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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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35. Kapitel

Welches von dem erschrecklichen und ungeheuerlichen Kampf handelt, den Don Quijote gegen Schläuche roten Weines bestand, und wo ferner die Novelle vom törichten Vorwitz beendet wird

Es blieb wenig mehr von der Novelle zu lesen übrig, als aus der Kammer, wo Don Quijote ruhte, Sancho Pansa in heller Aufregung herausstürzte und laut schrie: »Kommt, ihr Herren, eilig herbei und helft meinem Herrn, der in den hitzigsten und hartnäckigsten Kampf verstrickt ist, den meine Augen je gesehen. So wahr Gott lebt, er hat dem Riesen, dem Feinde der Prinzessin Míkomikona, einen Schwerthieb versetzt, der ihm den Kopf dicht am Rumpf abgehauen hat, als war's eine Rübe!«

»Was sagst du, guter Freund?« sprach der Pfarrer, hörte auf und ließ den Rest der Novelle ungelesen; »bist du bei Sinnen, Sancho? Wie zum Teufel ist möglich, was du sagst, da der Riese zweitausend Meilen von hier entfernt ist?«

Indem vernahmen sie einen gewaltigen Lärm in der Kammer und hörten Don Quijote schreien: »Halt, Räuber, Wegelagerer, Schurke, hier halt ich dich fest, und dein krummer Säbel soll dir nicht helfen!«

Dabei klang es, als führte er mächtige Schwerthiebe gegen die Wände, und Sancho sprach: »Steht doch nicht da und horcht, das ist nicht nötig; geht lieber hinein und bringt sie auseinander oder steht meinem Herrn bei, obwohl das nicht mehr nötig sein wird; denn ohne Zweifel ist der Riese schon tot und gibt jetzt Gott Rechenschaft für sein bisheriges Lasterleben. Ich sah ja das Blut auf dem Boden fließen und den Kopf abgesäbelt seitwärts liegen, der ist so lang und breit wie ein großer Weinschlauch.«

»Ich will des Todes sein«, sprach jetzo der Schenkwirt, »wenn der Herr Quijote oder der Herr Gottseibeiuns nicht mit seinem Schwert auf einen der Schläuche roten Weines eingehauen, hat, die am Kopfende seines Lagers hängen, und der ausgelaufene Wein war es gewiß, der dem guten Kerl da wie Blut vorkam.«

Mit diesen Worten ging er in die Kammer und alle ihm nach, und sie fanden Don Quijote im seltsamsten Aufzug von der Welt. Er stand im Hemde da, und dieses war nicht so lang, daß es ihm von vorn die Schenkel gänzlich bedeckt hätte, während es hinten noch sechs Fingerbreit kürzer war; die Beine waren sehr lang und hager und mit Haaren bedeckt und keineswegs sauber; auf dem Kopfe hatte er ein schmieriges rotes Käppchen, das dem Wirt gehörte; um den linken Arm hatte er jene Bettdecke gewickelt, gegen welche Sancho besonderen Groll trug – und er wußte warum –, und in der Rechten hielt er das entblößte Schwert, hieb damit nach allen Seiten hin und führte Reden, als wäre er wirklich im Kampf mit einem Riesen begriffen. Und das Beste dabei war, daß seine Augen nicht offen waren, denn er war noch im Schlafe und träumte nur, er sei im Gefecht mit dem Riesen. Seine Einbildung von dem Abenteuer, das er zu bestehen im Begriff war, war so mächtig angespannt, daß sie ihn träumen ließ, er sei im Königreich Mikomikón angekommen und stehe bereits im Kampf mit seinem Feinde. Er hatte so viele Schwerthiebe auf die Schläuche geführt, im Glauben, er führe sie auf den Riesen, daß das ganze Gemach voll Weines stand. Als der Wirt das sah, geriet er in solche Wut, daß er sich auf Don Quijote stürzte und ihm mit geballter Faust zahllose Püffe versetzte, die, wenn Cardenio und der Pfarrer den Ritter nicht von ihm weggerissen, alsbald dem Kampf mit dem Riesen ein Ende gemacht hätten. Und trotz alledem wurde der arme Ritter nicht wach, bis der Barbier einen großen Kessel mit kaltem Wasser aus dem Brunnen herbeibrachte und ihn dem Ritter mit einem Guß über den ganzen Körper schüttete. Davon endlich erwachte Don Quijote, doch nicht zu so vollem Bewußtsein, daß er innegeworden wäre, in welchem Aufzuge er dastand.

Illustration

Dorotea, die sah, wie kurz und leicht bekleidet er war, wollte nicht eintreten, um dem Gefecht ihres Kämpen mit ihrem Widersacher zuzuschauen. Sancho suchte auf dem ganzen Boden herum nach dem Kopfe des Riesen, und da er ihn nicht fand, sagte er: »Ich sehe schon, was nur immer an dies Haus anrührt, sind lauter Zaubergeschichten. Neulich, an der nämlichen Stelle, wo ich jetzo stehe, haben sie mir eine Menge Maulschellen und Faustschläge versetzt, ohne daß ich wußte wer, und ich konnte mein Lebtag keinen Täter erblicken; und jetzt ist der Kopf hier nirgends zu finden, den ich doch mit meinen allereigensten Augen habe abhauen sehen, und das Blut lief aus dem Körper heraus wie aus einem Springbrunnen.«

»Von was für Blut, was für Springbrunnen redest du, du Feind Gottes und seiner Heiligen?« rief der Wirt. »Siehst du nicht, Spitzbube, daß das Blut und der Brunnen nichts andres sind als diese Schläuche, die da durchlöchert liegen, und der rote Wein, der hier in der Kammer schwimmt? Wofür ich dessen Seele in der Hölle schwimmen sehen möchte, der sie zerlöchert hat!«

»Ich weiß von nichts«, entgegnete Sancho, »ich weiß nur, daß ich am Ende so ins Pech gerate, daß mir, wenn ich den Kopf nicht finde, meine Grafschaft wie Salz im Wasser vergehen wird.«

So war es mit Sancho im Wachen ärger als mit seinem Herrn im Schlafe; in solcher Geistesverwirrung hielten ihn die Versprechungen seines Herrn befangen.

Der Wirt war ganz in Verzweiflung ob der Gelassenheit des Dieners und der Übeltaten des Herrn und schwur hoch und heilig, diesmal solle es nicht gehen wie das letztemal, wo sie ihm ohne Zahlung davongelaufen, und jetzo sollten dem Don Quijote die Vorrechte seiner Ritterschaft nicht darüber hinweghelfen, die alte und die neue Rechnung zu bezahlen, ja, alles bis auf die etwaigen Kosten für die Flicken, die man in die zerlöcherten Schläuche einsetzen müsse. Der Pfarrer hielt Don Quijote mit beiden Händen fest, und dieser, in der Überzeugung, er habe das Abenteuer bereits zu Ende geführt und befinde sich vor der Prinzessin Míkomikona, beugte die Knie vor dem Pfarrer und sprach: »Wohl mag Eure Hoheit, erhabene und weitberufene Herrin, von heute an inskünftig in Sicherheit davor leben, daß dies bösartige Geschöpf Hochderoselben Böses zufüge; und auch ich bin hinfüro des Wortes quitt, so ich Euch gegeben, sintemal ich selbiges mit Gottes Hilfe und durch die Gunst jener Herrin, durch die ich lebe und atme, so völlig erfüllt habe.«

»Hab ich's nicht gesagt?« sprach Sancho, als er das hörte, »ja freilich; denn ich war nicht betrunken. Seht mir nun, ob mein Herr den Riesen nicht schon eingesalzen hat! Ich hab nun mein Schäfchen im trocknen, mit meiner Grafschaft ist's in der Ordnung!«

Wer hätte nicht lachen müssen über die Narretei von Herr und Diener! Und sie lachten alle, nur nicht der Wirt, der des Teufels werden wollte. Indessen gaben sich der Barbier, Cardenio und der Pfarrer so viel Mühe, daß sie zuletzt, freilich mit nicht geringer Anstrengung, Don Quijote ins Bett brachten, und dieser schlief sogleich wieder ein, unter Zeichen übergroßer Erschöpfung.

Sie ließen ihn denn schlafen und gingen hinaus ans Tor der Schenke, um Sancho Pansa zu trösten, daß er den Kopf des Riesen nicht gefunden; jedoch hatten sie noch weit mehr zu tun, um den Wirt zu besänftigen, der über das plötzliche Hinscheiden seiner Schläuche in Verzweiflung war. Die Wirtin aber schrie und jammerte: »Ja, zur Unglückszeit und zur unseligsten Stunde ist dieser fahrende Ritter in mein Haus gekommen! Hätte ich ihn doch nie mit Augen gesehen, ihn, der mich so teuer zu stehen kommt! Das letztemal machte er sich auf und davon mit den Kosten für einen Tag Essen, Bett, Stroh und Futter für ihn und für seinen Schildknappen und einen Gaul und einen Esel und sagte, er sei ein abenteuernder Ritter – und möge Gott ihn in lauter abenteuerlichem Pech sieden lassen, ihn und alle Abenteurer, die es auf Erden gibt –, und deshalb sei er nicht verbunden, etwas zu zahlen; denn so stehe es im Zolltarif der fahrenden Ritter. Und seinetwegen ist kürzlich der andre Herr gekommen und hat mir meinen Schwanz mit fortgenommen und hat ihn mir um mehr als zwei Pfennige Minderwert zurückgebracht, die Haare ganz ausgerauft, daß er nicht mehr dazu zu gebrauchen ist, wozu ihn mein Mann haben will; und zum Schluß und Ende von allem werden mir meine Schläuche zerrissen und mein Wein mir ausgegossen. Oh, wenn es doch sein Blut wäre! Aber bei den Gebeinen meines Vaters und meiner Mutter Seligkeit, er soll es mir auf Heller und Pfennig bezahlen, oder ich müßte nicht heißen, wie ich heiße, und wäre nicht meines Vaters Tochter!«

Diese Äußerungen und andre solcher Art tat die Wirtin in großer Wut, und ihre wackere Magd Maritornes half ihr dabei. Die Tochter schwieg und lächelte zuweilen. Der Pfarrer wußte alles zu beschwichtigen, indem er versprach, ihren Verlust ihr so gut, wie ihm nur möglich, zu ersetzen, sowohl den sie an den Schläuchen als am Wein und insbesondere durch die Beschädigung des Schwanzes erlitten hatten, von dem sie soviel Aufhebens machten.

Dorotea tröstete Sancho Pansa mit der Erklärung, sobald es sich offenkundig zeige, daß sein Herr in Wahrheit den Riesen geköpft habe, so verheiße sie, sobald sie sich im friedlichen Besitz ihres Königreichs sehe, ihm die beste Grafschaft zu geben, die darin zu finden sei. Damit tröstete sich Sancho und versicherte der Prinzessin, sie dürfte sicher sein, daß er den Kopf des Riesen gesehen, und zum weiteren Merkzeichen hätte selbiger einen Bart, der ihm bis zum Gürtel ging. Und wenn er nicht zum Vorschein komme, so sei es darum, weil alles, was sich in diesem Hause ereigne, mit Zauberei zugehe, wie er selbst es neulich erfahren habe, als er hier übernachtete.

Dorotea erwiderte, sie glaube, daß dem so sei, und er solle nur unbesorgt sein. Alles werde gut gehen, alles werde nach Wunsch geschehen.

Nachdem alle sich beruhigt, wollte der Pfarrer die Novelle zu Ende lesen, da er sah, daß nur noch wenig übriggeblieben. Cardenio, Dorotea und alle andern baten ihn, sie zu beenden; und er, sowohl um den anderen gefällig zu sein als auch zum eigenen Vergnügen, fuhr mit der Erzählung fort:

Zunächst ging es so, daß Anselmo in seiner frohen Überzeugung von Camilas Tugend ein zufriedenes und sorgenfreies Leben führte und Camila mit berechneter Absicht Lotario ein finsteres Gesicht zeigte, damit Anselmo an das Gegenteil der Gesinnung glauben solle, die sie für den Freund empfand. Damit ihr Benehmen noch glaubwürdiger erschiene, bat Lotario ihn um Erlaubnis, sein Haus nicht mehr zu besuchen, da sich doch deutlich zeige, daß Camila von seinem Anblick peinlich berührt werde. Aber der betrogene Anselmo wollte davon nichts wissen. Und auf solche Weise wurde in tausendfacher Art Anselmo der Werkmeister seiner Schande, im Glauben, er sei der Schmied seines Glückes.

Mittlerweile war auch Leonelas Behagen, eine Vollmacht zu ihrem Liebeshandel zu besitzen, so weit gediehen, daß sie ohne alle Rücksicht ihrem Vergnügen zügellos nachjagte, darauf bauend, daß ihre Herrin sie schirmte, ja sogar ihr Rat gab, wie sie ohne Besorgnis ihre Gelüste befriedigen könnte. Endlich aber hörte Anselmo eines Nachts Schritte in Leonelas Gemach, und als er hinein wollte, um zu sehen, von wem sie herrührten, ward er gewahr, daß die Tür vor ihm zugehalten wurde, was ihn um so begieriger machte, sie zu öffnen. Er wandte so viele Kraft an, daß er sie aufstieß, und kam gerade zur rechten Zeit hinein, um zu sehen, daß ein Mann durchs Fenster auf die Straße sprang. Er eilte rasch hinaus, um ihn noch zu erreichen oder ihn zu erkennen, aber er vermochte weder das eine noch das andre auszuführen; denn Leonela umfaßte ihn mit den Armen und sprach zu ihm: »Beruhigt Euch, mein Gebieter, reget Euch nicht auf, eilet dem Mann nicht nach, der von hier hinausgesprungen, die Sache geht mich allein an, ja, so sehr, daß es mein eigner Bräutigam ist.«

Anselmo wollte es ihr nicht glauben, sondern zog den Dolch und drohte, Leonela zu erstechen, wenn sie ihm nicht die Wahrheit sage. Sie, in ihrer Angst, ohne zu wissen, was sie sagte, sprach zu ihm: »Tötet mich nicht, Señor, ich werde Euch Dinge von größerer Wichtigkeit sagen, als Ihr Euch vorstellen könnt!«

»Sag sie auf der Stelle«, entgegnete Anselmo, »oder du bist des Todes!«

»Im Augenblick ist es unmöglich«, antwortete Leonela, »so verstört bin ich; laßt mich bis morgen, dann sollt Ihr Dinge hören, daß Ihr staunen werdet. Und seid dessen gewiß, jener, der aus dem Fenster gesprungen, ist ein Jüngling aus dieser Stadt, der mir die Hand darauf gegeben, mein Gemahl zu werden.«

Damit beruhigte sich Anselmo, und er war bereit, die Frist abzuwarten, um die sie ihn gebeten; denn er dachte nicht daran, daß er etwas hören würde, das Camila zum Nachteil gereichte, weil er von ihrer Tugend überzeugt war. So verließ er denn das Gemach und ließ Leonela darin eingeschlossen zurück, indem er ihr sagte, sie werde nicht herauskommen, bis sie ihm bekenne, was sie ihm zu sagen habe.

Sogleich suchte er Camila auf und erzählte ihr, was ihm alles mit ihrer Zofe begegnet sei, und daß sie ihm versprochen habe, ihm große und wichtige Dinge zu sagen. Ob Camila in Bestürzung geriet oder nicht, das braucht wohl nicht gesagt zu werden. Die Angst, die sie empfand, war so überwältigend – denn sie glaubte wirklich, und es war wohl zu glauben, das Mädchen werde Anselmo alles sagen, was es von ihrer Untreue wußte –, daß sie nicht den Mut hatte, abzuwarten, ob sich ihr Verdacht als unbegründet zeigen werde oder nicht; und noch in der nämlichen Nacht, als sie glaubte, Anselmo liege jetzt im Schlafe, suchte sie ihre besten Kleinodien und einiges Geld zusammen, und ohne von jemandem bemerkt zu werden, verließ sie ihr Haus und eilte zu dem Lotarios, erzählte ihm alles Vorgefallene und bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen oder sich mit ihr zusammen an einen Ort zu begeben, wo sie vor Anselmo geschützt wären.

Die Bestürzung, in welche Camila ihren Lotario versetzte, war so groß, daß er ihr kein Wort zu erwidern und noch weniger einen Entschluß zu fassen vermochte. Zuletzt kam er auf den Gedanken, Camila in ein Kloster zu bringen, in welchem eine Schwester von ihm Priorin war. Camila willigte ein, und mit der Eile, wie sie der Fall erheischte, brachte Lotario sie ins Kloster und ließ sie dort, während auch er sich augenblicklich aus der Stadt entfernte, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen. Als es tagte, stand Anselmo auf, ohne zu bemerken, daß Camila von seiner Seite verschwunden war, und begierig zu erfahren, was Leonela ihm mitteilen wollte, ging er nach dem Zimmer, wo er sie eingeschlossen hatte. Er öffnete es und trat ein, fand aber Leonela nicht darin; er fand nur ein Bettlaken ans Fenster geknüpft, ein Zeichen und Beweis, daß sie sich hier hinuntergelassen und geflüchtet hatte. Voll Ärger kehrte er sogleich zurück, um es Camila zu sagen, und da er sie weder im Bette noch im ganzen Hause fand, war er starr vor Entsetzen. Er fragte die Diener des Hauses nach ihr, aber niemand konnte ihm Auskunft geben. Als er, nach Camila suchend, umherging, sah er zufällig ihr Schmuckkästchen offenstehen und entdeckte, daß ihre meisten Kleinodien daraus fehlten. Und damit wurde ihm sein Unglück erst vollends klar, und er begriff, daß Leonela nicht die Schuld an seinem Unglück trug. Und so, wie er ging und stand, ohne sich erst vollständig anzukleiden, in Trübsinn und tiefem Nachdenken, eilte er, seinem Freunde Lotario Bericht von seinem Unglück zu geben. Aber als er ihn nicht fand und dessen Diener ihm sagten, er sei diese Nacht aus dem Hause verschwunden und habe all sein vorrätiges Geld mitgenommen, da meinte er den Verstand zu verlieren. Und um das Maß vollzumachen, traf er bei der Rückkehr in seiner Wohnung niemanden von all seinen Dienern und Dienerinnen an, sondern fand das Haus öde und verlassen. Er wußte nicht, was er denken, sagen oder tun sollte, und nach und nach wurde es ihm ganz wirr im Kopfe. Er betrachtete sich gleichsam und erblickte sich in einem Augenblick ohne Weib, ohne Freund, ohne Diener; er erachtete sich verlassen vom Himmel über ihm und – ärger als alles – der Ehre beraubt, da er deren Verlust in Camilas Flucht erkennen mußte.

Endlich, nach einer geraumen Weile, beschloß er, sich auf das Dorf hinaus zu jenem Freunde zu begeben, wo er sich damals aufgehalten hatte, als er selbst den Anlaß dazu gab, daß dies ganze Unheil geplant und verwirklicht wurde. Er verschloß die Türen seines Hauses, stieg zu Pferd und begab sich beklommenen Herzens auf den Weg. Kaum aber hatte er die Hälfte davon zurückgelegt, als er, von seinen eigenen Gedanken übermannt, sich genötigt sah, abzusteigen und sein Pferd mit dem Zügel an einen Baum zu binden, an dessen Stamm er unter wehmütigen, schmerzvollen Seufzern niedersank. Hier verweilte er, bis beinahe die Nacht hereinbrach. Um diese Stunde sah er einen Mann zu Pferd aus der Stadt kommen. Er grüßte ihn und fragte ihn, welche Neuigkeiten es in Florenz gebe. Der Städter antwortete ihm: »Die seltsamste, die man seit langer Zeit dort vernommen. Denn man erzählt öffentlich, daß Lotario, jener vertraute Freund Anselmos des Reichen, der bei San Giovanni wohnte, diese Nacht Camila entführt hat, die Frau Anselmos, der ebenfalls nirgends zu finden ist. All dieses hat eine Dienerin Camilas ausgesagt, welche der Stadtvorsteher heute nacht dabei getroffen hat, wie sie sich an einem Bettlaken aus dem Fenster von Anselmos Hause herabließ. Ich weiß in der Tat nicht genau, wie sich der Handel zutrug; ich weiß nur, daß die ganze Stadt sich über diese Geschichte wundert, weil man eine derartige Handlungsweise bei der innigen und vertrauten Freundschaft zwischen den beiden nicht erwarten konnte, die so groß gewesen sein soll, daß man sie nur ›die beiden Freunde‹ nannte.«

»Weiß man vielleicht, welchen Weg Lotario und Camila eingeschlagen haben?« fragte Anselmo.

»Nicht im geringsten«, antwortete der Mann, »wiewohl der Stadtvorsteher alle Sorgfalt aufgewendet hat, um ihnen nachzuspüren.«

»Geht mit Gott«, sprach Anselmo.

»Er geleite Euch«, erwiderte der Städter und ritt davon.

Bei so schmerzlichen Nachrichten fehlte wenig, daß Anselmo auf den Punkt gekommen wäre, wo es nicht nur mit seinem Verstand, sondern auch mit seinem Leben zu Ende gehen mußte. Er erhob sich, so gut er es vermochte, und gelangte zum Hause seines Freundes, der von seinem Unglück noch nichts wußte; aber als er ihn bleich, abgehärmt und mit eingefallenen Wangen ankommen sah, merkte er wohl, daß Anselmo von schwerem Leide niedergedrückt sei. Anselmo bat, man möge ihn zu Bett bringen und ihm Schreibzeug geben. Es geschah also, man ließ ihn im Bette und allein; denn so verlangte er es, und er bat auch, die Tür zu schließen. Als er sich nun allein sah, begann die Vorstellung seines Unglücks ihn so zu bestürmen und zu überwältigen, daß er klar erkannte, es gehe mit seinem Leben zu Ende; und so traf er Anstalt, eine Nachricht von der Ursache seines so eigentümlichen Todes zu hinterlassen. Er fing zu schreiben an; aber bevor er mit der Aufzeichnung alles dessen, was er im Sinne hatte, zu Ende gekommen, verließen ihn die Kräfte, und er ließ sein Leben unter der Wucht des Schmerzes, den ihm sein törichter Vorwitz bereitet hatte.

Als der Herr des Hauses bemerkte, daß es schon spät war und Anselmo nicht rief, entschloß er sich einzutreten, um zu sehen, ob sein Unwohlsein schlimmer geworden, und er fand ihn ausgestreckt liegen, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, die Hälfte des Körpers im Bette und die andre Hälfte auf dem Schreibtische, auf einem halb beschriebenen Papier; er hielt die Feder noch in der Hand. Der Hausherr näherte sich ihm, nachdem er ihm erst zugerufen, und als er, da er ihn an der Hand faßte, keine Antwort erhielt und ihn erstarrt fand, ward er inne, daß Anselmo tot war. Er erschrak und betrübte sich ungemein, rief die Leute vom Haus herbei, damit sie das Unglück sähen, das Anselmo betroffen, und las dann das Papier, auf dem er Anselmos Handschrift erkannte und welches folgende Worte enthielt:

Ein törichtes und vorwitziges Begehren hat mir das Leben geraubt. Wenn die Nachricht von meinem Tode zu Camilas Ohren gelangen sollte, so möge sie erfahren, daß ich ihr verzeihe; denn sie war nicht verpflichtet, Wunder zu tun, und ich hatte nicht nötig, von ihr zu verlangen, daß sie solche tue. Und da ich selbst der Werkmeister meiner Schande war, so ist kein Grund ...

Bis hierher hatte Anselmo geschrieben, woraus sich erkennen ließ, daß an dieser Stelle sein Leben endete, ehe er den Satz enden konnte. Den nächsten Tag gab sein Freund den Verwandten Anselmos Kunde von seinem Tode; sie wußten schon sein Unglück und kannten auch das Kloster, wo Camila bereits nahe daran war, ihren Gemahl auf jener Reise, die keinem erlassen wird, zu begleiten, nicht aus Schmerz über die Nachricht vom Tode ihres Gatten, sondern über diejenige, die ihr über ihren abwesenden Freund zukam. Man erzählt, daß sie, obschon sie nun Witwe war, das Kloster nicht verlassen, aber noch weniger das Gelübde als Nonne ablegen wollte, bis ihr, nicht viele Tage nachher, die Nachricht wurde, daß Lotario in einer Schlacht gefallen, welche Monsieur de Lautrec dem »Großen Feldhauptmann« Gonzalo Fernández de Córdoba im Königreich Neapel geliefert; dorthin hatte sich der zu spät bereuende Freund gewendet. Als Camila dies erfuhr, legte sie das Gelübde ab und hauchte kurz darauf unter der Last des Kummers und des Trübsinnes ihr Leben aus. Dies war das Ende, das allen wurde, ein Ende, wie es aus einem so wahnwitzigen Anfang kommen mußte.

»Die Novelle gefällt mir wohl«, sprach der Pfarrer, »aber ich kann nicht glauben, daß es eine wahre Geschichte ist; und wenn sie erdichtet ist, so hat der Verfasser schlecht gedichtet; denn man kann sich nicht vorstellen, daß ein Ehemann so töricht sein kann, eine so kostspielige Probe wie Anselmo anstellen zu wollen. Wenn der Fall zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgekommen wäre, so könnte man ihn zugeben; aber zwischen Mann und Frau hat er etwas Unmögliches in sich. Was aber die Art und Weise betrifft, wie er erzählt wird, so bin ich damit gar nicht unzufrieden.«

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