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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 42
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Einundvierzigstes Kapitel.
Die Wildgänse

In vierundzwanzig Stunden von Alder nach Elkhead, und von Elkhead weiter nach der Cumberland Ranch ist ein langer Ritt und ein harter Ritt. Aber am nächsten Abend, nicht lange nach Einbruch der Dunkelheit, hob Joan, die vor dem Kamin lag und mit ihrem Hündchen spielte, mit einemmal den Kopf und horchte hinaus. Keiner von denen, die im Zimmer waren, hatten etwas gehört; sie hatten noch nicht einmal bemerkt, wie das Kind sich aufrichtete und dann vom Boden aufstand. Aber als die Kleine leise flüsterte: »Daddy Dan!« fuhren sie alle drei zugleich von ihren Stühlen auf. Trotzdem hörten sie noch immer nichts. Buck und Lee wollten sich bereits wieder niederlassen, aber Kate ging zum Fenster und öffnete es weit. Jetzt hörten sie es: aus weiter Ferne kam es dünn wie ein seidener Faden, kaum hörbar noch, eine gespenstige Musik, ein zauberhaftes Pfeifen. Ohne ein Wort schloß Kate das Fenster, trat an den Tisch und nahm ihren Patronengurt, der dort bereitlag. Im Halfter steckte der Revolver, dessen Gebrauch sie einst von dem Pfeifenden Dan so gut gelernt hatte. Sie schnallte den Gurt um. Lee Haines und Daniels hatten, seitdem sie auf die Ranch gekommen waren, keinen Augenblick die Waffen abgelegt. Aber sie zogen jetzt den Revolver aus dem Halfter und probierten das Funktionieren des Abzugs, ehe sie die Waffen wieder zurückgleiten ließen.

Es war eine seltsame Szene. Die drei glichen den letzten Überlebenden in einer Festung, die, zermürbt von langem Kampf, in grimmigem Schweigen sich zum letzten Gefecht rüsten.

Das Pfeifen in der Ferne schwoll allmählich an. Es war ein jubilierender Ton, ohne Melodie, die man erkennen konnte, eine phantastische, wilde Improvisation, wie wenn ein trunkener Geiger von der Erinnerung an die Meisterwerke, die er einst gelernt, überwältigt, die prächtigsten Bruchstücke daraus mit vollen Händen um sich streute und die Zwischenräume mit den Schöpfungen seiner eigenen erhitzten Phantasie ausfüllte. Joan vergaß ihr Hündchen, sie rannte zum Fenster und kniete dort auf einem Stuhl, ins Dunkle hinausspähend. Kate eilte hin und zog den Vorhang herunter.

Joan wehrte sich nicht, aber sie starrte ihre Mutter schweigend an, und in ihren Augen erschien wieder das seltsame innere Licht, das in Stößen kam und ging, scharf aufzuckte und wieder dahinstarb. Das Pfeifen begann wieder. Es kam näher und näher heran. Eine Bewegung Kates schickte die Männer auf ihre Posten. Einen von ihnen an jeder der inneren Türen. Für sich selbst hatte Kate die Tür bestimmt, die auf den Gang führte. Es war keine Spur von Blut mehr in ihren Wangen, aber sonst war sie von einer steinernen Ruhe. Und ebenso standen Buck und Lee auf ihren Posten, ohne ein Wort, ohne ein Zeichen zu tauschen. Sie hatten ihre ungeschriebenen Befehle von Kate längst erhalten. Sie war entschlossen, bis zum letzten Blutstropfen Widerstand zu leisten, und erwartete dasselbe von ihnen. Sie waren gerüstet.

Noch immer war das Pfeifen draußen im Anschwellen begriffen. Es schien, als ob der Reiter nie bis zu ihnen gelangen werde. Es war schon laut und voll, als ob bei ihnen im Zimmer ein Vogel sein Lied schmettere, und trotzdem wuchs es noch und nahm an Umfang zu – und erlosch. Als sei dies das Zeichen, auf das sie unter der Folter der vorhergehenden Sekunden gewartet hatte, öffnete Kate die Tür, lief schnell den Gang hinunter und stand einen Augenblick später auf dem Weg vor dem Haus. Sie hatte alle Türen hinter sich zugeschlossen. Jetzt hörte sie, wie hinter ihr einer ihrer beiden Verbündeten am Schloß rasselte, um ihr zu folgen. Dann hörte das Rasseln auf, anscheinend hatten sie da drin beschlossen, die Festung da zu verteidigen, wo sie hingestellt waren.

Kaum knirschte der Kies des Weges unter ihrem Absatz, als sie Dan erblickte. Er raste aus dem Dunkel heran, wie ein Schatten aus dem Schatten, und als ob die Flügel des Windes ihn trügen. Ein leichtes Knirschen des Sattelzeugs, als er haltmachte, ein kurzes Aufleuchten von Satans Fell im Sternenlicht, als er das Tier herumschwang, ein leichtes Klirren von Stahl, und schon kam Dan den Pfad entlang, ihr entgegen.

Er war dicht, ganz dicht vor ihr, ehe er haltmachte. Obwohl sie instinktiv fühlte, daß er sie vom ersten Augenblick an gesehen hatte, schien er sie jetzt erst zu bemerken. So nahe stand er ihr, daß sie im Sternenlicht – der Wind hatte beim Reiten die Krempe seines Hutes in die Höhe gedrückt – deutlich sein Gesicht erkennen konnte. Noch immer schien dies Gesicht so unendlich jung, ein Knabengesicht, und so zart geformt, so schlank erschien ihr seine ganze Gestalt, daß er beinahe wirkte wie einer, der eben von einer zehrenden Krankheit aufgestanden ist. Der Wind fing sich in seinem Hemd und preßte es an den Körper, und wieder fragte sie sich verwundert, wie schon so oft, woher es kam, daß in diesem schmächtigen Körper so unbezwingliche Kräfte wohnten. In ihrem ganzen Leben hatte sie Dan nie so geliebt, wie sie ihn in diesem Augenblick liebte. Und trotzdem hielt ihr Hirn eisern an seinem Entschluß fest.

»Du kannst sie nicht haben, Dan. Du kannst sie nicht haben! Siehst du nicht selbst ein, was du aus ihr machen würdest? Sie ist mein Blut, das Kind meiner Schmerzen und meiner Liebe. Und du willst sie in die Einsamkeit deiner fernen Berge verschleppen – lieber sterbe ich, ehe ich sie hergebe!«

Jetzt brach der Mond durch die Wolken, die ihn bis jetzt verborgen hatten, ein gekrümmter Halbmond, dessen Ränder noch immer von Nebelfetzen verschleiert waren. Aber das Licht genügte, um Dans Gesicht deutlicher erkennen zu lassen. Kate erblickte das, was sie befürchtet hatte; das schwache Lächeln, das kaum seine Mundwinkel verzog, und in seinen Augen das plötzliche Aufschwelen der gelben Flamme. Plötzlich fühlte sie, daß alle Kraft sie verlassen hatte. Die Knie gaben unter ihr nach, die Finger ließen den Kolben ihrer leichten Waffe fahren. Sie fühlte sich hilflos. Und doch war es nicht, weil sie vor diesem Manne Angst empfand, sondern vor einem unmenschlichen, unwiderstehlichen, unheimlichen Etwas, das hinter diesem Mann heranschlich; auch nicht vor dem Wolfshund, sondern vor etwas, was größer war als Satan und Bart und der Pfeifende Dan – etwas, von dem die drei nur einen Teil bildeten.

Er fing an, nachdenklich vor sich hinzupfeifen, wie jemand, der einen Plan sich zurechtgelegt hat, aber zaudert, ihn durchzuführen. Sie fühlte, wie sein Blick über sie glitt, als suche er zu ergründen, wie man sie zur Seite schieben könne, ohne sie allzu rauh anzufassen. Da kam vom Haus her, schwach, fast nicht mehr als ein Echo, eine Antwort auf Dans Pfeifen. Dieselbe Melodie. Joan rief ihren Vater.

Er machte einen Schritt vorwärts, aber derselbe Laut, der ihn aus seiner Unbeweglichkeit geweckt hatte, hatte Kates Entschlossenheit neu gestählt. Die Schwäche war wie weggeweht. Sie kämpfte um Joan und für Joan.

»Keinen Schritt weiter!« flüsterte sie und riß ihren Revolver heraus. »Keinen Schritt weiter!«

Er hatte sorglos dagestanden. Als das Mondlicht auf Kates Revolver funkelte, glitt seine rechte Hand nach seiner Waffe, faßte sie, fiel aber leer wieder zurück; er war unfähig, ihr auch nur das Geringste zu tun, auch nur einen Finger gegen sie zu heben. Wieder pfiff er nachdenklich vor sich hin, wieder kam vom Hause die Antwort, und Dan machte wieder einen Schritt vorwärts.

Kate hatte die Stelle sorgfältig gewählt, auf die sie zielte; das obere Ende des Saums, mit dem die Tasche auf sein Hemd gesetzt war, und ehe noch sein Fuß den Boden berührte, drückte sie ab. Einen Augenblick lang glaubte sie, sie habe fehlgeschossen. Dan Barry blieb aufrecht stehen, aber dann sah sie, daß das gelbe Licht in seinen Augen verschwunden war. Sie waren völlig leer jetzt, und das einzige, was sie verrieten, war ein ungeheures Staunen. Er wankte, brach in die Knie und sank zu Boden. Im Stürzen umfaßte er Black Bart. Kate war es, als habe die Nacht Dan verschluckt. Dann hörte sie Trampeln und wilde Rufe hinter sich im Haus. Sie hörte die Türen krachend aus den Schlössern brechen, und da erst wußte sie, daß sie den Pfeifenden Dan getötet hatte. Sie wollte zu ihm hineilen, aber Barts Knurren trieb sie zurück. Jetzt galoppierte Satan heran. Alle vier Hufe eingestemmt, machte er plötzlich neben dem Toten halt, beugte den feinen Kopf herab und beschnüffelte das Gesicht seines Herrn. Kein Todeskampf! Ein Seufzer, wie wenn der Wind in der Ferne durch die Kronen der Bäume streicht – dann entwand sich Black Bart mit einer sachten Bewegung der Umarmung seines Herrn und jagte den Pfad hinunter, mit einemmal ganz und gar zum Wolf, zur Kreatur der Wildnis zurückverwandelt. Hinter ihm machte Satan mit kurzem Schnauben kehrt. So rasten sie davon, jeder in einer anderen Richtung.

Die lange Kameradschaft der drei war zu Ende, und der siebente Mann war für Grey Molly gestorben.

Lee Haines und Buck Daniels waren jetzt bei Kate. Sie verstand die beiden nicht. Alles, was sie hörte, war ein verschwommenes, wirres Dröhnen, das um sie kreiste, während sie auf dem Boden kniete und Dans Körper auf den Rücken drehte. Wie seltsam leicht doch dieser Körper war. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihn hätte auf den Armen tragen können. Sie faltete seine Hände über der Brust. Die schlaffen Finger waren zart wie die Finger eines kranken Kindes. Buck Daniels lag neben dem Toten und weinte laut, Lee Haines stand daneben und hatte das Gesicht in den Händen vergraben, aber keine Träne zeigte sich in Kates Augen.

Als sie Dan die Augen zudrückte, die leeren, inhaltslosen Augen, hörte sie einen fernen Ruf in den Lüften, einen rauhen und unharmonischen Chor. Sie sah auf und erblickte einen Flug wilder Gänse, der, zum Keil geordnet, unter der schimmernden Mondscheibe vorbeizog.

 

Ende

 

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