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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 18
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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17. Kapitel

Wo der höchste Punkt und Gipfel geschildert wird, allwohin Don Quijotes unerhörter Heldenmut sich verstieg und sich versteigen konnte; benebst dem glücklich bestandenen Abenteuer mit dem Löwen

Es erzählt die Geschichte, daß Sancho, als Don Quijote ihm zurief, er solle den Helm bringen, gerade dabei war, den Hirten etliche Laibe Rahmkäse abzukaufen. Wegen der großen Eile seines Herrn wußte er nicht, was er mit ihnen anfangen noch worin er sie mitnehmen sollte; und um den bereits bezahlten Käse nicht zu verlieren, kam er auf den Gedanken, ihn in den Helm seines Herrn zu schütten, und mit diesem trefflichen Proviant wandte er sich zu seinem Herrn, um zu hören, was er von ihm wolle. Als er sich näherte, sprach Don Quijote zu ihm: »Gib mir den Helm, Freund, denn ich verstehe entweder wenig von Abenteuern, oder was ich dort erspähe, ist ein solches, das mich nötigen wird, ja mich sofort nötigt, zu den Waffen zu greifen.«

Der Grünmantel, der dies hörte, wendete seine Augen nach allen Seiten, konnte aber nichts andres entdecken als einen Karren, der ihnen entgegenkam und mit ein paar Fähnchen verziert war, aus denen er schloß, daß besagter Karren Geld für Seine Majestät führen müsse, und dieses sagte er auch zu Don Quijote. Der aber schenkte ihm keinen Glauben, da er stets überzeugt war, alles, was ihm begegne, sei ein Abenteuer und immer wieder ein Abenteuer. Daher antwortete er dem Junker: »Gute Vorbereitung ist schon halber Sieg. Es kann nichts schaden, wenn ich mich rüste, denn ich weiß aus Erfahrung, daß ich sichtbare und unsichtbare Feinde habe, und ich weiß nicht, wann oder wo oder zu welcher Zeit oder in welcherlei Gestalten sie mich angreifen werden.«

Und sich zu Sancho wendend, forderte er seinen Helm, und da Sancho keine Möglichkeit sah, den Rahmkäse herauszunehmen, mußte er ihm notgedrungen den Helm reichen, so wie er war. Don Quijote nahm ihn, und ohne zu bemerken, was darin lag, stülpte er ihn eiligst über den Kopf; und da der Käse hierbei zusammengedrückt und gequetscht wurde, so begann der Quark dem Ritter über Gesicht und Bart zu fließen, worüber er so erschrak, daß er zu Sancho sagte: »Was mag das sein, Sancho? Es kommt mir vor, als wenn mein Hirn sich erweichen und meine Sinne zerschmelzen wollten oder als wenn ich von Kopf zu Füßen in Schweiß wäre. Und sollte ich wirklich schwitzen, so geschieht es wahrlich nicht aus Furcht; allerdings glaube ich, das Abenteuer, das mir jetzt bevorsteht, ist ein erschreckliches. Wenn du was hast, mich abzutrocknen, so gib's her, denn der starke Schweiß macht mir die Augen ganz blind.«

Sancho schwieg still und brachte ihm ein Tuch und dankte zugleich dem gütigen Gotte, daß sein Herr nicht hinter die Sache gekommen war. Don Quijote trocknete sich und nahm den Helm ab, um zu sehen, was ihm eigentlich den Kopf so erkältete, wie es ihm vorkam; aber als er den weißen Brei im Helme sah, hielt er die Nase daran, beroch ihn und sagte: »Beim Leben meiner Gebieterin Dulcinea von Toboso, Rahmkäse sind's, die du mir hier hineingelegt hast, Schurke, frecher Schelm, schlechtgesinnter Schildknappe!«

Darauf antwortete Sancho mit großer Gelassenheit und Verstellung: »Wenn es Rahmkäse sind, so wolle Euer Gnaden mir selbige verabreichen, ich will sie essen; aber nein, der Teufel soll sie essen, denn der muß sie da hineingetan haben. Ich, ich sollte die Frechheit haben, Euer Gnaden Helm zu besudeln? Da habt Ihr den frechen Kerl schön erraten! Wahrhaftig, Señor, das ist ein Fingerzeig Gottes; auch ich muß Zauberer haben, die mich verfolgen, mich als Geschöpf und Glied von Euer Gnaden, und die werden diesen Unflat da hineingetan haben, um Euere Geduld zum Zorne zu reizen, daß Ihr mir den Rücken zerdrescht, wie Ihr gewohnt seid. Aber wahrhaftig, diesmal, glaub ich, gehen ihre Sprünge ins Blaue hinein; denn ich baue auf die weise Einsicht meines Herrn, der sicher erwogen hat, daß ich weder Rahmkäse noch Milch noch sonst was gleicher Art bei mir habe und daß ich, wenn ich's hätte, es lieber in meinen Magen als in den Helm hineintun würde.«

»Alles ist möglich«, sagte Don Quijote darauf. Und alles das sah der Landjunker aufmerksam mit an, und über alles wunderte er sich, besonders als Don Quijote, nachdem er sich Kopf, Gesicht, Bart und Helm gereinigt, den letztern aufstülpte, sich fest in den Bügeln zurechtsetzte, sein Schwert versuchsweise aus der Scheide zog und, den Speer fassend, so sprach: »Jetzt komme, was da kommen mag, denn hier bin ich, fest entschlossen, mit dem Teufel in eigner Person anzubinden.«

Indem näherte sich der Karren mit den Fahnen, bei dem sich niemand befand als der Fuhrmann auf einem der Maultiere und ein Mann, der auf dem Vorderteil des Karrens saß. Don Quijote pflanzte sich vor dem Fuhrwerk auf und sprach: »Wohin des Weges, gute Leute? was ist dies für ein Karren? was habt ihr darin? und was für Fähnlein sind dies?«

Darauf antwortete der Fuhrmann: »Der Karren gehört mir; was darauf ist? Zwei wilde Löwen im Käfig, die der Oberbefehlshaber zu Orán als Geschenk für Seine Majestät nach der Residenz schickt; die Fahnen sind die des Königs, unsres Herrn, zum Zeichen, daß, was sich hierin befindet, königliches Eigentum ist.«

»Und sind die Löwen groß?« fragte Don Quijote.

»So groß«, antwortete der Mann vor der Tür des Käfigs, »daß niemals größere oder auch nur ebenso große aus Afrika nach Spanien herübergekommen sind; und ich bin der Löwenwärter und habe ihrer schon mehr herübergebracht, aber wie diese keinen. Es ist ein Löwe und eine Löwin; der Löwe ist in diesem vorderen Käfig und die Löwin in dem dahinter. Jetzt sind sie hungrig, weil sie heute noch nichts gefressen haben, und darum wolle Euer Gnaden aus dem Wege gehen, denn wir müssen eiligst einen Ort erreichen, wo wir ihnen ihr Futter geben können.«

Darauf sagte Don Quijote mit fast unmerklichem Lächeln: »Mir kommt man mit jämmerlichen Löwchen? Mir mit armseligen Löwchen, und gerade zu dieser Stunde? Nun, bei Gott, so sollen jene Herren, die sie hierhersenden, sehen, ob ich ein Mann bin, der sich vor Löwen fürchtet! Steigt herunter, guter Freund, und da Ihr der Löwenwärter seid, so öffnet die Käfige hier und treibt mir die Untiere heraus; denn mitten auf dem Gefilde hier will ich ihnen zeigen, wer Don Quijote von der Mancha ist, zu Trotz und Ärger den Zauberern, die sie mir hierhersenden.«

»Aha!« sagte hier der Junker leise für sich, »nun hat unser guter Ritter ein deutliches Zeichen gegeben, wes Geistes Kind er ist; ganz gewiß hat der Rahmkäse sein Hirn erweicht und seine Sinne mürbe gemacht.«

In diesem Augenblick näherte sich Sancho dem Fremden und sprach zu ihm: »Señor, um Gottes willen bitt ich Euer Gnaden, seht doch, wie Ihr es fertigbringt, daß mein Herr Don Quijote nicht mit den Löwen da anbindet, denn wenn er's tut, so reißen sie uns alle auf der Stelle in Stücke.«

»Ist denn Euer Herr so verrückt«, entgegnete der Junker, »daß Ihr fürchtet und glaubt, er werde wirklich mit diesem wilden Getier anbinden?«

»Verrückt ist er nicht«, antwortete Sancho, »aber tollkühn.«

»Ich will es schon fertigbringen, daß er es diesmal nicht ist«, versetzte der Junker.

Er näherte sich Don Quijote, der den Löwenwärter drängte, die Käfige zu öffnen, und sprach zu ihm: »Herr Ritter, die fahrenden Ritter sollen sich an Abenteuer wagen, die die Hoffnung glücklichen Ausgangs verheißen, und nicht an solche, die ihnen jede Aussicht rauben; denn die Tapferkeit, die in den Bereich der Vermessenheit übergreift, hat mehr von der Torheit als von Seelenstärke an sich. Zudem kommen diese Löwen nicht, Euer Gnaden zu befehden, ja, dies fällt ihnen nicht im Traume ein; sie kommen als Geschenk für Seine Majestät, und so tut Ihr nicht wohl daran, sie aufzuhalten oder an ihrer Fahrt zu hindern.«

»Geht nur, werter Junker«, antwortete Don Quijote, »und macht Euch mit Eurem abgerichteten Lockhuhn zu tun und mit Eurem tapferen Frettchen und laßt einen jeglichen seines Amtes walten; dies ist mein Amt, und ich weiß schon, ob diese Herren Löwen zur Fehde mit mir gekommen sind oder nicht.«

Und sich zu dem Löwenwärter wendend, sprach er: »Ich schwör's bei dem und jenem, Er Spitzbube, wenn Er die Käfige nicht gleich auf der Stelle aufmacht, so werd ich Ihn mit diesem Speer an den Karren nageln!«

Der Kärrner sah die Entschlossenheit dieser gewappneten Spukgestalt und sagte: »Gnädiger Herre mein, wollet aus Barmherzigkeit gestatten, daß ich die Maultiere ausspanne und mich mit ihnen in Sicherheit bringe, ehe die Löwen aus ihrem Käfig kommen; denn wenn sie mir sie umbringen, bin ich für mein ganzes Leben zugrunde gerichtet; der Karren und die Maultiere sind meine ganze Habe.«

»O du Kleingläubiger!« entgegnete Don Quijote; »steig ab und spann aus und tu, wozu du Lust hast; bald wirst du sehen, daß du dich vergeblich bemüht hast und daß du dir diese Fürsorge hättest ersparen können.«

Der Kärrner stieg ab und spannte eiligst aus, und der Löwenwärter sprach mit erhobener Stimme: »Seid mir Zeugen alle, die ihr hier zugegen seid, wie ich gegen meinen Willen und nur gezwungen die Käfige aufmache und die Löwen freilasse und wie ich diesem Herrn gegenüber mich verwahre, daß aller Schaden und Nachteil, den diese Tiere verüben mögen, auf seine Rechnung und Gefahr geht und steht, dergleichen auch meine Löhnung und meine anderen Ansprüche. Ihr aber, meine Herrschaften, begebt euch in Sicherheit, bevor ich aufschließe; ich meinesteils bin sicher, daß sie mir nichts Böses tun.«

Der Junker redete dem Ritter nochmals zu, er solle keine solche Torheit begehen; es heiße Gott versuchen, einen solchen Unsinn zu unternehmen. Darauf gab Don Quijote zur Antwort, er wisse, was er tue. Jener bat ihn nochmals, die Sache wohl zu erwägen; er sei überzeugt, daß er in Selbsttäuschung befangen sei.

»Jetzo, Señor«, entgegnete Don Quijote, »wenn Euer Gnaden kein Zuschauer bei dem Stück sein will, das nach Eurer Ansicht ein Trauerspiel sein wird, so gebt Eurem Grauschimmel die Sporen und bringt Euch in Sicherheit.«

Als Sancho das hörte, flehte er ihn mit tränenden Augen an, von einem solchen Unternehmen abzulassen; im Vergleich mit ihm seien das Abenteuer mit den Windmühlen und jenes so fürchterliche mit der Walkmühle und kurz alle Heldentaten, an die er sich im ganzen Verlauf seines Lebens gewagt, nur Zuckerbrot und Hochzeitskuchen gewesen. »Bedenket, Señor«, sagte Sancho, »hier ist keine Zauberei dabei noch irgend etwas Ähnliches, denn ich habe durch die Latten und Ritzen des Käfigs hindurch die Tatze eines wirklichen Löwen gesehen, und aus ihr schließe ich, daß besagter Löwe, dem die besagte Klaue angehört, größer sein muß als ein Berg.«

»Zum mindesten wird die Furcht«, entgegnete Don Quijote, »ihn dir größer erscheinen lassen als eine halbe Welt. Weiche hinweg, Sancho, und laß mich, und wenn ich hier sterben sollte, so kennst du ja unser altes Übereinkommen, du begibst dich zu Dulcinea, und weiter sag ich dir nichts.«

Diesen Worten fügte er noch andre hinzu, mit denen er allen die Hoffnung raubte, er würde doch vielleicht noch davon abstehen, in seinem wahnwitzigen Vorhaben weiterzugehen. Der Grünmantel hätte sich ihm gern widersetzt; allein er sah, daß er ihm an Bewaffnung zu ungleich war, und dann deuchte es ihn nicht vernünftig, mit einem Verrückten anzubinden, denn als ein solcher erschien ihm Don Quijote jetzt in jeder Beziehung.

Als nun Don Quijote aufs neue den Löwenwärter zur Eile drängte und seine Drohungen wiederholte, gab er dem Junker hinreichenden Grund, seinem Pferde, und dem guten Sancho, seinem Grauen, und dem Kärrner, seinen Maultieren die Sporen einzusetzen, und alle waren darauf bedacht, sich von dem Karren so weit als möglich zu entfernen, bevor die Löwen losgelassen würden. Sancho beweinte seines Herrn sichern Tod, der diesmal, so glaubte er, ihn in den Krallen der Löwen treffen werde; er verwünschte sein Schicksal, und unselig nannte er die Stunde, in der ihm der Gedanke gekommen, aufs neue in des Ritters Dienste zu treten; aber bei allem Weinen und Jammern versäumte er doch nicht, auf sein Grautier loszuprügeln, um so rasch wie möglich von dem Karren fortzukommen.

Als der Löwenwärter sah, daß die Flüchtlinge weit weg waren, bestürmte er den Ritter aufs neue mit denselben Vorstellungen und Verwahrungen wie schon vorher; Don Quijote antwortete indessen, er verstehe ihn wohl, aber er solle sich nicht weiter mit Vorstellungen und Verwahrungen bemühen, da alles umsonst sei, und er solle sich eilen.

Während der Löwenwärter noch zögerte, den vorderen Käfig aufzuschließen, erwog Don Quijote, ob es geraten sei, den Kampf lieber zu Fuß als zu Pferde auszufechten; endlich aber beschloß er, ihn zu Fuß zu unternehmen, da er fürchtete, Rosinante würde vor den Löwen scheuen. Er sprang daher vom Pferde, warf den Speer weg, faßte den Schild in den Arm, zog das Schwert aus der Scheide und trat Schritt für Schritt mit wunderbarer Entschlossenheit und mannhaftem Herzen vor den Karren hin, wobei er sich von ganzem Herzen Gott und seiner Herrin Dulcinea anbefahl.

Hier ist zu bemerken, daß der Verfasser dieser wahrhaftigen Geschichte, als er an diese Stelle kommt, im Ausbruch bewundernden Gefühles sagt: O du heldenstarker und über allen Preis tapferer Don Quijote von der Mancha, du Spiegel aller Kämpen der Welt, du neuer Don Manuel de León, der da Ruhm und Ehre war der Ritter in spanischen Landen! Mit welchen Ausdrücken soll ich diese so erschreckliche Großtat erzählen, mit was für Worten soll ich sie den kommenden Jahrhunderten glaublich machen? Welche Lobpreisungen kann es geben, die dir nicht geziemten und deinem Werte nicht gemäß wären, und sollten sie auch alle Überschwenglichkeiten übersteigen? Du zu Fuße, du allein, du unverzagt, du hochherzig, nur mit einem Schwert, und zwar keineswegs mit einem von scharfer Schneide und der Marke Toledo, mit einem Schild von nicht sonderlich glänzendem poliertem Stahl, du stehst da und erharrest und erwartest die zwei wildesten Löwen, welche die afrikanischen Wälder jemals erzeugt haben. Deine eignen Taten sollen dich loben, tapferer Manchaner, denn ich lasse sie hier in ihrer Verwerflichkeit beruhen, weil mir die Worte fehlen, sie zu preisen.

Hiermit waren die begeisterten Ausrufungen des Verfassers, die wir berichten, zu Ende. Indem er den Faden der Geschichte wieder aufnimmt, fährt er mit folgenden Worten fort:

Als der Löwenwärter sah, daß Don Quijote bereits Stellung genommen und daß er nicht umhinkönne, den männlichen Löwen loszulassen, wenn er nicht bei dem erzürnten und verwegenen Ritter in Ungnade fallen wollte, machte er den vorderen Käfig sperrangelweit auf, in welchem sich, wie gesagt, der Löwe befand, der von ungeheurer Größe und entsetzlichem, furchtbarem Aussehen war. Das erste, was er tat, war, daß er sich im Käfig, worin er gelegen hatte, nach allen Seiten hin drehte, die Tatze ausstreckte und sich um und um reckte und dehnte; dann riß er den Rachen auf und gähnte lang und gemächlich, wischte sich mit der Zunge, die fast zwei Spannen lang heraushing, den Staub aus den Augen und leckte sich das Gesicht ab. Dann streckte er den Kopf aus dem Käfig und sah sich nach allen Seiten um, mit Augen, die wie Kohlen glühten; es war ein Anblick, um die Tollkühnheit selbst mit Entsetzen zu erfüllen. Nur Don Quijote schaute ihn unverwandten Auges an mit dem Wunsche, er möchte gleich vom Karren springen und mit ihm handgemein werden, da er mit seinen Händen ihn in Stücke zu zerhauen gedachte.

Bis zu diesem Punkt verstieg sich das Übermaß seiner noch nie dagewesenen Verrücktheit. Allein der großmütige Löwe bewies viel eher Freundlichkeit als Hochmut, und ohne sich um Kindereien und Großsprechereien zu kümmern, und nachdem er sich nach allen Seiten umgesehen, wandte er den Rücken, wies Don Quijote sein Hinterteil und streckte sich höchst gelassen und gemächlich wiederum im Käfig nieder.

Als Don Quijote dies sah, gebot er dem Wärter, den Löwen zu reizen und mit dem Stock herauszutreiben.

»Das werde ich nimmermehr tun«, antwortete der Löwenwärter; »denn wenn ich ihn reize, bin der erste, den er in Stücke reißt, ich selber. Euer Gnaden, Herr Ritter, möge sich's an dem genug sein lassen, was Ihr getan habt; denn dies ist schon alles, was man in Sachen der Tapferkeit nur immer sagen kann, und wollet nicht zum zweitenmal Euer Glück versuchen. Der Löwe hat die Tür offenstehen, bei ihm steht es, herauszukommen oder nicht herauszukommen; aber da er bis jetzt den Käfig nicht verlassen hat, so wird er es den ganzen Tag nicht mehr tun. Euer Gnaden Heldenmut ist bereits hinreichend zutage getreten; kein wackerer Kämpe, soviel ich verstehe, ist zu mehrerem verpflichtet, als seinen Feind herauszufordern und ihn in offenem Felde zu erwarten; und wenn der Gegner nicht erscheint, so haftet an ihm die Schande, und der Herausforderer gewinnt die Krone des Siegs.«

»So ist's in Wahrheit«, gab Don Quijote zur Antwort. »Schließ die Tür, Freund, und bezeuge mir in bester Form Rechtens, so gut du's vermagst, was du mich hier vollbringen gesehen: nämlich, wie du dem Löwen aufgetan hast, ich ihn erwartete und er nicht herauskam, ich ihn wiederum erwartete, er wieder nicht herauskam und sich dann wieder hinlegte. Zu mehrerem bin ich nicht verpflichtet; und nun fort mit den Zauberkünsten! Und Gott schütze das Recht und die Wahrheit und das wahre Rittertum! Nun schließ zu, wie ich dir gesagt, während ich den Flüchtigen und Abwesenden Zeichen gebe, damit sie aus deinem Munde diese Heldentat erfahren.«

Der Löwenwärter tat also, und Don Quijote befestigte an die Spitze seines Speers das Tuch, mit welchem er sich das Gesicht vom Käseregen gereinigt hatte, und begann die andern herbeizurufen, die immer noch flüchteten und dabei den Kopf jeden Augenblick rückwärts wandten, alle auf einem Haufen, von dem Junker vor sich hergetrieben. Als aber Sancho endlich das Zeichen des weißen Tuches erblickte, sprach er: »Ich will des Todes sein, wenn mein Herr nicht die wilden Untiere besiegt hat, da er uns herbeiruft!«

Sie hielten alle und sahen, daß Don Quijote es war, der ihnen die Zeichen gab; sie erholten sich von ihrer Angst, und Schritt vor Schritt kamen sie näher, bis sie deutlich Don Quijotes Stimme hörten, der ihnen zurief. Endlich kehrten sie zu dem Karren zurück, und sofort bei ihrem Herannahen sprach Don Quijote zu dem Kärrner: »Schirret Eure Maultiere wieder an, guter Freund, und setzet Eure Reise fort; und du, Sancho, gib ihm zwei Goldtaler für ihn und für den Löwenwärter zum Lohn für die Zeit, die sie um meinetwillen hier verloren haben.«

»Die geb ich sehr gerne«, versetzte Sancho; »aber was ist aus den Löwen geworden? Sind sie tot oder lebendig?«

Nunmehr berichtete der Löwenwärter ausführlich, in einzelnen Absätzen, den Ausgang des Kampfes, wobei er, so gut er es nur vermochte, die Tapferkeit Don Quijotes übertrieb, vor dessen Anblick der Löwe entmutigt seinen Käfig zu verlassen weder begehrt noch gewagt habe, obwohl er den Käfig eine geraume Zeit offenstehn hatte. Weil nun er, der Wärter, dem Ritter gesagt habe, es heiße Gott versuchen, wenn man, wie es derselbe verlangte, den Löwen reize und mit Gewalt heraustreibe, so habe der Ritter endlich, obzwar sehr ungern und durchaus gegen seinen Wunsch, verstattet, die Tür wieder zu schließen.

»Was deucht dich hiervon, Sancho?« sagte Don Quijote. »Gibt es Zauberkünste, die gegen die wahre Tapferkeit aufkommen können? Die Zauberer können mir wohl das Glück rauben, aber die Kühnheit und den Mut – das ist unmöglich.«

Sancho gab die Taler her, der Kärrner spannte an, der Löwenwärter küßte Don Quijote die Hand für die empfangene Gnade und versprach ihm, diese heldenhafte Tat dem Könige selbst zu erzählen, sobald er in der Residenz sein würde.

»Wenn dann Seine Majestät fragen sollte, wer sie getan, so sagt ihm: der Löwenritter; denn von Stund an will ich, daß hinfüro mein bisheriger Name Ritter von der traurigen Gestalt sich in diesen Namen verwandle, umwechsle, verändere und umgestalte; und hierin folge ich dem alten Brauch der fahrenden Ritter, die ihre Namen veränderten, wann es sie gelüstete oder wann es ihnen zupaß kam.«

Der Karren fuhr seines Weges weiter, und Don Quijote, Sancho und der Grünmantel setzten den ihrigen fort. Während dieser ganzen Zeit hatte Don Diego de Miranda kein Wort gesprochen, da er völlig damit beschäftigt war, Don Quijotes Taten und Worte zu beobachten und zu verfolgen, und er hielt ihn für einen gescheiten Kopf, der ein Narr sei, und für einen Narren, der vieles vom gescheiten Kopf an sich habe. Der erste Teil von Don Quijotes Geschichte war noch nicht zu seiner Kenntnis gekommen; denn wenn er ihn gelesen hätte, so hätte er sich nicht mehr über des Ritters Taten und Worte gewundert, da er alsdann schon gewußt hätte, welcher Art seine Verrücktheit sei. Allein da er sie nicht kannte, so hielt er ihn bald für verrückt und bald für gescheit; denn was der Ritter sprach, war vernünftig und gut ausgedrückt, und was er tat, ungereimt, tollkühn und albern. Und so sprach der Junker für sich: Welch größere Verrücktheit kann es geben, als den Helm voll Rahmkäse aufzusetzen und sich einzubilden, daß die Zauberer ihm das Hirn erweicht haben? Und welch größere Verwegenheit und Verkehrtheit, als mit aller Gewalt gegen Löwen kämpfen zu wollen?

Aus diesen Betrachtungen und diesem Selbstgespräch riß ihn Don Quijote, indem er zu ihm sprach: »Wer kann zweifeln, Señor Don Diego de Miranda, daß Ihr mich für einen unsinnigen, verrückten Menschen haltet? Auch wär es nicht verwunderlich, wenn dem so wäre; denn meine Taten lassen auf nichts anderes schließen. Wohl denn, trotz alledem will ich Euch zeigen, daß ich weder so verrückt noch so geisteskrank bin, wie ich Euch gewiß vorgekommen bin. Schön steht es einem stattlichen Ritter an, wenn er vor seines Königs Augen, mitten auf öffentlichem Platze, einem wilden Stier mit glücklichem Erfolg einen Speeresstoß versetzt; schön steht es einem Ritter an, wenn er, mit schimmernder Wehr bewehrt, in fröhlichem Turnier vor den Frauen den Kampfplan durchstürmt; schön ist es, wenn all jene Ritter mit kriegerischen Übungen oder solchen, die kriegerisch aussehen, dem Hof ihres Fürsten Unterhaltung, Ergötzen und, wenn man dies sagen darf, Ehre verleihen. Aber über all diesem, weit schöner ist es, wenn ein fahrender Ritter über Wüsteneien, über Einöden und Kreuzwege hin, durch wilde Forsten und Bergwälder hindurch auf die Suche geht nach gefahrdrohenden Abenteuern, mit dem Vorhaben, sie zu glücklichem und wohlgelungenem Ziele zu führen, lediglich um strahlenden unvergänglichen Ruhm zu erringen. Schöner ist es, sag ich, wenn ein fahrender Ritter irgendwo in einer verlassenen Öde einer Witwe zu Hilfe eilt, als wenn in den großen Städten ein Ritter vom Hofe ein Fräulein mit Liebesworten umwirbt. Ein jeglicher Ritter hat seinen besonderen Beruf; der am Hofe lebt, möge den Frauen dienen, mit der Pracht seines Gefolges dem Hof seines Königs größern Glanz verleihen, ärmere Ritter mit den prunkenden Schüsseln seiner Tafel nähren, Kampfspiele veranstalten, Turniere abhalten, sich groß, freigebig und prachtliebend, vor allem aber sich als guter Christ zeigen, und durch solch Gebaren wird er seine vorgeschriebenen Obliegenheiten gebührend erfüllen. Jedoch der fahrende Ritter soll die dunkeln Winkel in der weiten Welt aufsuchen, in die verworrensten Labyrinthe dringen, bei jedem Schritt das Unmögliche versuchen, auf einsamer Heide die glühenden Strahlen der Sonne männlich aushalten inmitten des Sommers und im Winter die rauhe Strenge der Stürme und der eisigen Kälte; ihn sollen Löwen nicht schrecken, Ungetüme nicht mit Entsetzen schlagen, Drachen nicht in Furcht jagen, denn jene aufspüren, diese angreifen und sie alle überwinden, das ist sein hauptsächlicher und wahrer Beruf. Ich nun, da es mir zuteil ward, einer aus der Zahl der fahrenden Ritterschaft zu sein, ich kann nicht umhin, alles und jedes in die Hand zu nehmen, was meines Erachtens in den Bereich meines Ritteramtes fällt; mithin: die Löwen anzugreifen, das lag von Rechts wegen mir ob, wiewohl ich einsah, es sei eine übermäßige Verwegenheit. Denn wohl weiß ich, was Tapferkeit ist, eine Tugend, die mitteninne steht zwischen zwei äußersten Lastern, nämlich Feigheit und Tollkühnheit, und jedenfalls ist es das mindere Übel, wenn der Tapfere die Grenzlinie der Tollkühnheit streift und zu ihr emporsteigt, als wenn er bis zur Grenzlinie der Feigheit streift und herabsinkt. So wie der Verschwender leichter freigebig ist als der Geizhals, so geschieht es auch leichter, daß der Tollkühne sich wie ein wahrhaft Tapferer benimmt, als daß der Feigling sich zur wahren Tapferkeit erhebt. Und wenn es darauf ankommt, Abenteuer zu bestehen, so glaubt mir, Señor Don Diego, daß man das Spiel leichter verliert, wenn man des Guten zuviel, als wenn man zuwenig tut; denn es klingt besser in den Ohren, wenn einer hört: jener Ritter ist verwegen und tollkühn, als wenn er hört: jener Ritter ist feige und ängstlich.«

»Ich erkläre, Señor Don Quijote«, gab ihm Don Diego zur Antwort, »daß alles, was Euer Gnaden getan und gesagt hat, auf der Waage der Vernunft so abgewogen ist, daß das Zünglein mitteninne und die Schalen gleichstehen; und meine Meinung ist, wenn die Ordnungen und Gesetze des fahrenden Rittertums sich verlören, so würden sie sich in Euerm Busen als in ihrem natürlichen Verwahrungsort und Archiv wiederfinden. Jetzt aber sputen wir uns, denn es wird spät; wir wollen nach meinem Dorf und Hause, wo Euer Gnaden von der überstandenen Mühsal ausruhen wird, die, wenn nicht eine Mühsal des Körpers, so doch eine solche des Geistes war, welche zuweilen in eine Ermattung des Körpers übergeht.«

»Ich weiß dies Anerbieten als sonderliche Gunst und Gnade zu schätzen, Señor Don Diego«, entgegnete Don Quijote.

Sie spornten nun ihre Tiere schärfer als bisher, und es mochte etwa zwei Uhr nachmittags sein, als sie im Dorf und im Hause Don Diegos anlangten, den Don Quijote den Ritter vom grünen Mantel nannte.

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