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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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27. Kapitel

Wie der Pfarrer und der Barbier ihr Vorhaben ins Werk setzten, nebst andern Ereignissen, würdig, in dieser großen Geschichte erzählt zu werden

Dem Barbier gefiel der Einfall des Pfarrers nicht übel; er fand ihn vielmehr so vortrefflich, daß sie ihn gleich zur Ausführung brachten. Sie erbaten sich von der Schenkwirtin einen langen Weiberrock und Kopftücher, wofür sie ihr den neuen Chorrock des Pfarrers zum Pfande ließen. Der Barbier machte sich einen Bart zurecht aus einem grauen und rötlichen Farrenschwanz, an welchem der Wirt seinen Kamm stecken hatte.

Die Wirtin fragte sie, wozu sie die Sachen haben wollten. Der Pfarrer erzählte ihr in kurzen Worten von Don Quijotes Verrücktheit; diese Verkleidung sei das Mittel, ihn aus dem Gebirge fortzubringen, wo er sich gegenwärtig aufhalte. Wirt und Wirtin errieten sogleich, daß der Verrückte derselbe sein müsse wie der Gast mit dem Balsamtrank, der Herr des gewippten Schildknappen. Sie erzählten dem Pfarrer alles, was sich in ihrem Hause zugetragen, ohne das zu verschweigen, was Sancho so sorgfältig verschwieg.

Sodann kleidete die Wirtin den Pfarrer dergestalt um, daß man nichts Schöneres auf der Welt sehen konnte; sie zog ihm einen wollenen Rock an, ganz mit handbreiten, ausgezackten Streifen von schwarzem Samt umzogen, nebst einem Leibchen von grünem Samt, mit Säumen von weißem Atlas besetzt, welches, wie der Rock, ohne Zweifel zu König Wambas Zeiten gemacht war. Der Pfarrer litt nicht, daß man ihm eine Haube aufsetzte, sondern er tat ein Mützchen von gestepptem Linnen auf den Kopf, das er für die Nacht zum Schlafen bei sich trug; um die Stirn legte er eine Binde von schwarzem Taft, und aus einer andern Binde machte er einen Schleier, mit dem er sich Gesicht und Bart dicht bedeckte. Er stülpte seinen Hut auf, der so breit war, daß er ihm als Sonnenschirm dienen konnte, zog seinen Mantel über und setzte sich nach Frauenart auf sein Maultier, der Barbier auf das seinige, mit seinem Bart, der bis zum Gürtel herabhing, halb rot, halb weiß, da er, wie gesagt, aus dem Schwanz eines scheckigen Ochsen gemacht war.

Sie nahmen Abschied von allen, auch von dem guten Ding Maritornes. Die versprach ihnen, sie wolle, wiewohl eine Sünderin, einen Rosenkranz dafür beten, daß Gott ihnen gute Erfolge verleihe bei einer so schwierigen und so christlichen Sache, wie sie unternommen hätten. Aber kaum waren sie aus der Schenke fort, da kam dem Pfarrer das Bedenken, daß er übel daran getan, sich so zu verkleiden, weil ein solcher Aufzug für einen Geistlichen unschicklich sei, selbst wenn für ihn auch noch soviel davon abhinge. Er sagte dies dem Barbier und bat ihn, sie möchten ihre Anzüge miteinander vertauschen; denn es sei weit richtiger, daß er das hilfesuchende Fräulein vorstelle; er seinerseits wolle den Knappen spielen, und dergestalt werde er seiner Würde weniger vergeben. Wenn der Barbier aber das nicht wolle, so sei er entschlossen, nicht weiterzugehen, wenn auch den Don Quijote der Teufel holen sollte.

Mittlerweile kam Sancho herzu, und als er die beiden in solchem Aufzug erblickte, konnte er das Lachen nicht an sich halten. Der Barbier aber ging auf alles ein, was der Pfarrer verlangte, und indem sie die Verkleidung miteinander vertauschten, belehrte der Pfarrer den Barbier, welch Benehmen er einzuhalten und welche Worte er bei Don Quijote anzubringen habe, um ihn zu bewegen oder vielmehr ihn zu zwingen, mit ihm zu kommen und den Lieblingsplatz zu verlassen, den er sich für seine eitle Bußübung erlesen hatte.

Der Barbier entgegnete, er werde, auch ohne daß er ihm Unterricht gebe, die Sache aufs beste besorgen. Für jetzt aber wollte er seine Tracht noch nicht anlegen, bis sie in Don Quijotes Nähe wären, und so faltete er die Frauenkleider zusammen, der Pfarrer legte seinen Bart an, und sie verfolgten ihren Weg unter Sancho Pansas Führung. Dieser erzählte ihnen derweilen, was ihnen mit dem Irrsinnigen begegnet war, den sie im Gebirge angetroffen, verschwieg jedoch den Fund des Mantelsacks und seines Inhalts; denn wiewohl einfältig, war der Bursche ziemlich habgierig.

Des andern Tags kamen sie an den Ort, wo Sancho die Zweige als Merkzeichen ausgestreut, um die Stelle zu finden, wo er seinen Herrn gelassen hatte; er erkannte den Ort sogleich und sagte ihnen, hier sei der Zugang und hier könnten sie sich denn auch anziehen, wenn das wirklich für die Erlösung seines Herrn nötig wäre. Sie hatten ihm nämlich vorher schon gesagt, auf diesen ihren Anzug und diese Verkleidung komme alles an, wenn man seinen Herrn von der argen Lebensweise abbringen wolle, die er sich erwählt habe. Auch hatten sie ihm dringend ans Herz gelegt, seinem Herrn nicht zu verraten, wer sie seien; und wenn er ihn danach fragte – wie er ihn denn jedenfalls fragen würde –, ob er Dulcineen den Brief übergeben habe, so sollte er ja sagen, und da sie nicht lesen und schreiben könne; so habe sie ihm mündlich geantwortet, daß sie ihm bei Strafe ihrer Ungnade befehle, zu einer Zusammenkunft mit ihr gleich auf der Stelle aufzubrechen, weil dies von höchster Wichtigkeit für ihn sei. Denn hierdurch und durch das, was sie ihm zu sagen gedächten, hielten sie es für sicher, ihn einer besseren Lebensweise wieder zuzuführen und ihn zu vermögen, daß er sich sogleich auf den Weg begebe, um Kaiser oder Monarch zu werden. Daß er aber Erzbischof werden sollte, das sei nicht zu befürchten.

Alles dies hörte Sancho aufmerksam an und prägte es sich fest ins Gedächtnis, dankte ihnen auch gar sehr für ihre Absicht, seinem Herrn anzuraten, Kaiser und nicht Erzbischof zu werden; denn er sei der Überzeugung, daß die Kaiser weit mehr als die fahrenden Erzbischöfe imstande seien, ihren Schildknappen Gnaden zu erweisen. Auch sagte er ihnen, es würde gut sein, wenn er vorausginge, Don Quijote aufzusuchen und ihm die Antwort seiner Gebieterin mitzuteilen, und diese würde schon hinreichend sein, ihn zum Verlassen seines jetzigen Aufenthalts zu bewegen, ohne daß sie sich in soviel Mühsal einließen.

Sanchos Vorschlag gefiel ihnen wohl, und so entschlossen sie sich abzuwarten, bis er mit der Nachricht vom Auffinden seines Herrn zu ihnen zurückkomme.

Sancho ritt in jene Schluchten des Gebirgs hinein und ließ die beiden in einer derselben zurück, die ein sanftes Bächlein durchfloß, über welches niedere Felsen und etliche umherstehende Bäume einen angenehmen und frischen Schatten verbreiteten. Die Hitze und der Tag, an dem sie dort anlangten, war eben wie im Monat August, wo in jenen Gegenden der Sonnenbrand äußerst heftig zu sein pflegt; die Stunde war die dritte des Nachmittags; alles das machte das Plätzchen um so angenehmer, so daß es sie einlud, dort die Rückkunft Sanchos zu erwarten. So taten sie denn auch.

Während sie nun dort geruhsam und im Schatten verweilten, drang an ihr Ohr eine Stimme, die, ohne daß der Ton eines Instruments sie begleitete, süß und köstlich klang. Darüber erstaunten sie nicht wenig, da es sie bedünkte, dies sei kein Ort, wo sich jemand finden könnte, der so trefflich sänge; denn wenn man auch zu rühmen pflegt, es seien in den Wäldern und Feldern Schäfer mit vorzüglicher Stimme anzutreffen, so sind dies eher Übertreibungen von Dichtern als wahre Tatsachen. Ihr Erstaunen wuchs, als sie bemerkten, was sie singen hörten, seien Verse, nicht wie von bäurischen Hirten, sondern wie von geistvollen Personen hochgebildeten Standes. In dieser Überzeugung bestärkte sie der Inhalt der Verse, als sie folgendes hörten:

Was läßt mich in Gram vergehen?
Verschmähen.
Was mehrt meiner Sorgen Wucht?
Eifersucht.
Was erschwert mein herbes Leiden?
Scheiden.
Und so will mich Hoffnung meiden,
Und kein Rettungsport steht offen,
Da mir morden all mein Hoffen
Eifersucht, Verschmähen, Scheiden.

Was macht mir das Dasein trübe?
Liebe.
Was drängt jedes Heil zurück?
Das Glück.
Wer hat mir dies Leid gebracht?
Himmels Macht.
Und so wird des Todes Nacht,
Fürcht ich wohl, mich bald erfassen,
Da vereint sind, mich zu hassen,
Liebe, Glück und Himmels Macht.

Wer gewinnt der Liebe Gut?
Wankelmut.
Wer heilt einstens meine Not?
Der Tod.
Wer macht bald von Schmerz mich frei?
Raserei.
Und so kömmt's nur Toren bei,
Heilung könne je gelingen,
Wo allein kann Rettung bringen
Wankelmut, Tod, Raserei.

Die Stunde und Jahreszeit, die Einsamkeit des Ortes, die Stimme und Geschicklichkeit des Sängers, alles erweckte in den beiden Hörern Staunen und Vergnügen. Sie verhielten sich ruhig, in Erwartung, noch mehr zu hören; da jedoch das Stillschweigen noch eine Weile dauerte, beschlossen sie, den Ort zu verlassen, um den Künstler aufzusuchen, der mit so trefflicher Stimme sang. Aber gerade als sie dies ausführen wollten, veranlaßte sie die nämliche Stimme, sich nicht zu rühren; denn sie drang aufs neue zu ihren Ohren und sang dieses Sonett:

O heilige Freundschaft, die auf leichten Schwingen,
Die weil dein Scheinbild nur uns blieb hienieden,
Zum selgen Chor, dem Himmelsheil beschieden,
Emporgeeilt, dem Staub dich zu entringen!

Von dorten läßt du Kunde zu uns dringen
Von dem, was uns verhüllt ist, Recht und Frieden,
Von wahrer Tugend, die uns längst gemieden,
Von Heucheltaten, die Verderben bringen.

Verlaß den Himmel oder untersage,
O Freundschaft, daß sich Trug in dich verkleide,
Vor dem kein redlich Streben kann bestehen.

Erlaubst du's, daß er deine Maske trage,
So wird die Welt, von Zwietracht, Haß und Neide
Erfüllt, im alten Chaos bald vergehen.

Der Gesang schloß mit einem tiefen Seufzer, und die beiden blieben abermals in aufmerksamer Erwartung, ob etwa noch mehr gesungen würde; aber als sie bemerkten, daß die Liedertöne sich in Schluchzen und schmerzliches Ächzen verwandelten, beschlossen sie nachzuforschen, wer der Unglückliche sei, dessen Stimme so schön wie sein Jammern schmerzvoll war. Sie waren nicht weit gegangen, da erblickten sie beim Umbiegen um eine Felsenecke einen Jüngling von Gestalt und Aussehen, ganz wie Sancho Pansa es geschildert hatte, als er ihnen die Geschichte Cardenios erzählte; aber als dieser ihrer ansichtig wurde, blieb er, anstatt wie sonst zusammenzuschrecken, ruhig sitzen, den Kopf auf die Brust gebogen wie einer, der in Nachdenken versunken ist, ohne daß er die Augen aufschlug, um sich umzusehen, außer das erstemal, als sie so unvermutet auf ihn zukamen. Der Pfarrer, der ein beredter Mann war, näherte sich ihm, als bereits mit seinem Unglück vertraut – da er ihn an den Merkmalen erkannt hatte –, und mit kurzen, aber höchst verständigen Worten bat er ihn und redete ihm zu, er möge dieses elende Leben aufgeben, damit er es hier nicht gar einbüße, was doch von allem Unglück das größte wäre.

Cardenio war jetzt gerade bei vollem Verstand, frei von jenem Wutanfall, der ihn so oft außer Besinnung brachte; und als er sie daher in einer bei den Leuten, die in seiner Einöde verkehrten, so ungebräuchlichen Tracht erblickte, geriet er natürlich einigermaßen in Verwunderung, zumal sie über seine Verhältnisse wie über eine allbekannte Sache sprachen, was er aus den Worten des Pfarrers deutlich entnehmen konnte. Sonach antwortete er folgendermaßen: »Wohl sehe ich, geehrte Herren, wer ihr auch sein möget, daß der Himmel, der stets Sorge trägt, den Guten und oftmals auch den Bösen zu helfen, mir, ohne daß ich es verdiene, an diese vom gewöhnlichen Verkehr der Menschen so entfernten, so abgelegenen Stätten edle Männer sendet, die mir mit eindringlichen und mannigfachen Vernunftgründen vor Augen stellen, wie unvernünftig es von mir ist, ein solches Leben zu führen, und die sich bemühen, mich aus demselben zu erlösen und auf einen bessern Weg zu bringen. Aber da sie nicht wissen, was ich nur zu gut weiß, daß ich, von diesem Leide befreit, sofort in ein andres, größeres fallen muß, so werden sie mich vielleicht für einen Mann von schwachen Geisteskräften oder, was noch schlimmer, für ein ganz vernunftloses Wesen halten müssen. Und es wäre kein Wunder, wenn es so wäre; denn mir schimmert es im Bewußtsein durch, daß die Gewalt, welche die Vorstellung meiner unglücklichen Schicksale auf mich übt, so mein ganzes Innere erfaßt und so viel zu meinem Verderben vermag, daß ich manchmal widerstandslos zu Stein erstarre und alle menschliche Empfindung, alle Kenntnis meiner selbst verliere. Daß dem so ist, das sehe ich erst ein, wenn die Leute mir erzählen und mir Kennzeichen davon geben, was ich getan habe, solange der schreckliche Wutanfall mich beherrschte. Dann bleibt mir weiter nichts übrig, als vergeblich zu jammern und zwecklos mein Schicksal zu verfluchen und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem, der mich hören will, dessen Ursache zu erzählen. Denn wenn die Verständigen die Ursache hören, werden sie über die Wirkung nicht erstaunt sein, und wenn sie kein Heilmittel wissen, werden sie mir wenigstens nicht die Schuld geben, und ihr Zorn über meine Ausschreitungen wird sich in Betrübnis ob meines Unglücks verwandeln. Und ist es nun der Fall, daß ihr Herren mit derselben Absicht kommt, wie andere schon gekommen, so bitte ich euch, eh ihr mit euren verständigen Vorstellungen fortfahrt, laßt euch die Geschichte meiner Leiden erzählen, die nicht zu zählen sind; vielleicht, wenn ihr sie gehört, werdet ihr euch die Mühe sparen, für ein Unglück Trost spenden zu wollen, das jedem Troste unzugänglich ist.«

Die beiden, die gar nichts andres wünschten, als aus seinem eignen Munde die Ursache seines unglücklichen Zustands zu erfahren, baten ihn um Mitteilung derselben, wobei sie sich erboten, zu seiner Heilung oder Tröstung nichts anderes zu tun, als was er selbst verlangen würde. Und daraufhin begann der arme Mann seine jammervolle Geschichte fast mit denselben Worten und Umständen, wie er sie Don Quijote und dem Ziegenhirten wenige Tage vorher erzählt hatte, als aus Anlaß des Meisters Elísabat und der Gewissenhaftigkeit Don Quijotes in Aufrechterhaltung der Würde des Rittertums die Erzählung unbeendet blieb, wie unsre Geschichte es schon berichtet hat. Jetzt aber wollte es das gute Glück, daß sein Wutanfall länger ausblieb und ihm vergönnte, die Erzählung zu Ende zu führen. Und als er so bis zu dem Umstand mit dem Briefe kam, den Don Fernando im Buche vom Amadís von Gallien gefunden hatte, erwähnte er, daß er denselben vollständig im Gedächtnis habe und daß er folgendermaßen lautete:

Luscinda an Cardenio

Jeden Tag entdecke ich in Euch Vorzüge, die mich verpflichten und zwingen, Euch höher zu achten. Wollt Ihr also von dieser Schuld, in der ich gegen Euch stehe, mich befreien, ohne Euch mit meiner Ehre bezahlt zu machen, so könnt Ihr dies sehr leicht bewerkstelligen. Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich von Herzen liebt; er wird, ohne meinen Wünschen Zwang anzutun, jene Wünsche erfüllen, die Ihr von Rechts wegen hegen müßt, wenn Ihr mich wirklich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es glaube.

»Durch dies Briefchen ward ich bewogen, um Luscindas Hand anzuhalten; dies Briefchen war es, das Luscinda in Don Fernandos Augen als eine der geistvollsten und klügsten Damen ihrer Zeit erscheinen ließ; dies Briefchen erweckte in seinem Herzen den Wunsch, mich zugrunde zu richten, bevor der Wunsch meines Herzens zur Erfüllung kommen könnte. Ich erzählte Don Fernando, woran Luscindas Vater Anstand nehme: er erwarte nämlich, daß mein Vater selbst bei ihm um Luscinda anhalte, was ich ihm nicht mitzuteilen wagte, weil ich fürchtete, er werde darauf nicht eingehen, und zwar nicht etwa deshalb, weil ihm Luscindas Stand, Vortrefflichkeit, Tugend und Schönheit nicht genügend bekannt wären und er nicht wüßte, daß sie hinreichende Eigenschaften besitze, um jedes andre Geschlecht Spaniens zu adeln; sondern weil ich seinen Wunsch kannte, ich möchte mich nicht so rasch vermählen, damit man erst erfahre, was Ricardo mit mir vorhabe. Kurz, ich sagte ihm, ich könne es nicht auf mich nehmen, meinem Vater die Mitteilung zu machen, sowohl um dieser Schwierigkeit willen als auch gar mancher andern noch, die mich mutlos machten, ohne daß ich sie zu bezeichnen wußte; nur war ich überzeugt, es werde, was ich wünsche, niemals in Erfüllung gehen. Auf all dieses entgegnete mir Don Fernando, er selbst übernehme es, mit meinem Vater zu sprechen und ihn zu vermögen, daß er mit dem Vater Luscindas rede.

Ha, du Marius, du nach jeder Art von Erfolg begierig! Du grausamer Catilina! Ruchloser Sulla! Tückischer Ganelon! Verräterischer Bellido! Rachsüchtiger Graf Julian! Habsüchtiger Judas! Verräterischer, grausamer, rachsüchtiger, betrügerischer Mensch, welch schlimmen Dienst hatte er dir erwiesen, der Arme, der mit solcher Unbefangenheit dir die Geheimnisse und Freuden seines Herzens anvertraute? Welche Beleidigung habe ich dir zugefügt? Welche Worte habe ich dir gesagt oder welche Ratschläge dir gegeben, die nicht stets darauf abgezielt hätten, deine Ehre, deinen Vorteil zu wahren? Aber worüber klage ich, ich Unseliger! Da es doch gewiß ist: Wenn die Mißgeschicke ihre Strömung von den Sternen aus entquellen lassen, so ist keine andere Kraft, da sie aus der Höhe nach unten kommen und mit Wut und Gewalt herniederstürzen, so ist keine andre Kraft auf Erden, die ihnen widerstreben, kein menschliches Bemühen, das ihnen vorbeugen könnte. Wer konnte denken, daß Fernando, ein Edelmann von solchem Rang, verständig, mir durch meine Dienste verpflichtet, mächtig genug, um alles zu erreichen, was seine Liebeswünsche erstreben mochten, wo auch immer sie ihr Ziel suchten, daß dieser Mann danach brannte, mir – wie man zu sagen pflegt – mein einziges Schäflein zu rauben, das ich noch nicht einmal mein eigen nannte! Doch es mögen diese Betrachtungen als zwecklos und unnütz beiseite bleiben, und lasset uns den abgerissenen Faden meiner unseligen Geschichte wieder anknüpfen.

Ich sage also, daß Don Fernando, weil ihm meine Gegenwart zur Ausführung seines falschen, schlechten Vorhabens hinderlich schien, mich zu seinem älteren Bruder zu schicken beschloß unter dem Vorwand, von ihm Geld zur Bezahlung von sechs Pferden zu verlangen. Diese hatte er absichtlich und lediglich zu dem Zwecke, mich zu entfernen, um seinen tückischen Plan besser ausführen zu können, an dem nämlichen Tage gekauft, wo er sich erbot, mit meinem Vater zu sprechen, und deshalb wollte er, ich solle fort, das Geld zu holen. Konnte ich einen solchen Verrat voraussehen? War es etwa möglich, ihn nur zu ahnen? Gewiß nicht; vielmehr erbot ich mich sehr gern, auf der Stelle abzureisen, so vergnügt war ich über den guten Kauf.

Dieselbe Nacht sprach ich Luscinda, erzählte ihr, was ich mit Don Fernando verabredet hatte, und sagte ihr, sie möge fest darauf bauen, daß unsere redlichen, gerechten Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich, ob Fernandos Verräterei so ahnungslos wie ich, ich möchte auf baldige Rückkehr bedacht sein; denn sie glaubte, die Krönung unsrer Wünsche würde sich nur so lange verzögern, als mein Vater zögere, mit dem ihrigen zu reden. Ich weiß nicht, wie es geschah, ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie diese Worte gesprochen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt, so daß sie von dem vielen, was sie, wie mich bedünkte, mir noch sagen wollte, nicht das geringste herausbringen konnte. Ich war ganz betroffen über diesen mir ganz neuen, noch nie bei ihr erlebten Anfall; denn bisher hatten wir stets, wenn uns das gute Glück und mein eifriges Bemühen die Gelegenheit verschafften, uns heiter und wohlgemut unterhalten, ohne jemals Tränen, Seufzer, Eifersucht, Argwohn oder Besorgnis in unser Gespräch zu mischen. Nie tat ich etwas andres, als daß ich mein Glück pries, das sie mir zur Geliebten gegeben. Ich hob ihre Schönheit in den Himmel, ich bewunderte ihre hohen Vorzüge und ihren Geist; sie gab mir alles mit Zinseszinsen zurück und lobte, was ihrer Liebe an mir des Lobes würdig schien. Dabei erzählten wir uns hunderttausend Kindereien und Geschichten von unsern Nachbarn und Bekannten, und das Höchste, wozu meine Kühnheit sich verstieg, war, daß ich fast mit Gewalt eine ihrer schönen weißen Hände ergriff und sie an meine Lippen drückte, soviel die Enge des niedrigen Fenstergitters, das uns trennte, es zuließ. Aber in der Nacht, die dem trüben Tag meiner Abreise vorherging, weinte sie, ächzte, seufzte und entfernte sich dann und ließ mich in Verwirrung und Bestürzung zurück, ganz entsetzt über die nie erlebten, so traurigen Zeichen von Angst und Schmerz, die ich an Luscinda bemerkt hatte. Um jedoch meine Hoffnungen nicht selbst zu zerstören, schrieb ich alles der Gewalt ihrer Liebe zu und dem Schmerze, den die Trennung in allen wahrhaft liebenden Herzen erregt.

Niedergeschlagen und in tiefen Gedanken reiste ich endlich ab. Mein Herz war voller Ahnungen und argwöhnischer Besorgnisse, ohne zu wissen, was es argwöhnte und was es ahnte. Das waren klare Zeichen, die mir das traurige Schicksal und Unheil vordeuteten, das meiner harrte. Ich langte an dem Orte an, wohin ich gesandt war, ich übergab dem Bruder Don Fernandos die Briefe, wurde bestens aufgenommen, aber keineswegs bestens abgefertigt; denn er befahl mir zu meinem großen Leidwesen, acht Tage lang zu warten, und zwar an einem Ort, wo ich seinem Vater nicht zu Gesicht käme, da sein Bruder ihm geschrieben, eine gewisse Summe Geldes ihm ohne dessen Vorwissen zu schicken. All dieses war eine Erfindung des falschen Don Fernando; denn es fehlte seinem Bruder keineswegs an Geld, um mich auf der Stelle abzufertigen. Es war das ein Auftrag und Befehl der Art, daß es mich drängte, ihm nicht zu gehorchen. Denn es schien mir unmöglich, so viele Tage fern von Luscinda das Leben zu ertragen, zumal ich sie in dem trüben Gemütszustande verlassen, von dem ich euch berichtet habe. Aber trotzdem gehorchte ich als ein treuer Diener, obschon ich wohl einsah, es geschehe auf Kosten meiner Wohlfahrt.

Aber am vierten Tage meines Aufenthaltes kam ein Mann, mich aufzusuchen, und brachte mir einen Brief, an dessen Aufschrift ich erkannte, er sei von Luscinda, da sie deren Handschrift zeigte. Ich öffnete ihn mit Angst und Schrecken, da ich mir wohl dachte, nur eine hochwichtige Sache könne sie veranlaßt haben, mir zu schreiben, was sie so selten tat, wenn ich am nämlichen Orte mit ihr war. Ehe ich den Brief las, fragte ich den Mann, wer ihm denselben übergeben habe und wie lange er unterwegs gewesen; er antwortete mir, als er zufällig um die Mittagsstunde durch eine Straße der Stadt gegangen, habe ihn eine sehr schöne Dame aus dem Fenster angerufen, die Augen voller Tränen, und habe ihm in großer Hast gesagt: ›Guter Freund, wenn Ihr, was Euer Ansehen zeigt, ein Christ seid, so bitte ich Euch um Gottes willen, gleich, ja gleich diesen Brief nach dem Ort und zu dem Mann zu bringen, wie in der Aufschrift angegeben. Beides ist genugsam bekannt, und Ihr werdet damit unserm Herrgott ein wohlgefälliges Werk verrichten. Und damit es Euch nicht an den nötigen Mitteln fehle, es verrichten zu können, nehmt, was in diesem Tüchlein ist.‹ – ›Und mit diesen Worten warf sie mir ein Taschentuch durchs Fenster zu, worin hundert Realen und der goldene Ring, den ich hier trage, eingebunden waren, nebst dem Briefe, den ich Euch gegeben. Und auf der Stelle, ohne meine Antwort abzuwarten, entfernte sie sich vom Fenster, sah aber noch vorher, wie ich den Brief und das Tuch nahm und ihr mit Zeichen bemerklich machte, daß ich ihren Auftrag ausrichten würde. Und da ich mich sonach für die Mühe des Überbringens an Euch so reichlich bezahlt fand und aus der Aufschrift ersah, daß der Brief für Euch bestimmt war – denn, Señor, ich kenne Euch ganz gut –, und da ich durch die Tränen der schönen Dame mich dazu verpflichtet fühlte, so beschloß ich, mich auf keinen Dritten zu verlassen, sondern selbst zu reisen, um Euch den Brief zu überbringen, und in sechzehn Stunden, so lang ist es her, daß sie mir ihn anvertraute, habe ich den Weg zurückgelegt, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.‹

Während dieser dienstfertige und unerwartete Briefbote mit mir sprach, hing ich an seinen Worten, und die Beine zitterten mir so sehr, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. Dann öffnete ich den Brief und sah, daß er folgenden Inhalts war:

Das Wort, das Euch Don Fernando gab, mit Eurem Vater zu reden, damit er mit dem meinigen rede, hat er mehr zu seiner eignen Befriedigung als zu Eurem Frommen erfüllt. Wisset, Señor, daß er mich zur Gemahlin begehrt hat, und mein Vater, verleitet durch so vieles, was nach seiner Meinung Don Fernando vor Euch voraushat, ist auf dessen Wünsche so bereitwillig eingegangen, daß von jetzt in zwei Tagen die Vermählung stattfinden soll, und zwar ganz im geheimen und unter uns, so daß nur der Himmel und einige Leute vom Hause Zeugen sein sollen. In welcher Lage ich mich befinde, mögt Ihr Euch denken. Ob es Euch erforderlich erscheint zu kommen, das möget Ihr erwägen, und ob ich Euch wahrhaft liebe oder nicht, wird der Verfolg der Sache Euch zu erkennen geben. Wolle Gott, daß dieser Brief in Eure Hände gelange, bevor meine Hand gezwungen wird, sich in die des Mannes zu legen, der die Treue, die er gelobt, so schlecht zu halten weiß.

Das war im wesentlichen, was der Brief enthielt und was mich bestimmte, mich sogleich auf den Weg zu begeben, ohne eine weitere Antwort oder Geld abzuwarten; denn klar erkannte ich jetzt, daß nicht um Pferde, sondern um das Ziel seiner Wünsche zu erkaufen, Don Fernando sich bewogen fand, mich zu seinem Bruder zu schicken. Der grimmige Haß, den ich nun gegen Don Fernando faßte, und zugleich die Furcht, das geliebte Pfand zu verlieren, das ich mir mit so vielen Jahren der Sehnsucht und Huldigung gewonnen, verlieh mir Vogelschwingen; wie im Fluge gelangte ich des andern Tages in meine Heimat, gerade zur rechten Zeit, um Luscinda sprechen zu können. Ich kam im geheimen in den Ort und ließ mein Maultier im Hause des braven Mannes, der mir den Brief gebracht; und das Glück ließ es mich jetzt so gut treffen, daß ich Luscinda an jenem Fenstergitter fand, dem Zeugen unsrer Liebe. Auf der Stelle erkannte mich Luscinda, und ich erkannte sie; aber nicht so, wie sie mich hätte erkennen sollen, nicht so, wie ich sie hätte erkennen sollen. Aber wer auf Erden könnte sich rühmen, die verworrenen Gedanken und den wankelmütigen Sinn eines Weibes ergründet und verstanden zu haben? Gewiß niemand.

Also weiter. Sobald Luscinda mich erblickte, sprach sie: ›Cardenio, ich bin zur Hochzeit angezogen, schon erwarten mich im Saale Don Fernando, der Verräter, und mein Vater, der Habsüchtige, nebst andern Zeugen, die eher Zeugen meines Todes als meiner Vermählung sein sollen. Fasse dich, mein Freund, und suche bei dieser Opferung zugegen zu sein, und kann ich sie nicht durch meine Worte abwenden, so trage ich einen Dolch verborgen bei mir, der die entschlossenste Gewalt von mir fernzuhalten vermag, und so wird denn das Ende meines Lebens zugleich der Anfang deiner wahren Kenntnis von meiner Liebe sein.‹

Ich antwortete ihr in Bestürzung und Hast, voller Besorgnis, es werde mir zur Antwort nicht Zeit genug bleiben: ›Mögen deine Taten, o Geliebte, deine Worte wahr machen; und trägst du einen Dolch bei dir, auf daß man dich achten lerne, so trage ich hier ein Schwert, um dich damit zu verteidigen oder mich zu töten, wenn uns das Schicksal feindlich bleibt.‹

Ich glaube nicht, daß sie meine Worte alle vernehmen konnte; denn ich merkte, daß sie eilig abgerufen wurde, weil der Bräutigam wartete. Jetzt brach die Nacht meines Elends an, die Sonne meiner Freuden ging unter, meine Augen blieben ohne Licht, mein Geist ohne Besinnung. Ich gewann es zunächst nicht über mich, ihr Haus zu betreten, ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen; aber da ich erwog, wie wichtig meine Gegenwart um dessentwillen sei, was sich unter diesen Umständen zutragen könne, so ermannte ich mich, soviel ich vermochte, und trat in ihr Haus ein. Da ich alle Ein- und Ausgänge schon längst aufs genaueste kannte, so wurde ich – zumal bei der allgemeinen Unruhe, die, obzwar insgeheim, das ganze Haus durcheinanderbrachte – von niemandem bemerkt. So fand ich, ohne daß man meiner ansichtig wurde, Gelegenheit, mich in einer Fensternische des Hochzeitssaales selbst zu verbergen, die von den Spitzen und Säumen zweier Vorhangteppiche verdeckt war, zwischen denen hindurch ich alles, was im Saale vorging, sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Wer vermöchte jetzt zu sagen, wie mein Herz gewaltsam pochte, während ich dort stand, wer die Gedanken zu sagen, die mich überfielen, die Betrachtungen, denen ich mich hingab! Es waren ihrer so viele und solchen Inhalts, daß sie nicht auszusprechen sind, ja, daß es nicht gut wäre, sie auszusprechen. Es genüge Euch, zu hören, daß der Bräutigam in den Saal trat, ohne einen andern Festschmuck als die Alltagskleider, die er zu tragen pflegte. Als Zeugen brachte er einen Vetter Luscindas mit, und im ganzen Saale war niemand Fremdes zugegen, sondern nur die Diener vom Hause. Kurz darauf trat Luscinda aus ihrem Ankleidezimmer, in Begleitung ihrer Mutter und zweier Zofen, so herrlich gekleidet und geschmückt, wie es ihres Standes und ihrer Reize würdig war, als die wahre Vollendung vornehmer Pracht und buhlerischen Glanzes. Ich war so erregt und außer mir, daß es mir nicht möglich war, ihre Kleidung in ihren Einzelheiten zu beobachten und mir zu merken; ich konnte nur auf die Farbe ihrer Gewänder achten – sie waren rot und weiß – und auf das Funkeln der Edelsteine und Kleinode in ihrem Kopfputz und an ihrem ganzen Anzug. All dies wurde noch überstrahlt von dem wunderbaren Reiz ihrer schönen blonden Haare, die, im Wettstreit mit den köstlichen Steinen und dem Lichte der vier Fackeln, die den Saal erhellten, Luscindas Schönheitslicht den Augen in höherem Glanze zeigten. O Erinnerung, Todfeindin meiner Ruhe! Was frommt es, die unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin mir jetzt vorzustellen? Ist es nicht besser, o grausame Erinnerung, daß du mich nur daran mahnest und mir vorstellst, was Luscinda damals getan, damit ich, von so offenbarer Kränkung getrieben, nur darauf sinne, wenn nicht Rache zu erlangen, so doch wenigstens dies Leben zu enden? Möge es euch nicht ermüden, werte Herren, diese Abschweifungen von meinem Gegenstand zu hören; mein Leiden ist nicht von jener Art, daß man es kurz und oberflächlich erzählen kann oder darf; denn jeder Umstand dabei scheint mir einer ausführlichen Darlegung wert.«

Hierauf entgegnete der Pfarrer, es ermüde sie keineswegs, ihm zuzuhören, vielmehr hörten sie die Einzelheiten, die er ihnen erzähle, sehr gerne an; denn sie seien derart, daß sie verdienten, nicht mit Stillschweigen übergangen zu werden, sondern dieselbe Aufmerksamkeit zu erhalten wie der Hauptinhalt der Erzählung.

»Wohl denn«, fuhr Cardenio fort; »als sie alle im Saal waren, trat der Pfarrer des Kirchspiels herein, ergriff beider Hände, um das bei solcher feierlichen Handlung Übliche vorzunehmen; und als er die Worte sprach: ›Wollt Ihr, Jungfrau Luscinda, den hier anwesenden Herrn Don Fernando zu Eurem rechtmäßigen Ehegatten nehmen, wie es die heilige Mutter Kirche vorschreibt?‹ da streckte ich Kopf und Hals ganz aus dem Vorhang hervor und horchte mit gespanntem Ohr und bangem Herzen auf Luscindas Antwort, von der ich mein Todesurteil oder die Verheißung meines Lebens erwartete. Oh, wer in jenem Augenblick sich erkühnt hätte, hervorzustürzen und ihr zuzurufen: Ha, Luscinda, Luscinda, bedenke, was du tust, überlege, was du mir schuldest! Bedenke, daß du die Meinige bist und einem andern nicht angehören kannst! Erwäge wohl, daß das Ja aus deinem Munde hören und mein Leben verlieren beides in einem und demselben Augenblick folgen wird. Oh, Verräter Don Fernando, Räuber all meines Heils, Tod meines Lebens! Was begehrst du? Bedenke, daß du das Ziel deiner Wünsche nie im christlichen Sinne erreichen kannst, denn Luscinda ist meine Gattin, ich bin ihr Gemahl. Oh, ich Wahnsinniger! Jetzt, wo ich von ihr abwesend und fern von der Gefahr bin, jetzt sage ich, daß ich hätte tun sollen, was ich nicht tat; jetzt, wo ich mein höchstes Gut mir rauben ließ, fluche ich dem Räuber, an dem ich mich rächen konnte, wenn ich den Mut dazu gehabt hätte, wie ich ihn jetzt habe, um Klagen auszustoßen. Ja, weil ich damals feige und verstandlos war, so geschieht mir nicht zuviel, wenn ich jetzt beschämt, reuevoll und irrsinnig sterbe.

Der Geistliche erwartete Luscindas Antwort; sie zögerte damit eine längere Weile, und als ich schon dachte, sie wolle den Dolch ziehen, um eine Heldentat zu tun, oder wolle die Zunge entfesseln, um ein Bekenntnis abzulegen oder falschen Voraussetzungen die Wahrheit entgegenzustellen, die mir zum besten gereichen würde, da hörte ich sie mit kraftloser, matter Stimme sagen: ›Ja, ich will.‹ Das nämliche sagte Don Fernando; er gab ihr den Ring, und sie waren mit unauflöslichem Bande aneinander gebunden.

Der Bräutigam näherte sich, seine Gattin zu umarmen; sie drückte die Hand ans Herz und fiel ohnmächtig ihrer Mutter in die Arme.

Nun bleibt mir noch zu sagen, in welchem Zustande ich mich befand, als ich durch das Ja, das ich vernommen, meine Hoffnungen für betrogen, Luscindas Worte und Verheißungen für falsch erkannte und mich der Möglichkeit beraubt sah, jemals das Glück wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblick verloren hatte. Ich stand ratlos da, vom Himmel, wie mich dünkte, verlassen, feind der Erde, die mich bisher genährt, während die Luft mir den Atem für meine Seufzer und das Wasser mir das spärliche Naß für meine Augen versagte; nur das Feuer mehrte seine Glut so sehr, daß ich vor Ingrimm und Eifersucht durch und durch entbrannte.

Alles war in Bestürzung über Luscindas Ohnmacht; und als ihre Mutter sie aufschnürte, damit die Luft Zugang zu ihrer Brust habe, fand man an ihrem Busen ein verschlossenes Papier, welches Don Fernando sogleich an sich nahm und beim Licht einer Fackel durchlas. Kaum hatte er es gelesen, so setzte er sich nieder auf einen Stuhl und stützte das Kinn auf die Hand mit allen Zeichen tiefen Nachsinnens, ohne sich um die Mittel zu kümmern, die man bei seiner Gattin versuchte, um sie aus der Ohnmacht zu wecken. Da ich so das ganze Haus in Aufruhr sah, wagte ich es, mich zu entfernen, gleichviel, ob ich dabei gesehen würde oder nicht, mit dem festen Entschlusse, wenn man mich bemerkte, eine solche Handlung der Verzweiflung zu begehen, daß alle Welt den gerechten Groll meines Herzens erkennen sollte an der Züchtigung des falschen Don Fernando, ja auch der ohnmächtig daliegenden Verräterin. Aber mein Schicksal, das mich wohl für noch größere Leiden – wenn es größere gibt – aufbewahrt haben muß, fügte es, daß mir in jenem Augenblick nur zuviel der Vernunft zu Gebote stand, die mich seitdem verlassen hat. Und sonach wollte ich, ohne Rache an meinen schlimmsten Feinden zu nehmen – was leicht gewesen wäre, da keiner an mich dachte –, die Rache an mir selbst nehmen und die Strafe, die jene verdienten, an mir vollstrecken, und das vielleicht mit größerer Härte, als gegen sie wäre angewendet worden, wenn ich sie damals getötet hätte. Denn der Tod, den man plötzlich erleidet, beendet die Qual im Augenblick; aber den Tod unter Martern lange verzögern heißt unaufhörlich töten, ohne dem Leben ein Ende zu machen. Kurz, ich verließ ihr Haus und eilte zum Hause des Mannes, bei dem ich das Maultier gelassen. Ich hieß ihn mir das Tier satteln, und ohne ihm Lebewohl zu sagen, stieg ich auf und ritt zur Stadt hinaus und mochte, als ein anderer Lot, nicht wagen, das Antlitz zu wenden und mich nach ihr umzuschauen. Und als ich mich im freien Feld allein sah, die Dunkelheit der Nacht mich umhüllte und ihre tiefe Stille mich einlud, meine Klagen zu ergießen, da erhob ich meine Stimme, ohne Scheu oder Besorgnis, daß ich gehört werden könnte, und entfesselte meine Zunge zu so vielen Verwünschungen gegen Luscinda und Don Fernando, als hätte ich mir damit Genugtuung verschafft für die Schmach, die sie mir angetan. Ich nannte Luscinda grausam, gefühllos, falsch, undankbar, vor allem aber habgierig, da der Reichtum meines Feindes ihrer Liebe die Augen verschlossen habe, um sie mir zu entziehen und sie dem hinzugeben, gegen welchen das Glück sich wohlwollender und freigebiger erwiesen hatte.

Und doch, mitten im Sturm dieser Verwünschungen und Schmähungen suchte ich nach Entschuldigungen für sie und sagte, es sei nicht zu verwundern, wenn ein zurückgezogen lebendes Mädchen, im Hause der Eltern zum Gehorsam gegen sie erzogen und daran gewöhnt, ihren Wünschen nachgegeben habe, da sie ihr einen solchen Edelmann zum Gemahl gaben, so vornehm, so reich, so stattlich, daß die Abweisung dieses Bewerbers der Vermutung Raum gegeben hätte, sie ermangele entweder des Verstandes oder habe ihre Neigung anderwärts vergeben, was ihrem guten Namen und Ruf so sehr zum Nachteil gereicht hätte. Dann sagte ich mir wieder: Wenn sie vorgegeben hätte, ich sei ihr Gatte, würden die Eltern erkannt haben, daß sie an mir keine so schlechte Wahl getroffen hätte, um nicht Entschuldigung bei ihnen zu finden; denn ehe sich Don Fernando ihnen anbot, konnten sie selber, wenn sie ihre Wünsche mit dem Maßstabe der Vernunft maßen, keinen Bessern zum Gemahl ihrer Tochter wünschen. Mithin hätte sie wohl, bevor sie das Äußerste über sich ergehen ließ – ihre Hand hinzugeben –, sagen können, ich hätte ihr bereits die meinige gegeben; und sicher würde ich allem zugestimmt und alles genehmigt haben, was sie in einem solchen Falle zu ersinnen vermocht hätte. Am Ende kam ich zu dem Schlusse, daß zuwenig Liebe, zuwenig Urteilskraft, zuviel Ehrsucht und Streben nach Größe die Schuld trugen, daß sie die Worte vergaß, mit denen sie meine feste Hoffnung und redliche Neigung getäuscht, hingezogen und aufrechterhalten hatte.

Unter solchen lauten Klagen, in solchen Seelenqualen ritt ich den Rest der Nacht dahin, und beim Morgengrauen stieß ich auf einen Zugang zu diesen Gebirgszügen, welche ich drei Tage lang ohne Weg und Steg durchirrte, bis ich zuletzt an Weideplätzen haltmachte, die ich weiß nicht mehr auf welcher Seite dieser Berge liegen, und dort befragte ich mich bei Herdenbesitzern, nach welcher Richtung hin die wildeste Gegend des Gebirges liege. Sie sagten mir, hierherum sei sie zu finden; und sogleich ritt ich her mit der Absicht, hier mein Leben zu beschließen.

Kaum hatte ich diese Wildnis betreten, so fiel mein Maultier tot nieder, weil es ausgehungert und abgemattet war oder weil es, was mir glaublicher scheint, der unnützen Bürde ledig sein wollte, die es an mir trug. So mußte ich zu Fuß wandern; die Natur hielt es nicht mehr aus, ich war von Hunger zerquält und hatte niemanden und mochte niemanden suchen, der mir beistände. Und so lag ich, wie lange weiß ich nicht, auf dem Erdboden hingestreckt; dann erhob ich mich, ohne Hunger zu spüren, und fand ein paar Ziegenhirten mir zur Seite. Diese waren es ohne Zweifel, die meiner Not abgeholfen; denn sie erzählten mir, in welchem Zustand sie mich gefunden und wie ich so viel Unsinn und tolles Zeug gesprochen, daß ich offenbar den Verstand verloren haben müßte. Seitdem habe ich es auch in mir empfunden, daß ich wirklich nicht immer meinen Verstand völlig habe, sondern bisweilen so schwach und matt, daß ich tausend Tollheiten begehe, mir die Kleider vom Leibe reiße und in diese öden Wildnisse laut hinausschreie, mein Schicksal verwünsche und zwecklos den geliebten Namen meiner Feindin wiederhole. Alsdann habe ich keinen andern Gedanken oder Willen, als daß ich in wildem Aufschrei mein Leben enden möchte; und wenn ich dann wieder zur Besinnung komme, so finde ich mich so abgemattet und zerschlagen, daß ich mich kaum regen kann. Meine Wohnung ist meist in der Höhlung eines Korkbaums, die gerade den Raum bietet, diesen elenden Körper darin zu bergen. Die Ziegen- und Rinderhirten, die in diesem Gebirge umherziehen, fühlen Erbarmen mit mir und fristen mein Leben, indem sie mir Nahrungsmittel auf die Wege und Felsensteige hinlegen, wo sie vermuten, daß ich vorüberkomme und das mir Bestimmte finden werde. Und wenn ich dann auch nicht bei Sinnen bin, so läßt das natürliche Bedürfnis mich erkennen, was mich nähren soll, und erweckt in mir den Drang, es zu begehren, und den Willen, es zu nehmen. Zu andern Malen, wenn ich bei Verstande bin, sagen sie mir, daß ich die Schäfer, die mit Speise vom Dorf zu den Hürden kommen, öfters auf den Wegen überfalle und ihnen die Speise mit Gewalt abnehme, wenn sie mir auch alles gern aus freien Stücken geben wollten.

In solcher Weise verbringe ich den elenden Rest meiner Tage, bis es dem Himmel dereinst gefällt, entweder meinem Leben oder meinem Gedächtnis ein Ende zu machen, auf daß ich mich der Schönheit und Verräterei Luscindas und der Freveltat Don Fernandos nicht mehr erinnere. Tut der Himmel dieses, ohne mir zugleich das Leben zu rauben, so will ich meine Gedanken auf einen besseren Weg lenken; wo nicht, so bleibt nichts übrig, als zum Himmel zu beten, daß er meiner Seele gnädig sei; denn ich fühle in mir weder Mut noch Kraft, um meinen Körper aus diesem Elend zu befreien, in das ich ihn aus freier Wahl gebracht habe.

Dies ist, liebe Herren, die bittere Geschichte meines Unglücks; sagt mir, ob es derart ist, daß es mit anderm Schmerzgefühl, als ihr an mir bemerkt habt, sich hätte schildern lassen. Müht euch nicht damit ab, mich zu bereden oder mir anzuraten, was die Vernunft euch als ersprießlich zu meiner Heilung erscheinen läßt; denn es würde mir nicht mehr helfen als das Rezept eines vortrefflichen Arztes dem Kranken, der die Arznei nicht einnehmen will. Ich will nicht gesunden ohne Luscinda; und da es ihr gefällt, einem andern zu gehören, während sie mein eigen ist oder sein sollte, so soll es mir gefallen, dem Unglück zu eigen zu sein, da ich doch dem Glück angehören könnte. Sie wollte mit ihrer Wandlung mein Verderben unwandelbar machen; so will ich denn selbst auf mein Verderben bedacht sein, um ihren Willen zu erfüllen. Den nach mir Kommenden aber wird es ein warnendes Beispiel sein, daß ich allein unter allen dessen ermangelt habe, was die Unglücklichen sonst im Übermaß haben, denn ihnen allen pflegt gerade die Unmöglichkeit, Trost zu finden, zum Troste zu werden, während sie mir noch größere Schmerzen und Leiden verursacht, da ich denken muß, daß sie selbst mit dem Tode nicht enden werden.«

Hiermit beschloß Cardenio seine lange Erzählung, seine so unglückliche als liebeglühende Geschichte. Und gerade als der Pfarrer sich anschickte, ihm einige Worte des Trostes zu sagen, ward er darin durch eine Stimme gestört, die ihm zu Ohren drang, und sie hörten in klagenden Tönen sprechen, was im folgenden Kapitel erzählt werden soll; denn hier schließt für jetzt der weise und sorgfältige Geschichtsschreiber Sidi Hamét Benengelí.

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