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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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33. Kapitel

Worin die Novelle vom törichten Vorwitz erzählt wird

In Florenz, einer reichen und berühmten Stadt Italiens, im Großherzogtum Toskana, lebten Anselmo und Lotario, zwei reiche, vornehme Edelleute, die so miteinander befreundet waren, daß sie von allen ihren Bekannten statt mit ihren Eigennamen vorzugsweise »die beiden Freunde« genannt wurden. Sie waren unverheiratet, jung, von gleichem Alter und gleichen Lebensgewohnheiten, und dies alles war Grund genug, sie in gegenseitiger Freundschaft zu verbinden. Freilich war Anselmo mehr als Lotario geneigt, sich mit Liebschaften die Zeit zu vertreiben, während den letzteren die Freuden der Jagd anzogen; doch wenn die Gelegenheit sich bot, ließ Anselmo seine Neigungen beiseite, um denen Lotarios zu folgen, und ließ Lotario die seinigen beruhen, um denjenigen Anselmos nachzugehen. Und in dieser Weise stimmte beider Wille stets so überein, daß es keine wohlgeregelte Uhr geben konnte, die so regelmäßig ging.

Anselmo war sterblich verliebt in ein vornehmes, schönes Fräulein aus derselben Stadt. Sie war die Tochter tugendsamer Eltern und selbst so tugendsam, daß er mit Zustimmung seines Freundes Lotario – ohne den er nie etwas tat – sich entschloß, bei ihren Eltern um ihre Hand anzuhalten. Er machte sein Vorhaben zur Tat, und Lotario war sein Brautwerber; der führte den Auftrag so zur Zufriedenheit seines Freundes aus, daß dieser sich in kurzer Zeit im Besitze der Geliebten sah, während auch Camila sich so glücklich fühlte, Anselmo zum Gemahl gewonnen zu haben, daß sie nicht müde ward, dem Himmel und Lotario zu danken, durch dessen Vermittlung ihr ein so hohes Gut geworden.

Die ersten Tage nach der Hochzeit, die ja immer freudevoll sind, fuhr Lotario fort, das Haus seines Freundes Anselmo zu besuchen, wobei er alles mögliche aufbot, ihn mit Ehren, Festlichkeiten und heitern Genüssen zu erfreuen. Als aber die hochzeitlichen Tage vorüber waren und der Andrang der Besuche und der Glückwünsche abnahm, begann Lotario seine Gänge ins Haus Anselmos absichtlich einzuschränken; denn er fand, wie dies jeder Einsichtsvolle tun muß, daß man in dem Hause eines verheirateten Freundes nicht in der nämlichen Weise aus und ein gehen und ständig verkehren dürfe wie zur Zeit, da er Junggeselle war. Wenn auch allerdings die echte und wahre Freundschaft in keiner Beziehung verdächtig sein kann und darf, so ist trotzdem die Ehre des Ehemanns so empfindlich, daß man fast behaupten muß, sie könne an den eignen Brüdern Anstoß nehmen, wieviel mehr an Freunden.

Anselmo bemerkte, daß Lotario in seinen Besuchen nachließ, und beklagte sich sehr darüber. Wenn er gewußt hätte, sagte er zu Lotario, daß seine Heirat dem Freunde Anlaß geben würde, nicht mehr wie gewohnt mit ihm umzugehen, so würde er diesen Schritt nie getan haben; und wenn sie durch das innige Verhältnis, das zwischen ihnen bestand, solange er unverehelicht war, einen so lieben Namen erworben hätten wie den der »beiden Freunde«, so möchte er nicht zugeben, daß ohne eine andere Veranlassung, als weil Lotario den Vorsichtigen spielen wolle, ein so rühmlicher und erfreulicher Name verlorengehe. Und so bitte er ihn flehentlich, wenn es sich überhaupt zieme, einen solchen Ausdruck unter ihnen beiden zu gebrauchen, der Freund möge doch wieder in seinem Hause der Herr sein und darin wie vormals aus und ein gehen. Dabei versicherte er ihm, seine Gemahlin Camila habe kein andres Begehren noch andern Willen, als den er bei ihr wünsche, und da sie wisse, wie ernst und wahr sie beide einander liebten, so sei es ihr unerklärlich, daß Lotario ihr Haus so meide.

Auf all dieses und auf viel andres, das Anselmo beifügte, um seinen Freund zu überreden, daß er wieder wie gewohnt sein Haus besuche, antwortete Lotario so einsichtig, verständig und überlegt, daß Anselmo sich von der guten Absicht seines Freundes überzeugte, und so kamen sie überein, daß Lotario zweimal in der Woche und an den Festtagen kommen und mit ihnen speisen solle. Aber obschon dies nun zwischen ihnen ausgemacht war, nahm sich Lotario dennoch vor, hierin nicht mehr zu tun, als nach seinem Urteil für die Ehre seines Freundes sich am besten ziemen würde, da er dessen guten Ruf höher schätzte als seinen eignen. Er sagte, und sagte mit Recht, der Ehemann, dem der Himmel ein schönes Weib gewährt habe, müsse ebenso sorgsam darauf achten, welche Freunde er in sein Haus führe, als darauf, mit welchen Freundinnen seine Frau umgehe. Denn was nicht auf den Plätzen der Stadt oder in den Kirchen oder bei öffentlichen Feierlichkeiten oder Betfahrten besprochen und verabredet wird – und die Teilnahme an all diesem kann doch der Mann seiner Frau nicht immer versagen –, das wird im Hause der Freundin oder der Verwandten verabredet und gefördert, der man gerade am meisten traut. Lotario fügte bei, es sei eine Notwendigkeit für jeden Ehemann, einen Freund zu haben, der ihn auf jede etwaige Unvorsichtigkeit in ihrem Benehmen aufmerksam mache. Denn es komme häufig vor, daß bei der großen Liebe, die der Mann zu seinem Weibe hat, er sie nicht warnen will oder ihr, nur um sie nicht zu kränken, nicht sagt, daß sie dies und jenes tun oder unterlassen solle, weil solches Tun oder Unterlassen ihm zur Ehre oder zum Vorwurf gereichen müsse. Würde er aber vom Freunde darauf aufmerksam gemacht, so könne er allem leicht abhelfen.

Aber wo findet sich ein so verständiger, ein so treuer, ein so wahrer Freund, wie ihn Lotario hier verlangt? Ich weiß es wahrlich nicht. Nur Lotario war ein solcher. Mit äußerster Aufmerksamkeit und Umsicht hatte er die Ehre seines Freundes stets im Auge und mühte sich, die Zahl der verabredeten Tage, wo er Anselmos Haus besuchen sollte, zu vermindern, zu kürzen, davon abzumarkten, damit nicht der müßige Pöbel und die boshaften Augen umherlungernder Gaffer Mißfallen daran finden könnten, daß ein reicher Jüngling, ein Edelmann von guter Familie und von so trefflichen Eigenschaften, wie er sie bei sich selbst voraussetzte, im Hause einer so schönen Frau wie Camila verkehre. Denn wenn auch ihre Trefflichkeit und Tugend jeder verleumderischen Zunge einen Zügel anzulegen vermochte, so wollte er doch nicht, daß man in ihren und in seines Freundes guten Namen auch nur den geringsten Zweifel setze, und deshalb beschäftigte und verbrachte er die verabredeten Tage meistens mit andren Dingen, die er, wie er sagte, nicht umgehen oder unterlassen könne. So vergingen mit Beschuldigungen auf der einen Seite, mit Entschuldigungen auf der andern gar manche Augenblicke und Stunden des Tages.

Es geschah nun, daß eines Tages, wo die beiden sich auf einem Felde außerhalb der Stadt ergingen, Anselmo etwa folgendes zu Lotario sagte: »Du glaubtest wohl, Freund Lotario, daß ich die Gnaden, die mir Gott erwiesen, indem er mich den Sohn solcher Eltern werden ließ, wie es die meinigen waren, und mir mit nicht karger Hand die Güter der Natur und des Glückes verlieh, nicht mit einer Dankbarkeit zu erkennen vermag, die dem Werte der empfangenen Wohltaten gleichkommt? – vorab der Wohltat, daß er dich mir zum Freunde und Camila zum angetrauten Weibe gab, zwei Pfänder des Glücks, die ich, wenn nicht in so hohem Grade, wie ich muß, so doch in so hohem Grade, wie ich kann, wertschätze. Nun denn, mit diesen vielen Vorzügen, welche doch alles in sich begreifen, womit die Menschen in der Regel glücklich leben und leben können, fühle ich mich als der mißmutigste und grämlichste Mensch auf der ganzen weiten Welt. Denn seit, ich weiß nicht wieviel Tagen quält und drückt mich ein Wunsch, der so seltsam und ungewöhnlich ist, daß ich mich über mich selbst wundre und mich anklage und schelte, wenn ich allein mit mir bin, und mich bemühe, ihn vor meinen eignen Gedanken zu verschweigen und zu verbergen. Und es schien mir so unmöglich, dieses Geheimnis bei mir zu behalten, als ob mir obläge, es mit Vorbedacht der ganzen Welt zu offenbaren. Aber da es endlich doch einmal heraus muß, so will ich es in das Archiv deiner Verschwiegenheit legen, und unter deren Schutz und mit der Hilfe, die du als mein wahrer Freund in treuem Eifer mir leisten wirst, hoffe ich, daß ich mich bald von der Bedrängnis frei sehe, in die mein Geheimnis mich gebracht hat, und daß durch dein Bemühen meine Heiterkeit bald den Grad erreichen wird, welchen meine Mißstimmung jetzt durch meine Torheit erreicht hat.«

Lotario geriet durch die Worte Anselmos in gespannte Erwartung, und er wußte nicht, worauf eine so weitläufige Vorbereitung oder Einleitung hinaus wollte; und wiewohl er im Geiste die Frage hin und her erwog, welch ein Wunsch es sein könne, der seinen Freund so sehr quäle, traf er immer sehr weit vom rechten Ziel. Um sich nun rasch der Pein zu entledigen, in welche seine gespannte Erwartung ihn versetzte, sprach er zu ihm: »Du begehst gegen meine vielerprobte Freundschaft eine offenbare Beleidigung, wenn du Umschweife suchst, um mir deine verborgensten Gedanken zu sagen; denn du weißt ganz sicher, daß du dir von mir entweder guten Rat für unser Verhalten gegeneinander oder die Mittel, um deine Gedanken zur Ausführung zu bringen, versprechen kannst.«

»So ist's in der Tat«, erwiderte Anselmo, »und in diesem Vertrauen will ich dir bekennen, Freund Lotario: der Wunsch, der mich quält, besteht darin, zu erfahren, ob meine Gattin Camila so tugendhaft und so vollkommen ist, wie ich glaube. Ich kann mich von dieser Tatsache nicht überzeugt halten, wenn ich sie nicht dergestalt erprobe, daß die Probe den Feingehalt ihrer Tugend so offenbare wie das Feuer den des Goldes. Denn ich bin der Meinung, o mein Freund, daß das Weib nur in solchem Verhältnis mehr oder weniger Tugend besitzt, als sie mehr oder weniger von Liebeswerbungen versucht wird, und daß nur diejenige stark ist, die sich nicht beugt vor den Versprechungen, Geschenken, Tränen und unaufhörlichen Aufdringlichkeiten der nachstellenden Liebhaber. Denn welchen Dank verdient das Weib für ihre Tugend, wenn sie nie zum Bösen versucht wird? Was Wunder, daß die zurückhaltend und schüchtern ist, der man keine Gelegenheit gewährt, sich einem freien Lebenswandel hinzugeben? Oder diejenige, der es wohl bewußt ist, sie besitze einen Mann, der bei der ersten leichtfertigen Handlung, bei der er sie überrascht, ihr sicher das Leben nehmen wird? Die also, welche aus Furcht oder aus Mangel an Gelegenheit tugendhaft ist, die werde ich nie so hochhalten wie die, welche aus Umwerbungen und Nachstellungen mit der Krone des Sieges hervorgeht. Wohlan denn, aus diesen Gründen und aus vielen anderen, die ich dir darlegen könnte, um meine Meinung zu bekräftigen und als die richtige zu erweisen, wünsche ich, daß meine Gemahlin Camila durch diese Fährlichkeiten hindurchgehe und im Feuer der Liebeswerbungen und Nachstellungen auf ihren echten Gehalt untersucht und erprobt werde, und zwar von einem Manne, der Wert genug in sich hat, um seine Wünsche auf sie richten zu dürfen. Und wenn sie aus diesem Kampfe mit der Siegespalme hervorgeht – und ich glaube, sie wird es –, dann erst werde ich mein Glück für ohnegleichen erachten; dann kann ich sagen, daß die Lücke meiner Wünsche gänzlich ausgefüllt ist; dann kann ich sagen, daß ich das starke Weib besitze, von welcher der Weise spricht: Wer kann sie finden? Und wenn der Erfolg gegen meine Erwartung ausfällt, so wird die Genugtuung, daß ich mit meiner Meinung das Richtige getroffen, mir helfen, ohne Kümmernis den Kummer zu ertragen, den mir eine so teuer erkaufte Erfahrung von Rechts wegen verursachen sollte. Und da nichts von allem, was du gegen mein Vorhaben einwenden magst, die allergeringste Wirkung haben könnte, um mich von dessen Ausführung abzuhalten, so wünsche ich, mein Freund Lotario, daß du selbst dich zum Werkzeug herleihest, um dies Werk meiner Laune auszuführen. Ich werde dir Gelegenheit verschaffen, es zu tun, ohne daß es dir an irgend etwas gebrechen soll, was ich für notwendig halte, um ein sittsames, ehrenhaftes, zurückgezogen lebendes, von Eigennutz freies Weib mit Liebeswerbungen zu versuchen. Und gerade dir ein so bedenkliches Unternehmen anzuvertrauen, dazu veranlaßt mich unter anderm die Erwägung, daß, wenn von dir Camila besiegt wird, der Sieg nicht bis zum Äußersten und Schlimmsten gehen wird, sondern daß nur das als geschehen gilt, was ehrenhafterweise geschehen mag. Sonach würde ich nur durch Wunsch und Absicht beleidigt werden, und meine Kränkung bleibt verborgen in deiner tugendsamen Verschwiegenheit, welche, wie ich wohl weiß, in allem, was mich betrifft, ewig sein wird wie das Schweigen des Todes. Willst du also, daß mir ein solches Leben werde, das ich Leben nennen kann, so mußt du auf der Stelle in diesen Liebeskampf eintreten, und nicht auf lässige und träge Weise, sondern mit all dem Eifer und ernsten Bemühen, wie es mein Wunsch erheischt, und mit der Zuversicht und dem Vertrauen, das unsre Freundschaft mir einflößt und verbürgt.«

Dies war es, was Anselmo zu Lotario sprach, und dieser hing so aufmerksam an des Freundes Rede, daß er mit Ausnahme der paar Worte, die schon vorher erwähnt sind, die Lippen nicht öffnete, bis Anselmo geendet hatte. Wie er nun jenen erwartend stehen sah, schaute er ihn erst lange an, als betrachte er etwas noch nie Gesehenes, das ihn in Verwunderung und Bestürzung setze, und sprach dann zu ihm: »Ich kann mir nicht vorstellen, o mein Freund Anselmo, daß, was du mir alles gesagt, etwas andres als Scherz war. Denn hätte ich geglaubt, daß du im Ernste sprächest, so hätte ich nicht zugegeben, daß du so weit gegangen wärst; ich hätte dir nicht zugehört und hätte damit deine lange Rede von vornherein abgeschnitten. Ich bin der festen Meinung, daß entweder du mich nicht kennst oder ich dich nicht kenne – doch nein, ich weiß, du bist Anselmo, und du weißt, ich bin Lotario. Das Schlimme ist, daß ich denke, du seist nicht der Anselmo, der du sonst immer warst, und du mußt dir gedacht haben, auch ich sei nicht der Lotario, der ich sein sollte. Denn die Worte, die du mir gesagt hast, sind unmöglich von jenem Anselmo, meinem Freunde, und die Dinge, die du von mir verlangst, können nicht von jenem Lotario verlangt werden, den du kennst. Denn wahre Freunde sollen usque ad aras, wie ein Dichter sagt, ihre Freunde erproben und in Anspruch nehmen; das heißt, sie sollen ihre Freundschaft nicht in solchen Dingen in Anspruch nehmen, die gegen Gott sind. Wenn nun ein Heide so von der Freundschaft dachte, wieviel geziemender ist's, daß ein Christ so denke, der da weiß, daß man um keiner menschlichen Liebe willen die göttliche verlieren darf! Und wenn der Freund so weit übers Ziel schießen sollte, daß er die Rücksicht auf den Himmel beiseite setzte, um nur Rücksicht auf seinen Freund zu nehmen, so darf es wenigstens nicht um geringer und bedeutungsloser Dinge willen sein, sondern höchstens ob solcher, bei denen es Ehre und Leben seines Freundes gilt. Aber sage du mir nun, Anselmo: Welches von diesen beiden steht jetzt bei dir in Gefahr, damit ich das Wagnis auf mich nehme, dir zu willfahren und etwas so Abscheuliches zu tun, wie du von mir verlangst? Keines von beiden, ohne Zweifel. Vielmehr verlangst du von mir, wie ich es verstehe, daß ich es mir zur Aufgabe machen und danach trachten soll, dir Ehre und Leben zu rauben und gleichzeitig auch mir beides zu rauben. Denn wenn ich trachten soll, dir die Ehre zu rauben, so ist's klar, daß ich dir das Leben raube, da der Mann ohne Ehre schlimmer daran ist als ein des Lebens beraubter. Und werde ich, wie du es verlangst, das Werkzeug so großen Unheils für dich, kommt es mit mir alsdann nicht dahin, daß ich keine Ehre mehr habe und folglich auch kein Leben? Höre, Freund Anselmo, und habe so viel Geduld, mir nicht eher zu antworten, bis ich dir vollständig dargelegt habe, was dein Wunsch von dir selbst verlangt; es wird Zeit genug bleiben, daß du mir antwortest und ich dir zuhöre.« »Mir recht«, sprach Anselmo, »sage, was dir beliebt.« Und Lotario fuhr fort: »Es kommt mir vor, Anselmo, du zeigest jetzt dieselbe Denkweise wie stets die Mauren, denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen oder sich auf Glaubensartikel stützen; vielmehr muß man ihnen handgreifliche, verständliche, bündige, unzweifelhafte Beispiele beibringen nebst mathematischen Beweisen, die nicht zu leugnen sind, wie wenn man den Satz aufstellt: ›Wenn wir von zwei gleichen Größen gleiche Größen abziehen, so sind die übriggebliebenen ebenfalls gleich.‹ Und wenn sie dies in Worten nicht verstehen – und sie verstehen es wirklich nicht –, muß man sie es mit den Händen greifen lassen und es ihnen vor Augen stellen; und mit all diesem kann dennoch niemand sie von den Wahrheiten unsres heiligen Glaubens überzeugen. Dieselbe Art und Weise werde ich bei dir anwenden müssen; denn das Verlangen, das in dir entstanden, ist eine solche Verirrung und liegt so abseits von allem, was nur eine Spur vom Vernünftigen an sich hat, daß es meiner Meinung nach Zeitverschwendung wäre, dir deine Einfalt – denn ich will ihr für jetzt keinen andern Namen geben – begreiflich zu machen. Ich hätte beinah Lust, dich in deinem Wahnsinn zu lassen, zur Strafe für dein übles Vorhaben. Aber so hart zu verfahren, das läßt die Freundschaft nicht zu, die ich zu dir trage. Sie gestattet nicht, daß ich dich in so offenbarer Gefahr schweben lasse, dich zugrunde zu richten. Und damit du dies deutlich erkennst, sage mir, Anselmo: hast du mir nicht gesagt, ich soll eine in Zurückgezogenheit lebende Frau umwerben? eine sittsame überreden? einer uneigennützigen Anerbietungen machen? einer verständigen meine Liebesdienste widmen? Ja, du hast es mir gesagt. Wenn du also weißt, daß du ein zurückgezogen lebendes, sittsames, uneigennütziges, verständiges Weib hast, was suchst du mehr? Und wenn du glaubst, daß sie aus all meinen Bestürmungen als Siegerin hervorgehen wird, wie sie dies ohne Zweifel tun wird, welch bessere Benennungen willst du ihr nachher beilegen, als sie jetzt schon trägt? Oder was wird sie nachher mehr sein, als sie jetzt ist? Entweder hältst du sie nicht für das, was du sagst, oder du weißt nicht, was du begehrst. Wenn du sie nicht für das hältst, was du sagst, warum willst du sie auf die Probe stellen, wenn nicht deshalb, um alsdann mit ihr als einem schlechten Weibe so zu verfahren, wie es dir etwa in den Sinn kommen wird? Wenn sie aber so tugendhaft ist, wie du glaubst, so ist es ungereimt, mit der Wahrheit selbst eine Probe anstellen zu wollen. Denn dadurch wird sie doch nur in der gleichen Wertschätzung verbleiben wie vorher.

So ist denn hieraus die notwendige Folgerung, daß Dinge zu unternehmen, aus denen eher Schaden als Nutzen entstehen kann, die Weise unverständiger und tollkühner Geister ist, zumal wenn sie an solche Dinge gehen, zu denen sie nicht gezwungen oder von außen her genötigt sind und die schon von weitem deutlich erkennen lassen, daß es offenbar Verrücktheit ist, sie sich vorzunehmen. An schwierige Dinge wagt man sich Gott zu Ehren oder der Welt wegen oder beider zusammen. Die, welche man Gott zu Ehren unternimmt, sind jene, welche die Heiligen unternahmen, indem sie strebten, ein Leben der Engel in menschlichen Leibern zu führen; die, welche um der Welt willen unternommen werden, sind die Handlungen jener Männer, welche durch die Unendlichkeit der Meere hinziehen, durch so große Mannigfaltigkeit der Himmelsstriche, soviel Fremdartigkeit der Völker, um zu erwerben, was man Güter des Glücks nennt; und die, welche man zugleich um Gottes und der Welt willen unternimmt, sind die Taten der tapferen Kriegsleute, die, kaum daß sie in der ihnen entgegenragenden Festungsmauer eine Lücke von so viel Umfang erblicken, als die Rundung einer Geschützkugel brechen kann, sofort alle Furcht beiseite setzend, ohne zu überlegen noch die offenbare Gefahr zu beachten, die ihrer harrt, im Fluge getragen auf den Schwingen des Verlangens, für ihren Glauben, für ihr Vaterland und für ihren König zu kämpfen, sich unverzagt mitten in den tausendfach entgegendräuenden Tod stürzen. Das sind die Dinge, die man zu unternehmen pflegt, und Ehre, Ruhm und Vorteil ist es, sie zu unternehmen, wiewohl sie voller Widerwärtigkeiten und Gefahren sind. Aber was du, wie du sagst, unternehmen und ins Werk setzen willst, wird dir weder Gottes Glorie noch Güter des Glücks noch Ruhm bei den Menschen erwerben. Denn wenn es dir auch ganz nach deinem Wunsche gelingen sollte, so wirst du dich weder vergnügter noch reicher noch höher geehrt finden, als du jetzt schon bist; und wenn es dir nicht gelingt, wirst du dich in dem größten Elend sehen, das sich erdenken läßt, da dir alsdann der Gedanke nichts helfen wird, daß niemand von dem Unglücke weiß, das dir zugekommen, indem es, um dich zu quälen und zugrunde zu richten, genügt, daß du selbst es wissest. Und zur Bekräftigung dieser meiner Darlegung will ich dir eine Stanze anführen, die der berühmte Dichter Ludwig Tansillo am Ende des ersten Teils seiner Tränen des heiligen Petrus geschrieben. Sie lautet so:

Es wächst der Schmerz, es wächst das Schambewußtsein
In Petrus, da der Hahn den Tag verkündigt;
Und stürmisch zieht die Scham in seine Brust ein,
Obwohl es niemand sah, als er gesündigt.
Ein edles Herz muß sich der Schmach bewußt sein,
Weiß auch kein andrer, daß es sich versündigt;
Es schämt sich vor sich selbst ob dem Vergehen,
Wenn auch nur Himmel es und Erde sehen.

Mithin wirst du nicht durch Geheimhalten deinem Schmerz entgehen; vielmehr wirst du unaufhörlich zu weinen haben, wenn nicht Tränen aus den Augen, so doch blutige Tränen aus dem Herzen, wie sie jener einfältige Doktor weinte, von dem unser Dichter uns erzählt, der jene Probe mit dem Becher anstellte, welche mit besserer Überlegung der verständige Rinaldo vorzunehmen ablehnte. Denn wenn dies auch nur poetische Erdichtung ist, so sind darin doch Geheimnisse von tiefem Sinn verschlossen, die wohl wert sind, beachtet und verstanden und zur Richtschnur genommen zu werden. Und dies um so mehr, als das, was ich dir nunmehr zu sagen habe, dich völlig überführen wird, welch große Torheit du zu begehen vorhast. Sage mir, Anselmo: Wenn der Himmel oder ein glücklicher Zufall dich zum Herrn und rechtmäßigen Besitzer eines köstlichen Diamanten gemacht hätte, von dessen Güte und Reinheit alle Juwelenhändler, die ihn sähen, entzückt wären, und alle würden einstimmig und einmütig erklären, daß er an Gewicht, Güte und reinstem Wasser alles erreiche, was die Natur eines solchen Steines vermag, und du selbst glaubtest es auch so, ohne etwas zu wissen, das dagegen spräche; wäre es alsdann recht, daß dich die Lust ankäme, diesen Diamanten zu nehmen und ihn zwischen Amboß und Hammer zu legen und lediglich mit der Kraft des Armes und Draufschlagens zu erproben, ob er so hart und so rein ist, wie die Leute sagen? Und gar erst, wenn du es endlich ausführtest! Denn gesetzt den Fall, der Stein bestünde eine so törichte Probe, so würde er darum nicht höheren Wert noch höheren Ruf gewinnen; und wenn er bräche, was doch immerhin möglich ist, wäre dann nicht alles verloren? Ja, gewiß, und zudem würde der Besitzer in der öffentlichen Schätzung so tief sinken, daß alle ihn für einen einfältigen Toren hielten.

Nun denke dir, Freund Anselmo, daß Camila nach deiner wie nach fremder Schätzung ein Diamant von größter Reinheit ist und daß es unvernünftig ist, das Juwel der Möglichkeit des Zerbrechens auszusetzen; denn wenn es auch in seiner Unversehrtheit bleibt, kann es zu keinem höheren Werte aufsteigen, als den es gegenwärtig besitzt; und wenn es zu schwach wäre und nicht Widerstand leistete, so erwäge jetzt schon, in welchem Zustand du ohne sie verbliebest und wie du mit vollstem Grunde dich nur über dich selbst beschweren müßtest, weil du allein verschuldet hättest, daß sie zugrunde ginge und du mit. Bedenke nun, daß es kein Juwel auf Erden gibt, das so kostbar ist wie ein keusches, züchtiges Weib, und daß die ganze Ehre der Frauen in dem Ruf ihrer Tugend besteht, dessen sie bei der Welt genießen. Und da der Ruf deiner Gattin ein derartiger ist, daß er das Höchste an Trefflichkeit erreicht, wie du weißt, wozu willst du diese feststehende Tatsache in Zweifel ziehen? Bedenke, Freund, daß das Weib ein unvollkommenes Geschöpf ist und daß man ihr keine Steine in den Weg legen, über die sie straucheln und fallen kann, vielmehr sie ihr wegräumen und ihr den Anstoß aus dem Weg schaffen soll, damit sie ohne Beschwer und leichten Fußes hinschreiten könne, um die ihr noch fehlende Vollkommenheit zu erreichen, die darin besteht, tugendhaft zu sein. Es berichten die Naturforscher, das Hermelin sei ein Tierchen mit schneeweißem Fell, und wenn die Jäger es jagen wollen, brauchen sie diesen Kunstgriff: da sie die Stellen kennen, wo es vorüberzukommen und wohin es zu laufen pflegt, so sperren sie diese mit Kot ab, scheuchen es dann auf und treiben es zu der Stelle hin; und sobald das Hermelin an den kotigen Ort kommt, steht es still und läßt sich greifen und gefangennehmen, damit es nur nicht durch den Schmutz laufen und seine Weiße verderben und besudeln muß, da es diese höher schätzt als Freiheit und Leben. Das sittsame und keusche Weib ist ein Hermelin, und weißer und reiner als Schnee ist die Tugend der Sittsamkeit, und wer nicht will, daß diese ihr verlorengehe, vielmehr ihr bewahrt und erhalten bleibe, der muß ein anderes Verfahren einhalten, als man bei dem Hermelin anwendet. Denn man darf nicht den Kot der Geschenke und Liebesdienste zudringlicher Bewerber vor sie hinlegen, weil vielleicht, ja sogar darf es nicht einmal vielleicht heißen, sie von Natur nicht so viel Tugend und Stärke besitzt, um mit eigner Kraft das ihr in den Weg Gelegte zu beseitigen und darüber hinwegzuschreiten. Daher muß man ihr jeden Anstoß aus dem Wege räumen und ihr die Reinheit der Tugend und die Schönheit, welche im guten Rufe liegt, vor Augen stellen.

So ist auch das brave Weib wie ein Spiegel von glänzendem Kristall, der aber der Gefahr ausgesetzt ist, den Glanz zu verlieren und durch jeden Hauch, der ihn berührt, getrübt und verdunkelt zu werden. Das sittsame Weib muß man behandeln wie eine Reliquie, die man verehrt, aber nicht berührt. Man muß ein tugendhaftes Weib so hüten und schätzen, wie man einen schönen Garten hütet und schätzt, der voller Blüten und Rosen steht und dessen Besitzer nicht gestattet, daß man darin lustwandle und die Blumen betaste. Es genügt, daß man von weitem und zwischen den Eisenstäben hindurch ihren Duft und ihre Schönheit genieße. Schließlich will ich dir Verse sagen, die mir eben ins Gedächtnis gekommen – ich habe sie in einer neuen Komödie gehört – und die mir gerade auf den Gegenstand, der uns beschäftigt, zu passen scheinen. In der Komödie rät ein verständiger Alter einem andern, der eine Tochter hat, er solle sie zurückgezogen halten, sie bewachen und einschließen, und unter andern Gründen führt er ihm die folgenden an:

Merkt, es ist das Weib von Glas,
Drum versucht beileibe nicht,
Ob es ganz bleibt oder bricht;
Möglich ist ja dies wie das.

Leichter bricht es doch; drum wißt:
Klug ist's nicht, es drauf zu wagen,
Daß in Splitter geh' zerschlagen,
Was nicht mehr zu löten ist.

Drum will ich's ans Herz euch legen,
Und bald könnt es klar euch werden:
Gibt es Danaen auf Erden,
Fehlt's auch nicht am goldnen Regen.

Alles, was ich dir bis hierher gesagt habe, Anselmo, bezog sich nur auf das, was dich selbst berührt. Jetzt gebührt es sich, auch einiges von dem zu hören, was für mich einen Wert hat, und sollte ich weitläufig sein, so vergib mir. Denn dies Labyrinth, in das du geraten und aus dem ich, so willst du es, dich befreien soll, erheischt alles, was ich vorbringe. Du hältst mich für deinen Freund und willst mir die Ehre rauben; was gegen alle Freundschaft ist; und sogar begehrst du nicht nur dies, sondern du gehst darauf aus, daß ich auch dir sie raube. Daß du mir sie rauben willst, ist klar; denn sobald Camila sieht, daß ich mich um sie bewerbe, wie du von mir verlangst, so hält sie mich zweifellos für einen Mann ohne Ehre und von schlechten Absichten, da ich etwas will und unternehme, was allem so ganz fremd ist, zu dem mich das Bewußtsein meines eigenen Wertes und deine Freundschaft verpflichten. Daß du willst, daß ich dir sie raube, daran ist auch kein Zweifel; denn wenn Camila sieht, daß ich mich um sie bewerbe, muß sie glauben, ich habe bei ihr irgendeinen leichtsinnigen Charakterzug gefunden, der mir die Dreistigkeit einflößte, ihr meine frevelhaften Wünsche zu offenbaren, und da sie sich hierdurch entehrt fühlen muß, so trifft dich, weil du ein Teil von ihr selbst bist, ihre Unehre mit. Und hiervon kommt auch, was allgemein gesagt wird, nämlich daß der Mann eines ehebrecherischen Weibes – wenn er selbst es auch nicht weiß und keinen Anlaß dazu gegeben hat, daß sein Weib anders ist, als sie sein sollte, und wenn es nicht in seiner Macht stand noch an seiner Unachtsamkeit noch an mangelnder Vorsicht lag, sein Mißgeschick abzuwenden –, daß der Mann trotz alledem mit einem schmählichen und gemeinen Namen belegt wird. Und gewissermaßen betrachten ihn die, welche um die Schlechtigkeit seines Weibes wissen, mit Blicken der Geringschätzung statt mit denen des Bedauerns, wie sie sollten, da ihnen doch bekannt ist, daß er nicht durch seine Schuld, sondern durch die Gelüste seiner sündigen Lebensgefährtin in dies Unglück geraten ist.

Aber ich will dir den Grund sagen, weshalb der Mann eines verbrecherischen Weibes mit Recht entehrt ist, selbst wenn er nicht weiß, daß sie schlecht ist, und daran weder Schuld trägt noch dazu geholfen noch Anlaß dazu gegeben hat. Und laß dir's nicht zuviel werden, mich anzuhören; denn alles soll ja zu deinem Besten dienen. Als Gott unsern ersten Vater im irdischen Paradies erschuf, da ließ er, wie die Heilige Schrift sagt, einen tiefen Schlaf auf ihn fallen, und er entschlief. Und Gott nahm seiner Rippen eine aus der linken Seite und bauete aus der Rippe unsere Mutter Eva. Und als Adam erwachte und sie sah, sprach er: Das ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein. Und Gott sprach: Um ihretwillen wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und sie werden ein Fleisch sein. Und damals wurde das göttliche Sakrament der Ehe eingesetzt mit solchen Banden, daß nur der Tod sie lösen kann. Und es hat dies wunderbare Sakrament so große Kraft und Wirksamkeit, daß es zwei verschiedene Personen zu einem und demselben Fleische macht; und es bewirkt selbst noch mehr bei tugendhaften Eheleuten; denn wiewohl sie zwei Seelen haben, so haben sie doch nur einen Willen. Und daher kommt es, weil das Fleisch der Gattin eines ist mit dem des Gatten, daß die Flecken, die auf die Frau fallen, oder die Fehler, die sie sich zuschulden kommen läßt, das Fleisch des Mannes mit treffen, auch wenn er, wie gesagt, keinen Anlaß zu diesem Unglück gegeben hat. Denn so, wie einen Schmerz am Fuße oder an irgendwelchem Glied des menschlichen Leibes der ganze Leib empfindet, weil er in seiner Gesamtheit aus einem Fleische besteht, und wie der Kopf eine Verletzung an den Fußknöcheln empfindet, ohne daß er sie veranlaßt hätte, so nimmt der Mann teil an der Unehre des Weibes, weil er eins und dasselbe mit ihr ist. Und da alle Ehre und Unehre auf Erden mit Fleisch und Blut zusammenhängt und daraus entsteht und die eines schlechten Weibes von dieser Art ist, so muß notwendig den Ehemann ein Teil derselben treffen und er als entehrt gelten, wenn er auch nichts davon weiß. Erwäge also, Anselmo, die Gefahr, in die du dich begibst, wenn du die Gemütsruhe stören willst, in der deine tugendsame Gattin lebt; erwäge, um welches eitlen, törichten Vorwitzes willen du die Gefühle in Aufregung bringen willst, die bis jetzt im Busen deiner keuschen Gattin friedlich ruhen; merke wohl, daß, was du bei solchem Glücksspiel gewinnen kannst, wenig ist, und was du verlieren würdest, so viel, daß ich es auf sich beruhen lassen will, weil mir Worte fehlen, um es in seinem vollen Umfang zu schildern. Aber wenn alles, was ich gesagt, nicht genügt, um dich von deinem schlimmen Vorhaben abzubringen, so magst du ein anderes Werkzeug deiner Unehre und Vernichtung suchen. Denn ich gedenke nicht als solches zu dienen, wenn ich auch darob deine Freundschaft verlieren sollte, der größte Verlust, den ich mir vorstellen kann.«

Mit diesen Worten schwieg der tugendhafte und einsichtsvolle Lotario, und Anselmo stand so verstört und in Gedanken verloren, daß er ihm längere Zeit kein Wort zu erwidern vermochte. Endlich aber sprach er zu Lotario: »Mit einer Aufmerksamkeit, die dir nicht entgangen ist, habe ich alles angehört, Freund Lotario, was du mir sagen wolltest, und an deinen Worten, Beispielen und Gleichnissen erkannte ich, welch große Einsicht du besitzest und auf welch äußerstem Punkte wahrer Freundschaft du stehst. Und ebenso sehe ich auch ein und bekenne, daß, wenn ich deiner Warnung nicht folge und bei der meinigen beharre, ich vor dem Guten fliehe und dem Bösen nacheile. Dies zugegeben, mußt du erwägen, daß ich jetzt an jener Krankheit leide, von der manche Frauen öfter befallen sind, die da Gelüste haben, Erde, Gips, Kohlen zu essen, ja andre, noch ärgere Dinge, die zu ekelhaft sind, um sie nur anzusehen, geschweige sie zu essen. So ist's denn notwendig, irgendeinen Kunstgriff anzuwenden, damit ich genese, und dies könnte mit Leichtigkeit so geschehen, daß du wenigstens anfingst, wenn auch nur lau und zum Schein, dich um Camilas Liebe zu bewerben. Sie wird ja doch nicht so schwach sein, daß ihre Tugend gleich den ersten Angriffen erliegt. Und mit diesem bloßen Anfang werde ich mich befriedigt fühlen, und du wirst erfüllt haben, was du unserer Freundschaft schuldig bist, indem du mir dadurch nicht allein das Leben, sondern auch die Sicherheit gibst, daß meine Ehre ungeschmälert bleibt. Und dies zu tun, bist du schon allein aus einem Grund verpflichtet: da ich nämlich entschlossen bin – und in der Tat bin ich es –, diese Probe vorzunehmen, so darfst du nicht zulassen, daß ich meine Torheit einem Dritten offenbare, wobei ich ja die Ehre aufs Spiel setzen würde, während dein Bestreben darauf geht, daß ich sie nicht verlieren soll. Und wenn auch deine Ehre in Camilas Meinung während der Zeit, wo du um ihre Gunst wirbst, nicht so hoch steht, als sich gebührt, so liegt wenig oder nichts daran, da du ja in kurzem, nachdem du bei ihr die standhafte Lauterkeit erkannt hast, die wir erhoffen, ihr die reine Wahrheit über unsern Anschlag sagen kannst. Und damit wird dein guter Ruf bei ihr wieder gänzlich hergestellt sein. Und da du so wenig dabei wagst und durch ein solches Wagen mir so große Befriedigung verschaffen kannst, so lehne es nicht ab, selbst wenn sich noch weit mehr Unzuträglichkeiten dir vor Augen stellten. Denn, wie ich bereits gesagt, schon damit, daß du der Sache nur einen Anfang gibst, werde ich sie für endgültig erledigt erachten.«

Da Lotario den entschiedenen Willen Anselmos sah und nicht wußte, welche Beispiele er noch sonst ihm vorführen noch welche neuen Gründe er ihm angeben könnte, um ihn davon abzubringen, und da er dessen Drohung hörte, einem andern sein frevles Begehren zu offenbaren, so entschloß er sich, um ein größeres Übel zu verhüten, ihn zufriedenzustellen und zu tun, was er verlangte; jedoch mit dem Vorsatz und in der Absicht, den Handel auf einen solchen Weg zu leiten, daß, ohne Camilas Gedanken zu beunruhigen, Anselmo zufriedengestellt würde. Er antwortete ihm daher, er solle sein Vorhaben keinem andern mitteilen; er, Lotario, nehme die ganze Geschichte auf sich und würde sie beginnen, sobald es Anselmo beliebe.

Dieser umarmte seinen Freund mit liebevoller Zärtlichkeit und dankte ihm für seine Bereitwilligkeit, als hätte er ihm die größte Wohltat erwiesen. Sie kamen miteinander überein, gleich am folgenden Tage solle das Werk begonnen werden; Anselmo solle ihm Gelegenheit und Muße verschaffen, mit Camila unter vier Augen zu sprechen, und ihm Geld und Kleinodien geben, um sie ihr anzubieten und zu schenken. Anselmo riet Lotario, ihr Ständchen zu bringen und Verse zu ihrem Preise zu schreiben, die er selbst dichten würde, wenn Lotario sich nicht die Mühe geben wolle, sie zu schreiben. Zu all diesem erklärte sich Lotario bereit, wiewohl in einer ganz andern Absicht, als Anselmo dachte.

Mit dieser Verabredung kehrten sie nach Anselmos Hause zurück, wo sie Camila ihren Mann erwartend fanden, voll Angst und Besorgnis, weil er diesen Tag länger als gewöhnlich ausblieb. Lotario begab sich hierauf in sein Haus, und Anselmo blieb in dem seinigen, ebenso vergnügt, wie Lotario nachdenklich war, da er nicht wußte, welchen Anschlag er erdenken solle, um sich glücklich aus dem argen Handel zu ziehen. Aber noch an demselben Abend kam er darauf, welch ein Benehmen er einhalten könne, um Anselmo zu täuschen, ohne Camila zu nahe zu treten.

Des andern Tages kam er zu seinem Freunde zum Essen und ward von Camila wohl aufgenommen; sie empfing und behandelte ihn stets mit der größten Freundschaft, weil sie sich der innigen Liebe ihres Mannes zu Lotario wohl bewußt war. Nachdem sie gespeist hatten und abgedeckt war, bat Anselmo seinen Freund, er möchte bei Camila bleiben, während er selbst sich zu einem unumgänglichen Geschäft fortbegeben müsse; in anderthalb Stunden werde er zurückkehren. Camila bat ihn, sich doch nicht zu entfernen, und Lotario erbot sich, ihn zu begleiten, aber nichts konnte bei Anselmo verfangen. Vielmehr drang er angelegentlichst in Lotario, zu bleiben und ihn hier zu erwarten, da er mit ihm eine Sache von großer Wichtigkeit zu verhandeln habe. Er bat auch Camila, seinen Freund nicht allein zu lassen, bis er wiederkomme. Kurz, er wußte die Wichtigkeit – oder Nichtigkeit – seines Ausgangs so erfinderisch zu schildern, daß niemand die Verstellung hätte merken können.

Anselmo ging, und Camila und Lotario blieben allein am Tische sitzen; denn die übrigen Leute vom Hause waren alle zum Essen gegangen. Jetzt sah sich Lotario auf dem Turnierplatz, den sein Freund ihm ausgesucht hatte, vor sich den Feind, der schon allein mit seiner Schönheit ein ganzes Heer von wohlgerüsteten Rittern hätte besiegen können. Nun bedenkt, ob Lotario Ursache hatte, solchen Feind zu fürchten! Er tat indessen weiter nichts, als daß er den Ellenbogen auf den Arm des Sessels stützte, die flache Hand an die Wange legte und Camila um Verzeihung ob der Unhöflichkeit bat, weil er ein wenig ausruhen möchte, bis Anselmo heimkehre. Camila antwortete ihm, er werde besser auf dem Sofa im Besuchszimmer ausruhen als auf dem Sessel, und bat ihn hineinzugehen, um da zu schlafen; doch Lotario wollte nicht; er blieb dort schlummernd, bis Anselmo zurückkam.

Als dieser Camila in ihrem Gemach und Lotario schlafend fand, glaubte er, weil er so lang ausgeblieben, hätten die beiden bereits hinreichend Zeit gehabt, sich zu besprechen, ja sogar zu schlafen, und konnte kaum den Augenblick erwarten, wo Lotario erwachte, um mit ihm wieder auszugehen und ihn über seinen Erfolg zu befragen. Alles geschah nach seinem Wunsch: Lotario erwachte, und sogleich verließen beide das Haus, und nun fragte ihn Anselmo nach dem Gewünschten. Lotario antwortete ihm, es habe ihm nicht gut geschienen, sich gleich das erstemal ihr vollständig zu entdecken, und so habe er nichts weiter getan, als Camila ob ihrer Schönheit zu preisen und ihr zu sagen, daß in der ganzen Stadt von nichts anderem die Rede sei als von ihren Reizen und ihrem verständigen Wesen. Dies sei ihm als der beste Anfang erschienen, um allmählich ihr Wohlwollen zu gewinnen und sie geneigt zu machen, ihn auch ein andermal gern anzuhören. So habe er sich des Kunstgriffs bedient, den der Böse anwendet, wenn er jemand verführen will, der auf der Wache steht, um sich zu behüten. Der Teufel verwandle sich alsdann in einen Engel des Lichts, da er doch der Engel der Finsternis ist, und während er dem Armen einen guten Anschein vorspiegelt, offenbart er zuletzt, wer er ist, und führt sein Vorhaben aus, falls seine Tücke nicht gleich von vornherein entdeckt wird.

Anselmo war mit all diesem höchst zufrieden und sagte, er würde ihm jeden Tag dieselbe Gelegenheit verschaffen, selbst ohne aus dem Hause zu gehen; denn er würde sich daheim mit solchen Dingen beschäftigen, daß Camila nicht hinter seine Schliche kommen könne.

Es vergingen nun viele Tage, während Lotario, ohne mit Camila ein Wort zu reden, stets auf seines Freundes Fragen antwortete, er spreche mit ihr, könne ihr aber nie das geringste Anzeichen entlocken, daß sie sich zu irgend etwas Unrechtem herbeilassen würde noch auch nur die entfernteste Andeutung eines Schattens von Hoffnung gebe. Im Gegenteil, sagte er, drohe sie ihm, es ihrem Gatten mitzuteilen, wenn er nicht von seinen bösen Gedanken abstehe.

»Sehr gut«, sprach Anselmo. »Bis jetzt hat Camila den Worten widerstanden; wie sie den Werken widersteht, das müssen wir jetzt notwendig erforschen. Morgen gebe ich dir zweitausend Goldtaler, um sie ihr anzubieten, ja sie ihr zu schenken, und eine gleiche Summe zum Ankauf von Juwelen, um sie damit zu ködern. Denn die Frauen, ob sie auch noch so keusch sind, haben ihre große Liebhaberei daran, besonders wenn sie schön sind, schön gekleidet und in stattlichem Putz einherzugehen. Wenn sie aber dieser Versuchung widersteht, so will ich mich zufriedengeben und dich nicht weiter bemühen.«

Lotario erwiderte, da er nun einmal den Anfang gemacht habe, so wolle er das Unternehmen zu Ende führen, obgleich er einsehe, daß er aus demselben erschöpft und besiegt hervorgehen werde.

Am nächsten Tag erhielt er die viertausend Goldtaler und mit ihnen viertausend Verlegenheiten; denn er wußte nicht, was für neue Lügen er vorbringen solle. Aber endlich entschloß er sich, Anselmo zu sagen, Camila sei gegen Geschenke und Versprechungen ebenso probefest wie gegen Worte und es sei zwecklos, sich noch weiter abzumühen, weil die ganze Zeit vergeblich aufgewendet sei.

Allein das Schicksal, das die Dinge anders lenken wollte, fügte es so, daß Anselmo, nachdem er eines Tages Lotario und Camila allein gelassen, wie er bisher zu tun pflegte, sich in ein Seitengemach einschloß und durchs Schlüsselloch sehen und hören wollte, was die beiden tun würden; und er entdeckte, daß Lotario während einer halben Stunde kein Wort mit Camila sprach und sicher auch keines mit ihr gesprochen hätte, wenn Anselmo ein Jahrhundert lang dort gehorcht hätte. Nun ward ihm klar, daß, was sein Freund ihm von Camilas Antworten gesagt, alles Dichtung und Lüge war. Und um sich zu überzeugen, ob dem wirklich so sei, verließ er das Gemach, rief Lotario beiseite und fragte, was Neues vorgekommen und in welcher Stimmung Camila sei. Lotario entgegnete ihm, er gedenke in der Sache nichts weiter bei ihr zu tun; denn sie antworte so schroff und ärgerlich, daß er nicht das Herz habe, ihr nochmals etwas zu sagen.

»Ha, Lotario, Lotario«, sprach Anselmo, »wie wenig entspricht dein Verhalten deiner Pflicht gegen mich und meinem großen Vertrauen zu dir! Jetzt habe ich dagestanden und durch die Öffnung dieses Schlüsselloches dich belauscht, habe bemerkt, daß du zu Camila nicht ein Wort gesagt hast, und bin dadurch zu der Erkenntnis gelangt, daß du ihr noch das erste Wort zu sagen hast. Und wenn es so ist – und ohne Zweifel ist es so –, zu welchem Zweck hintergehst du mich, oder warum willst du mir mit deiner List die Mittel entziehen, die ich finden könnte, um meine Absicht zu erreichen?«

Mehr sprach Anselmo nicht. Aber was er gesagt, genügte, um Lotario in Beschämung und Bestürzung zu versetzen. Jetzt, als ob er seine Ehre für verpfändet hielte, weil er über einer Lüge betroffen worden, jetzt schwur er Anselmo zu, von diesem Augenblick an nehme er es auf sich, ihn zufriedenzustellen und ihm nichts vorzulügen, und der Freund würde dies ersehen, wenn er sein Tun sorgfältig ausspähen wolle. Doch sei es hierzu nicht einmal nötig, sich irgend Mühe zu geben; denn die Mühe, die er aufwenden wolle, um seinen Wünschen nachzukommen, werde ihm jeden Argwohn benehmen.

Anselmo schenkte ihm Glauben, und um es ihm bequemer zu machen, so daß er mehr Sicherheit und weniger Störung hätte, beschloß er, sich auf acht Tage aus seinem Hause zu entfernen und einen Freund in einem Dorfe nicht weit von der Stadt zu besuchen. Er verabredete mit diesem Freunde, er solle ihn ernstlich und dringend zu sich berufen, um bei Camila einen Vorwand zu seiner Abreise zu haben.

Du unglücklicher, übelberatener Anselmo! Was tust du? Was planst du? Auf was gehst du aus? Bedenke, daß du gegen dich selbst handelst, indem du deine Entehrung planst und auf dein Verderben ausgehst. Tugendhaft ist deine Gemahlin Camila; in Ruhe und Frieden besitzest du sie; niemand stört deine Freuden; ihre Gedanken schweifen nicht über die Wände deines Hauses hinaus; du bist ihr Himmel auf Erden, der Zielpunkt ihrer Wünsche, der Gipfel ihrer Freuden, das Maß, an dem sie ihren Willen mißt, indem sie ihn in allem nach dem deinigen und dem des Himmels richtet. Wenn nun die Erzgrube ihrer Ehre, ihrer Schönheit, Sittsamkeit und Schüchternheit dir ohne irgendwelche Mühsal allen Reichtum hingibt, den sie enthält und den du nur wünschen kannst, warum willst du die Erde noch tiefer aufgraben und neue Adern neuen und nie erschauten Reichtums aufsuchen und dich hierbei in die Gefahr bringen, daß sie ganz zusammenstürze? Denn am Ende hält sie sich doch nur auf den gebrechlichen Stützen ihrer schwachen Natur aufrecht. Bedenke: Wer das Unmögliche sucht, dem geschieht nur recht, wenn das Mögliche ihm versagt wird, wie es besser ein Dichter ausdrückt, der da sagt:

Leben such ich in dem Tod,
Heilung in des Siechtums Grause,
Ausgang in verschloßner Klause,
Freiheit in des Kerkers Not,
Treue, wo Verrat zu Hause.

Doch mein Glück, stets karg an Gaben,
Läßt selbst Hoffnung nie mich laben;
Und des Himmels Satzung lehrt:
Wer Unmögliches begehrt,
Soll das Mögliche nicht haben.

Am andern Tag begab sich Anselmo auf das Dorf, nachdem er Camila gesagt, während der Zeit seiner Abwesenheit werde Lotario kommen, um nach dem Hause zu sehen und mit ihr zu speisen; sie möge wohl darauf bedacht sein, den Freund wie ihn selbst zu behandeln. Camila war als eine verständige, sittsame Frau über den Befehl bekümmert, den ihr Gemahl ihr zurückließ, und entgegnete ihm, er möge bedenken, daß es nicht schicklich sei, wenn in seiner Abwesenheit ein anderer den Platz an seinem Tisch einnehme; und wenn er es etwa deshalb tue, weil er ihr nicht zutraue, sein Haus regieren zu können, so möge er doch diesmal die Probe machen, und die Erfahrung würde ihn dann belehren, daß sie auch größeren Aufgaben gewachsen sei. Anselmo erwiderte ihr, es sei einmal sein Wunsch so, und sie habe weiter nichts zu tun, als gesenkten Hauptes ihm zu gehorchen. Camila erklärte, sie werde es tun, wenn auch gegen ihren Willen.

Anselmo reiste ab, und des andern Tags kam Lotario ins Haus und fand bei Camila eine liebevolle und sittsame Aufnahme. Doch betrat sie nie einen Ort, wo Lotario sie unter vier Augen hätte antreffen können; sie zeigte sich immer von ihren Dienern und Dienerinnen umgeben, namentlich einer Zofe, die Leonela hieß und die sie sehr liebte, weil sie beide von Kind auf im Hause von Camilas Eltern zusammen erzogen worden waren, und als sie sich mit Anselmo verheiratete, nahm sie die Zofe mit.

Im Lauf der ersten drei Tage sprach Lotario gar nichts mit ihr, obschon er es gekonnt hätte, während man den Tisch abdeckte und die Leute weggingen, um rasch zu essen, wie es Camila angeordnet hatte. Sogar hatte Leonela den Befehl, früher als Camila zu essen und sich nie von ihrer Seite zu entfernen. Allein das Mädchen, das ihre Gedanken auf andre Gegenstände ihrer Wünsche gerichtet hatte und dieser Stunden und Gelegenheiten bedurfte, um sie auf die Befriedigung ihrer eignen Neigungen zu verwenden, befolgte nicht immer das Gebot ihrer Herrin, ließ vielmehr die beiden häufig allein, gerade als wäre dieses ihr befohlen worden. Indessen, das sittsame Aussehen Camilas, der Ernst ihrer Züge, der würdige Anstand ihrer ganzen Persönlichkeit, das alles war mächtig genug, um Lotarios Zunge einen Zügel anzulegen. Jedoch das Gute, das die vielen trefflichen Eigenschaften Camilas bewirkten, indem sie Lotario zu schweigen nötigten, schlug beiden zu desto größerem Schaden aus. Denn wenn die Zunge auch still blieb, so redeten die Gedanken und hatten Muße, die vollendete Schönheit und Liebenswürdigkeit, welche Camila zu eigen waren, Zug um Zug mit Verehrung zu betrachten, mehr als genügend, um eine Bildsäule von Marmor in Liebe zu entflammen, geschweige denn ein Herz von Fleisch und Blut. Sooft Lotario Zeit und Gelegenheit fand, sie zu sprechen, schaute er sie unverwandt an und dachte bei sich, wie liebenswert sie sei. Diese Gedanken begannen allmählich einen Sturmlauf gegen die freundschaftliche Rücksicht, die er Anselmo schuldete, und tausendmal wollte er die Stadt verlassen und hingehen, wo Anselmo niemals ihn und er niemals Camila mehr zu Gesicht bekäme. Allein schon konnte er es nicht mehr. Der Genuß, den er an ihrem Anblick fand, verwehrte es ihm und hielt ihn zurück. Er tat sich Gewalt an und kämpfte mit sich, um die Wonne nicht zu empfinden und aus seinem Herzen zu reißen, die ihn antrieb, Camila stets anzuschauen. Wenn er mit sich allein war, klagte er sich an ob seines Wahnsinns, er nannte sich einen schlechten Freund, ja einen schlechten Christen; er stellte Betrachtungen an und Vergleichungen zwischen sich und Anselmo, und alle liefen darauf hinaus, daß er sich sagte, seine Treulosigkeit sei noch lange nicht so groß wie Anselmos Verkehrtheit und blinde Zuversicht, und wenn er für das, was er zu tun gedenke, ebenso vor Gott Entschuldigung fände wie vor den Menschen, so würde er keine Strafe für seine Schuld fürchten.

Zuletzt kam es dahin, daß Camilas Schönheit und vortreffliche Eigenschaften, verbunden mit der Gelegenheit, die der törichte Ehemann ihm in die Hand gegeben, Lotarios Redlichkeit gänzlich zu Fall brachten. Er beachtete nichts anderes mehr, als wozu seine Neigung ihn trieb, und nach drei Tagen der Abwesenheit Anselmos, während deren er in beständigem Kampfe war, um seinen eigenen Wünschen zu widerstehen, begann er, wie verstört und außer sich, um Camila mit solchen Liebesworten zu werben, daß sie ganz in Bestürzung geriet und nichts weiter tat, als daß sie sich von ihrem Sitz erhob und in ihr Gemach ging, ohne ihm ein Wort zu erwidern. Aber durch diese Kälte ward in Lotario die Hoffnung nicht entmutigt, die immer zugleich mit der Liebe entsteht; vielmehr ward ihm Camila um so teurer.

Diese aber, nachdem sie in Lotario gefunden, was sie nie erwartet hätte, wußte nicht, was sie anfangen sollte; und da es ihr weder sicher noch wohlgetan schien, ihm Gelegenheit und Raum zu einer zweiten Besprechung zu geben, so beschloß sie, noch an demselben Abend – wie sie es denn auch ausführte – einen ihrer Diener mit einem Briefe an Anselmo zu senden, worin sie ihm folgende vernünftige Worte schrieb.

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