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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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38. Kapitel

Welches von der merkwürdigen Rede handelt, die Don Quijote über die Waffen und die Wissenschaften hält

Don Quijote fuhr folgendermaßen fort: »Da wir bei dem Studenten mit der Armut und der Art und Weise, wie sie sich fühlbar macht, angefangen haben, so wollen wir jetzt untersuchen, ob der Soldat reicher ist, und wir werden sehen, daß es im Reiche der Armut selbst keinen Ärmeren gibt. Denn er muß sich lediglich an seinen elenden Sold halten, der spät oder niemals eintrifft, oder an das, was er unter beträchtlicher Gefährdung seines Lebens und seines Gewissens mit eignen Händen erbeutet. Und zuweilen ist er von allem so entblößt, daß ein zerhauener Lederkoller ihm als Paraderock und als Hemd dienen muß, und mitten im Winter, auf freiem Felde, kann er sich meistens vom Ungemach der Witterung nur durch den Hauch seines Mundes erholen, der aber, da er aus leerem Inneren kommt, gegen alle Gesetze der Natur, ich halte das für erwiesen, kalt aus dem Gaumen kommen muß. Nun wartet einmal ab, wie er die Nacht abwartet, um sich von all diesen Unbequemlichkeiten in dem Bette zu erholen, das für ihn bereitsteht und das, wenn nicht etwa durch seine eigne Schuld, niemals an dem Fehler leiden wird, zu eng zu sein. Denn er kann sich ungehindert auf dem Erdboden so viel Fuß abmessen, als er will, und sich darauf nach Herzenslust herumwälzen, ohne zu fürchten, daß ihm die Bettlaken in Wirrwarr geraten. Nun komme nach alldem der Tag und die Stunde, die Ehren seines Standes zu gewinnen, es komme der Tag der Schlacht; und da setzt man ihm alsbald einen Doktorhut aus Scharpie auf, um eine Schußwunde zu verbinden, die ihm etwa durch die Schläfen gegangen ist oder ihm Arm oder Bein verstümmelt hat. Und falls dies nicht eintrifft, sondern des Himmels Erbarmen ihn bei Gesundheit und Leben erhält, so kann es doch immer geschehen, daß er in der nämlichen Armut verbleibt, in der er sich vorher stets befunden, und daß notwendig noch ein und das andre Treffen, eine und die andre Schlacht folgen und er aus allen als Sieger hervorgehen muß, um einigermaßen in seinen Verhältnissen voranzukommen; allein solche Wunder sieht man gar selten. Indessen sagt mir, meine Herren, wenn ihr darüber nachgedacht habt: wieviel geringer ist die Zahl derer, die durch den Krieg Belohnung und Beförderung erhalten haben, als derer, die im Krieg umgekommen sind? Sicherlich werdet ihr mir antworten, daß zwischen ihnen ein Vergleich nicht möglich ist und daß man die Zahl der Toten nicht zum voraus berechnen kann, während diejenigen, welche am Leben bleiben und ihren Lohn erhalten, an den Fingern herzuzählen sind.

Umgekehrt ist es bei den Gelehrten; denn mit ihrem Gehalt, ich möchte nicht beifügen: mit ihren geheimen Sporteln, haben sie alle genug zum Leben. Wenngleich also die Mühsal des Soldaten größer ist, so ist der Lohn weit geringer. Allerdings kann man hierauf entgegnen, daß es leichter ist, zweitausend Gelehrte zu belohnen als dreißigtausend Soldaten; denn jene belohnt man durch Verleihung von Ämtern, die notwendig Leuten ihres Berufes zuteil werden müssen, und diese können ihren Lohn nur aus dem Vermögen ihres Dienstherrn empfangen. Aber gerade dies bestätigt meine Feststellung noch mehr.

Lassen wir jedoch dieses beiseite; denn es ist ein Labyrinth, aus dem der Ausgang sehr schwer zu finden ist; kommen wir vielmehr auf den Vorrang der Waffen vor den Wissenschaften zurück, ein Gegenstand, der noch zu untersuchen bleibt, derart sind die Gründe, die von jeder der beiden Seiten angeführt werden. Und außer denen, die ich schon vorgebracht, sagen die Wissenschaften, ohne sie könne das Waffenhandwerk nicht bestehen; denn auch der Krieg hat seine Gesetze und ist denselben unterworfen, die Gesetze aber fallen unter die Herrschaft der Wissenschaften und der Gelehrten. Darauf antworten die Waffen, ohne sie können die Gesetze nicht bestehen, weil mit den Waffen die Republiken sich verteidigen und die Königreiche sich erhalten, die Städte geschützt, die Straßen gesichert und die Meere von Seeräubern gesäubert werden; und kurz, wenn die Waffen es nicht verhinderten, so wären die Republiken, die Königreiche, die Monarchien, die Städte, die Straßen zur See und zu Lande der Grausamkeit und Zerrüttung preisgegeben, die der Krieg mit sich bringt, solange er dauert und volle Freiheit hat, seine Vorrechte und seine Gewalt zu gebrauchen.

Ferner ist es eine anerkannte Wahrheit; daß, was mehr kostet, auch höher geschätzt wird und werden muß. Daß jemand es dahin bringt, in den Wissenschaften eine hervorragende Stellung einzunehmen, kostet ihn Zeit, Nachtwachen, Hunger, Blöße, Schwindel im Kopf, Verdauungsbeschwerden und noch andres, was damit zusammenhängt und was ich zum Teil schon erwähnt habe; daß jemand durch seine Führung es dahin bringt, ein guter Soldat zu werden, das kostet ihn ganz dasselbe wie den Studierenden, aber in einem so viel höheren Grade, daß gar kein Vergleich möglich ist; denn er steht jeden Augenblick in Gefahr, sein Leben einzubüßen. Und welche Besorgnis vor Not und Armut kann den Studierenden befallen und bedrängen, die der des Soldaten gleichkäme, wenn er in einer Festung eingeschlossen ist und, auf einer Schanze oder einem Bollwerk Wache stehend, merkt, daß die Feinde nach der Stelle hin, wo er sich befindet, einen Minengang legen, während er sich unter keinerlei Umständen von dort entfernen oder vor der Gefahr fliehen darf, die ihn so nahe bedroht! Das einzige, was er tun kann, ist, seinem Hauptmann den Vorgang zu melden, damit er durch eine Gegenmine das Unheil abwende, und selber in Furcht und Hoffnung stillzuhalten, bis er unversehens ohne Flügel zu den Wolken emporfliegt und dann willenlos in die Tiefe hinunterstürzt. Und falls dieses eine geringe Gefahr scheint, so wollen wir sehen, ob jene ihr gleichkommt oder sie überbietet, wenn zwei Galeeren inmitten der weiten See mit dem Bug aufeinanderstoßen; wenn da die Schiffe aneinanderhängen und ineinander verstrickt sind, bleibt dem Soldaten nicht mehr Raum, als ihm eine zwei Fuß breite Planke am Schiffsschnabel gewährt. Und trotz alledem, obschon er sieht, daß er so viele dräuende Werkzeuge des Todes vor sich hat, als Geschützrohre von feindlicher Seite her auf ihn gerichtet sind, die von seinem Leibe nicht um eines Speeres Länge abstehn; und obschon er sieht, daß er beim ersten Fehltritt in den tiefen Schoß Neptuns hinabstürzen würde: trotz alledem stellt er sich, mit unverzagtem Herzen, angetrieben von dem Ehrgefühl, das ihn beseelt, als Ziel diesen gewaltigen Feuerschlünden und setzt alles daran, über diese enge Steige auf das feindliche Schiff hinüberzusteigen. Und was am meisten in Staunen setzen muß: kaum ist einer dort gefallen, wo er bis zum Ende aller Tage nicht mehr aufzustehen vermag, so nimmt ein andrer genau seinen Platz ein, und stürzt auch dieser ins Meer, das auf ihn als sein Feind lauert, so folgt ihm ein andrer und noch ein andrer, ohne nur dem Sterbenden zum Sterben Zeit zu lassen: der größte Heldenmut fürwahr, die größte Verwegenheit, die nur denkbar ist in den entscheidenden Augenblicken des Kriegsgeschicks.

Heil jenem gesegneten Zeitalter, das die gräßliche Wut jener satanischen Werkzeuge der Geschützkunst noch nicht kannte! Ihrem Erfinder, dessen bin ich überzeugt, wird jetzt in der Hölle der Lohn seiner teuflischen Erfindung, mittels deren ein ehrloser feiger Arm einem mannhaften Ritter das Leben rauben kann und inmitten der Tapferkeit und Tatenlust, die den Busen der Helden entzündet und beseelt, eine verirrte Kugel daherkommt, die da – abgeschossen von einem, der vielleicht, als er die verfluchte Maschine abfeuerte, vor dem Aufblitzen sich selber entsetzte und entfloh – in einem Augenblick das Denken und Leben eines Mannes abschneidet und vernichtet, der dessen noch lange Jahrzehnte hindurch zu genießen verdient hätte.

Und wenn ich also dieses bedenke, so möchte ich beinahe sagen, es tut mir in der Seele weh, diesen Beruf eines fahrenden Ritters ergriffen zu haben in einem so greulichen Zeitalter wie diesem, in dem wir jetzo leben. Denn obschon bei mir keine Gefahr Furcht erweckt, so erweckt es mir immerhin ein Grausen, zu denken, daß vielleicht Pulver und Blei mir die Möglichkeit rauben sollen, durch die Tapferkeit meines Arms und meines Schwertes Schärfe mich in sämtlichen bis jetzt entdeckten Teilen des Erdenrunds berühmt und allbekannt zu machen. Aber möge es der Himmel fügen, wie es ihm gefällt; jedenfalls werde ich mir, wenn ich mein Vorhaben siegreich zu Ende führe, um so mehr Achtung erringen, je mehr ich mich größeren Gefahren aussetze als die fahrenden Ritter vergangner Zeiten.«

Diese ganze lange Rede hielt Don Quijote, während die andern speisten, und vergaß dabei das Mahl so völlig, daß er sich keinen Bissen gönnte, wiewohl ihn Sancho Pansa ein paarmal zum Essen ermahnt hatte, da sich nachher schon Zeit finden werde, um alles Beliebige vorzubringen. In seinen Zuhörern regte sich aufs neue lebhaftes Bedauern, daß ein Mann, der offensichtlich soviel Geistesschärfe und soviel Verstand in allen Dingen zeigte, ihn so gänzlich eingebüßt haben sollte, sooft man mit ihm von seinem unseligen verwünschten Rittertum sprach.

Der Pfarrer sagte ihm, er habe sehr recht in allem, was er zugunsten der Waffen gesagt, und er selbst sei, obschon ein studierter Mann, der den Grad eines Lizentiaten besitze, gänzlich seiner Meinung.

Die Mahlzeit war vorüber, es wurde abgedeckt, und während die Wirtin, ihre Tochter und Maritornes die Kammer zurechtmachten, worin Don Quijote von der Mancha geschlafen und wo man den Damen allein eine Ruhestätte für diese Nacht zu bereiten beschlossen hatte, bat Don Fernando den Maurensklaven, ihnen seinen Lebenslauf zu erzählen, da derselbe unmöglich anders als merkwürdig und unterhaltend sein könne, wie sich dies schon von vornherein aus dem Umstand schließen lasse, daß er in Zoraidas Gesellschaft reise. Darauf antwortete der Freigelassene, er werde sehr gern diesem Verlangen entsprechen; er fürchte nur, daß die Erzählung ihnen nicht soviel Unterhaltung gewähren werde, als er wünsche. Dessenungeachtet wolle er sie vortragen, um nicht dem ausgesprochenen Wunsche die Erfüllung zu verweigern.

Der Pfarrer und alle andern sprachen ihm dafür ihren Dank aus und ersuchten ihn aufs neue darum. Als er sich nun von so vielen gebeten sah, sagte er, es bedürfe der Bitten nicht, wo man ihm zu befehlen habe.

»So möge denn Euer Gnaden mir Aufmerksamkeit schenken, und Ihr werdet einen wahrhaften Bericht vernehmen, mit dem vielleicht jene lügenhaften sich nicht messen können, die man mit sorgfältiger und wohlüberdachter Kunst zusammenzustellen pflegt.«

Diese Äußerung bewog sofort alle, sich niederzusetzen und ihm in tiefer Stille ihr Ohr zu leihen. Und da er sah, daß sie bereits schweigend dasaßen und seiner Mitteilungen harrten, begann er mit gelassener und angenehmer Stimme folgendermaßen:

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