch ein wenig könnt, so dürft Ihr die Sache für abgemacht ansehen.‹

›Ein wenig, sagt Ihr, Gevatter?‹ sprach der andre; ‹bei Gott, darin nehme ich es mit jedem auf, selbst mit dem Esel.‹

›Das wollen wir gleich sehen‹, sagte der zweite Gemeinderat. ›Ich habe mir ausgedacht, Ihr geht durch den Wald nach der einen Richtung und ich nach der andern, so daß wir den Wald ganz umkreisen und ganz durchstreifen, und von Zeit zu Zeit sollt Ihr iahen und will ich iahen, und da muß uns der Esel hören und uns antworten, wenn er wirklich im Walde ist.‹

Darauf antwortete der Herr des Esels: ›Ich sag Euch, Gevatter, der Anschlag ist ausgezeichnet und Eures großen Geistes würdig.‹

Als sich die beiden nun gemäß dem Übereinkommen trennten, geschah es, daß sie fast zur nämlichen Zeit iah schrien, und jeglicher von ihnen, vom Iahen des andern getäuscht, eilte herbei, seinen Gefährten aufzusuchen, in der Meinung, der Esel sei schon gefunden. Als sie einander erblickten, sagte der vom Verlust betroffene Gemeinderat: ›Ist's möglich, Gevatter, daß es nicht mein Esel war, der da schrie?‹

‹Nein, niemand war's als ich‹, entgegnete der andre.

›Jetzt aber sag ich‹, sprach der Besitzer des Esels, ›zwischen Euch und einem Esel ist nicht der geringste Unterschied, was das Iahen betrifft; denn in meinem ganzen Leben hab ich nichts Natürlicheres gehört noch gesehen.‹

›Solches Lob und so hoher Preis‹, antwortete der Erfinder der List, ›gebühren Euch eher als mir; denn bei dem Gott, der mich erschaffen hat, Ihr könnt dem besten und geübtesten Iah-Schreier auf Erden zwei Iahs vorgeben. Denn Euer Ton ist so stark, Ihr haltet die Stimme so in richtigem Takt, Rhythmus und Tempo, daß ich mich für überwunden erkläre; ich übergebe Euch die Palme und reiche Euch das Banner des Führers in dieser seltenen Fertigkeit.‹

›Jetzt muß ich allerdings sagen‹, entgegnete der Eselsbesitzer, ›daß ich von nun an mehr von mir halten und mich höher schätzen werde, weil ich einiges Talent besitze; denn wenn ich auch glaubte, gut iah zu schreien, so habe ich doch nie gedacht, daß ich darin eine solche Vollendung besitze, wie Ihr sagt.‹

›Ich muß jetzt auch noch bemerken‹, versetzte der zweite, ›daß gar manche seltene Begabungen auf der Welt verlorengehen und bei denen übel angebracht sind, die sie nicht zu benützen wissen.‹

›Unsere Talente‹, antwortete der Eselsbesitzer, ›können uns in anderen Fällen als dem, den wir gerade unter den Händen haben, wenig nützen, und selbst in diesem: wollte Gott, sie wären uns von Nutzen!‹

Hierauf trennten sie sich abermals und huben aufs neue an, ihr Iah zu schreien; aber jeden Augenblick täuschten sie sich wieder und liefen wieder aufeinander zu, bis sie verabredeten, sie wollten immer zweimal hintereinander iah schreien, um zu erkennen, daß sie es seien und nicht der Esel. Hiermit durchstreiften sie den ganzen Wald und stießen bei jedem Schritte ihr Iah doppelt aus, ohne daß der verlorene Esel antwortete oder auch nur etwas von sich merken ließ. Aber wie sollte das unglückliche Tier antworten, da sie es endlich im verstecktesten Dickicht von den Wölfen angefressen fanden? Und als sein Herr den Esel erblickte, sprach er: ›Wohl mußte ich mich verwundern, daß er keine Antwort gab; denn wäre er nicht tot gewesen, so hätte er iah geschrien, sobald er uns hörte, oder er wäre kein Esel gewesen. Aber damit, daß ich Euch so lieblich iahen gehört, Gevatter, halte ich die Mühsal für gut bezahlt, die ich beim Suchen gehabt, wenn ich ihn auch tot gefunden habe.‹

›Das stand ja in guter Hand, Gevatter‹, antwortete der andre; ›denn wenn der Priester gut singt, bleibt der Chorknabe nicht hinter ihm zurück.‹

Hiermit kehrten sie, trostlos und heiser, in ihr Dorf zurück und erzählten dort ihren Freunden, Nachbarn und Bekannten, was alles ihnen auf der Suche nach dem Esel begegnet war, wobei der eine das Talent des andern im Iahen über die Maßen rühmte. Die ganze Geschichte wurde bald in den umliegenden Orten bekannt und verbreitet; und da der Teufel, der nie schläft, seine Freude daran hat, Hader und Zwietracht zu säen und auszustreuen, wo es nur immer geht, und zu diesem Zwecke bösartigen Klatsch ohne Sinn und die größten Händel um nichts und wieder nichts aufrührt, so trieb er die Leute aus den andern Ortschaften an, wenn sie einen aus unsrem Dorf zu Gesicht bekamen, iah zu schreien, als wollten sie ihnen das Iahen unsrer Gemeinderäte unter die Nase reiben. Auch die Gassenbuben fingen es auf, und das hieß allen bösen Geistern der Hölle in die Hände und in die Mäuler geraten; das Eselsgeschrei griff um sich von Dorf zu Dorf, so daß die aus dem Iaher-Dorf Gebürtigen nunmehr überall kenntlich sind, wie Neger kenntlich sind unter Weißen. Ja, diese unselige Spötterei hat endlich dahin geführt, daß oftmals mit bewaffneter Hand und geschlossener Schar die Verspotteten gegen die Spötter auszogen, um einander Schlachten zu liefern, ohne daß König oder Königin, Furcht oder Scham es hindern konnten. Ich glaube, morgen oder nächster Tage werden die von meinem Dorf, das heißt die Leute, bei denen das Iahen angefangen hat, gegen ein andres Dorf zu Felde ziehen, welches zwei Meilen vom unsrigen entfernt ist und zu denen gehört, die uns am ärgsten verfolgen; und weil sie wohlgerüstet ausziehen wollen, habe ich die Spieße und Hellebarden gekauft und hergebracht, die Ihr gesehen habt. Dies also sind die Wunderdinge, die ich, wie ich gesagt, Euch zu erzählen hatte; und wenn sie Euch nicht so wundersam vorkommen, ich weiß keine andern weiter.«

Hiermit schloß der wackere Bursche seine Erzählung. Gleichzeitig trat zur Tür der Schenke ein Mann herein, der ganz in Gemsleder gekleidet war, Strümpfe wie Hosen und Wams; mit lauter Stimme sprach er: »Herr Wirt, gibt's Quartier? Hier kommt der wahrsagende Affe und das Puppenspiel von der Befreiung der Melisendra.«

»Potztausend!« sagte der Wirt; »da kommt ja Meister Pedro; heut steht uns ein herrlicher Abend bevor.«

Ich vergaß zu bemerken, daß Meister Pedro das linke Auge und fast die halbe Wange mit einem Pflaster von grünem Taft bedeckt hatte, ein Zeichen, daß diese ganze Seite an einem Schaden litt.

Der Wirt fuhr fort: »Euer Gnaden sei willkommen, Meister Pedro. Wo ist der Affe und das Puppentheater, daß ich sie nicht sehe?«

»Sie sind schon ganz nahe«, antwortete der Gemslederne; »ich bin nur vorausgegangen, um zu hören, ob es Quartier gibt.«

»Das würde ich sogar dem Herzog von Alba wegnehmen, um es Meister Pedro zu geben«, erwiderte der Wirt; »laßt nur den Affen und das Puppentheater kommen, es sind diese Nacht Leute im Wirtshaus, die dafür zahlen werden, das Theater und die Künste des Affen zu sehen.«

»Sehr gut«, entgegnete der mit dem Pflaster; »ich werde den Preis ermäßigen und will mit meinen Unkosten allein schon ganz zufrieden sein. Ich will nur noch einmal zurück und machen, daß der Karren mit dem Affen und dem Puppentheater bald kommt.«

Und sofort eilte er wieder aus der Schenke hinaus. Don Quijote fragte sogleich den Wirt, was für ein Meister Pedro das sei und was für ein Puppentheater und was für einen Affen er bei sich führe.

Der Wirt antwortete: »Der Mann ist ein ausgezeichneter Puppenspieler, der seit vielen Tagen in unsrer aragonesischen Mancha umherzieht und das Puppenspiel von Melisendra sehen läßt, wie sie durch den ruhmvollen Don Gaiféros befreit wird, eine der schönsten und am besten dargestellten Geschichten, die man seit langen Jahren in unsrem Königreich gesehen hat. Er hat auch einen Affen bei sich, der besitzt die seltenste Geschicklichkeit, die man jemals unter Affen gefunden hat oder die ein Mensch sich überhaupt vorstellen kann; denn wenn man ihn etwas fragt, horcht er auf die Frage, springt sogleich seinem Herrn auf die Schultern und dicht ans Ohr und sagt ihm die Antwort auf das Gefragte, und Meister Pedro tut sie sogleich den Zuhörern kund. Von vergangenen Dingen sagt er mehr als von zukünftigen; und obschon er nicht immer in allen Sachen das Richtige trifft, so geht er doch bei den meisten nicht fehl, so daß man glauben möchte, er habe den Teufel im Leibe. Zwei Realen nimmt Meister Pedro für jede Frage, wenn nämlich der Affe eine Antwort gibt, ich meine, wenn der Herr für ihn antwortet, nachdem der Affe ihm was ins Ohr gesagt. Daher glaubt man auch, daß der Meister Pedro steinreich ist; auch ist er ein galantuomo und buon compagno, wie man in Italien sagt, und lebt herrlich und in Freuden; er schwatzt mehr als ihrer sechse und trinkt mehr als ihrer zwölfe, und alles das verdient ihm seine Zunge, sein Affe und sein Puppentheater.«

Indem kehrte Meister Pedro zurück, und auf einem Karren kam auch das Puppentheater und der Affe, groß und ohne Schwanz, das Gesäß wie von Filz, das Gesicht aber sah nicht übel aus.

Kaum hatte ihn Don Quijote erblickt, als er ihn fragte: »Sagt mir doch, Herr Wahrsager, che pesce pigliamo? Was steht uns bevor? Hier habt Ihr meine zwei Realen.«

Sogleich befahl er Sancho, dem Meister Pedro das Geld zu geben. Der aber antwortete für den Affen: »Señor, über zukünftige Dinge gibt das Tier weder Antwort noch Auskunft; auf vergangene versteht es sich einigermaßen und auf gegenwärtige ein wenig.«

»Bei Gott!« sagte Sancho, »dafür gäb ich keinen Pfifferling, daß man mir sagt, was mit mir vorgegangen ist; denn wer kann das besser wissen als ich selbst? Und daß ich dafür zahle, daß man mir sagt, was ich weiß, wäre eine große Dummheit. Aber da er sich auf die gegenwärtigen Dinge versteht, hier sind meine zwei Realen, der Herr Wunderaffe soll mir sagen: Was macht jetzt meine Frau Teresa Pansa und womit beschäftigt sie sich?«

Meister Pedro wollte das Geld nicht nehmen und sprach: »Ich mag die Bezahlung nicht im voraus nehmen, sondern die Dienstleistung muß vorangehen.«

Und wie er sich nun mit der rechten Hand zweimal auf die linke Schulter schlug, sprang der Affe mit einem Satz hinauf, hielt das Maul an Pedros Ohr, klappte mit den Zähnen hastig aufeinander, und nachdem er dies Spiel, etwa so lang man ein Kredo betet, getrieben hatte, sprang er wieder mit einem Satz auf den Boden, und im Augenblick warf sich Meister Pedro mit größter Hast auf die Knie vor Don Quijote, umfaßte dessen Beine und sprach: »Um diese Beine schling ich meine Arme, grade als ob ich die beiden Säulen des Herkules umfaßte, o du erlauchter Auferwecker des schon in Vergessenheit geratenen Rittertums! O du nimmer nach Gebühr gepriesener Ritter Don Quijote von der Mancha, du Stütze der Fallenden, Arm der Gefallenen, Stab und Trost aller Unglücklichen!«

Don Quijote war starr, Sancho außer sich, der Vetter in Staunen versunken, der Diener schier entsetzt, der Mann aus dem Iaher-Dorf stand mit offnem Maule und der Wirt ganz verdutzt; kurz, alle schraken zusammen, die des Puppenspielers Worte gehört.

Der aber fuhr folgendermaßen fort: »Und du, o wackerer Sancho Pansa, du, der beste Schildknappe des besten Ritters auf Erden! Freudig vernimm, daß es deinem guten Weibe Teresa gut ergeht; zur Stunde hechelt sie ein Pfund Flachs, und zum Wahrzeichen hat sie zu ihrer Linken einen Krug mit zerbrochenem Halse stehen, der einen tüchtigen Schluck Wein faßt; womit sie sich bei ihrer Arbeit erheitert.«

»Das glaub ich wohl«, entgegnete Sancho, »denn sie ist ein kreuzbraves Weib, und wäre sie nicht eifersüchtig, so würde ich sie nicht gegen die Riesin Andandona tauschen, die nach meines Herrn Bericht ein äußerst rechtschaffenes Frauenzimmer war; meine Teresa aber gehört zu jenen Weibern, die sich nichts abgehn lassen, und sollt es auch auf Kosten ihrer Erben geschehen.«

»Jetzt muß ich sagen«, fiel hier Don Quijote ein, »wer viel liest und viel reist, sieht vieles und erfährt vieles. Ja, das sag ich, denn welche Überredung hätte genügt, mich zu überreden, daß es Affen auf der Welt gibt, die wahrsagen können, wie ich es jetzt mit meinen eigenen Augen gesehen? Bin ich doch der nämliche Don Quijote von der Mancha, den dies wackere Tier genannt hat, obschon es etwas zu freigebig mit meinem Lob gewesen; aber wer und wie ich auch immer sein möge, ich danke dem Himmel, der mich mit einem weichen und mitfühlenden Gemüte begabt hat, das stets geneigt ist, jedermann Gutes und keinem Böses zu tun.«

»Wenn ich Geld hätte«, sagte der Diener, »würde ich den Herrn Affen fragen, wie es mir auf der Wanderschaft gehen wird, die ich vorhabe.«

Darauf antwortete Meister Pedro, der sich von dem Fußfall vor Don Quijote bereits wieder erhoben hatte: »Ich habe schon gesagt, daß dies Tierchen über Zukünftiges keine Antwort erteilt; wenn es sie erteilte, so käme es darauf nicht an, daß einer Geld hat, denn um dem allhier gegenwärtigen Señor Don Quijote gefällig zu sein, würde ich jeden Geldvorteil auf Erden beiseite setzen. Jetzt nun, weil ich es ihm schuldig bin und weil ich ihm Vergnügungen machen will, werde ich mein Puppentheater aufstellen und allen in der Schenke Anwesenden eine Freude bereiten, und zwar ohne alle Bezahlung.«

Als der Wirt dies hörte, freute er sich über die Maßen und wies einen Platz an, wo das Theater aufgestellt werden konnte, und es war dies in einem Augenblick geschehen. Don Quijote war mit der Wahrsagerei des Affen nicht zufrieden, weil es ihm unziemlich erschien, daß ein Affe wahrsagen sollte, gleichviel, ob Zukünftiges oder Vergangenes. Daher zog er sich, während Meister Pedro sein Puppentheater in Ordnung brachte, mit Sancho in einen Winkel des Stalles zurück und sagte zu diesem, ohne dort von jemandem belauscht zu werden: »Höre, Sancho, ich habe mir die außerordentliche Geschicklichkeit dieses Affen überlegt, und ich halte dafür, daß dieser Meister Pedro, sein Herr, einen stillschweigenden oder ausdrücklichen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben muß.«

»Wenn das Paket ausgedrückt und vom Teufel verschlossen ist«, sprach Sancho, »so muß es ganz gewiß ein gar schmutziges Paket sein. Aber was hat der Meister Pedro davon, daß er solche Pakete hat?«

»Du verstehst mich nicht, Sancho«, erwiderte Don Quijote. »Ich will nur so viel sagen, daß er ein Übereinkommen mit dem Teufel getroffen haben muß, damit dieser dem Affen jene Geschicklichkeit eingebe, mit welcher der Pedro sein Brot verdienen will, und wenn er dann reich geworden, muß er dem Teufel seine Seele zu eigen geben; denn das ist es eben, was dieser Feind der Menschheit begehrt. Was mich zu diesem Glauben bringt, ist, daß dieser Affe nur über Vergangenes oder Gegenwärtiges Antwort erteilt, und auf ein mehreres kann sich des Teufels Wissenschaft nicht erstrecken. Das Künftige weiß er nicht, außer etwa durch Vermutung, und das nicht immer; denn Gott allein ist es vorbehalten, die Zeiten und die Augenblicke zu kennen, und für ihn gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft, alles ist ihm gegenwärtig. Und wenn dies seine Richtigkeit hat, wie es unzweifelhaft der Fall ist, so ist es klar, daß dieser Affe durch des Teufels Kunst spricht, und ich wundre mich, daß man ihn nicht vor dem heiligen Gericht der Inquisition angeklagt und verhört und gründlich aus ihm herausgebracht hat, kraft welchen Geistes er wahrsagt; denn es ist gewiß, daß dieser Affe sich nicht auf Sterndeuterei versteht und daß weder sein Herr noch er selbst jene Figuren zu ziehen verstehen, die man Horoskope nennt, was heutzutage in Spanien so allgemein gemacht wird, daß es kein altes Weib, keinen Hausdiener, keinen Schuhflicker gibt, der sich nicht herausnimmt, ein Horoskop zu stellen, so leichthin, als zöge er den Buben aus einem Kartenspiel; wobei sie dann durch ihre Lügen und ihre Unwissenheit die wunderbare Wahrheit der astrologischen Wissenschaft zugrunde richten. Mir ist von einer vornehmen Dame bekannt, daß sie einen dieser Horoskopsteller fragte, ob ihr kleines Schoßhündchen trächtig werden und Junge werfen würde und wie viele und von welcher Farbe die Welpen sein würden. Der Sterndeuter stellte das Horoskop und antwortete, das Hündchen werde trächtig werden und drei Junge werfen, das eine grün, das andre rosig, das dritte gescheckt; allein nur unter dem Beding, daß besagte Hündin zwischen elf und zwölf Uhr bei Tage oder bei Nacht belegt würde, und zwar am Montag oder am Samstag. Und was dann geschah, war, daß zwei Tage nachher die Hündin einging, weil sie sich überfressen hatte; aber der Herr Horoskopsteller galt am Orte nach wie vor für den kundigsten Sterndeuter, wie alle oder die meisten Horoskopsteller dafür gelten.«

»Trotz alledem wünschte ich«, sprach Sancho, »daß Euer Gnaden den Meister Pedro beauftragte, seinen Affen zu fragen, ob auf Wahrheit beruhe, was Euch in der Höhle des Montesinos begegnet ist; denn ich meinesteils glaube, daß, mit Euer Gnaden Verlaub, alles nur Lug und Trug oder zum mindesten Traumgebilde war.«

»Alles ist möglich«, entgegnete Don Quijote; »indessen will ich tun, was du mir anrätst, wenn ich dabei auch noch immer, ich weiß nicht welche Bedenken habe.«

Als sie so weit waren, kam Meister Pedro, um Don Quijote zu holen und ihm zu sagen, daß das Puppentheater bereits aufgeschlagen sei; Seine Gnaden möchte kommen, es zu sehen, denn das sei es wirklich wert. Don Quijote teilte ihm seinen Wunsch mit und bat ihn, seinen Affen sogleich zu fragen, damit er ihm Auskunft gebe, ob gewisse Dinge, die er in der Höhle des Montesinos erlebt habe, Traum oder Wirklichkeit seien; ihn wenigstens bedünke es, sie hätten was von beidem.

Meister Pedro hierauf, ohne eine Silbe zu antworten, brachte seinen Affen wieder herbei, stellte ihn vor Don Quijote und Sancho hin und sagte: »Sieh, lieber Affe, dieser Ritter begehrt zu wissen, ob gewisse Dinge, die ihm in einer Höhle begegnet sind, welche des Montesinos Höhle heißt, falsch oder wahr sind.«

Hiermit gab er ihm das gewöhnliche Zeichen; der Affe sprang ihm auf die linke Schulter und tat, als ob er ihm etwas ins Ohr flüsterte, und Meister Pedro sprach sogleich: »Der Affe sagt, was Euer Gnaden in besagter Höhle gesehen oder erlebt hat, ist teilweise falsch und teilweise wahrscheinlich; er sagt ferner, dies und nichts andres wisse er in betreff dieser Frage, und wenn Euer Gnaden mehr zu erfahren wünsche, so werde er den nächsten Freitag all Eure Fragen beantworten; für jetzt sei es mit der Kraft seiner Begabung vorbei, welche ihm erst am Freitag wiederkommen wird, wie er bereits gesagt.«

»Sagte ich's nicht«, fiel Sancho ein, »daß mir nicht eingehen wolle, was Euer Gnaden über die Vorkommnisse in der Höhle gesagt hat, sei auch nur zur Hälfte wahr?«

»Der Erfolg wird's lehren«, erwiderte Don Quijote; »die Zeit, die Offenbarerin aller Dinge, bringt jegliches ans Licht der Sonnen, und wäre es auch tief im Schoß der Erden verborgen. Für jetzt sei es hiermit genug, und gehen wir und sehen uns das Puppenspiel des wackeren Meisters Pedro an, das gewiß, glaube ich, manches Neue bieten wird.«

»Wieso manches?« entgegnete Meister Pedro; »sechzigtausend neue Sachen enthält dies mein Puppentheater. Ich sage Euer Gnaden, mein hochverehrter Señor Don Quijote, es ist eine der größten Sehenswürdigkeiten, die heutzutage die Welt aufzuweisen hat, und operibus credite, et non verbis; und Hand ans Werk, denn es wird spät, und wir haben viel zu tun und zu sagen und zu zeigen!«

Don Quijote und Sancho gehorchten und verfügten sich an den Platz, wo das Puppentheater schon aufgeschlagen und geöffnet war, ringsher voll angezündeter Wachslichter, die ihm ein prächtiges, glänzendes Aussehen gaben. Meister Pedro nahm alsbald seinen Platz hinter der Bühne, denn er war es, der die Figuren zu lenken hatte, und vor ihr stellte sich ein Bursche auf, Meister Pedros Diener, um als Dolmetsch und Erklärer der Geheimnisse des Puppenspiels zu wirken; er hielt ein Stäbchen in der Hand, mit dem er die auftretenden Figuren zeigte und benannte.

Nachdem sich alles, was im Wirtshause war, vor das Puppentheater niedergesetzt oder gestellt hatte und Don Quijote, Sancho, der Diener und der Vetter auf den besten Plätzen untergebracht waren, begann der Dolmetsch vorzutragen, was jeglicher hören und sehen wird, der ihm zuhören oder das folgende Kapitel lesen will.

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