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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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32. Kapitel

Welches berichtet, wie es der gesamten Gefolgschaft Don Quijotes in der Schenke erging

Das vortreffliche Mahl war beendet, sie sattelten ihre Tiere, und ohne daß ihnen etwas Erzählenswertes begegnete, gelangten sie des folgenden Tages zu der Schenke, dem Schrecken und Entsetzen Sancho Pansas; und wiewohl er sie am liebsten nicht betreten hätte, so konnte er es doch nicht vermeiden. Die Wirtin, der Wirt und Maritornes, die Don Quijote und Sancho kommen sahen, gingen ihnen entgegen und begrüßten sie mit großen Freudenbezeigungen; er empfing sie mit würdiger Haltung und Billigung ihres Gebarens und sagte ihnen, sie möchten ihm ein besseres Nachtlager als das letztemal bereiten; worauf ihm die Wirtin antwortete, falls er sie besser als neulich bezahle, würden sie ihm ein fürstliches Bett geben. Don Quijote erwiderte, das wolle er tun, und so bereiteten sie ihm ein erträgliches Bett auf demselben Dachboden wie damals. Er legte sich sogleich nieder, denn er war wie zerschlagen und seiner Sinne nicht mächtig.

Kaum hatte er sich eingeschlossen, so fiel die Wirtin über den Barbier her, packte ihn am Barte und sprach: »Bei meiner Seelen Seligkeit, Ihr sollt mir nicht länger meinen Farrenschwanz zu Eurem Bart gebrauchen. Ihr müßt mir meinen Schweif wiedergeben; denn meinem Manne fährt seine Sache hier auf dem Boden herum, daß es eine Schande ist; ich meine sein Kamm, den ich sonst immer an meinen schönen Schwanz angesteckt habe.«

Der Barbier wollte ihn nicht lassen, so stark sie auch zog, bis der Lizentiat ihm zuredete, er solle ihn doch hergeben, es sei nicht länger nötig, sich dieses Kunstgriffs zu bedienen; vielmehr solle er sich offen in seiner eigenen Gestalt zeigen und Don Quijote sagen, nachdem ihn die spitzbübischen Galeerenzüchtlinge ausgeraubt, habe er sich in diese Schenke geflüchtet. Und wenn etwa der Ritter nach dem Knappen der Prinzessin fragen sollte, so würden sie ihm sagen, sie habe ihn vorausgeschickt, um den Leuten in ihrem Königreich Nachricht zu geben, daß sie komme und den Befreier aller mitbringe.

Darauf gab der Barbier der Wirtin den Farrenschwanz gern zurück, und man erstattete ihr auch alle übrigen Gegenstände wieder, die sie zur Befreiung Don Quijotes hergeliehen hatte.

Höchlich verwunderten sich alle in der Schenke über Doroteas Schönheit und nicht minder über das stattliche Aussehen des als Hirtenjunge gekleideten Cardenio. Der Pfarrer ordnete an, man solle ihnen zum Essen bereiten, was in der Schenke vorrätig sei, und der Wirt, in Hoffnung besserer Bezahlung, bereitete ihnen ein leidliches Mittagsmahl. Währenddessen schlief Don Quijote noch immer, und sie waren der Meinung, man solle ihn nicht wecken, weil es ihm für jetzt zuträglicher sei, zu schlafen, als zu essen.

Während der Mahlzeit sprachen sie in Gegenwart des Wirts, seiner Frau, seiner Tochter, der Maritornes und aller Reisenden über die seltsame Narrheit Don Quijotes und über den Zustand, in dem sie ihn gefunden hatten. Die Wirtin erzählte, was ihnen mit dem Ritter und dem Maultiertreiber begegnet war; dann sah sie sich um, ob Sancho etwa zugegen wäre, und als sie ihn nicht erblickte, erzählte sie die ganze Geschichte, wie er gewippt worden, was ihnen nicht wenig Spaß machte.

Als aber der Pfarrer sagte, die Ritterbücher, welche Don Quijote gelesen, hätten ihn verrückt gemacht, sprach der Wirt: »Ich weiß nicht, wie das sein kann, denn in Wahrheit, wie ich die Sache verstehe, gibt es nichts Besseres auf der Welt zu lesen. Ich habe hier ihrer zwei oder drei mit noch andern Papieren, die haben mir wahrhaftig frische Lebenslust geschenkt, und nicht nur mir, sondern vielen andern. Denn zur Erntezeit kommen an den Festtagen viele Schnitter, hier zu herbergen, und immer ist einer dabei, der lesen kann. Der nimmt eins von den Büchern zur Hand, wir sind zu mehr als dreißig um ihn herum, und wir sitzen und stehen da und hören ihm mit so viel Vergnügen zu, daß es uns ordentlich jünger macht. Wenigstens was mich betrifft, muß ich sagen, wenn ich die schrecklichen Hiebe beschreiben höre, welche die Ritter austeilen, packt mich die Lust, es ebenso zu machen, und ich möchte Tag und Nacht davon hören.«

»Ich ganz ebenso«, sprach die Wirtin, »denn ich habe nie einen so ruhigen Augenblick in meinem Hause als in der Zeit, wo Ihr vorlesen hört; da seid Ihr so in die Narretei versunken, daß Ihr nicht ans Zanken denkt.«

»Ja, so ist's«, sagte Maritornes. »Und weiß Gott, auch ich höre all die Sachen gern, sie sind gar hübsch, und besonders wenn da erzählt wird, wie die Dame unter Orangenbäumen sitzt und sie und ihr Ritter sich in den Armen halten und wie ihre Hofmeisterin derweilen Wache steht, halbtot vor Neid und in großer Bangigkeit. Das alles ist süß wie Honig.«

»Und was dünkt Euch davon, junges Mägdlein?« sagte der Pfarrer zur Haustochter.

»Ich weiß es meiner Seelen nicht«, antwortete sie. »Ich höre auch mit zu, und wirklich, wenn ich es auch nicht verstehe, so hab ich doch mein Vergnügen am Zuhören. Indessen die Hiebe, an denen mein Vater Gefallen findet, die mag ich nicht, wohl aber das Wehklagen, das die Ritter vollführen, wenn sie von ihren Geliebten fern sind, und wahrlich, sie bringen mich manchmal zum Weinen vor lauter Mitleid, das ich mit ihnen habe.«

»Also würdet Ihr Euch wohl ihrem Wehe hilfreich erweisen, junges Mägdlein«, sprach Dorotea, »wenn ihre Tränen um Euch flössen?«

»Ich weiß nicht, was ich da tun würde«, antwortete das Mädchen. »Ich weiß nur, es sind etliche solcher Damen so grausam, daß ihre Ritter sie Tigerinnen heißen und Löwinnen und tausend andre Scheußlichkeiten. O Jesus! Ich weiß nicht, was das für herzlose, gewissenlose Frauenzimmer sind, die, um nur einem Ehrenmann keinen Blick zu schenken, ihn sterben oder verrückt werden lassen; ich weiß nicht, was all diese Ziererei soll. Wenn sie so auf ihre Ehre halten, so brauchen sie ja nur ihre Ritter zu heiraten, die wünschen gar nichts andres.«

»Schweig, Kind«, sprach die Wirtin, »es scheint, du weißt zuviel von diesen Dingen. Es schickt sich nicht für Mädchen, so viel zu wissen und zu reden.«

»Da der Herr hier mich gefragt hat«, entgegnete sie, »so mußte ich ihm doch antworten.«

»Nun gut«, sprach der Pfarrer, »bringt mir, Herr Wirt, jene Bücher her, ich will sie ansehen.«

»Sehr gern«, antwortete dieser, ging in sein Zimmer und brachte aus diesem einen alten, mit einem Kettchen verschlossenen Mantelsack. Der Pfarrer öffnete ihn und holte daraus drei große Bücher hervor nebst einigen Papieren in sehr guter Handschrift.

Das erste Buch, das; er aufschlug, war Don Cirongilio von Thrazien, das zweite Felixmarte von Hyrkanien, das dritte die Geschichte des großen Feldhauptmanns Don Gonzalo Hernández de Córdoba nebst dem Leben des Diego García de Paredes.

Als der Pfarrer die beiden ersten Titel las, wendete er sich zu dem Barbier um und sagte: »Hier fehlen uns jetzt die Haushälterin meines Freundes und seine Nichte.«

»Sie fehlen uns keineswegs«, erwiderte der Barbier, »denn auch ich bin imstande, sie in den Hof oder in den Kamin zu werfen, und wahrhaftig, in dem ist ein tüchtiges Feuer.«

»Also will Euer Gnaden meine Bücher verbrennen?« rief der Wirt.

»Nur diese zwei«, antwortete der Pfarrer, »das Buch von Don Cirongilio und das von Felixmarte.«

»Sind denn etwa«, fragte der Wirt, »meine Bücher Ketzer oder Phlegmatiker, daß Ihr sie verbrennen wollt?«

»Schismatiker wollt Ihr sagen, Freund«, bemerkte der Barbier, »nicht Phlegmatiker.«

»Meinetwegen«, erwiderte der Wirt. »Wenn Ihr aber durchaus eins verbrennen wollt, so nehmt das Buch vom großen Feldhauptmann und von jenem Diego García, denn eher laß ich meinen Sohn verbrennen als eins von diesen andern.«

»Lieber Freund«, versetzte der Pfarrer, »diese beiden Bücher enthalten nur Erdichtungen und sind voll von Narreteien und Unsinn. Das vom großen Feldhauptmann ist eine wahrhafte, wirkliche Geschichte und enthält die Erlebnisse des Gonzalo Hernández de Córdoba, der durch seine zahlreichen Großtaten sich würdig machte, in aller Welt der große Feldhauptmann genannt zu werden, ein ruhmvoller, strahlender Name, dessen kein andrer außer ihm sich würdig gemacht hat. Und dieser Diego García de Paredes war ein hochangesehener Ritter, gebürtig aus der Stadt Trujillo in Estremadura, einer der tapfersten Krieger und von solcher Körperkraft, daß er ein Mühlrad mitten im vollen Umschwung mit einem Finger aufhielt. Am Aufgang einer Brücke stellte er sich hin mit seinem zweihändigen Schwert und hielt ein ganzes unzählbares Heer vom Übergang ab. Er vollbrachte noch viel andre Taten, und wenn – statt daß er sie selbst mit der Bescheidenheit eines Ritters und eines Mannes, der sein eigener Chronist ist, erzählt und beschreibt – ein andrer frei von Rücksicht und leidenschaftslos sie beschrieben hätte, so würden sie die Taten des Hektor, Achilles und Roldán in Vergessenheit gebracht haben.«

»Das ist mir was Rechtes!« sprach der Wirt dagegen. »Das soll schon was sein, worüber Ihr Euch verwundert! Ein Mühlrad anzuhalten! Hilf Himmel, da sollte Euer Gnaden lesen, was ich vom Felixmarte von Hyrkanien gehört habe. Der hat mit einem einzigen Hieb fünf Riesen am Gürtel auseinandergehauen, als ob sie Männchen aus Bohnen wären, wie die Kinder sie ausschneiden. Ein andermal griff er ein ungeheures, gewaltiges Heer an, darin mehr als eine Million sechsmalhunderttausend Soldaten waren, alle von Kopf bis zu Fuß gerüstet, und er schlug sie alle in die Flucht, als wären's Schafherden gewesen. Und was wollt Ihr mir erst von dem wackeren Don Cirongilio von Thrazien sagen! Der war so mannhaft und mutvoll, wie man es in dem Buch lesen kann, das berichtet, wie er auf einem Fluß hinschiffte, da erhob sich gegen ihn aus dem Wasser hervor eine feurige Schlange, und sobald er sie sah, sprang er auf sie los und setzte sich rittlings auf ihren schuppigen Rücken und drückte ihr mit beiden Händen die Kehle mit solcher Gewalt zusammen, daß die Schlange, da sie merkte, er sei im Begriff, sie zu erdrosseln, sich nicht anders zu helfen wußte, als in die Tiefe des Flusses zu tauchen, wobei sie den Ritter nach sich zog, da er sie durchaus nicht loslassen wollte. Und wie sie nun dort hinabkamen, sah er sich in einem Palast und in Gärten, alles so schön, daß es ein Wunder war. Und alsbald verwandelte sich die Schlange in einen greisen Alten, und der sagte ihm so vielerlei, daß nichts Herrlicheres zu erhören ist. Sagt nur nichts mehr, werter Herr; denn wenn Ihr das anhörtet, so würdet Ihr vor Entzücken von Sinnen kommen. Da pfeife ich auf den großen Feldhauptmann und jenen Diego García, wovon Ihr sprecht!«

Als Dorotea dies hörte, sprach sie leise zu Cardenio: »Wenig fehlt unserm Wirte daran, den zweiten Teil zum Don Quijote zu liefern.«

»So kommt es mir auch vor«, antwortete Cardenio. »Denn offenbar hält er es für sicher, daß alles, was seine Bücher erzählen, geradeso vor sich gegangen, wie sie es beschreiben, nicht um einen Punkt mehr noch minder, und kein Barfüßermönch würde ihn zu einem andern Glauben bringen.«

»Bedenket, guter Freund«, hub der Pfarrer wieder an, »daß es auf der Welt weder einen Felixmarte von Hyrkanien gegeben hat noch einen Don Cirongilio von Thrazien noch andre Ritter der Art, von denen die Ritterbücher erzählen. Denn all dieses ist Dichtung und Erfindung müßiger Geister, welche derlei Geschichten zu dem von Euch selbst erwähnten Zwecke schrieben, die Zeit zu verkürzen, gerade wie Eure Schnitter sie zum Zeitvertreib anhören. Ich schwör Euch in allem Ernste, nie hat es auf der Welt dergleichen Ritter gegeben, nie sind auf der Welt dergleichen Heldentaten und Ungereimtheiten vorgekommen.«

»Den Knochen einem andern Hund!« entgegnete der Wirt. »Als ob ich nicht bis fünf zählen könnte! Als ob ich nicht wüßte, wo mich der Schuh drückt! Ich bitt Euer Gnaden, haltet mich nicht für ein Wickelkind; denn bei Gott, ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe. Nicht übel! Da wollen mir Euer Gnaden weismachen, alles, was diese herrlichen Bücher enthalten, sei Unsinn und Lüge, da doch alles mit Erlaubnis der Herren vom Königlichen Rate gedruckt ist. Als ob das die Leute dazu wären, so viel Lug und Trug allzusammen drucken zu lassen und so viel Schlachten und so viel Verzauberungen, daß es einem schier den Verstand benimmt.«

»Ich habe Euch schon gesagt, guter Freund«, erwiderte der Pfarrer, »daß dieses geschieht, um unsere müßigen Gedanken zu ergötzen. Und so, wie man in einem wohlgeordneten Gemeinwesen gestattet, Schach, Ball und Billard zu spielen, um Leute zu ergötzen, die nicht arbeiten wollen oder dürfen oder können, so erlaubt man den Druck solcher Bücher, weil man glaubt, wie es auch wirklich der Fall ist, daß niemand so unwissend sein wird, um irgendeine der Geschichten in diesen Büchern für Wahrheit zu halten. Und wenn es mir jetzo vergönnt wäre und die Zuhörer es begehren sollten, so würde ich über das, was die Ritterbücher enthalten müßten, um gute Bücher zu sein, manches sagen, was vielleicht einem und dem andern zum Nutzen, ja, auch zum Vergnügen gereichen möchte. Allein ich hoffe, es wird die Zeit kommen, wo ich es jemandem mitteilen kann, der die Macht hat, dem Übel zu steuern. Inzwischen aber glaubt nur, Herr Wirt, was ich Euch gesagt habe. Nehmt Eure Bücher und seht, wie Ihr Euch mit ihren Wahrheiten oder Lügen abfindet. Mögen sie Euch wohl bekommen, und Gott gebe, daß Ihr nicht einstens an demselben Karren zu ziehen habt wie Euer Gast Don Quijote.«

»Das nicht«, erwiderte der Wirt. »Ich werde kein solcher Narr sein, ein fahrender Ritter zu werden. Denn das seh ich wohl, jetzt ist nicht mehr Brauch, was es in jener Zeit war, als noch, wie erzählt wird, jene ruhmvollen Ritter durch die Welt zogen.«

Bei der zweiten Hälfte dieser Unterhaltung war Sancho zugegen, und er wurde bestürzt und sehr bedenklich, als er sagen hörte, die fahrenden Ritter seien jetzt nicht mehr bräuchlich und alle Ritterbücher seien Ungereimtheiten und Lügen. Er nahm sich in seinem Geiste vor abzuwarten, wie diese Fahrt seines Herrn ablaufen würde, und beschloß, wenn sie nicht mit dem glücklichen Erfolg ausginge, den er sich erhoffte, ihn zu verlassen und zu Frau und Kindern und zu seiner gewohnten Arbeit zurückzukehren.

Der Wirt war im Begriff, den Mantelsack und die Bücher fortzunehmen; da sagte ihm jedoch der Pfarrer: »Wartet noch, ich will sehen, was das für Papiere sind, die eine so gute Handschrift zeigen.«

Der Wirt holte sie hervor und gab sie dem Pfarrer zu lesen. Dieser sah, daß es ungefähr acht Bogen in Handschrift waren, welche obenan in großen Buchstaben einen Titel trugen, der da lautete: Novelle vom törichten Vorwitz. Der Pfarrer las drei oder vier Zeilen still für sich und sprach: »In der Tat, der Titel dieser Novelle gefällt mir nicht übel, und ich habe Lust, sie ganz zu lesen.«

Darauf antwortete der Wirt: »Gewiß darf Euer Ehrwürden sie lesen; denn ich sage Euch, sie hat etliche Gäste, die sie hier gelesen haben, sehr befriedigt, und sie haben mich sehr darum gebeten; aber ich wollte sie ihnen nicht geben, da ich sie dem Herrn wiederzuerstatten gedenke, der den Mantelsack mit diesen Büchern und Papieren hier vergessen hat. Es kann ja sein, daß er einmal wiederkommt. Und obschon ich weiß, daß die Bücher mir sehr fehlen werden, so will ich, auf mein Wort, sie ihm doch wiedergeben. Denn wiewohl ein Wirt, bin ich doch ein guter Christ.«

»Ihr habt sehr recht, guter Freund«, versetzte der Pfarrer. »Aber trotzdem, wenn die Novelle mir gefällt, müßt Ihr mich sie abschreiben lassen.«

»Sehr gern«, erwiderte der Wirt.

Während die beiden so miteinander redeten, hatte Cardenio die Novelle genommen und darin zu lesen angefangen; und da er ebenso über sie urteilte wie der Pfarrer, bat er diesen, sie laut vorzulesen, damit alle sie hören könnten.

»Gewiß würde ich sie vorlesen«, sagte der Pfarrer, »wenn es nicht besser wäre, die Zeit jetzt aufs Schlafen statt aufs Lesen zu verwenden.«

»Für mich«, sprach Dorotea, »wäre eine Erzählung schon genügsame Erholung. Denn noch ist mein Geist nicht so weit beruhigt, daß er mir zu schlafen gestattete, wenn es vernünftig wäre, es zu tun.«

»Demnach also«, sprach der Pfarrer, »will ich sie vorlesen, sei es auch nur, um etwas Neues zu hören; vielleicht wird sie bei dem Neuen auch einiges Ergötzliche bieten.«

Meister Nikolas seinerseits bat ihn ebenfalls darum, und nicht minder Sancho. Als der Pfarrer dies sah, und da er voraussetzen durfte, ihnen allen ein Vergnügen zu bereiten und es selbst mitzugenießen, so sagte er: »Da dem so ist, so hört mir alle aufmerksam zu. Die Novelle beginnt folgendermaßen.«

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