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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Die Probe

Das Beste, was sich von Rickett sagen ließ, war, daß es über ein Gerichtsgebäude verfügte, und außerdem, daß es sich einer wunderbaren Stille erfreute, einer Stille, so prachtvoll, daß die wenigen Beamten, ohne durch ein anderes Geräusch gestört zu werden, hören konnten, wie die Gedanken in ihren Schädeln kreisten. Natürlich gab es noch andere Gebäude, als das Gerichtshaus, aber alle zusammen waren nicht so zahlreich, daß sie mehr als eine Straße beanspruchten. Die andächtige Stille, die über Rickett lagerte, wurde nur zweimal im Jahr gebrochen, im Frühling und im Herbst, wenn das Vieh zusammengetrieben worden war. Dann hatten Spielhöllen und Kneipen alle Hände voll zu tun. Sonst mußte es schon ein ganz besonderer Anlaß sein, der Erregung in den stillen Ort trug. Solch ein Ereignis war es, als Sheriff Pete Glass sein neues Aufgebot zusammenstellte. Es war nicht das erstemal, daß Pete Glass und seine Vorgänger den ganzen Bezirk durchgekämmt hatten, um die Auslese aller kampftüchtigen Männer zusammenzubekommen, aber die Zusammenstellung des neuen Aufgebots unterschied sich von früheren Gelegenheiten nach vielen Seiten hin. Vor allen Dingen war diesmal die Ausschreibung nicht auf Angehörige des Bezirks beschränkt. Obwohl der Distrikt sich auf der Karte so breit ausdehnte, wie manches kleine Königreich in Europa, hatte er nicht so viel Einwohner aufzuweisen, wie eine kleinere Industriestadt. Deshalb blieb Pete Glass nicht innerhalb so enger Grenzen. Überall im Lande wurden seine Plakate angeschlagen, und der Köder, den er auslegte, war fett. Der Staat begann den Reigen mit der Auslobung einer Belohnung von dreitausend Dollar. Der Bezirk pflasterte zweitausend Dollar darüber, um die fünftausend voll zu machen, und dann langte Alder tief in den geräumigen Stadtsäckel und brachte zweitausendfünfhundert Dollar zum Vorschein, während kleinere Beiträge von interessierter Seite das Ganze auf zehntausend Dollar abrundeten. Zehntausend Dollar Belohnung für die Ergreifung eines Mannes, »Signalement weiter unten«, lebend oder tot! Zehntausend Dollar, die ohne größere Kapitalsanlage als eine einzige Revolverkugel und einen Fingerdruck zu erwerben waren! Und so träumte jedermann in Rickett jede Nacht von dem Mann, den die Plakate beschrieben: »Daniel Barry, genannt der Pfeifende Dan, zirka fünf Fuß, neun Zoll, schlank, schwarzes Haar, braune Augen, Alter zirka dreißig Jahre.«

Im geheimen war Rickett völlig überzeugt, daß Sheriff Pete Glass allein genügte, um den Burschen dingfest zu machen und ihm die Krallen zu beschneiden. Doch gab es auch einige Zweifler, denn der neue Fall hatte seine Eigentümlichkeiten, die ihn vor anderen auszeichneten. Dieser Dan war nicht nur das Wild, sondern auch der Jäger. Man wußte, daß er geschworen hatte, er werde sämtliche sieben Mann erschlagen, die sich zuerst an seine Fährte geheftet hatten. Fünf von diesen sieben hatten bereits ins Gras beißen müssen. Zwei waren noch übrig. Einer von diesen war Vic Gregg. Auch ein Kerl, der im Kampfe seinen Mann stand! Und der andere war kein Geringerer, als der unbesiegliche kleine Sheriff selbst! Deshalb wartete Rickett mit angehaltenem Atem auf die Ereignisse, die sich vorbereiteten. Die Einwohner hatten in diesen Tagen die Augen im allgemeinen mehr auf dem Rücken als vorne.

Auch ehe der Tanz begann, fehlte es nicht an Unterhaltung. Aus allen vier Himmelsrichtungen strömten die Hinterwäldler nach Rickett hinein, in der Erwartung, sich einen Platz in Sheriff Pete Glass' Aufgebot zu verdienen. Zwanzig Mann wollte der Sheriff zusammenbringen, zwanzig Mann, die aufs peinlichste ausgesucht waren! Gleich neben dem Gerichtshaus lag eine Schießbude, die sich, außer zweimal im Jahr, wenn die Periode der Hochkonjunktur und des sinnlosen Geldausgebens einsetzte, keines übergroßen Zuspruchs erfreute. Pete Glass sicherte sich deren Benutzung zur Erprobung seiner Kandidaten. Wenn sie dieses Examen bestanden hatten, wurden sie von ihm einer Musterung unterzogen, und er übernahm die weitere Prüfung persönlich. Was er sie eigentlich fragte oder was er zu ihnen sagte, war niemals herauszubringen, aber manche Leute waren, wenn sie aus seinem Zimmer zurückkehrten, ungewöhnlich rot im Gesicht, und manche totenbleich, und manche warfen sich in die Brust, und manche fluchten, und manche hatten nichts Eiligeres zu tun, als sich wieder in den Sattel zu werfen und die Stadt zu verlassen. Und nur sehr, sehr wenige verließen sein Zimmer mit dem Abzeichen ihrer neuen Würde auf der Jacke, das sie mit einem Stolz trugen, wie ein Ritter des Goldenen Vließes seinen Orden. In der ersten Zeit kamen sie in hellen Scharen angeritten, junge Burschen, die die Lust nach Abenteuern kitzelte, alte, ergraute Kämpen, deren Namen einst berühmt gewesen waren. Aber die jüngere Generation entdeckte bald, daß bei Pete Glass Mut und Bereitwilligkeit nicht so hoch im Kurs standen wie peinliche Genauigkeit. Und die alten Knaben mußten bald entdecken, daß Pete Glass nicht nur auf Genauigkeit Wert legte, sondern auch auf blitzschnelles Handeln. Und selbst wenn ein Mann sich rühmen durfte, daß Hand und Augen beiden Voraussetzungen entsprachen, konnte es vorkommen, daß der undurchschaubare kleine Mann drin in seiner Amtsstube sie aus Gründen zurückwies, die sie nicht einmal erraten konnten. Eines war bei alledem jetzt schon gewiß. Wenn die nächsten Neuwahlen für das Amt des Sheriffs ausgeschrieben wurden, dann konnte Pete Glass mit einer sicheren Niederlage rechnen. In den Tagen, in denen er sein Aufgebot zusammenstellte, machte er sich im Durchschnitt täglich hundert neue Feinde.

Und noch immer waren nicht die zwanzig zusammengekommen. Dreizehn, dann vierzehn, dann fünfzehn Leute waren in den Kreis der Auserwählten eingelassen worden. Aber immer noch fehlten fünf, um die Anzahl voll zu machen. Nach Ansicht der meisten bildeten auch diese fünfzehn schon eine furchteinflößende Streitmacht, aber Pete Glass war ein Mann der Methode. So drängten sich nun Tag um Tag die Einwohner Ricketts um den Schießstand, wohnten allen Probeschießen bei, bewunderten die Erfolge und grinsten über die Fehlschüsse.

Der Probeschuß, den der Sheriff verlangte, war gewaltig schwer. Neben der mit Eisenplatten bedeckten Rückwand, die sonst als Ziel diente, stand ein Mann. Er war von dem Schützen aus nicht zu sehen, und auf ein ihm gegebenes Signal hin schleuderte er durch eine Öffnung in der Seitenwand eine kleine Tonkugel, die weiß angestrichen war. Der Schütze stand gut zehn Schritte von dem Kugelfang entfernt. Es war seine Aufgabe, die kleine Tonkugel in der kurzen Zeitspanne zu treffen, in der sie an der dahinterstehenden Scheibe vorbeiflog. Der weiße Ball war so klein, daß er als festes Ziel schon schwer zu treffen war, aber ihn im Flug zu erhaschen, erforderte ein wunderbar rasches Auge und eine in allen Schießkünsten erfahrene Hand.

An diesem schönen Morgen nun stand Pop – der alte Pop Giersberg – an der Barriere, seinen altertümlichen 4,5-kalibrigen schußbereit in der Hand, die Füße gespreizt, um sicheren Stand zu haben. Hinter ihm drängte sich neugierig die halbe Einwohnerschaft von Rickett.

»Gebt Ihr mir 'nen Wink, wenn's losgeht, Sonny?« fragte er den Mann, der hinter der Barriere stand.

»Kein Gedanke!« grinste der andere, der zu den fünfzehn Auserwählten gehörte.

Er gönnte Pop durchaus einen Erfolg. Alle gönnten Pop, daß er die Probe bestand. Aber seit zwei Tagen hatten sie mitangesehen, wie jeder, der erschien, das Ziel verfehlte, und sie hatten ihre Zweifel. Pop war zu seinen Glanzzeiten gefürchtet gewesen. Aber jetzt waren seine Finger steif und seine Haare grau geworden. Er war mindestens zwanzig Jahre älter, als er sich fühlte.

Er hatte kaum die Frage ausgesprochen, als im Hintergrund die weiße Kugel über die Scheibe glitt. Pop Giersbergs Revolver schnellte hoch, der Schuß krachte. Schmetternd prallte die Kugel gegen den eisernen Kugelfang. Der weiße Tonball segelte friedlich durch das Schußfeld und verschwand.

»Laßt mich noch mal probieren!« drängte Pop. Seine Stimme bebte, »'s war nur 'n Probeschuß, um mein Auge in Form zu bringen.«

»Gewiß«, kicherte der neugebackene Hilfssheriff. »Jedermann darf hier dreimal probieren. Wär' beinah wider die Natur, wenn einer die Kugel auf den ersten Schuß erwischt. Wenigstens ist es bis jetzt keinem geglückt. Halt' du nur hübsch die Augen offen, Pop, der weiße Ball wird schon wiederkommen.«

Und Pop hielt krampfhaft die Augen offen.

Zum zweitenmal erschien der weiße Strich. Man sah sofort, daß der Mann, der die Kugel warf, Pop Erfolg wünschte. Er hatte so lässig geworfen, daß der weiße Ball in einem hohen Bogen langsam über die Szene schwebte. Wieder knallte Giersbergs Revolver. Wieder verschwand die unversehrte Tonkugel mit ironischer Langsamkeit hinter der Seitenwand.

»Das Ding da is verhext«, würgte Pop heraus. »Da steckt irgendwas dahinter.«

»'s gibt 'ne Masse Leute, die dasselbe denken«, meinte der Mann an der Barriere trocken.

Pop warf ihm einen bösen Blick zu und knirschte mit den Zähnen.

»Laßt das verdammte Ding noch einmal fliegen«, sagte er und verschluckte den Rest des Satzes. Mit einem Ruck drückte er den Hut tiefer in die Augen, spreizte die Beine ein bißchen mehr und rüstete sich zu dem letzten verzweifelten Versuch.

Aber das Schicksal war gegen ihn. Zwanzig Jahre früher hätte er vielleicht getroffen, aber diesmal half alles nichts. Obwohl er seine Seele in den Schuß legte, obwohl die Tonkugel beim drittenmal so sacht und behutsam wie nur denkbar geworfen wurde, traf der Schuß ins Leere. Der Kugelfang dröhnte, aber der weiße Tonball setzte seinen Flug fort.

Pop schob mit einem Fluch den Revolver wieder in den Halfter und machte kehrt. Aber gegen alle Erwartung entdeckte er nicht ein einziges spöttisches Gesicht im Publikum. Ein einfältiges Grinsen begann an seinen Augenwinkeln und wanderte zu seinen Lippen hinab.

»Na, Jungens,« knurrte er, »kalkuliere, ich bin nicht mehr so jung, wie ich mal war.«

Er drückte sich durch die Menge nach der Tür und verschwand.

»Scheint mir, für heute wären wir fertig, Herrschaften?« sagte der Hilfssheriff an der Barriere. »Es drängt sich wohl heute keiner mehr nach einem Posten bei dem Aufgebot?«

Er ließ einen leutseligen Blick über die versammelte Menge schweifen.

»Wenn Ihr nichts dagegen habt,« murmelte ein neuer Ankömmling, der sich eben erst in den Raum gezwängt hatte, »wär' ich Euch sehr verbunden, wenn ich einen Schuß probieren dürfte.«

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