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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 40
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Neununddreißigstes Kapitel.
Sieg!

Kate saß am Feuer. In ihren Armen lag Joan und schlief. Sie hatte das Hündchen nicht freigelassen, das ebenfalls eingeschlummert war. Wenn Kate an die beinah närrische Laune des Schicksals dachte, die ihr all das Glück plötzlich wieder geschenkt hatte, war sie nahe daran, laut aufzulachen, aber ein Blick auf Buck und Lees Gesichter, die wie die Ankündigung einer Tragödie wirkten, stimmte sie sofort wieder ernst – und sehr ernst. Sie sah, wie die Dinge wirklich lagen. Ein Kinderhirn ist klein, es bietet Raum für eine Sache, und für nichts mehr. Eben war die Sehnsucht nach Daddy Dan das einzige gewesen, woran das Kind hätte denken können, und im nächsten Augenblick war schon für nichts mehr Raum da, als für des Hündchens verbrannte Nase. Wer konnte wissen, ob in Zukunft nicht wieder ein neuer Umschwung eintrat – hatte nicht Buck Daniels angedeutet, daß im entscheidenden Moment das Blut des Vaters in dem Kind zum Durchbruch kommen würde? Aber Kate schob alle solche Gedanken von sich weg. Sie war zu sehr erfüllt von dem Glück des Augenblicks.

Sie sang, sang, vom traulichen Licht des Feuers übergossen, leise zu Joans Träumen, sie sah zu, wie das Kind im Schlafe lächelte, wie das Lächeln verblich und wiederkam im selben Rhythmus, wie die Melodie stieg und fiel. Es gab eine leere Stelle in Kates Innerem, die Stelle, die Dan hätte einnehmen sollen. Ein dutzendmal war sie im Begriff, sich nach der Ecke hinzudrehen, wo er hätte sitzen müssen, und ihn mit einem Lächeln einzuladen, an ihrem Glücke teilzunehmen, und ein dutzendmal begriff sie plötzlich und hielt inne. Wenn sie die Augen hob, erblickte sie nur Buck Daniels' hageres, von der Erregung gespanntes Gesicht und Lee Haines' Löwenkopf. Der Pfeifende Dan war gegangen. Und selbst wenn er zurückkam – jetzt fürchtete sie ihn, sie fürchtete für Joan, und die Furcht würde für alle Zeiten den Sieg über die Liebe zu ihm davontragen. Und doch wußte sie, daß sie niemals wieder wirklich glücklich sein könne, eben weil Dan nun für alle Zeit gegangen war. Der Frühling ihres Lebens war dahin. Aber selbst jetzt war sie Dan dankbar für die sechs vollen und reichen Jahre mit ihm, die ihr beschieden gewesen waren. Wenn sie sich jetzt von ihm wandte, so geschah es nur, weil ein mächtiger Instinkt es ihr befahl und eine Stimme ohne Worte sie dazu trieb. Joan mußte auf der Bahn bleiben, die zu einem normalen und glücklichen Frauendasein führte. Dan Barry war ein Wesen, das nur von einem Tag zum anderen lebte, dem ein Ritt im Wind oder der Pfiff eines Vogels in der Ferne, das Brüllen des Berglöwen in ferner Nacht alles ausfüllender Genuß war. Für ihn war jeder Augenblick voll und rund. Aber Kate sah weit voraus in die Zukunft. Sie erblickte eine Nacht wie diese, wo ihre Tochter vor dem Feuer saß, wie heute sie, und ein eigenes Kind in den Armen hielt. Und ihr Herz war voll und leer zugleich.

So war es auch kein Wunder, daß sie zuerst das Geräusch draußen hörte, lange ehe Haines und Buck Daniels aufmerksam wurden, denn ihr ganzes Wesen stand gespannt Wache gegen die Gefahren, die ihr neugewonnenes Kind bedrohen konnten. Es war ein kaum hörbares Gleiten, ein leises Kratzen auf der Veranda draußen, dann ein schnaufender Atemzug vor der Haustür. Kate wandte den Kopf, und die Männer, die der Richtung ihres schreckerfüllten Blickes folgten, sahen gerade noch, wie die Tür aufsprang und eine breite Pfote sich in den Spalt schob. Und unmittelbar danach schob sich Black Barts schlangenplatter Kopf ins Zimmer.

Wortlos zog Daniels den Revolver.

»Wartet!« befahl Kate so scharfen Tones, daß Joan erschreckt aufwachte. »Schießt nicht, Buck. Seht doch, da, er hat ein Stück Papier am Hals. Er bringt irgendeine Botschaft.«

»Bart!« rief Joan und glitt vom Schoß ihrer Mutter. Aber als sie auf den Hund zulief, begrüßte sie ein so drohendes Knurren, daß sie erschreckt stehenblieb. Der Hund schlich auf Kate zu.

»Paßt auf, Kate!« rief Haines. »Das schwarze Teufelsvieh führt was im Schilde.«

»Rührt Euch nicht oder er springt Euch an die Kehle«, antwortete sie. »Für mich besteht keine Gefahr. Es ist ihm befohlen worden, zu mir zu kommen, und deshalb läßt er sich noch nicht einmal von Joan anfassen. Seht doch selbst!«

Bart war an Joan vorbeigeschlichen, die erstaunt mit ausgestreckten Ärmchen stehenblieb, und machte vor Kate halt. Es war klar, daß er auf etwas wartete. Sie streckte die Hand nach dem zusammengefalteten Papier an seinem Halse aus. Er duckte sich leise knurrend ein bißchen zusammen. Aber es schien nur eine Warnung zu sein. Er mißtraute der Hand, aber er erlaubte ohne weiteres, daß sie die Botschaft von seinem Hals löste.

Kate faltete das Papier auseinander und las laut vor: »Kate, schick' mir Joan zurück, oder ich komme sie holen. Schicke sie mit Bart.«

Bart schien den Sinn dessen, was in dem Brief geschrieben stand, sehr wohl zu verstehen, denn jetzt lief er zu Joan hinüber, die mit einem Schrei das jammernde Hündchen aus ihrem Arm fallen ließ und Barts großen Kopf liebkosend umschlang. Das Hündchen brach in schrille Wehklagen aus. Es hatte sich ungeschickt auf sein Hinterteil niedergelassen und zitterte vor Schmerz und Empörung.

»Daddy Dan will, daß ich zu ihm komme«, erklärte Joan mit schimmernden Augen. »Er hat nach mir geschickt. Mach' schnell, Bart!«

Der riesige Wolfshund legte sich flach auf den Boden, um sie auf seinen Rücken klettern zu lassen.

»Joan!« rief Kate. Das Kind stutzte und drehte sich nach ihr um. Ihre Mutter hatte den leichten Revolver in der Hand, in dessen Gebrauch sie Dan so gründlich unterrichtet hatte. Sie richtete den Lauf auf den Wolfshund. Bart entblößte in stummem Haß seine riesigen Fangzähne. Buck und Lee Haines warteten mit schußbereiten Revolvern. Bart hob sich ein wenig vom Boden und kroch langsam, Schritt vor Schritt, auf Kate zu, bis er in Sprungweite angelangt war.

»Werft den Revolver weg, Kate«, mahnte Buck. »Um Gottes willen, weg mit dem Revolver! Selbst wenn Ihr das Vieh trefft, sitzt es Euch schon an der Kehle. Wenn's Euch nicht glückt, ihn auf den ersten Schuß zu töten, hat er Euch! Nehmt den Revolver weg, dann geht er auf mich und Lee los.«

Aber Joan wußte ebenfalls ganz genau, was die glänzenden Metalldinger bedeuteten, die die Männer in den Händen hielten. Sie hatte Daddy Dan mit solchen Dingern schießen und töten sehen. Schreiend warf sie sich zwischen Bart und die Gefahr.

»Mutter«, rief sie. »Ihr bösen, bösen Männer! Ich erlaub's nicht, daß ihr Bart was tut!«

»Sie wollen dir nichts tun, Bart«, erklärte sie dann etwas besänftigt, sich dem Hund zuwendend. »Sie haben bloß 'n bißchen gespielt. Komm, jetzt gehn wir.«

Und damit machte sie sich auf den Weg nach der Tür. Bart glitt mit seinen langen, schleichenden Schritten voraus. Aus dem Augenwinkel schielte er mißtrauisch nach den drei anderen zurück.

»Und das arme kleine Hündchen willst du allein hier lassen, Joan?« sagte Kate. Mit dem Aufgebot aller Energie zwang sie ihre Stimme, ruhig zu bleiben. Sie wußte jetzt, daß die Kraft der beiden Männer ihr nicht im geringsten helfen konnte. Sie war allein auf ihren Scharfsinn angewiesen.

»Das Hündchen nehm' ich mit«, antwortete Joan und hob das laut heulende kleine Geschöpf vom Boden auf. Sein Wehklagen erstarb sofort, als es an ihrer Brust geborgen war.

»Aber, Liebling, das kannst du nicht. Das arme Hündchen stirbt dir in dem kalten Nachtwind, lange ehe du bis zur Höhle kommst.«

»Oh«, seufzte Joan und starrte ihre Mutter mit großen, erstaunten Augen an. Black Bart machte beunruhigt kehrt und zerrte Joan am Kleid.

»Wirst du ihn gut pflegen, Mutter, bis ich zurückkomme?«

»Aber ich weiß gar nicht, Liebling, wie ich's machen muß, um ihn zu pflegen. Wenn du weggehst, wird das Hündchen weinen und weinen und weinen, bis es stirbt.«

Joan seufzte.

»Sieh doch, wie still das Tierchen bleibt, solange es bei dir ist, Joan.«

»Oh«, murmelte Joan. Es war ein entsetzlich schweres Problem. Tiefe Falten bedeckten ihre Kinderstirn. Schließlich suchte sie Rat und Hilfe bei Kate.

»Mutter, was soll ich tun?«

»Am besten ist, du bleibst, bis das Tierchen groß genug ist, um mitzukommen.«

Sie beherrschte ihre Stimme mit eiserner Gewalt. Das Spiel war verloren, wenn sie die geringste Erregung verriet. Deshalb ließ sie sich jetzt auch auf ihren Stuhl fallen und wandte dem Kind fast den Rücken zu. Ihre Augen telegraphierten den beiden verstörten Männern ein Signal. Sie verstanden und gehorchten. Aller Blicke schienen mit einem Male von dem Feuer im Kamin magnetisch angezogen. Auf Joan schien – wenigstens sah es so aus – niemand mehr zu achten.

»Oh, Mutter, das wird aber lang dauern, so schrecklich lang.«

»Nein, Joan, nur kurze Zeit.«

»Aber Daddy Dan wird da oben so allein sein.«

»Er hat ja Satan und Bart zur Gesellschaft.«

»Meinst du nicht, daß er Joan braucht, Mutter?«

»Nicht so nötig, wie das arme kleine Hündchen dich braucht, Joan.«

Sie fügte hinzu und konnte diesmal doch nicht verhindern, daß ihre Stimme ein wenig bebte: »Du mußt selbst entscheiden, Joan. Wenn du meinst, es ist das beste, dann geh!«

»Bart, was wird Joan tun?« fragte das Kind, sich hilflos dem Hund zuwendend. Aber Bart hatte kaum das Hündchen in ihren Armen erblickt, als er sie mit einem mörderischen Knurren begrüßte.

»Siehst du«, meinte ihre Mutter. »Black Bart wird das arme kleine Hündchen fressen, wenn du jetzt mit ihm weggehst.«

Das war ein beunruhigender Gedanke. Joan zog sich ängstlich vor Bart zurück, und als er ihr folgte, rief sie: »Geh weg! Böser Hund! Böser Bart!«

Er packte den Saum ihres Röckchens und versuchte sie rücklings nach der Tür zu zerren. Dies versetzte Joan in Bestürzung. Sie schlug ihn fest auf den Kopf: »Geh weg!«

Der Hund schlich einen Schritt nach rückwärts. Er knurrte noch immer nach dem Hündchen hinauf. »Geh heim zu Daddy Dan.« Der Hund knurrte noch immer, es klang wie ferner Donner, aber er stellte die Ohren auf. »Geh, erzähl' Daddy Dan, daß Joan noch ein bißchen hierbleiben muß. Mutter, wie lang' noch?«

»Vielleicht eine Woche, Liebling.«

»Eine ganze Woche?« rief Joan entsetzt.

»Vielleicht nur ein oder zwei oder drei Tage«, sagte Kate. Die furchtbare Spannung, in der sie sich befand, ließ ein wenig nach. Sie sah, daß der Sieg winkte.

»Ein – zwei – fünf Tage«, zählte Joan. »Dann komm und hol' mich, Bart. Sag' das Daddy Dan.«

Barts Augen trennten sich von Joans Gesicht und schweiften durch den Raum. Nacheinander starrte er Kate, Buck und Lee mit einem Ausdruck teuflischer Bosheit in die Augen, dann machte er kehrt.

»Joan ist jetzt aus der Schußlinie«, flüsterte Buck. »Laß mich abdrücken.«

»Nein, nein! Laßt ihn lieber laufen.«

Sie hörten seine Pfoten gegen die Tür kratzen, dann war er im Dunkel des Hausgangs verschwunden. Lange regte sich nichts im Zimmer, außer dem leisen Gemurmel, mit dem Joan das kleine Hündchen liebkoste, dann drang von draußen ein Geheul – der melancholischste Laut, den selbst die Wildnis der Berge kennt –, der langgezogene Ruf des streunenden Wolfes, der seine Beute verfehlt hat und auf einer neuen Fähre jagt.

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