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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 11
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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10. Kapitel

Worin Sanchos List erzählt wird, deren er sich bediente, um das Fräulein Dulcinea zu verzaubern. Auch von andern Begebnissen, sämtlich ebenso kurzweilig wie wahrhaft

Indem der Verfasser dieser großen Geschichte zur Erzählung dessen gelangt, was er in diesem Kapitel erzählt, sagt er, er möchte es gern mit Stillschweigen übergehen aus Besorgnis, keinen Glauben zu finden, weil Don Quijotes große Narreteien hier den Gipfel und Grenzpunkt der größten erreichen, die zu erdenken sind, ja noch ein paar Flintenschußweiten über die größten hinausgehen. Am Ende aber, ungeachtet dieser Besorgnis und Furcht, hat er sie doch niedergeschrieben, und zwar geradeso, wie der Ritter sie vollführte, ohne der Geschichte auch nur ein Stäubchen Wahrheit zuzufügen oder wegzutun und ohne sich im geringsten um den Vorwurf vermeintlicher Lügenhaftigkeit zu kümmern, den man gegen ihn erheben könnte. Und er hatte recht; denn die Wahrheit bleibt immer die Wahrheit, und sie erhält sich immer über der Lüge wie Öl über dem Wasser. Und sonach fährt er mit seiner Geschichte fort und erzählt, daß Don Quijote, da er sich in dem Wäldchen, Eichenhain oder Gebüsch nahe bei dem großen Toboso versteckte, seinem Knappen gebot, nach der Stadt zurückzukehren und nicht wieder vor seinem Angesicht zu erscheinen, ohne vorher in seinem Namen mit seiner Gebieterin gesprochen und sie gebeten zu haben, sie möchte gelieben, ihrem in Liebe gefangenen Ritter ihren Anblick zu vergönnen, und geruhen, ihm ihren Segen zu spenden, damit er durch sie die Hoffnung herrlichsten Erfolges erlange bei all seinen Wagnissen und schwierigen Abenteuern. Sancho nahm es auf sich, so zu tun, wie ihm befohlen, und ihm einen ebenso guten Bescheid zu bringen, wie er ihm das erstemal gebracht.

»Geh, mein Sohn«, versetzte Don Quijote, »und gerate nicht in Bestürzung, wenn du vor dem Glanze der Schönheitssonne stehst, die du nunmehr aufsuchen sollst. Du Glücklicher vor allen Schildknappen auf Erden! Halte fest im Gedächtnis und laß es nicht daraus schwinden, wie sie dich empfängt; ob sie die Farbe wechselt, während du dastehst, ihr meine Botschaft auszurichten; ob sie Ruhe und Fassung verliert, wenn sie meinen Namen hört; ob sie es auf ihrem Polsterkissen nicht aushalten kann, falls du sie auf dem reichen Prunksitze ihres hohen Ranges sitzend findest; wenn aber sie dich stehend empfängt, so beobachte sie, ob sie sich bald auf den einen, bald auf den andern Fuß stellt; ob sie den Bescheid, den sie dir erteilt, zwei- oder dreimal wiederholt; ob sie ihn aus einem milden in einen rauhen, aus einem herben in einen liebreichen umändert; ob sie mit der Hand ans Haupthaar greift, um es zu ordnen, auch wenn es nicht in Unordnung ist. Kurz, mein Sohn, beobachte all ihre Handlungen und Bewegungen, denn wenn du sie mir so berichtest, wie sie waren, kann ich entnehmen, was alles sie bezüglich meiner Minne im geheimen Schrein ihres Herzens verschlossen hält. Du mußt nämlich wissen, Sancho, wenn du es noch nicht weißt: bei den Verliebten sind die äußeren Bewegungen und Handlungen, die sie sehen lassen, wenn von ihrer Liebe die Rede ist, die sichersten Boten, welche die Kunde dessen bringen, was dort im Innersten des Gemütes vorgeht. Geh, Freund, und es geleite dich ein anderes, ein besseres Glück als das meine, und es führe dich ein anderer, ein besserer Erfolg hierher zurück, als den ich fürchte und erharre in dieser bittern Einsamkeit, in der du mich verlassest.«

»Sofort geh ich und komm ich wieder«, erwiderte Sancho, »und macht nur, Herre mein, daß Euer Herzchen weiter wird: Ihr müßt jetzt ein so enges und kleines haben wie eine Haselnuß. Und bedenkt auch, wie man gemeiniglich sagt: Frischer Mut macht alles Böse gut, und wo's an Speckseiten fehlt, da fehlt's auch zum Aufhangen von Stangen; es heißt auch: Wo man's am wenigsten denkt, springt der Hase aus dem Korn. Damit will ich sagen, wenn wir diese Nacht nicht unsers Fräuleins Königsburg oder Palast gefunden haben, so denke ich's jetzt, wo es Tag ist, zu finden, wenn ich's am wenigsten denke, und ist es gefunden, so soll man mich nur mit ihr fertigwerden lassen.«

»Ganz gewiß«, sprach Don Quijote, »die Sprichwörter, die du beibringst, passen so auf die Gegenstände unserer Besprechung und glücken dir so, daß ich mir wahrlich besseres Glück von Gott erbitte für die Gegenstände meiner Sehnsucht.«

Nach diesen Worten seines Herrn wendete Sancho den Rücken und trieb seinen Esel mit dem Stecken an, Don Quijote aber blieb zu Pferde zurück, in den Bügeln ruhend und auf seinen Speer gelehnt, voll trüber und wirrer Gedanken. Darin wollen wir ihn denn lassen und wollen Sancho Pansa begleiten, der nicht minder verwirrt und nachdenklich von seinem Herrn schied, als dieser dort zurückblieb. Er befand sich in solcher Stimmung, daß er, als er den Kopf drehte und bemerkte, daß Don Quijote nicht mehr zu sehen war, sofort von seinem Tier abstieg, sich am Fuß eines Baumes niedersetzte und anfing, folgendermaßen mit sich zu Rate zu gehen: Laßt uns jetzt einmal hören, lieber Sancho, wo Euer Gnaden hin will. Geht Ihr aus, einen Esel zu suchen, der Euch etwa verlorengegangen? – Nein, sicherlich nicht. – Nun, was wollt Ihr denn suchen gehen? – Ich geh und suche, als ob das so gar nichts wäre, eine Prinzessin und in ihr die Sonne der Schönheit und den ganzen Himmel zusammen. – Und wo gedenkt Ihr zu finden, was Ihr da sagt? – Wo? In der großen Stadt Toboso. – Gut; aber in wessen Auftrag geht Ihr sie suchen? – Im Auftrag des ruhmreichen Ritters Don Quijote, der alle Unbilden abtut und dem Hungernden zu essen und dem Dürstenden zu trinken gibt. – Alles gut und schön. Wißt Ihr aber auch ihre Wohnung, Sancho? – Mein Herr sagt, das müsse ein königlicher Palast oder eine stolze Königsburg sein. – Und habt Ihr die Dame vielleicht irgendeinmal gesehen? – Weder mein Herr noch ich haben sie jemals gesehen. – Und meint Ihr, es wäre klug und wohlgetan, wenn die Leute zu Toboso erführen, daß Ihr Euch hier in der Absicht befindet, ihnen ihre Prinzessinnen abspenstig und ihre Damen rebellisch zu machen, damit sie dann kämen und Euch mit Prügeln die Rippen einschlügen und Euch keinen Knochen im Leibe ganz ließen? – Allerdings hätten sie da ganz recht, wenn sie nicht etwa in Betracht zögen, daß ich nur als Abgesandter komme; denn

Nur als Bote kommt Ihr, Guter,
Euch trifft kein Verschulden, nein.

– Verlaßt Euch nicht darauf, Sancho, denn die Leute aus der Mancha geraten ebenso leicht in Harnisch, wie sie auf ihre Ehre halten, und lassen sich von keinem auf der Nase tanzen. So wahr Gott lebt, wenn sie Euch wittern, versprech ich Euch, es geht Euch schlecht. – Bleib mir vom Leib, schlechter Kerl! Blitz, schlag anderswo ein! Ei gewiß, ich werde mich ohne Not in des Teufels Küche begeben, fremdem Gelüste zuliebe! Zudem, die Dulcinea in Toboso zu suchen ist geradeso, als wollte ich nach Jungfer Mariechen in Ravenna und nach dem Herrn Doktor in Salamanca fragen. Der Teufel, ja der Teufel hat mich in die Geschichte gebracht, und sonst keiner.

Dieses Selbstgespräch hielt Sancho mit sich, und die Lehre, die er daraus zog, sprach er jetzt in folgenden Worten aus: Nun gut, für alles und jedes gibt es eine Hilfe, nur für den Tod nicht, unter dessen Joch wir alle hindurchmüssen, so ungern wir's tun, wenn unser Leben zu Ende geht. Dieser mein Herr, das hab ich an tausend Zeichen ersehen, ist ein Narr zum Anbinden, aber auch ich stehe nicht viel hinter ihm zurück, denn da ich ihn begleite und geleite, bin ich noch verrückter als er, wenn das Sprichwort recht hat, das da lautet: Sag mir, mit wem du umgehst, so sag ich dir, wer du bist, oder wie das andere sagt: Frag nicht, wo seine Wiege steht, sondern mit wem er zur Atzung geht. Wenn mein Herr also ein Narr ist, wie er es wirklich ist, und eine Art Narrheit hat, die meistenteils ein Ding fürs andere nimmt und weiß für schwarz und schwarz für weiß hält wie damals, als er die Windmühlen für Riesen ausgab und die Maultiere der geistlichen Herren für Dromedare und die Schafherden für feindliche Heere und noch viel andere Dinge nach derselben Melodie, so wird es auch nicht schwerfallen, ihm weiszumachen, daß eine Bäuerin, die erste beste, die mir hierherum in den Wurf kommt, das Fräulein Dulcinea ist. Und wenn er's nicht glaubt, so beschwör ich's, und schwört er dagegen, so schwör ich noch einmal, und wenn er hartnäckig auf seinem Kopfe bleibt, so bleib ich noch hartnäckiger auf meinem, so daß mein Bolzen immer aufs Ziel trifft, es mag gehen, wie es will. Vielleicht, daß ich es gerade mit dieser meiner Hartnäckigkeit bei ihm dahin bringe, daß er mich nicht abermals auf dergleichen Botengängereien ausschickt, wenn er sieht, wie übel ich sie ausrichte; oder vielleicht glaubt er, wie ich mir die Sache vorstelle, daß ein böser Zauberer, einer von denen, die ihm feind sind, wie er zu sagen pflegt, ihre Gestalt verwandelt hat, um ihm Leid und Schaden zuzufügen.

Mit diesem Plan beruhigte sich Sancho in seinem Gemüte und hielt seine Aufgabe für wohl gelöst. Er verweilte nun dort bis zum Nachmittag, damit er Don Quijote so viel Zeit lasse, um annehmen zu können, er habe so viel Zeit gehabt, um nach Toboso hin- und zurückzuwandern; und es geriet ihm alles so gut, daß er, als er aufstand, um seinen Grauen zu besteigen, von Toboso her drei Bäuerinnen auf seinen Standort zukommen sah. Sie ritten auf drei Eseln oder Eselinnen, denn der Verfasser äußert sich darüber nicht bestimmt; doch kann man eher des Glaubens sein, daß es Eselinnen waren, da diese gewöhnlich von den Dorfbewohnerinnen zum Reiten benutzt werden. Allein da hierauf nicht viel ankommt, so brauchen wir uns mit der Richtigstellung dieses Punktes nicht aufzuhalten. Kurz, sobald Sancho die Bäuerinnen erblickte, ritt er in raschem Trab zurück, um seinen Herrn Don Quijote zu suchen, und fand ihn seufzend und zahllose Liebesklagen ausstoßend. Als Don Quijote ihn gewahrte, fragte er ihn: »Was gibt es, Freund Sancho? Soll ich diesen Tag mit weißer oder mit schwarzer Farbe anschreiben?«

Sancho antwortete: »Besser, Euer Gnaden schreibt ihn mit roter an, wie das Verzeichnis der neuen Doktoren am Schwarzen Brett, damit, wer es ansieht, es recht deutlich sehen kann.«

»Demnach«, versetzte Don Quijote, »bringst du gute Zeitung.«

»So gute«, entgegnete Sancho, »daß Euer Gnaden weiter nichts zu tun hat, als Rosinante zu spornen und hinaus ins freie Feld zu reiten, um das Fräulein Dulcinea von Toboso zu erschauen, die mit zwei anderen Fräulein, ihren Hofdamen, kommt, um Euer Gnaden aufzusuchen.«

»Heiliger Gott! Was sagst du, teurer Sancho?« rief Don Quijote. »Hüte dich, mich anzuführen und meinen wahren Schmerz mit falscher Freude aufzuheitern!«

»Was hätte ich davon, wenn ich Euer Gnaden anführen würde?« entgegnete Sancho, »zumal da Ihr ja doch im nächsten Augenblick die Wahrheit meiner Worte finden müßt? Setzt die Sporen ein, Señor, und kommt nur, und Ihr werdet die Prinzessin, unsere Herrin, kommen sehen, angezogen! und geschmückt! kurz, wie es ihrem Stande zukommt. Ihre Fräulein und sie, sie sind ein wahres Glutmeer von Gold, jede ist ein ganzer Perlenbüschel, jede ist lauter Demanten, lauter Rubinen, lauter Brokat mit einem Dutzend Lagen von Seiden- und Goldstickereien übereinander, die Haare hangen den Rücken herunter und sind wahre Sonnenstrahlen, die mit den Lüften spielen. Und was mehr als alles, sie reiten auf drei scheckigen Zelten. Schöneres ist in der Welt nicht zu ersehen.«

»Auf Zeltern willst du wohl sagen, Sancho.«

»Wenig Unterschied ist das«, entgegnete Sancho. »Aber sie mögen reiten, worauf immer sie reiten mögen, sie zeigen sich als die stattlichsten Fräulein, die man nur wünschen kann, besonders die Prinzessin Dulcinea, meine Gebieterin, daß einem die Sinne verzückt werden.«

»Vorwärts denn, Sancho, mein Sohn«, antwortete Don Quijote, »und zum Botenlohn für diese ebenso unverhoffte als gute Zeitung bestimme ich das beste Beutestück, so ich in meinem allernächsten Abenteuer gewinnen werde; und wenn dir das nicht genug ist, bestimme ich dir die Fohlen, die mir dies Jahr meine drei Stuten werfen werden, die, wie du weißt, auf unserer Gemeindewiese trächtig gehen.«

»Da halt ich mich an die Fohlen«, versetzte Sancho, »denn daß die Beutestücke aus Eurem ersten Abenteuer gut sein werden, ist nicht ganz sicher.«

Indem kamen sie schon aus dem Walde und erblickten die drei Bäuerinnen in der Nähe. Don Quijote ließ seine Blicke über den ganzen Weg nach Toboso hinschweifen, und da er niemanden weiter als die drei Bäuerinnen sah, geriet er in volle Bestürzung und fragte Sancho, ob er die Damen vor der Stadt verlassen habe.

»Wie denn vor der Stadt?« antwortete Sancho; »hat Euer Gnaden vielleicht die Augen hinten im Kopf, daß Ihr nicht seht, daß es die sind, die hier kommen, strahlend wie die Sonne am Mittag?«

»Ich sehe nichts«, sprach Don Quijote, »als drei Bäuerinnen auf drei Eseln.«

»Nun, so soll mich Gott vor dem Bösen behüten!« entgegnete Sancho; »ist es möglich, daß drei Zelter, oder wie die Dinger heißen, weiß wie der gefallene Schnee, Euer Gnaden als Esel vorkommen? So wahr Gott lebt, ich will mir den Bart ausreißen, wenn das wahr ist.«

»Ich aber sage dir, Freund Sancho«, versetzte Don Quijote, »so wahr sind es Esel oder Eselinnen, so wahr ich Don Quijote bin und du Sancho Pansa. Wenigstens kommen sie mir so vor.«

»Schweigt, Señor«, sprach Sancho, »sagt so was nicht, sondern putzt Euch die Augen aus und kommt und macht Eure Verbeugung vor der Herrin Eurer Gedanken, denn sie kommt schon ganz nahe.«

Mit diesen Worten ritt er voran, um die drei Bäuerinnen zu empfangen; er stieg von seinem Grautier, ergriff den Esel einer der drei Bäuerinnen am Halfter, fiel vor ihr auf beide Knie nieder und sprach: »Königin und Prinzessin und Herzogin der Schönheit, geruhe Euer Hochmütigkeit und Fürnehmigkeit in Gnade und Großgünstigkeit diesen Euern Sklaven anzunehmen, diesen Ritter, der hier zu Marmor versteinert dasteht, ganz verwirrt und ohne Pulsschlag darob, daß er sich vor Hochdero erhabener Gestaltung sieht. Ich bin sein Schildknappe Sancho Pansa, und er ist der weit und breit umirrende Ritter Don Quijote von der Mancha, auch mit anderem Namen geheißen der Ritter von der traurigen Gestalt.«

Jetzt hatte sich auch Don Quijote neben Sancho Pansa auf die Knie geworfen und schaute mit weit vortretenden Augen und wirrem Blick die an, welche Sancho Pansa als Königin und Herrin angeredet hatte, und da er nichts an ihr gewahr wurde als eine Dirne aus dem Dorf und dazu mit keineswegs hübschen Zügen, denn sie hatte ein kugelrundes Gesicht und eine Plattnase, so war er in Zweifeln und Staunen befangen und wagte nicht, die Lippen zu öffnen. Auch die Bäuerinnen waren hocherstaunt, als sie sahen, wie diese zwei Männer, so verschieden voneinander, auf den Knien lagen und ihre Gefährtin nicht von der Stelle ließen; diese aber brach das Schweigen und sagte höchst unfreundlich und ärgerlich: »Macht euch in Kuckucks Namen aus dem Weg und laßt uns weiter, wir haben Eil!«

Darauf entgegnete Sancho: »O Prinzessin und allumfassende Herrin von Toboso, wie mag Euer großgünstiges Herz sich nicht erweichen, wenn Ihr schauet, wie da niederkniet vor Eurem hocherhabenen Angesicht die Säule und Stütze des fahrenden Rittertums.«

Eine von den zwei andern hörte dies und sprach: »Prr! oder ich gerbe dir das Fell, willst du nicht fort, langohriger Gesell! Seh einer an, wie jetzt die Herrchen kommen und sich über die Mädchen vom Dorf lustig machen, als würden wir uns nicht so gut wie sie auf Sticheleien verstehen. Schert euch eurer Wege und laßt uns unserer Wege ungeschoren, oder es soll euch gereuen!«

»Erhebe dich, Sancho«, sprach hier Don Quijote; »wohl seh ich allbereits, daß das Schicksal, meines Leids noch nicht ersättigt, mir alle Straßen verlegt hat, wo dem armen trüben Herzen, das ich in diesem Busen trage, irgendeine Freude kommen kann. Und du, höchster Ausdruck aller Vortrefflichkeit, die sich nur erwünschen läßt, Inbegriff aller irdischen Liebenswürdigkeit, einziges Labsal dieses schwergeprüften Herzens, das dich anbetet! Sintemalen der boshafte Zauberer, der mich verfolget und mir einen Nebelflor und grauen Star auf die Augen gelegt und nur für meine und nicht für andrer Augen deine Schönheit sondergleichen und dein holdes Angesicht in das einer armseligen Bäuerin verwandelt und umgeschaffen hat – wenn er nicht auch das meinige umgeändert hat in das eines Ungetüms, damit es in deinen Augen verabscheuungswert erscheine –: oh, so verschmähe es nicht, mich mild und liebevoll anzuschauen, nachdem du in dieser Unterwürfigkeit und meinem Kniefall vor deiner jetzt so verunstalteten Schönheit die Demut erkennst, mit der meine Seele dich anbetet.«

»Sieh da! Erzähl das meinem Großvater!« gab die Bäuerin zur Antwort. »Wahrhaftig, das wäre mir recht, so verliebte Schnurren und nichts dahinter! Macht Platz und laßt uns weiter, so wollen wir's euch danken.«

Sancho machte Platz und ließ sie weiter, seelenvergnügt, daß ihm sein listiger Anschlag so wohl geglückt war. Kaum sah sich die Bauerndirne, die die Rolle Dulcineas gespielt hatte, frei, als sie ihren »Zelter« mit dem Stachel, den sie an einem Stecken hatte, antrieb und in größter Hast fort über die Wiese trabte; da aber die Eselin die Spitze des Steckens spürte, der ihr mehr als gewöhnlich zusetzte, fing sie an, auszuschlagen und Sätze zu machen, so daß sie das Fräulein Dulcinea zu Boden schleuderte. Als Don Quijote das sah, eilte er herbei, um ihr aufzuhelfen; und so auch Sancho, um den Sattel, der der Eselin unter den Bauch gerutscht war, zurechtzulegen und fester zu gürten. Als der Sattel wieder in Ordnung war und Don Quijote sein verzaubertes Fräulein in seinen Armen auf das Tier heben wollte, da überhob sie ihn dieser Mühe, trat etwas zurück, nahm einen kurzen Anlauf, legte der Eselin beide Hände auf die Kruppe, schwang ihren Körper, der leichter als ein Falke schien, in den Sattel und blieb darauf rittlings sitzen, als ob sie ein Mann wäre.

Da sagte Sancho: »So wahr ich lebe, unsere Prinzessin Gebieterin ist leichter als ein Jagdfalke und kann dem besten Reiter aus Córdoba oder Mexiko Unterricht geben, wie man in den Sattel springt. Mit einem Satz ist sie über den hinteren Sattelbogen gesprungen, und ohne Sporen treibt sie den Zelter wie ein Zebra zu eiligem Lauf, und ihre Kammerfräulein bleiben nicht hinter ihr zurück, denn sie eilen alle wie der Wind.«

Und so war es in der Tat; denn sobald sie Dulcinea im Sattel sahen, sprengten alle beide hinter ihr her und galoppierten auf und davon und wendeten den Kopf nicht um, bis sie über eine halbe Meile weit entfernt waren. Don Quijote folgte ihnen mit den Augen, und als sie nicht mehr zu sehen waren, wendete er sich zu Sancho und sprach zu ihm: »Sancho, was bedünket dich, wie verhaßt ich den Zauberern bin? Und sieh, wie weit sich ihre Bosheit erstreckt und die Feindseligkeit, die sie gegen mich hegen, da sie mich der Freude berauben wollten, die es mir bereitet hätte, meine Gebieterin in ihrer wahren Wesenheit zu erschauen. In der Tat, ich bin geboren, um das Vorbild aller vom Glück Verlassenen zu sein, Zielpunkt und Schießscheibe für alle Pfeile des Mißgeschicks. Auch mußt du wohl beachten, daß jene tückischen Schurken sich nicht daran genügen ließen, meine Dulcinea zu verwandeln und umzugestalten, sondern sie haben sie verwandelt und umgewandelt in ein so gemeines und häßliches Geschöpf wie jene Bauernmagd, und zugleich entzogen sie ihr, was so sehr das Wesentliche bei vornehmen Damen ist: das ist nämlich der Wohlgeruch, weil sie sich ja immer unter Ambra und Blumen bewegen. Denn ich tue dir zu wissen, Sancho, als ich herzueilte, um Dulcinea auf ihren Zelter zu heben – wie du es benennest, denn mir erschien es als eine Eselin –, da befiel mich ein Duft von rohem Knoblauch, der mir das Innerste verpestet und vergiftet hat.«

»Ha, ihr Lumpengesindel!« schrie hier Sancho, »ha, ihr unseligen, mißgünstigen Zauberer! Wer euch doch alle in einer Reihe hängen sähe, die Schnur durch die Kiemen gezogen wie Sardellen an der Gerte! Ihr wißt viel, ihr vermögt viel, und ihr tut noch weit mehr. Es müßte euch doch genug sein, ihr Schufte, daß ihr unsrem Fräulein die Perlen ihrer Augen in Galläpfel von Korkeichen verwandelt habt und Haar vom feinsten Gold in Borsten vom roten Farrenschwanz, kurz alle ihre Schönheiten in Häßlichkeiten, und mußtet sie auch noch an ihrem Geruch schädigen? Denn aus diesem wenigstens hätten wir entnehmen können, was unter der häßlichen Rinde verborgen war. Indessen, die Wahrheit zu sagen, ihre Häßlichkeit hab ich nie gesehen, sondern nur ihre Schönheit, die ums Zehnfache erhöht wurde durch ein Muttermal, das sie über der rechten Lippe hatte, nach Art eines Schnurrbarts, mit sieben oder acht blonden Haaren wie Goldfäden und über eine Spanne lang.«

»Nach diesem Mal zu schließen«, sagte Don Quijote, »da die Muttermale im Gesicht denen am Körper entsprechen, muß Dulcinea noch ein solches an der Vorderseite desjenigen Schenkels haben, welcher der Seite entspricht, wo sie das Mal im Gesichte hat; aber für Muttermale sind die Haare von der Größe, die du angibst, doch allzu lang.«

»Aber ich kann Euer Gnaden versichern«, warf Sancho ein, »daß sie an jener Stelle aussahen, als wäre das Fräulein damit auf die Welt gekommen.«

»Ich glaube es, Lieber«, versetzte Don Quijote, »denn die Natur hat nichts an Dulcinea geformt, das nicht vollkommen und durchaus vollendet wäre; und mithin, wenn sie hundert solcher Male hätte, wie du erwähnst, so wären sie an ihr nicht Muttermale, sondern Siegesmale und strahlende Sternbilder. Aber sage mir, der Sattel, den du ihr wieder festgeschnallt hast und der mir als ein Eselssattel erschien, war es ein gewöhnlicher Frauensattel oder einer mit Rückenlehne?«

»Es war nichts andres«, antwortete Sancho, »als ein Sattel mit kurzgeschnallten Bügeln, mit einer Schabracke, die ein halbes Königreich wert ist, so prachtvoll ist sie.«

»Und daß ich alles das nicht gesehen haben soll, Sancho!« klagte Don Quijote. »Jetzt sage ich wiederum und werde es tausendmal sagen: ich bin der unglücklichste unter allen Menschen.«

Der Schelm von Sancho hatte viel Mühe, das Lachen zu verbeißen, als er die Narreteien seines so köstlich angeführten Herrn zu hören bekam. Endlich, nachdem sie noch viele Worte miteinander gewechselt, bestiegen sie ihre Tiere wieder und verfolgten die Straße nach Zaragoza, wo sie zeitig genug einzutreffen gedachten, um an den herrlichen Festlichkeiten teilzunehmen, die in dieser erlauchten Stadt alljährlich abgehalten werden. Aber ehe sie dahin gelangten, erlebten sie so vieles, so Großes und Neues, daß es verdient, niedergeschrieben und gelesen zu werden, wie man im folgenden ersehen wird.

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