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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Dreißigstes Kapitel.
In den Morgan-Bergen

Als Barry Rickett endlich im Rücken hatte, zog er die Zügel an und mäßigte Satans Tempo zu einem mäßigen Handgalopp. Barry hatte die Nacht über in der Nähe von Rickett gelagert, und Satan war ausgeruht und zitterte vor Lauflust. Er rebellierte und warf ungeduldig den Kopf hoch. Aber die Stimme des Reiters hielt ihn im Zaum.

Und nun erschien an der Mündung der einzigen Straße von Rickett das, worauf Barry gewartet hatte, als er den Lauf seines Pferdes hemmte – eine jäh dahinschießende Staubwolke. Barry hatte den Kamm eines Hügels erreicht. Jetzt brachte er Satan ganz zum Stehen und blickte zurück. Black Bart kreiste um ihn, besorgt winselnd. Bart wußte, daß es für sie alle drei besser wäre, aus Leibeskräften zu laufen. Die jagende Staubwolke dort unten verhieß nichts Gutes. Schließlich ließ er sich auf die Hinterschenkel nieder und starrte, bebend vor Aufregung, seinem Herrn ins Gesicht. Das Aufgebot kam mit rasender Geschwindigkeit näher und näher. Der Staub, der hinter ihnen hoch aufstieg, wurde durchsichtiger. Der Pfeifende Dan konnte seine Verfolger deutlicher erkennen.

Nach einer Gestalt spähte er besonders aus, einem großen Mann, der ein wenig gebückt im Sattel zu hängen pflegte. Aber Vic Gregg war nicht unter den Reitern. Die übrigen interessierten Barry nicht, und er hatte nicht die Absicht, sie so nah kommen zu lassen, daß sie ihm gefährlich wurden. Der Revolver an seiner Hüfte, das Gewehr in dem Futteral am Sattel waren für den siebenten Mann bestimmt, der um Grey Mollys willen sterben mußte. Die Leute, die ihm jetzt nachjagten, bedeuteten für ihn nichts. Nur durfte er sie nicht auf Reichweite herankommen lassen. Er musterte sie gelassen, als sie dichter und dichter heranrasten: fünfzehn ausgesuchte Leute – er sah es an ihrem Reiten – fünfzehn ausgesuchte Pferde – er sah es an ihrer Gangart. Wenn es ihnen gelang, ihn in eine Ecke zu treiben – jeder von ihnen hatte seine Probe abgelegt, hatte die winzige weiße Tonkugel mit dem Revolver getroffen, – mit dem Revolver – was konnten sie dann erst mit der Büchse ausrichten?

Es war ein Gedanke, der ihn hätte veranlassen müssen, Satan in vollem Galopp den Abhang jenseits des Hügels hinunterzutreiben. Statt dessen hob er den Kopf ein wenig und fing an, leise vor sich hin zu pfeifen. Satan klappte ein Ohr zurück. Black Bart sprang mit einem dumpfen Knurren auf die Füße. Das Aufgebot war jetzt so weit heran, daß man alle Einzelheiten bequem unterscheiden konnte. An der Spitze ritt ein großer, dürrer Mann, dessen gelber Schnurrbart hier und da in der Sonne hell aufblitzte. Jetzt hob er im Reiten den Arm. Das Aufgebot schwärmte nach links hin aus. Er schien der anerkannte Führer der fünfzehn, und tatsächlich gab es wenige in der ganzen Gegend, die nicht willig Mark Retherton gefolgt wären. Wieder bewegte Retherton den Arm. Mit einemmal funkelten ein Dutzend Büchsenläufe in der Sonne, und ein Dutzend Kugeln pfiffen in gefährlicher Nähe von Barry vorbei. Dann rollte das bellende Echo zu ihm hinauf. Er war gerade noch außer Reichweite eines sicheren Schusses.

Trotzdem verharrte er immer noch einen Augenblick, ehe er widerwillig Satan herumwarf und den Hang hinunterritt, westwärts, geradeswegs den Morgan-Bergen zu, wie Bill, der Schreiber, vorausgeahnt hatte.

Donnernd brauste das Aufgebot in die Talsenkung hinab und jenseits den Abhang empor. Aber so hart sie auch ritten, Satan entglitt ihnen mehr und mehr, bis Mark Retherton einen wilden Fluch durch die Zähne murmelte.

»Rast nicht so, Jungens,« brüllte er, »behaltet eure Pferde in der Hand. Der verdammte Teufel da vorne treibt bloß sein Spiel mit uns.« Sie zügelten ihre Pferde. Sie waren Karriere geritten, jetzt begnügten sie sich mit einem raschen Galopp. Barry blickte zurück und sah es. Er lachte leise und verständnisinnig vor sich hin. Es war ein gewaltiger Unterschied zwischen dem stampfenden, schwerfälligen Hufschlag, mit dem das Aufgebot sich weiterarbeitete, und der mühelosen Leichtigkeit, mit der Satan unter ihm ausgriff. Er beugte sich ein wenig vor, bis er Satan atmen hörte. Tiefe, stetige Atemzüge mit einer gelassenen Pause zwischen jedem Zug. Das Pferd schien imstande, den ganzen Tag dies Tempo durchzuhalten. Der Pfeifende Dan ließ triumphierend seine Finger über den glänzenden Hals Satans laufen. Augenblicklich warf das Tier den Kopf hoch. Sein Wiehern traf Dans Ohr wie eine Frage. Gerade vor ihnen erhoben sich die Morgan-Berge in seltsamen Formen. Sie sahen aus, als ob zäher Lehm unter dem stampfenden Absatz eines Riesen hervorgequollen sei.

»Nun, Freund«, murmelte Barry. »Nun streck' dich ein bißchen.«

Aber kaum waren sie ein Stück in das Gebirge eingedrungen, als Dan die Gangart seines Pferdes zunächst zu einem langen Handgalopp und dann zum raschen Trab mäßigte.

Black Bart, der die ganze Zeit über dicht vor Satans Nase hergelaufen war, schoß nun davon und übernahm die Führung. Hierhin und dorthin lief er und spähte mit hoch erhobenem Kopf in alle Winkel und Schluchten. Immer fand er heraus, wo der Boden am ebensten, wo die Steigung am geringsten, wo ein Abstieg am bequemsten war, und immer so, daß sein Herr nicht allzu weit von der Richtung seiner Flucht abweichen mußte. Es nahm dem Rappen die Hälfte der Arbeit ab, daß dieser rasche und sichere Pfadfinder vorauslief und den Weg zeigte. Trotz alledem war es ein rauher Ritt, und Barry war froh, als er das kiesige Bett eines ausgetrockneten Flüßchens erreicht hatte, das im rechten Winkel zu seiner bisherigen Fluchtrichtung verlief.

Vom ersten Augenblick an war es Dans Absicht gewesen, die Morgan-Berge nur aufzusuchen, um seine wirkliche Fluchtrichtung zu maskieren. Jetzt, als er das Aufgebot hoffnungslos weit hinter sich gelassen hatte, trieb er Satan in das Flußbett hinab und ließ ihn die Richtung nach Norden einschlagen.

Für ein Pferd, das einen Reiter zu tragen hatte, war das geröllbedeckte Bett eine schlechte Bahn. Selbst Satan, mit seiner katzenhaften Geschicklichkeit, konnte nicht allen scharfkantigen Steinen ausweichen, die seine Hufe zu verletzen drohten. Deshalb schwang sich Barry schließlich aus dem Sattel und lief, so rasch er konnte, zu Fuß voraus. Satan folgte unruhig und unzufrieden mit spitz aufgestellten Ohren. Black Bart aber blieb, auf ein Zeichen seines Herrn, an der ersten Biegung zurück. Einen Augenblick später waren sie ihm schon aus dem Gesicht gekommen. Barry setzte seinen Lauf ohne Unterbrechung fort. Um seine Spuren in dem Geröll zu finden, hätte das Aufgebot ein Vergrößerungsglas gebraucht.

Er hatte rund eine Meile auf diese Weise zurückgelegt, als Bart hinter ihnen hergerast kam und in fröhlichen Sprüngen um ihn tanzte.

»Sind sie auf das Bachbett gestoßen, was?« sagte der Pfeifende Dan. »Well, sie werden eine Weile unschlüssig im Kreis 'rumreiten, und so gut wie sicher werden sie dann sich auf den Weg nach Süden machen.«

Mit einer Handbewegung schickte er Satan auf das Ufer hinauf und schwang sich in den Sattel. Sobald sie wieder glatten Grund unter den Füßen hatten, schlug Barry schnurstracks die Richtung ein, aus der er gekommen war – westwärts. Er zweifelte keinen Augenblick, daß das Aufgebot das ausgetrocknete Flußbett so lange hinauf- und hinunterreiten würde, bis sie herausfanden, daß er auf seiner Fährte kehrtgemacht hatte. In der Zwischenzeit war er schon weit, weit weg, auf dem Weg zu der Furt am Tucker-Bach. Dann hörte er ganz deutlich, nicht stärker als das Knacken eines trockenen Zweiges, einen fernen Revolverschuß. Er lächelte. Das Zeichen war vielsagend. Jetzt ritt das Aufgebot verdutzt und hilflos am Bachbett hin und her und suchte die Richtung zu finden, in der er entkommen war. Einer von ihnen hatte seinen Revolver abgefeuert, um seinem Ärger etwas Luft zu machen.

Er rief Satan nichts zu, er gebrauchte auch nicht die Gerte. Ein leichtes Vorbeugen, eine kaum merkliche Bewegung der Beinmuskeln, und sofort fiel der Rappe in seinen gewohnten raschen Trab. Der Boden flog unter ihm dahin.

Als sie aus den Bergen herauskamen und die Ebene vor ihnen lag, die sich in sanften Schwingungen hob und senkte, machte Barry wieder halt. Sein Blick schweifte nach Westen und Norden hinüber. Black Bart lief inzwischen auf die Spitze des nächsten Hügels hinauf und blickte – ein wachsamer Späher – nach dem Weg zurück, den sie gekommen waren. Nach Norden hinaus lag die Furt bei Caswell City. Das war der Weg, der scheinbar alle Sicherheit bot – scheinbar! – Barry wußte nichts von den Telephonlinien, die dem kleinen glatzköpfigen Schreiber geholfen hatten, das ganze Land in weitem Umkreis auf die Beine zu bringen.

Aber wenn der Weg nach Norden der sicherste war, so war es doch ein gewaltiger Umweg im Vergleich zu dem kürzesten Kurs, der direkt westwärts verlief und in gefährlicher Nähe von Rickett vorbeiführte. Genau wie Billy vorausgesehen hatte, war gerade die Gefahr das, was den Flüchtenden am meisten lockte. Hinter ihm, hilflos in die vielen Schluchten der Wildnis verstrickt, war das Aufgebot, die fünfzehn tüchtigsten Männer der ganzen Gegend. Vor ihm lag die Bahn frei. Hier hatte er nichts zu fürchten, außer den klugen Kopf Billys, des Schreibers. Aber wie hätte er das wissen sollen?

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