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Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
titleDer sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha - Erstes Buch
authorMiguel de Cervantes Saavedra
year2000
publisherWinkler
addressDüsseldorf
isbn3-538-06531-4
translatorLudwig Braunfels
created20030228
senderreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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17. Kapitel

Weiterer Verlauf der unzähligen Drangsale, die der mannhafte Don Quijote und sein wackerer Schildknappe in der Schenke zu bestehen hatten, die der Ritter zu seinem Unglück für eine Burg ansah

Jetzt war Don Quijote aus seiner Betäubung wieder erwacht, und mit demselben Ton der Stimme, womit er tags zuvor seinem Knappen zugerufen, als er »dorten in dem Tal der Knüppel« niedergestreckt lag, begann er jetzt wieder: »Sancho, guter Freund, schläfst du? Freund Sancho, schläfst du?«

»Was soll ich schlafen, ich Ärmster!« antwortete Sancho voll Verdruß und Ärger; »ist es doch nicht anders, als hätten diese Nacht alle Teufel ihr Spiel mit mir getrieben.«

»Das darfst du wohl glauben, ohne Zweifel«, entgegnete Don Quijote; »denn entweder verstehe ich mich nicht darauf, oder diese Burg ist verzaubert; du mußt nämlich wissen ... Doch was ich dir jetzt sagen will, das mußt du mir schwören bis nach meinem Tode geheimzuhalten.«

»Wohl, ich schwöre es«, erwiderte Sancho.

»Ich sage das«, versetzte Don Quijote, »weil es mir zuwider ist, daß irgend jemand an seiner Ehre geschädigt werde.«

»Ich sage ja, ich schwöre«, sprach Sancho abermals, »daß ich es bis zum Ende Eurer Tage geheimhalten will, und wollte Gott, ich könnte es schon morgen offenbaren.«

»Tu ich dir denn so viel Leides an«, entgegnete Don Quijote, »daß du mich in so kurzer Zeit tot sehen möchtest?«

»Ich sag es nicht von dessentwegen«, antwortete Sancho, »sondern weil es mir zuwider ist, die Sachen lange bei mir aufzuheben, und ich möchte sie mir nicht durch langes Aufbewahren verfaulen lassen.«

»Aus welchem Grunde auch immer du dein Versprechen hältst«, sagte Don Quijote, »ich verlasse mich immer am meisten auf deine Treue und Anständigkeit; und so sollst du denn erfahren, daß ein Abenteuer, eines der seltsamsten, die zu preisen mir je beschieden sein wird, diese Nacht mir begegnet ist. Und um dir es in Kürze zu erzählen, so sollst du wissen, daß vor wenigen Minuten die Tochter des Burgherrn hier zu mir gekommen, das reizendste, allerschönste Fräulein, das schier in allen Landen der Welt zu finden. Was könnte ich dir von der köstlichen Zier ihrer Person sagen? Was von ihrem herrlichen Geiste? Was von andern verborgenen Dingen, die ich, um meiner Gebieterin Dulcinea von Toboso die ihr schuldige Treue zu wahren, unberührt und in Stillschweigen begraben lasse! Nur das will ich dir sagen: weil der Himmel neidisch auf ein so großes Glück war, das ein günstiges Schicksal mir in die Hand gegeben, oder weil vielleicht – und das ist wohl das sicherste! – diese Burg, wie gesagt, verzaubert ist – zur selben Zeit, wo ich mit ihr im süßesten, liebeglühendsten Gespräche war, da kam unsichtbar, und ohne daß ich wußte woher, eine Hand, die zu irgendwelchem Arm irgendwelches ungeheuren Riesen gehörte, und versetzte mir einen solchen Faustschlag auf die Kinnbacken, daß sie ganz in Blut gebadet sind; und darauf zerprügelte er mich derart, daß ich jetzt schlimmer dran bin denn gestern, als die Pferdetreiber wegen Rosinantes Dreistigkeit uns die bewußte Ungebühr antaten; woraus ich denn schließe, daß der Schatz der Huldseligkeit dieses Fräuleins in der Hut irgendeines verzauberten Mohren stehen und nicht mir bestimmt sein muß.«

»Auch mir nicht«, entgegnete Sancho, »denn mich haben mehr als vierhundert Mohren so durchgewalkt, daß die Prügelei mit den Knüppeln dagegen purer Kuchen und Zuckerbrot war. Aber sagt mir doch, hochedler Herr, wie benennt Ihr denn dies herrliche, rare Abenteuer, nachdem es uns so bekommen ist, wie hier zu schauen? Freilich Euch nicht so übel wie mir, da Ihr in Eure Arme jene unvergleichliche Schönheit bekamt, die Ihr beschrieben habt; aber ich, was bekam ich als die schwersten Prügel, die ich, glaub ich, je in meinem Leben erhalten kann? Wehe mir und der Mutter, die mich geboren! Ich bin kein fahrender Ritter und gedenke es nie zu werden, und in allen Fällen, wo wir übel fahren, bin immer ich's, der am übelsten fährt!«

»Also auch du hast Prügel bekommen?« fragte Don Quijote.

»Wehe über meine ganze Sippschaft! Habe ich Euch nicht schon gesagt, daß dem so ist?« sprach Sancho.

»Mache dir darum keinen Kummer, Freund«, erwiderte Don Quijote, »denn ich will nunmehr den köstlichen Balsam bereiten, mittels dessen wir in einem Nu heil sein werden.«

In diesem Augenblick war endlich der Landreiter mit dem Anzünden seiner Lampe fertig geworden und kam herein, um sich nach dem Manne umzutun, den er für tot hielt; und sobald Sancho ihn hereinkommen sah und gewahrte, daß er im Hemde war, mit einem Tuch um den Kopf, die Lampe in der Hand und mit bitterböser Miene, fragte er seinen Herrn: »Ob das vielleicht der verzauberte Mohr ist, der noch einmal kommt, um uns Hiebe zu verabreichen, wenn er etliche noch auf Lager hat?«

»Der Mohr kann's nicht sein«, antwortete Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich von niemandem anschauen.«

»Wenn sie sich nicht schauen lassen, so lassen sie sich fühlen«, sagte Sancho; »wer nein sagt, dem kann mein Rücken davon erzählen.«

»Auch der meinige könnte das«, erwiderte Don Quijote; »aber es ist dies kein genügendes Merkzeichen, daß man ihn für den verzauberten Mohren halten sollte.«

Der Landreiter trat näher, und als er sie in so ruhiger Unterhaltung fand, blieb er ganz verdutzt stehen. Allerdings lag Don Quijote noch ausgestreckt auf dem Rücken, ohne sich bewegen zu können, so zerschlagen und mit Pflastern bedeckt war er. Der Landreiter fragte ihn: »Nun, wie geht's, guter Junge?«

»Ich würde höflicher reden«, antwortete Don Quijote, »wenn ich du wäre; spricht man hierzulande so mit fahrenden Rittern, du Lümmel?«

Der Landreiter konnte es nicht ertragen, sich von einem so jämmerlich aussehenden Menschen so grob behandelt zu sehen; er hob die Lampe mit all ihrem Öl hoch empor und schleuderte sie Don Quijote ins Gesicht, so daß er ihm den Schädel gar übel zurichtete. Da alles nun im Dunkeln blieb, entfernte er sich auf der Stelle, und Sancho Pansa sagte: »Ohne Zweifel, Herr Ritter, ist dies der verzauberte Mohr, und er muß gewiß den Schatz für andre aufbewahren, und für uns bewahrt er nur Hiebe mit der Faust und Schmisse mit der Lampe.«

»So ist's«, antwortete Don Quijote, »und man darf sich aus solchen Verzauberungs-Geschichten nicht viel machen, auch nicht sich darüber in Harnisch bringen oder ärgern lassen; denn da sie unsichtbar und bloße Phantome sind, würden wir doch keinen finden, an dem wir uns rächen könnten, so große Mühe wir uns auch darum gäben. Steh auf, Sancho, wenn du kannst, und rufe mir den Vogt dieser Burg und sorge dafür, daß ich etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarin bekomme, um den heilsamen Balsam zu bereiten; in der Tat glaube ich, ich habe ihn jetzt sehr nötig; denn es dringt mir viel Blut aus der Wunde, die dies Gespenst mir geschlagen hat.«

Sancho erhob sich mit nicht geringem Schmerz in den Knochen und tappte im Dunkeln nach dem Zimmer des Wirts, und da er auf den Landreiter stieß, welcher lauschte, wie es mit seinem Gegner werden möchte, sprach er ihn mit den Worten an: »Lieber Herr, wer Ihr auch seid, erweist uns die Gnade und Wohltat, uns ein wenig Rosmarin, Öl, Salz und Wein zu geben; es ist dies nötig zur Medizin für einen der besten fahrenden Ritter auf Erden, welcher hier im Bette liegt, wund geschlagen von den Händen des verzauberten Mohren, der sich in dieser Schenke aufhält.«

Als der Landreiter solcherlei Dinge hörte, hielt er ihn für einen verrückten Menschen, und da es jetzt schon zu tagen begann, öffnete er die Tür der Schenke, rief den Wirt und sagte ihm, was der gute Kerl verlange. Der Wirt versah ihn mit allem, was er wünschte, und Sancho brachte es zu Don Quijote, der dasaß und sich mit beiden Händen den Kopf hielt und über den Schmerz vom Wurf der Lampe klagte, der ihm doch weiter nichts als ein paar hochgeschwollene Beulen geschlagen hatte; was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er in der Beängstigung des über ihn hereingebrochenen Unwetters vergoß. Indessen, er nahm seine Heilmittel, schüttete sie zusammen, mischte sie tüchtig und ließ sie eine gute Weile kochen, bis ihm deuchte, sie seien nun fertig zum Gebrauch. Dann verlangte er eine Flasche, um den Trank einzufüllen, und da es eine solche in der Schenke nicht gab, entschloß er sich, ihn in einen für Öl bestimmten Topf oder Krug von Blech zu gießen, den ihm der Wirt aus Gefälligkeit zum Geschenk machte; und dann betete er über den Krug an die achtzig Vaterunser, ebenso viele Ave-Maria, Salve Regina und Credo, und zu jedem Wort schlug er ein Kreuz wie beim Segensprechen. Bei alledem waren Sancho, der Wirt und der Landreiter zugegen; denn der Maultiertreiber hatte sich sachte davongemacht, da er auf die Versorgung seiner Tiere bedacht war. Wie alles fertig war, wollte Don Quijote sofort die treffliche Wirkung, die er sich von diesem köstlichen Balsam versprach, an sich selbst erproben, und so trank er von dem, was in den Krug nicht hineingegangen und nach dem Kochen im Topfe zurückgeblieben war, ungefähr einen halben Schoppen. Und kaum hatte er es hinuntergeschluckt, so fing er an, sich dermaßen zu erbrechen, daß ihm nichts im Magen blieb, und mit der Beklemmung und Anstrengung des Erbrechens kam ihm ein reichlicher Schweiß, weshalb er verlangte, man solle ihn warm zudecken und allein lassen. Es geschah also, er fiel in Schlummer und blieb darin über drei Stunden; und nach deren Verfluß erwachte er, am ganzen Körper erleichtert, und fühlte solche Besserung in seinen zerschlagenen Gliedern, daß er sich für genesen hielt und nun wirklich daran glaubte, daß er den Balsam des Fierabrás richtig und wirklich erlangt habe und mit diesem Heilmittel hinfüro sonder Furcht an alle Streithändel, Kämpfe und Schlachten gehen könne, so gefahrvoll sie auch seien.

Sancho Pansa, der die Besserung seines Herrn gleichfalls für ein Wunder hielt, bat sich aus, was im Kruge war, und das war nicht wenig. Don Quijote überließ es ihm, Sancho nahm den Krug mit beiden Händen, und mit starkem Glauben und noch stärkerer Begier setzte er die Lippen an und goß sich kaum weniger ein als vorher sein Herr.

Illustration

Nun war aber der Kasus dieser: der Magen des armen Sancho war ohne Zweifel nicht so reizbar wie der seines Herrn, und mithin, ehe es bei ihm zum Erbrechen kam, befielen ihn solche Beklemmungen und Übelkeiten mit so viel Angstschweiß und Ohnmächten, daß er ernstlich und wirklich glaubte, seine letzte Stunde sei da, und in seinem Jammer und Elend den Balsam verfluchte, samt dem Spitzbuben, der ihn ihm gegeben.

Als ihn Don Quijote in diesem Zustand sah, sprach er zu ihm: »Ich glaube, Sancho, all dies Leid kommt dir davon, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist; denn ich bin der Meinung, dieser Trank muß denen nicht helfen, die es nicht sind.«

»Wenn Euer Gnaden das wußte«, entgegnete Sancho, »wehe über mich und meine ganze Sippschaft! Warum erlaubtet Ihr, daß ich ihn kostete?«

In demselben Augenblick tat der Trank seine Wirkung, und der arme Schildknappe begann sich aus beiden Kanälen so hastig zu entleeren, daß weder die Schilfmatte, auf die er sich wieder geworfen, noch die Decke von Segeltuch, die er über sich gezogen, jemals mehr zu brauchen waren. Er schwitzte und zerfloß ganz in Schweiß, mit solchen Krämpfen und Anfällen, daß nicht nur er, sondern alle glaubten, es ginge mit seinem Leben auf die Neige.

Dies Ungewitter und Elend hielt fast zwei Stunden an, nach deren Verfluß sich Sancho keineswegs wie sein Herr befand, sondern so zerschlagen und entkräftet, daß er sich nicht aufrecht halten konnte. Indessen wollte Don Quijote, der, wie gesagt, sich erleichtert und genesen fühlte, unverzüglich auf die Suche nach neuen Abenteuern gehn, indem es ihn bedünkte, alle die Zeit, die er hier am Ort zögere, werde der Welt und all denen, die in der Welt seines Schirms und Beistands bedürftig seien, wider Gebühr entzogen, zumal bei der Zuversicht und dem Vertrauen, das er auf seinen Balsam setzte. Und somit, von seinem Begehr angetrieben, sattelte er selbst den Rosinante, legte dem Esel die Decke auf und half auch dem Schildknappen, sich anzukleiden und sein Tier zu besteigen. Hierauf setzte er sich zu Pferd, und als er im Vorüberreiten in einem Winkel der Schenke einen Feldhüterspieß stehen sah, ergriff er ihn, um sich dessen als eines Ritterspeers zu bedienen. Alles, was sich in der Schenke befand – es waren mehr als zwanzig Personen –, stand da und schaute ihm zu; so auch stand und schaute die Wirtstochter, und er ebenfalls verwandte kein Auge von ihr und stieß von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus, den er aus tiefstem Herzen heraufzuholen schien, und alle dachten, er seufze vor Schmerz ob seines zerprügelten Rückens, oder wenigstens dachten es diejenigen, die abends zuvor gesehen, wie er mit Pflastern belegt wurde.

Als beide nun auf ihren Tieren saßen, hielt Don Quijote am Tor der Schenke, rief den Wirt herzu und sagte ihm mit gelassener, würdevoller Stimme: »Zahlreich und sehr groß sind die Gnaden, Herr Burgvogt, die ich in dieser Eurer Burg empfangen, und ich fühle mich höchlich verpflichtet, sie Euch mein Leben lang zu verdanken. Wenn ich sie Euch damit heimzahlen kann, daß ich Euch an einem übermütigen Feind, der Euch etwelche Unbill angetan, Rache schaffe, so wisset: mein Beruf ist kein andrer, als den Schwachen beizustehn und die zu rächen, die Unrecht erleiden, und Treulosigkeit zu bestrafen. Forschet nach in Euren Erinnerungen, und wenn Ihr etwas von solcherlei Art mir anzuvertrauen habt, so braucht Ihr es nur zu sagen; denn bei dem Ritterorden, den ich empfangen, verheiße ich, Genugtuung und Vergeltung Euch ganz nach Eurem Begehr zu verschaffen.«

Der Wirt antwortete ihm mit derselben Gelassenheit: »Herr Ritter, ich habe nicht nötig, daß Euer Gnaden mich ob irgendwelcher Unbill räche; denn wenn mir eine solche widerfährt, weiß ich schon eine Rache zu nehmen, wie sie mir beliebt; ich bedarf nichts weiter, als daß Euer Gnaden mir für die Nacht in dieser Schenke die Zeche zahlet sowohl für Stroh und Gerste, die Eure beiden Tiere bekamen, als auch für Abendessen und Betten.«

»So ist dies also eine Schenke?« fragte Don Quijote hierauf.

»Und eine höchst angesehene«, antwortete der Wirt.

»Bis jetzt lebte ich also im Irrtum«, entgegnete Don Quijote, »denn ich glaubte wirklich, es sei eine Burg, und das keine geringe. Aber da es sich so verhält, daß es keine Burg, sondern eine Schenke ist, so kann eben für jetzt nichts geschehen, als daß Ihr von wegen der Zahlung mich entschuldigt; denn ich kann der Ordensregel der fahrenden Ritter nicht zuwiderhandeln, von welchen ich mit Gewißheit weiß – ohne daß ich bis jetzt etwas Gegenteiliges gelesen hätte –, daß sie niemals für Herberge oder sonst was in der Schenke, wo sie einkehrten, bezahlt haben. Denn von Gesetzes und Rechts wegen schuldet man ihnen jegliche gute Aufnahme, die ihnen zuteil wird, zum Entgelt für die unerträgliche Mühsal, die sie erdulden, indem sie auf Abenteuer ausziehen bei Nacht und bei Tag, im Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferd, mit Durst und Hunger, in Hitze und Kälte, allen Unbilden des Himmels und allem Ungemach der Erde ausgesetzt.«

»Darum habe ich mich gar wenig zu kümmern«, entgegnete der Wirt, »man zahle mir, was man mir schuldig ist, und lassen wir die Ritterschaft beiseite und die Unbilden und das Vergelten; einen Entgelt brauche ich nicht, mein Geld will ich haben und weiter nichts.«

»Ihr seid ein alberner, nichtsnutziger Schenkwirt«, entgegnete Don Quijote, gab Rosinante die Sporen, schwang seinen Spieß und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß jemand ihn anhielt, und entfernte sich eine tüchtige Strecke, ohne acht darauf zu haben, ob sein Schildknappe ihm folge.

Der Wirt, der sah, wie er davonritt und nicht zahlte, machte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen. Der aber sagte, nachdem sein Herr nicht habe zahlen wollen, so werde auch er nicht zahlen; denn da er der Schildknappe eines fahrenden Ritters sei, so gelte dieselbe Regel und Rechtsordnung für ihn wie für seinen Herrn, nämlich durchaus nichts in Wirtshäusern und Schenken zu zahlen. Darüber wurde der Wirt sehr aufgebracht und drohte ihm, wenn er nicht zahle, so werde er sich sein Geld auf eine Weise verschaffen, daß es ihm übel bekommen solle. Sancho erwiderte ihm, nach den Gesetzen des Rittertums, das seinem Herrn zuteil geworden, würde er nicht einen einzigen Pfennig bezahlen, wenn es ihn auch das Leben kosten sollte; denn er wolle nicht daran schuld sein, daß der gute alte Brauch der fahrenden Ritter abkomme, noch solle irgendwelcher Knappe der besagten Ritter, der künftig auf die Welt kommen würde, sich über ihn beschweren und ihm die Verletzung eines so gerechten Gesetzes vorwerfen.

Nun wollte es der Unstern des unglücklichen Sancho, daß unter den Gästen der Schenke sich ein Tuchscherer aus Segovia, drei Nadler vom Pferdebrunnenplatz in Córdoba und zwei Trödler vom Markte zu Sevilla befanden, alles lustige Leute, wohlaufgelegt, schadenfroh und zu jedem Mutwillen gestimmt; alle diese, wie von einem Gedanken beseelt und angetrieben, gingen auf Sancho los und zogen ihn vom Esel herunter; einer von ihnen holte drinnen die Bettdecke des Wirts, und sie warfen ihn darauf. Als sie aber die Augen in die Höhe richteten, fanden sie, daß die Stubendecke für ihr Werk zu niedrig war; sie beschlossen mithin, in den Hof zu gehen, der nur den Himmel über sich hatte, und hier legten sie Sancho mitten auf die Bettdecke und begannen ihn in die Höhe zu schnellen und hatten ihren Spaß mit ihm wie mit einem Hunde auf Fastnacht.

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Das Geschrei, das der arme gewippte Sancho ausstieß, war so gewaltig, daß es zu den Ohren seines Herrn drang; dieser hielt an, um aufmerksam zu horchen, und glaubte schon, daß ein neues Abenteuer im Anzug sei, bis er zuletzt deutlich erkannte, es sei sein Schildknappe, der da so schreie. Sogleich wendete er um und eilte in einem schwächlichen Galopp zur Schenke; und da er sie verschlossen fand, ritt er um sie herum, um eine Stelle aufzufinden, wo er hinein könne. Aber kaum war er zur Hofmauer gelangt, die nicht sehr hoch war, als er das arge Spiel erschaute, das man mit seinem Knappen trieb. Er sah ihn in den Lüften auf und nieder fliegen mit so viel Anmut und Behendigkeit, daß ich überzeugt bin, hätte sein grimmiger Zorn es ihm gestattet, so hätte er lachen müssen. Er versuchte, vom Sattel aus auf die Mauer zu steigen, aber er war so zerwalkt und zerschlagen, daß er nicht einmal absteigen konnte. Und so begann er vom Gaul herunter gegen die Burschen, die den guten Sancho wippten, so viel ehrenrührige Schmähungen und Schimpfworte auszustoßen, daß es unmöglich ist, sie alle niederzuschreiben. Allein sie hörten darum weder mit ihrem Gelächter noch mit ihrer Beschäftigung auf, sowenig Sancho in seinem Fluge sein Jammern ließ, in das er bald Drohungen, bald Bitten mischte. Aber alles das half ihm wenig, half ihm gar nichts, bis sie zuletzt aus lauter Ermüdung von ihm abließen.

Nun brachten sie ihm seinen Esel zur Stelle, setzten ihn darauf und legten ihm seinen Mantel um. Als das mitleidige Ding von Maritornes ihn so abgemattet sah, dünkte es sie gut, ihm mit einem Krug Wasser zu Hilfe zu kommen, und sie holte es ihm aus dem Brunnen, weil es da um so frischer war. Sancho nahm den Krug, aber als er ihn schon an den Mund setzte, hielt er wieder inne auf das laute Rufen seines Herrn, der ihm zuschrie: »Sancho, mein Sohn, trinke kein Wasser; mein Sohn, trinke es nicht, es ist dein Tod! Sieh, hier habe ich den benedeiten Balsam« – und er zeigte ihm den blechernen Krug mit dem Tranke –, »und mit zwei Tropfen, die du davon trinkst, wirst du sicher wiederum heil und gesund.«

Auf diesen Zuruf sah Sancho ihn schief an und schrie noch lauter als sein Herr: »Ist es Euer Gnaden vielleicht schon aus dem Gedächtnis, daß ich kein Ritter bin, oder wollt Ihr, daß ich vollends herauswürgen soll, was ich von heut nacht her noch von Eingeweiden im Leib habe? Mag Euer Trank zu allen Teufeln gehen, und laßt mich in Ruhe.«

Diese Worte enden und das Trinken anfangen war eins. Als er aber beim ersten Zuge spürte, daß es Wasser war, wollte er damit nicht fortfahren und bat die Maritornes, sie möchte ihm Wein bringen. Das tat sie denn auch äußerst gutwillig und zahlte mit ihrem eigenen Gelde; denn in der Tat sagt man von ihr, daß sie, obgleich sie ein derartiges Leben führte, doch Spuren und leise Züge eines christlichen Gemütes zeigte.

Mitten im Trinken setzte Sancho seinem Esel die Fersen in die Weichen, stieß das Tor der Schenke sperrangelweit auf und trabte hinaus, höchst zufrieden, daß er nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt hatte, wenn auch auf Kosten seines gewöhnlichen Bürgen, nämlich seines Rückens. Allerdings blieb sein Zwerchsack zur Zahlung der Schuld beim Wirte zurück; allein Sancho merkte es nicht, in solcher Benommenheit zog er von dannen.

Der Wirt wollte das Tor fest verriegeln, sobald er Sancho draußen sah; aber die ihn gewippt hatten, gaben es nicht zu. Denn das waren Leute, die, auch wenn Don Quijote in Wahrheit ein fahrender Ritter von der Tafelrunde selbst gewesen wäre, darum doch keinen Deut auf ihn gegeben hätten.

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