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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 48
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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47. Kapitel

Von der seltsamen Art, wie Don Quijote verzaubert wurde, nebst andern denkwürdigen Begebnissen

Als sich Don Quijote solchergestalt eingekäfigt und auf dem Karren sah, sprach er: »Viele und sehr bedeutsame Historien hab ich von fahrenden Rittern gelesen; aber niemals hab ich gelesen noch gesehen noch gehört, daß man die verzauberten Ritter auf solche Weise von dannen führt und mit solcher Langsamkeit, wie diese trägen, schwerfälligen Tiere es erwarten lassen. Denn stets pflegt man sie mit wunderbarer Schnelligkeit durch die Lüfte davonzuführen, von einer dunkelgrauen Wolke umschlossen oder in einem feurigen Wagen oder etwa auf einem Hippogryphen oder einem andern Untier ähnlicher Art. Aber daß man mich jetzt, mich, auf einem Ochsenkarren hinschleppt, bei Gott, da steht mir der Verstand still. Indessen haben das Rittertum und die Zauberkunst dieser unsrer Zeiten vielleicht eine andre Manier angenommen, als die Alten pflagen; und da ich im Rittertum ein Neuling auf der Welt bin und der erste, der den bereits vergessenen Beruf der abenteuernden Ritterschaft wieder auferweckt hat, so könnte es wohl auch der Fall sein, daß neuerlich andre Arten von Verzauberungen erfunden wurden und andre Arten, verzauberte Ritter von dannen zu führen. Was bedünkt dich hievon, Sancho, mein Sohn?«

»Ich weiß wahrlich nicht, was mich bedünkt«, antwortete Sancho, »denn ich bin nicht so belesen in den fahrenden Büchern wie Euer Gnaden; aber bei alledem möchte ich behaupten und beschwören, die Gespenster, die hier umgehen, sind keine rechten, es kann kein Mensch recht an sie glauben.«

»An sie glauben?« rief Don Quijote, »o du Gerechter! Wie kann man an sie glauben, da sie doch sämtlich Teufelsgeister sind, die nur scheinbar Körper angenommen haben, um uns diese Geschichten aufzuspielen und mich in diesen Zustand zu versetzen? Und wenn du sehen willst, wie sehr wahr dies ist, berühre sie, befühle sie, und du wirst finden, daß sie nur Luftgebilde und leere Scheinwesen sind.«

»Bei Gott, Señor«, entgegnete Sancho, »ich habe sie schon befühlt; und dieser Teufel, der sich hier so geschäftig benimmt, hat festes derbes Fleisch und besitzt außerdem noch eine Eigenschaft, die ganz anders ist als die, welche ich den teuflischen Geistern habe nachsagen hören. Denn wie man sagt, riechen sie alle nach Schwefel und andern übeln Düften, dieser hingegen riecht auf eine halbe Meile weit nach Ambra.«

Sancho meinte damit Don Fernando, der als ein so vornehmer Herr allerdings den von Sancho erwähnten Wohlgeruch um sich verbreiten mochte.

»Wundere dich nicht darüber, Freund Sancho«, versetzte Don Quijote, »denn ich tue dir zu wissen, daß die Teufel sich auf gar vieles verstehen, und selbst wenn sie Gerüche mit sich führen, so riechen sie selbst doch nach nichts, weil sie Geister sind; und wenn sie nach etwas duften, können sie nicht nach etwas Gutem duften, sondern nur nach etwas Schlechtem und Stinkendem. Und warum? Da sie allerwärts die Hölle in ihrem Innern tragen und keine Erleichterung irgendwelcher Art in ihren Martern finden können; und da guter Geruch etwas Ergötzliches und Erfreuendes ist, so ist es nicht möglich, daß sie nach etwas Gutem riechen. Und wenn es dir so vorkommt, als rieche dieser teuflische Geist, von dem du sprichst, nach Ambra, so irrst du dich entweder, oder er will dich irreführen und dich verleiten, ihn nicht für einen Teufel zu halten.«

Solcherlei Zwiesprach geschah zwischen Herrn und Diener, und Don Fernando und Cardenio waren in Besorgnis, es möchte Sancho vollständig hinter ihren Anschlag kommen, da er schon ganz nahe daran war. Sie beschlossen daher, die Abreise zu beschleunigen, riefen den Wirt beiseite und befahlen ihm, Rosinante aufzuzäumen und dem Esel Sanchos seinen Sattel aufzulegen. Er tat es denn in aller Eile. Inzwischen hatte der Pfarrer mit den Landreitern die Abrede getroffen, daß sie ihn nach seinem Orte begleiten sollten, wofür er ihnen ein gewisses Tagesgeld zusagte. Cardenio hängte an Rosinantes Sattelbogen einerseits die Tartsche, andererseits die Barbierschüssel und gebot Sancho durch Zeichen, sich auf seinen Esel zu setzen und Rosinante am Zügel zu nehmen; zu beiden Seiten des Karrens stellte er je zwei von den Landreitern mit ihren Musketen auf.

Bevor jedoch der Karren sich in Bewegung setzte, kam die Wirtin mit ihrer Tochter und Maritornes heraus; sie stellten sich, als weinten sie vor Schmerz über sein Mißgeschick. Don Quijote sprach zu ihnen: »Weinet nicht, meine lieben Damen; allen derartigen Mißgeschicken sind diejenigen ausgesetzt, die sich zu dem Berufe bekennen wie ich, und wenn solche Trübsale mir nicht zustießen, würde ich mich nicht für einen fahrenden Ritter von Ruf erachten. Denn den Rittern von geringem Ruf und Namen widerfahren nimmer solcherlei Geschichten, sintemal niemand auf Erden sich um sie bekümmert; wohl aber den heldenhaften, die in zahlreichen Fürsten und viel andern Rittern Neider ihrer Tugend und Mannhaftigkeit haben, welche alle mit schlechten Mitteln die Guten zu verderben trachten. Aber bei alledem ist die Tugend so mächtig, daß sie durch sich selbst trotz all der Schwarzkunst, auf die sich deren erster Erfinder, Zoroaster, verstand, als Siegerin aus allen Nöten hervorgehen und das ihr eigene Licht über die Welt verbreiten wird, wie die Sonne es über den Himmel verbreitet. Verzeihet mir, huldselige Damen, wenn ich aus Unbedacht euch etwa eine Ungebühr angetan; denn mit Willen und Wissen habe ich solche nie jemandem zugefügt; und bittet zu Gott, daß er mich aus diesen Banden löse, in die irgendein übelwollender Zauberer mich geschlagen hat. Wenn ich mich aber von selbigen wieder frei sehe, werden mir die Gnaden, so ihr mir in dieser Burg erwiesen habt, nie aus dem Gedächtnis entfallen, auf daß ich sie verdanken, mit Diensten vergelten und belohnen kann, wie sie es verdienen.«

Während die Edelfrauen der Burg sich dergestalt mit Don Quijote im Gespräch ergingen, nahmen der Pfarrer und der Barbier Abschied von Don Fernando und seinen Gefährten, dem Hauptmann und seinem Bruder und von all den vergnügten Damen, insbesondere von Dorotea und Luscinda. Sie umarmten einander und verabredeten, sich gegenseitig Nachricht von ihren Schicksalen zu geben. Don Fernando sagte dem Pfarrer, wohin er ihm schreiben solle, um ihm mitzuteilen, was aus Don Quijote werden würde, und versicherte ihm, nichts könne ihm mehr Vergnügen machen als Nachricht hierüber; ebenso wolle er auch ihn von allem benachrichtigen, was nach seiner Meinung der Pfarrer gern vernehmen werde sowohl von seiner Trauung als auch von Zoraidas Taufe und von Don Luis' Schicksal und von Luscindas Rückkehr zu ihrer Familie. Der Pfarrer versprach, all ihre Aufträge pünktlichst auszuführen. Sie umarmten einander nochmals und wiederholten nochmals ihre Freundschaftsversicherungen.

Der Wirt trat jetzt zu dem Pfarrer heran und gab ihm ein Heft Papiere, die er im Unterfutter des nämlichen Mantelsacks entdeckt habe, in welchem er die Erzählung von dem Törichten Vorwitz gefunden, und da dessen Eigentümer nie wieder hierher zurückgekehrt sei, so möge er sie alle mitnehmen; denn da er selbst nicht lesen könne, so wolle er sie nicht behalten. Der Pfarrer dankte ihm dafür, schlug die Papiere auf und fand gleich zu Anfang der Handschrift den Titel: Novelle von Rinconete und Cortadillo. Er sah also, daß es eine Novelle war, und da die vom Törichten Vorwitz gefallen hatte, so folgerte er, das werde auch mit dieser der Fall sein, weil ja beide möglicherweise vom nämlichen Verfasser herrühren könnten; und so nahm er sie in Verwahrung, mit der Absicht, sie zu lesen, sobald er Muße dazu fände.

Dann stieg er zu Pferde, und so auch sein Freund, der Barbier, beide mit ihren Larven vor dem Gesicht, damit sie nicht gleich von Don Quijote erkannt würden, und sie begannen hinter dem Wagen herzutraben, und zwar in folgender Ordnung: zuerst kam der Karren, der von dem Eigentümer gefahren wurde; zu beiden Seiten hielten sich, wie gesagt, die Landreiter mit ihren Musketen; gleich danach folgte Sancho Pansa auf seinem Esel mit Rosinante am Zügel; hinter dem Ganzen her zogen der Pfarrer und der Barbier auf ihren mächtigen Maultieren, die Gesichter verhüllt, wie schon bemerkt, mit ernster und gelassener Haltung, nicht schneller reitend, als es der träge Schritt der Ochsen gestattete. Don Quijote saß in seinem Käfig, die Hände gebunden, die Füße ausgestreckt, an die Latten des Verschlags gelehnt, so schweigsam und so geduldig, als wäre er kein Mensch von Fleisch und Bein, sondern eine steinerne Bildsäule.

Und so zogen sie stets in gleicher Gemächlichkeit und Stille etwa zwei Meilen hin, bis sie zu einem Tale gelangten, das der Ochsenkärrner für einen passenden Ort hielt, um auszuruhen und seine Ochsen grasen zu lassen; doch als er dies dem Pfarrer sagte, war der Barbier der Meinung, man solle noch ein wenig weiterziehen, weil er wußte, daß hinter einer Anhöhe, die man von dort aus erblickte, sich ein Tal mit viel mehr und weit besserem Gras befinde. Der Vorschlag des Barbiers wurde angenommen und demnach die Reise wieder fortgesetzt.

Indem wendete der Pfarrer die Augen zurück und sah sechs oder sieben Berittene hinter ihnen herkommen, stattliche, wohlgekleidete Leute, von denen sie sehr bald eingeholt wurden; denn jene zogen nicht mit der Bedächtigkeit und Trägheit der Ochsen einher, sondern als Leute, die auf Maultieren von Domherrn ritten und vom Verlangen getrieben waren, möglichst bald in der Schenke, die sich auf eine Entfernung von weniger als einer Meile dort zeigte, Mittagsrast zu halten. Die Eilfertigen holten die Säumigen bald ein, sie begrüßten einander höflichst, und als der eine von den Ankömmlingen, ein Domherr zu Toledo, den wohlgeordneten Zug sah mit dem Karren, den Landreitern, Sancho, Rosinante, Pfarrer und Barbier und gar Don Quijote eingekäfigt und in Banden, konnte er nicht umhin, zu fragen, was es zu bedeuten habe, daß man diesen Mann auf solche Weise fortbringe; obzwar er schon, wegen der Landreiter, vermutet hatte, es müsse ein ruchloser Straßenräuber oder ein Verbrecher andrer Art sein, den die Heilige Brüderschaft verhaftet habe. Einer der Landreiter, derjenige, an den die Frage gerichtet war, antwortete also: »Señor, was es zu bedeuten hat, daß dieser Herr auf solche Weise fortgebracht wird, das mag er selber Euch sagen, denn wir wissen es nicht.«

Don Quijote hörte diese Worte und sprach: »Sind Eure Gnaden, ihr Herren Ritter, vielleicht in betreff der fahrenden Ritterschaft belesen und erfahren? Denn wenn ihr es seid, so will ich euch meine traurigen Schicksale mitteilen; und wenn nicht, so seh ich keinen Grund, mich mit der Erzählung zu bemühen.«

Inzwischen waren der Pfarrer und der Barbier, welche bemerkt hatten, daß die Reisenden sich in ein Gespräch mit Don Quijote eingelassen, schon herzugekommen, um ihnen so zu antworten, daß ihr listiger Anschlag nicht entdeckt werde.

Der Domherr gab Don Quijote zur Antwort: »In der Tat, lieber Freund, weiß ich mehr von Ritterbüchern als von den Summulae des Villalpando; wenn es also nur hierauf ankommt, so könnt Ihr mir in voller Seelenruhe alles mitteilen, was Ihr wollt.«

»In Gottes Namen denn«, entgegnete Don Quijote. »Da es also ist, so sollt Ihr wissen, Herr Ritter, ich weile in diesem Käfig verzaubert durch Neid und Trug bösartiger Zauberer; denn die Tugend wird von den Bösen weit mehr verfolgt als von den Guten geliebt. Ich bin ein fahrender Ritter, und zwar keiner von jenen, an deren Namen die Göttin Fama niemals gedacht hat, um sie zu verewigen, sondern einer von jenen, welche zu Trotz und Ärger dem Neide selbst und zum Leidwesen all der Magier Persiens, der Brahmanen Indiens und der Gymnosophisten Äthiopiens ihren Namen einschreiben werden im Tempel der Unsterblichkeit, auf daß er in kommenden Jahrhunderten zum Beispiel und Vorbild diene, aus welchem die fahrenden Ritter ersehen mögen, welche Lebenswege sie zu wandeln haben, wenn sie zum Gipfelpunkt und zur erhabensten Höhe des Waffenwerks gelangen wollen.«

»Wahr spricht der Herr Don Quijote«, sagte jetzt der Pfarrer, »verzaubert zieht er hin auf diesem Karren, nicht ob seiner Verschuldungen und Sünden, sondern ob der bösen Gesinnung jener, welchen die Tugend zuwider und die Tapferkeit ein Ärgernis ist. Dieser Mann, Señor, ist der Ritter von der traurigen Gestalt, falls Ihr etwa ihn zu irgendwelcher Zeit schon habt nennen hören, dessen mannhafte Taten geschrieben stehen werden auf hartem Erz und ewigem Marmor, sosehr sich auch der Neid abmühen möge, sie zu verdunkeln, und die Bosheit, sie in die Verborgenheit zu drängen.«

Als der Domherr den Mann in Gefangenschaft und den Mann in Freiheit beide auf solche Weise reden hörte, wollte er sich schier vor Staunen und Verwunderung bekreuzigen, und er wußte kaum, wie ihm geschah; und in nicht minderes Staunen verfielen seine Begleiter alle. Inzwischen hatte sich Sancho Pansa genähert, um das Gespräch zu hören, und um alles in Richtigkeit zu bringen, fiel er ein: »Jetzt, ihr Herren, ob ihr nun gut oder übel aufnehmt, was ich sagen will, die Sache ist die, daß mein Herr Don Quijote geradeso verzaubert ist wie meine Frau Mutter: er hat seinen völligen Verstand und ißt und trinkt und verrichtet seine Bedürfnisse wie andre Menschen und wie er es noch gestern getan hat, bevor man ihn eingekäfigt hat. Und da dem so ist, wie wollt ihr mir weismachen, er sei verzaubert? Ich habe ja viele Leute sagen hören, daß die Verzauberten weder essen noch schlafen noch reden, und mein Herr hingegen, wenn man ihm nicht Einhalt tut, redet mehr als dreißig Advokaten.«

Sodann wandte er sich zu dem Pfarrer, sah ihn an und fuhr so fort: »Ach, Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! Hat Euer Gnaden gemeint, ich kenne Euch nicht? Und könnt Ihr meinen, ich verstehe nicht und errate nicht, worauf diese neuen Verzauberungen hinauswollen? Wohl, so vernehmt, daß ich Euch kenne, sosehr Ihr Euch das Gesicht verdeckt, und wisset, daß ich Euch verstehe, sosehr Ihr Euere Ränke verbergen möget. Kurz, wo der Neid regiert, da kann die Tugend nicht bestehen, und wo der Geiz zu Hause ist, da ist keine Freigebigkeit. Daß doch der Teufel den Teufel holte! Wenn Euer Ehrwürden sich nicht dareingemengt hätte, so wäre mein Herr jetzt schon mit der Prinzessin Míkomikona verheiratet und ich zum mindesten ein Graf; denn ein geringerer Ehrensold ließ sich nicht erwarten, einerseits von dem guten Herzen meines Herrn, des Ritters von der traurigen Gestalt, und anderseits von der Größe meiner Verdienste. Aber ich sehe es schon, wahr ist, was man draußen in der Welt sagt: das Rad des Glückes dreht sich hurtiger als ein Mühlrad, und wer gestern obenauf war, liegt heut am Boden. Um Weib und Kinder ist mir's leid; denn gerade als sie hoffen konnten und sollten, sie würden ihren Vater als Statthalter oder Unterkönig einer Insul oder eines Reiches durch ihre Tore einziehen sehen, da werden sie ihn einziehen sehen als einen Pferdeknecht. Mit allem, was ich da sage, Herr Pfarrer, will ich weiter nichts, als Euer Würden dringend bitten, Ihr möchtet Euch ein Gewissen daraus machen, daß mein Herr so schlecht behandelt wird, und möchtet wohl achthaben, daß nicht Gott in jener Welt Rechenschaft von Euch fordert für diese Einkerkerung meines Herrn und es Euch dereinst schwer anrechnet, daß mein Herr all die Zeit, wo er gefangen liegt, so viele Rettungswerke und Guttaten ungetan lassen muß.«

»Ei, ei, das Lämpchen flackert und muß geschneuzt werden!« sagte hierauf der Barbier; »auch Ihr, Sancho, gehört zur Kumpanei Eures Herrn? So wahr Gott lebt, ich seh es kommen, daß Ihr ihm bald im Käfig Gesellschaft leisten und ebenso verzaubert werden müßt wie er für den Anteil, den Ihr an seinem Sparren und an seinem Rittertum habt. Zu übler Stunde habt Ihr von seinen Verheißungen Euer Hirn schwängern lassen; im unglücklichsten Augenblick ist Euch die heißerwünschte Insul in den Sinn gekommen.«

»Ich bin von niemandem geschwängert worden«, antwortete Sancho, »ich bin nicht der Mann, der sich schwängern ließe, ja nicht einmal vom König selber. Wiewohl ein armer Mann, bin ich ein Christ von altem Blut und bin niemandem nichts schuldig; und wenn ich auch Insuln wünsche, so wünschen andere anderes und Schlimmeres. Und jeder ist der Sohn seiner Taten, und dafern ich nur ein Mann bin, kann ich's doch noch dahin bringen, daß ich Papst werde, wieviel eher also Statthalter einer Insul, zumal deren mein Herr so viele erobern kann, daß es ihm an Leuten fehlen wird, sie ihnen zu verschenken. Also überlege Euer Edlen, was Ihr redet, Herr Barbier, denn Bärtescheren ist nicht alles, und es ist immer ein Unterschied zwischen Peter und Peter. Das sage ich, weil wir einander alle kennen, und mir darf man nicht mit falschen Würfeln kommen; und wie es mit der Verzauberung meines Herrn zugegangen ist, das weiß Gott am besten, und dabei wollen wir's lassen, denn wenn man darin herumrührt, wird's immer schlimmer.«

Der Barbier wollte Sancho keine Antwort geben, damit er in seiner Einfalt nicht alles verriete, was er und der Pfarrer so sehr zu verbergen suchten. Aus der nämlichen Besorgnis heraus hatte der Pfarrer den Domherrn gebeten, ein wenig mit ihm vorauszureiten; er wolle ihm alsdann das Geheimnis von dem eingekäfigten Ritter mitteilen, nebst manchem anderen, was ihm Vergnügen machen werde. Der Domherr war es zufrieden, ritt mit seinen Dienern und mit ihm voraus und horchte aufmerksam auf die Mitteilungen über Don Quijotes Denkart, Lebenslauf, Torheit und Gewohnheiten, wobei der Pfarrer in aller Kürze von dem Ursprung und Grund der Verrücktheit des Ritters berichtete, dann vom weiteren Verlauf seiner Geschichte bis dahin, wo er in den Käfig gesperrt wurde, und endlich von ihrer Absicht, ihn nach seiner Heimat zu bringen, um womöglich irgendein Heilmittel für seine Verrücktheit zu finden.

Aufs neue verwunderten sich die Diener und der Domherr über Don Quijotes seltsame Geschichte, und der Domherr sprach, als er sie zu Ende gehört: »Wahrhaftig, Herr Pfarrer, ich meinesteils finde, daß die sogenannten Rittergeschichten dem Gemeinwesen schädlich sind; und obgleich ich aus Langerweile und verkehrter Leselust beinah von allen, die gedruckt sind, den Anfang durchgegangen, so habe ich es nie dahin bringen können, auch nur eine bis zu Ende zu lesen. Denn es bedünkt mich, daß sie meiner Meinung nach alle mehr oder weniger einander völlig gleich sind und in der einen nicht mehr und nicht weniger steht als in der anderen. Und wie mir deucht, gehört diese Art von Schriftstellerei oder Dichtung zur Art jener Milesischen Märchen, welche ungereimte Erzählungen sind, die nur ergötzen und nicht belehren wollen; im Gegensatz zu den Äsopischen Fabeln, welche sowohl ergötzen als auch belehren. Und wenn nun auch der hauptsächliche Zweck solcher Bücher ist zu ergötzen, so weiß ich nicht, wie sie ihn erreichen können, da sie voll so vieler ungeheuerlicher Abgeschmacktheiten sind. Denn das Ergötzen, das der Geist sucht, soll er nur empfinden ob der Schönheit und der richtigen Verhältnisse alles einzelnen, die er an den Dingen findet, wie sie ihm der lebendige Anblick oder die Phantasie vorführt; und alles, was Häßlichkeit und Mißverhältnis in sich hat, kann unmöglich Vergnügen in uns erregen. Nun aber, welche Schönheit oder welches Verhältnis der Teile zum Ganzen kann in einem Buch oder Märchen vorhanden sein, wo ein Junge von sechzehn Jahren einem turmhohen Riesen einen Schwerthieb versetzt und ihn mitten auseinanderhaut, als wäre er von Zuckerteig? Und wie erst, wenn man uns eine Schlacht schildern will, nachdem man gesagt, es stünden auf feindlicher Seite mehr als eine Million Streiter? Falls nur der Held des Buches gegen sie ist, so müssen wir notgedrungen, so ungern wir's auch tun, für wahr annehmen, daß der besagte Ritter den Sieg durch die Tapferkeit seines starken Armes allein davongetragen hat. Und dann, was sollen wir von der leichtsinnigen Bereitwilligkeit sagen, mit der eine Königin oder die Erbin eines Kaisertums sich einem ihr unbekannten fahrenden Ritter an den Hals wirft? Welcher Geist, wenn er nicht völlig roh und ungebildet ist, kann sich daran vergnügen, zu lesen, wie ein großer Turm voll Ritter über Meer fährt gleich einem Schiff unter günstigem Winde und heut in der Lombardei Nachtruhe hält und morgen in der Frühe sich in den Landen des Priesters Johannes von Indien befindet oder in anderen, die weder Ptolomäus entdeckt noch Marco Polo gesehen hat?

Und wollte man mir hierauf entgegnen, daß die Verfasser von Büchern dieser Art sie nur als erdichtete Geschichten niederschreiben und daß sie daher nicht verpflichtet sind, auf Schicklichkeit und auf Wahrheit der Tatsachen zu sehen, so würde ich ihnen antworten müssen, daß die Lüge um so besser ist, je mehr sie wahr scheint, und um so mehr gefällt, je mehr sie Wahrscheinliches und Mögliches enthält. Die Dichtung muß sich mit dem Geiste des Lesers vermählen; das heißt, man muß das Erdichtete so gestalten, daß es das Unmögliche begreiflich macht, das Allzuhohe ebnet, die Geister in Spannung versetzt und mithin uns in solchem Grade Staunen abnötigt, uns aufregt und unterhält, daß Verwunderung und frohe Stimmung stets gleichen Schritt halten. Und all dieses wird der nicht zustande bringen können, der sich von der Wahrscheinlichkeit und der Nachahmung der Wirklichkeit fernhält, worin die Vollkommenheit eines Buches besteht. Nie hab ich ein Ritterbuch gesehen, dessen Dichtung ein einheitliches Ganzes mit all seinen Gliedern gebildet hätte, so daß die Mitte dem Anfang entspräche und das Ende dem Anfang und der Mitte; vielmehr setzen sie die Erzählung aus so viel Gliedern zusammen, daß es eher den Anschein hat, sie beabsichtigen eine Chimära oder sonst ein widernatürliches Ungetüm zu bilden, als eine Gestalt von richtigen Verhältnissen zu schaffen. Außerdem sind sie im Stile hart, in den erzählten Taten unwahrscheinlich, in den Liebeshändeln unzüchtig, in den Feinheiten des Umgangs unbeholfen, weitschweifig in den Schlachten, albern in den Gesprächen, ungereimt in den Reisen und, kurz, alles Kunstverständnisses bar und darum wert, aus dem christlichen Gemeinwesen als unnütz verbannt zu werden.«

Der Pfarrer hörte ihm höchst aufmerksam zu und erkannte in ihm einen Mann von gesundem Verstand, der in allen seinen Behauptungen recht hatte. Daher sagte er ihm, weil er ganz und gar mit ihm gleicher Meinung sei und gegen die Ritterbücher einen Widerwillen hege, habe er die ganze Sammlung Don Quijotes verbrannt, und die sei nicht klein gewesen. Und dann erzählte er ihm, wie er Gericht über sie gehalten und welche er zum Feuer verurteilt und welche er am Leben gelassen habe. Darüber lachte der Domherr nicht wenig und meinte, trotz all dem Bösen, das er über die besagten Bücher gesagt, finde er in ihnen immerhin ein Gutes, nämlich daß ihr Gegenstand stets ein solcher sei, daß in ihnen ein guter Kopf sich zeigen könne; denn sie öffneten ein weites, geräumiges Feld, über das die Feder ohne irgendwelches Hindernis hineilen könne, um Schiffbrüche, Seestürme, Scharmützel und Schlachten zu beschreiben; einen tapfern Feldherrn zu schildern mit all den Eigenschaften, die zu einem solchen erforderlich sind: sich als vorsichtig bewährend, den listigen Anschlägen seiner Feinde zuvorkommend, ein gewandter Redner, der seine Krieger zu allem überreden oder ihnen jegliches ausreden kann, bedächtig im Rat, rasch zur Tat, ebenso mannhaft entschieden im Abwarten wie im Angreifen; bald einen jammervollen, schmerzlichen Vorgang darzustellen, bald ein freudiges und unverhofftes Ereignis, dort eine wunderschöne, tugendsame, verständige und sittige Dame, hier einen Ritter voll christlichen Heldenmutes und feiner Gesittung zu zeichnen, dort hingegen einen ungeschlachten, großsprecherischen Barbaren, an anderem Orte einen freundlichen, tapferen, weitblickenden Fürsten; die Biederkeit und Treue der Untertanen, die Größe und Freigebigkeit der Herrscher. Bald kann er sich als Sterndeuter zeigen, bald als Meister der Erdbeschreibung, bald als Musiker, bald als Kenner der Staatsangelegenheiten; ja, vielleicht kommt ihm einmal die Gelegenheit, sich, wenn er Lust hat, als Schwarzkünstler zu zeigen. Er kann die Verschlagenheit des Odysseus und die Kühnheit des Achilles darstellen, Hektors trauriges Geschick, Sinons Verräterei, die Freundschaft des Euryalus, Alexanders Großmut, den Heldensinn Cäsars, die Milde und Aufrichtigkeit Trajans, die Treue des Zopirus, die Weisheit Catos und, endlich, all jene Tugenden, die einen hochgestellten Mann vollkommen machen können, indem er sie bald in einem einzigen Helden zusammengesellt, bald sie unter viele verteilt. Und wenn dies mit gefälliger Anmut des Stils geschieht und mit sinnreicher Erfindung, die soviel als möglich das Gepräge der Wahrheit trägt, dann wird er ohne Zweifel ein Gewebe weben, aus mannigfachen und reizenden Verschlingungen gebildet, das, wenn es erst zustande gebracht worden, eine solche Vollkommenheit und solchen Reiz der Gestaltung zeigt, daß es das schönste Ziel erreicht, das man in Büchern anstrebt, nämlich zugleich zu belehren und zu ergötzen, wie ich schon bemerkt habe. Denn der zwanglose Stil dieser Bücher gewährt dem Verfasser Freiheit und Raum, sich als epischer, lyrischer, tragischer, komischer Dichter zu zeigen, in der ganzen Vielseitigkeit, die in den holden und heiteren Künsten der Poesie und Beredsamkeit enthalten ist – denn die epische Dichtung läßt sich ebensogut in Prosa als in Versen schreiben.

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