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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch - Kapitel 10
Quellenangabe
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titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Zweites Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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9. Kapitel

Worin berichtet wird, was darin zu finden ist

Mitternacht war's auf den Punkt, vielleicht auch etwas weniger oder mehr, als Don Quijote und Sancho den Wald verließen und in Toboso einzogen. Der Ort ruhte in tiefer Stille, denn all seine Bewohner lagen im Schlummer und schliefen auf beiden Ohren, wie man zu sagen pflegt. Die Nacht war zwischen hell und dunkel; doch hätte Sancho es lieber gehabt, sie wäre ganz finster, um in ihrer Finsternis eine Entschuldigung für seine einfältige Lüge zu finden. Im ganzen Ort hörte man nichts als Hundegebell, das Don Quijotes Ohren betäubte und Sanchos Herz beängstigte. Dann und wann iahte ein Esel, grunzten Schweine, miauten Katzen, und diese Stimmen von so verschiedenartigem Klang erschollen um so lauter, je stiller die Nacht war. All dies hielt der verliebte Ritter für eine böse Vorbedeutung, aber trotzdem sagte er zu Sancho: »Sancho, mein Sohn, sei du der Führer zu Dulcineas Palast, vielleicht finden wir sie noch wach.«

»Zu welchem Palast soll ich der Führer sein?« entgegnete Sancho; »derjenige, worin ich Ihre Hoheit sah, war nur ein ganz kleines Häuschen.«

»So muß sie sich damals gerade in ein kleines Nebengebäude ihrer Königsburg zurückgezogen haben«, versetzte Don Quijote, »um sich in der Einsamkeit mit ihren Hoffräulein zu erlusten, wie es Brauch und Sitte hoher Damen und Prinzessinnen ist.«

»Señor«, sprach Sancho darauf, »da nun einmal Euer Gnaden mir zum Trotze will, daß das Häuschen unsers Fräuleins Dulcinea eine Königsburg sein soll, ist denn dies jetzt eine Stunde, um etwa die Tür offen zu finden? Und war's wohlgetan, mit dem Türklopfer wider das Tor zu donnern, daß man uns hört und uns aufmacht und alle Welt in Schrecken und Aufruhr gebracht wird? Haben wir etwa vor, am Haus unserer Lustdirnen zu pochen wie Zuhälter, die zu jeder beliebigen Stunde kommen und anklopfen und eingehn, und sei es auch noch so spät?«

»Erst wollen wir die Königsburg finden«, versetzte Don Quijote, »und alsdann werd ich dir schon sagen, Sancho, was geraten ist zu tun. Aber höre, Sancho; entweder sehe ich nicht gut, oder jene mächtige Masse mit dem Schatten, den man von hier aus bemerkt, das muß es sein; diesen Schatten wirft gewiß der Palast Dulcineas.«

»So möge denn Euer Gnaden der Führer sein«, entgegnete Sancho, »vielleicht ist's wirklich so; aber auch wenn ich es mit den Augen sehe und mit den Händen greife, werd ich es geradeso glauben, wie ich glaube, daß es jetzt Tag ist.«

Don Quijote ritt voraus, und nachdem er etwa zweihundert Schritte zurückgelegt hatte, stieß er auf die mächtige Masse, die den Schatten warf, sah einen Turm und erkannte alsbald, daß besagtes Gebäude keine Königsburg, sondern die Hauptkirche des Ortes war, und sprach: »Auf die Kirche sind wir gestoßen, Sancho.«

»Ich seh's schon«, versetzte Sancho, »und wolle Gott, daß wir nicht an unser Grab geraten. Es ist kein gutes Zeichen, zu solcher Stunde auf Kirchhöfen herumzusteigen, zumal ich Euer Gnaden ja gesagt habe, wenn ich mich recht entsinne, daß des Fräuleins Haus in einem Sackgäßchen liegen muß.«

»Daß dich Gott verdamme, verrückter Mensch!« rief Don Quijote aus; »wo hast du je gefunden, daß die Burgen und Paläste der Könige in Sackgassen erbaut sind?«

»Señor«, antwortete Sancho, »ländlich sittlich; vielleicht ist's hier Sitte in Toboso, Paläste und große Gebäude in engen Gäßchen aufzuführen. Sonach bitte ich Euer Gnaden, laßt mich hier in ein paar Gassen oder auch Gäßchen suchen, die mir in den Wurf kommen; es wäre ja möglich, daß ich in irgendeinem Winkel auf diese Königsburg stieße – o sähe ich sie doch schon von den Hunden aufgefressen! –, der wir so kreuz und quer nachlaufen.«

»Sprich mit Ehrfurcht von Dingen, die meine Herrin betreffen«, fiel Don Quijote hier ein; »laß uns die Sache in Frieden betreiben, wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.«

»Gut, ich will mich im Zaum halten«, entgegnete Sancho; »aber wie soll ich geduldig ertragen, daß Euer Gnaden verlangt, ich solle von dem einzigen Mal, wo ich das Haus unserer Madam gesehen habe, es nun immerdar im Kopf haben und mitten in der Nacht finden können; da doch Euer Gnaden es nicht finden, der Ihr es vieltausendmal gesehen haben müßt?«

»Du wirst mich noch in Verzweiflung bringen, Sancho«, rief Don Quijote. »Komm mal her, du Lästermaul; habe ich dir nicht tausendmal erklärt, daß ich all mein Lebtag die unvergleichliche Dulcinea nicht mit Augen gesehen noch jemals die Schwelle ihres Palastes überschritten habe und daß ich nur vom Hörensagen und von wegen des großen Rufes ihrer Schönheit und Verständigkeit in sie verliebt bin?«

»Jetzo hör ich's«, antwortete Sancho, »und da sag ich, da Euer Gnaden sie nicht zu Gesicht bekommen hat – ich denn auch nicht.«

»Das kann nicht sein«, entgegnete Don Quijote; »wenigstens hast du mir bereits gesagt, du hättest sie gesehen, wie sie Weizen siebte, damals, als du mir die Antwort auf den Brief brachtest, den ich ihr durch dich übersandte.«

»Darauf könnt Ihr nicht gehen, Señor«, gab Sancho zur Antwort; »ich sag Euch, den Anblick Dulcineas und die Antwort, die ich Euch brachte, hatt ich auch nur vom Hörensagen, denn ich weiß geradesoviel, wer Fräulein Dulcinea ist, als wie ich dem Himmel eine Ohrfeige geben kann.«

»Sancho, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »alles hat seine Zeit; es gibt eine Zeit zum Spaßen und eine Zeit, wo Späße unschicklich und mißfällig sind. Darum, weil ich sage, ich habe die Gebieterin meines Herzens weder gesehen noch gesprochen, darfst du nicht auch sagen, du habest sie weder gesprochen noch gesehen, da doch, wie du weißt, das Gegenteil der Fall ist.«

Während die beiden in solchem Gespräche begriffen waren, sahen sie einen Mann mit zwei Maultieren in ihrer Nähe vorüberkommen, und sie schlossen aus dem Gerassel des Pflugs, der am Boden nachschleppte, es müsse ein Ackersmann sein, der früh vor dem Tag aufgestanden, um an seine Feldarbeit zu gehen. So war es auch wirklich. Der Landmann kam singend einher und ließ jene Romanze hören, die da lautet:

Schlimm geriet sie euch, Franzosen,
Jene Jagd in Roncesvalles.

»Ich will des Todes sein, wenn uns nicht diese Nacht was Schlimmes zustößt«, sprach Don Quijote. »Hörst du nicht, was der Bauer dort singt?«

»Freilich hör ich es; aber was hat die Jagd in Roncesvalles mit unserm Vorhaben zu schaffen? Er hätte ebensogut die Romanze vom Calaínos singen können, es wäre ganz einerlei für den guten oder schlechten Erfolg in unserer Angelegenheit.«

Indem kam der Landmann heran, und Don Quijote fragte ihn: »Könnt Ihr mir wohl sagen, guter Freund Ihr, dem Gott alles Glück verleihen wolle, wo ist hierherum der Palast der unvergleichlichen Prinzessin Dulcinea von Toboso?«

»Señor«, antwortete der Bursche; »ich bin hier fremd, es ist erst wenige Tage her, seit ich mich hier im Ort aufhalte, wo ich einem reichen Bauer bei der Feldarbeit helfe. Im Hause hier gegenüber wohnt der Pfarrer des Orts und der Küster; beide oder einer von ihnen kann Euer Gnaden Auskunft über diese Frau Prinzessin geben, denn sie führen das Verzeichnis aller Einwohner in Toboso. Indessen glaub ich nicht, daß in ganz Toboso eine Prinzessin wohnt; aber viele Damen, vornehm genug, daß eine jede in ihrem eigenen Hause eine Prinzessin vorstellen kann.«

»Unter diesen also, lieber Freund«, sprach Don Quijote, »muß sich die befinden, nach der ich frage.«

»Das ist möglich«, entgegnete der Bursche, »und Gott befohlen, denn schon bricht der Morgen an.«

Und hiermit trieb er seine Maultiere an und achtete auf keine Fragen weiter. Sancho sah, daß sein Herr nachdenklich und sehr ärgerlich war, und sagte zu ihm: »Señor, der Tag kommt rasch heran, und gar schlecht tät es uns passen, fänd uns die Sonn auf der Gassen. Es ist gewiß besser, wir machen uns zur Stadt hinaus, und Euer Gnaden versteckt sich irgendwo im Wald hier in der Nähe, und dann bei Tag komm ich wieder her und will hier im ganzen Ort keinen Winkel undurchsucht lassen nach unsres Fräuleins Haus, Königsburg oder Palast; und ich müßte doch gar viel Unglück haben, wenn ich den nicht finde, und sobald ich ihn finde, red ich mit Ihro Gnaden und sag ihr, wo und wie Euer Gnaden sich befindet und daß Ihr darauf wartet, daß sie Euch Befehl und Anweisung erteilen soll, damit Ihr sie ohne Nachteil für Ehre und Ruf des Fräuleins sprechen könnt.«

»Da hast du, Sancho«, bemerkte Don Quijote, »mit wenigen Worten viel Schönes und Wahres gesagt. Der Rat, den du mir hier gegeben hast, ist mir erwünscht, und ich nehme ihn aufs willigste an. Komm, mein Sohn, wir wollen suchen, wo ich mich verbergen kann; und du alsdann kehre wieder hierher, um meine Gebieterin zu suchen, zu sehen, zu sprechen, sie, von deren Klugheit und Edelsinn ich hohe und mehr als wundervolle Gunst und Gnade erwarte.«

Sancho war außer sich vor Ungeduld, seinen Herrn aus dem Orte fortzuschaffen, damit er nicht hinter die Lüge in betreff der Antwort komme, die er ihm von seiten Dulcineas nach der Sierra Morena gebracht hatte. Daher beschleunigte er den Abzug aus der Stadt, und er geschah augenblicks. Zweitausend Schritte von dem Orte fanden sie ein Wäldchen oder Gebüsch; darin versteckte sich Don Quijote, während Sancho zur Stadt zurückkehrte, um Dulcinea zu sprechen, bei welcher Gesandtschaft ihm Dinge begegneten, die neue Aufmerksamkeit und neues Vertrauen erheischten.

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