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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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18. Kapitel

Worin die Unterredung berichtet wird, welche Sancho Pansa mit seinem Herrn Don Quijote hatte, nebst anderen erzählenswerten Dingen

Als Sancho bei seinem Herrn anlangte, war er in so hohem Grade ermattet und entkräftet, daß er seinen Esel nicht einmal anzutreiben vermochte. Wie Don Quijote ihn in solchem Zustande sah, sprach er zu ihm: »Jetzt bin ich vollends überzeugt, Sancho, mein Guter, daß diese Burg oder Schenke verzaubert ist; denn jene, die in so scheußlicher Weise sich einen Zeitvertreib mit dir machten, was konnten sie sein als Spukgestalten und Wesen aus der andern Welt? Und ich behaupte das um so mehr, als ich fand, da ich über den Rand der Hofmauer hinüber den Auftritten deines schmerzlichen Trauerspiels zuschaute, daß es mir nicht möglich war, hinüberzukommen, und noch weniger, vom Rosinante abzusteigen, weil man mich ohne Zweifel verzaubert hatte. Sonst, ich schwör dir's, so wahr ich der bin, der ich bin: hätte ich hinaufklimmen oder absteigen gekonnt, ich hätte dich dergestalt gerächt, daß jene Menschen und Wegelagerer immerdar dieses Spaßes hätten gedenken müssen, obwohl ich wußte, daß ich damit den Gesetzen des Rittertums zuwiderhandelte, welche, wie ich schon oftmals gesagt, dem Ritter nicht gestatten, gegen jemanden, der kein Ritter ist, die Hand zu erheben, es sei denn zur Verteidigung seines Lebens und seiner Person im Falle dringender und äußerster Notwehr.«

»Auch ich«, versetzte Sancho, »hätte mich gerächt, wenn ich gekonnt hätte, ob zum Ritter geschlagen oder nicht geschlagen: aber ich konnte eben nicht. Jedoch bin ich der Überzeugung, daß diejenigen, die ihre Kurzweil mit mir trieben, weder Spukgestalten noch verzauberte Menschen waren, wie Euer Gnaden sagt, sondern Menschen von Fleisch und Blut wie wir, und jeder von ihnen, wie sie einander zuriefen, als sie mich wippten, hatte seinen Namen. Der eine hieß Pedro Martínez und der andre Tenorio Hernández, und der Wirt, hörte ich, hieß Juan Palomeque der Linkshänder. Sohin, gnädiger Herr, daß Ihr nicht über die Mauer springen und nicht vom Gaul absteigen konntet, das lag an anderm als an Verzauberungen. Und was ich mir aus alledem abnehme, ist, daß diese Abenteuer, auf die wir ausziehen, uns am Ende und zu guter Letzt in so viel Unglück bringen werden, daß wir nicht mehr wissen, wo unser rechter und wo unser linker Fuß ist. Ja, was besser und gescheiter wäre, das, nach meinem geringen Verstand, wäre, zu unserm Ort heimzukehren, jetzt, wo es Erntezeit ist, und nach unsern Angelegenheiten zu sehen, statt daß wir von Irland nach Wirrland und von Brechhausen nach Pechhausen ziehen, wie's im Sprichwort heißt.«

»Wie wenig Verständnis hast du«, antwortete Don Quijote, »in betreff des Ritterwesens! Schweig und habe Geduld; denn einst wird kommen der Tag, wo du mit eignen Augen siehst, welch ehrenvolle Sache es ist, diesen Beruf zu üben. Oder sage mir doch: Welch größeren Genuß kann es auf Erden geben, oder welch Vergnügen läßt sich dem vergleichen, eine Schlacht zu gewinnen und über seinen Feind zu triumphieren? Ohne Zweifel keines.«

»So muß es wohl sein«, versetzte Sancho, »wiewohl ich es nicht weiß; ich weiß nur, daß, seit wir fahrende Ritter sind oder seit Euer Gnaden es ist – denn ich habe keinen Grund, mich zu einer so ehrenwerten Gesellschaft zu zählen –, wir noch niemals eine Schlacht gewonnen haben, es sei denn die gegen den Biskayer, und auch aus dieser kam Euer Gnaden nur mit einem halben Helm und halben Ohr weniger davon. Von da an bis jetzt war alles nur Prügel und abermals Prügel, Faustschläge und abermals Faustschläge, wobei ich nur das voraus hatte, daß ich gewippt wurde und daß mir dies von verzauberten Personen widerfuhr, an denen ich mich nicht einmal rächen kann, um wenigstens zu erfahren, wie groß das Vergnügen ist, den Feind zu besiegen, wovon Euer Gnaden mir sagt.«

»Das ist ja eben der Kummer, den ich empfinde und den auch du empfinden mußt, Sancho«, antwortete Don Quijote; »aber hinfüro werde ich darauf Bedacht nehmen, stets ein so meisterlich gearbeitetes Schwert zur Hand zu haben, daß, wer es führt, keinerlei Verzauberung ausgesetzt ist. Vielleicht kann es auch geschehen, daß das Glück mir jenes Schwert beschert, das Amadís führte, als er sich den Ritter vom flammenden Schwert nannte; das war eines der besten, so je ein Ritter auf Erden besaß; denn außerdem, daß ihm die besagte Zauberkraft innewohnte, schnitt es wie ein Schermesser, und es gab keine noch so feste und gefeite Rüstung, die ihm standhielt.«

»Ich habe so viel Glück«, sagte Sancho, »daß, wenn es geschähe und Euer Gnaden gelänge es, ein solches Schwert zu finden, so würde es doch am Ende wie der Balsam nur denen, die den Ritterschlag empfingen, dienen und frommen, und die Schildknappen, die mag der Jammer aufessen.«

»Fürchte das nicht«, sprach Don Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir fügen.«

Unter solchen Gesprächen zog Don Quijote mit seinem Schildknappen dahin; da sah er, daß ihnen auf ihrer Straße eine große, dichte Staubwolke entgegenkam, und bei diesem Anblick wandte er sich zu Sancho und sprach: »Das ist der Tag, o Sancho, an dem man erschauen wird; welches Glück mein Schicksal mir vorbehalten hat; das ist der Tag, sage ich, an dem sich so gewaltig wie je die Kraft meines Armes zeigen wird und an dem ich Taten zu tun gedenke, die alle kommenden Jahrhunderte hindurch im Buche des Ruhmes verzeichnet bleiben sollen. Siehst du die Staubwolke, die dorten sich erhebt, Sancho? Wohl, sie ist ganz und gar von einem großmächtigen Heere aufgewirbelt, das mit seinen mannigfachen unzähligen Mannschaften dort hergezogen kommt.«

»Demnach müßten es zwei Heere sein«, sagte Sancho; »denn dort erhebt sich gleichfalls von der entgegengesetzten Seite eine ähnliche Staubwolke.«

Don Quijote schaute nochmals hin und sah, daß dem wirklich so war. Da freute er sich über die Maßen, da er nicht zweifelte, es seien zwei Kriegsheere, die da kämen, einander anzugreifen und inmitten dieser weiten Ebene sich zu schlagen. Denn er hatte zu jeder Stunde und Minute die Gedanken voll von jenen Kämpfen, Verzauberungen, Begebnissen, unsinnigen Unternehmungen, Liebschaften, Herausforderungen, die in den Ritterbüchern erzählt werden, und was er sprach, dachte und tat, lief alles auf dergleichen Dinge hinaus. Die Staubwolken aber, die er gesehen, waren von zwei großen Herden Schafen und Hammeln aufgerührt, die von zwei verschiedenen Seiten her dieses selben Weges kamen, die man aber des Staubes wegen nicht erkennen konnte, bis sie ganz nahe gekommen. Don Quijote bestand mit solchem Nachdruck darauf, es seien gewaffnete Heere, daß Sancho es zuletzt wirklich glaubte und ihm sagte: »Gnädiger Herr, was aber sollen wir denn nun tun?«

»Was?« entgegnete Don Quijote, »den Bedrängten und Notleidenden beistehen und Hilfe leisten. Und du mußt wissen, Sancho: das Heer, das uns gerade entgegenkommt, das führt und leitet der große Kaiser Alifanfarón, Herr der großen Insel Trapobana; das andere, das mir im Rücken heranzieht, ist das seines Feindes, des Königs der Garamanten, Pentapolín mit dem aufgestreiften Arm, weil er stets mit entblößtem rechtem Arm in die Schlacht geht.«

»Warum sind sich denn die beiden Herren einander so feind?« fragte Sancho.

»Sie sind einander feind«, antwortete Don Quijote, »weil dieser Alifanfarón ein hartnäckiger Heide ist und sich in die Tochter des Pentapolín verliebt hat, die ein äußerst schönes und zudem sehr liebenswürdiges Fräulein ist; dazu ist sie eine Christin, und ihr Vater will sie dem heidnischen Könige nicht geben, wenn er nicht vorher dem Gesetze seines falschen Propheten Mohammed entsagt und sich zu seinem Glauben wendet.«

»Bei meinem Barte«, sagte Sancho, »ich will nicht gesund sein, wenn der Pentapolín nicht sehr wohl daran tut, und ich werd ihm beistehen, soviel ich nur vermag.«

»Da wirst du tun, was deine Pflicht fordert, Sancho«, sprach Don Quijote; »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, ist es nicht vonnöten, den Ritterschlag empfangen zu haben.«

»Das begreife ich wohl«, entgegnete Sancho. »Aber wo werden wir unsern Esel hintun, um sicher zu sein, daß wir ihn nach dem Handgemenge wiederfinden? Denn so beritten in die Schlacht zu ziehen ist, glaub ich, bis zum heutigen Tag nicht der Brauch.«

»So ist's in Wirklichkeit«, sagte Don Quijote. »Was du mit dem Tiere tun kannst, ist, es aufs Geratewohl laufen zu lassen, möge es sich nun verlieren oder nicht; denn wir werden so viel der Pferde haben, nachdem wir als Sieger aus der Schlacht gekehrt, daß sogar Rosinante Gefahr läuft, daß ich ihn vielleicht gegen ein andres Roß vertausche. Indessen habe jetzt acht auf meine Worte und schau auf, denn ich will dir über die vornehmsten Ritter berichten, die sich bei diesen zwei Heeren befinden; und auf daß du sie besser sehen und dir merken kannst, ziehen wir uns auf jenes Hügelchen zurück, das dort ansteigt; von da muß man beide Heere übersehen können.«

Sie taten also und stellten sich auf einer Höhe auf, von welcher man die beiden Herden, die unserm Don Quijote zu Heeren wurden, recht gut gesehen hätte, wenn die von ihnen aufgerührten Staubwolken nicht den beiden Beobachtern die Augen bis zur Blindheit getrübt hätten. Aber trotzdem in seiner Einbildung erschauend, was er nicht sah und was nicht vorhanden war, begann er mit lauter Stimme also zu sprechen: »Jener Ritter, den du dorten mit gelber Rüstung siehst, der im Schild einen gekrönten Löwen führt, der zu eines Fräuleins Füßen demutvoll liegt, ist der mannhafte Laurcalco, Herr der silbernen Brücke. Der dort mit der goldgeblümten Rüstung, der im Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der furchtbare Micocolembo, Großfürst von Quirossia. Jener zu seiner Rechten, mit den riesenhaften Gliedern, ist der nie zagende Brandabarbarán von Boliche, Herr der drei Arabien, der mit einer Schlangenhaut bepanzert ist und als Schild eine Tür hat, welche, wie der Ruf sagt, von jenem Tempel stammt, den Simson zusammenriß, als er durch seinen eignen Tod an seinen Feinden Rache nahm. Aber wende deine Augen nach dieser andern Seite, und da wirst du vor dir und an der Spitze dieses andren Heeres den stets siegreichen und nie besiegten Timonel von Carcajona sehen, den Fürsten von Neu-Biscaya, dessen Rüstung in vier Farben geviertelt ist, Blau, Grün, Weiß und Gelb, und der im Schild eine goldene Katze im purpurnen Felde führt mit der Umschrift Miau, was der Anfang des Namens seiner Dame ist, welche, wie man wissen will, die unvergleichliche Miaulina ist, die Tochter des Herzogs Alfeñiquén von Algarbien. Jener dort, der den Rücken seines gewaltigen Streitrosses drückt und belastet, die Rüstung weiß wie Schnee, den Schild weiß und sonder Wappen und Zeichen, ist ein angehender Ritter, Franzose von Nation, namens Peter Papin, Herr der Herrschaften Utrique. Dieser andere, der seinem leichten Zebra die eisenbeschlagenen Fersen in die Flanken stößt und blaue Eisenhütlein im Wappen führt, ist der mächtige Herzog von Nerbio, Espartafilardo vom Busch, der als Sinnbild im Schilde eine Spargelstaude führt, mit der Devise auf kastilianisch: Rastrea mi suerte (Spüre meinem Geschicke nach).«

Und auf diese Weise nannte er nacheinander zahlreiche Ritter von den beiden Geschwadern, die er in seiner Einbildung schaute, und allen gab er ihre Rüstungen, Farben, Wappen und Sinnbilder aus dem Stegreif, fortgerissen von seiner erfinderischen, unerhörten Verrücktheit. Und ohne einzuhalten, fuhr er fort: »Dies Geschwader vor uns bilden und formen Leute verschiedener Volksstämme: hier sind die, welche die süßen Wasser des berühmten Xanthus trinken, die Bergbewohner, welche die Massylischen Gefilde umwandern, die, welche den Staub feinsten Goldes im glücklichen Arabien sieben, die, so sich der herrlichen frischen Ufergelände des klaren Thermodon erfreuen, die den goldführenden Paktolus auf vielfach verschiedene Weise zur Ader lassen, die in ihren Versprechungen unzuverlässigen Numidier, die Perser, durch Bogen und Pfeile berühmt, die Parther und Meder, die im Fliehen fechten, die Araber mit beweglichen Wohnstätten, die Skythen, so grausam als hellfarbig, die Äthiopier mit durchbohrten Lippen und andere Völker ohne Zahl, deren Gesichtszüge ich kenne und sehe, wiewohl ich mich ihrer Namen nicht erinnere. In jener andern Schar zeigen sich die, so die kristallhellen Wellen des olivenreichen Bätis trinken, die, welche ihr Antlitz im Naß des immerdar reichen goldenen Tajo baden und erfrischen, die, welche der fruchtbringenden Wasser des göttlichen Genil sich erfreuen; die, deren Füße die tartessischen Fluren, an Triften reich, beschreiten, die, welche sich am elysäischen Gelände von Jeréz ergötzen, die Manchaner, reich und mit blonden Ähren bekränzt; die im Eisenhemde einhergehen, alte Überbleibsel des gotischen Bluts; die im Pisuerga sich baden, der so berühmt ist durch die Weichheit seines Gewässers; die, so ihre Herde weiden auf den ausgedehnten Auen des vielgekrümmten Stromes Guadiana, der ob seines verborgenen Laufes berühmt; die, so zittern von der Kälte der waldigen Pyrenäen und vom Schnee des hochgipfligen Apennin; endlich alle, so ganz Europa enthält und umschließt.«

Hilf, Himmel, wieviel Provinzen zählte er auf, wieviel Völkerschaften nannte er, wobei er einer jeden mit wunderbarer Fertigkeit die eigentümlichen Bezeichnungen lieh, die ihr zukamen, ganz vertieft und versunken in die Dinge, die er in seinen Lügengeschichten gelesen hatte. Sancho Pansa hing an des Ritters Lippen, ohne die seinigen zu einem Wort zu öffnen, nur hier und da den Kopf umwendend, um zu sehen, ob die Ritter und Riesen, die sein Herr nannte, auch ihm sichtbar würden; und da er nicht einen zu Gesicht bekam, sprach er zu ihm: »Gnädiger Herre, der Teufel soll's holen, weder Mensch noch Riese noch Ritter, soviel auch Euer Gnaden benamset, läßt sich weit und breit sehen; ich wenigstens erblicke keinen, es muß alles vielleicht nur Zauberei sein wie die Spukgestalten heut nacht.«

»Wie kannst du das sagen?« entgegnete Don Quijote; »hörst du nicht das Wiehern der Rosse, das Blasen der Trompeten, das Rollen der Trommeln?«

»Ich höre nichts andres«, antwortete Sancho, »als vielfaches Blöken von Schafen und Hammeln.«

Und so war's auch in der Tat; denn die beiden Herden kamen bereits näher.

»Die Furcht, die du fühlst, Sancho«, sprach Don Quijote, »macht, daß du nicht recht siehst und hörst; denn eine der Wirkungen der Furcht ist, die Sinne zu verwirren, so daß die Dinge nicht als das erscheinen, was sie sind. Ist's der Fall, daß du so arge Angst hast, so zieh dich seitwärts und laß mich allein; denn allein schon bin ich Manns genug, um der Partei, der ich meinen Beistand gewähre, den Sieg zu verschaffen.«

Und mit diesen Worten gab er Rosinanten die Sporen, und mit eingelegtem Speer stürmte er wie der Blitz den Hügel hinunter. Sancho schrie ihm nach: »Kehret um, Señor Don Quijote, denn ich schwör's zu Gott, es sind Hammel und Schafe, die Ihr angreifen wollt; kehrt um! Weh über den Vater, der mich gezeugt! Was für Tollheit! Seht doch nur hin, es ist kein Riese da und kein Ritter, keine Katzen, keine Rüstungen, keine geviertelten und keine ganzen Schilde, keine Eisenhütlein, blaue nicht und nicht verteufelte; was tut Ihr? O ich armer Sünder gegen Gott und Menschen!«

Allein Don Quijote kehrte nicht um; vielmehr ritt er voran mit dem lauten Ruf: »Auf, ihr Ritter, die ihr unter dem Banner des mannhaften Kaisers Pentapolín mit dem aufgestreiften Arme dienet und fechtet, folgt mir alle, und ihr sollt sehen, wie leicht ich ihn an seinem Feinde Alifanfarón von Trapobana räche!«

Mit diesen Worten drang er mitten in die Schlachtschar der Schafe hinein und begann sie mit solcher Kühnheit und Entschlossenheit anzuspießen, als zückte er den Speer wirklich auf seine Todfeinde. Die Schafknechte und die Herren der Herde, die mit ihren Tieren daherkamen, schrien ihm zu, er solle davon ablassen; aber da sie sahen, daß sie nichts ausrichteten, zogen sie ihre Schleudern aus dem Gurt und begannen ihm die Ohren mit faustgroßen Steinen zu begrüßen. Don Quijote kümmerte sich nicht um die Steine, vielmehr sprengte er nach allen Seiten hin und her und rief: »Wo bist du, hochmütiger Alifanfarón? Komm heran! Her zu mir! Ein Ritter, ganz allein bin ich hier, will Mann gegen Mann deine Kraft erproben und will dir das Leben rauben, zum gerechten Lohn für den schlimmen Lohn, den du dem Pentapolín bezahlt, dem Garamanten!«

In diesem Augenblick kam ein Bachkiesel geflogen, traf ihn in die Seite und schlug ihm zwei Rippen in den Leib hinein. Als er sich so übel zugerichtet sah, zweifelte er nicht, er sei zu Tode getroffen oder doch schwer verwundet; da fiel ihm sein Trank ein, er zog sein Krüglein hervor, setzte es an den Mund und begann das heilsame Naß in den Magen zu gießen. Aber ehe er das ihm genügend scheinende Maß völlig heruntergeschüttet, kam wieder eine Krachmandel und traf ihn so voll auf Hand und Krug, daß sie diesen in Stücke zerbrach, unterwegs ihm drei oder vier Vorder- und Backenzähne ausschlug und ihm zwei Finger arg zerquetschte. Derartig war der erste Wurf und derartig der zweite, daß der arme Ritter nicht anders konnte: er mußte vom Pferde herab zu Boden stürzen. Die Hirten liefen auf ihn zu und glaubten, sie hätten ihn umgebracht; und so trieben sie denn in großer Eile ihre Herde zusammen, luden die toten Tiere auf, deren es über sieben waren, und ohne sich nach was anderm umzutun, zogen sie von dannen.

Während der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel und schaute den Tollheiten seines Herrn zu, raufte sich den Bart und verwünschte die Stunde und Minute, wo ihn das Schicksal mit seinem Herrn bekannt gemacht. Als er ihn nun auf dem Boden ausgestreckt liegen und die Schäfer schon entfernt sah, eilte er vom Hügel herab, näherte sich ihm und fand ihn in sehr üblem Zustand, wiewohl er das Bewußtsein nicht verloren. Da sprach Sancho zu ihm: »Hab ich's Euch nicht gesagt, Señor Don Quijote, Ihr solltet umkehren, weil die, so Ihr angreifen wolltet, keine Kriegsheere, sondern Schafherden wären?«

»Ja, auf solche Weise vermag jener Schurke von Zauberer, mein Feind, alles verschwinden zu lassen und umzugestalten! Du mußt wissen, Sancho, daß es den besagten Zauberern sehr leicht ist, alles vor uns erscheinen zu lassen, was sie wollen, und der Bösewicht, der mich verfolgt, neidisch auf den Ruhm, den er mich im Begriffe sah von diesem Kampfe zu gewinnen, hat die Feindesgeschwader in Schafherden verwandelt. Und wo du dies nicht glaubst, so mußt du, bei meinem Leben! eines tun, damit du deines Irrtums loswirst und siehst, daß volle Wahrheit ist, was ich sage: steig auf deinen Esel und reite ihnen sachte nach, und du wirst sehen, sobald sie sich ein weniges von hier entfernt haben, verwandeln sie sich wieder in ihr erstes Wesen, hören auf, Hammel zu sein, und sie sind wieder echte, rechte Menschen, wie ich dir sie zuerst geschildert. Aber entferne dich nicht jetzt, denn ich habe deine Hilfe und Unterstützung nötig. Komm zu mir her und sieh nach, wieviel Backen- und Vorderzähne mir fehlen; denn es kommt mir vor, als wäre nicht einer mir im Munde übrig.«

Sancho näherte sich seinem Herrn so dicht, daß er ihm beinahe mit den Augen in den Mund kam. Das geschah aber in dem Augenblick, wo der Balsam bereits in Don Quijotes Magen seine Wirkung getan, und gerade als Sancho sich näherte, um ihm in den Mund zu sehen, warf der Ritter mit größerer Gewalt, als eine Büchse schießt, alles aus, was er bei sich hatte, und schleuderte das Ganze dem mitleidigen Schildknappen ins Gesicht. »Heilige Mutter Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da geschehen? Gewiß ist der Sündenmensch auf den Tod verwundet, da er Blut aus dem Munde bricht.«

Aber indem er es sich etwas genauer betrachtete, merkte er an Farbe, Geschmack und Geruch, daß es keineswegs Blut, sondern der Balsam aus dem Kruge war, den er ihn hatte trinken sehen; und der Ekel, der ihn dabei befiel, war so groß, daß der Magen sich in ihm umdrehte und er sein ganzes Inneres auf seinen eigenen Herrn herausbrach; und beide sahen nun gar köstlich aus.

Sancho lief zu seinem Esel hin und wollte aus dem Zwerchsack etwas holen, um sich zu reinigen und seinen Herrn zu verbinden, und als er ihn nicht fand, war er nahe daran, den Verstand zu verlieren. Er verwünschte sich aufs neue und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren, wenn er auch den Lohn für die gediente Zeit und die Aussicht auf die Statthalterschaft der versprochenen Insul verlieren müßte. Inzwischen erhub sich Don Quijote, und die linke Hand an den Mund haltend, damit die Zähne ihm nicht vollends herausfielen, faßte er mit der rechten die Zügel Rosinantes, der seinem Herrn bisher nicht von der Seite gewichen war – so treuen Gemütes und gutherzigen Charakters war er –, und wandte sich zu seinem Knappen hin, der dastand, über seinen Esel gelehnt, die Hand an der Wange, wie ein Mensch in tiefsten Gedanken. Und als Don Quijote ihn so dastehen sah, mit allen Zeichen großer Traurigkeit, sprach er zu ihm: »Wisse, Sancho, kein Mensch ist mehr als ein andrer, wenn er nicht mehr vollbringt als ein andrer. All diese Ungewitter, die uns treffen, sind Anzeichen, daß der Himmel sich bald aufheitert und unsre Angelegenheiten wieder gut gehen werden; denn es ist nicht möglich, daß Glück oder Unglück von Dauer sind. Daraus folgt, daß, nachdem das Unglück lange gedauert hat, das Glück jetzt nahe ist; und so darfst du dich nicht ob des Mißgeschicks betrüben, das mir begegnet, der du keinen Teil daran hast.«

»Wie? Ich nicht?« antwortete Sancho. »War vielleicht der Mann, den sie gestern gewippt haben, ein andrer als der Sohn meines Vaters? Und der Zwerchsack, der mir heute fehlt mit all meinen Habseligkeiten, gehörte er einem andern als mir selbst?«

»Was? Der Zwerchsack mangelt dir, Sancho?« versetzte Don Quijote.

»Freilich mangelt er mir«, antwortete Sancho.

»Demnach haben wir heute nichts zu essen«, sprach Don Quijote.

»So würde es sein«, erwiderte Sancho, »wenn es auf den Feldern hier an den Kräutern fehlte, die Euer Gnaden versichert zu kennen und mit denen sich stets derartigem Mangel abhelfen läßt bei den so sehr vom Unglück verfolgten fahrenden Rittern, wie Euer Gnaden einer ist.«

»Bei alledem«, antwortete Don Quijote, »nähme ich anitzo mit größerem Begehr ein Viertellaibchen Brot oder einen Laib und ein paar Heringe als alle Kräuter, die Dioskórides in seinem Buche beschreibt, selbst wenn Doktor Lagunas Kommentar beigebunden wäre. Aber sintemal es so ist, steig auf deinen Esel, Sancho, du Guter, und ziehe hinter mir drein; Gott, der Fürsorger aller Dinge auf Erden, wird uns nicht im Stiche lassen, zumal da wir so völlig in seinem Dienste wandeln, wie wir tun; denn er verläßt nicht die Mücken in der Luft noch die Würmlein auf dem Erdboden noch die junge Froschbrut im Wasser, und er ist so barmherzig, daß er seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen über Ungerechte und Gerechte.«

»Euer Gnaden«, sprach Sancho, »taugte besser zum Prediger als zum fahrenden Ritter.«

»Die fahrenden Ritter«, erwiderte Don Quijote, »verstanden von allem und mußten von allem verstehen, Sancho. In alten Zeiten gab es manch fahrenden Ritter, der inmitten eines Heerlagers ebenso bereit war, eine Predigt oder Rede zu halten, als hätte er seine akademischen Grade auf der Hochschule zu Paris erhalten, woraus zu schließen, daß weder der Speer die Feder noch die Feder den Speer jemals stumpf gemacht hat.«

»Nun gut, so sei es an dem, wie Euer Gnaden sagt«, entgegnete Sancho. »Machen wir uns jetzt von dannen und sehen, wo wir diese Nacht herbergen, und wolle Gott, daß es ein Ort ist, wo es keine Bettdecken zum Wippen und keine Wipper gibt, keine Spukgestalten, keine verzauberten Mohren; denn wenn es dergleichen dort gibt, so laß ich alles im Stiche und gehe zum Teufel in die Hölle.«

»Geh deinen Weg lieber zu Gott, mein Sohn«, sprach Don Quijote, »und reite voran in jeder Richtung, die du willst; denn diesmal überlasse ich es deiner Wahl, uns Herberge zu nehmen. Doch gib einmal die Hand her und fühle mit dem Finger und sieh genau nach, wieviel Vorder- und Backenzähne mir auf der rechten Seite in der oberen Kinnlade fehlen; denn da fühl ich den Schmerz.«

Sancho steckte ihm die Finger in den Mund, befühlte die Kinnlade und sprach: »Wieviel Backenzähne pflegte Euer Gnaden auf dieser Seite zu haben?«

»Vier«, antwortete Don Quijote, »und alle außer dem Weisheitszahn ganz und gesund.«

»Euer Gnaden bedenke wohl, was Ihr saget«, entgegnete Sancho.

»Vier sag ich, wenn es nicht fünf waren«, antwortete Don Quijote; »denn in meinem ganzen Leben ist mir weder Vorderzahn noch Backenzahn ausgefallen noch ausgezogen noch von Fäule oder Fluß angefressen worden.«

»Nun denn, in der unteren Kinnlade habt Ihr auf dieser Seite nicht mehr als zwei Backenzähne und einen halben und in der obern keinen halben und keinen ganzen mehr; denn da ist alles glatt wie die flache Hand.«

»Ich Unglückseliger!« sprach Don Quijote, als er die traurige Nachricht erfuhr, die ihm sein Knappe mitteilte; »lieber möchte ich, man hätte mir einen Arm abgeschlagen, nur müßte es nicht der sein, der das Schwert führt; denn ich tue dir zu wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Mühle ohne Mühlstein, und ein Zahn ist weit höher zu schätzen als ein Diamant. Aber alledem sind wir ausgesetzt, die wir uns zum strengen Orden des Rittertums bekennen. Steig auf, Freund, und sei Wegeführer, ich werde dir folgen und gleichen Schritt nach deinem Belieben mit dir halten.«

Sancho tat also; er nahm seinen Weg dahin, wo er Herberge zu finden dachte, ohne von der Landstraße abzuweichen, die dort viel begangen war. Als sie nun Schritt vor Schritt hinritten, denn Don Quijotes Zahnschmerz gestattete ihnen weder zu rasten noch an Eile zu denken, wollte Sancho ihn unterhalten und durch Gespräch zerstreuen; und unter mancherlei Dingen, die er ihm sagte, war auch das, was im folgenden Kapitel berichtet werden soll.

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