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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 21
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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20. Kapitel

Worin die Hochzeit Camachos des Reichen erzählt wird, nebst den Begebnissen mit Basilio dem Armen

Kaum hatte die silberweiße Aurora dem leuchtenden Phöbus verstattet, mit der Glut seiner brennenden Strahlen die feuchten Perlen ihres goldenen Haares zu trocknen, als Don Quijote, die Trägheit von seinen Gliedern abschüttelnd, sich erhob und seinen Schildknappen Sancho rief, der noch schnarchte. Als Don Quijote ihn so liegen sah, sprach er zu ihm, bevor er ihn weckte: »O du Glückseliger vor allen, die auf der Erdenflur leben! Denn ohne Neid zu hegen oder beneidet zu werden, schlummerst du mit ruhigem Gemüte; nicht verfolgen dich Zauberer, nicht schrecken dich Zauberkünste. Schlummere, sag ich noch einmal und werd es noch hundertmal sagen, da keine Eifersucht auf deine Gebieterin dich in steter Nachtwache hält, da dir nicht der Schlaf verscheucht wird durch Sorgen, wie du fällige Schulden zahlen oder was du tun sollst, um auf den nächsten Tag Brot für dich und deine bedrängte kleine Familie zu schaffen. Weder quält dich Ehrgeiz, noch bekümmert dich der eitle Prunk der Welt; die Grenzen deiner Wünsche erstrecken sich nicht weiter als auf die Sorge für deinen Esel, denn die für deine Person hast du auf meine Schultern geladen, eine Last und Bürde, welche Natur und Herkommen den Herren auferlegt. Es schlummert der Diener, und der Herr wacht und sinnet nach, wie er ihn nähren, ihm voranhelfen und Wohltaten erweisen mag. Der Kummer, zu sehen, daß der Himmel ehern wird und der Erde nicht mit dem erforderlichen Naß zu Hilfe kommt, drückt den Diener nicht, sondern den Herrn, der bei Mißwachs und Hungersnot den Mann ernähren muß, der ihm gedient zur Zeit der Fruchtbarkeit und Fülle.«

Auf all das gab Sancho keine Antwort, denn er schlief und wäre nicht so bald aufgewacht, wenn Don Quijote ihn nicht mit dem Schaft seines Speers zum Bewußtsein gebracht hätte. Endlich wachte er auf, noch schlaftrunken und träge, wandte den Kopf nach allen Seiten und sprach: »Dort aus der Laube, wenn ich mich nicht irre, kommt ein Dunst und Geruch, weit eher von gerösteten Speckschnitten als von Heu und Thymian. Bei einer Hochzeit, die mit solchen Gerüchen anfängt, heilig Kreuzdonnerwetter! muß alles überreich und verschwenderisch hergehen.«

»Hör auf, Vielfraß«, sagte Don Quijote. »Komm, wir wollen uns diese Heirat mit ansehen, damit wir erfahren, was der verschmähte Basilio anfangen wird.«

»Mag er doch anfangen, was er will«, entgegnete Sancho; »er sollte eben nicht arm sein! Sonst könnte er Quitéria heiraten. Was, braucht man weiter nichts, als keinen Pfennig in der Tasche zu haben, und dann beim Heiraten über die Wolken hinauswollen? Wahrlich, Señor, ich bin der Meinung, der Arme soll mit dem zufrieden sein, was er findet, nicht aber Trüffeln aus dem Meer heraufgraben wollen. Ich will meine zehn Finger wetten, der Camacho kann den Basilio mit lauter Realen zudecken, und wenn dem so ist – und es muß doch so sein –, so wäre die Quitéria eine große Närrin, wollte sie all den Staat und die Schätze wegwerfen, die ihr Camacho sicher schon geschenkt hat und noch schenken kann, um dafür das Stangenwerfen und Kunstfechten des Basilio einzutauschen. Für einen guten Wurf mit der Eisenstange und für die schönste Finte mit dem Rapier gibt man keinen Schoppen Wein im Wirtshaus. Das sind Geschicklichkeiten und Talente, die unverkäuflich sind, und mag sie auch der Graf Dirlos besitzen; aber wenn derlei Talente von oben herab auf einen fallen, der brav Geld hat, da möcht ich ein Leben führen, so glänzend, wie dann diese Talente glänzen! Auf einem guten Boden kann man einen guten Bau aufführen, und der beste Boden und Baugrund auf Erden ist das Geld.«

»Um Gottes willen, Sancho«, fiel hier Don Quijote ein, »hör auf, ich glaube, wenn man dich die Predigten, die du jeden Augenblick anfängst, immer weiterfort halten ließe, würde dir keine Zeit bleiben zum Essen und zum Schlafen; du würdest sie ganz und gar verschwätzen.«

»Wenn Euer Gnaden ein gut Gedächtnis hätte«, entgegnete Sancho, »würdet Ihr Euch der verschiedenen Punkte in unsrem Übereinkommen erinnern, bevor wir dies letzte Mal von Hause zogen; von denen war einer, daß Ihr mich schwatzen lassen müßtet, soviel ich nur Lust hätte, sofern es nichts gegen den Nächsten wäre und nichts gegen die Euch schuldige Ehrerbietung, und bis jetzt meine ich nicht gegen diesen Punkt verfehlt zu haben.«

»Ich erinnere mich nicht eines solchen Artikels, Sancho«, sprach Don Quijote dagegen, »und falls dem auch so wäre, so will ich jetzt, du sollst schweigen und mitkommen; denn bereits beginnen die Instrumente, die wir gestern abend vernommen haben, das Tal wiederum zu erheitern, und ohne Zweifel wird die Vermählung in der Kühle des Morgens und nicht in der Hitze des Nachmittags gefeiert werden.«

Sancho tat, wie sein Herr ihm gebot, legte Rosinanten und seinem Esel den Sattel auf, und beide bestiegen ihre Tiere und ritten Schritt für Schritt dem Laubdach zu. Das erste, was sich Sanchos Blicken zeigte, war ein ganzer Ochse, der an einem Bratspieß aus einem ganzen Rüsterstamme steckte, und im Feuer, wo er gebraten werden sollte, lag ein wahrer Berg von Holz; die sechs Töpfe, die rings um die Glut herumstanden, waren nicht von der gewöhnlichen Form wie sonst wohl Töpfe, denn es waren sechs halbe Stückfässer, in deren jedes ein Metzgerladen voll Fleisch hineinging und welche ganze Hammel einschluckten und in ihrem Schoß bargen, ohne daß man sie von außen sehen konnte, gerade als wären es nur Täubchen. Abgebalgte Hasen und gerupfte Hühner hingen in wahren Mengen ringsum an den Bäumen, um alsbald in den Töpfen zu verschwinden; Geflügel und Wild aller Art war in unendlicher Menge da und hing an den Bäumen, um in der Luft abgekühlt zu werden. Sancho zählte mehr als sechzig Schläuche, jeden von mehr als zwanzig Maß, und alle, wie sich nachher zeigte, mit den edelsten Weinen gefüllt; so waren auch Massen weißesten Brotes aufgeschichtet, wie man auf den Tennen den Weizen in hohen Haufen liegen sieht. Die Käse, gitterförmig übereinandergelegt wie Backsteine, bildeten eine Mauer, und zwei Kessel mit Öl, größer als die in einer Färberei, dienten dazu, das Backwerk zu bereiten, welches man sodann wohlausgebacken mit zwei mächtigen Schaufeln herauslangte und in einen nebenan stehenden Kessel mit zerlassenem Honig tauchte. Die Zahl der Köche und Köchinnen überstieg die fünfzig, alle sauber angezogen, alle geschäftig und alle vergnügt. In dem weiten Bauch des Ochsen steckten eingenäht zwölf zarte Ferkel, um ihn schmackhafter und zarter zu machen. Die Gewürze aller Art schien man nicht pfund-, sondern zentnerweise gekauft zu haben; sie lagen sämtlich vor aller Augen da in einem großen Kasten. Kurz, die Zurüstungen zur Hochzeit waren zwar nach Bauernart, aber in solcher Fülle, daß man ein Kriegsheer damit hätte sättigen können.

Sancho sah sich alles an, betrachtete alles und hatte an allem sein Wohlgefallen. Zuerst ward seine Begierde von den Töpfen gefangengenommen und gefesselt, und er hätte sich aus ihnen gar zu gern ein gehöriges Frühstück geholt; gleich darauf gewannen die Schläuche seine Zuneigung und zuletzt das Backwerk in den Pfannen, wenn man solch prunkhafte Kessel als Pfannen bezeichnen darf; und da er es nicht länger aushalten konnte und es nicht in seiner Macht war, anders zu handeln, näherte er sich einem der geschäftigen Köche und bat ihn mit höflichen und hungrigen Worten, er möchte ihn einen Brocken Brot in einen dieser Töpfe eintunken lassen.

Darauf antwortete der Koch: »Mein Lieber, dank dem reichen Camacho ist dieser Tag keiner von denen, an denen der Hunger das Wort hat; steigt ab und seht zu, ob sich hierherum ein Suppenlöffel findet, und schöpft Euch ein oder zwei Hühner ab, und wohl bekomm's Euch.«

»Ich sehe keinen«, erwiderte Sancho.

»Wartet einmal«, sagte der Koch. »Gott verzeih mir meine Sünden, wie zimperlich und ungeschickt seid Ihr doch!«

Mit diesen Worten ergriff er einen Schöpfeimer, fuhr damit in eines von den halben Stückfässern hinein, holte in dem Eimer drei Hühner und zwei Gänse heraus und sprach zu Sancho: »Esset, Freund, und vertreibt Euch den ersten Hunger mit diesem Abhub, bis die Essensstunde kommt.«

»Ich habe aber nichts, wo ich es hineintun kann«, entgegnete Sancho.

»So nehmt den Schöpfeimer und alles mit«, sagte der Koch; »Camachos Reichtum und Vergnügen am Bewirten gestatten alles.«

Während sich dies mit Sancho zutrug, schaute Don Quijote aufmerksam zu, wie zur einen Seite des Laubenganges gegen zwölf Bauern hereinritten auf wunderschönen Gäulen mit reichem prachtvollem Zaumzeug und einer Menge Schellen am Brustriemen; alle zwölf in festlich heiterer Tracht galoppierten in guter Ordnung, nicht nur einmal, sondern mehrmals über die Wiese unter freudigem Gejauchze und Geschrei und mit dem Ruf: »Es lebe Camacho und Quitéria, er so reich wie sie schön, und sie die Allerschönste auf Erden!«

Als Don Quijote das hörte, sprach er für sich: »Wohl sieht man, daß diese Leute meine Dulcinea von Toboso nicht gesehen haben, denn sonst würden sie ihre Lobreden auf diese ihre Quitéria wohl etwas mäßigen.«

Gleich darauf zogen zu verschiedenen Seiten der Laube viele und mannigfache Tanzgruppen herein; darunter war ein Schwertertanz von vierundzwanzig jungen Burschen, stattlichen und munteren Aussehens, sämtlich in feines und glänzend weißes Linnen gekleidet, mit passenden Kopftüchern, die mannigfarbige Stickereien aus feiner Seide zeigten. Ihren Führer, einen gewandten Jüngling, fragte einer der berittenen Bauern, ob sich etwa einer von den Tänzern verwundet habe.

»Bis jetzt hat sich Gott sei Dank keiner verwundet. Wir sind alle frisch und gesund.«

Und sogleich begann er sich mit seinen Genossen in den Verschlingungen der Tanzfiguren zu drehen mit so viel Wendungen und so vieler Gewandtheit, daß Don Quijote, wiewohl er des Anblicks von derlei Tänzen gewohnt war, keinen je so reizend gefunden hatte wie diesen. Desgleichen gefiel ihm eine andre Tanzgruppe, die jetzt hereinkam, bestehend aus schönen jungen Mägdelein, deren keine dem Anscheine nach unter vierzehn und über achtzehn Jahre alt war; sie waren alle in grünes Tuch von Cuenca gekleidet; ihr Haar, zum Teil geflochten, zum Teil frei fliegend, war bei allen so goldblond, daß es mit dem des Sonnengottes wetteifern konnte, und sie trugen es bekränzt mit Jasmin, Rosen, Amarant und Geißblatt. Ihre Führer waren ein ehrwürdiger Alter und eine Greisin, beide jedoch weit behender und leichtfüßiger, als ihre Jahre erwarten ließen. Ein zamoranischer Dudelsack spielte ihnen auf, und sie, in Gesicht und Augen Sittsamkeit, in den Füßen leichteste Gewandtheit zeigend, bewährten sich als die besten Tänzerinnen auf der Welt.

Nach diesem kam ein Figurentanz, einer von jener Art, die man redende Tänze nennt. Er wurde ausgeführt von acht Nymphen, die in zwei Reihen aufgestellt waren; Führer der einen Reihe war der Gott Kupido und der andern Reihe der Reichtum, jener geschmückt mit Flügeln, Bogen, Köcher und Pfeilen, dieser gekleidet in Gold und Seide von reichen und mannigfachen Farben. Die Nymphen, die dem Amor folgten, trugen ihre Namen am Rücken mit großen Buchstaben auf weißes Pergament geschrieben; Poesie hieß die erste, Klugheit die zweite, edle Abkunft die dritte, Tapferkeit die vierte. Auf dieselbe Weise waren die bezeichnet, die dem Reichtum folgten; Freigebigkeit lautete der Name der ersten, Geschenk der zweiten, Schatz der dritten, der der vierten friedlicher Besitz. Vor ihnen allen her kam eine Burg aus Holz, welche vier wilde Männer zogen, ganz in Efeu und grüngefärbtes Segeltuch gekleidet und so natürlich aussehend, daß sie Sancho beinahe in Schrecken gesetzt hätten. Vorn an der Burg und auf ihren vier Seiten stand geschrieben: Burg der züchtigen Wachsamkeit. Den Nymphen wurde von vier geschickten Tamburinschlägern und Flötenbläsern aufgespielt.

Kupido eröffnete den Tanz, und nachdem er zwei Figuren getanzt, blickte er auf, spannte den Bogen gegen eine Jungfrau, die zwischen die Zinnen der Burg trat, und sprach also zu ihr:

Ich, der Gott, der hoch in Lüften
Waltet wie in Erdentalen,
In des Meeres Wogengrüften,
Und wo, fern den Sonnenstrahlen,
Jammer herrscht in Abgrunds Klüften:
Nimmer bang ich, nimmer zag ich;
Alles, was ich will, vermag ich,
Ob auch, was ich will, unmöglich;
Alles, was auf Erden möglich,
Geb und nehm, gewähr, versag ich.

Die Strophe war zu Ende gesungen, Amor schoß einen Pfeil nach der Zinne der Burg und zog sich an seinen Platz zurück. Sogleich trat der Reichtum hervor und tanzte ebenfalls zwei Figuren; die Tamburine schwiegen, und er sprach:

Ich bin's, dem selbst Amor weicht,
Der doch muß mein Führer werden;
Meinen Glanz hat nie erreicht,
Was der Himmel schafft auf Erden,
Da mir nichts an Reizen gleicht.
Reichtum heiß ich, meinetwegen
Geht die Welt auf schlechten Wegen;
Ohne mich will keiner leben.
Doch so, wie ich bin, ergeben,
Weih ich gern dir ewgen Segen.

Der Reichtum zog sich zurück, und nun trat die Poesie vor, die, nachdem sie ihre Figuren getanzt wie die andern, die Augen auf die Jungfrau der Burg heftete und sprach:

Hier in Reimen, zierlich netten,
Wild und milden, heißen, linden,
Weiß die Dichtkunst zu verketten
All ihr Denken und Empfinden,
Sendet dir's in viel Sonetten.
Wirst du dich nicht spröd erweisen
Meiner Werbung, wird man preisen
Dein Geschick; trotz Neides Toben
Sieht es sich durch mich erhoben
Ob des Mondes hohen Kreisen.

Die Poesie trat ab, und aus der Gruppe des Reichtums trat die Freigebigkeit hervor, tanzte ihre Figuren und sprach:

Geben ist Freigebigkeit,
Wenn sich's hält in rechter Mitte,
Von Verschwendung stets so weit
Wie von Geiz, der schnöden Sitte,
Der ein kaltes Herz sich weiht.
Doch dich preisend zu erheben,
Will ich der Verschwendung leben;
Ist's ein Laster, ist's doch Güte,
Zeugt von liebendem Gemüte,
Das man stets erkennt am Geben.

So traten alle Personen beider Gruppen auf und wieder ab; eine jede tanzte ihre Figuren und sprach ihre Verse, deren einige voll freier Wendungen, andre possierlich waren, von welchen aber Don Quijote in seinem Gedächtnis – obwohl dieses sehr gut war – nur die hier mitgeteilten behielt.

Alle Tänzer mischten sich nun untereinander, bildeten Verschlingungen und lösten sie wieder mit reizender Anmut und edler Unbefangenheit, und sooft Amor an der Burg vorüberkam, schoß er seine Pfeile hinauf, der Reichtum aber zerschlug an ihr vergoldete Sparbüchsen. Endlich, nachdem er eine geraume Weile getanzt hatte, zog der Reichtum einen mächtigen Beutel hervor, der aus dem Fell einer großen römischen Katze geschnitten war und mit Geld gefüllt schien, schleuderte ihn gegen die Burg, und durch den heftigen Wurf gingen die Holztafeln der Wände aus den Fugen und fielen zu Boden und ließen die Jungfrau ungedeckt und schutzlos. Der Reichtum eilte mit seinem ganzen Anhang herbei; sie warfen ihr eine lange goldene Kette um den Hals, und es sah aus, als ob sie sie ergriffen, überwältigten und gefangennähmen. Wie Amor und seine Helfer das sahen, machten sie Miene, als wollten sie die Jungfrau ihnen wieder entreißen. Alle Einzelheiten der ganzen Darstellung waren vom Schall der Tamburine, von dazu passenden Bewegungen und Tänzen begleitet. Die wilden Männer stifteten Frieden zwischen den Parteien, schlugen rasch die Bretterwände wieder auf und fügten sie zusammen, und die Jungfrau schloß sich wie von Anfang in die Burg ein. Damit endete der Tanz, zum großen Vergnügen der Zuschauer.

Don Quijote fragte eine der Nymphen, wer das Ballett entworfen und einstudiert habe. Sie antwortete, ein Meßpfründner im Dorfe hier, der in solchen Dingen sehr geschickt sei.

»Ich möchte wetten«, sprach Don Quijote, »der besagte Meßpfründner oder Baccalaureus wird besser freund mit Camacho als mit Basilio sein und sich besser auf Satire als auf Messelesen verstehen. Sehr gut hat er im Ballett Basilios Geistesgaben und Camachos Reichtum angebracht.«

Sancho Pansa, der dies mit anhörte, sagte: »Wes Brot ich eß, des Lied ich sing. Ich halte es mit Camacho.«

»Alles in allem«, entgegnete Don Quijote, »sieht man wohl, daß du eben ein Bauer bist und zu den Leuten gehörst, die sagen: Hoch der Sieger!«

»Ich weiß nicht, zu welchen Leuten ich gehöre«, entgegnete Sancho; »aber das weiß ich, daß ich aus Basilios Töpfen niemals einen so herrlichen Abhub schöpfen werde wie aus denen Camachos.«

Und hiermit zeigte er ihm den Schöpfeimer voller Gänse und Hühner, griff nach einem Huhn, begann in bester Laune und mit großem Appetit zu essen und sagte: »Mir schmeckt's, trotz Basilios Talenten! Denn soviel einer hat, soviel ist einer wert, und es ist einer so viel wert, als er hat. Nur zweierlei Familienstämme gibt es auf der Welt, wie meine Großmutter sagte, das Hab-ich und das Hätt-ich, sie aber hielt es ganz allein mit dem Hab-ich. Heutigentags, mein verehrter Señor Don Quijote, fragt man: ›Wessen ist die Habe?‹ und nicht: ›Wessen ist die Geistesgabe?‹ Besitz gilt mehr als Witz, und ein Esel, mit Gold beladen, nimmt sich besser aus als ein Pferd mit einem Eselssattel. Und so sag ich nochmals: Ich halte es mit Camacho, denn aus seinen Töpfen hat man als reichlichen Abhub Gänse und Hühner, Hasen und Kaninchen, und aus Basilios Töpfen bekommt man höchstens, vielleicht auch tiefstens, nur Wassersuppe.«

»Bist du mit deiner Predigt fertig, Sancho?« sprach Don Quijote.

»Ich muß wohl damit fertig sein«, antwortete Sancho, »denn ich sehe, daß sie Euer Gnaden verdrießt; andernfalls fände ich noch für drei Tage Arbeit zugeschnitten.«

»Gott gebe«, erwiderte Don Quijote, »daß ich dich einmal stumm sehe, bevor ich sterbe.«

»Bei der Art Leben, das wir führen«, entgegnete Sancho, »werde ich lang vor Euer Gnaden Ableben Staub fressen, und dann bin ich wahrscheinlich so stumm, daß ich kein Wort mehr spreche bis ans Ende der Welt oder wenigstens bis zum Tage des Jüngsten Gerichts.«

»O Sancho«, versetzte Don Quijote, »auch dann wird doch deines Stillschweigens nie so viel werden, als was du geschwatzt hast, schwätzest und in deinem Leben noch schwätzen wirst, zumal es durchaus in der natürlichen Ordnung der Dinge liegt, daß der Tag meines Todes eher kommt als der des deinigen. Und sonach glaub ich, nimmer werde ich dich stumm sehen, nicht einmal, wenn du beim Trinken oder Schlafen bist – und das sagt alles.«

»Wahrlich, Señor«, gab Sancho darauf zur Antwort, »dem dürren Gerippe, ich meine dem Tod, ist nicht zu trauen; er frißt das Lamm wie den Hammel, und ich hab unsern Pfarrer sagen hören, er tritt mit gleichem Fuß in die hohen Burgen der Könige wie in die niederen Hütten der Armen. Dieser große Herr ist weit gewalttätiger als wählerisch; vor nichts ekelt es ihm, von allem frißt er, und alles ist ihm recht, und mit Leuten von jeder Art, jeglichem Lebensalter, jedem Rang und Stand füllt er seinen Zwerchsack. Er ist kein Schnitter, der sein Mittagsschläfchen hält; zu jeder Stunde mäht und schneidet er, dürres wie frisches Kraut, und er verschlingt und schluckt alles ungekaut hinunter, was ihm vorgesetzt wird, denn er hat einen Wolfshunger, der nie zu sättigen ist; und obschon er keinen Wanst hat, so ist's doch, als hätte er die Wassersucht und als dürste ihn nach dem Leben aller Lebenden, wie einer einen Krug frisches Wasser hinuntertrinkt.«

»Nicht weiter, Sancho«, fiel Don Quijote hier ein; »bleib fest im Sattel und fall nicht herunter; denn wahrlich, was du in deiner Bauernsprache über den Tod gesagt hast, das hätte auch ein guter Prediger sagen können. Ich sage dir, Sancho, wenn du soviel Bildung hättest wie gute Anlagen, könntest du auf eine Kanzel steigen und weit in der Welt herum allerhand Schönes predigen.«

»Wer brav ist im Leben, der predigt auch brav«, entgegnete Sancho; »weiter weiß ich halt nichts von der Tologie.«

»Du brauchst auch nichts weiter«, sprach Don Quijote. »Aber da doch Gottesfurcht aller Weisheit Anfang ist, so kann ich wirklich nicht verstehn und begreifen, wie du, der sich vor einer Eidechse mehr fürchtet als vor dem lieben Gott, so mancherlei Weisheit in dich aufgenommen hast.«

»Gnädiger Herr, bekümmert Euch um Euer Ritterwesen«, versetzte Sancho, »und nicht um anderer Leute Furcht und Mut; ich fürchte Gott ganz so gebührlich wie jeder Bauernbursche im Dorf. Jetzt aber laßt mich mit diesem Abhub fertigwerden, denn alles andre sind müßige Worte, über die man dereinst im andern Leben Rechenschaft von uns fordern wird.«

Und mit diesen Worten begann er einen neuen Angriff auf seinen Schöpfeimer und tat das mit so mächtiger Eßlust, daß er derengleichen in Don Quijote erweckte, und dieser würde ihm ohne Zweifel geholfen haben, wenn ihn daran nicht ein Umstand gehindert hätte, der notwendigerweise nachher berichtet werden muß.

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