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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote2/quijote2.xml
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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14. Kapitel

Wo das Abenteuer mit dem Waldritter sich weiterentwickelt

Nachdem Don Quijote und der Ritter vom Walde mancherlei Zwiesprach miteinander gepflogen, sagte, so berichtet die Geschichte, der vom Walde zu Don Quijote: »Kurz, Herr Ritter, ich will Euch zu wissen tun, daß mein Schicksal, oder besser gesagt: meine eigene Wahl mich dahin brachte, in die unvergleichliche Casildea von Vandalien mich zu verlieben; ich nenne sie unvergleichlich, denn sie hat nicht ihresgleichen weder an Größe des Körpers noch an Höhe des Ranges und der Schönheit. Diese besagte Casildea nun, von der ich anitzt berichte, vergalt meine redlichen Absichten und bescheidenen Wünsche damit, daß sie mich wie den Herkules seine Stiefmutter antrieb, mich in vielfache gefährliche Abenteuer einzulassen; und jedesmal, wenn ich ein solches glücklich beendigt, verspricht sie mir, daß mit dem Sieg im nächsten Abenteuer auch meine Hoffnung zum Sieg kommen werde. Aber an der Kette meiner Mühsale haben sich so viel Glieder aneinandergereiht, daß sie nunmehr zahllos sind und ich nicht weiß, was meiner Arbeiten letzte sein wird, welche den Anfang zur Belohnung meines redlichen Strebens bilden soll. Einmal gebot sie mir, jene weitberufene Riesin zu Sevilla zum Kampf zu fordern, welche die Giralda genannt wird und welche so wehrhaft und stark ist, als ob sie von Erz wäre, und die, ohne sich von der Stelle zu bewegen, das veränderlichste und flatterhafteste Weib auf Erden ist. Ich kam, ich sah, ich siegte und zwang sie, ruhig und im gleichen Windesstrich zu bleiben – denn länger als eine Woche wehte kein anderer Wind als der aus Norden. Einmal gebot sie mir, die uralten steinernen Stiere zu Guisando in meinen Händen zu wägen, ein Unternehmen, das eher für einen Taglöhner als für einen Ritter paßt. Ein andermal gebot sie mir, ich solle mich in den Schlund von Cabra stürzen und da versinken – eine unerhörte und furchtbare Fährlichkeit! – und ihr umständlichen Bericht über alles erstatten, was diese finstere Tiefe umschließe. Ich brachte die Bewegung der Giralda zum Stillstand, ich wog die Stiere zu Guisando, stürzte mich in den Schlund und holte das in seinen Tiefen Verborgene ans Licht hervor, und meine Hoffnungen blieben so tot wie zuvor und ihre Forderungen und ihre Verschmähung so lebendig wie je. Kurz und gut, zuletzt hat sie mir geboten, durch alle Gaue Spaniens zu ziehn und alle fahrenden Ritter, die in selbigen umirren, zum Bekenntnis zu zwingen, daß sie, sie allein, die schönste ist unter allen Frauen, die heutzutage leben, und daß ich der heldenhafteste und liebeglühendste Ritter des Erdkreises bin; und in diesem Streben und Begehr bin ich bereits durch den größten Teil Spaniens gezogen und habe daselbst viele Ritter besiegt, die sich erkühnten, mir zu widersprechen. Wes ich mich aber am höchsten rühme und worauf ich am stolzesten bin, ist, daß ich im Einzelkampf jenen so ruhmreichen Ritter Don Quijote von der Mancha besiegt und ihn zum Bekenntnis gezwungen habe, daß meine Casildea schöner ist als seine Dulcinea, und mit diesem einzigen Sieg bin ich überzeugt, alle Ritter auf Erden besiegt zu haben; denn sotaner Don Quijote, von dem ich rede, hat sie alle besiegt, und da ich ihn besiegt habe, so sind sein Ruhm, sein Name und seine Ehre auf meine Person übertragen und völlig übergegangen.

So höher der Besiegte ward geehrt,
Um so viel höher steigt des Siegers Wert.

Demnach gehen sie jetzt auf meine Rechnung und sind mein eigen, all die unzählbaren Heldentaten des schon erwähnten Don Quijote.«

Hocherstaunt saß Don Quijote da, wie er den Ritter vom Walde solches reden hörte, und war tausendmal auf dem Punkte, ihm zuzurufen, daß er lüge, und schon hatte er auf der Zungenspitze das Wort: Ihr lügt! Jedoch er hielt an sich, so gut er es vermochte, weil er ihn zwingen wollte, mit seinem eignen Munde seine Lüge zu bekennen, und so sagte er ganz gelassen zu ihm: »Herr Ritter, daß Euer Gnaden die meisten der fahrenden Ritter Spaniens, ja der ganzen Welt besiegt haben will, darüber sage ich nichts, aber daß Ihr Don Quijote von der Mancha besiegt hättet, das stell ich in Zweifel, es könnte wohl ein anderer gewesen sein, der ihm geglichen, wiewohl es wenige gibt, die ihm gleichen mögen.«

»Wie, Ihr sagt nein?« entgegnete der vom Walde. »Beim Himmel über uns! Ich habe mit Don Quijote gekämpft und ihn besiegt und überwältigt. Er ist ein Mann von hoher Gestalt, hageren Angesichts, die Glieder lang und dürr, das Haar mit Grau untermischt, die Adlernase etwas gebogen, mit großem schwarzem Schnurrbart, dessen Enden herabhängen; er zieht zu Felde unter dem Namen des Ritters von der traurigen Gestalt und hat als Schildknappen einen Bauern des Namens Sancho Pansa; er belastet den Rücken und lenkt die Zügel eines berühmten Rosses, das den Namen Rosinante führt; und endlich hat er zur Herrin seines Herzens eine gewisse Dulcinea von Toboso, die eine Zeitlang Aldonza Lorenzo geheißen, so wie ich die meinige, weil sie Casildea heißt und aus Andalusien ist, Casildea von Vandalien nenne. Wenn also diese Zeichen nicht genügen, um der Wahrheit meiner Aussage Glauben zu verschaffen, so ist hier mein Schwert, das den Unglauben selbst zum Glauben an sie zwingen wird.«

»Sänftigt Euer Gemüte, Herr Ritter«, sprach Don Quijote, »und höret, was ich Euch sagen will. Ihr müßt wissen, daß jener Don Quijote, von dem Ihr redet, der beste Freund ist, den ich auf dieser Welt habe, und zwar so völlig, daß ich sagen kann, er gilt mir wie mein eigenes Selbst. Nach den Zeichen, die Ihr mir von ihm gegeben und die so genau und sicher sind, kann ich nicht anders glauben, als daß es derselbe ist, den Ihr besiegt habt; anderseits aber sehe ich es mit den Augen und greife es mit den Händen, daß er unmöglich derselbe sein kann; es wäre denn etwa der Fall, da er viele Zauberer zu Feinden hat, namentlich einen, der ihn regelmäßig verfolgt, daß einer von diesen seine Gestalt angenommen hätte, um sich besiegen zu lassen, weil er ihn um den Ruhm bringen möchte, den seine hohen Rittertaten ihm in allen bis heut entdeckten Landen der Erde erworben und gewonnen haben. Und zu dessen Bestätigung will ich Euch ferner zu wissen tun, daß die besagten Zauberer, seine Feinde, erst vor nicht mehr als zwei Tagen die Gestalt und Person der schönen Dulcinea von Toboso in eine schmutzige gemeine Bäuerin verwandelt haben; und solcherweise werden sie auch Don Quijote verwandelt haben. Und wenn alles dies nicht genügt, um Euch von der Wahrheit meiner Angaben zu überzeugen, so seht hier Don Quijote selber, der sie mit seinen Waffen aufrechterhalten wird, zu Fuß oder zu Pferd oder auf jede andre Weise, die Euch genehm sein mag.«

Mit diesen Worten stand er auf, faßte den Knauf seines Schwertes und erwartete, welchen Entschluß der Ritter vom Walde fassen würde. Und dieser, ebenfalls mit ruhigem gemessenem Ton, antwortete und sprach: »Dem guten Zahler ist es um sein Pfand nicht leid. Wer einmal, Señor Don Quijote, Euch in Eurer Verwandlung besiegen konnte, der darf auch die Hoffnung hegen, Euch in Eurer eigenen Wesenheit zu bewältigen. Aber weil es den Rittern nicht geziemend ist, ihre Waffentaten im Dunkeln zu tun wie Wegelagerer und Raufbolde, so wollen wir den Tag abwarten, auf daß die Sonne unsere Werke erschaue; und es soll die Bedingung unsers Kampfes sein, daß der Besiegte dem freien Willen des Siegers anheimgegeben sei, damit dieser nach seinem Belieben mit jenem verfahre, doch so, daß alles Verlangte einem Ritter geziemend sei.«

»Ich bin mehr als zufrieden mit dieser Bedingung und Übereinkunft«, entgegnete Don Quijote.

Mit diesen Worten wandten sie sich nach der Ruhestätte ihrer Schildknappen und fanden sie schnarchend und in demselben Zustand, in welchem der Schlaf sie überrascht hatte. Sie weckten sie auf und hießen sie, die Pferde bereit zu halten, weil sie bei Sonnenaufgang einen blutigen Kampf ohnegleichen ausfechten würden. Bei dieser Nachricht entsetzte sich Sancho und blieb starr, da er für das Wohl seines Herrn zitterte ob der Heldentaten, welche der andere Schildknappe von dem seinigen erzählt hatte; indessen gingen beide und suchten ihre Tiere auf, und siehe da, die drei Gäule und der Graue hatten Witterung voneinander bekommen und sich alle zusammengefunden.

Unterwegs sagte der vom Walde zu Sancho: »Ihr müßt wissen, Bruder, daß in Andalusien die Kämpen, wenn sie bei einem Kampfe Sekundanten sind, nicht ruhig dabeistehen und die Hände in den Schoß legen, während die Streiter sich miteinander messen; ich sage Euch das, damit Ihr zum voraus wisset, während unsere Herren einander befehden, müssen auch wir kämpfen und uns zu Splittern zerhauen.«

»Dieser Brauch, Herr Schildknappe«, entgegnete Sancho, »mag dort bei den Raufbolden und Kämpen, die Ihr erwähnt, vorkommen und im Schwange sein, aber bei den Schildknappen fahrender Ritter kommt es gar nicht in Frage; wenigstens habe ich meinen Herrn niemals dergleichen Brauch erwähnen hören, und er weiß doch alle Vorschriften der fahrenden Ritterschaft auswendig. Ich will's meinetwegen gelten lassen, daß es Wahrheit und ausdrückliche Vorschrift ist, daß die Knappen miteinander kämpfen, während ihre Herren kämpfen; aber ich will sie nicht befolgen, sondern lieber die Buße bezahlen, die derlei friedliebenden Schildknappen auferlegt sein mag, und selbige geht sicher nicht über zwei Pfund Wachs hinaus; und lieber will ich besagte zwei Pfund bezahlen, denn ich weiß, sie werden mich weniger kosten als die Scharpie, die ich kaufen müßte, um mir den Kopf zu verbinden, den ich schon für zerschlagen und in zwei Stücke gespalten ansehe. Aber noch mehr: was mir das Fechten ganz unmöglich macht, ist, daß ich kein Schwert habe, denn nie in meinem Leben habe ich mir ein solches angehängt.«

»Dafür weiß ich ein gutes Auskunftsmittel«, sagte der vom Walde. »Ich habe hier zwei Leinwandsäcke von gleicher Größe; Ihr nehmt den einen, ich den andern, und so plumpsacken wir aufeinander mit gleichen Waffen.«

»Auf die Art mag es in Gottes Namen sein«, sprach Sancho dagegen, »denn ein derartiger Kampf wird eher geeignet sein, uns abzustäuben, als uns Wunden zu schlagen.«

»So ist's nicht gemeint«, versetzte der andre, »denn damit der Wind die Säcke nicht davonführt, muß ein halb Dutzend schöne saubere Kieselsteine hineingetan werden, von denen jeder so viel wie der andre wiegen muß, und auf solche Art können wir uns plumpsacken, ohne einander leid und weh zu tun.«

»Seh einmal einer an, bei meines Vaters Seel und Seligkeit!« sprach Sancho dagegen; »was für Zwiebelpelz oder was für Flocken von kardätschter Baumwolle tut Er in die Säcke, damit unsre Hirnschädel nicht zerdroschen und unsre Knochen nicht zu Staub zermalmt werden! Aber sollten sie auch mit Seidenkokons gefüllt werden, wisset, werter Herr, ich werde nicht fechten. Fechten mögen unsre Herren, und sie mögen sehen, wie sie damit fertigwerden; wir aber wollen trinken und leben, denn die Zeit sorgt schon dafür, uns das Leben wegzunehmen, da brauchen wir nicht erst nach Mitteln zu suchen, damit es aufgezehrt wird, ehe die rechte Zeit und Stunde dafür gekommen, oder damit es vom Baum fällt, ehe es reif ist.«

»Trotzdem«, entgegnete der vom Walde, »müssen wir wenigstens ein halbes Stündchen zusammen fechten.«

»Keineswegs«, erwiderte Sancho; »ich werde doch nicht so unhöflich und so undankbar sein, mit wem ich gegessen und getrunken habe, mich mit dem in einen Streithandel einzulassen, und war er noch so unbedeutend. Zudem, wenn einer keinen Zorn und keinen Ärger verspürt, wer Teufel sollte sich dazu hergeben, ohne allen Anlaß zu fechten?«

»Dafür«, sagte der vom Walde, »will ich ein ganz wirksames Mittel verschreiben; bevor wir nämlich zu fechten anfangen, will ich mich sachte an Euer Gnaden heranmachen und Euch drei oder vier derartige Maulschellen verabreichen, daß ich Euch zu meinen Füßen niederstrecke, und mit besagten Schellen werde ich Euren Zorn schon aufwecken, und läge er auch in festerem Schlaf als ein Siebenschläfer.«

»Gegen dies Auskunftsmittel weiß ich ein andres«, sagte Sancho, »das nicht hinter ihm zurücksteht; ich nehme einen Knüppel, und bevor Euer Gnaden herankommt, um meinen Zorn aufzuwecken, will ich den Euren mit Stockprügeln so einschläfern, daß er nicht mehr aufwacht, es sei denn in der andern Welt, wo man zur Genüge weiß, daß ich nicht der Mann bin, der sich von irgendwem ins Gesicht greifen läßt, und jeder sehe, wie er's treibe. Indessen das Gescheiteste wäre, ein jeder ließe seinen Zorn schlafen; denn keiner kann keinem ins Herz sehen, und mancher geht nach Wolle aus und kommt geschoren nach Haus, und der Friede ist gesegnet von Gott und der Hader verflucht; denn wenn eine Katze, die man hetzt und einsperrt und peinigt, sich in einen Löwen verwandelt, so weiß Gott, da ich doch ein Mensch bin, in was ich mich verwandeln würde. Und somit will ich Euch gleich jetzt ansagen, alles Böse und Verderbliche, das aus unsrem Kampfe entstehen würde, kommt auf Eure Rechnung.«

»Schon gut«, erwiderte der vom Walde; »Gott wird Tag werden lassen, und da wollen wir weiter sehen.«

Unterdessen begannen bereits tausenderlei bunte Vöglein auf den Bäumen zu trillern und schienen mit ihren mannigfachen frohen Gesängen Willkomm und Gruß zu bieten der frischen Morgenröte, die bereits an den Pforten und Erkern des Ostens die Reize ihres Angesichts enthüllte und aus ihren Locken eine unzählige Menge feuchter Perlen schüttelte, in deren süßem Naß sich die Pflanzen badeten und nun auch aus ihrem Schoße weißen feinen Perlenstaub auszustreuen und niederzuregnen schienen. Die biegsamen Weiden tröpfelten erquickliches Manna, die Brünnlein lachten plätschernd, die Bäche murmelten, die Wälder wurden heiter, und die Wiesen schmückte reicher der Glanz des kommenden Morgens. Aber kaum gestattete die Helle des Tages, die Dinge zu sehen und zu unterscheiden, da war das erste, was sich Sancho Pansas Blicken darbot, die Nase des Schildknappen vom Walde, die so groß war, daß sie fast über seinen ganzen Körper ihren Schatten warf. Man erzählt wirklich, sie sei von übermäßiger Größe gewesen, in der Mitte gebogen und ganz bedeckt mit Warzen, dunkelbläulich von Farbe wie ein Tollapfel; sie hing ihm mehr als zwei Zoll über den Mund herunter. Größe, Farbe, Warzen und Buckel dieser Nase gaben seinem Gesicht ein so scheußliches Ansehen, daß Sancho, als er es erblickte, mit Händen und Füßen um sich schlug wie ein Kind, das die Gichter hat, und sich in seinem Herzen vornahm, sich lieber zweihundert Maulschellen geben zu lassen, als daß er seinen Zorn aufwecken sollte, um mit diesem Ungetüm zu fechten.

Derweilen betrachtete auch Don Quijote seinen Kampfgegner, der mit bereits aufgesetztem Helm und herabgelassenem Visier dastand, so daß er dessen Gesicht nicht sehen konnte; jedoch bemerkte er, daß es ein Mann von kräftigen Gliedern und nicht sehr hohem Wuchs war. Über seiner Rüstung trug er ein Überwams aus einem dem Anscheine nach äußerst feinen Goldstoff, der mit kleinen Monden von widerstrahlendem Spiegelglas übersät war, die ihm ein überaus stattliches und glanzvolles Aussehen gaben; auf dem Helme flatterten ihm in großer Menge grüne, gelbe und weiße Federn; der Speer, den er an einen Baum gelehnt hatte, war sehr lang und dick, mit einer mehr als ellenlangen stählernen Spitze. All dies beobachtete und merkte sich Don Quijote, und er schloß daraus, der Ritter müsse von großer Körperkraft sein. Aber darum fürchtete er sich keineswegs wie Sancho Pansa; vielmehr sprach er mit edlem Mute zu dem Ritter mit den Spiegeln: »Wenn allzu große Kampfeslust, Herr Ritter, nicht Eure ganze Höflichkeit aufgezehrt hat, so bitte ich Euch um dieser Eurer Höflichkeit willen, das Visier ein wenig zu lüften, auf daß ich ersehe, ob die Schönheit Eures Angesichts dem Glanz Eurer Rüstung entspricht.«

»Ob Ihr nun besiegt oder siegreich aus diesem Abenteuer hervorgeht, Herr Ritter«, antwortete der mit den Spiegeln, »so wird Euch Zeit und Gelegenheit mehr als genug verbleiben, mich zu sehen; und wenn ich jetzt Eurem Wunsche kein Genügen tue, so ist der Grund, daß ich der schönen Casildea von Vandalien eine beträchtliche Ungebühr anzutun vermeine, wenn ich auch nur so lange Zeit, als ich mit dem Aufheben meines Visiers verbrächte, zögern würde, Euch zu jenem Bekenntnis zu zwingen, auf welches, wie Ihr schon wißt, mein Begehren steht.«

»Dann könnt Ihr, während wir zu Pferde steigen«, sprach Don Quijote, »mir doch wohl sagen, ob ich jener Don Quijote bin, den Ihr besiegt haben wollt.«

»Darauf antworte Ich Euch«, versetzte der Spiegelritter, »daß Ihr dem nämlichen Ritter, den ich besiegt habe, gleicht wie ein Ei dem andern; aber da Ihr sagt, daß Euch Zauberer verfolgen, so wage ich es nicht mit Gewißheit zu behaupten, ob Ihr der von mir gemeinte seid oder nicht.«

»Das genügt mir«, entgegnete Don Quijote, »um mich von Eurem Irrtum zu überzeugen; jedennoch, um Euch in jeder Beziehung daraus zu reißen, laßt unsere Rosse kommen, und in kürzerer Zeit, als Ihr gebraucht hättet, Euer Visier zu heben, wofern Gott, wofern meine Gebieterin und meines Armes Kraft mit mir sind, werde ich Euer Angesicht sehen, und Ihr werdet erkennen, daß ich nicht der besiegte Don Quijote bin, den Ihr meint.«

Hiermit brachen sie ihre Unterredung ab, bestiegen ihre Rosse, und Don Quijote wendete Rosinante, um den erforderlichen Anlauf wider seinen Gegner zu gewinnen; und das nämliche tat der Spiegelritter. Allein Don Quijote hatte sich noch keine zwanzig Schritte weit entfernt, als er hörte, wie der mit den Spiegeln ihm zurief; beide blieben auf halbem Wege halten, und der Spiegelritter sagte zu jenem: »Beachtet wohl, Herr Ritter, die Bedingung unsres Kampfes ist, daß der Besiegte, wie ich schon einmal gesagt, dem Sieger auf Gnade und Ungnade verfällt.«

»Ich kenne die Bedingung bereits«, versetzte Don Quijote; »doch vorbehalten, daß, was dem Besiegten auferlegt und anbefohlen wird, die Gesetze des Rittertums nicht überschreiten darf.«

»Das versteht sich«, antwortete der mit den Spiegeln.

In diesem Augenblick fielen Don Quijotes Blicke auf die merkwürdige Nase des Schildknappen, und er staunte sie nicht weniger als Sancho dermaßen an, daß er den Knappen für eine Mißgeburt hielt oder für einen Menschen ganz neuer Art, wie sie sonst in der Welt nicht vorkommen.

Als Sancho seinen Herrn abreiten sah, um einen Anlauf zu nehmen, wollte er mit dem Nasenungeheuer nicht allein bleiben; denn er fürchtete, wenn jene Nase der seinigen nur einen einzigen Schneller versetzte, so würde es mit seinem Fechten zu Ende sein, da er jedenfalls, sei es vom Stoße, sei es von der Angst, zu Boden gestreckt würde. Er lief seinem Herrn nach, faßte Rosinante am Steigriemen, und als ihm der Augenblick gekommen schien, daß Don Quijote zum Kampf wenden würde, sprach er zu ihm: »Ich bitte Euer Gnaden flehentlich, Herre mein, daß Ihr, ehe Ihr zum Angriff wendet, mir hier auf den Korkbaum helft, von wo ich viel angenehmer für mich und besser als von ebener Erde aus das kühne Turnier mit ansehen kann, das Euer Gnaden mit diesem Ritter bestehen will.«

»Ich glaube eher«, sprach Don Quijote, »du willst in die Höhe und auf das Gerüst, um dem Stiergefecht ohne Gefahr zusehen zu können.«

»Um die Wahrheit zu gestehen«, gab Sancho zur Antwort, »das Ungeheuer von Nase, das dieser Schildknappe an sich trägt, verursacht mir Angst und Entsetzen, und ich getraue mich nicht, allein bei ihm zu bleiben.«

»Allerdings ist sie derartig«, sprach Don Quijote, »daß, wäre ich nicht der Mann, der ich bin, sie auch mich erschrecken würde. Komm also, ich will dir hinaufhelfen, wo du hinbegehrst.«

Während Don Quijote sich dabei aufhielt, seinem Sancho auf den Korkbaum zu helfen, nahm der Spiegelritter soviel Feld zum Anlauf, als ihm nötig schien, und im Glauben, daß Don Quijote das nämliche getan, wartete er weder den üblichen Trompetenstoß ab noch sonst ein Zeichen zum Kampf, wandte sein Pferd, das weder leichtfüßiger noch bessern Aussehens war als Rosinante, und ritt in dessen schnellstem Lauf, das heißt in mäßigem Trab, vorwärts, um seinen Gegner anzurennen; aber da er ihn beim Hinaufklettern Sanchos beschäftigt sah, zog er die Zügel an und hielt mitten im Rennen still, wofür ihm sein Pferd höchst dankbar war, weil es sich schon nicht mehr rühren konnte. Don Quijote, in der Meinung, daß sein Gegner im Fluge herankomme, drückte seinem Rosinante die Sporen kräftig in die Lenden, die elenden, und trieb ihn zu solcher Eile, daß die Geschichte dies das einzige Mal nennt, wo er ein klein wenig galoppiert haben soll; denn die andern Male war es stets nur ein unverkennbarer Trab und nicht mehr. Mit diesem rasenden, noch nicht dagewesenen Ungestüm stürmte er dahin, wo der Spiegelreiter hielt und sich damit beschäftigte, seinem Pferde die Sporen bis an die Fersen einzubohren, ohne daß er es nur einen Zollbreit von der Stelle fortbringen konnte, wo es wie angewurzelt stehengeblieben war. In diesem günstigen Augenblick und Zustand fand Don Quijote seinen Gegner, wie er völlig durch sein Pferd und seinen Speer in Anspruch genommen war, den einzulegen er nicht verstand oder nicht genügend Zeit hatte. Don Quijote kümmerte sich nicht um diese mißlichen Umstände, und in aller Sicherheit und ohne jede Gefahr traf er den Spiegelritter mit so kräftigem Stoß, daß dieser sehr wider Willen über die Kruppe des Pferdes zu Boden flog und einen solchen Fall tat, daß er weder Hand noch Fuß rührte und wie tot dalag.

Kaum sah Sancho ihn am Boden, so rutschte er von seinem Korkbaum herunter und lief in aller Eile zu seinem Herrn; dieser stieg von Rosinante ab, machte sich über den Spiegelritter her, löste ihm die Helmriemen, um zu sehen, ob er tot sei, und damit die frische Luft ihm ins Gesicht streiche, wenn er sich vielleicht noch am Leben befinde, und sah ... Wer vermag zu sagen, was er sah, ohne in jedem, der dies hören wird, Staunen, Verwunderung und Entsetzen zu wecken? Er sah, berichtet die Geschichte, das leibhafte Angesicht, die wahre Gestalt, das ganze Äußere, die leibhaftigen Gesichtszüge, das wirkliche Ebenbild, das lebenstreue Äußere des Baccalaureus Sansón Carrasco.

Illustration

Bei diesem Anblick rief er mit laut erhobener Stimme: »Komm herbei, Sancho, und betrachte hier, was du sehen wirst, du wirst es nicht glauben; eile, mein Sohn, und merke, was die Magie vermag, was Hexenmeister und Zauberkünstler vermögen.«

Sancho kam herzu, und als er das Gesicht des Baccalaureus Sansón Carrasco erblickte, bekreuzte er sich tausendmal und segnete sich noch tausendmal dazu. Während dieser ganzen Zeit gab der niedergeworfene Ritter kein Lebenszeichen von sich, und Sancho sprach zu Don Quijote: »Ich bin des Dafürhaltens, Herre mein, Euer Gnaden sollte für den Fall, daß, und für den Fall, daß nicht, diesem hier, der aussieht wie der Baccalaureus Carrasco, das Schwert in den Mund stecken und hineinstoßen; vielleicht daß Ihr in diesem Mann einen von Euern Feinden, den Zauberern, umbringt.«

»Was du sagst, ist nicht übel«, versetzte Don Quijote; »denn je weniger Feinde, desto besser.« Und als er schon das Schwert zog, um Sanchos Rat und Weisung zu befolgen, kam der Schildknappe des Spiegelritters herzu, jetzt ohne die Nase, die ihn so häßlich gemacht hatte, und schrie mit gewaltiger Stimme: »Bedenket wohl, Señor Don Quijote, was Ihr tut, denn der Mann, den Ihr zu Euern Füßen liegen habt, ist der Baccalaureus Senór Carrasco, Euer Freund, und ich bin sein Schildknappe.«

Als Sancho ihn ohne seine frühere Häßlichkeit sah, sprach er zu ihm: »Und die Nase?«

Darauf antwortete jener: »Hier hab ich sie in der Tasche.«

Und er steckte die Hand rechts in die Hose und zog eine Maskennase aus lackiertem Pappdeckel von der beschriebenen Gestalt hervor, und als Sancho sich länger und länger verwunderte, brach er endlich laut aufschreiend in die staunenden Worte aus: »Heilige Maria, steh mir bei! Ist das nicht Tomé Cecial, mein Nachbar und Gevatter?«

»Ob ich es bin!« antwortete der entnaste Schildknappe. »Ich bin Tomé Cecial, o mein Gevatter und Freund Sancho Pansa! Und ich werd Euch sogleich all die Mittel und Wege, die Vorspiegelungen und Ränke erzählen, mit denen ich hergelockt worden; aber mittlerweile müßt Ihr Euern gnädigen Herrn bitten und anflehen, daß er den Spiegelritter zu seinen Füßen nicht berührt, mißhandelt, verwundet, umbringt; denn Ihr dürft nicht daran zweifeln, es ist der tollkühne und übelberatene Baccalaureus Sansón Carrasco, unser Landsmann.«

Indem kam der Spiegelritter wieder zu sich, und als Don Quijote das sah, hielt er ihm die Spitze seines entblößten Schwertes über das Gesicht und sprach zu ihm: »Ihr seid des Todes, Ritter, wenn Ihr nicht bekennt, daß die unvergleichliche Dulcinea von Toboso an Schönheit Eurer Casildea von Vandalien voransteht. Überdies müsset Ihr geloben, wofern Ihr aus diesem Strauß und Sturz mit dem Leben davonkommt, nach der großen Stadt Toboso zu ziehen und Euch ihr in meinem Namen zu stellen, damit sie mit Euch tue, was ihr zu Willen und Belieben stehen mag. So sie Euch aber die Freiheit gibt, so sollet Ihr im gleichen Augenblick umkehren, mich aufzusuchen, denn die Spur meiner Rittertaten wird Euch zum Führer dienen und Euch dahin geleiten, wo ich weile, und da sollet Ihr mir künden, was Ihr mit ihr besprochen habet. Das sind Bedingungen, die, denen gemäß, welche wir vor unserm Kampfe festgesetzt haben, die Gesetze des fahrenden Ritterwesens nicht überschreiten.«

»Ich bekenne«, sprach der gestürzte Ritter, »daß ein schmutziger und aus den Nähten gegangener Schuh des Fräuleins Dulcinea von Toboso mehr wert ist als der schlecht gekämmte, wenn auch saubere Bart Casildeas, und gelobe hinzuziehen und von ihrer Person zur Eurigen zurückzukehren und Euch völligen und umständlichen Bericht über alles zu erstatten, was Ihr mir gebietet.«

»Auch sollet Ihr bekennen und glauben«, fügte Don Quijote hinzu, »daß jener von Euch besiegte Ritter keineswegs Don Quijote von der Mancha war noch sein konnte, sondern ein anderer, der ihm ähnlich war; wie auch ich bekenne und glaube, daß Ihr, obschon Ihr das Aussehen des Baccalaureus Sansón Carrasco habt, es keineswegs seid, sondern vielmehr ein anderer, der ihm gleicht und den meine Feinde mir in seiner Gestalt hier vor die Augen gestellt, damit ich das heiße Ungestüm meines Zornes hemme und mäßige und damit ich des Siegerruhms mit Milde mich bediene.«

»Alles dies bekenn ich und sehe es so an und denke es, wie Ihr es glaubt und anseht und denket«, entgegnete der lendenlahme Ritter. »Laßt mich aufstehen, bitt ich Euch, wenn nämlich die Erschütterung von meinem Fall es mir erlaubt, der mich gar übel zugerichtet hat.«

Don Quijote und des Spiegelritters Schildknappe Tomé Cecial halfen ihm auf. Sancho verwendete kein Auge von dem letzteren und fragte ihn nach Dingen, deren Beantwortung ihm deutliche Beweise gab, er sei wirklich der Tomé Cecial, für den er sich ausgab; aber in Sancho hatte seines Herrn Behauptung, die Zauberer hätten die Gestalt des Spiegelritters in die des Baccalaureus Carrasco verwandelt, ängstliche Vorstellungen erweckt, die ihm nicht gestatteten, der Wahrheit Glauben zu schenken, die er doch mit seinen eigenen Augen sah. Kurz, Herr und Diener verharrten in ihrem Wahn, und der mit den Spiegeln und sein Schildknappe, grämlich, weil sie so übel gefahren, schieden von Don Quijote und Sancho mit der Absicht; ein Dorf aufzusuchen, um den Gestürzten zu verbinden und ihm die Rippen wieder einzurichten.

Don Quijote und Sancho wandten sich wieder auf ihren Weg nach Zaragoza, und hier verläßt sie die Geschichte, um zu berichten, wer der Spiegelritter war und sein großnasiger Schildknappe.

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