Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Miguel de Cervantes Saavedra >

Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/cervante/quijote1/quijote1.xml
typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

22. Kapitel

Von der Befreiung, die Don Quijote vielen Unglücklichen zuteil werden ließ, welche man wider ihren Willen dahin führte, wohin sie lieber nicht wollten

Es erzählt Sidi Hamét Benengelí, der arabische Autor aus der Mancha, in dieser sehr bedeutsamen, hochtönenden und höchst bescheidenen, lieblichen und wundersamen Geschichte, daß, nachdem zwischen dem ruhmreichen Don Quijote von der Mancha und seinem Schildknappen Sancho Pansa die Unterhaltung stattgefunden, die am Schlusse des einundzwanzigsten Kapitels berichtet worden, Don Quijote seine Augen erhob und auf der Straße, die er zog, etwa zwölf Leute zu Fuß sich entgegenkommen sah, alle, wie die Kügelchen am Rosenkranz, an einer langen Kette mit den Hälsen aneinandergereiht und alle mit Handschellen gefesselt. Auch zogen mit ihnen daher zwei Männer zu Pferde und zwei zu Fuß; die Reiter trugen Musketen mit Radschlössern, die zu Fuß hatten Wurfspieße und Schwerter.

Sobald Sancho sie erblickte, sprach er: »Das ist eine Kette von Galeerensklaven, Zwangsarbeiter für den König, die auf die Galeeren kommen.«

»Wie? Zwangsarbeiter?« fragte Don Quijote, »ist es möglich, daß der König irgendeinem Zwang antut?«

»Das sag ich nicht«, antwortete Sancho, »sondern es sind Leute, die um ihrer Vergehungen willen gezwungen werden, dem König auf den Galeeren zu dienen.«

»In einem Wort also«, versetzte Don Quijote, »wie dem auch sei, diese Leute gehen nur gezwungen, wohin man sie führt, und nicht aus eignem Willen.«

»So ist's«, antwortete Sancho.

»Wohlan«, sprach sein Herr, »so fällt dies in den Bereich meiner Aufgabe, Gewalttätigkeiten zu verhindern und den Bedrängten Hilfe und Beistand zu leisten.«

»Beachte Euer Gnaden«, sagte Sancho, »daß die Gerechtigkeit, das heißt der König selbst, solchen Leuten weder Zwang noch Gewalt antut, sondern sie züchtigt zum Entgelt für ihre Vergehungen.«

Indem kam die Kette der Galeerensklaven heran, und Don Quijote bat die begleitenden Wächter mit äußerst höflichen Worten, sie möchten so gütig sein, ihn zu belehren und ihm die Ursache oder die Ursachen mitzuteilen, weshalb sie die Leute auf solche Weise dahinführten. Einer der berittenen Wächter antwortete, es seien Galeerensklaven, Leute, zu des Königs Diensten bestimmt, die auf die Galeeren kämen, und mehr sei nicht nötig zu sagen und mehr brauche er nicht zu wissen.

»Dessenungeachtet«, entgegnete Don Quijote, »wünsche ich von jedem derselben die besondere Ursache seines Unglücks zu erfahren.«

Diesen Worten fügte er noch andre und so höfliche bei, um sie zu der gewünschten Auskunft zu bewegen, daß der zweite von den berittenen Wächtern ihm sagte: »Obschon wir das Protokoll und die beglaubigte Urteilsabschrift für jeden dieser Elenden bei uns haben, so ist doch keine Zeit dazu, die Schriften hervorzuholen und zu lesen. Euer Gnaden möge näher herankommen und sie selber befragen. Sie werden schon alles sagen, wenn sie wollen, und sie werden wollen; denn es sind Leute, die Vergnügen daran haben, Schurkenstreiche zu begehen und zu erzählen.«

Mit dieser Erlaubnis, die Don Quijote sich genommen hätte, wenn man sie ihm nicht gegeben, näherte er sich der Kette und fragte den ersten, um welcher Sünden willen es ihm so schlecht ergehe. Der Mann antwortete: weil er verliebt gewesen sei, ergehe es ihm jetzt so übel.

»Um nichts mehr?« versetzte Don Quijote. »Wenn man die Leute wegen Verliebtseins auf die Galeeren schickte, dann könnte ich schon seit manchem lieben Tag dort sitzen und rudern.«

»Die Liebe ist nicht der Art, wie Euer Gnaden meint«, sagte der Sträfling, »die meinige ging auf einen Waschkorb voll Weißzeug, den ich mit allen Kräften umfing, und hätte die Justiz mir ihn nicht mit Gewalt abgenommen, so hätte ich ihn mit meinem Willen bis zum heutigen Tage nicht fahrenlassen. Ich wurde auf frischer Tat ergriffen, es war also kein Grund zur Folter, der Prozeß war bald zu Ende geführt, man salbte mir den Rücken mit einem Hundert und gab mir als Zugabe drei Jahre Wasserkur, und damit war die Sache fertig.«

»Was heißt Wasserkur?« fragte Don Quijote.

»Wasserkur heißt Galeerenstrafe«, antwortete der Züchtling, ein Junge von etwa vierundzwanzig Jahren und gebürtig aus Piedrahita, wie er angab.

Dieselbe Frage richtete Don Quijote an den zweiten, der kein Wort erwiderte, so traurig und schwermütig schritt er einher. Aber der erste antwortete für ihn und sprach: »Dieser, Señor, befindet sich hier, weil er ein Kanarienvogel ist, ich meine, weil er ein Musiker und Sänger war.«

»Wie das?« erwiderte Don Quijote, »kommt man auch wegen Musik und Gesang auf die Galeeren?«

»Allerdings, Señor«, versetzte der Sträfling, »denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man in der Not singt.«

»Weit eher«, erwiderte Don Quijote, »habe ich noch sagen hören: Lied versüßt Leid.«

»Hier ist's umgekehrt«, sagte der Sträfling, »wer einmal singt, hat sein Leben lang zu weinen.«

»Das verstehe ich nicht«, sprach Don Quijote.

Aber einer der Wächter sagte ihm: »Herr Ritter, in der Not singen heißt bei diesem unheiligen Volk: unter der Folter eingestehen. Dieser Sünder wurde auf die Folter gelegt, und er hat sein Verbrechen bekannt; er hat Fleisch geklaut, das heißt Vieh gestohlen, und da er eingestand, wurde er zu sechs Jahren Galeere verurteilt, ungerechnet zweihundert Streiche, die er bereits auf dem Rücken mitbringt. Er geht immer in sich gekehrt und trübsinnig einher, weil die andern Spitzbuben, sowohl die dort geblieben als auch die hier an der Kette gehen, ihn mißhandeln, ihn schlechtmachen, verhöhnen und verachten, weil er eingestanden hat und nicht den Mut besaß, nein zu sagen; denn sie sagen, das Nein habe auch nicht mehr Silben als das Ja, und ein Verbrecher habe schon Glücks genug, wenn über Leben und Tod seine eigne Zunge und nicht die von Zeugen und Beweisen zu entscheiden hat, und ich meinesteils bin der Meinung, daß sie hierin nicht gerade auf dem Holzweg sind.«

»Auch ich bin dieser Meinung«, entgegnete Don Quijote und ging weiter zum dritten und fragte ihn das nämliche wie die andern.

Der Gefragte antwortete ihm sofort und mit großer Dreistigkeit: »Ich gehe auf zehn Jahre in die edle Wasserkur, weil mir zehn Dukaten fehlten.«

»Ich würde Euch sehr gern zwanzig geben«, sagte Don Quijote, »um Euch aus diesem bösen Handel herauszuhelfen.«

»Das kommt mir vor«, entgegnete der Sträfling, »wie wenn einer mitten auf hoher See Geld hat und doch Hungers stirbt, weil er keine Möglichkeit hat, sich das Nötige einzukaufen; ich meine nämlich, wenn ich die zwanzig Dukaten, die mir Euer Gnaden jetzt anbieten, zur rechten Zeit gehabt hätte, so hätte ich dem Aktuar die Feder damit geschmiert und dem Anwalt ein solches Licht im Kopf angesteckt, daß ich jetzt auf dem Marktplatz in Toledo und nicht auf dieser Landstraße wie ein Hund angekoppelt einherstiege. Aber Gott ist groß; Geduld, und damit gut.«

Don Quijote ging weiter zum vierten, der ein Mann von ehrwürdigem Angesicht war, mit einem weißen Barte, der ihm bis über die Brust herabfiel. Als er sich nach der Ursache fragen hörte, weshalb er sich hier befinde, fing er zu weinen an und erwiderte kein Wort; aber der fünfte Züchtling diente ihm als Zunge und sprach: »Dieser Ehrenmann geht für vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er durch die üblichen Straßen in Galatracht spazierengeritten.«

»Das heißt«, sagte Sancho Pansa, »wie mich bedünkt, er ist auf dem Schandesel durch die Straßen gestäupt worden.«

»So ist es«, sagte der Sträfling, »und das Verbrechen, für das man ihn mit dieser Strafe belegt hat, ist, daß er für manche Bank und manches gute Haus den Leibmakler machte; ich meine, daß er auf die Galeere muß, weil er ein Kuppler war und weil er auch vom Schwarzkünstler einen Anstrich hatte.«

»Hättet Ihr diesen Anstrich nicht hinzugetan«, sagte Don Quijote, »für die bloße Kuppelei hättet Ihr nicht verdient, auf den Galeeren zu rudern, viel eher, sie als General zu befehligen. Denn das Geschäft eines Kupplers ist nicht derart, wie man wohl glauben mag; es ist ein Geschäft für Leute von Verstand und in einem wohlgeordneten Gemeinwesen ganz unentbehrlich. Es sollten nur Leute von gutem Hause es betreiben dürfen, und es sollte auch einen Aufseher und Examinator für sie geben, wie es deren für andre Berufsarten gibt; ihre Anzahl sollte festgesetzt und bekanntgemacht werden wie bei den Börsenmaklern. Dadurch würde viel Unglück vermieden, das daraus entspringt, daß dies Geschäft und Amt sich in den Händen einfältiger Leute ohne Einsicht befindet, wie zum Beispiel armseliger Weiber, Weiber ohne Sitte, Gelbschnäbeln von Lakaien und Possenreißern von geringem Alter und noch geringerer Erfahrung, die gerade in den dringendsten Fällen, und wenn es gilt, einen Anschlag auszuführen, an dem viel gelegen ist, die Brocken von der Hand zum Mund kalt werden lassen und nicht wissen, was rechts und was links ist. Ich würde mich gern noch weiter hierüber auslassen und die Gründe angeben, weshalb es angemessen wäre, diejenigen, welche einem so unentbehrlichen Beruf im Gemeinwesen obliegen sollen, einer strengen Auswahl zu unterwerfen, aber Ort und Zeit sind nicht dazu geeignet, indessen, ich will es schon einmal jemandem sagen, der dafür zu sorgen und Abhilfe zu schaffen imstande ist.

Jetzt sage ich nur, daß das Mitleid, das ich darüber empfand, dieses weiße Haar und ehrwürdige Angesicht wegen Kuppelei in solcher Drangsal zu sehen, mir durch den Zusatz, daß der Mann sich mit Hexerei abgegeben, gänzlich benommen ist. Zwar weiß ich wohl, es gibt keine Hexenkünste auf Erden, die den Willen zu lenken und ihm Gewalt anzutun vermögend wären, wie etliche einfältige Leute glauben; ich weiß, daß unser Wille frei ist und daß es weder Kräuter noch Zaubereien gibt, die ihn zu irgend etwas zwingen könnten. Was ein paar alberne Weibsbilder und ein paar verschmitzte Betrüger indessen zu tun pflegen, ist, daß sie gewisse Tränke und Gifte bereiten, womit sie die Leute verrückt machen, unter dem Vorgeben, es wohne ihnen die Macht bei, zur Liebe zu zwingen; während es, wie gesagt, unmöglich ist, dem Willen Gewalt anzutun.«

»So ist es«, sagte der biedere Alte, »und in Wahrheit, Señor, in betreff der Hexerei war ich schuldlos, und die Kuppelei kann ich nicht leugnen. Aber es kam mir nie in den Sinn, daß ich damit ein Unrecht beginge; denn meine ganze Absicht war nur, daß die Welt in Freuden, Ruhe und Frieden leben sollte, ohne Hader und Verdruß. Aber dieser gute Zweck hat mich nicht davor bewahrt, daß ich jetzt dahin muß, von wo ich keine Rückkehr hoffen kann, so schwer lastet auf mir das Alter und ein Blasenleiden, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.«

Und hier begann er wieder wie vorher zu weinen, und Sancho hatte so großes Mitleid mit ihm, daß er einen halben Silberreal aus dem Busen zog und ihm als Almosen gab.

Don Quijote ging weiter und fragte einen andern nach seiner Vergehung, und dieser antwortete nicht mit geringerer, sondern vielmehr mit weit größerer Dreistigkeit als der vorige: »Ich gehe an dieser Kette, weil ich mit ein paar Bäschen, leiblichen Verwandten von mir, zuviel Kurzweil getrieben und dazu auch mit zwei Schwestern, die aber nicht leibliche Verwandte von mir waren. Kurz, ich kurzweilte so viel mit ihnen allen, daß zuletzt durch die Kurzweil die Verwandtschaft zu solcher Verwicklung anwuchs, daß kein Lehrmeister im Kirchenrecht sich darin zurechtfinden könnte. Es wurde mir alles bewiesen, Gönner fehlten mir, Geld hatte ich keins, es war drauf und dran, daß es mir an den Hals ging, sie verurteilten mich zu sechs Jahren Galeere, ich war's zufrieden, es ist die Strafe meiner Sünden. Ich bin jung, so möge mir nur das Leben erhalten bleiben, mit dem Leben ist alles noch fertigzubringen. Wenn Euer Gnaden etwas bei sich hat, um diesen armen Teufeln beizuspringen, so wird Gott es Euch, Herr Ritter, im Himmel wiederzahlen, und wir hienieden werden nicht unterlassen, Gott in unsern Gebeten für Euer Gnaden Leben und Gesundheit anzuflehen, daß das eine so lange und die andre so gut sei, wie Ihr nach Eurem edlen Aussehen es verdient.«

Der Mann war in Studententracht, und einer der Wächter sagte, er sei ein großer Schwätzer und trefflicher Lateiner.

Zuletzt nach allen diesen kam ein Mensch im Alter von dreißig Jahren, von sehr hübschem Äußern, nur daß er, wenn er die Augen aufschlug, mit dem einen in das andre hineinsah. Dieser war in etwas andrer Weise gefesselt als die übrigen. Denn er hatte am Fuß eine so lange Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Körper herumwand, und zwei eiserne Ringe um den Hals; der eine war an der Kette angeschmiedet, der andre war ein sogenannter Haltefest, ein Klemm-Eisen, von welchem bis zum Gürtel zwei Eisenstäbe herabhingen; in diese griffen zwei Handschellen ein, in welche seine Hände mit einem großen Vorlegeschloß eingeklemmt waren, so daß er weder mit den Händen zum Munde reichen noch den Kopf so weit bücken konnte, um bis zu den Händen zu gelangen.

Don Quijote fragte, warum dieser Mensch soviel Fesseln mehr trüge als die andern. Der Anführer der Wache antwortete, weil der Kerl allein mehr Verbrechen begangen habe als alle andern zusammen und weil er so verwegen und ein so abgefeimter Schelm sei, daß sie, obgleich sie ihn so gefesselt hielten, dennoch seiner nicht sicher seien, sondern immer befürchten müßten, er werde ihnen entspringen.

»Was für Verbrechen können auf ihm lasten«, sagte Don Quijote, »wenn er doch keine größere Strafe verdient hat, als daß er auf die Galeere kommt?«

»Er kommt auf zehn Jahre hin«, sagte der Führer, »und das ist soviel wie bürgerlicher Tod. Verlanget nichts weiter zu wissen, als daß dieser Biedermann der berüchtigte Ginés de Pasamonte ist, den man auch Gineselchen von Parapilla nennt.«

»Herr Kommissär«, sagte hierauf der Galeerensträfling, »sachte, sachte – wir wollen uns jetzt nicht damit abgeben, Namen und Zunamen auseinanderzusetzen. Ginés heiße ich und nicht Gineselchen, und Pasamonte ist mein Geschlecht und nicht Parapilla, wie Ihr sagt, und kümmere sich jeder um den Balken in seinem eigenen Auge, und da wird er nicht wenig zu tun haben.«

»Schlag Er keinen so hohen Ton an«, entgegnete der Kommissär, »Er Spitzbube über alle Spitzbuben hinaus, wo nicht, so werde ich Ihn schon zum Schweigen bringen, Er mag wollen oder nicht.«

»Man sieht wohl«, antwortete der Sträfling, »der Mensch denkt und Gott lenkt; aber es kommt mal ein gewisser Tag, da soll ein Gewisser schon erfahren, ob ich Gineselchen von Parapilla heiße oder nicht.«

»Nennen sie dich denn nicht so, du Gauner?« sagte der Führer.

»Freilich tun sie's«, antwortete Gines, »aber ich will's schon fertigbringen, daß sie mich nicht mehr so nennen, oder ich will mir das Haar ausreißen, wo und wie, sag ich nur zu mir selber. Herr Ritter, wenn Ihr uns was zu schenken habt, so schenkt es uns gleich und geht mit Gott; denn Ihr werdet schon langweilig mit Eurem ewigen Fragen nach fremder Leute Schicksalen. Und wollt Ihr die meinigen erfahren, so wisset, ich bin Ginés von Pasamonte, dessen Leben beschrieben ist von diesen seinen eigenen Fingern.«

»Der Kerl redet wahr«, sagte der Kommissär, »er selbst hat seine Geschichte so beschrieben, daß sie nichts zu wünschen übrigläßt, und er hat das Buch als Pfand für zweihundert Realen im Gefängnis gelassen.«

»Und ich gedenke es auszulösen«, sagte Gines, »wenn es auch für zweihundert Dukaten verpfändet wäre!«

»So vortrefflich ist es?« sagte Don Quijote.

»Es ist so vortrefflich«, antwortete Gines, »daß Lazarillo de Tormes nur gleich einpacken kann und mit ihm alle die Bücher, die sonst noch in dieser Art geschrieben sind oder noch geschrieben werden. Was ich Euch darüber sagen kann, ist, daß es nur Wahrheit berichtet und so hübsche und ergötzliche Wahrheit, daß es keine Lügen geben kann, die ihr gleichkämen.«

»Und wie betitelt sich dies Buch?« fragte Don Quijote.

» Das Leben des Ginés de Pasamonte«, antwortete Ginés.

»Und ist es ganz beendet?« fragte Don Quijote.

»Wie kann es beendet sein«, antwortete er, »da mein Leben noch nicht zu Ende ist? Geschrieben sind meine Erlebnisse nur von meiner Geburt an bis zu dem Augenblick, wo sie mich dies letzte Mal auf die Galeeren geschickt haben.«

»Also seid Ihr schon einmal dort gewesen?« fragte Don Quijote.

»In Gottes und des Königs Diensten bin ich schon einmal vier Jahre lang dort gewesen«, antwortete Gines, »und ich weiß schon, wie das Kommißbrot und der Farrenschwanz schmecken, und es ist mir nicht allzu leid, wieder hinzukommen; dort hab ich Gelegenheit, mein Buch zu Ende zu bringen; denn ich habe noch gar vieles zu sagen, und auf den spanischen Galeeren hat man mehr Ruhe, als nötig ist, obwohl deren nicht viel zu dem nötig ist, was ich noch zu schreiben habe, da ich es all auswendig weiß.«

»Du scheinst ein geschickter Mensch zu sein«, sagte Don Quijote.

»Und ein unglücklicher«, versetzte Gines, »denn einen guten Kopf verfolgt immer das Unglück.«

»Es verfolgt die Schurken«, sagte der Kommissär.

»Ich hab's Euch schon einmal gesagt, Herr Kommissär«, fiel Pasamonte hier ein, »sachte, sachte! Denn die bewußten Herren haben Euch diesen Stab nicht dazu anvertraut, um uns arme Teufel, die wir hier an der Kette gehen, zu mißhandeln, sondern uns zu führen und dahin zu bringen, wohin Seine Majestät befiehlt; wenn nicht, beim Leben des ... Genug! Denn es könnte geschehen, daß die Flecken, die sich jemand in der Schenke gemacht, eines Tages bei der Wäsche herauskämen; drum schweige ein jeder und sehe sich vor in seinen Handlungen und noch mehr in seinen Worten. Jetzt aber vorwärts, denn es ist nun Spaßes genug.«

Der Kommissär hob seinen Stock, um Pasamonte zur Antwort auf seine Drohungen eins zu versetzen, aber Don Quijote legte sich ins Mittel und bat ihn, den Menschen nicht zu mißhandeln; denn es sei doch nicht zuviel verlangt, daß einer, dem die Hände so gebunden seien, wenigstens die Zunge frei habe. Und sich zu sämtlichen Leuten an der Kette wendend, sprach er: »Aus allem, was ihr mir gesagt, teuerste Freunde, habe ich klar entnommen, daß, obschon um eurer Schuld willen euch die Züchtigung zuteil wird, ihr doch an der Pein, die ihr erleiden sollt, kein sonderlich Behagen habt, daß ihr vielmehr höchst ungern und sehr wider eure Neigung derselben entgegengeht und es wohl möglich ist, daß nur die wenige Standhaftigkeit, die jener eine unter der Folter zeigte, der Mangel an Mut bei diesem andern, der Mangel an Gönnern bei jenem dritten und überhaupt die verkehrte Beurteilung von Seiten des Richters die Ursache eures Verderbens und der Grund war, weshalb ihr nicht zu eurem Rechte gekommen, das ihr doch auf eurer Seite hattet. Alles das stellt sich mir jetzt im Geiste vor und sagt mir, rät mir, zwingt mich, an euch den Zweck zu zeigen, um dessentwillen der Himmel mich auf die Erde geschleudert und mir geboten hat, mich hienieden zu weihen dem Orden der Ritterschaft, welchem ich in der Tat geweiht bin, und dem Gelübde, das ich in diesem Orden abgelegt, jedem Hilfsbedürftigen und jedem, den die Höheren unterdrücken, beizustehen. Jedoch da ich weiß, daß es zu den Eigenschaften der Klugheit gehört, was sich im Guten erreichen läßt, nicht im Bösen zu tun, so will ich diese Herren Wächter nebst Kommissär gebeten haben, sie möchten belieben, euch loszubinden und in Frieden ziehen zu lassen, da es an andern Personen nicht mangeln wird, um dem König bei bessern Anlässen zu dienen; denn es scheint mir ein hartes Ding, die zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur frei erschufen.

Überdies, ihr Herren von der Wache«, fügte Don Quijote bei, »haben diese armen Leute nichts Böses gegen euch selber verübt. Mag denn jeglicher von ihnen zusehen, wie er mit seinen Sünden zurechtkommt; es ist ein Gott im Himmel, der es nimmer versäumt, den Bösen zu strafen, und es ist nicht recht, daß Männer von Ehre sich zu Henkern ihrer Nebenmenschen hergeben, wenn für sie selbst gar nichts dabei auf dem Spiel steht. Ich begehre dessen mit der Ruhe und Sanftmut, die ihr an mir sehet, damit ich, wenn ihr demgemäß handelt, euch etwas zu verdanken habe; wenn ihr es aber nicht gutwillig tut, so werden dieser Speer und dies Schwert mit der Stärke meines Arms bewirken, daß ihr es gezwungen tut.«

»Ein reizender Unsinn!« versetzte darauf der Kommissär, »allerliebst, in welche Spitze der lange Rattenschwanz Eurer Rede ausläuft! Die Sträflinge in des Königs Haft, verlangt Ihr, sollen wir Euch freigeben, als ob wir die obrigkeitliche Befugnis hätten, sie der Fesseln zu entledigen, oder Ihr sie hättet, uns dergleichen zu befehlen! Geht in Gottes Namen Eurer Wege, Señor; setzt Euch den Nachttopf zurecht, den Ihr auf dem Kopfe tragt, und laßt Euch nicht ohne Not in Händel ein wie die Ratze, die die Katze fangen will.«

»Ihr selbst seid die Ratze und die Katze und der Schurke dazu«, entgegnete Don Quijote.

Und wie gesagt, so getan: er stürmte so blitzschnell auf ihn an, daß er ihm nicht Zeit ließ, sich zur Wehr zu setzen, und ihn mit einem Speeresstoß schwer verwundet zu Boden warf. Und es traf sich glücklich für den Ritter, denn es war gerade der mit der Muskete. Die übrigen Wächter standen in Staunen und Bestürzung ob des unerwarteten Ereignisses; aber sie faßten sich wieder, und die zu Pferde nahmen ihre Schwerter zur Hand, die zu Fuß ihre Wurfspieße und stürzten zum Angriff auf Don Quijote, der sie in vollster Ruhe erwartete. Und ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, hätten nicht die Galeerensklaven die ihnen gebotene Gelegenheit benutzt, ihre Freiheit zu erlangen, und es fertiggebracht, die Kette, an die sie angeschmiedet waren, zu sprengen. Der Aufruhr wurde so allgemein, daß die Wächter bald gegen die Sträflinge, die sich losmachten, bald gegen Don Quijote, der sie angriff, sich wenden mußten und daher nirgends etwas ausrichten konnten.

Sancho seinerseits half dem Ginés de Pasamonte aus seinen Fesseln, und dieser war der erste von allen, der, frei und aller Bande ledig, über das Feld hinsprang, den zu Boden gestürzten Kommissär anfiel, ihm das Schwert und die Muskete entriß, und indem er mit der letzteren bald auf den einen zielte, bald auf den andern anlegte, ohne je abzudrücken, so blieb bald keiner von der Wache mehr auf dem ganzen Plan; alle flohen davon, teils vor Pasamontes Muskete, teils vor dem gewaltigen Steinregen, den die bereits frei gewordenen Sträflinge auf sie fallen ließen.

Jetzt wurde es doch Sancho ob dieses Vorfalles sehr betrübt zumute; denn es kam ihm der Gedanke, die geflüchteten Wächter würden der Heiligen Brüderschaft Kenntnis von dem Fall geben und diese würde unter Sturmgeläute ausziehen, um die Verbrecher aufzuspüren. Das sagte er auch seinem Herrn mit der Bitte, sie möchten beide sich auf der Stelle davonmachen und sich auf dem nahen Gebirge versteckt halten.

»Das ist alles ganz gut«, sprach Don Quijote, »aber ich weiß, was sich gegenwärtig zu tun gebührt.«

Und sofort rief er die sämtlichen Galeerensklaven herzu, die in großer Aufregung umherliefen und bereits den Kommissär bis auf die Haut ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn in die Runde, um zu hören, was er ihnen anbefehle, und er sprach so zu ihnen: »Männern von guter Art geziemt es, empfangene Wohltaten mit Dank zu vergelten, und eine der ärgsten Sünden gegen Gott ist die Undankbarkeit. Ich erwähne das, werte Herren, weil ihr durch den Augenschein in Erfahrung gebracht habt, welche Wohltat ihr von mir empfangen; zu deren Entgelt, so wünsche ich, so ist mein Wille, sollt ihr, mit der Kette beladen, von der ich euren Nacken befreit habe, euch unverzüglich auf den Weg machen und nach der großen Stadt Toboso ziehen und euch dort dem Fräulein Dulcinea von Toboso stellen und ihr sagen, daß ihr Ritter, Der von der traurigen Gestalt, hiermit Meldung sende, sich ihr zu befehlen, und ihr sollt ihr Punkt für Punkt jeden Punkt dieses herrlichen Abenteuers berichten bis zur Erlangung eurer ersehnten Freiheit durch meine Hand; und dieses vollbracht, möget ihr auf gut Glück hingehen, wohin ihr wollet.«

Ginés de Pasamonte gab Antwort für die andern alle und sprach: »Was Euer Gnaden uns befiehlt, edler Herr und unser Befreier, das zu erfüllen ist die unmöglichste aller Unmöglichkeiten; denn wir können nicht auf den Straßen zusammen wandern, sondern jeder muß allein und jeder für sich bleiben und muß suchen, sich tief im Innern der Erde zu bergen, um nicht von der Heiligen Brüderschaft aufgefunden zu werden, die ohne Zweifel ausziehen wird, uns nachzuspüren. Was Euer Gnaden tun kann und was zu tun die Billigkeit von Euch verlangt, ist, daß Ihr diese Prinzessinnensteuer nebst Wegezoll, so wir dem Fräulein Dulcinea leisten sollen, in eine gewisse Zahl Ave-Marias und Credos verwandelt, um sie von Euretwegen zu beten, und das ist etwas, das sich jederzeit vollführen läßt, bei Tag und bei Nacht, auf der Flucht oder im Ausruhn, im Frieden oder Krieg. Aber wer da glaubt, daß wir jetzt wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehrten, ich meine, unsre Kette wieder auf uns nähmen und uns auf den Weg nach Toboso begäben, der glaubt, daß wir jetzt Nacht haben, obwohl es kaum um die zehnte Tagesstunde ist, und verlangt von uns gerade dasselbe, als wollte man Birnen vom Ulmenbaum verlangen.«

»So schwör ich denn bei dem und jenem«, rief Don Quijote, der bereits in Harnisch geraten war, »du Junker Hurensohn, Gineselchen von Parapilla oder wie du sonst heißen magst, du sollst ganz allein dahin, den Schwanz zwischen den Beinen wie ein Hund, mit der ganzen Kette auf dem Rücken!«

Pasamonte war der Mann nicht dazu, sich viel gefallen zu lassen, und es war ihm auch schon klargeworden, daß Don Quijote nicht richtig im Kopfe war, da er den Unsinn begangen, sie in Freiheit zu setzen. Als er sich nun so beschimpfen hörte, gab er seinen Kameraden einen Wink, diese traten etwas zurück und begannen so viele, viele Steine auf Don Quijote regnen zu lassen, daß er nicht Hände genug hatte, sich mit der Tartsche zu decken, und der arme Teufel von Rosinante achtete des Sporns so wenig, als wäre er aus Erz gegossen.

Sancho kauerte sich hinter seinen Esel und benutzte ihn als Schutzwehr gegen den Ansturm des Ungewitters und Steinhagels, der auf beide herniederregnete. Don Quijote konnte sich mit seinem Schilde nicht so völlig decken, daß ihn nicht Kieselsteine, ich weiß nicht wie viele, mit voller Gewalt auf den ganzen Körper trafen und ihn zu Boden streckten; und kaum lag er da, so fiel der Student über ihn her, riß ihm die Barbierschüssel vom Kopf und schlug sie drei-, viermal über seinen Rücken und ebenso viele Male auf den Erdboden, so daß sie fast in Stücke ging. Die Gauner zogen ihm das Röcklein ab, das er über der Rüstung trug, und hätten ihm auch gern die Strümpfe genommen, wenn die Beinschienen es nicht verhindert hätten. Dem Sancho nahmen sie seinen Mantel und ließen ihm kaum die Unterkleider; und nachdem sie die sonstige Beute des Kampfes unter sich verteilt, zogen sie von dannen, jeder seines Weges für sich und weit mehr darauf bedacht, der gefürchteten Brüderschaft zu entgehen, als sich die Kette aufzuladen und sich dem Fräulein Dulcinea von Toboso zu stellen.

Eselein und Rosinante, Sancho und Don Quijote, sie blieben allein zurück; der Esel gesenkten Hauptes und nachdenklich, hier und da die Ohren schüttelnd, weil er meinte, noch habe das steinerne Ungewitter, das seine Ohren heimsuchte, nicht ausgetobt; Rosinante neben seinen Herrn hingestreckt, denn ein Steinwurf hatte auch ihn zu Boden gestürzt; Sancho bis aufs Unterwams ausgeraubt und voller Angst vor der Heiligen Brüderschaft; Don Quijote höchst ingrimmig, sich von den nämlichen Leuten so übel zugerichtet zu sehen, denen er soviel Gutes erwiesen hatte.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.