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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 28
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Der sechste Mann

Alle Köpfe drehten sich in der Richtung, aus der die Stimme kam.

»Möcht' Euch beileibe keine Ungelegenheiten machen«, sagte der neue Bewerber höflich. Seine Stimme war wunderbar sanft, sein ganzes Wesen war durch die scheue Zurückhaltung gekennzeichnet, die von Natur schüchternen Menschen eigen ist. Der Hilfssheriff betrachtete ihn mit stillem Vergnügen – es war ein schlanker junger Bursche mit sanften Rehaugen – und warf dann der Menge einen raschen Seitenblick zu, der sie einlud, sich an dem bevorstehenden Jux eifrig zu beteiligen.

»Ihr bereitet mir weiter keine Ungelegenheiten«, versicherte er. »Vorausgesetzt, daß Ihr das Pulver selbst bezahlt, das Ihr verknallt.«

»O ja,« antwortete der Kandidat, »ich denke, soviel werd' ich mir leisten können.«

Er nahm die Frage ernst. Die Leute, anstatt laut herauszuplatzen, gaben sich mit einem stillvergnügten Knurren zufrieden. Wenn der Kerl ein Narr war, war er jedenfalls keiner, der etwas krumm nahm. Sie machten ihm Platz. Er drängte sich langsam bis zur Barriere vor, wo der Leiter der Zeremonie ihm eine kleine freie Stelle an seiner Seite anwies. Es war dem Fremden offensichtlich sehr unbehaglich, der Mittelpunkt so vieler neugieriger Blicke zu sein.

»Ich nehme an, Ihr habt fleißig geübt? Auf Konservenbüchsen?« meinte der Hilfssheriff, sich gemütlich auf die Barriere flegelnd.

»Manchmal treff' ich, und manchmal nicht«, antwortete der Fremde.

»Schön,« der Hilfssheriff zog einen mächtigen Notizblock heraus, »möchte bloß Euren Namen haben, Partner.«

»Joe Cumber.« Das Unbehagen des Fremden nahm sichtlich noch zu. »Ich hab' gehört, selbst wenn man das Ziel trifft, muß man nachher noch eine Unterredung mit dem Sheriff haben?«

»Jawohl!«

Der neue Bewerber seufzte.

»Warum fragt Ihr?«

»Ich bin nicht groß mit dem Mundwerk.«

»Aber dafür 'n wahrer Deibel mit dem Schießzeug, was?« Der Hilfssheriff grinste von neuem. Aber da drehte der andere den Kopf nach ihm, und sein Schmunzeln erlosch verblüffend rasch, ja, ehe noch die vergnügten Falten um seine Mundwinkel Zeit hatten, sich zu glätten. Er wurde plötzlich nachdenklich und strich sich das Kinn.

»Macht Euern Revolver fertig«, befahl er.

Der andere ließ die Hand nach dem Kolben seiner Waffe sinken und zog sie ein wenig aus dem Halfter, um sich zu vergewissern, daß sie leicht herausglitt.

»Werdet Ihr Euer Schießeisen nicht 'rausnehmen?« erkundigte sich der Hilfssheriff.

»Kann ich das?«

»Kalkuliere, nein«, sagte der Hilfssheriff und blickte dem Fremden gerade in die Augen. Der tödliche Ernst, der sich mit einemmal in seinem Benehmen verriet, teilte sich der Menge mit. Alles hielt den Atem an und wartete.

Über den Kugelfang glitt der kleine weiße Punkt – diesmal nicht, wie bei Pop Giersberg, mit lässiger Hand geworfen, sondern mit voller Wucht geschleudert. Der Revolver des Fremden flog aus dem Halfter, als habe er plötzlich selber Leben bekommen. Ein Schuß knallte. Die weiße Linie endete auf halbem Weg. Der Revolver glitt wieder an seinen Platz zurück.

Die Zuschauer waren verblüfft. Wildes Beifallsgeschrei brach los, aber der Hilfssheriff blickte dem Fremden unverwandt und ohne besondere Begeisterung ins Gesicht.

»Joe Cumber,« sagte er, als der Lärm sich ein wenig gelegt hatte, »kalkuliere, Ihr werdet mit dem Sheriff sprechen. Harry, seid so gut und führt Joe Cumber zu Pete hinauf.«

Einer der Zuschauer sprang vor und geleitete den Fremden hinaus, während mindestens die Hälfte aller Anwesenden sich anschloß. Der Hilfssheriff blieb zurück. Er schien sehr nachdenklich gestimmt.

»Was ist los?« fragte einer der Zuschauer. »Ihr seht ja aus, als hättet Ihr ein Gespenst erblickt?«

»Leute,« antwortete der Hilfssheriff, »kann sich einer von euch erinnern, den Kerl schon einmal gesehen zu haben?«

Keiner erinnerte sich.

»Er hat was Queres an sich«, knurrte der Hilfssheriff. »Wie er mich angesehen hat« – er sprach mehr mit sich selbst als mit den anderen – »war mir's doch so, als ob plötzlich was Gelbes in seinen Augen flackerte. Mir war's mit einemmal zumute, als hätte sich ein Kerl mit dem gezückten Messer hinter mich geschlichen.«

Sein nachdenklicher Blick wanderte ziellos umher und blieb plötzlich an dem Anschlag haften: Gesucht, lebend oder tot: Daniel Barry, fünf Fuß, neun Zoll groß, schlank, mit schwarzen Haaren und braunen Augen.

»Großer Gott!« rief der Hilfssheriff.

Er war aufgefahren. Dann stützte er sich wieder in lässiger Haltung auf die Barriere. »Es ist einfach nicht möglich!« murmelte er.

»Was ist nicht möglich?«

»Auf alle Fälle werde ich' 'n bißchen in Petes Nähe bleiben. Mir ist ein merkwürdiger Gedanke gekommen.«

Er setzte sich jetzt nach der Tür in Bewegung. Kaum hatte er den ersten Schritt getan, als er seiner Sache endgültig sicher zu sein schien.

»Natürlich ist er's!« rief er. Er drehte sich nach den anderen um, sein Gesicht war totenbleich. »Kommt mit, alle Mann! Er ist es! Barry!«

In der Zwischenzeit hatte Harry Joe Cumber nach der Amtsstube des Sheriffs hinübergeführt. Hinter ihnen wogte ein dichtes Gefolge Neugieriger.

»Hier sind wir schon«, Harry öffnete eine Tür. Sie führte in einen kleinen kahlen Raum, in dem ein glatzköpfiger Schreiber hinter seinem Pult saß. »Billy, hier ist einer, der hat auf den ersten Anhieb getroffen, und dabei hat er den Revolver erst aus dem Halfter ziehen müssen. So wahr ich lebe. Er ...«

»Seid so gut, Harry, und macht die Tür zu«, sagte Billy. – »Kommt 'rein, Partner! Sagt mir Euern Namen.«

Mißvergnügten Gesichts trollte sich Harry hinaus und schloß die Tür. Joe Cumber blieb am Eingang stehen, ja, er schien so verlegen, daß er sich dicht an die Tür drückte. Aber während er so dastand, ein Bild des Jammers, wirtschafteten seine Hände hinter seinem Rücken, drehten den Schlüssel im Schloß und zogen ihn heraus.

»Ich nenn' mich Joe Cumber.«

»Joe Cumber« – der Schreiber war über sein Papier gebeugt. »Alter?«

»Ungefähr zweiunddreißig, mein' ich.«

»Wieso? – Wißt Ihr's denn nicht?«

»Nicht genau.«

Seine Augen hatten denselben unbestimmten Ausdruck wie seine Worte. Es waren sanfte und lächelnde Augen.

»Zweiunddreißig?« erklärte Bill scharf. »Ihr seht mir mehr nach fünfundzwanzig aus, Mann. Denke, wir teilen uns in die Differenz. Was?« Er grinste und schrieb: Alter: zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahre.

»Beruf?«

»Trapper.«

»Gut. Auf solche Leute ist der Sheriff aus. So einer hat die richtige Nase für eine Fährte. Es ist gut, Cumber, Ihr werdet den Sheriff persönlich sehen.«

Er stand schon an der Tür.

»Beiläufig, Cumber, stimmt das, daß Ihr den Revolver nicht früher gezogen habt; als bis der Schuß fallen mußte?«

»Ich denke, es stimmt.«

»Ihr denkt?« knurrte der Schreiber. »Nur so, kommt 'rein.«

Er klopfte einmal gegen die Tür und öffnete sie weit.

»Joe Cumber, Pete. Er hat seinen Probeschuß getan. Hat erst den Revolver aus dem Halfter gezogen, als er den Ball fliegen sah. Hier habt Ihr die Personalien.«

Er verschwand. Die Tür schloß sich. Wieder schien der Fremde von Scheu und Verlegenheit so befangen, daß er zaghaft bis an die Tür zurückwich. Wieder wirtschafteten seine Finger geschickt hinter seinem Rücken, drehten den Schlüssel im Schloß und zogen ihn heraus.

Der Sheriff hatte noch nicht aufgeblickt, er war in das Studium der Notizen vertieft, die ihm der Schreiber hingeschoben hatte. Lesen fiel dem Sheriff etwas schwerer als das Waffenhandwerk. »Joe Cumber« hatte Muße, sich im Zimmer umzusehen. Die Wände waren mit unzähligen Bildern bedeckt. Manche waren groß, manche nur klein. Meistens waren es Vergrößerungen von Amateurmomentaufnahmen. Die Augen der Dargestellten hatten übereinstimmend den komischen wässerigen Blick, der entsteht, wenn Photographien auf das Zehnfache ihres ursprünglichen Formats auseinandergezerrt werden. Sonst aber hatten diese Opfer der Kamera wenig Gemeinsames. Da gab es Leute mit riesigen Bärten und wieder welche, die ganz glatt rasiert waren. Da gab es Dürre und Fette, vergnügte, pausbäckige Gesichter und ausgemergelt und hungrig dreinschauende. Es war, als hätte der Sheriff sich eine Mustersammlung angelegt, in der alles vertreten war, was das menschliche Gesicht an Schwäche und Energie verraten kann. Aber unter diesen Bildern hingen fast ausnahmslos allerlei Waffen, Gewehre, Revolver, Messer und so weiter. Sie waren in der Art einer Dekoration malerisch gruppiert, und es dämmerte »Joe Cumber«, daß er vor seinen Augen eine Galerie all der Toten hatte, die von Sheriff Pete Glass' Hand gefallen waren. Er kannte keines der Gesichter, aber ein Instinkt sagte ihm, daß da die Auslese aller derer an den Wänden hing, die in den letzten zwanzig Jahren sich gegen das Gesetz vergangen hatten.

»Ihr seid also Joe Cumber?«

Der Sheriff kehrte sich auf seinem Drehstuhl seinem Besucher zu und warf seinen Zigarettenstummel durch das offene Fenster.

»Was kann ich für Euch tun?«

»Ist mir nur durch den Kopf geschossen, Sheriff, ob es Euch vielleicht Spaß machen würde, auch mein Bild zu haben.«

Der Sheriff, dessen Augen noch immer auf die Notizen geheftet gewesen waren, schaute auf. Sein Blick wurde starr. Sein Besucher drückte sich nicht länger verlegen an der Wand herum. Er stand kühn aufgerichtet, jeder Zoll seines Körpers schien von überschwenglicher Freude zu vibrieren. Er stand da wie einer, der von einem fröhlichen Ritt zurückkehrt und den scharfen Wind noch um die Schläfen spürt.

Von draußen kam das Trampeln vieler Füße. Man hörte, wie heftig an der Türe des Vorzimmers geklopft wurde.

»Was ist da los?« murmelte der Sheriff, den das Geräusch von draußen ablenkte.

»Sie suchen mich.«

»Einen Augenblick!« rief Billys Stimme von draußen.

»Ich will die Tür öffnen. Nanu, da ist ja zugeschlossen?«

»Sie suchen mich – fünf Fuß, neun Zoll, schlank, schwarzes Haar, braune Augen ...«

»Barry!«

»Glass, ich komme Euretwegen.«

»Und ich bin bereit. Und eins möcht' ich noch sagen –« Glass stand jetzt aufrecht, und seine Finger griffen nach der Hüfte – »ich hab' den Augenblick von ganzem Herzen herbeigesehnt, Barry! Eh Ihr sterben müßt, möcht' ich Euch danken!«

»Ihr seid mir nachgekrochen wie ein Stinktier,« sagte Barry, »seit der Zeit, wo Ihr einem armen Gaul das Lebenslicht ausgeblasen habt, der Euch niemals was zuleide getan hat. Ihr habt mich aufgescheucht, als ich im tiefsten Frieden dahinlebte.«

Draußen trommelte man wie rasend an die Tür des Vorzimmers, aber Barry fuhr unbeirrt fort: »Ihr seid hingegangen und habt aus einem Burschen, der ehrlich und anständig gelebt hat, einen Heuchler und Schurken gemacht und habt ihn dazu gebracht, daß er zum Judas an mir wurde. Ihr seid nicht wert zu leben. Ihr habt Euer Leben damit verbracht, auf Menschen Jagd zu machen, aber Ihr seid jetzt am Ende Eurer Fährte. Denkt mal nach, Ihr steht da und seid bereit, von neuem Blut zu vergießen. – Aber seid Ihr auch bereit zu sterben?«

Der kleine graue Mann wurde noch ein wenig grauer.

»Gott verdamm' Euch!« flüsterte er und griff nach dem Revolver.

Die Waffe fuhr heraus, der Lauf richtete sich auf Barry, aber Barrys Schuß krachte zuerst. Der Sheriff wirbelte auf dem Absatz herum und plumpste mit dem Gesicht voran zu Boden. Und während er dalag und das Leben in ihm schon beinahe erloschen war, griff noch dreimal seine Rechte mit einer krampfhaften Bewegung nach dem leeren Pistolenhalfter an seiner Seite. Der sechste Mann hatte um Grey Mollys willen sein Leben lassen müssen.

Die Tür zum Vorzimmer draußen stürzte krachend zu Boden. Schwere Fußtritte näherten sich polternd. Barry lief ans Fenster und stieß einen kurzen, grellen Pfiff aus. Ein nachtschwarzes Pferd bog, im Galopp heransprengend, um die nächste Straßenecke, ein Wolfshund schoß von der entgegengesetzten Seite heran, und als sie unter dem Fenster halt machten, war Dan bereits über das Fenstersims geglitten und elastisch wie eine Katze auf die Straße hinuntergesprungen. Mit einem Satz war er im Sattel. Satan streckte den Hals und brauste die Straße hinunter.

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