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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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49. Kapitel

Worin von der verständigen Zwiesprache berichtet wird, welche Sancho Pansa mit seinem Herrn Don Quijote hielt

»Aha!« sagte Sancho, »jetzt hab ich Euch gefangen. Das eben war mir lieb zu hören, so lieb als Seele und Seligkeit. Kommt mal her, gnädiger Herr! Könnt Ihr leugnen, was man gemeiniglich unter uns zu sagen pflegt, wenn es einem übel ist: ›Ich weiß nicht, was dem da fehlt; er ißt nicht, er trinkt nicht, er schläft nicht, und auf alle Fragen antwortet er verkehrt; es sieht geradeso aus, als wäre er verzaubert?‹ Daraus nun wird jeder annehmen, daß Leute, die nicht essen und nicht trinken und nicht schlafen und die bewußten natürlichen Dinge nicht verrichten, daß selbige Leute verzaubert sind, nicht aber die Leute, die den Drang verspüren, den Euer Gnaden verspürt; und Ihr trinket, wenn man's Euch verabreicht, und Ihr esset, wenn Ihr was habt, und antwortet auf jegliches, wenn man Euch fragt.«

»Ganz richtig ist, was du sagest, Sancho«, entgegnete Don Quijote. »Allein ich habe dir schon bemerkt, es gibt gar verschiedene Arten von Verzauberungen. Auch ist es möglich, daß mit der Zeit die eine Art sich in die andre verwandelt hat und daß es jetzt bei Verzauberten bräuchlich ist, alles zu tun, was ich tue, wenn sie es auch früherhin nicht getan haben, so daß man also gegen den Brauch der verschiedenen Zeiten keine Gründe geltend machen und auch keine Folgerungen daraus ziehen kann. Ich weiß und bin des festen Glaubens, daß ich verzaubert bin, und das genügt mir zur Beruhigung meines Gewissens; ja, ich würde mir ein großes Gewissen daraus machen, wenn ich glaubte, nicht verzaubert zu sein, und es geschehen ließe, daß ich müßig und feig in diesem Käfig sitze und so viele bedrängte und in Nöten befangene Leute um die Hilfe betröge, so ich selbigen gewähren könnte, welche gerade zu dieser Zeit und Stunde ohne Zweifel meines Beistandes und Schirmes aufs dringendste und aufs äußerste bedürfen.«

»Wohl«, versetzte Sancho, »trotz alledem sag ich, zu allem Überfluß und zur bessern Überzeugung wäre es gut, wenn Euer Gnaden versuchte, aus diesem Gefängnis zu kommen, und ich mache mich anheischig, mit allen Kräften dazu behilflich zu sein, ja, Euch herauszuholen; und daß Ihr dann wieder versuchtet, auf Euren wackern Rosinante zu steigen, der seinem Aussehen nach ebenfalls verzaubert ist, so schwermütig und trübselig geht er einher; und daß wir hierauf noch einmal unser Glück versuchten und auf Abenteuer auszögen. Sollte es uns aber damit nicht gut ergehen, so können wir immer noch in den Käfig zurückkehren, und auf mein Wort als eines redlichen und getreuen Schildknappen verspreche ich Euch, mich mit Euch darin einzusperren, falls Euer Gnaden so unglücklich oder ich ein solcher Esel sein sollte, daß es mir nicht gelänge, meinen Vorschlag zu glücklicher Ausführung zu bringen.«

»Ich bin's zufrieden, Freund Sancho, alles zu tun, was du willst«, erwiderte Don Quijote; »und sobald du eine Gelegenheit siehst, meine Befreiung ins Werk zu setzen, werde ich in allem und zu allem dir gehorsamen; du jedoch, Sancho, wirst ersehen, wie du dich täuschest in deiner Ansicht von meinem Mißgeschick.«

Mit solcherlei Gesprächen unterhielten sich der fahrende Ritter und sein übelfahrender Schildknappe, bis sie an die Stelle kamen, wo der Pfarrer, der Domherr und der Barbier schon abgestiegen auf sie warteten. Der Kärrner spannte seine Ochsen sogleich aus und ließ sie los und ledig auf dem begrünten lieblichen Platze weiden gehen, dessen frische Kühle zum Genusse einlud, freilich nicht so verzauberte Persönlichkeiten wie Don Quijote, sondern nur so gescheite und einsichtige Leute wie seinen Schildknappen. Der letztere bat den Pfarrer um Erlaubnis für seinen Herrn, sich auf eine kleine Weile aus dem Käfig herauszubegeben; denn wenn sie ihn nicht herausließen, würde dies Gefängnis nicht so reinlich bleiben, wie es sich für einen Ritter von so feinem Anstand gezieme.

Der Pfarrer merkte seine Absicht und erwiderte, er würde sehr gern diesen Wunsch erfüllen, wenn er nicht fürchten müßte, daß sein Herr, sobald er sich in Freiheit sähe, seine tollen Streiche begehen und sich auf und davon machen würde auf Nimmerwiedersehen.

»Ich bürge dafür, daß er nicht entspringt«, sagte Sancho.

»Ich auch und wir alle«, sprach der Domherr, »zumal wenn er mir sein Wort als Ritter gibt, sich ohne unsere Einwilligung nicht von uns zu entfernen.«

»Ja, ich gebe es«, fiel Don Quijote hier ein, der alles angehört hatte, »um so mehr, als jemand, der verzaubert ist wie ich, ohnehin nicht die Freiheit besitzt, über seine Person nach eignem Belieben zu verfügen. Denn der ihn verzaubert hat, kann bewirken, daß er nicht imstande ist, während dreier Jahrhunderte sich vom Fleck zu rühren; und wäre er auch entflohen, so zwingt ihn der Zauberer, im Fluge zurückzukehren.« Da dem nun so sei, so könnten sie ihn ganz gut von den Banden lösen, besonders da es allen zum Besten gereiche, und wenn sie ihn nicht lösten, dann würde, so beteuerte er ihnen, unfehlbar der Geruch sie belästigen, wenn sie sich nicht aus seiner Nähe weit wegmachten.

Der Domherr ergriff seine Hand, obwohl ihm beide noch gebunden waren, und auf sein Gelöbnis und Ehrenwort wurde er entkäfigt. Er freute sich unendlich und über die Maßen, wie er sich außerhalb des Käfigs sah. Das erste, was er tat, war, daß er seinen ganzen Körper reckte und streckte; dann trat er sofort zu Rosinante, schlug ihn zweimal mit flacher Hand auf die Kruppe und sprach: »Noch immer hoff ich zu Gott und seiner gebenedeiten Mutter, o du Blume und Spiegel aller Rosse; daß wir beide baldigst uns wieder so finden werden, wie wir es ersehnen, du dich mit deinem Herrn auf dem Rücken und ich mich auf dir, das Amt übend, für welches Gott mich in die Welt gesandt hat.«

Mit diesen Worten entfernte sich Don Quijote, ging nebst Sancho an eine abgelegene Stelle und kehrte von dort sehr erleichtert zurück mit um so lebhafterem Wunsche, alles auszuführen, was sein Schildknappe anordnen würde. Der Domherr betrachtete ihn aufmerksam und staunte ob der Seltsamkeit seiner gewaltigen Narreteien und zugleich darüber, daß er in allem, was er sagte und antwortete, einen so ausgezeichneten Verstand an den Tag legte und nur dann Bügel und Zügel verlor, wie schon früher zum öfteren gesagt, wenn man mit ihm vom Ritterwesen redete. Darob von Mitleid bewegt, sprach er zu Don Quijote, nachdem sie sich alle auf dem grünen Rasen gelagert, um den Mundvorrat des Domherrn zu erwarten: »Ist es möglich, edler Junker, daß das widerwärtige, eitle Lesen von Ritterbüchern die Gewalt über Euch hatte, Euch den Kopf so zu verdrehen, daß Ihr zuletzt gar glauben mögt, Ihr seiet wirklich verzaubert und anderes dergleichen, das von der Wahrheit so weit entfernt ist wie die Lüge von der Wahrheit? Und wie kann nur ein verständiger Mensch an die unendliche Menge von Amadísen glauben? Wie kann er glauben, daß es in der Welt jemals jenen wirren Haufen berühmter Ritter gegeben, so manchen Kaiser von Trapezunt, so manchen Felixmarte von Hyrkanien, so manchen Zelter, so manch fahrendes Fräulein, so viele Schlangen, so viele Drachen, so viele Riesen, so viele unerhörte Abenteuer, so viele Arten von Verzauberungen, so viele Schlachten, so viel ungeheuerliche Kämpfe, so vielen Prunk der Trachten, so viele verliebte Prinzessinnen, so viele Schildknappen, die zu Grafen werden, so viele witzige Zwerge, so manch Liebesbriefchen und so manch Liebesgetändel, so viele heldenhaft kämpfende Weiber, kurz, so zahlreiche und so ungereimte Begebenheiten, wie die Ritterbücher sie enthalten? Von mir muß ich sagen: wenn ich sie lese, machen sie mir einigermaßen Vergnügen, solange mein Geist sich von dem Gedanken fernhält, daß sie sämtlich Lüge und leichtfertige Torheit sind; aber sobald mir bewußt wird, was sie eigentlich sind, schleudere ich das beste von ihnen wider die Wand; ja, ich würde sie alle ins Feuer werfen, wenn ich gerade eines im Zimmer oder in der Nähe hätte, recht als Verbrecher, die eine derartige Strafe verdienen, weil sie Fälscher und Betrüger sind und sich ganz außerhalb der Verhältnisse bewegen, die der Menschennatur gemäß sind; auch als Erfinder neuer Lehren und neuer Lebensweise und als solche, die den unwissenden Pöbel verleiten, all die Albernheiten darin am Ende gar zu glauben und für wahr zu halten. Ja, sie erdreisten sich sogar, den Geist verständiger und edler Männer von gutem Stande in Verwirrung zu bringen, wie man wohl daraus ersehen kann, was sie Euer Gnaden angetan. Denn sie haben Euch in eine Verfassung gebracht, daß es notwendig geworden, Euch in einen Käfig zu sperren und auf einem Ochsenkarren zu fahren, wie wenn man einen Löwen oder Tiger von Ort zu Ort her oder hin führt, um ihn sehen zu lassen und Geld mit ihm zu verdienen. Wohlan denn, Señor Don Quijote, habt Mitleid mit Euch selber und kehrt in den Schoß der Vernunft zurück, versteht sie, die vom gütigen Himmel Euch in reichem Maße verliehen worden, zu gebrauchen und die glücklichen Gaben Eures Geistes auf das Lesen andrer Bücher zu verwenden, auf daß es Eurem Gewissen zum Heil und zur Erhöhung Eurer Ehre gereiche.

Und wenn Ihr dennoch, von Eurer angeborenen Neigung hingerissen, Bücher von Großtaten und vom Rittertum lesen wollt, so leset in der Heiligen Schrift das Buch der Richter, denn da werdet Ihr großartige Begebnisse finden und Taten, ebenso wahr wie heldenhaft. Einen Viriatus hatte Lusitanien, einen Cäsar Rom, einen Hannibal Karthago, einen Alexander Griechenland, einen Grafen Fernán González Kastilien, einen Cid Valencia, einen Gonzalo Fernández Andalusien, einen Diego García de Parédes Estremadura, einen Garcí-Pérez de Vargas Jeréz, einen Garcilaso Toledo, einen Don Manuel de Léon Sevilla, und deren Heldentaten zu lesen kann die ausgezeichnetsten Geister unterhalten, belehren, ergötzen und zur Bewunderung hinreißen. Dies würde allerdings eine Beschäftigung sein, würdig des klaren Verstandes Euer Gnaden, mein lieber Herr Don Quijote, und aus ihr würdet Ihr gelehrter in der Geschichte hervorgehen und als ein glühender Verehrer der Tugend, unterwiesen in allem Guten, gebessert in aller edlen Sitte, tapfer ohne Tollkühnheit, vorsichtig ohne Feigheit; und all dies Gott zu Ehren, Euch zum Nutzen und der Mancha zu hohem Ruhm, aus welcher Ihr, wie ich erfuhr, Eure Geburt und Abstammung herleitet.«

Mit höchster Aufmerksamkeit lauschte Don Quijote den Worten des Domherrn, und als dieser geendet hatte, blickte er ihm eine gute Weile ins Gesicht und sprach dann: »Mich bedünkt, edler Junker, die Reden Euer Gnaden gehen darauf hinaus, mir die Überzeugung beizubringen, daß es niemals fahrende Ritter in der Welt gegeben hat und daß alle Ritterbücher falsch, lügenhaft, schädlich und für das Gemeinwesen nutzlos sind, daß ich übel getan, sie zu lesen, noch übler, an sie zu glauben, und am allerübelsten, ihnen nachzuahmen, indem ich mich damit abgegeben, dem durch sie vorgezeichneten überharten Beruf des fahrenden Rittertums zu folgen – während Ihr mir in Abrede stellt, daß es jemals in der Welt Amadíse gegeben, weder von Gallien noch von Griechenland, noch irgendeinen der andern Ritter, von denen die Schriften voll sind.«

»All dieses ist buchstäblich so, wie Euer Gnaden es eben vorträgt«, sagte hier der Domherr.

Worauf Don Quijote erwiderte: »Auch fügte Euer Gnaden noch die Versicherung hinzu, es hätten mir die besagten Bücher großen Schaden zugefügt, da sie mir den Kopf verrückt und mich in einen Käfig gebracht hätten, und ich täte besser daran, mich zu belehren und meine Lesegewohnheiten zu ändern, nämlich andre Bücher zu lesen, die mehr der Wahrheit gemäß sind und bessere Ergötzung und Belehrung bieten.«

»So ist es«, sprach der Domherr.

»Ich aber«, versetzte Don Quijote, »finde meinesteils, daß der Mann ohne Verstand und der Verzauberte Euer Gnaden selbst ist, da Ihr es für richtig gehalten habt, dergleichen große Lästerungen gegen etwas auszustoßen, das überall in der Welt solche Geltung gefunden und für so wahr erachtet wird, daß, wer es leugnen wollte, wie Euer Gnaden es leugnet, dieselbe Strafe verdiente, die Ihr den Büchern auferlegt, wenn Ihr sie leset und sie Euch langweilen. Denn jemandem einreden zu wollen, daß Amadís nie auf Erden gelebt und ebensowenig auch die andern abenteuernden Ritter, von denen die Geschichtsbücher voll sind, das heißt einem einreden wollen, daß die Sonne nicht leuchtet und das Eis nicht kältet und die Erde uns nicht trägt. Mithin, welch vernünftiges Wesen kann es auf Erden geben, das einem andern einreden könnte, es sei nicht volle Wahrheit, was von der Prinzessin Floripes erzählt wird und von Guido von Burgund und von Fierabrás, nebst der Brücke von Mantible, was alles sich zu Zeiten Karls des Großen zugetragen? Ich schwör's bei allem, was heilig ist, dies ist alles so wahr, wie daß es jetzt Tag ist. Und wenn es Lüge ist, so muß es auch Lüge sein, daß je ein Hektor gewesen ist und ein Achilles und ein Trojanischer Krieg und die zwölf Pairs von Frankreich und König Artus von England, der noch bis heute in einen Raben verwandelt lebt, so daß man ihn von einem Augenblick zum andern in seinem Königreich zurückerwartet. Und dann mag man sich auch erdreisten, zu sagen, erlogen sei die Geschichte von Guarino Mezquino und die von der Aufsuchung des Heiligen Gral, und Fabeln seien die Geschichten von den Liebeshändeln Herrn Tristans und der Königin Isolde, wie von denen der Ginevra und des Lanzelot; während es doch Personen gibt, die sich beinahe noch erinnern, die Hofdame Quintañona gesehen zu haben, welche zu ihrer Zeit die beste Mundschenkin in ganz Großbritannien war. Und das ist so sicher wahr, daß ich mich erinnere, wie meine Großmutter von väterlicher Seite mir öfter sagte, wenn sie eine alte Dame in ehrwürdiger Haube sah: ›Die da, lieber Enkel, sieht aus wie die Hofdame Quintañona.‹ Daraus ziehe ich den Schluß, meine Großmutter muß sie gekannt haben oder sie hat wenigstens ein Bild von ihr gesehen.

Sodann, wer kann leugnen, daß die Geschichte von Peter und der schönen Magelona wahr ist, da man noch heutzutage in der Waffensammlung unsrer Könige den Zapfen sieht, mit welchem der Graf Peter das hölzerne Pferd hin und her lenkte, auf dem er durch die Lüfte flog? Und selbiger Zapfen ist etwas größer als eine Karrendeichsel. Und neben dem Zapfen sieht man dort den Sattel des Babieca, und in Roncesvalles befindet sich das Horn Roldáns, so groß wie ein mächtiger Balken. Woraus folgt, daß es einen Ritter Peter gegeben, daß es Männer wie Cid gegeben und andre dergleichen Ritter,

die, wie die Leute sagen,
hinausziehn auf ihre Abenteuer.

Wenn das geleugnet wird, so sage man mir doch auch, es sei unwahr, daß der tapfere Lusitanier Juan de Merlo ein fahrender Ritter war und nach Burgund hinzog und in der Stadt Arras gegen den berühmten Herrn von Charní, genannt der edle Herr Peter, im Zweikampf stritt und später in der Stadt Basel gegen den edlen Herrn Heinrich von Rabenstein und aus beiden Wagnissen als Sieger hervorging, reich an Ruhm und Ehre; und unwahr seien auch die ebenfalls in Burgund bestandenen Abenteuer und Herausforderungen der heldenhaften Spanier Pedro Barba und Gutierre Quijada – von dessen Geschlecht ich mich in geradem Mannesstamme ableite –, welche die Söhne des Grafen von Saint-Paul besiegten. Und so soll man mir auch leugnen, daß Don Fernando de Guevara nach Deutschland auf Abenteuer auszog, wo er mit Herrn Georg, einem Ritter vom Hofe des Herzogs von Österreich, seinen Strauß ausfocht. Man soll mir sagen, die Kämpfe des Suero de Quiñones, des Helden von jenem Waffengang, seien nur Spaß gewesen; Spaß nur die Kämpfe des edlen Herrn Luis de Falces, die er für seine Devise ausfocht gegen den kastilischen Ritter Don Gonzalo de Guzmán, nebst vielen andern Heldentaten, so christliche Ritter der spanischen und auswärtigen Reiche ausgerichtet haben, die so wahr und erwiesen sind, daß ich nochmals sagen muß: wer sie leugnen wollte, dem würde aller Menschenverstand und alle gesunde Vernunft fehlen.« Der Domherr war hocherstaunt über diese Mischung von Wahrheit und Lügen, welche Don Quijote vorbrachte, und zu sehen, welche Kenntnis er von allem hatte, was die Taten seines fahrenden Rittertums betraf und daran rührte, und so antwortete er ihm: »Ich kann nicht leugnen, Señor Don Quijote, daß einiges von dem, was Ihr gesagt, wahr ist, besonders was die fahrenden Ritter Spaniens angeht; und ebenso will ich auch zugeben, daß es zwölf Pairs von Frankreich gegeben hat, aber ich mag nicht glauben, daß sie all jene Taten getan, die der Erzbischof Turpin von ihnen berichtet. Das Wahre daran ist, sie waren von dem König von Frankreich auserlesene Ritter, die man Pairs, das heißt Ebenbürtige, nannte, weil sie an Tüchtigkeit, Adel und Tapferkeit alle einander ebenbürtig waren; und wenn sie es nicht waren, sollten sie es wenigstens sein. Es war also ein Orden wie die jetzt bekannten Orden von Santiago oder Calatrava, bei welchen vorausgesetzt wird, daß jeder darin Aufgenommene ein mannhafter und tapferer Ritter von guter Geburt ist. Und so wie man jetzt sagt ›Ritter vom heiligen Johannes‹ oder, ›von Alcantara‹, so sagte man zu jener Zeit ein ›Ritter aus der Zahl der zwölf Pairs‹, weil es zwölf in jeder Beziehung Ebenbürtige waren, die man für diesen Kriegsorden auserkor. Was den Punkt betrifft, ob es einen Cid gegeben, so ist daran kein Zweifel, ebensowenig daran, daß es einen Bernardo del Carpio gegeben; aber daß sie die großen Taten getan, die man erzählt, das ist meiner Meinung nach sehr zu bezweifeln. Was nun das andere betrifft, den Zapfen, den Ihr dem Grafen Peter zuschreibt und der neben dem Sattel Babiecas in der königlichen Waffensammlung zu sehen ist, so bekenn ich meine Sünde, ich habe zwar den Sattel, aber nicht den Zapfen zu sehen bekommen, so dumm oder so kurzsichtig muß ich wohl sein, wo er doch so groß ist, wie Euer Gnaden sagen.«

»Freilich ist er da, ohne allen Zweifel«, entgegnete Don Quijote; »und zum weiteren Wahrzeichen: er steckt in einem Futteral von Rindsleder, damit er nicht vom Schimmel angegriffen wird.«

»Das kann ja alles sein«, versetzte der Domherr, »aber bei den Weihen, die ich empfangen habe, ich entsinne mich nicht, daß ich ihn gesehen hätte. Aber auch wenn er sich dort befindet, so verpflichte ich mich darum noch nicht, die Geschichten von so viel Amadísen, von solchem wirren Haufen von Rittern zu glauben, die uns weit und breit erzählt werden. Und es liegt keine Vernunft darin, daß ein Mann wie Euer Gnaden, so ehrenhaft, voll so guter Eigenschaften, mit so klarem Verstande begabt, sich einbilden soll, daß die zahlreichen, jegliches Maß übersteigenden Narreteien Wahrheiten seien, die da in den abgeschmackten Ritterbüchern geschrieben stehen.«

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