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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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30. Kapitel

Welches von der Klugheit der schönen Dorotea handelt, nebst andern sehr ergötzlichen und unterhaltenden Dingen

Kaum hatte der Pfarrer geendet, so rief Sancho: »Nun, meiner Treu, Herr Lizentiat, der diese Heldentat getan, das war mein Herr, und nicht, als ob ich es ihm nicht vorher schon gesagt und ihn gewarnt hätte, er solle wohl bedenken, was er tue, und es sei eine Sünde, sie zu befreien, denn sie kämen auf die Galeeren, weil sie ausgemachte Schurken seien.«

»Dummkopf«, fiel hier Don Quijote ein, »den fahrenden Ritter geht es nichts an, und es ist nicht seine Sache zu untersuchen, ob die Bekümmerten, mit Ketten Beladenen, Bedrückten, die er auf den Wegen antrifft, um ihrer Schuld willen oder um ihres Unglücks willen in solchem Aufzug umhergehen und sich in solchem Elend befinden; es ist seine Aufgabe, lediglich ihnen als Hilfsbedürftigen beizustehen, er hat auf ihre Leiden zu sehen und nicht auf ihre Schelmenstreiche. Ich traf einen wahren Rosenkranz, eine aufgereihte Schnur jammervoller unglückseliger Leute, und mit denen tat ich, was meine Ordenspflicht mir gebeut, und mit allem übrigen mag es werden, wie es will. Und wem das mißbehagt, mit Respekt vor der heiligen Würde des Herrn Lizentiaten und vor seiner hochgeehrten Person, dem sag ich, er versteht gar wenig in Sachen des Rittertums und lügt wie ein Hurensohn und schlechter Kerl, und das will ich ihm mit meinem Schwerte so beweisen, wie es anderswo ausführlicher geschrieben steht.«

So sprach er, setzte sich in den Bügeln fest und drückte die Sturmhaube in die Stirn, denn die Barbierschüssel, die nach seiner Meinung der Helm des Mambrin war, hatte er so lang am vorderen Sattelknopf hängen, bis er sie von den Mißhandlungen, die sie von den Galeerensklaven erlitten, wieder heilen lassen könnte.

Dorotea, die verständig und voll witziger Einfälle war, wollte, da sie Don Quijotes verschrobene Eigenheiten bereits wohl kannte und sah, daß alle, mit Ausnahme Sancho Pansas, ihn zum besten hielten, nicht zurückbleiben und sprach, als sie ihn so aufgebracht sah: »Herr Ritter, es möge Euer Gnaden im Angedenken bleiben, daß Ihr mir eine Vergünstigung zugesprochen habt und daß Ihr Euch in Gemäßheit derselben keines andern Abenteuers annehmen dürft, so dringlich auch selbiges sein möge. Beruhige Euer Gnaden Euer Herze; denn hätte der Herr Lizentiat gewußt, daß durch diesen nie besiegten Arm die Galeerensklaven ihre Befreiung erlangten, so hätte er sich lieber mit drei Stichen den Mund vernäht, ja, er hätte sich dreimal auf die Zunge gebissen, ehe er ein Wort gesagt hätte, so Euer Gnaden zum Ärgernis gereichte.«

»Gewiß, darauf schwör ich«, versetzte der Pfarrer, »ja, ich hätte mir lieber den halben Schnurrbart abgeschnitten.«

»So werd ich denn schweigen, Herrin mein«, sprach Don Quijote, »und werde den gerechten Zorn niederkämpfen, der bereits in meinem Busen emporgestiegen, und werde geruhig und friedsam einherziehen, bis daß ich Euch die zugesagte Vergünstigung ins Werk gesetzt. Aber zum Entgelt dieses redlichen Fürhabens bitte ich Euch, mir zu sagen, sofern es Euch nicht zur Unannehmlichkeit gereicht: von was für Art ist Eure Bedrängnis? Imgleichen, wie viele, wer und welcher Art sind die Feinde, an denen ich die Euch gebührende, zufriedenstellende und vollständige Rache zuwege bringen soll?«

»Mit Freuden will ich dies tun«, antwortete Dorotea, »so es Euch nicht etwa beschwerlich fällt, großem Leid und Bedrängnissen Euer Ohr zu leihen.«

»Solches wird mir nicht beschwerlich fallen«, entgegnete Don Quijote.

Worauf Dorotea erwiderte: »Sintemalen dem so ist, so merket auf meine Rede, liebwerte Herren.«

Kaum hatte sie dies gesagt, so stellten sich Cardenio und der Barbier ihr zur Seite, begierig, zu vernehmen, wie sich die kluge Dorotea ihre Geschichte ersinnen werde. Das nämliche tat Sancho, der aber ebenso in Täuschung über sie befangen war wie sein Herr. Sie aber, nachdem sie sich im Sattel zurechtgesetzt und sich mit Husten und allerhand Bewegungen zum Sprechen vorbereitet, begann folgendermaßen: »Zuvörderst will ich Euch wissen lassen, meine hochpreislichen Herren, ich heiße ...«

Hier stockte sie; denn ihr war der Name entfallen, den der Pfarrer ihr beigelegt hatte. Er aber kam ihr zu Hilfe, denn er merkte wohl, wo sie der Schuh drückte, und sprach: »Es ist kein Wunder, gnädiges Fräulein, daß Euer Hoheit in Verwirrung gerät und außer Fassung kommt beim Erzählen so trüber Schicksale, die es ja in der Regel an sich haben, daß sie dem von ihnen Gequälten oftmalen das Gedächtnis rauben, dergestalt, daß er sich nicht einmal seines eigenen Namens erinnert; und so haben Eure Schicksale mit Eurer Herrlichkeit getan, da es Euch entfallen ist, daß Ihr Euch die Prinzessin Míkomikona nennt, die Erbin des großen Königreichs Mikomikón. Mit diesem Fingerzeig wird Eure Hoheit alles, was Euch zu berichten beliebt, leichtlich wieder in Hochdero vom Schmerz angegriffenes Gedächtnis zurückbringen.«

»So ist es in der Tat«, entgegnete das Fräulein, »und nun glaub ich, wird es hinfüro nicht mehr erforderlich sein, mir einen Fingerzeig zu geben; ich denke, ich werde mit meiner wahrhaften Geschichte glücklich in den Hafen einlaufen. Die aber ist, daß der König, mein Vater, welcher Tinakrio der Weise hieß, hochgelahrt war in der Kunst, so man Magie benennt. Durch seine Wissenschaft brachte er es heraus, daß meine Mutter, welche Königin Jaramilla hieß, früher als er sterben, er aber bald darauf ebenfalls aus diesem Leben scheiden müßte und ich als vater- und mutterlose Waise zurückbleiben würde. Dies jedoch bekümmerte ihn, wie er sagte, nicht so sehr, als ihn die klar von ihm erkannte Gewißheit beängstigte, daß ein ungeschlachter Riese, der Beherrscher einer großen Insel, die fast an unser Reich grenzt, namens Pandafílando mit dem finstern Blick – also genannt, weil es eine ausgemachte Sache ist, daß er, wiewohl seine Augen an ihrer richtigen Stelle stehen und gradaus sehen, dennoch immer scheel blickt, als ob er wirklich schielte; das tut er aber aus Bosheit und um jeden, den er ansieht, in Furcht und Schrecken zu setzen –, also, sag ich, mein Vater sah voraus, daß selbiger Riese, sobald er meine Verwaisung erführe, mit großer Macht mein Reich überziehen und es vollständig raube und mir nicht ein einzig Dorf als Zufluchtstätte übriglassen würde. Zwar wußte er auch, daß ich all diesem Verderben, all diesem Unheil entgehen könne, wenn ich mich mit ihm vermählen wollte; allein seines Erachtens durfte er nicht glauben, es werde mir je in den Sinn kommen, eine so ungleiche Ehe einzugehen. Und darin sagte er die reine Wahrheit; denn es fiel mir nicht im entferntesten ein, mich mit selbigem Riesen zu verehelichen; aber ebensowenig mit einem andern, und wenn er auch noch so groß und ungeheuerlich wäre. Mein Vater sagte mir ferner, sobald er tot sei und ich den Pandafílando in mein Reich einbrechen sähe, solle ich mich nicht etwa damit aufhalten, mich zur Wehr zu setzen, weil ich mich dadurch zugrunde richten würde; sondern ich solle ihm das Königreich frei und ohne Hindernis überlassen, wenn ich vermeiden wolle, mich dem Tod und meine guten, getreuen Untertanen dem völligen Verderben preiszugeben; denn es werde unmöglich sein, mich vor der teuflischen Kraft des Riesen zu schirmen. Vielmehr solle ich sofort mit etlichen meiner Leute mich auf den Weg nach den hispanischen Landen begeben, wo ich Rettung aus meinen Nöten finden, nämlich einen fahrenden Ritter treffen würde, dessen Ruhm zu diesen Zeiten über dieses ganze Reich verbreitet sei, und selbiger Ritter solle, wenn ich mich recht erinnere, Don Gesotten oder Dunkelschote heißen.«

»›Don Quijote‹ wird er gesagt haben«, fiel hier Sancho Pansa ein, »oder mit andern Worten: Der Ritter von der traurigen Gestalt.«

»So ist's in Wirklichkeit«, sprach Dorotea. »Ferner sagte mein Vater, der Ritter werde hoch von Wuchs und hager von Gesicht sein und werde auf der rechten Seite unter der linken Schulter oder nahe dabei ein braunes Muttermal mit Haaren wie Borsten haben.«

Als Don Quijote das hörte, sprach er zu seinem Schildknappen: »Komm her, mein Sohn Sancho, hilf mir die Kleider ablegen; ich will nachsehen, ob ich der Ritter bin, von dem jener gelahrte König geweissagt hat.«

»Warum will denn Euer Gnaden die Kleider ablegen?« fragte Dorotea.

»Um zu sehen, ob ich das Muttermal habe, von welchem Euer Vater gesprochen hat«, antwortete Don Quijote.

»Dazu ist kein Auskleiden vonnöten«, sprach Sancho, »weiß ich ja doch, daß Euer Gnaden ein Muttermal mit den besagten Merkmalen mitten auf dem Rückgrat hat, ein Zeichen, daß Ihr ein Mann von großen Kräften seid.«

»Das genügt«, sprach Dorotea, »denn unter guten Freunden muß man nicht auf Kleinigkeiten sehen, und ob es an der Schulter oder am Rückgrat ist, tut wenig zur Sache; genug, daß ein Muttermal vorhanden ist, und da mag es denn sein, wo es wolle, sintemal alles doch ein Fleisch ist. Und ohne Zweifel hat mein Vater in allem das Richtige getroffen, und auch ich hab's getroffen, indem ich meine Sache dem Herrn Don Quijote anbefahl. Er ist's offenbar, von dem mein Vater gesprochen, da die Merkzeichen des Gesichts zu denen des hohen Rufes stimmen, dessen dieser Ritter nicht nur in Spanien, sondern in der ganzen Mancha genießt. Denn kaum war ich in Osuna gelandet, da hörte ich von ihm so viel Heldentaten erzählen, daß mir gleich mein Herz sagte, er müsse der nämliche sein, den ich aufzusuchen gekommen.«

»Aber Herrin mein, wie kann Euer Gnaden in Osuna gelandet sein«, fragte Don Quijote, »wenn es doch kein Seehafen ist?«

Ehe jedoch Dorotea noch antworten konnte, kam der Pfarrer zuvor und sagte: »Gewiß hat die gnädige Prinzessin sagen wollen, daß nach ihrer Landung zu Malaga der erste Ort, wo sie Kunde von Euer Gnaden erhielt, Osuna war.«

»So habe ich sagen wollen«, sprach Dorotea.

»Und so ist's in Richtigkeit«, versetzte der Pfarrer. »Euer Majestät wolle nur weitersprechen.«

»Es ist da nichts weiterzusprechen«, entgegnete Dorotea, »als daß letztlich mein Schicksal, indem es mich den Herrn Don Quijote auffinden ließ, sich so günstig gestaltet hat, daß ich mich schon für die Königin und Herrin meines gesamten Reiches ansehe und erachte, sintemalen er nach seiner edlen Sitte und Großherzigkeit mir die Vergünstigung zugesagt hat, mit mir hinzuziehen, wohin ich ihn führen werde; und führen will ich ihn nirgends anderswohin, als wo ich ihn dem Pandafílando mit dem finstern Gesicht gegenüberstelle, damit er ihn töte und mir das wiedererstatte, was der Riese sich widerrechtlich angemaßt hat. Und all dies wird nach Herzenswunsch geschehen; denn so hat es geweissagt Tinakrio der Weise, mein edler Vater. Selbiger hinterließ auch mündlich und schriftlich in chaldäischer Schrift oder in griechischer – denn lesen kann ich sie nicht –: Wenn dieser Ritter, von welchem er geweissagt, den Riesen geköpft hat und sich dann mit mir vermählen will, so solle ich auf der Stelle und ohne Widerrede mich ihm zu seiner rechtmäßigen Ehegattin überantworten und ihm den Besitz meines Königreiches zugleich mit dem meiner Person gewähren.«

»Wie bedünkt dich das, Freund Sancho?« fiel hier Don Quijote ein, »hörst du, was vorgeht? Sagte ich dir es nicht? Sieh nun, ob wir nicht alsbald ein Königreich zu beherrschen und eine Königin zu heiraten bekommen!«

»Darauf will ich einen Eid leisten«, sprach Sancho, »ein lumpiger Bankert, der sich nicht gleich verheiratet, sowie er dem Herrn Pantoffelhand die Kehle abgeschnitten hat! Denn, potz! wie ist die Königin so häßlich! Ich wollte, es täte jeder Floh in meinem Bett sich in so was verwandeln!«

Und mit diesen Worten machte er ein paar Luftsprünge und schlug sich dabei auf die Fußsohlen mit Freudenbezeigungen über alles Maß, faßte sofort die Zügel von Doroteas Maulesel und hielt ihn an, warf sich auf die Knie vor ihr und bat sie, ihm die Hände zu reichen, damit er zum Zeichen, daß er sie zu seiner Königin und Gebieterin annehme, einen Kuß daraufdrücken dürfe.

Wer von den Umstehenden hätte beim Anblick der Verrücktheit des Herrn und der Einfalt des Dieners nicht lachen müssen? Dorotea reichte ihm wirklich die Hände und verhieß, ihn zu einem großen Herrn in ihrem Reiche zu machen, falls der Himmel ihr das Glück verleihe, daß sie es wiedererlange und besitze. Sancho dankte ihr dafür mit solchen Ausdrücken, daß er bei allen lautes Gelächter hervorrief.

»Dieses also, meine Herren«, fuhr Dorotea jetzt fort, »ist meine Geschichte; es erübrigt mir nur noch, euch zu sagen, daß von all dem Geleite, das ich aus meinem Reiche mitnahm, mir allein dieser biedre bärtige Knappe übriggeblieben; die andern alle sind in einem heftigen Sturm angesichts des Hafens ertrunken. Er und ich sind wie durch ein Wunder auf zwei Brettern ans Land entkommen; und so ist der Verlauf meines Lebens durchaus Wunder und verborgenes Rätsel, wie ihr bemerkt haben werdet. Wenn ich aber in irgendeinem Punkte zu weitläufig gewesen bin oder nicht so ganz das Richtige gesagt, wie ich sollte, so werft die Schuld auf den Umstand, welchen der Herr Lizentiat zu Anfang meiner Erzählung hervorhob, daß langdauernde und ungewöhnliche Nöte dem das Gedächtnis rauben, der sie erleidet.«

»Mir, erhabene und hochgemute Prinzessin«, sprach Don Quijote, »sollen es all die Nöte nicht rauben, die ich zu Eurem Dienst ertragen werde, so groß und unerhört sie auch sein mögen. Und so bestätige ich aufs neue die Vergünstigung, so ich Euch zugesagt habe, und schwöre, mit Euch bis ans Ende der Welt zu ziehen, bis ich mich Eurem ingrimmigen Feinde gegenübersehe, welchem ich gedenke durch die Hilfe Gottes und meines Armes Stärke den Kopf abzuschlagen mit der Schneide dieses, ich will nicht sagen guten Schwertes, dank dem Ginés von Pasamonte, der mir das meinige geraubt hat.«

Die letzten Worte murmelte er zwischen den Zähnen und fuhr dann fort: »Und habe ich ihm den Kopf abgehauen und Euch in friedlichen Besitz Eures Landes gesetzt, dann soll es Eurem Willen anheimgestellt sein, über Eure Person so zu verfügen, wie es hinfüro Euch belieben mag. Denn solang mein Gedächtnis anderwärts in Beschlag genommen, mein Wille gefangen, meine Denkfähigkeit verloren ist um jener Holden willen, die ... ich sage nicht mehr! ... so lange ist es mir nicht vergönnt, auch nur in Gedanken der Möglichkeit einer Vermählung ins Auge zu schauen, und wäre es mit dem Vogel Phönix selber.«

So großes Mißfallen hatte Sancho an den letzten Worten, die sein Herr über das Ablehnen der Verheiratung sprach, daß er mit gewaltigem Ärger die Stimme erhob und sprach: »Verdammt sei ich! Bei Gott, ich schwör's, daß Euer Gnaden, Herr Don Quijote, nicht bei vollem Verstand ist. Denn wie ist's möglich, daß Euer Gnaden nur im Zweifel sein kann, ob Ihr eine so hohe Prinzessin wie diese heiraten wollt? Glaubt Ihr etwa, das Schicksal wird Euch hinter jedem Chausseestein ein solches Glück bieten, wie es Euch jetzt geboten wird? Ist vielleicht unser Fräulein Dulcinea schöner? Wahrhaftig nicht, nicht einmal halb so schön; ja, ich darf sagen, daß sie dem Fräulein hier nicht das Wasser reicht. Wenn es so geht, zum Henker! wie soll ich die Grafschaft kriegen, auf die ich warte, wenn Euer Gnaden Artischocken auf hoher See suchen will? Heiratet, heiratet auf der Stelle, und mag Euch der Satanas behilflich sein, und nehmt mir dies Königreich, das Euch mit Kußhänden zugeworfen wird, und wenn Ihr König seid, macht mich zum Markgrafen oder zum Statthalter, und hernach mag meinetwegen der Teufel die ganze Welt holen.«

Don Quijote, der solche Lästerungen gegen seine Herrin Dulcinea ausstoßen hörte, konnte das nicht aushalten; er erhob seinen Spieß, und ohne den Mund nur einmal aufzutun, versetzte er ihm zwei so mächtige Streiche, daß er ihn zu Boden warf, und hätte nicht Dorotea laut aufgeschrien, er solle doch mit Schlägen einhalten, so hätte er ihm sicher auf der Stelle das Leben genommen.

»Denkt Er«, sagte er zu ihm nach einer kleinen Weile, »Er Bauernflegel, es soll immer so gehen, daß ich die Hände in die Hosen stecke, und es soll stets alles damit abgetan sein, daß Er sündigt und ich Ihm verzeihe? Oh, das bilde Er sich nicht ein, verfluchter Schurke; denn das bist du jedenfalls, sintemal deine Zunge die unvergleichliche Dulcinea anzutasten gewagt hat. Weißt du nicht, du Lump, du Bettler, du Taugenichts, wenn nicht die Kraft wäre, die sie meinem Arm eingießt, daß ich deren nicht so viel hätte, um nur einen Floh umzubringen? Sage Er doch, Er Schelm mit der Vipernzunge, wer hat das Königreich erobert und dem Riesen den Kopf abgeschlagen und Ihn zum Markgrafen gemacht – denn all dieses ist meines Erachtens schon so gut wie geschehen und ein für allemal abgemacht –, wer, wenn nicht Dulcineas Tapferkeit, die meinen Arm zum Werkzeug ihrer Heldentaten genommen hat? Sie kämpft in mir und siegt in mir, und in ihr lebe ich und atme und habe Leben und Dasein in ihr. Er Bankert, Er Schuft, wie undankbar ist Er! Sieht sich aus dem Staub der Erde erhoben zu einem Edelmann mit Rittergut, und eine so große Wohltat vergilt Er der Wohltäterin mit Lästerungen!«

Sancho war nicht so übel zugerichtet, daß er nicht all die Worte seines Herrn deutlich vernommen hätte. Er erhob sich ganz hurtig vom Boden, nahm Deckung hinter Doroteas Zelter, und von dieser Schutzwehr aus sprach er zu seinem Herrn: »Sagt mir, Señor, wenn Euer Gnaden entschlossen ist, diese große Prinzessin nicht zu heiraten, so ist's klar, daß Ihr das große Königreich nicht bekommt, und wenn Ihr's nicht bekommt, welche Gnaden könnt Ihr mir erweisen? Das ist's eben, was mir weh tut. Heiratet, gnädiger Herr, heiratet unter allen Umständen diese Königin, wir haben sie ja zur Hand wie vom Himmel herabgeschneit, und nachher könnt Ihr immerhin wieder zu unserm Fräulein Dulcinea zurückkehren. Denn sicher hat es schon manchen König in der Welt gegeben, der sich eine Nebenfrau hielt. Den Punkt aber von wegen der Schönheit, da laß ich mich nicht drauf ein; denn in aller Wahrheit, wenn sie doch gesagt werden muß, beide gefallen mir, wiewohl ich das Fräulein Dulcinea niemals mit Augen gesehen.«

»Wie kannst du sie nicht gesehen haben, gotteslästerlicher Verräter?« entgegnete Don Quijote. »Hast du mir nicht eben erst eine Botschaft von ihr gebracht?«

»Ich meine«, antwortete Sancho, »ich habe sie nicht mit genügsamer Muße angesehen, um mir ihre Schönheit im einzelnen und ihre Vorzüge Punkt für Punkt zu merken; aber so im ganzen gefällt sie mir.«

»Nun, hiernach will ich dir deine Schuld nachsehen«, sprach Don Quijote, »vergib auch du mir die Kränkung, die ich dir zugefügt, die ersten Regungen hat der Mensch nicht in seiner Gewalt.«

»Das seh ich wohl«, erwiderte Sancho, »und so ist bei mir die Lust zu plaudern immer die erste Regung, und ich kann's nicht lassen, wenigstens einmal herauszusagen, was mir auf die Zunge kommt.«

»Trotzdem«, sprach Don Quijote, »bedenke, Sancho, was du sprichst; denn der Krug geht so lange zum Brunnen ... Weiter sag ich nichts.«

»Schon gut«, entgegnete Sancho, »es lebt ein Gott im Himmel, der sieht die Fallstricke, die dem Menschen gelegt werden, und wird Richter sein, wer von uns beiden sich ärger versündigt, ich, wenn ich unrecht rede, oder Ihr, wenn Ihr unrecht handelt.«

»Laßt nun genug sein«, sprach Dorotea, »eilet hin, Sancho, und küßt Eurem Herrn die Hand, bittet ihn um Verzeihung und nehmt Euch fürderhin besser in Obacht bei Eurem Loben und Tadeln und sagt jener Dame Toboso nichts mehr Böses nach, von der ich nichts weiter weiß, als daß ich ihr zu Diensten bereit bin. Vertraut auf den lieben Gott, und es wird Euch nicht an einem Erbgut fehlen, wo Ihr wie ein Prinz leben könnt.«

Sancho ging gesenkten Hauptes hin und bat seinen Herrn um die Hand; dieser reichte sie ihm mit ernster Haltung zum Kusse und gab ihm dann seinen Segen. Hierauf sagte der Ritter zu Sancho, sie wollten ein wenig vorangehen; er habe wichtige Dinge ihn zu fragen und mit ihm zu besprechen. Sancho tat also. Die beiden gingen den andern eine kleine Strecke voraus, und Don Quijote sprach: »Seit du gekommen bist, habe ich weder Gelegenheit noch Muße gefunden, um dich nach mancherlei Umständen betreffs der Botschaft, die du hingetragen, und der Antwort, die du gebracht hast, zu fragen; jetzt aber, da der Zufall uns Zeit und Gelegenheit vergönnt hat, so versage du mir nicht die Glückseligkeit, die du mir durch so erfreuliche Kunde verschaffen kannst.«

»Fragt, edler Herr«, entgegnete Sancho, »soviel Ihr nur wollt, und ich will mit allem ebensogut zu Ende kommen, wie ich den Anfang gemacht habe. – Aber, Herre mein, eins bitt ich Euer Gnaden, tragt mir doch fürderhin nicht alles so lange nach.«

»Weshalb sagst du dieses, Sancho?« fragte Don Quijote.

»Deshalb«, antwortete Sancho, »weil die Prügel von soeben doch mehr für den Streit ausgeteilt wurden, den neulich des Nachts der Teufel zwischen uns beiden angezettelt, als für meine heutigen Äußerungen wider Fräulein Dulcinea, welche wie eines heiligen Märtyrers Gebresten – wiewohl sie keines an sich hat – von mir geschätzt und verehrt wird, bloß weil sie Euer Gnaden angehört.«

»Fang nicht wieder davon an, Sancho, so dir dein Leben lieb ist«, entgegnete Don Quijote, »denn das macht mir Verdruß; damals habe ich dir verziehen, aber du weißt, neue Sünde fordert neue Buße.«

Während die beiden sich in diesem Gespräch ergingen, sagte der Pfarrer zu Dorotea, sie habe sich sehr klug gezeigt sowohl in der Erzählung und deren Kürze als auch in der Ähnlichkeit, die diese mit den Ritterbüchern hatte.

Sie erwiderte, gar oft habe sie sich mit dem Lesen solcher Bücher unterhalten, aber freilich wisse sie nichts von der Lage der Provinzen und Seehäfen, und so habe sie auf gut Glück gesagt, sie sei in Osuna gelandet.

»So habe ich es mir gedacht«, sprach der Pfarrer, »und deshalb kam ich gleich mit meiner Bemerkung zu Hilfe, durch die alles wieder ins rechte Geleise gebracht wurde. Aber ist es nicht erstaunlich, wie leichtgläubig der unselige Junker all diese Erfindungen und Lügen für wahr hinnimmt, bloß weil sie den Stil der Albernheiten aus seinen Büchern an sich tragen?«

»Freilich«, sprach Cardenio, »und so merkwürdig und unerhört ist diese Leichtgläubigkeit, daß, wenn man sie lügnerisch erfinden und mit Kunst ersinnen wollte, ich nicht glaube, daß es einen so geistreichen Schriftsteller gäbe, um auf so etwas zu kommen.«

»Es ist aber noch etwas andres dabei«, sagte der Pfarrer. »Sieht man von den Albernheiten ab, die dieser wackre Junker vorbringt, wenn es sich um seine närrischen Einbildungen handelt, so sind alle seine Äußerungen höchst vernünftig, sobald man mit ihm über andre Dinge redet, und bewähren in ihm einen hellen heiteren Geist, so daß ein jeder ihn, vorausgesetzt, daß man nicht an sein Ritterwesen rührt, für einen Mann von durchaus gesundem Verstande halten muß.«

Während sich diese in solcher Unterhaltung ergingen, setzte Don Quijote die seinige fort und sprach zu Sancho: »Laß uns, Freund Sancho, unsere Zänkereien ins Meer versenken, und sage mir jetzt, ohne daß du dem Ärger und Groll Raum gibst, wo, wie und wann hast du Dulcinea gefunden? Womit beschäftigte sie sich? Was für ein Gesicht machte sie, als sie meinen Brief las? Wer hat ihn dir abgeschrieben? Kurz, sage alles, was in diesem Falle du des Wissens, Erfragens, Beantwortens wert erachtest, ohne daß du etwas hinzusetzest oder erlügest, um mir Angenehmes zu erweisen, oder etwas abkürzest, um mich etwas Unangenehmes nicht hören zu lassen.«

»Señor«, antwortete Sancho, »wenn ich doch die Wahrheit sagen soll, so hat mir niemand den Brief abgeschrieben; denn ich habe den Brief gar nicht mitgenommen.«

»Es ist so, wie du sagst«, sprach Don Quijote, »denn das Notizbüchlein, in das ich ihn schrieb, habe ich zwei Tage nach deinem Weggang in meinem Besitz gefunden. Es war mir das höchst unangenehm, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was du anfangen solltest, wenn du das Fehlen des Briefes bemerken würdest, und ich dachte beständig, du würdest umkehren, sobald du ihn vermißtest.« »Das wäre auch geschehen«, entgegnete Sancho, »hätte ich mir ihn nicht ins Gedächtnis eingeprägt, als Euer Gnaden ihn mir vorlas. Da konnte ich ihn denn einem Küster vorsagen, der ihn mir aus dem Kopfe niederschrieb, Punkt für Punkt, so daß er mir sagte, er habe zwar schon viele geistliche Bannbriefe gelesen, doch nie einen so hübschen Brief wie diesen.«

»Hast du ihn noch im Gedächtnis, Sancho?« fragte Don Quijote.

»Nein, Señor«, antwortete Sancho. »Sobald ich ihn hergegeben hatte und sah, daß er mir zu nichts mehr nütze war, verlegte ich mich drauf, ihn zu vergessen. Wenn mir doch noch was in der Erinnerung ist, so ist es der Satz von der fürchterlichen, ich will sagen fürstlichen Gebieterin und der Schluß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt. Und inmitten zwischen diese zwei Stellen setzte ich mehr als dreihundert ›Herzliebchen‹ und ›mein Leben‹ und ›Licht meiner Augen‹.«

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