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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 24
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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23. Kapitel

Von den wundersamen Dingen, die der allerfürtrefflichste Don Quijote nach seinem Bericht in der tiefen Höhle des Montesinos gesehen hat, die jedoch so unmöglich und ungeheuerlich sind, daß dies für untergeschoben gehalten wird

Es mochte die vierte Stunde des Nachmittags sein, als die Sonne, hinter Wolken versteckt, mit spärlichem Licht und gemäßigtem Strahl dem Ritter es endlich ermöglichte, ohne Beschwerlichkeit und sicher vor der Tageshitze seinen beiden ausgezeichneten Zuhörern zu erzählen, was er in der Höhle des Montesinos erschaut hatte; und er begann folgendermaßen: »Ungefähr zwölf oder vierzehn Klafter in der Tiefe dieses unterirdischen Kerkerlochs befindet sich rechter Hand eine Höhlung, ein Raum von der Ausdehnung, daß ein großer Wagen mit seinen Maultieren darin Platz haben kann. Es dringt in ihn ein schwaches Licht durch Spalten oder Löcher, die bis zur Oberfläche der Erde gehn. Als ich diesen Raum, diese Höhlung erblickte, war ich es schon müde und überdrüssig, an dem Seil hangend und schwebend in diesem düstern Raum ohne eine sichere und bestimmte Richtung hinunterzugleiten, und so entschloß ich mich, in die besagte Höhlung hineinzugehen und ein wenig auszuruhen. Ich rief euch zu und bat euch, nicht mehr Seil nachzulassen, bis ich es verlangen würde, aber ihr habt mich wohl nicht gehört. Da nahm ich das Seil auf, das ihr herabließt, legte es in einen Kringel oder Kreis zusammen und setzte mich darauf, tief nachdenkend, was ich tun sollte, um auf den Grund hinunterzugelangen, da ich niemanden hatte, mich festzuhalten. Während ich in dieser Erwägung und Verlegenheit dasaß, überfiel mich plötzlich, und ohne daß ich es wollte, ein tiefer, schwerer Schlaf; und als ich mich dessen am wenigsten versah, ohne daß ich wußte, wann und wie, erwachte ich wieder und fand mich mitten auf der schönsten, lieblichsten, wonniglichsten Flur, die die Natur zu erschaffen oder die sinnreichste Einbildungskraft des Menschen sich zu erdenken vermag. Ich tat die Augen weit auf, rieb sie mir und überzeugte mich, daß ich nicht schlief, sondern wirklich wach war. Dessenungeachtet fühlte ich mir an Kopf und Brust, um mich zu vergewissern, ob ich selber es sei, der an diesem Orte weile, oder ein eitles Traumgebild. Aber das Gefühl, das Bewußtsein, der verständige Zusammenhang der Überlegungen, die ich bei mir anstellte, gaben mir die Gewißheit, daß ich dort unten derselbe war, der ich jetzt an dieser Stelle bin.

Alsbald bot sich meinen Blicken ein prächtig reicher Palast, eine gewaltige Königsburg, deren Mauern und Wände aus durchsichtig glänzendem Kristall gefügt schienen. Zwei große Torflügel taten sich auf, aus ihnen sah ich einen ehrwürdigen Greis hervortreten und auf mich zuschreiten, er trug einen langen Mantel von dunkelviolettem Flanell, der ihm auf dem Boden nachschleppte; um die Schultern und die Brust zog sich eine Stola von grünem Atlas, wie Stiftspriester sie tragen; sein Haupt bedeckte ein schwarzes Mailänder Barett, und sein schneeweißer Bart reichte ihm bis über den Gürtel hinab. Er trug keine Waffe, hingegen einen Rosenkranz mit Kügelchen, größer als eine gewöhnliche Walnuß, und jede zehnte Kugel war wie ein mittelgroßes Straußenei. Die Haltung, der Gang, die Würde und die mächtig große Gestalt, jedes für sich allein und alles zusammen, setzten mich in Staunen und Verwunderung. Er trat an mich heran, und das erste, was er tat, war, daß er mich zärtlich in die Arme schloß und sofort mich so ansprach: ›Lange Zeit ist es her, o mannhafter Ritter Don Quijote von der Mancha, seit wir, die wir in dieser Abgeschiedenheit verzaubert weilen, darauf hofften, dich zu erblicken, auf daß du der Welt Kunde brächtest von dem, was die tiefe Höhle, die du betreten hast, die Höhle des Montesinos geheißen, in sich enthält und verbirgt; ein Heldenwerk, das allein deinem unbesieglichen Herzen und allein deinem staunenswerten Mute vorbehalten war. Komm mit mir, erlauchter Mann; ich will dir die Wunder zeigen, die dieser durchsichtige Palast umschließt, dessen Vogt und Oberaufseher ich auf alle Zeiten bin; denn ich bin eben der Montesinos, von dem die Höhle ihren Namen hat.‹

Kaum sagte er mir, er sei der Montesinos, als ich ihn fragte, ob es auf Wahrheit beruhe, was man sich in der Welt dort oben erzähle, daß er nämlich seinem besten Freunde Durandarte mit einem kleinen Jagdmesser das Herz mitten aus der Brust geschnitten und es zu Fräulein Belerma gebracht habe, wie der Freund es im Augenblick seines Sterbens ihm aufgetragen.

Er antwortete mir, die Leute sagten hierüber die volle Wahrheit, nur nicht in betreff des Messers, denn es sei weder ein Messer noch gar ein kleines gewesen, sondern ein scharfer Dolch, spitziger als ein Schusterpfriem.«

»Der besagte Dolch«, fiel Sancho hier ein, »muß von Ramón de Hoces, dem Sevillaner, gewesen sein.«

»Ich weiß nicht«, meinte Don Quijote. »Aber nein, er wird nicht von diesem Waffenschmied gewesen sein; Ramón de Hoces war ja noch gestern am Leben, und das Begebnis zu Roncesvalles, wo diese Unglücksgeschichte vorfiel, hat sich vor vielen Jahren zugetragen. Aber dieser Punkt ist von keinem Belang und stört und ändert in keiner Weise den Inhalt und Zusammenhang der Geschichte.«

»Ja, so ist's«, versetzte der Vetter; »fahret nur fort, Señor Don Quijote, ich höre Euch mit dem allergrößten Vergnügen zu.«

»Mit nicht geringerem erzähle ich«, erwiderte Don Quijote. »Und so sag ich denn, daß der ehrwürdige Montesinos mich in den kristallenen Palast führte, wo sich zu ebener Erde in einem Saal, der überaus kühl und ganz von Alabaster war, ein marmornes Grabmal befand, mit höchster Meisterschaft gearbeitet, auf welchem ich einen Ritter der ganzen Länge nach ausgestreckt erblickte, nicht aus Erz noch aus Marmor noch aus Jaspis geformt, wie sie sich sonst gewöhnlich auf Grabmälern finden, sondern von purem Fleisch und Bein. Die rechte Hand – die meines Bedünkens ziemlich behaart und nervig war, ein Zeichen der großen Körperkraft ihres Besitzers – hatte er auf die Seite des Herzens gelegt; und ehe ich nur eine Frage an Montesinos richtete, der bemerkte, wie ich voll Staunens die Gestalt auf dem Grabmal anstarrte, sprach er: ›Dies ist mein Freund Durandarte, zu seiner Zeit aller liebenden und heldenhaften Ritter Blume und Spiegel; ihn hat hier verzaubert, wie er mich und viele andre Männer und Frauen verzaubert hat, Merlin, jener französische Zauberer, der, wie man sagt, des Teufels Sohn war; ich aber glaube, daß er keineswegs der Sohn des Teufels war, jedoch so viel Wissen und Schlauheit besaß, daß er, wie man sagt, dem Teufel etwas vormachen konnte. Wie oder warum er uns verzaubert hat, keiner weiß es, aber es wird sich schon erweisen, wann die Zeit kommt, und die ist wohl nicht sehr weit. Was mich wundert, ist, daß ich so gewiß, wie es jetzo Tag ist, weiß, daß Durandarte seine Tage in meinen Armen endete und daß ich nach seinem Tode ihm sein Herz mit meinen eignen Händen ausschnitt; und wahrlich, es muß wohl zwei Pfund gewogen haben, denn nach Angabe der Naturkundigen ist, wer ein größeres Herz hat, mit größerer Tapferkeit begabt, als wer ein kleines hat. Da nun dem so ist und dieser Ritter wirklich gestorben ist, warum jammert und seufzt er jetzt dann und wann, als ob er am Leben wäre?‹

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so schrie der unglückselige Durandarte laut auf und sprach:

›Vetter Montesinos, diese
Letzte Bitte darf ich wagen:
Wenn ich nun im Tod erblichen
Und mein Herz hat ausgeschlagen,
Dann sollst du mit Messer oder
Dolch, und darfst mir's nicht versagen,
Aus der Brust das Herz mir schneiden
Und es zu Belerma tragen.‹

Als der ehrwürdige Montesinos dies hörte, warf er sich auf die Knie vor dem schmerzenreichen Durandarte und sprach mit Tränen in den Augen: ›Allbereits, Señor Durandarte, habe ich getan, was Ihr mir an dem bittern Tag unsres Verderbens aufgetragen; so gut ich es vermochte, schnitt ich Euch das Herz aus, ohne das allergeringste Stücklein davon in der Brust zu lassen; ich säuberte es mit einem Spitzentüchlein; ich ritt damit im gestreckten Galopp nach Frankreich, nachdem ich Euch zuvor in den Schoß der Erde bestattet mit so viel Tränen, daß sie hingereicht hätten, mir damit die Hände zu reinigen und das Blut abzuwaschen, das an ihnen haftete, weil ich Euch in den Eingeweiden wühlte; und zum weiteren Wahrzeichen sag ich Euch, bester Herzensvetter, am ersten besten Ort, wo ich hinkam, streute ich etwas Salz auf Euer Herz, damit es nicht übel röche und wenn nicht frisch, so doch wenigstens eingesalzen der Jungfrau Belerma vorgelegt werde, welche jetzt mit Euch und mir und mit Guadiana, Eurem Schildknappen, und mit der Kammerdame Ruidera und ihren sieben Töchtern und zwei Nichten und viel andern aus Euern Bekannten und Freunden von dem Zauberer Merlin sämtlich allhier verzaubert worden sind. Das ist nun schon viele Jahre, und wiewohl ihrer bereits über fünfhundert sind, ist noch keiner von uns allen gestorben. Nur fehlen uns Ruidera und ihre Töchter und Nichten, denn da sie immerzu weinten, hat Merlin aus Mitleid, das er mit ihnen fühlen mochte, sie in ebenso viele Seen verwandelt, und jetzt werden sie in der Welt der Lebendigen und insbesondere in der Provinz La Mancha die Seen der Ruidera genannt. Die sieben Töchter gehören den Königen von Spanien und die zwei Nichten den Rittern eines hochheiligen Ordens, der den Namen des heiligen Johannes trägt. Da Guadiana, Euer Schildknappe, gleichfalls Euer Unglück beweinte, so ward er in einen Fluß des Namens Guadiana verwandelt. Als er aber an die Oberfläche der Erde gelangte und die Sonne an dem weiten Himmel droben erblickte, empfand er so großen Schmerz darob, Euch verlassen zu haben, daß er sich in den Busen der Erde hinabstürzte; da es indessen unmöglich ist, dem natürlichen Drang und Laufe für immer zu widerstehn, bricht er dann und wann aus den Tiefen hervor und zeigt sich der Sonne und den Menschen. Auf seinen Wegen spenden ihm die besagten Seen reichlich von ihren Gewässern, mit denen er sodann sowie mit viel andern, die sich ihm vereinen, prachtvoll und mächtig in Portugal einzieht. Aber dessenungeachtet, und wo immer er strömt, zeigt er sich traurig und düster und rühmt sich nicht, in seinen Wassern leckere und gesuchte Fische zu nähren, sondern nur gemeine und unschmackhafte, sehr verschieden von denen des goldenen Tajo. Was ich Euch jetzt sage, o mein Vetter, habe ich Euch schon oftmalen gesaget, und da Ihr mir nicht antwortet, so vermeine ich, Ihr schenkt mir keinen Glauben oder hört mich nicht, und Gott weiß, welche Pein mir das bereitet. Eine Nachricht aber will ich Euch jetzo mitteilen, welche, so sie Eurem Schmerz auch keine Erleichterung gewähren sollte, ihn wenigstens in keinerlei Weise mehren wird. Wisset, hier habet Ihr ihn vor Euch stehn – öffnet die Augen, und Ihr werdet es erschauen! –, ihn, jenen großen Ritter, von dem der zauberkundige Merlin so vieles geweissagt hat, jenen Don Quijote meine ich, der aufs neue, und mit größerem Erfolg als in den vergangenen Zeitaltern, in dem jetzigen die vergessene fahrende Ritterschaft wiedererweckt hat und durch dessen Hilfe und Beistand es geschehen könnte, daß wir sämtlich entzaubert würden, denn große Taten sind großen Männern vorbehalten.‹

›Und wenn es nicht geschähe‹, antwortete der schmerzenreiche Durandarte mit schwacher tonloser Stimme, ›wenn es nicht geschähe, o mein Vetter, so sag ich: Geduld, und neue Karten geben.‹

Und indem er sich wieder auf die Seite legte, versank er aufs neue in sein gewohntes Schweigen und sprach kein Wort weiter.

In diesem Augenblick erscholl ein großes Heulen und Wehklagen, begleitet von markerschütterndem Ächzen und angstvollem Schluchzen. Ich wendete den Kopf und sah durch die kristallenen Wände hindurch in feierlichem Zuge zwei Reihen allerschönster Jungfrauen einen andern Saal entlang hinschreiten, alle in Trauer gekleidet, mit weißen Turbanen auf den Häuptern nach türkischer Art. Zuletzt kam hinter den Jungfrauen eine vornehme Dame daher – als eine solche erkannte man sie an ihrer ernsten Würde –, ebenfalls schwarz gekleidet, mit weißen Kopfbinden, so lang und tief herabhangend, daß sie den Boden küßten. Ihr Turban war zweimal so groß als der größte auf dem Haupte jedes andern Fräuleins; sie hatte zusammengewachsene Augenbrauen, die Nase war etwas stumpf, der Mund groß, aber die Lippen rot; wenn sie zuweilen ihre Zähne sehen ließ, bemerkte man, daß sie auseinanderstanden und nicht schön angewachsen waren, hingegen weiß glänzten wie geschälte Mandeln. In den Händen trug sie ein feines Linnentuch und darin, soviel man erspähen konnte, ein Herz, das aus einer Mumie genommen schien, so dürr und ausgetrocknet war es.

Montesinos sagte mir, all die Leute in dem Zuge seien Durandartes und Belermas Dienerschaft, die dort mitsamt ihrer Herrschaft verzaubert sei, und die letzte, die das Tuch mit dem Herzen in ihren Händen trage, sei Fräulein Belerma, die mit ihren Zofen viermal in der Woche diesen feierlichen Umzug abhalte, wobei sie über Durandartes Leiche und schmerzenreiches Herz Klagelieder sängen oder vielmehr weinten. Wenn sie mir aber einigermaßen häßlich vorgekommen sei oder doch nicht so schön, wie ihr Ruf sie schildere, so liege die Schuld an den traurigen Nächten und noch traurigeren Tagen, die sie in dieser Verzauberung verbringe, wie er dies an den breiten Ringen unter ihren Augen und an ihrer kränklichen Gesichtsfarbe sehen könne; denn ihre Blässe und ihre Augenringe hätten ihre Ursache nicht etwa in dem monatlichen Unwohlsein, das bei Frauen regelmäßig vorkomme – sintemal es schon viele Monde, ja selbst Jahre her sei, daß sie darunter nicht mehr zu leiden habe –, sondern in der Qual, die ihr Herz empfinde ob des Herzens, das sie unausgesetzt in ihren Händen halte und das ihr die traurigen Schicksale ihres vom Glück arg mißhandelten Anbeters stets erneue und ins Gedächtnis zurückrufe. Wenn das nicht wäre, so würde ihr an Schönheit, Lieblichkeit und Anmut kaum die hohe Dulcinea von Toboso gleichkommen, die in dieser ganzen Umgegend, ja in der ganzen Welt so gefeiert sei.

›Haltet ein! Señor Don Montesinos!‹ fiel ich ihm hier ins Wort; ›erzählt Eure Geschichte, wie sich's gebührt; denn Euer Gnaden weiß wohl, jeder Vergleich hinkt und ist widerwärtig, und daher soll man niemanden mit einem andern vergleichen. Die unvergleichliche Dulcinea ist, was sie ist, und das Fräulein Doña Belerma ist, was sie ist und gewesen ist, und dabei wollen wir es bewenden lassen.‹

Darauf antwortete er mir: ›Vergebt mir, Señor Don Quijote; ich gestehe, ich habe mich verfehlt und mich unschicklich ausgedrückt, als ich sagte, das Fräulein Dulcinea würde kaum dem Fräulein Belerma gleichkommen, sintemalen schon der Umstand, daß ich, ich weiß nicht durch welche Ahnungen, innegeworden, daß Euer Gnaden ihr Ritter ist, mir genügen sollte, um mir lieber die Zunge abzubeißen, als sie mit irgendwem, außer mit dem Himmel selbst, zu vergleichen.‹

Bei dieser Ehrenerklärung, die mir der erhabene Montesinos gab, erholte sich mein Gemüt von dem jähen Aufruhr, in den es geraten, als ich hörte, daß man meine Gebieterin mit Belerma verglich.«

»Und doch wundre ich mich«, sprach Sancho, »daß Euer Gnaden nicht über den alten Lümmel herfiel und ihm mit Fußtritten alle Knochen im Leibe zusammentrat und ihm den Bart bis aufs letzte Haar ausraufte.«

»Nein, Freund Sancho«, erwiderte Don Quijote, »es stand mir nicht wohl an, solches zu tun, denn wir sind alle verpflichtet, Greise zu ehren, auch wenn sie keine Ritter sind, insbesondere aber diejenigen, die es sind und sich im Zustande der Verzauberung befinden. Auch ist mir bewußt, daß wir bei gar viel andern Fragen und Antworten, deren wir unter uns beiden pflogen, einander nichts schuldig geblieben sind.«

Hier fiel der Vetter ein: »Ich weiß nicht, Señor Don Quijote, wie Euer Gnaden in so kurzer Zeit, als Ihr dort unten wart, so vieles sehen und so vieles reden und antworten konnte.«

»Wie lang ist es her, seit ich hinunterstieg?« fragte Don Quijote.

»Wenig mehr als eine Stunde«, antwortete Sancho.

»Das ist nicht möglich«, versetzte Don Quijote; »denn dort ward es mir Abend und dann Morgen und wurde wieder Abend und wieder Morgen, dreimal hintereinander, so daß ich nach meiner Berechnung drei Tage an jenen entfernten und unserm Auge verborgenen Orten geweilt habe.«

»Was mein Herr sagt, ist jedenfalls wahr«, sprach Sancho; »denn da alles, was sich mit ihm zugetragen, immer mittels Zauberei geschehen ist, so mag vielleicht, was uns eine Stunde deucht, dort als drei Tage nebst zugehörigen Nächten erscheinen.«

»So wird es wohl sein«, entgegnete Don Quijote.

»Und hat Euer Gnaden während dieser ganzen Zeit nichts gegessen?« fragte Sancho.

»Nicht mit einem Bissen habe ich mein Fasten gebrochen«, antwortete Don Quijote, »und ich habe auch nicht den geringsten Hunger gespürt.«

»Aber essen denn die Verzauberten?« fragte der Vetter.

»Sie essen nichts«, antwortete Don Quijote, »haben auch keine größeren Entleerungen; jedoch nimmt man allgemein an, daß ihnen Nägel, Bart und Haare wachsen.«

»Und schlafen etwa die Verzauberten, Señor?« fragte Sancho.

»Gewiß nicht«, antwortete Don Quijote, »wenigstens hat während der drei Tage, wo ich bei ihnen weilte, keiner ein Auge zugetan, und ich ebensowenig.«

»Hier«, sagte Sancho, »paßt das Sprichwort gut: Sag mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Euer Gnaden gehen mit verzauberten Leuten um, die da immer fasten und wach bleiben; nun bedenkt, ob es zu verwundern ist, daß Ihr nicht esset und nicht schlaft, solang Ihr mit ihnen umgeht. Aber verzeiht mir, Herre mein, wenn ich Euch sage, von allem, was Ihr eben erzählt habt, Gott soll mich holen« – er wollte eigentlich sagen: der Teufel –, »wenn ich Euch das geringste davon glaube.«

»Wieso nicht?« sagte der Vetter; »sollte Señor Don Quijote lügen? Und wenn er es auch wollte, so hat er doch gar keine Zeit gehabt, eine solche Million Lügen auszudenken und zu erdichten.«

»Ich wahrlich glaube nicht, daß mein Herr lügt«, sagte Sancho.

»Wenn nicht, was glaubst du denn?« fragte ihn Don Quijote.

»Ich glaube«; antwortete Sancho, »jener Merlin oder jene Zauberer, die die ganze Rotte verzaubert haben, die Ihr dort unten gesehen und gesprochen haben wollt, die haben Euch die ganze Geschichte und alles, was Ihr noch weiter zu erzählen habt, in die Pfann-da-sieh oder in den Kopf gesetzt.«

»Das alles wäre möglich, Sancho«, entgegnete Don Quijote; »aber es verhält sich nicht so, denn was ich erzählt, das sah ich mit meinen eignen Augen, das könnt ich mit Händen greifen. Aber was wirst du dazu sagen, wenn ich dir jetzt dies mitteile: Unter zahllosen andern Seltsamkeiten und Wundern, die mich Montesinos sehen ließ – ich werde sie dir seiner Zeit mit Muße, eins nach dem andern, im Verlauf unsrer Reise erzählen, da sie nicht alle hierhergehören –, zeigte er mir auch drei Bäuerinnen, die auf jenen allerlieb liebsten Gefilden umhersprangen und –hüpften wie die Ziegen; und kaum hatte ich sie erblickt, so erkannte ich in der einen die unvergleichliche Dulcinea von Toboso und in den zwei andern jene nämlichen Bauernmädchen, ihre Begleiterinnen, mit denen wir vor der Stadt Toboso Zwiesprach hielten. Ich fragte Montesinos, ob er sie kenne; er antwortete mit Nein; er glaube, es müßten irgendwelche verzauberte vornehme Damen sein, die erst vor wenigen Tagen auf diesen grünen Fluren aufgetaucht seien, und ich solle mich darüber nicht wundern, denn es befänden sich dort noch viele andre Damen aus vergangener und gegenwärtiger Zeit, sämtlich in mancherlei Gestalten verhext, und unter diesen habe er die Königin Ginevra erkannt und ihre Kammerfrau Quintanona, die Lanzelot den Wein kredenzte,

Als er aus Britannien kam.«

Als Sancho Pansa seinen Herrn so reden hörte, meinte er schier den Verstand zu verlieren oder sich totzulachen; denn da er wußte, was Wahres an der vorgeblichen Verzauberung Dulcineas war, bei der er der Zauberer und Zeuge gewesen, war es ihm nun völlig außer Zweifel, sein Herr sei nicht bei Sinnen, ja ganz und gar verrückt, und daher sagte er zu ihm: »Unselig war der Anlaß, unseliger noch die Stunde, ja ein Tag des Unheils war es, wo Ihr, mein teurer Schirmherr, zu jener andern Welt hinabgestiegen, und unglücklich war der Augenblick, wo Ihr dem Señor Montesinos begegnet seid, der Euch in solchem Zustand zu uns zurückgesendet. Ihr befandet Euch so wohl hier oben, wart bei vollem Verstande, wie Gott ihn Euch verliehen hatte; jeden Augenblick redetet Ihr weise Sprüche und erteiltet guten Rat und erzähltet nicht wie jetzt die ärgsten Ungereimtheiten, die man sich erdenken kann.«

»Sintemal ich dich kenne, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »berühren mich deine Worte nicht.«

»Mich ebensowenig Euer Gnaden Worte«, gab Sancho zurück, »mögt Ihr mich nun wundschlagen oder gar umbringen für das, was ich gesagt habe und was ich noch sagen werde, wenn Ihr Euch in Eurem Reden nicht ändert und nicht bessert. Aber jetzt, wo wir noch gut miteinander sind, sagt mir doch: wie oder woran habt Ihr unser gnädig Fräulein erkannt? Und falls Ihr mit ihr gesprochen, was habt Ihr ihr gesagt, und was hat sie Euch geantwortet?«

»Ich habe sie daran erkannt«, antwortete Don Quijote, »daß sie die nämlichen Kleider trug wie damals, wo du sie mir zeigtest. Ich redete sie an, aber sie antwortete mir nicht eine Silbe, sondern wandte mir den Rücken und floh mit solcher Geschwindigkeit davon, daß kein Pfeil sie erreicht hätte. Ich wollte ihr nacheilen und hätte es auch getan, wenn mir nicht Montesinos geraten hätte, ich solle mir damit keine Mühe machen, weil es vergebens sein würde, und insbesondere weil die Stunde herannahe, wo mir gezieme, den Abgrund wieder zu verlassen. Imgleichen sagte er mir, mit der Zeit würde er mir Nachricht geben, auf welche Art er und Belerma und Durandarte nebst allen, so dort weilen, zu entzaubern seien. Aber unter allem Jammer, den ich dort erschaute und mir merkte, jammerte mich's am meisten, daß gerade, während Montesinos so mit mir sprach, eine der beiden Gefährtinnen der glückverlassenen Dulcinea sich mir von der Seite her näherte, ohne daß ich sie kommen sah, und, die Augen voll Tränen, mit leisem, scheuem Ton zu mir sprach: ›Mein Fräulein Dulcinea von Toboso küßt Euer Gnaden die Hände und fleht zu Euer Gnaden, ihr die Gnade zu erweisen und sie wissen zu lassen, wie Ihr Euch befindet, und ferner, sintemal sie sich eben in einer großen Not befindet, fleht sie zu Euer Gnaden so inständig, als sie vermag, Ihr möchtet geruhen, ihr auf diesen neuen baumwollenen Unterrock hier ein halb Dutzend Realen, oder so viele deren Euer Gnaden bei sich haben, zu leihen, und sie gibt ihr Wort darauf, selbige Euch in aller Kürze zurückzuerstatten.‹

In Staunen und Verwunderung setzte mich diese Botschaft; ich wandte mich zu Señor Montesinos und fragte ihn: ›Ist's möglich, Señor Montesinos, daß Verzauberte von vornehmem Stande Not leiden?‹

Darauf antwortete er mir: ›Glaubet mir, Señor Don Quijote von der Mancha, was man Not benennet, ist an jedem Ort zu Hause, erstreckt sich auf alle Lande und ergreift alle Menschen und verschont selbst nicht die Verzauberten. Und sintemalen das Fräulein Dulcinea von Toboso um die sechs Realen bitten läßt und das Pfand dem Anscheine nach gut ist, so könnt Ihr nicht umhin, sie ihr zu verabreichen, denn sie muß ohne Zweifel in große Bedrängnis geraten sein.‹

›Ein Pfand kann ich nicht nehmen‹, erwiderte ich ihm, ›aber ebensowenig ihr geben, was sie erbittet; denn ich besitze nur vier Realen.‹

Diese gab ich ihr; es waren dieselben, die du, Sancho, mir jüngst behändigt hattest, um den Armen, die mir begegnen könnten, Almosen zu spenden. Und ich sprach zu ihr: ›Saget, Freundin mein, Eurer Gebieterin, daß ihre Drangsale mir in der Seele weh tun und daß ich ein Fugger sein möchte, um ihnen abzuhelfen; ferner laß ich ihr sagen, daß ich mich nicht Wohlbefinden kann und darf, wenn ich ihrer liebreizenden Gegenwart und hochverständigen Unterhaltung entbehre, und daß ich, so inständig ich es vermag, zu ihr flehe, Ihro Gnaden möchte geruhen, diesem ihrem in Liebe gefesselten Diener und in der Irre wandernden Ritter ihren Anblick und ihre Ansprache zu vergönnen. Saget ihr des ferneren, sie werde, ehe sie sich dessen versieht, vernehmen, daß ich einen Eid und ein Gelöbnis getan, nach Art dessen, so der Markgraf von Mantua geschworen, um seinen Neffen Baldovinos zu rächen, als er ihn inmitten des Gebirges sterbend fand – nämlich daß er an keinem gedeckten Tisch mehr essen wolle, benebst diesem und jenem, was er noch beifügte, bis daß er ihn würde gerächt haben. Und so will ich einen Eid tun, nicht zu ruhen und zu rasten und alle sieben Erdstriche zu durchziehen, mit noch größerer Sorgfalt und Achtsamkeit als der Prinz Dom Pedro von Portugal, bis ich sie entzaubert habe.‹

›Alles das und noch mehr ist Euer Gnaden meiner Herrin schuldig‹, antwortete mir das Fräulein.

Sie nahm die vier Realen, und anstatt mir eine Verbeugung zu machen, machte sie einen Bocksprung, zwei Ellen hoch in die Luft.«

»O heiliger Gott!« rief hier Sancho laut aufschreiend; »ist's möglich, daß so was in der Welt vorkommt und daß in der Welt die Zauberer und Zaubereien solche Macht haben, daß sie den gesunden Verstand meines Herrn in so unsinnige Verrücktheit verwandeln? O Señor, Señor, um Gottes willen, habt acht auf Euch selber und haltet Eure Ehre in guter Hut und glaubt doch nicht länger an das hohle Zeug, das Euch den Kopf geschädigt und zugrunde gerichtet hat!«

»Du sprichst so, weil du mich liebst, Sancho«, sagte Don Quijote. »Und da du in den Dingen dieser Welt keine Erfahrung hast, scheint dir alles unmöglich, was nur mit einiger Schwierigkeit zu begreifen ist. Aber mit der Zeit, das hab ich dir bereits gesagt, will ich dir von dem vielen, was ich dort unten gesehen, einiges von solcher Art erzählen, daß du sofort alles bereits Erzählte glauben wirst, da dessen Wahrheit weder Einwand noch Widerspruch gestattet.«

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