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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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31. Kapitel

Von der ergötzlichen Zwiesprache, die Don Quijote und sein Schildknappe Sancho Pansa miteinander hielten, nebst andern Begebnissen

»All dieses mißbehagt mir keineswegs«, sprach Don Quijote, »fahre fort. Du kamst also hin, und womit beschäftigte sich die Königin der Schönheit? Sicher fandest du sie, wie sie Perlen aufreihte oder mit Goldfaden eine neue Devise für mich, den in ihren Fesseln liegenden Ritter, stickte.«

»So hab ich sie nicht gefunden«, entgegnete Sancho, »sondern wie sie auf ihrem Hof zwei Scheffel Weizen siebte.«

»Dann sei gewiß«, sagte Don Quijote, »die Körner dieses Weizens waren, von ihrer Hand berührt, eitel Perlenkörner. Und wenn du genau hingesehen hast, Freund, war der Weizen von der guten oder rötlichen Art?«

»Es war nichts andres als gemeiner gelber Weizen«, antwortete Sancho.

»Nun, dann versichere ich dir«, sprach Don Quijote, »von ihren Händen gesiebt, gab er ohne Zweifel das feinste Semmelbrot. Doch weiter: als du ihr meinen Brief überreichtest, hat sie ihn geküßt? Hat sie mit ihm die Stirn berührt? Hat sie ihn mit jener Feierlichkeit empfangen, wie sie eines solchen Briefes würdig war? Oder was hat sie überhaupt getan?«

»Als ich ihn ihr reichen wollte«, antwortete Sancho, »hatte sie gerade eine tüchtige Menge Weizen im Sieb und war mitten im heftigsten Schütteln, da sagte sie zu mir: ›Lieber Freund, legt mir den Brief auf den Sack dort; ich kann ihn nicht lesen, bis ich den ganzen Vorrat hier fertig gesiebt habe.‹«

»Wie verständig!« sprach Don Quijote, »sie tat dies jedenfalls, um ihn mit Muße zu lesen und sich an ihm zu ergötzen. Weiter, Sancho: Während sie bei ihrer Beschäftigung war, welche Zwiesprache hielt sie mit dir? Was fragte sie dich über mich? Und du, was hast du ihr geantwortet? Komm einmal zu Ende, erzähle mir alles, nicht eine Achtelnote darfst du auslassen.«

»Sie hat mich gar nichts gefragt«, sprach Sancho, »ich aber erzählte ihr, wie es Euch aus Liebe zu ihr erginge, indem Ihr Euch kasteiet, vom Gürtel aufwärts entblößt, in diesem Gebirge steckend, als ob Ihr ein Wilder wäret, auf dem Erdboden schlafend, ohne je auf einem Tischtuch zu essen, ohne Euch den Bart zu kämmen, Euer Schicksal beweinend und verwünschend.«

»Wenn du gesagt hast, ich verwünsche mein Schicksal, so muß ich deine Worte verwünschen«, sagte Don Quijote. »Denn ich segne es vielmehr und werde es zeit meines Lebens segnen, daß es mich der Gunst würdig gemacht hat, eine so hohe Gebieterin wie Dulcinea von Toboso zu lieben.«

»Ja, so hoch ist sie«, versetzte Sancho, »daß sie mir wahrhaftig um mehr als eine Faust über ist.«

»Wie, Sancho«, fragte Don Quijote, »hast du dich mit ihr gemessen?«

»Wir haben uns auf die Weise gemessen«, antwortete Sancho, »daß wir, als ich herzuging, um ihr einen Sack Weizen auf einen Esel laden zu helfen, so nahe zusammenkamen, daß ich sehen konnte, sie sei um eine gute Handbreit größer als ich.«

»Aber bekleidet und schmückt sie diese Körpergröße nicht mit tausend Millionen Reizen der Seele?« rief Don Quijote. »Und eines wirst du mir nicht in Abrede stellen, Sancho: als du ihr so nahe kamst, Sancho, spürtest du da nicht einen sabäischen Wohlgeruch, einen balsamischen Hauch, ein ich weiß nicht was Fürtreffliches, das ich nicht zu nennen imstande bin, ich meine einen Duft oder Dunst, als ob du im Laden eines feinen Handschuhmachers wärest?«

»Ich kann weiter nichts sagen«, entgegnete Sancho, »als daß ich so ein gewisses männliches Gerüchlein verspürte, und das kam wohl daher, daß sie von der vielen Arbeit schwitzte und schier triefte.«

»Das kann's nicht gewesen sein«, sprach Don Quijote, »sondern du hast sicher den Schnupfen gehabt oder mußt dich selbst gerochen haben; denn ich weiß gar wohl, wonach sie duftet, diese Rose unter Dornen, diese Lilie im Tal, diese flüssige Ambra.«

»Das kann alles sein«, erwiderte Sancho, »denn häufig geht von mir der Geruch aus, der mir damals von des Fräuleins Dulcinea Gnaden auszugehen schien. Allein darüber darf man sich nicht verwundern; denn ein Teufel ist geradeso wie der andre.«

»Nun gut«, fuhr Don Quijote fort, »sie hat also ihren Weizen jetzt fertig gesiebt und in die Mühle geschickt – wie benahm sie sich, als sie meinen Brief las?«

»Den Brief«, sprach Sancho, »den hat sie gar nicht gelesen; denn sie sagte, sie könne nicht lesen noch schreiben; vielmehr zerriß sie ihn und zerstückte ihn in kleine Fetzen und sagte, sie wolle ihn niemandem zu lesen geben, damit man im Dorf nicht ihre Geheimnisse erfahre; und es sei schon hinreichend, was ich ihr mündlich über Euer Gnaden Liebe zu ihr gesagt und über die absonderliche Kasteiung, die Ihr von ihretwegen fortwährend übt. Und schließlich sagte sie mir, ich solle Euer Gnaden sagen, sie küsse Euch die Hände und trage mehr Lust, Euch zu sehen als Euch zu schreiben. Und sonach bitte und befehle sie Euch, nach Sicht des Gegenwärtigen sollt Ihr Euch aus diesen Wildnissen entfernen und sollt mit dem Verüben von Narreteien aufhören und sollt Euch gleich auf den Weg nach Toboso begeben, wenn Euch eben nichts Wichtigeres aufstoße; denn sie habe große Begier, Euer Gnaden zu sehen. Sie lachte mächtiglich, als ich ihr sagte, Euer Gnaden nenne sich den Ritter von der traurigen Gestalt. Ich fragte sie, ob der Biskayer von neulich gekommen sei; sie sagte mir, ja, und es sei ein sehr wackerer Mann. Auch fragte ich sie nach den Galeerensklaven; allein sie erwiderte mir, sie habe bisher keinen zu Gesicht bekommen.«

»Soweit geht alles gut«, sprach Don Quijote. »Aber sage mir, welch ein Kleinod hat sie dir, da sie dich verabschiedete, für die Nachricht geschenkt, die du ihr von mir brachtest? Denn unter Rittern und Damen von der fahrenden Zunft ist es bräuchliche, alte Sitte, den Knappen, Zofen oder Zwergen, die den Rittern Nachricht von den Damen und diesen von ihren fahrenden Helden bringen, irgendein köstlich Kleinod zum Lohn zu verehren als Dank für ihre Botschaft.«

»Das mag wohl so sein, und ich halte es für einen löblichen Brauch, allein das kann nur in vergangenen Zeiten so gewesen sein. Jetzt muß es nur Sitte sein, ein Stück Brot und Käse zu verehren; denn das war es, was mir das Fräulein Dulcinea über die Hofmauer hinüberreichte, als ich mich von ihr verabschiedete; ja, zum genaueren Wahrzeichen war es geringer Schafkäse.«

»Sie ist freigebig über die Maßen«, entgegnete Don Quijote, »und wenn sie dir kein Kleinod von Gold gab, so war der Grund ohne Zweifel, daß sie im Augenblick keines zur Hand hatte. Doch ein warmer Rock ist auch nach Ostern noch zu brauchen: ich werde sie sehen, und es soll alles gutgemacht werden. Weißt du, was mich wundert, Sancho? Daß es mich bedünkt, du seiest durch die Lüfte hingeeilt und zurückgekommen; denn du bist von hier bis Toboso hin und zurück kaum mehr als drei Tage geblieben, während es von hier bis dort über dreißig Meilen sind. Deshalb meine ich, jener gelahrte Schwarzkünstler, der sich meiner Angelegenheiten annimmt und mein Freund ist – denn notwendig ist ein solcher vorhanden und muß vorhanden sein, sonst wäre ich kein echter, rechter fahrender Ritter –, ich sage also, selbiger hat dir sicherlich zu reisen geholfen, ohne daß du es gemerkt hast. Denn es gibt Zauberer, die einen fahrenden Ritter entführen, derweil er in seinem Bette schläft, und ohne zu wissen, wie und wieso, erwacht er des andern Morgens mehr als tausend Meilen von dem Ort entfernt, wo er sich am Abend zuvor befunden. Und wenn es nicht in dieser Weise vor sich, ginge, so könnten die fahrenden Ritter nicht in ihren Fährlichkeiten einander zu Hilfe kommen, wie sie dies bei jeder Gelegenheit tun. So trifft es sich einmal, daß einer in den armenischen Gebirgen mit einem Drachen im Kampfe steht oder mit sonst einem grimmigen Ungetüm oder mit irgendeinem Ritter und im Gefechte den kürzeren zieht und schon auf dem Punkte steht, das Leben zu verlieren – und ehe ich mich's versehe, läßt sich hoch oben auf einer Wolke oder einem feurigen Wagen ein andrer Ritter sehen, sein Freund, der sich kurz vorher in England befand; der bringt ihm Hilfe und errettet ihn vom Tode, und am Abend sitzt er in seinem Wohngelaß und hält sein Nachtmahl nach Herzenslust. Und doch sind es gewöhnlich von einem Ort zum andern zwei-, dreitausend Meilen, und alles das geschieht durch Kunst und Wissen jener gelahrten Zauberer, so diese mannhaften Ritter in ihre Obhut nehmen. Sonach, Freund Sancho, fällt es mir nicht schwer zu glauben, daß du in so kurzer Zeit von diesem Ort nach Toboso hin- und zurückgekommen bist, da, wie gesagt, irgendein befreundeter Zauberkünstler dich sicherlich im Flug durch die Lüfte entführt hat, ohne daß du es merktest.«

»So wird's gewesen sein«, sprach Sancho, »denn meiner Treu, Rosinante lief, als wäre er ein Zigeuneresel mit Quecksilber in den Ohren.«

»Freilich muß er Quecksilber in den Ohren gehabt haben«, versetzte Don Quijote, »oder gar eine Legion Teufel; denn die sind Wesen, die ohne Ermüdung, und so weit es sie nur immer gelüstet, reisen und andern zu reisen helfen. Aber lassen wir das beiseite und sage mir: Was, meinst du, soll ich jetzt tun in Ansehung des Gebotes meiner Herrin, daß ich sofort vor ihr Angesicht treten soll? Denn wiewohl ich weiß, daß ich verpflichtet bin, ihrem Gebote zu gehorsamen, so sehe ich mich doch durch die Vergünstigung, die ich dieser Prinzessin, die sich bei uns befindet, zugesagt habe, in die Unmöglichkeit versetzt, es zu tun, und es nötigt mich das Gesetz des Rittertums, meinem Wort eher als meiner Neigung zu genügen. Einerseits peinigt und drängt mich das Verlangen, meine Herrin zu sehen, andererseits treibt und ruft mich meine feste Zusage wie auch der Ruhm, den ich bei diesem Unternehmen erlangen werde. Indessen, was ich zu tun gedenke, soll dieses sein: Ich will mich eiligst auf den Weg zu dem Riesen machen und, gleich wenn ich hinkomme, ihm den Kopf abhauen und die Prinzessin friedlich in ihr Reich einsetzen, und dann will ich unverweilt zurückkehren, um das Licht zu schauen, das all meine Sinne erleuchtet, und ich will ihr dann so bedeutsame Entschuldigungsgründe vorbringen, daß sie schließlich mein Zögern gutheißt, sintemal sie einsehen wird, daß alles zur Erhöhung ihrer Glorie und ihres Ruhmes gereicht. Denn alles, was ich durch die Waffen in diesem Leben mir gewonnen habe, gewinne und gewinnen werde, alles das wird mir nur dadurch zuteil, daß sie mir großgünstigen Beistand verleiht und daß ich der Ihrige bin.«

»Oh, oh«, sprach Sancho, »wie arg geschädigt seid Ihr doch an Eurem Hirn! Sagt mir einmal, Señor, ist Euer Gnaden gesonnen, diese Kriegsfahrt vergeblich zu fahren und eine so reiche Heirat vorüber- und verlorengehen zu lassen wie diese, wo man Euch ein Königreich zur Mitgift reicht, welches, so hab ich's allen Ernstes sagen hören, mehr als zwanzigtausend Meilen im Umkreis hält und Überfluß an allem hat, was der Mensch zum Leben braucht, und größer ist als Portugal und Kastilien zusammen? Schweige mir um Gottes willen und schämt Euch dessen, was Ihr gesagt, und folgt meinem Rat und nehmt mir's nicht übel und heiratet gleich im ersten besten Dorf, wo sich ein Pfarrer findet, und wo nicht, so ist ja unser Lizentiat hier, der wird es aufs beste verrichten. Und merkt Euch, daß ich zum Ratgeben alt genug bin und daß der Rat, den ich Euch jetzt gebe, für Euch durchaus paßt: Besser ein Spatz in der Hand als zehn Tauben auf dem Dach; denn wer Gutes kann haben und Böses will, wird ihm Gutes erteilt, so schweige er still.«

»Erwäge, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »wenn du den Rat, mich zu verheiraten, deshalb gibst, damit ich nach Tötung des Riesen gleich König werde und die Macht habe, dir Gnaden zu erweisen und dir das Versprochene zu gewähren, so tu ich dir zu wissen, daß ich, auch ohne mich zu vermählen, deinen Wunsch sehr leicht erfüllen kann. Denn bevor ich in den Kampf ziehe, werde ich mir als Zugabe zu meiner Belohnung ausbedingen, daß, wenn ich ihn siegreich bestehe, auch falls ich nicht heirate, mir ein Teil des Königreichs übereignet werden muß, auf daß ich ihn jedem nach meiner Wahl schenken kann; und sobald man ihn mir übergibt, wem soll ich ihn schenken als dir?«

»Das ist klar«, erwiderte Sancho, »jedoch beachte Euer Gnaden, daß Ihr mir ihn an der Seeküste aussucht, damit ich, wenn mir der Aufenthalt nicht behagt, meine schwarzen Untertanen einschiffen und mit ihnen anfangen kann, was ich schon gesagt habe. Auch dürft Ihr für jetzt nicht daran denken, Euch unserm Fräulein Dulcinea vorzustellen, sondern zieht hin und schlagt den Riesen tot, und da wollen wir die Sache zum Schluß bringen; denn bei Gott, ich bin überzeugt, es wird viel Ehre und viel Vorteil dabei herauskommen.«

»Ich sage dir, Sancho«, sprach Don Quijote, »du hast ganz recht, ich werde deinen Rat annehmen, insofern er darauf hinausgeht, daß ich erst mit der Prinzessin hinziehe, bevor ich Dulcinea aufsuche. Und ich warne dich, daß du keinem, auch nicht denen, die jetzt unsre Begleiter sind, etwas von alledem erzählst, was wir hier gesprochen und verhandelt haben. Denn sintemal Dulcinea so zurückhaltend ist und nicht will, daß man ihre Gesinnungen kenne, so wäre es nicht wohlgetan, wenn ich oder ein andrer durch mich sie offenbaren würde.«

»Aber wenn dem so ist«, sprach Sancho, »wie kann Euer Gnaden dann diejenigen, die Ihr durch Eures Armes Kraft besiegt, verpflichten wollen, daß sie hingehen und sich unserm Fräulein Dulcinea stellen, da dies geradesoviel heißt, wie mit Eurem Namen zu unterschreiben, daß Ihr sie von Herzen gerne habt und ihr Liebhaber seid? Und da es unerläßlich ist, daß alle, die hinkommen, sich vor ihr auf die Knie werfen und sagen müssen, daß sie von Euer Gnaden wegen kommen, um ihr Huldigung zu leisten, wie können da Euer beider Gefühle im verborgenen bleiben?«

»O wie dumm, wie einfältig bist du!« versetzte Don Quijote. »Siehst du nicht, Sancho, daß all dieses zu ihrer größeren Verherrlichung gereicht? Denn du mußt wissen, Sancho, nach diesem unserm Ritterbrauch ist es eine große Ehre, wenn eine Dame viele fahrende Ritter hat, die ihr dienen, ohne daß deren Gedanken auf ein weiteres Ziel gehen, als ihr zu dienen und ihr einzig und allein deshalb zu dienen, weil sie die hohe Dame ist, die sie ist, und ohne einen andern Lohn für ihr vielfaches und tugendsames Streben zu erhoffen, als daß die Dame dareinwillige, sie zu ihren Rittern anzunehmen.«

»Mit dieser Art Liebe«, sprach Sancho, »habe ich predigen hören, soll Gott lediglich um seiner selbst willen geliebt werden, ohne daß uns Hoffnung auf Himmelslohn oder Furcht vor Höllenstrafe treibt. Ich zwar möchte eher von dessentwegen, was er vermag, ihm meine Liebe und Dienste weihen.«

»Ei, daß dich der Teufel, was für ein Bauernkerl!« sprach Don Quijote. »Was für gescheite Sachen gibst du auf einmal von dir! Es sieht geradeso aus, als hättest du studiert.«

»Nein, aufs Wort, ich kann nicht einmal lesen«, entgegnete Sancho.

Indem rief ihnen Meister Nikolas zu, ein wenig zu warten, sie wollten haltmachen, um an einem Brünnlein zu trinken, das sich dort fand. Don Quijote hielt an, zu Sanchos nicht geringem Vergnügen, der schon müde war, soviel lügen zu müssen, und besorgte, sein Herr möchte ihn mit seinen eignen Worten fangen; denn obgleich er wußte, daß Dulcinea eine Bäuerin aus Toboso war, so hatte er sie doch in seinem ganzen Leben nicht gesehen.

Inzwischen hatte sich Cardenio die Kleider angezogen, die Dorotea trug, als sie sie fanden, und wiewohl nicht besonders gut, waren sie doch weit besser als die, welche er ablegte. Sie stiegen an der Quelle ab, und mit dem, was der Pfarrer sich in der Schenke hatte geben lassen, befriedigten sie, wenn auch nur ungenügend, den großen Hunger, den sie alle verspürten.

Während sie damit beschäftigt waren, kam ein des Weges wandernder Bursche zufällig vorüber. Er betrachtete die an der Quelle sitzenden Leute mit großer Aufmerksamkeit, stürzte auf Don Quijote zu, schlang die Arme um dessen Beine, hob bitterlich zu weinen an und sprach: »O lieber Herr! Kennt mich Euer Gnaden nicht mehr? So seht mich genau an, ich bin jener Bursche Andrés, den Euer Gnaden von dem Eichbaum, an den ich gebunden war, losgemacht hat.«

Don Quijote erkannte ihn, ergriff ihn bei der Hand und wendete sich zu den Anwesenden, indem er sprach: »Auf daß die Herrschaften sehen, wie wichtig es ist, daß es fahrende Ritter auf Erden gebe, welche den Ungebührlichkeiten und Unbilden steuern, die verübt werden von den frechen und schlechten Menschen, so auf selbiger leben, so sollt ihr erfahren: Vor einigen Tagen kam ich vorübergezogen an einem Walde und hörte Geschrei und Schmerzenslaute von einem schwer leidenden, hilfsbedürftigen Menschen. Sofort eilte ich, von meiner Berufspflicht angetrieben, nach der Gegend, woher meines Bedünkens die kläglichen Töne erschollen, und fand, an eine Eiche gebunden, diesen Jüngling, welcher vor euch stehet, worüber ich mich in tiefstem Herzen freue; denn er wird mir ein Zeuge sein, der alle meine Worte bekräftigen wird. Ich sage also, er war an die Eiche gebunden, entkleidet von der Mitte des Körpers bis hinauf, und da stand und zerfleischte ihm die Haut mit den Zügeln seiner Stute ein Bauer, der, wie ich alsbald in Erfahrung brachte, sein Dienstherr war. Und sobald ich ihn erblickte, befragte ich ihn um die Ursache so gräßlicher Geißelung. Der Grobian antwortete; er prügle ihn, weil selbiger sein Diener sei und weil gewisse Nachlässigkeiten, die er verschuldet, mehr in Spitzbüberei als in Dummheit ihren Grund hätten. Worauf dieser Knabe sprach: ›Señor, er peitscht mich nur deshalb, weil ich meinen Dienstlohn von ihm verlange.‹ Der Herr antwortete mit, ich weiß nicht was für schönen Worten und Ausreden, die ich zwar anhörte, aber nicht gelten ließ; kurz, auf mein Gebot ward er losgebunden, und ich nahm dem Bauer einen Eid ab, ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn zu bezahlen, Real für Real, und sogar in Münzen vom schönsten Schlag. Ist dies nicht alles wahr, mein Sohn Andrés? Hast du nicht bemerkt, mit welcher gebietenden Würde ich es ihm befahl und mit welcher Demut er alles zu tun verhieß, was ich ihm auferlegte, ihm zu wissen tat, ihm anbefahl? Antworte, sei nicht verlegen, sprich ohn alles Bedenken; sag diesen Herrschaften, was vorgegangen, auf daß man sehe und wohl beachte, wie es in Wirklichkeit den großen Nutzen hat, den ich dargelegt, daß es auf den Wegen weitum fahrende Ritter gibt.«

»Alles, was Euer Gnaden gesagt hat, ist sehr wahr; aber der Ausgang der Sache war ganz das Gegenteil dessen, was Euer Gnaden sich vorstellte.«

»Wieso das Gegenteil?« fragte Don Quijote, »also hat dich der gemeine Bauer nicht bezahlt?«

»Nicht nur nicht bezahlt«, antwortete der Junge, »sondern sobald Euer Gnaden aus dem Busch hinaus und wir zwei allein waren, band er mich wieder an denselben Eichbaum und versetzte mir aufs neue so viel Hiebe, daß ich geschunden war wie ein heiliger Bartholomäus; und bei jedem Hieb, den er mir aufmaß, gab er einen Witz und Spott zum besten, um sich über Euer Gnaden lustig zu machen, und hätte ich nicht so arge Schmerzen gelitten, so hätte ich über seine Späße lachen müssen. Kurz, er hat mich so zugerichtet, daß ich bis jetzt in einem Spital war, um mich von dem Leid und Weh heilen zu lassen, das ich dem heillosen Bauer zu verdanken hatte. An alldem trägt Euer Gnaden die Schuld; denn wäret Ihr Eures Weges fürbaß gezogen und wäret nicht hingekommen, wohin Euch niemand gerufen, und hättet Ihr Euch nicht in fremde Händel gemischt, so hätte sich mein Herr damit begnügt, mir ein, zwei Dutzend Hiebe aufzuzählen, und dann hätte er mich alsbald losgebunden und mir bezahlt, was er mir schuldig war. Aber da Euer Gnaden ihn so ohne Not an der Ehre angegriffen und ihm soviel Niederträchtigkeiten angehängt, da entbrannte in ihm der Zorn, und da er ihn nicht an Euch auslassen konnte, so ließ er, als er sich allein sah, das Unwetter über mich so gewaltig losbrechen, daß ich meine, ich werde all meine Lebtage kein rechter Mann mehr werden.«

»Mein Fehler war«, sagte Don Quijote, »daß ich mich von dort entfernte. Ich hätte mich nicht entfernen sollen, bis ich dich bezahlt gesehen hätte. Wohl hätte ich durch lange Erfahrung belehrt sein müssen, daß kein Bauernlümmel sein gegebenes Wort hält, wenn er sieht, daß es ihm nicht dienlich ist, es zu halten. Aber du erinnerst dich auch, Andrés, daß ich geschworen habe, wenn er dich nicht bezahle, würde ich auf die Suche nach ihm ziehen und ihn auffinden, wenn er sich auch in einem Walfischbauche verbergen sollte.«

»So ist es in Wahrheit«, versetzte Andres, »aber es hat nichts geholfen.«

»Sogleich sollst du sehen, ob es helfen wird«, entgegnete Don Quijote; und mit diesen Worten stand er schleunigst auf und befahl Sancho, den Rosinante zu zäumen, der umherweidete, während sie speisten. Dorotea fragte ihn, was er vorhabe. Er antwortete, er wolle den Bauern aufsuchen und für ein so schändliches Benehmen züchtigen und ihn zwingen, den Andrés bis auf den letzten Maravedí zu bezahlen, allen Bauern in der ganzen Welt zu Trotz und Ärger. Worauf sie antwortete, er möge bedenken, daß er sich in kein andres Unternehmen einlassen dürfe, bis er das ihrige zu Ende geführt; und da er dies besser als irgend jemand wisse, so möge er sein Gemüt beruhigen bis nach der Rückkehr aus ihrem Königreich.

»So ist es in der Tat«, entgegnete Don Quijote, »und es ist unvermeidlich, daß Andrés bis zur Rückkehr, wie Ihr, Señora, bemerkt, sich in Geduld fasse; aber ich schwör ihm abermals und verheiße aufs neue, nicht zu ruhen, bis ich ihm Rache und Bezahlung verschafft habe.«

»Ich hab keinen Glauben an diese Schwüre«, sprach Andrés, »lieber hätt ich jetzt etwas, um nach Sevilla zu kommen, als alle Rache auf der ganzen Welt. Wenn Ihr hier etwas für mich zu essen und mit auf den Weg zu nehmen habt, so gebt mir's, und Gott befohlen Euer Gnaden und alle fahrenden Ritter zusammen, und möchten sie alle zu ihrer Strafe so wohl fahren, wie ich mit ihnen gefahren bin!«

Sancho nahm aus seinem Vorrat ein Stück Brot und ein Stück Käse, gab es dem Burschen und sagte: »Nehmt, Freund Andrés, denn auf jeden von uns trifft ein Teil von Eurem Unglück.«

»So? Welch ein Teil trifft auf Euch?« fragte Andrés.

»Dieser Teil von meinem Käse und Brot, den ich Euch gebe«, antwortete Sancho, »denn Gott mag wissen, ob er mir demnächst einmal fehlen wird oder nicht. Ihr müßt nämlich wissen, guter Freund, wir Schildknappen der fahrenden Ritter sind gar vielem Hunger und widrigem Geschick ausgesetzt und auch noch andrem, was sich besser fühlen als sagen läßt.«

Andrés griff nach seinem Brot und Käse, und da er sah, daß keiner sonst ihm etwas gab, ließ er den Kopf hängen und nahm den Weg zwischen die Beine, wie man zu sagen pflegt. Jedoch sagte er noch im Scheiden zu Don Quijote: »Ich bitt Euch um Gottes willen, fahrender Herr Ritter, wenn Ihr mich wieder einmal irgendwo antrefft, und solltet Ihr auch sehen, daß man mich in Stücke haut, so kommt mir nicht zu Hilfe und steht mir nicht bei, sondern laßt mich in meinem Unglück. Denn dieses kann doch nie so groß sein, daß das Pech nicht noch größer wäre, das mir von Eurem Beistande kommen würde, Herr Ritter, den Gott verdammen wolle samt allen fahrenden Rittern, soviel ihrer je zur Welt gekommen!«

Don Quijote wollte sich erheben, um ihn zu züchtigen; jedoch der Bursche machte sich so eilig davon, daß keiner sich getraute, ihm folgen zu können. Don Quijote aber stand aufs tiefste beschämt ob der Erzählung des Andrés, und die andern mußten sich große Mühe geben, das Lachen zu verbeißen, um seine Beschämung nicht aufs Äußerste zu treiben.

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