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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 36
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Fünfunddreißigstes Kapitel.
Der Asper

Seit dem Morgen hatte Satan zumindest neunzig Meilen zurückgelegt, und doch gibt es Leute, die ihn über die Felder bei Wilsonville galoppieren sahen und bereit sind, einen Schwur darauf abzulegen, daß er noch immer gelaufen sei wie ein junges Füllen, das sich auf der Weide tummelt. Mark Retherton freilich wußte besser Bescheid. Und das ganze Aufgebot, Mann für Mann, fühlte, daß das Ende heranrückte. In verbissenem Schweigen wechselten sie in Wilsonville die Pferde und rasten in donnerndem Galopp wieder zum Ort hinaus, dem Flüchtigen nach.

Auch Barry wußte, daß das Ende nahe war, als er sie um die letzte Hausecke von Wilsonville schwenken und ins freie Feld hinausstürmen sah. Kraft, Atem und Mut begannen seinem Rappen auszugehen. Seine Hufe stampften schwerfällig wie die eines Ackergauls, sein Atem ging schwer und röchelnd. Der Schweif, der sonst fröhlich auswehte, hing matt herab. Und doch gab es in der Brust des edlen Tieres noch immer etwas, das Antwort gab, wenn sein Herr sich über die Mähne beugte und seinen Namen rief. Dann kam ein letzter Rest der früheren Schwungkraft in seinen Gang, der schwer herabhängende Kopf hob sich, das Spiel der Ohren begann wieder und er lief – lief den frischen Pferden aus Wilsonville zum Trotz. Es gab Menschen, die die Geschichte später bezweifelt haben, aber Mark Retherton war immer bereit, einen Eid darauf abzulegen.

Doch alle verzweifelte Anstrengung erwies sich als vergebens. Alle edle Bereitschaft, die im Herzen des Tieres pulste, konnte seinen Beinen nicht die Schnelligkeit zurückgeben, die sie jetzt brauchten. Der Zwischenraum zwischen Jäger und Gejagten wurde kleiner, um ein paar Zoll erst, dann waren es schon Fuß, und schließlich Meter. Das Aufgebot verschmähte es bereits, noch einmal sein Glück mit den Gewehren zu versuchen. Sie sahen das Spiel schon gewonnen.

Der Flüchtling, dem sie folgten, arbeitete fieberhaft. Sie bemerkten es, sie ahnten aber nicht, was er vorhatte. Sie sahen nur, daß er tief zur Seite gebeugt vom Sattel hing und sich an den Gurten zu schaffen machte. Es war unerklärlich, bis sie sahen, wie der Sattel ins Rutschen kam. Die losen Enden des Gurtes flatterten und gleich darauf stürzte der Sattel und alles Lederwerk, das sich daran befand, mit einem dumpfen Krach zu Boden. Und damit nicht genug. Der seltsame Reiter saß jetzt vorgebeugt und wirtschaftete am Kopf seines Tieres. Das Zaumzeug ging denselben Weg wie der Sattel. Fünfzehn wackere Männer, erprobt und treu, bekräftigten am anderen Tag mit manchem wunderlichen Fluch, wie ein Mann vor ihren Augen um sein Leben geritten sei, auf einem Pferd, das weder Sattel noch Zügel trug und der Stimme und der bloßen Hand des Herrn gehorchte.

Jede Unze Gewicht zählte nun. Und es gab noch immer Gewicht, das entbehrlich war. Wieder sah man, wie Barry sich bückte, erst rechts, dann links. Gleich darauf prasselte das Aufgebot an den schweren Reitstiefeln vorbei, die er weggeworfen hatte.

Das Gewehr lag schon längst mit seinem Futteral weit hinten, wo der Sattel lag. Dort lag mit der Waffe auch jede Hoffnung des Flüchtlings, sein Glück in einem Gefecht auf weite Distanz zu versuchen. Nun folgte auch der Revolver mit den schweren Patronengürteln. Ja, schließlich riß er auch den Hut vom Kopf und warf ihn weg.

Befreit von dem Gewicht von Sattel und Geschirr und Waffen, spannte der Rappe alle Kräfte zu seinem letzten Rennen an. Vor ihnen lag die Freiheit, wenn es ihnen nur gelang, diesmal noch das Aufgebot abzuschütteln. Denn auch die Verfolger hatten jetzt keine frischen Pferde mehr zu erwarten. Schon wurde Retherton besorgt. Der Rappe gewann sichtlich wieder Boden. Noch einmal dröhnte eine Salve, zischten gierige Kugeln rings um den Verfolgten. Es war nur ein letztes Aufflackern von Satans Kraft gewesen. Eben noch hatte er Boden gewonnen. Gleich darauf gelang es nur noch, den gleichen Abstand ungefähr zu wahren, bis er schließlich weiter und weiter zurückblieb und das Aufgebot aufzurücken begann. Das Ende war da. Barry saß steif aufgerichtet im Sattel. Er blickte sich nach allen Seiten um. Dies war die Stelle, wo er sterben sollte. Das letzte, was er von der Welt sah.

Da hinten rasten seine Feinde heran, noch fern, aber immer rascher näherkommend. Satan taumelte jetzt bei jedem Schritt. Jedesmal sank sein Kopf tiefer. Sein Lauf hatte auch die letzte Schwungkraft verloren. Zehn Minuten vielleicht noch, vielleicht noch fünf, und Dan war vom Aufgebot eingekreist. Zur Seite lag der donnernde Fluß. Dan blickte hinüber.

Auf der ganzen Strecke zwischen dem Tucker-Bach und Caswell City strömten die Wasser hier am reißendsten. Eben jetzt löste sich, hundert Schritte weiter, ein Weidenstamm, den die Wasser unterhöhlt hatten, von der Böschung und stürzte in den Strom. Der Schaum sprühte hoch auf. Aber man hörte keinen Laut. Alles ertrank im Donner der Gewässer. Stamm und Krone des gestürzten Baumes bildeten eine Art Damm, an dem sich die Wucht der Strömung kochend brach, während unterhalb das Wasser immer noch reißend war, aber verhältnismäßig glatt dahinströmte. Für Barry schien es eine Hoffnung des Entkommens, eine letzte, gespenstisch schwache Hoffnung.

Die Mitte des Flusses war besät mit scharfen Felsen, an denen die Wogen in wütendem weißen Gischt zerschellten. Aber jenseits dieser Klippen, im Schutze des gestürzten Baumes, lief die Strömung glatt und ölig, frei von Wirbeln und Gegenströmungen. Dies Dreieck glatten Wassers endete an einer Sandbank, die sich, ein Stück stromab, vom jenseitigen Ufer aus in den Fluß hinausschob. Letzte Hoffnung: mit Satans letzter, rasch verebbender Kraft einen kurzen Anlauf zu nehmen und in einem verzweifelten Sprung über den felsigen Teil des Flußbettes hinweg das stillere und tiefere Wasser zu erreichen suchen. Selbst wenn durch eine besondere Gnade der Sprung gelang und sie diese verhältnismäßig geschützte Stelle erreichten, war freilich das Spiel doch erst zum allerkleinsten Teil gewonnen. Die Chancen standen zehn gegen eins, daß, ehe Roß und Reiter sich festen Fuß am jenseitigen Ufer erkämpfen konnten, der Strom sie wieder packte und mit saugender Gewalt zurückriß in die gefährliche Mitte. Niemals würde es ihnen dann gelingen, die sanft ansteigende Sandbank wieder zu erreichen. Nur Sekunden und die gefräßigen Zähne der Klippen zerrissen sie. Und doch war jetzt die schwächste und hoffnungsloseste Aussicht auf Rettung noch eine gute Aussicht.

Ein Zuruf, und Satan änderte die Richtung. Er taumelte dabei, drohte zu stürzen, kam wieder ins Gleichgewicht und lief weiter. Es flimmerte ihm vor den Augen. Die rastlose Jagd, die erbarmungslose Anstrengung hatten ihn betäubt. Doch immer noch glimmte ein letzter Funken Energie in ihm, der ihn befähigte zu verstehen, was sein Herr von ihm erwartete. Er warf den Kopf auf, sein Schweif wehte mit einem Male wieder, und im Galopp, einer gespenstigen Rückerinnerung an den stiebenden Galopp, mit dem er einst dahingefegt war – raste er auf das Ufer los.

»Bart!« rief Dan Barry und winkte mit der Hand.

Der Wolf sah und begriff. Er duckte sich, schien zu zaudern, dann aber faßte er Mut, wie ein alter Leitwolf, der vor dem Rudel läuft, weiß, daß er sterben muß und doch dem Tode trotzt. Wie ein Pfeil schoß er zum Ufer und schnellte sich mit einem wilden Satz ins Leere. Einen Augenblick später bäumte sich auch Satan am Uferrand und warf sich in die Luft. Die Haifischzähne der Klippen unter ihm schienen nach ihm zu schnappen, der weiße Schaum griff mit wehenden Armen nach ihm. Er glitt abwärts, streifte um ein Haar die letzten Felsen und erreichte das raschströmende Wasser jenseits der Klippen. Zweimal klatschte das Wasser auf. Noch im Sprung war Dan von Satans Rücken geglitten. Die Wellen schlugen über ihnen zusammen.

Sie tauchten wieder auf und kämpften sich verzweifelt dem Ufer zu. Die Wucht des Sprunges hatte sie weit genug über den Fluß getragen, aber die Strömung zerrte sie allmählich wieder nach der Strommitte, wo die hungrigen Felsen lauerten. Stromabwärts schossen sie. Black Bart war der einzige, der Aussicht hatte, sich zu retten. Sein Sprung hatte ihn weiter getragen. Er war kaum unter die Oberfläche des Wassers getaucht. Dank der wilden Entschlossenheit, mit der er sich schwimmend vorankämpfte, gelangte er ans Ufer. Seine Pfoten gruben sich tief in die Sandbank ein. Er war in Sicherheit.

Über Barry aber waren die wilden Wasser Herr geworden. Wie ein hilfloses Stück Holz um seine eigene Achse wirbelnd, wurde er stromabwärts getrieben. Satans massiger Körper bot dem Wasser größeren Widerstand. Er schwamm noch weiter oben, mit der Strömung kämpfend.

Dan Barry hatte keine Aussicht mehr, die Sandbank zu erreichen. Hätte er sie selbst erreicht – er war nicht mehr fähig, sich irgendwo festzuhalten. Aber der Wolfshund kannte das Wasser. Nicht umsonst hatte er in Zeiten des Hungers – lange Jahre, bevor er einen Herrn kannte – gelernt, wie man Fische fängt. Er schob sich vorsichtig vor, bis ihm die Wellen um den Hals schäumten. Eben trieb Dan vorbei. Die Strömung drehte ihn. Die Hände griffen schlaff und hilflos um sich. Da schlossen sich Barts Kiefer über einem Arm. Der Ärmel war aus festem Tuch. Trotzdem riß er jetzt wie ein mürber Schleierstoff. Der plötzliche Ruck hätte beinahe auch den Wolfshund mitgerissen. Und doch hielt er noch stand. Blitzschnell suchten seine Zähne nach einem neuen Halt. Sie faßten den Arm des Herrn, glitten aus, preßten sich ein, sanken so tief, daß es blutete und – hielten fest. Barry trieb ans Land. Einen Augenblick später stand er bereits aufrecht, die Füße fest in den Ufersand gestemmt.

Er hatte keinen Augenblick zu verlieren. Schon trieb Satan heran. Nur noch seine Nüstern und seine Augen ragten aus dem Wasser. Er kämpfte seinen letzten Kampf. Barry wurzelte die Füße tiefer in den Boden. Er beugte sich vor. Seine beiden Hände krallten sich in Satans Mähne. Diesmal war es ein härterer Kampf mit der Gewalt der Strömung. Sein Rücken krümmte sich wie ein Bogen; seine Schultern schmerzten von der furchtbaren Anstrengung – Dann fand Satan Grund – festen Sandboden. Gleich darauf taumelten die drei das Ufer hinauf, wankten zwischen den vordersten Bäumen durch und brachen zusammen – Gerettet!

So furchtbar war das Gebrüll der Wasser, daß weder ein Ruf von drüben vernehmbar war, noch das Krachen der Gewehre. Aber minutenlang pfiff ein Hagel von Geschossen durch die Büsche.

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