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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 41
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Vierzigstes Kapitel.
Ein Schuß der nicht fällt

Als Bart zurückkehrte und Joan nicht mitbrachte, ja nicht einmal eine Antwort am Halse trug, machte sich sein Herr auf, um das Kind mit Gewalt zurückzuholen. Er hatte sich neu ausgerüstet. Jetzt prüfte er Sattelzeug und Waffen. Jede Schnalle wurde gemustert. Nachdenklich vor sich hinstarrend, wog er Gewehr und Revolver in der Hand, als überlege er, was sie im Fall der Not ihm für Dienste leisten könnten. Endlich stand Satan gesattelt. Bart war auf Posten vor dem Höhleneingang. Da sammelte Dan alles, was sich in der Höhle mit der Zeit angehäuft hatte, seine Vorräte und seine Felle, und machte damit einen riesigen Scheiterhaufen mitten auf dem Kiesboden der Höhle. So verbrennt jemand seine Schiffe vor der entscheidenden Schlacht. Dann kehrte Dan der verödeten Behausung den Rücken und trat seinen Weg an.

Er mußte auf seinem Ritt einen weiten Halbkreis beschreiben, um die beiden Punkte zu erreichen, die sein Ziel waren. Zunächst ging es nach Alder. Dort lebte ja der siebente Mann, der um Grey Mollys willen fallen sollte. Dann kam die Cumberland Ranch daran. Ziemlich bald nach seinem Aufbruch erreichte der einsame Reiter das Plateau, auf dem er lange Jahre mit Kate glücklich gelebt hatte. Schon begann das Haus ein wenig zu verfallen. Leer standen die Gehege. Die Haustür klaffte, und der Wind warf sie hin und her. Ehemals war es ein Lieblingszeitvertreib Joans gewesen, die Tür auf- und zuzumachen. Drinnen standen alle Räume leer. Er wußte es. Vielleicht hatte der Wind, der durch den erkalteten Schlot zog, die alte Asche vom Herd durch die ganze Stube geweht. Ein Stuhl, in der Hast der Abreise umgestoßen, lag noch am gleichen Platz, und durch die offene Tür war der Triebsand bis in den Hausflur geweht. Er sah es nicht, er machte auch nicht halt, um sich zu überzeugen, ob Wahrheit war, was die Phantasie ihm vormalte, sondern trieb Satan hastig weiter, vorbei, denn ein seltsamer kalter Schauder hatte ihn befallen, als strecke eine unbekannte Macht die Hand nach ihm aus. Mit einem Achselzucken und einem befreiten Aufatmen schüttelte er das unheimliche Gefühl ab, als sie an der verlassenen Heimstatt vorbeifegten. Doch als er an die Stelle kam, wo der Weg bergabwärts führte, tief ins Tal hinunter, brachte er mit einem Zuruf Satan zum Stehen und machte kehrt, um einen letzten Blick zurückzuwerfen. Er konnte noch ganz deutlich den Lärm der auf- und zuschlagenden Haustür hören. Es war, als winke sie ihm ein Lebewohl zu.

Es kostete ihn nicht viel Zeit, zurückzureiten, Papier und andere leicht entzündliche Stoffe zusammenzutragen, mit Petroleum zu tränken und ein Zündholz anzustreichen. Die Flammen fuhren an den aus Baumstämmen gefügten Wänden hoch und ergriffen zu allererst die Decke. Dan Barry blieb traumverloren mitten in der Stube stehen, bis das entsetzte Winseln des Wolfshundes ihn weckte; bis das Tier in seiner Angst ihn an den Kleidern nach rückwärts zerrte. Erst da verließ er das Haus. Draußen stand Satan und bebte zwischen der Versuchung, in wilder Panik vor diesem fürchterlichsten aller Dinge, dem Feuer, zu flüchten und der entgegengesetzten, blindlings sich in die Glut zu stürzen. Die Stimme seines Herrn, seine liebkosende Hand, beruhigten ihn wieder, während Black Bart sich zu Dans Füßen niederließ und ihm fragend ins Gesicht starrte.

Jetzt hatte sich das Feuer schon einen Weg durch das Dach gefressen. Eine gelbe Flamme züngelte heraus, eine Hand, die kam und verschwand, als wolle sie ein Signal geben oder als winke sie. Auf einmal schoß eine gewaltige, gleichmäßig fortbrennende, immer noch wachsende, brüllende Flammensäule auf. Niemand vermochte zu sagen, was für Gedanken es waren, die durch Dan Barrys Gehirn wanderten, als er dastand und zusah, wie das Haus niederbrannte, das er selbst errichtet hatte. Aber mit einemmal machte er kehrt, warf die Arme um Satans Hals und lehnte die Stirn an den glatten Bug des Tieres. Der Rappe war beunruhigt. Er wandte den Kopf nach rückwärts und beschnüffelte liebkosend die Schulter seines Herrn. Black Bart stellte sich mit allen Anzeichen äußerster Besorgnis auf die Hinterfüße, und es gelang ihm, seinen Kopf beinahe bis in Dans Höhe zu bringen. So blieb er stehen und winselte bittend. Niemals hatte er es bis jetzt erlebt, daß der Herr sein Gesicht in dieser Weise verbarg.

Ein dumpfer, kurzer Knall. Dan fuhr auf und trat zurück. Das Feuer hatte irgendwo einen vergessenen Vorrat von Patronen erreicht. Dem dumpfen Laut der Explosion folgte unmittelbar ein gewaltiges Krachen und Splittern. Eine der inneren Wände mußte zusammengestürzt sein. Der Luftdruck jagte eine breite Flammengarbe aus der offenstehenden Haustür. Dann zog das Feuer sich wieder ins Innere zurück, und Dan erblickte die Puppe, die er selbst für Joan geschnitzt hatte. Die zusammenbrechende Wand hatte sie bis unmittelbar an die Schwelle geschleudert. Jetzt griff, über den Boden hinleckend, das Feuer mit langen, gierigen Flammenarmen danach. Es war ein seltsames Geschöpf, unbehilflich aus grobem Holz geschnitten, die Arme und Beine waren mit Tiersehnen am Körper befestigt. Aber Joan hatte das Scheusal den vielen Puppen mit schönen, rosa Wachsgesichtern vorgezogen, die Kate für sie gekauft hatte. Dan stand und sah zu, wie die Flammen näher und näher an die Puppe herankrochen, sprang plötzlich mit einem Satz durch die Tür, wich zurück, als ein langer Flammenarm blitzschnell nach ihm haschte, lief wieder vorwärts, packte die Puppe und war wieder draußen, während er sich die versengten Augenbrauen und Wimpern aus dem Gesicht wischte.

Er wartete nicht, bis das Haus auf die Grundmauern heruntergebrannt war. Als die Flammen wie ein gewaltiger Turm über dem Haus standen, der, wenn der Wind ihn traf, knatternd und brüllend wankte, warf sich Dan wieder in den Sattel und ritt ins Tal hinab.

Er wollte Alder erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen und bemaß die Zeit so genau, daß der letzte Abendschein noch auf den obersten Gipfeln lag, als er die Mündung von Murphys Pass hinter sich ließ, während es unten im Tal bereits dunkel war und aus dem Ort unzählige Lichter wie schläfrige Augen zu ihm hinauf blinzelten.

Eine geraume Strecke vor den ersten Häusern ließ er Satan und Bart zurück. Selbst im Dunkeln waren die beiden zu leicht zu erkennen. Er selbst schritt ohne weiteres die einzige Straße der Ortschaft hinunter. Es war ein Wagestück, aber er wußte, daß keiner mehr auffällt und verdächtig wirkt, als derjenige, der sich von Versteck zu Versteck schleicht. In Alder wußte man, daß er schon einmal mitten in der Nacht in den Ort geritten war, und war wahrscheinlich auf die Wiederholung eines solchen Angriffs gefaßt. Niemals aber hätte ein einsamer Wanderer zu Fuß Verdacht erregt, solange nicht ein verräterischer Lichtstrahl ihn zufällig traf.

Er kam an Captain Lorrimers Kneipe vorbei. Trotz der kurzen Zeit, die inzwischen vergangen war, war das Lokal seit dem Blutbad von Alder in Verruf gekommen. Ein neuer Ausschank hatte sich in einer Baracke weiter unten aufgetan und das Geschäft an sich gerissen. Captain Lorrimers Kneipe war geschlossen und die Fenster mit Brettern vernagelt. Dan ging weiter. Instinkt zum Teil, teils der Umstand, daß es strahlend erleuchtet war, führte ihn zu dem Haus, in dem er bei seinem letzten Besuch in Alder Erkundigungen über die drei Männer eingezogen hatte, hinter denen er damals her war. Heute verbreiteten dort die hellerleuchteten Fenster mehr Licht, als im ganzen übrigen Nest zu finden war. Vor dem Haus waren Pferde in einer langen Doppelreihe angehalftert. Verworrener Lärm vieler Stimmen drang aus dem Innern und rollte widerhallend die Straße entlang. Es stand ganz außer Zweifel, daß dort ein Fest gefeiert wurde, und gewiß war ganz Alder auf den Beinen, um daran teilzunehmen. Ganz Alder – das hieß auch Vic Gregg, der siebente Mann! Eine Gruppe neuer Gäste kam die Straße herunter. Sie hatten Laternen mit und schrien und lachten. Wie ein Gespenst glitt Barry aus ihrer Nähe und verbarg sich im Schatten.

Es konnte sein, daß noch andere Leute die Straße herunterkamen. Sie konnten Barry gefährlich werden. Deshalb sah er sich nach einem Weg um, auf dem er ungesehen in das Haus der Witwe gelangen konnte. Er schritt um das Gebäude herum und stellte fest, daß die Fenster in beträchtlicher Höhe über dem Boden lagen, aber nicht zu hoch für jemand, der geschickt und leise zu klettern verstand. Er gelangte auf die Rückseite und sah, daß die Küche hell erleuchtet war. Aber es war niemand darin zu erblicken. Und die Tür stand offen.

In diesem Augenblick wurde es drinnen plötzlich völlig still, nur hier und da war noch ein leises Murmeln hörbar. Barry nahm sich nicht mehr die Zeit, seinen Schlachtplan weiter zu überlegen. Er stieg ohne weiteres die Hintertreppe hinauf und betrat, den Hut in der Hand, durch die Küche das Haus.

Aus der leeren Küche kam er auf den ebenso leeren Vorplatz. Und hier begriff er, was diese plötzliche Stille zu bedeuten hatte. Beide Türen des großen Vorderzimmers standen nach dem Vorplatz zu offen. Eine einzelne Stimme erhob sich tief und feierlich. Er konnte sehen, wie die Menge, die das Zimmer füllte, in Ehrfurcht erstarrte. Keiner der vielen Köpfe, die alle mit viel Pomade glattgestriegelt waren, bewegte sich. Und wenn vereinzelt einer die Hand hob, um ein juckendes Ohr oder eine kribbelnde Nasenspitze zu kratzen, so bewegte er den Arm mit so unendlicher Vorsicht, daß es aussah, als fürchte er bei der geringsten Bewegung ein ganzes Pulvermagazin zum Auffliegen zu bringen. Niemand sah Dan. Alle drehten ihm den Rücken zu. Er glitt vorwärts. Da hielt die tiefe Stimme inne. Eine bebende Mädchenstimme gab ihr Antwort.

An der ersten Tür machte Barry halt. Jetzt konnte er die ganze Szene überblicken. Es war eine Hochzeit. Vor Dan, auf Stühlen, auf Bänken, saß der größere Teil der erwachsenen Einwohnerschaft von Alder. Vor der Gemeinde stand das Brautpaar im Angesicht des Pfarrers. Am Rücken des Geistlichen vorbei konnte Dan auch die Braut erblicken. Sie sah in ihrem weißen Kleid, das wie eine Wolke um sie schwebte, ungemein hübsch und fraulich lockend aus. Aber Barry gönnte ihr nur einen kurzen, scharfen Blick. Seine Aufmerksamkeit galt den Männern, die hier versammelt waren. Und obwohl er ihre Köpfe nur von hinten sehen und höchstens hier und da einmal die Andeutung eines Gesichts in scharfer Verkürzung erblicken konnte, machte sein behendes Auge Jagd auf Vic Gregg.

Aber Gregg war nicht anwesend. Zweimal musterte er ungläubig die Menge. Es war doch eigentlich sicher, daß der Gesuchte da war. Der großgewachsene Mann hätte seinem Blick nicht entgehen können. Schon war er im Begriff, geräuschlosen Schrittes den Weg zurückzuschleichen, auf dem er gekommen war, und seine Jagd an anderer Stelle fortzusetzen, als die Stimme des Pfarrers innehielt und Vics dröhnender Baß plötzlich durch das Zimmer rollte.

Barry zuckte zusammen, als hätte eine Stimme aus dem Himmel zu ihm gesprochen. Verblüfft sah er sich um. In diesem Augenblick änderte der Pfarrer ein wenig seine Stellung, und jetzt konnte Barry sehen, daß Vic Gregg es war, der dort als Bräutigam neben dem Mädchen in Weiß stand. Im selben Augenblick hob Vic die Augen. Sein Blick wanderte über die Versammlung und haftete mit einemmal auf dem Gesicht, das da hinten im Rahmen der dunklen Türöffnung erschien. Dan sah die hochzeitliche Röte von Vic Greggs Wangen weichen, sah, wie er bleich wurde, wie er erschreckt die Augen aufriß, und seine eigenen Finger schlossen sich um den Kolben des Revolvers. Ein Augenblick verging. Der Pfarrer wandte den Kopf, schien auf etwas zu warten, und dann sprach Gregg die Antwort: »Ja!«

Tausend Bilder jagten sich in Barrys Hirn, die Erinnerung an den Verwundeten auf seinem grauen Pferd, den er gerettet hatte, an den langen harten Ritt, den es gekostet hatte, den schlaffen Körper nach dem Haus in den Bergen zu schaffen. Der Mann dort war entschlossen zu kämpfen. Vic Gregg hatte eine Handbewegung gemacht, die verriet, daß er selbst zu seiner Hochzeit bewaffnet gegangen war. Barry brauchte bloß seine eigene Waffe sehen zu lassen und die Krisis war da. Über die Schulter des Pfarrers hinweg waren Vics Augen fest auf ihn geheftet, furchtlos und mit verzweifelter Entschlossenheit. Barry konnte den Revolver nicht aus dem Halfter bringen. Er warf einen Blick auf das Gesicht der Braut, das in befangenem Glück erstrahlte. Und Barry fühlte, was er gefühlt hatte, als er sein Haus in den Bergen droben in Brand gesteckt hatte. Noch einen Augenblick stand er zögernd. Dann machte er kehrt und glitt geräuschlos hinaus. Der siebente Mann, der für Grey Molly hatte sterben sollen, war noch am Leben.

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