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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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19. Kapitel

Handelt von dem verständigen Gespräche, das Sancho mit seinem Herrn führte, und von dem Abenteuer, so dem Ritter mit einer Leiche begegnete, nebst andern großartigen Ereignissen

»Es will mich bedünken, mein edler Herr, daß all diese Unglücksfälle, die uns in den letzten Tagen zugestoßen sind, ganz gewiß die Strafe für die Sünde waren, so Euer Gnaden gegen die Pflichten Eures Rittertums begangen hat, indem Ihr den Eidschwur nicht gehalten, den Ihr getan, auf keinem Tischtuch Brot zu essen noch mit der Königin zu kurzweilen, samt alledem, was Euer Gnaden darauf noch weiter sagte und zu halten schwur, bis Ihr jenen Helm des Malandrin geraubt, oder wie der Mohr sonst heißt, ich erinnere mich nicht recht.«

»Du hast sehr recht, Sancho«, sprach Don Quijote, »aber um dir die Wahrheit zu sagen, es war mir aus dem Gedächtnis gekommen, und du kannst es ebenfalls für gewiß halten, daß um deiner Schuld willen, weil du mich nicht zur rechten Zeit daran erinnert hast, dir die Geschichte mit dem Wippen widerfahren ist. Aber ich will es wiedergutmachen; denn im Ritterorden gibt es Mittel und Wege, alles wieder auszugleichen.«

»So? Hab etwa ich etwas geschworen?« erwiderte Sancho.

»Es kommt nicht darauf an, daß du nicht geschworen hast«, sprach Don Quijote; »genug, daß ich einsehe, daß du als teilhaftig an der Sünde nicht sehr sicher bist, frei auszugehen. Aber ob so oder nicht so, es wird nicht übel sein, uns mit einem Sündenablaß zu versehen.«

»Nun, wenn es so ist«, sagte Sancho, »so möge Euer Gnaden acht haben, nicht abermals dieses zu vergessen wie jenes mit dem Eidschwur. Vielleicht kommt den Spukgestalten die Lust wieder, sich mit mir nochmals eine Ergötzlichkeit zu machen und gar mit Euer Gnaden selbst, wenn sie Euch so hartnäckig in der Sünde finden.«

Unter diesen und andren Gesprächen wurden sie inmitten der Landstraße von der Nacht überfallen und hatten nicht und fanden nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten; und was die Sache erst recht Schlimmes hatte, war, daß sie schier Hungers starben, da mit dem Fehlen des Zwerchsacks ihnen ihre Speisekammer und ihr Mundvorrat fehlten. Und um das Unglück vollständig zu machen, stieß ihnen ein Abenteuer auf, das ohne Nachhilfe romanhafter Phantasie in Wirklichkeit wie ein solches aussah.

Die Nacht war nämlich mit ziemlicher Finsternis hereingebrochen, und trotzdem ritten sie des Weges fürbaß; denn Sancho meinte, da es eine Landstraße sei, würde er zwei, drei Meilen weiter zweifellos an derselben eine Schenke finden. Und wie sie dergestalt dahinzogen, die Nacht finster, der Schildknappe hungrig und der Herr voll Eßbegierde, sahen sie, daß auf derselben Straße, die sie ritten, ihnen eine große Menge Lichter entgegenkamen, die nicht anders denn wandelnde Sterne aussahen. Sancho fiel bei dem Anblick beinahe in Ohnmacht, und Don Quijote ward es nicht wohl bei der Sache; der eine zog seinem Esel die Halfter an, der andre seinem Gaul die Zügel, und so hielten sie still und beobachteten aufmerksam, was dies sein möchte. Und sie sahen, daß die Lichter ihnen näher kamen und immer größer schienen, je mehr sie heranzogen. Bei diesem Schauspiel begann Sancho zu zittern, als hätte er Quecksilber eingenommen, und dem Ritter stand das Haar zu Berge. Dieser indessen ermannte sich einigermaßen und sprach: »Ohne Zweifel, Sancho, muß dies ein sehr großes, ein sehr gefährliches Abenteuer sein, wo es vonnöten sein wird, all meine Mannhaftigkeit und Tapferkeit zu zeigen.«

»Ich Unglückseliger!« entgegnete Sancho, »wenn etwa dies ein Abenteuer mit Geisterspuk sein sollte, wie mir es das Aussehen hat, wo soll man Rippen genug hernehmen, um das Abenteuer auszuhalten?«

»Mögen sie so viele Spukgeister sein, wie sie wollen«, antwortete Don Quijote, »ich werde nicht gestatten, daß sie dir nur an ein Fädchen deines Gewandes rühren. Wenn die Spukgestalten neulich ihr Spiel mit dir getrieben, so war's, weil ich nicht über die Mauerbrüstung hinüberspringen konnte; jetzt aber befinden wir uns im freien Feld, wo ich mein Schwert nach Willkür schwingen kann.«

»Und wenn sie Euch verzaubern und lahmen, wie sie es jüngst getan«, sagte Sancho darauf, »was wird es frommen, im freien oder nicht freien Feld zu sein?«

»Trotz alledem«, entgegnete Don Quijote, »bitte ich dich, Sancho, fasse rechten Mut; denn welchen ich habe, wird dich die Erfahrung lehren.«

»Mut will ich schon fassen, wenn Gott will«, antwortete Sancho.

Nun zogen sich die beiden seitwärts der Straße und beobachteten aufs neue mit Aufmerksamkeit, was jener Vorgang mit den wandelnden Lichtern bedeuten möchte. Gleich darauf erblickten sie viele Gestalten in weißen Hemden, und diese furchtbare Erscheinung gab dem Mute Sancho Pansas den letzten Stoß. Ihm klapperten die Zähne wie einem, den der Frost eines viertägigen Fiebers gepackt hat, und dies Klappern und Knirschen ward noch stärker, als die beiden deutlich erkannten, was es war; sie sahen nämlich gegen zwanzig Leute mit weißen Chorhemden, alle beritten, brennende Fackeln in den Händen, und hinter ihnen kam eine in Trauer gehüllte Tragbahre, welcher wieder sechs Berittene folgten, ebenfalls in Trauer gekleidet vom Kopf bis zu den Hufen ihrer Maultiere; denn an dem ruhigen Schritt, mit dem sie einherzogen, sah man wohl, daß es keine Pferde waren. Die Hemdenträger murmelten etwas vor sich hin mit leisem kläglichem Ton.

Diese seltsame Erscheinung, zu solcher Stunde und in so menschenleerer Gegend, war wohl genügend, um Sanchos Herz, ja auch das seines Herrn, mit Furcht zu erfüllen; und so hätte es allerdings bei Don Quijote sein können, da bei Sancho bereits der letzte Rest von Mut verlorengegangen. Allein seinem Herrn erging es jetzt umgekehrt, da gerade in diesem Augenblick in seinem Geiste mit Lebensfarben die Vorstellung auftauchte, es sei dies eines der Abenteuer aus seinen Büchern.

Nämlich die Sache gestaltete sich ihm so, als sei die Tragbahre eine Leichenbahre, auf der ein hart verwundeter oder erschlagener Ritter liegen müsse, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei. Und ohne sonst etwas zu erwägen, legte er seinen Spieß ein, setzte sich im Sattel fest und stellte sich mit edlem Feuer und Anstand inmitten des Weges auf, wo die Hemdenmänner notwendig vorüber mußten. Und als er sie in seiner Nähe sah, erhob er die Stimme und sprach: »Haltet, ihr Ritter, wer ihr auch sein möget, und gebt mir Auskunft, wer ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr wollt und was ihr auf dieser Bahre traget; denn nach allen Anzeichen, entweder habt ihr oder man hat an euch eine Ungebühr verübt, und es ziemt sich und ist notwendig, daß ich es wisse, entweder um euch für das Böse zu züchtigen, das ihr getan, oder aber um euch zu rächen ob des Unrechts, so man euch getan.«

»Wir müssen eilig weiter«, antwortete einer von den Hemdenträgern, »denn das Wirtshaus ist fern, und wir können uns nicht damit aufhalten, Euch all die Auskunft zu erteilen, die Ihr verlangt.«

Und seinem Maultier die Sporen gebend, ritt er weiter.

Don Quijote nahm die Antwort höchlich übel, und dem Maultier in die Zügel fallend, sprach er zu dem Reiter: »Haltet und seid höflicher und gebt mir Auskunft; wo nicht, seid ihr alle mit mir in Fehde.«

Das Maultier war scheu, und so plötzlich am Zügel gefaßt, schreckte es zusammen, bäumte sich hoch auf und schleuderte seinen Reiter über die Kruppe zur Erde. Ein Bursche, der zu Fuße nebenherging, begann, als er den Hemdenträger fallen sah, auf Don Quijote zu schimpfen, und dieser, ohnehin schon in Zorn entbrannt, fällte, ohne weiter zuzuwarten, seinen Spieß, stürzte sich auf einen der in Trauer Gehüllten und warf ihn hart verwundet zu Boden, und wie er sich darauf gegen die andern wendete, war es wahrlich der Mühe wert, zu sehen, mit welcher Hurtigkeit er sie angriff und sie auseinanderjagte; es schien nicht anders, als wenn Rosinanten augenblicks Flügel gewachsen wären, so leicht und stolz trabte er einher. Die Männer mit den Hemden waren alle furchtsame, waffenlose Leute, und so ließen sie ohne Widerstreben und im Nu den Kampf beruhen und begannen mit ihren brennenden Fackeln über das Feld zu eilen, so daß sie den Teilnehmern an einem Maskenzuge glichen, wie sie in Nächten der Lustbarkeit und Festfreude umherstreifen. Auch die Leute in den Trauerkleidern, von heftiger Furcht befallen und wie gefangen in ihren Schleppen und Priesterröcken, konnten sich nicht von der Stelle regen, so daß Don Quijote sonder Fährlichkeit sie sämtlich durchbleute und sie sehr wider ihren Willen das Feld zu räumen zwang; denn alle glaubten, das sei kein Mensch, sondern ein Teufel aus der Hölle, aus der er herausgekommen, um ihnen die Leiche abzunehmen, die sie auf der Bahre trugen.

Bei all diesem war Sancho ein aufmerksamer Zuschauer, hoch erstaunt ob der Kühnheit seines Herrn, und sprach für sich: Ohne Zweifel ist dieser mein Gebieter so tapfer und mutig, wie er selber sagt.

Auf dem Boden lag eine brennende Fackel neben dem ersten, den sein Maultier abgeworfen; bei deren Licht konnte Don Quijote den Mann sehen, und sich ihm nähernd, setzte er ihm die Eisenspitze des Spießes aufs Gesicht und rief ihm zu, sich für geschlagen zu bekennen, sonst würde er ihn töten. Worauf der Gefallene die Antwort gab: »Geschlagen bin ich zur Genüge; denn ich kann mich nicht bewegen, weil ich ein Bein gebrochen habe; ich flehe zu Euer Gnaden, wenn Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht zu töten. Ihr würdet eine Sünde gegen die Kirche begehn; denn ich bin Lizentiat und habe die niederen Weihen empfangen.«

»Wer Teufel hat Euch denn hierhergebracht«, sagte Don Quijote, »da Ihr doch ein Mann der Kirche seid?«

»Wer, Señor?« entgegnete der Gefangene, »mein Unglück!«

»So droht Euch ein noch größeres«, sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht auf alles Genüge tut, was ich Euch vorher gefragt.«

»Euer Gnaden ist leicht Genüge getan«, antwortete der Lizentiat, »und sonach sollt Ihr erfahren, daß ich, wenn ich auch hierzuvor mich einen Lizentiaten genannt, doch nur Baccalaureus bin und Alonso López heiße, aus Alcobendas gebürtig bin und aus der Stadt Baéza mit elf andern Geistlichen komme, eben jenen, welches die sind, die sich mit den Fackeln zur Flucht gewendet haben. Wir gehen nach der Stadt Segovia zur Begleitung einer Leiche, die auf dieser Tragbahre liegt und welche die eines Ritters ist, der in Baéza verstorben, wo er beigesetzt wurde. Jetzt, wie gesagt, führen wir seine Gebeine in sein Erbbegräbnis über; dasselbe ist in Segovia, von wo er gebürtig ist.«

»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don Quijote.

»Gott, vermittels eines pestartigen Fiebers, das ihn befiel«, erwiderte der Baccalaureus.

»Demnach«, versetzte Don Quijote, »hat mich unser Herrgott der Mühsal überhoben, die ich auf mich hätte nehmen müssen, ihn zu rächen, wenn ein anderer ihn umgebracht hätte. Aber da ihm der den Tod gesendet, der es so gewollt hat, so läßt sich nichts tun als stillschweigen und sich ducken; denn das nämliche würde ich selber tun, wenn er mich aus dem Leben abriefe. Und ich will, daß Euer Wohlehrwürden erfahre, daß ich ein Ritter aus der Mancha bin mit Namen Don Quijote und daß mein Beruf und mein Brauch ist, durch die Lande zu fahren, um alle Frevel und Verbrechen abzutun und alles Schlechte gut und alles Krumme gerade zu machen.«

»Ich weiß nicht«, entgegnete der Baccalaureus, »wie man das heißen kann, alles Krumme gerad machen; denn mich, der ich gerade war, habt Ihr krumm gemacht, da Ihr schuld seid, daß mein Bein entzwei ist, und es wird mein Leben lang nicht wieder ganz werden. Und daß Ihr Verbrechen abtut, soll heißen, daß Ihr viel im Zerbrechen tut und daß Ihr mich auf immerdar zu einem gebrochenen Mann gemacht; und indem ich Euch begegnet bin, der Ihr auf Abenteuer zieht, kommt mir dieser Abend teuer zu stehen.«

»Nicht alles«, antwortete ihm Don Quijote, »verläuft in gleicher Weise. Das Schlimme war, Herr Baccalaureus Alonso Lopéz, daß ihr des Nachts einherzoget, mit diesen Chorhemden bekleidet, mit brennenden Fackeln, Gebete murmelnd, in Trauer gehüllt, so daß man euch wirklich für nicht geheuer, für etwas aus der andern Welt halten mußte; und so konnte ich nicht umhin, meiner Pflicht gemäß zu handeln und euch anzugreifen. Ich hätte euch auch angegriffen, wenn ich sicher gewußt hätte, ihr wäret der Satan selbst und seine Teufel aus der Hölle; denn für solche hab ich euch beständig gehalten und erachtet.«

»Da es mein Schicksal einmal so gewollt hat«, sagte der Baccalaureus, »so bitte ich Euer Gnaden, fahrender Herr Ritter, durch den ich so übel gefahren bin, helft mir unter diesem Maultier hervor, das mich mit meinem einen Bein zwischen Steigbügel und Sattel eingeklemmt hält.«

»Da hätte ich wahrlich bis morgen fortreden können!« sagte Don Quijote, »worauf habt Ihr denn gewartet, mir Eure Not zu klagen?«

Sogleich rief er Sancho Pansa herbei, aber der kümmerte sich nicht ums Kommen, da er eben damit beschäftigt war, einen Proviantesel zu plündern, den mit Eßwaren wohlbeladen die guten Herren mitführten. Sancho machte aus seinem Filzmantel einen Sack; raffte zusammen, soviel ihm möglich war und in die neue Reisetasche hineinging, packte alles auf sein Tier, und dann folgte er dem Zuruf seines Gebieters, half den Herrn Baccalaureus unter der Wucht des Maultiers hervorziehen, gab ihm die Fackel in die Hand, und Don Quijote sagte ihm, er möchte dieselbe Richtung wie seine Gefährten verfolgen und sie von seinetwegen um Verzeihung bitten ob der Unbill, die zu unterlassen nicht in seiner Macht gewesen sei.

Auch Sancho sprach zu ihm: »Wenn vielleicht jene Herren wissen wollen, wer der Held war, der sie so zugerichtet, so möget Ihr ihnen sagen: Es war der berühmte Don Quijote von der Mancha, der auch mit einem andern Namen der Ritter von der traurigen Gestalt genannt wird.«

Hiermit machte sich der Baccalaureus davon, und Don Quijote fragte Sancho, was ihm jetzt eher als sonst Anlaß gegeben habe, ihn den Ritter von der traurigen Gestalt zu heißen.

»Ich will's Euch sagen«, antwortete Sancho, »ich hab's getan, weil ich eine Zeitlang dastand, Euch beim Lichte der Fackel anzuschauen, die jener so übelfahrende Mann trägt, und in Wahrheit hat Euer Gnaden seit kurzer Zeit die jämmerlichste Gestalt, die ich je gesehen. Daran muß entweder die Ermattung von dem Kampfe schuld sein oder das Fehlen Eurer Vorder- und Backenzähne.«

»Nicht dies ist es«, entgegnete Don Quijote, »sondern den weisen Zauberer, der ohne Zweifel die Obliegenheit hat, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, wird es bedünkt haben, daß ich gut daran tue, irgendeinen Beinamen anzunehmen, wie alle bisherigen Ritter einen solchen annahmen; einer hieß Der vom flammenden Schwert, einer Der vom Einhorn, dieser Der von den Jungfrauen, jener Der vom Vogel Phönix, der eine Der Ritter vom Greif, der andere Der vom Tod, und unter diesen Namen und Zeichen waren sie auf dem ganzen Erdenrunde bekannt. Und also sag ich, daß der bereits erwähnte Zauberer dir es in die Gedanken und auf die Zunge gelegt haben muß, jetzt gerade solltest du mich den Ritter von der traurigen Gestalt nennen, wie ich mich auch hinfüro zu nennen gedenke. Und damit der Name um so besser auf mich passe, bin ich willens, sobald Gelegenheit sich bietet, mir auf den Schild eine sehr traurige Gestalt malen zu lassen.«

»Es ist nicht nötig, Zeit und Geld auf die Anfertigung einer solchen Gestalt zu verwenden«, sagte Sancho; »Euer Gnaden brauchen weiter nichts als Eure eigne Gestalt sehen zu lassen und denen, die Euch anschauen, das Antlitz zuzuwenden; dann werden sie ohne weitere Umstände und ohne Bild und ohne Schild Euch Den von der traurigen Gestalt benamsen. Glaubt, ich sage Euch die Wahrheit; denn ich bin Euch gut dafür – aber das will ich nur im Scherz gesagt haben –, daß der Hunger und der Mangel an Zähnen Euch ein so jämmerliches Aussehen gibt, daß das traurige Gemälde wohl entbehrlich sein wird.«

Don Quijote lachte über Sanchos Witz, aber trotzdem nahm er sich vor, sich mit diesem Namen zu nennen, sobald er seinen Ritterschild oder seine Tartsche, so wie er es sich ausgedacht, malen lassen könne. Dann sprach er: »Es ist mir klar, Sancho, ich bin im Kirchenbann, weil ich Hand an Heiliges gelegt, juxta illud: si quis suadente diabolo et cetera, obwohl ich weiß, daß ich nicht die Hand, sondern diesen Spieß anlegte. Zumal ich auch nicht glaubte, gegen Geistliche oder überhaupt Kirchliches vorzugehen, denn das alles achte und verehre ich als Katholik und getreuer Christ, der ich bin, sondern gegen Spukgestalten und Scheusale aus der andern Welt. Und selbst wenn dem so wäre, so habe ich noch im Gedächtnis, was sich mit dem Cid Ruy Diaz zutrug, als er den Sessel des Gesandten jenes Königs vor Seiner Heiligkeit dem Papste zerschmetterte, der ihn in Bann tat, und am selben Tage erschien der wackere Rodrigo von Vivár allen als ein höchst ehrenwerter tapferer Ritter.«

Als der Baccalaureus dieses hörte, zog er von dannen, wie schon gesagt, ohne ihm ein Wort zu entgegnen. Don Quijote hätte gern nachgesehen, ob der Körper, den man auf der Bahre trug, nur aus den Gebeinen bestand oder was sonst; aber Sancho gab es nicht zu und sprach zu ihm: »Señor, Euer Gnaden hat dies schwere Abenteuer am gefahrlosesten unter allen bestanden, die ich bisher erlebte. Aber es könnte immerhin geschehen, und diese Leute, wiewohl besiegt und auseinandergejagt, kämen zur Überlegung, daß ein Mann allein ihr Besieger war, und würden, ärgerlich und beschämt darüber, sich wieder sammeln und uns aufsuchen und uns was zu raten aufgeben, daß wir daran zu denken hätten. Mein Esel ist wohlversorgt, das Gebirg nahe, der Hunger drückt uns; da gibt's nichts anderes zu tun, als uns in rascher Gangart zurückzuziehen, und dann, wie man sagt: Zum Grabe, wem der Leib tot, und wer am Leben, zum Laib Brot.«

Und den Esel vor sich hertreibend, bat er seinen Herrn, ihm zu folgen; und dieser, da ihm Sancho recht zu haben schien, folgte ohne fernere Widerrede. Nach einer kurzen Strecke Wegs, die sie zwischen zwei Hügeln wanderten, fanden sie sich in einem räumigen, versteckten Tal, wo sie abstiegen und Sancho seinen Esel ablud, und hingestreckt in das grüne Gras, nahmen sie zu gleicher Zeit ihr Frühstück, Mittagessen, Vesperbrot und Abendmahl, alles das vom Hunger gewürzt, und befriedigten ihren Magen mit gar mancher kalten Speise, welche die geistlichen Begleiter des Verstorbenen – denn dergleichen Herren lassen es sich nicht leicht an etwas fehlen – auf ihrem Proviantesel mit sich geführt hatten.

Aber jetzt stieß ihnen ein neues Unglück zu, das Sancho für das ärgste von allen hielt; sie hatten nämlich weder Wein zu trinken noch auch nur Wasser, um die Lippen zu netzen. Wie sie sich so vom Durste gequält sahen, bemerkte Sancho, daß die Wiese, auf der sie lagerten, mit frischem zartem Gras über und über bewachsen war, und sprach, was im folgenden Kapitel gesagt werden soll.

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